Offener Brief an Jasmina

Liebe Jasmina,

du kennst mich nicht, und ich dich auch nicht. Ich durfte heute Abend im Bus neben deinem Kumpel, dessen Namen ich nicht kenne, sitzen. Aus Bequemlichkeit für den Rest des Briefes soll er Rachid heißen. Als ich in Johannisthaler Chaussee eingestiegen bin, war er schon dabei, mit dir zu telefonieren. Als er in Lichterfelde West ausgestiegen ist, war euer Gespräch immer noch nicht zu Ende.

Ich saß unweit von Rachid ganz hinten im Bus und war dabei, einen Schal für meinen Mann zu häkeln. Ich sitze schon seit fast einem Jahr dran, wenn auch unterbrochenerweise, es wird Zeit, dass ich damit fertig werde. Die Handbewegungen laufen jetzt so automatisch, dass ich gar nicht mehr darüber nachdenken muss. Es war dabei schwer, der hiesigen Hälfte deines Gespräches mit Rachid nicht zu lauschen. Er kann ganz schön laut reden. Besonders, wenn er jemandem wie dir die Welt erklärt. Da müssen alle seine Mitreisende von seiner Weisheit erfahren.

Jasmina, du hast kürzlich einen neuen Freund gefunden. Rachid tut sich schwer, sich für dich zu freuen. Ja, er war dir gestern Abend auch richtig sauer gegenüber. Hoffentlich ist dieser neuer Freund nicht irgend so ein Arschloch, der dich ausnutzt und dich danach vernachlässigt. Das machen viele. Glaubst du ihm etwa nicht? Rachid weiß, wovon er spricht. Wie alt bist du denn? Und wie alt ist Rachid? Na also. Der Ältere hat doch immer Recht. Und dabei bist du so ein hübsches Mädchen. Wenn dieser Idiot sich so schlecht mit dir verhält, tritt er ihm in die Eier. Er würde ihn für dich richtig prügeln, dass er nach seiner Mutter schreit. Er sabbert ja fast bei dem Gedanke.

Rachid will dich. Das sagt er dir aber nicht. Stattdessen fragt er dich, ob du vielleicht am Samstagabend in die Schischa-Bar gehen willst? Er selber war noch nie dort. Wie viel kostet denn so was? Das weiß er nicht. Aber man wird es sich schon leisten können. Sicherlich kostet es nicht mehr als zehn Euros. Willst du mit ihm am Samstagabend hin? Ach ja, du wolltest ihm eine Freundin von dir vorstellen, vielleicht wäre sie etwas für ihn? Vielleicht würde Rachid dich endlich in Ruhe lassen, wenn du ihm eine Andere findest? Ach nee, woher kommt diese Freundin denn? Aus Niedersachsen? Die Mädchen dort können dir doch nicht das Wasser reichen. Du bist so ein hübsches Mädchen. Bestimmt ist diese Freundin so zickig wie seine letzte Freundin, darauf hat er kein Bock.

Wie, du willst mit deinem neuen Freund am Samstagabend die Zeit verbringen? Dein Freund kann doch gar nicht der Richtige für dich sein, wenn er dir nicht erlaubt, andere Freunde zu haben. Frag ihn mal, was er davon hält, wenn du andere Freunde hast. Und vielleicht ist es doch gar nicht so schlimm, wenn Rachid mit dir schläft? Aber das würde er dich nicht so direkt am Telefon fragen. Bestimmt würde dein neuer Freund dich von Rachid fernhalten wollen. Mit Recht. Also, wirklich, dein neuer Freund verdient dich nicht. Du solltest ihn verlassen.

Jasmina, mal im Ernst. Du hast schon in der Vergangenheit Rachid auf deinem Handy blockiert, das solltest du weiterhin machen, wenn dir noch ein bisschen Selbstliebe übrig bleibt. Rachid schert sich nicht darum, ob du glücklich bist. Alles, was ihn interessiert, ist, dich für ihn alleine zu haben. Willst du wirklich mit jemandem sein, der dir nie deine eigene Meinung gönnen wird, weil du als Jüngere ihm automatisch als Unterlegene erscheinst? Mit jemandem, der damit prahlt, deinen Liebsten gegenüber Gewalt anzuwenden, wenn sie sich ihm quer stellen? Dabei bist du so ein hübsches Mädchen, du könntest jeden kriegen, den du willst. Du findest bestimmt besser. Vertraue mir. Wie alt bist du nochmal? Sicherlich unter vierzig, weil du deine Zeit sonst nicht mit so einem affigen Jugendlichen verschwenden würdest. Du bist ja jünger als Rachid. Also bin ich älter, und damit habe ich Recht. Vergiss Rachid, du wirst auch noch weniger Kopfschmerze nach so langen sinnlosen Telefonaten bekommen.

Deine liebe Shaarazad


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

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Beim Café

Heute kam Uschi früh zu mir, um zur Mittagspause zu gehen. Wir sind normalerweise eine große Gruppe, aber momentan sind fast alle dienstlich unterwegs. Wir sind eine Etage tiefer gegangen, um Martin mitzunehmen; er war gerade nicht da. Bestimmt noch bei unseren Geräten beschäftigt. Ich habe ihm eine Nachricht geschickt: Den Chef lässt man einfach nicht warten, wenn er beschlossen hat, jetzt zu gehen. Wir waren fast fertig, als Martin mir anschrieb, dass er bei unserem üblichen Café essen gegangen war. Das passte perfekt. Wir sind dahin gegangen und haben mit Kaffee an seinem Tisch gesessen. Als er einige Zeit später sich in die kurze Schlange gestellt hat, um sein Kaffee zu holen, ist Uschi zurück zum Büro gegangen. Ich bin geblieben.

Ich saß am Tisch der Theke gegenüber und war in Gedanken versunken. Es hat gedauert. Besonders schnell sind die viel wechselnden studentischen Angestellten dort nie gewesen. Die Frau vor ihm, die gerade auf ihre Bestellung wartete, schien auf einmal ganz aufgeregt zu sein. Ich habe nicht ganz mitbekommen, was passiert war, aber sie musste plötzlich lachen und Martin etwas sagen. Ich habe gesehen, wie Martin ihr aus Höflichkeit geantwortet hat, und wieder gewartet hat, ohne sie weiterhin zu beachten. Sie war aber nicht fertig und musste sich noch mal zu ihm wenden, um ihn mit schriller Stimme weiter anzuquatschen. Als sie ihre Bestellung auf ihr Tablett vollständig bekommen hat, hat sie sich an einem Tisch neben mir hingesessen, wo eine andere Frau schon saß und auf sie gewartet hatte. Mit breitem Grinsen musste sie ihr stolz erzählen, wie sie sich mit dem netten Mann in der Schlange unterhalten hatte. Ohne zu ahnen, dass seine Freundin am Nachbartisch saß.

Martin hat ihre Absichten anscheinend nicht gemerkt, obwohl sie sich so auffällig verhalten hat. Er hat auch mit mir letztes Jahr ewig gebraucht, um zu begreifen, dass ich wirklich an ihn interessiert war. Er ist mit seiner Tasse Kaffee zurück zu unserem Tisch gekommen und hat mich geküsst, wie immer, wenn wir zu zweit sind. Ich habe ihn nicht gefragt, worüber sie sich unterhalten haben. Besonders spannend konnte es nicht sein.

Ich habe nicht aufgepasst, ob ihre Freundin, die uns gegenüber saß, ihre Begeisterung gedämpft hat. Es könnte interessant werden, wenn sie weiter versucht, sich an ihn zu schleichen. Ich vertraue ihm, aber ich wüsste gerne, wie er sich dann verhalten würde.


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Kartons

Ich packe gerade meine Sachen zusammen.

Noch eine Woche, und ich ziehe wieder aus… Endlich endgültig? Solange ich nur befristete Arbeitsverträge finde, ist nichts sicher. Aber in Berlin könnte es einfacher sein, eine neue Arbeit zu finden, wenn ich am Ende nicht von meinem aktuellen Arbeitgeber unbefristet übernommen werde. Ich weiß nicht, was Uschi mit mir vor hat, aber ich bekomme mehr Verantwortung. Das freut mich und motiviert mich auf jeden Fall, egal was danach passiert. Mal schauen.

Diesmal werde ich nicht allein einziehen. Das letzte Mal, dass ich mich auf so was eingelassen habe, ist sehr lange her. Der Unterschied zu damals ist, dass ich nicht bezweifle, dass wir gut zusammen passen. Ich mache mir manchmal Sorgen, aber alles in allem habe ich ein sehr gutes Gefühl. Ich freue mich riesig, dass wir zusammen leben werden.

Zuerst muss gepackt werden. Es gibt noch viel zu tun.


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Freitag

Heute war ich wieder bei der Arbeit. Ich musste sogar ganz früh dort sein, da ich einen Termin hatte. Schwierig, nach dem ich gestern Abend so spät ins Bett gegangen bin.

Ich hatte es nicht vor gehabt. Ich war gerade dabei, einige Dateien hochzuladen, als ich plötzlich keine Internetverbindung mehr hatte. Auf das Symbol für Drahtlosnetzwerkverbindungen geklickt und versucht, mich wieder zu verbinden: Fehlgeschlagen. Router genauer angeschaut: Er sah zuerst ganz brav aus. Ich habe im Adressfeld des Browsers o2.box eingegeben, um das Konfigurationsprogramm vom Router zu starten. Da war eine neue Meldung rechts, die sagte, ich hätte den voreingestellten WLAN-Schlüssel nicht geändert, was ein Sicherheitsproblem wäre. Wahrscheinlich deswegen meinte die Box, ohne Vorwarnung plötzlich zu streiken und mir keine Internet-Verbindung mehr zu liefern. Ich habe unter Firefox versucht, einen neuen Schlüssel im Konfigurationsprogramm zu setzen: Die LED für Internet an der Box wurde rot, was bedeutet, dass meine Zugangsdaten falsch sind. Es hat eine Stunde gedauert, bis ich den Schlüssel erfolgreich ändern konnte. Die Hilfe war dabei nicht sehr hilfreich, da nicht klar beschrieben wurde, in welcher Reihenfolge wie was gemacht werden sollte. Hier also zusammengefasst:

  1. Im Internet Explorer mit o2.box das Konfigurationsprogramm der Box gestartet.
  2. Bei leuchtender WLAN-LED den Taster „WLAN/WPS“ an der hinteren Seite der Box mindestens fünf Sekunden lang gedrückt.
  3. Im Konfigurationsprogramm unter „Internet“ war eine Eingabemaske für den neuen Schlüssel, den ich angegeben habe. Wahrscheinlich habe ich noch auf „Verbinden“ geklickt.
  4. Nochmal den WLAN-/WPS-Taster kurz gedrückt.
  5. Auf das Symbol für Drahtlosnetzwerkverbindungen geklickt und erneut mit dem Router verbunden, unter Angabe des neuen Schlüssels.

Und das war’s, wenn ich im Nachhinein nichts vergessen habe. Ich habe allerdings nicht gefunden, wie ich den WLAN-Schlüssel der Box in meinem Handy (Nokia C5) ändern kann, das heißt, ich kann mein Festnetz-WLAN erstmal nicht mehr aufs Handy zu Hause benutzen, um das mobile Datenvolumen zu verringern. Heute Abend nach dem Hochfahren vom PC war ich vom Router getrennt und musste wieder Punkt 5 ausführen. Aber eine gute Nachricht: Nach monatelanger Störung funktioniert meine Telefonverbindung plötzlich wieder, ohne dass ich mich darum gekümmert habe. Ich vermute, dass O2 versucht hat, mich zu erreichen (zwecks Werbung, was sonst), und festgestellt, dass ich nicht anrufbar bin. Martin hat mich letzte Woche zu meiner Überraschung von seinem Festnetz aus angerufen, und mit meinem Handy geht’s auch. Ich habe sogar mit meiner Mami telefonieren können.

Apropos Martin. Seit gestern Abend nach unseren gute-Nacht-Nachrichten habe ich gar nichts mehr vom ihm gehört. Er ist bestimmt bei seiner Wandertour zu sehr beschäftigt. Oder er hatte einen Unfall. Oder David ist dabei, hat ihm von unserer Beziehung vor fünfzehn Jahren erzählt, und jetzt schmollt er. Oder er hatte was heute Nacht mit Floriane, seiner ehemaligen und sehr ledigen Kollegin, bei der er gerade übernachtet hat, und traut sich nicht mehr, sich zu melden. Keine Panik. Vielleicht hat er einfach gerade kein Netz.

Um 16:00 habe ich Feierabend gemacht. Ich bin mit dem Fahrrad nach Hause gefahren. Zwei Straßen von meiner Wohnung entfernt, als ich gerade gebremst hatte, um Kinder nicht zu überfahren, die direkt vor mir über die Straße gelaufen sind, fing plötzlich ein heftiger Schauerregen an. Ich bin durchnäßt in die Wohnung angekommen und habe mich zuerst ausziehen müssen. Pfff. Gestern bin ich auch unter Regen gefahren, da ich entschieden habe, von Tegel aus wieder nach Hause zu fahren. Insgesamt 36km, ich habe mich ab dem Aquarium verfahren. Nach Schöneweide habe ich mich müde gefühlt und kurz danach einen Krampf im linken Fuß gespürt. Und heute Morgen wog ich 300g mehr als gestern.

Ein leichter Kopfschmerz droht, da ein der Kinder im Hause (es sind zwei, noch im Kinderwagenalter) gerade auf die tolle Idee kam, Flöte im Treppenhaus zu spielen. Allerdings schlecht und nur ein Ton, der gar nicht klar gespielt wurde. Ich dachte, es geht schnell vorbei, bis es zu seiner Wohnung ankommt, aber anscheinend fühlte es sich gerade auf meiner Etage wohl. Nach leichtem Klopfen an die Wohnungstür (ich wollte mich nicht dafür wieder anziehen) meinte eine erwachsene weibliche Stimme direkt dahinter etwas wie „Ups“, und kurz danach hörte das nervige Pfeifen auf.


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Wohnung gekauft!

Wer hätte das gedacht? Nach so langem hin und her zögern, nach so vielen Wohnungsbesichtigungen, hat er sich endlich für eine Wohnung entschieden. Es hat über ein Jahr gedauert. Um fair zu sein, so weit war er schon vor zwei Monaten, aber eine Immobilienagentur hatte sich vorher als interessiert gemeldet und die Wohnung vor seiner Nase gekauft. Weil er sich noch Zeit zum Überlegen nehmen wollte. Entscheidungen treffen ist immer noch nicht seine Stärke.

Als er dann kurz vor dem Urlaub sagte, er hätte großes Interesse für eine neue Wohnung, habe ich ihm zuerst gesagt, wenn es so ernst ist, dürfte er keine Zeit verlieren. Er hat mir die Unterlagen gezeigt. Von der Beschreibung her ist es unglaublich, dass sie noch nicht verkauft wurde. Es muss die beste Wohnung sein, die er je besichtigt hat. Für den gleichen Preis hat er deutlich kleinere Wohnungen gesehen, die auch nicht so schön eingerichtet waren. Er hat den Kaufvertragsentwurf beantragt und während des Urlaubes per Email bekommen. Seine Cousine, die Rechtsanwältin ist, hat ihn gelesen und ihm gesagt, es wäre in Ordnung. Letzte Woche habe ich mit ihm die Wohnung besucht. Sie ist wirklich sehr schön, in einem grünen Viertel. An der letzten Etage, aber nicht zu hoch, mit einem großen Balkon, vier Zimmern, und sehr ruhig gelegen. Sogar Tiefgarage und abgeschlossener Raum für Fahrräder (zugegeben, schon sehr voll) sind vorhanden. Man müsste nur den Boden komplett ändern (Parkett statt Teppichboden) und die Wände neu streichen. Eine neue Küche käme dazu, die, die von den Besitzern drin gelassen wurde, gefällt uns nicht. Das Badezimmer sieht auch nicht gerade toll aus, aber es ist nicht schwierig, erst später Arbeiten drin zu machen, da ein Gästebadezimmer vorhanden ist.

Es gab noch viele Diskussionen mit dem Makler, der bis gestern die einzige Kontaktmöglichkeit mit den Besitzern darstellte. Und gestern Abend war es so weit: Ich habe ihn zum Notar begleitet, damit der Kaufvertrag durchgelesen und von allen Parteien unterschrieben wird. Wie der Makler da am Tisch gesessen hat, habe ich die ganze Zeit an einen Vampir gedacht. Die Besitzer sind ein Paar, die sich ein neues Haus bauen lassen haben und die Wohnung aus diesem Grund verkaufen wollen. Der Mann, im Anzug, übergewichtig, meinte gleich, ich wäre Spanierin. Wahrscheinlich, weil ich dunkle Haare habe und vom Urlaub noch braun bin. Was für eine Frechheit, sich bei einem ersten Treffen Äußerungen über das Aussehen von anderen Personen zu erlauben. Seine Frau, auch fettleibig, ist selber Spanierin, aber ihre Haut war sehr hell. Ein bisschen gezwungenes Small-Talk gab es, bevor es um den eigentlichen Grund des Treffens ging. Ein bisschen Ärger gab es schon mit dem Makler, nachdem die Vertreterin des Notars den Kaufvertrag unterschreiben lassen hat, weil er eine frühere Version des Provisionsvertrages gebracht hatte, statt die aktuellste, die er durch Diskussionen am Telefon überarbeitet und per Email geschickt hatte. Blutsauger, echt. Martin hat den Vertrag trotzdem unterschrieben. Eigentlich hätte ich gar nicht dabei sein müssen, aber ich wollte ihn moralisch unterstützen. Danach habe ich ihn zu einer Cocktail-Bar eingeladen, als Belohnung dafür, dass er endlich seinen Traum realisiert hat.

Das heißt auch, in nicht zu weit entfernter Zeit ziehen wir zusammen. Das hatte er mich schon ganz früh gefragt, deswegen hat er angefangen, nach größeren Wohnungen zu suchen. Ich freue mich. Ich würde mich aber auch freuen, wenn wir zusammen zu einer Mietwohnung umziehen würden. Erstmal abwarten, bis die Finanzierung durch seine Bank bewilligt wird. Ich verstehe das Ganze nicht wirklich. Warum kann eine Bank ein persönliches Angebot für eine Finanzierung bei Kunden machen, wenn sie danach doch nein sagen kann? So ist es mit dem ersten potentiellen Käufer der Wohnung gelaufen (die Besitzer haben erzählt, dass die Finanzierung gescheitert war, weil der Interessent keinen Startkapital bringen konnte). Martin wollte eine Wohnung vor allem kaufen, weil es für ihn eine sichere Anlage für sein Vermögen ist. Kann ich verstehen. Wenn wir zusammen ziehen, werde ich mich natürlich an den Laufkosten beteiligen. Wahrscheinlich wird es so hoch wie meine aktuelle Miete sein.


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Zu Hause

Ich hatte ja angedeutet, dass ich keine große Lust hatte, zur heutigen Party zu gehen. Ich habe mich trotzdem bereit erklärt, Martin dahin zu begleiten. Seinen Cousin kenne ich noch nicht, und er feiert heute seinen Geburtstag, er wurde diese Woche vierzig. Wir haben gerade zwei Jahre Unterschied. Er ist in einem ganz anderen Bereich tätig, da er Künstler ist. Ein bisschen neugierig bin ich schon.

Da Martin nachmittags noch einiges zu tun hatte, sowie ich, haben wir uns nach spätem Frühstück und heißem Mittagsschläfchen darauf geeinigt, dass er mich abends gegen halb neun zu Hause abholt. Ich habe mich um meinen Haushalt gekümmert: Geschirr gespült, staubgesaugt, Waschmaschine geleert, aufgeräumt, Katzenklo geputzt, Müll entsorgt… Und dann mich einfach entspannt. Nagellack aufgetragen. Beine enthaart. All die Sachen, für die ich selten Zeit finde.

Erst um neun rief Martin an, um mir zu sagen, dass er gerade zur Arbeit musste. Irgendwie blöd. Diese Woche ist er mit der Rufbereitschaft dran: Falls unsere Nutzer technische Schwierigkeiten haben, kontaktieren sie ihn, und er muss hin. Eine Stunde später, als er fertig war und mit dem Auto auf dem Weg zu mir war, musste er plötzlich wieder umkehren, weil ein neues Problem bei den Geräten aufgetreten ist. Er hat sich noch nicht wieder gemeldet. Ich gehe jetzt ins Bett. Kein Bock mehr.


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Stimmungstief

Vielleicht liegt es am Wetter. Seit einer Woche macht es mir keinen Spaß, draußen zu sein. Das Wochenende war nicht so toll. Wieder Jacken anziehen, Regenschirme mitnehmen… Dauerregen habe ich nie besonders gemocht. Als ich heute Morgen gegen 07:15 das Haus verlassen habe, regnete es schon länger kontinuierlich stark. Es hat den ganzen Tag gedauert.

Hinzu kommt der Stress von der Arbeit. Ich bin nicht mehr an einer Uni tätig, aber ganz frei von Lehrveranstaltungen bin ich nicht. Jedes Semester organisieren wir in Zusammenarbeit mit mehreren Instituten ein großes Praktikum für Studenten. Diese Woche ist es wieder so weit. Ich bin für die Vorbereitung von unserem Teil zuständig und kümmere mich schon seit einiger Zeit um die Details. Räumlichkeiten buchen, Wochenplan vorbereiten, sicher stellen, dass Rechner zur Verfügung stehen, Sicherheitsaspekte klären, Vorlesungen bearbeiten, Skripte drucken, spät im Büro bleiben, Schlafmangel… Und dann kommt ein Tag wie heute. Vormittags Vorlesung gehalten. Ich habe absichtlich einige Sachen mehrmals auf verschiedenen Weisen wiederholt, um sicher zu sein, dass ein bisschen davon in den Köpfen übrig bleibt und verstanden wird. Von den Studenten selbst durchgeführten Experimenten wurden am Rechner ausgewertet. Die Ergebnisse wurden diskutiert. Mittagspause. Nachmittags war Winfried mit seiner Vorlesung dran. Er hat viele Begriffe benutzt, die ich heute Morgen eingeführt habe. Die Studenten haben sich verhalten, als ob sie sie zum ersten Mal hören würden. Bei Winfrieds Versuchen, die Diskussion interaktiv zu gestalten, meinten sie, es wäre ihnen alles neu. Dabei haben sie nicht mal in ihren Unterlagen durchgeblättert. Alles, was er gefragt hatte, hatte ich schon drin erklärt. Wie dumm kann man sein?

Mit Martin habe ich auch Schwierigkeiten. Kann sein, dass es daran liegt, dass meine Tage diesen Monat nicht richtig enden wollen. Leichte Blutungen habe ich immer noch. Oder der Stress spielt eine Rolle. Sex ist seit dem Wochenende nicht wirklich befriedigend. Er scheint Probleme zu haben, eine Erektion länger als eine Viertelstunde lang zu behalten, was unsere typische Koitusdauer entspricht. Das letzte Mal war am Montag. Letzte Nacht bin ich alleine bei mir gewesen, da ich abends noch vieles für die Vorlesung vorbereiten musste. Dienstags hat er sowieso immer Sport. Heute hat er den Wunsch geäußert, bei sich zu bleiben, weil er zu Hause einiges zu tun hat. Morgen weiß ich schon, dass er mit einem Freund Fußball gucken will. Ich will nicht mit. Es interessiert mich nicht, und ich muss am Freitag wieder ganz früh zur Arbeit. Ein bisschen merkwürdig finde ich es schon, dass er auf einmal kein Interesse zeigt, mit mir zu sein, wenn wir sonst fast jede Nacht miteinander verbracht haben. Andererseits kann ich es mir nicht heimlich wünschen, mehr Zeit für mich zu haben, und irritiert sein, wenn er offensichtlich das gleiche Bedürfnis empfindet.

Ich habe ihm heute noch gesagt, dass wir in letzter Zeit zu viel Geld ausgeben. Ich finde es schlimm, dass wir jedes Wochenende unterwegs waren. Ständig hat er etwas vorgeschlagen und mich darum gebeten, mit ihm irgendwohin zu fahren. Es hat mich nicht nur gestört, weil ich wegen ihm meine Routine völlig geändert habe und müde bin, sondern auch, weil es auf Dauer ziemlich teuer wird. Ich habe im letzten Monat mehr als mein Gehalt ausgegeben. Es reicht. Es hat mir zugegeben, dass er selber den Überblick über seine Ausgaben verloren hatte. Ich hatte mich schon gewundert, wie er es mit seinem geringeren Gehalt schaffen würde. Vielleicht trägt alles zusammen dazu bei, dass ich mich momentan nicht so gut fühle und unsere Beziehung eher pessimistisch betrachte.


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Ich hatte es geahnt

Meine Zweifel haben sich bestätigt. Nicht über uns als Paar, selbst wenn ich mir weiterhin gerne mehr Zeit für mich alleine wünschen würde. Wir verstehen uns gut, auch wenn wir uns nicht immer einig sind. Er neigt aber dazu, zu viel Geld ausgeben zu wollen und über seine Verhältnisse zu leben, und es macht mir Sorgen. Ich kann es aber nicht richtig schätzen, vielleicht bilde ich es mir nur ein. Ich weiß nicht mal, wie viel er im Monat verdient, nur, dass er eine niedrigere Einstufung als ich hat. Der Sex ist weiterhin wunderbar.

Ich meine eher sein berufliches Engagement. Letzte Woche hat Winfried mit ihm gesprochen. Er hat zu wenige Ergebnisse bekommen, um eine Doktorarbeit noch rechtzeitig zu schaffen, er sollte sich ab jetzt auf seine Stärke konzentrieren. Es war mir schon lange klar, aber ich habe mich nicht in der Lage gesehen, es ihm zu sagen. Es ist die Aufgabe von Uschi und Winfried, nicht meine. Hinweise habe ich ihm gegeben, es hat nicht geholfen. Selbst bei seinen späteren Messungen hat er sich nicht genug Zeit genommen. Es hat es letztens verpennt, seine Daten rechtzeitig auszuwerten, mit dem Ergebnis, dass sie aus unserem Server gelöscht wurden. Archiviert hatte er sie nicht. Das Thema hat ihn einfach nicht genug interessiert. Er hat es angenommen, weil es ihm angeboten wurde, aber ohne Begeisterung. Es gab noch gestern ein Treffen mit Uschi. Das Thema Doktorarbeit ist nun aus. Sein Arbeitsvertrag wird nächstes Jahr nicht verlängert. Ich habe ihm gesagt, er soll sich jetzt schon auf Stellen bewerben.

Klar, wenn er sich in seinem Thema vertieft hätte, hätte er zwangsweise Überstunden gemacht. Das ist nicht gut, wenn die Arbeitszeit geprüft wird. Man wird nach zu vielen Überstunden gemahnt. Mit seinem vollzeitigen Arbeitsvertrag hätte er es sehr schwer gehabt, nebenbei eine Doktorarbeit zu machen. Er hätte auch weniger Zeit gefunden, um mit mir zu sein, und ich bin froh, dass wir viel Zeit für einander haben. Ich habe mich schon gefragt, wie Uschi und Winfried es je für realistisch halten konnten, dass man in zwei Jahren neben einem normalen Job genug Ergebnisse bekommt, um erfolgreich zu promovieren. Was haben sie sich denn gedacht? Ich habe selber fast vier Jahren gebraucht, als ich zwanzig Jahre jünger als er jetzt und so fit war, und meine Stelle war aus Drittmitteln nur für meine Doktorarbeit finanziert, ein Luxus. Andererseits ist es mir manchmal nervig zu sehen, wie langsam er seine Aufgaben erledigt. Ich denke, mit einer besseren Planung seiner Arbeitszeit hätte er sicherlich mehr schaffen können. Ich denke aber nicht, dass er wirklich in der Lage dazu gewesen wäre. Sonst hätte er sein Physikstudium fertig gebracht. Und mit Mitte vierzig frage ich mich, welchen Vorteil ein frisch erworbener Doktortitel noch bringen kann.

Es hat ihn auf jeden Fall zum Nachdenken gebracht. Er stellt sich selber in Frage und wundert sich, ob er geeignet für eine Doktorarbeit war, oder von vorne rein zum scheitern verurteilt war. Ich weiß nicht. Als er das Angebot bekommen hat, kannten ihn Winfried und Uschi kaum. Vielleicht meinten sie ernsthaft, es würde klappen. Ich habe aber bei unseren Gruppen-Meetings früh im Sommer gemerkt, dass Uschi nicht ganz mit seiner Art zufrieden ist und ihm mit Mühe zuhört. Er ist häufig ungeduldig mit ihm gewesen, weil er seine Arbeit nicht schnell genug macht. Dafür hat er ihm nicht viel Hilfestellung gegeben, kaum Anweisungen erteilt, und das würde man aus einem Doktorvater, den man täglich sehen kann, schon erwarten. Aber vielleicht bin ich in meinem früheren Institut zu verwöhnt gewesen.

Mir gegenüber verhält er sich gut. Er ist besorgt, aber eine Doktorarbeit wollte er nicht unbedingt machen. Es war nur für ihn gut, weil er dadurch eventuell in der Gruppe auf eine Stelle kommen könnte, um ein Gerät wissenschaftlich zu betreuen. Es könnte daraus eine unbefristete Stelle werden, so hat er es erzählt bekommen. Außerdem meinte er, sich in der Industrie mit einem Doktortitel auf bessere Stellen bewerben zu können. Ich habe ihm nicht erzählt, dass Uschi und Winfried mir angeboten haben, genau das gleiche Gerät zu übernehmen, wenn ich im kommenden Sommer den Arbeitgeber wechsle und in der Gruppe integriert werde. Ich hatte damals schon den unangenehmen Eindruck, dass sie mich als Ersatz für ihn gesehen haben. Dass es eine unbefristete Stelle geben soll, habe ich allerdings nicht von ihnen gehört. Ich denke, das hat er sich selber eingeredet.


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Und zurück

Jetzt kenne ich seine ganze Familie, oder fast. Ich fand es sehr lieb, wie sie mich freundlich empfangen haben.

Seine Cousine hat uns am Bahnhof abgeholt. Wir sind direkt in ein Lokal in der Nähe essen gegangen. Dort warteten ihr Mann (auch ein Franzose!) und ihre jüngere Tochter auf uns. Die Ältere war nicht da, aber ich habe sie schon kennen gelernt, sie studiert seit einem halben Jahr in Berlin.

Gestern sind wir in die Stadt spazieren gegangen. Einige Sehenswürdigkeiten besucht. Das Wetter war so toll. Am Abend sind seine Tante mit ihrem Mann angekommen. Sie hatten für Martin gesorgt, als seine Mutter gestorben ist (warum sein Vater sich nicht um ihn kümmern konnte, ist mir nicht bekannt). So viele neue Namen, ich hatte den Eindruck, ich könnte sie mir gar nicht alle merken. Beeindruckend fand ich, dass alle mehr oder weniger gut Französisch können. Wir haben gegrillt. Karten gespielt. Mir sind noch Kindheitsgeschichte und Familien-Videos nicht erspart geblieben.

Heute Morgen sind wir kurz nach dem Frühstück zurück zum Bahnhof gefahren. Das Wochenende kam mir zu kurz vor.


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Zweifel

Vielleicht, weil es bald wieder Zeit wird. Es wäre früh, aber mein Zyklus zickt, seitdem wir zusammen sind. Manchmal denke ich, meine Hormonen haben eine Koalition gegen mich gebildet, damit ich schwanger werde („Yeah, endlich ein Mann!“, denken sie bestimmt). Von den Kondomen haben sie anscheinend nichts gemerkt.

Wie auch immer. Ab und zu frage ich mich, ob wir wirklich zueinander passen. Ja, das ist normal. Ich habe mich schon gefragt, wie es mir ginge, wenn wir Schluss machen würden. Und habe den Eindruck, dass es mir nicht so sehr traurig machen würde. Ich wäre eher sauer auf mich, mich geirrt zu haben. Oder enttäuscht. Aber komplett zerstört? Das glaube ich nicht.

Ich bin so viele Jahre Single geblieben, ich bin noch daran gewöhnt. Das habe ich am Samstag gemerkt. Er hat mir gesagt, er möchte am kommenden Wochenende zu seiner Familie nach Frankfurt fahren. Er sah dabei ein bisschen geniert aus. Ich dachte, er wollte alleine dahin und wusste nicht, wie er es mir sagen sollte. Und was war meine erste innerliche Reaktion? „Hmm, ein Wochenende für mich alleine, das wäre auch cool.“ Obwohl das letzte Mal gar nicht so lange her ist. Ich habe sofort angefangen, Pläne fürs Wochenende zu schmieden. Und dann meinte er, seine Cousine hätte ihm explizit gesagt, ich wäre gerne willkommen. Ach so, er erwartete also, dass ich mitkomme… Ich habe zugesagt. Er hat sich riesig gefreut. Gut, ich freue mich auch, den Rest seiner Familie kennen zu lernen.

Aber. Bei der Arbeit habe ich manchmal ein komisches Gefühl. Dass er nicht besonders schnell arbeitet, habe ich schon erzählt. Er hatte auch Physik studiert, wie ich. Er ist durchgefallen und hat sich umorientieren müssen. Egal. Dafür hat er ein FH-Ingenieurdiplom gemacht (ich habe den Eindruck, irgendwas musste studiert werden, weil sein Vater Professor an der Uni war). Das heißt, ich bin qualifizierter als er (und verdiene mehr Geld). Was mir im Grunde auch egal ist. Ich sehe leider, dass er nicht 100% hinter seiner Arbeit steht. Ein bisschen Keinbockigkeit ist da. Es wirkt sich bei unseren Gruppenmeetings aus, und ich kann Uschi nicht widersprechen, wenn er ihm Vorwürfe macht. Ich könnte ihm die gleichen Vorwürfe machen, überlasse es nur besser unserem Chef. Ich sehe aber Probleme auf uns kommen.

Uschi hatte ihm angeboten, ein Doktorarbeitsthema zu bearbeiten, damit er sich weiter qualifiziert. Das hat er angenommen, weil er dadurch eine Vertragsverlängerung bekommen würde und meint, mit einem Doktortitel besser bezahlte Stellen zu bekommen. Ich bin nicht sicher, dass man mit dem Erwerb eines Doktortitels in seinem Alter sich wirklich besser vermarkten kann. Schließlich habe ich letztes Jahr selber so viele Bewerbungen schreiben müssen, bevor ich diesen Job gefunden habe. Das Thema scheint ihn auch nicht besonders zu begeistern. Seine Reise vor zwei Wochen hatte den Zweck, Testmessungen für seine Doktorarbeit durchzuführen. Er hat sich seitdem nicht mehr um die Ergebnisse gekümmert. Ich denke manchmal, als Ingenieur kann er gut arbeiten, aber es fehlt ihm an Durchhaltevermögen, um eine Doktorarbeit zu machen und Wissenschaftler zu werden. Was, wenn er scheitert? Wird er es mir übel nehmen, weil ich promoviert bin und er nicht?

Zu viele Gedanken. Ich sollte besser schlafen gehen.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.