In Marseille — Le Panier

Mit Marseille bin ich immer noch nicht befreundet. Die Stadt ist dreckig und stinkt. Überall dicke Hundehaufen und Uringestank. Alte, heruntergekommene Gebäude. Autofahrer, die ohne Rücksicht auf Fußgänger am Hafen rasen, selbst wenn sie eigentlich rot haben. Wen interessiert’s? Die Fußgänger gehen nicht auf Grün los, sondern schauen erstmal um sich um und warten, bis alle Autos durch sind, bevor sie sich auf der Straße trauen. Etwas Anderes wäre Selbstmord.

Dazu kommt die allgegenwärtige sexuelle Belästigung. In Marseille kann man als Frau einfach nirgendwo Ruhe haben. Das habe ich in meiner Jugend mit Freundinnen festgestellt und am Wochenende aus der Ferne leider wieder beobachtet. Frau sitzt auf einer Bank und liest, Jugendlicher setzt sich dicht neben ihr und belästigt sie derart, dass die Frau aufsteht und den Platz verlässt. Obwohl ein anderer, unbeteiligter Mann auf der anderen Seite der Bank saß. Nichts hat er unternommen. Unterlassene Hilfeleistung ist in Frankreich weit verbreitet.

Aber zurück zur Stadt selbst. Der Ehemann wollte vor unserer Abreise eine Nacht in Marseille verbringen. Ich war nicht begeistert. Wir haben ein Apéro am Hafen getrunken. Ich wollte danach zurück zum Hotel. Es wurde schon dunkel.

Anstatt am Hafen lang zu gehen, nehmen wir die Rue de la République. Ein Schild zeigt den Weg zum Panier. Ich habe keine Ahnung, worum es geht, und beschließe, dem Schild zu folgen. Erstmal Treppen hoch. Wir entdecken ein entzückendes Viertel. Immer noch dreckig und stinkend, aber mit interessanten Graffiti und vielen, besser als am Hafen aussehenden gastronomischen Lokalen. Wir essen eine Kleinigkeit am „Panier Marseillais“. Fisch-Tapas.

Am Sonntag gehen wir wieder hin, zu einem anderen Lokal. Essen kann man in dem Viertel toll. Leider, und man glaubt es nicht, wenn man es nicht selber erlebt, sind die engen Straßen nicht für den motorisierten Verkehr gesperrt. Oder die Anwohner pfeifen drauf. Mofas fahren dicht an uns vorbei, als wir am Tisch mitten auf der Straße sitzen und essen. Ich meine, die Terrasse vom Lokal beanspruchte schon die Hälfte der Gasse. Gegenüber standen zwei Frauen aus einem Laden und diskutierten. Und da lang fahren Leute mit Mofas durch. Völlig rücksichtslos.

Am Sonntagabend war unser Rückflug nach München geplant. Über Frankfurt. Tja. Wegen Unwetter wurde der Flug gestrichen. Unmut bei den Passagieren und Chaos am Flughafen, als wir nur hin und her geschickt wurden. Wir sind dadurch eine extra Nacht in Marseille geblieben. Diesmal haben wir in einem besseren Hotel geschlafen. Ich war vom Golden Tulip enttäuscht. Die Lage war lange nicht so toll wie auf den Bewertungen gepriesen. Nicht mal Margaritas konnte der Barman richtig machen. Der Radisson Blu hat mir viel besser gefallen. Wir konnten sogar im Außenpool am späten Abend schwimmen. Leider mussten wir am Montag um vier aufstehen, um unseren Flug von 06:20 nach München zu kriegen. Wenigstens sind wir direkt geflogen und konnten halbwegs pünktlich auf Arbeit erscheinen. Ich fühle mich immer noch müde davon.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

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Belästigung

Ich befand mich am Gleis einer S-Bahn-Station. Ich war gerade aus einem Zug ausgestiegen. Außer zwei Männer, die da rum standen, war niemand zu sehen.

Ein der beiden Männer, in hellgrauer Joggingshose, kam zu mir. Ich sollte mit ihm vögeln, meinte er. Ich habe beschlossen, den Typ zu ignorieren. Keine Zeit für eine Anzeige wegen sexueller Belästigung bei der Polizei. Er hätte einen King-Size Penis, rief er hinterher, als ich an ihm vorbei ging, viele Männer hätten nur Size One, diese einmalige Chance würde sich nicht zweimal anbieten. Ist ja klar. Behaupten die doch alle von selbst.

Ich ging die Treppe hoch, zum Ausgangsbereich vom Bahnhof. Dort waren mehrere Menschen. Der Belästiger war mir hierher gefolgt und versuchte noch, mich zu überreden. Ich ging zu zwei Männern, die nur da rum standen, und sagte dem einen, „Dieser Mann belästigt mich“, und zeigte gleichzeitig zum Belästiger. „What did you say?“ fragte der Mann. Stimmt, ich war in die USA gereist! „This man is harassing me,“ sagte ich. Er hat sich an den Belästiger gewandt, aber diesem schien es egal zu sein, er belästigte mich weiter.

Den Nachbarn von meinem Helfer fragte ich ebenfalls um Hilfe. „If you give me money, I can help you“, antwortete er. Ich sagte ihm kurz, dass ich es nicht so ehrenhaft fand, dass er nur gegen Geld helfen würde. Andererseits hatte ich ihn aktiv um Hilfe gebeten, ich könnte mich auch dafür bedanken. „OK, if you need money, I can give you money. Just help me,“ sagte ich ihm. Er ging zum ersten Helfer. Dem Belästiger wurde es zu viel. Er ergriff die Flucht. Mist, habe ich gedacht, somit könnten wir doch gar nicht bei der Polizei sagen, wer das überhaupt gewesen war. Andererseits hatte ich keine Zeit für die Polizei.

Der zweite Helfer wollte jetzt sein Geld haben. Klar, sagte ich, weiter auf English. Es gäbe nur ein kleines Problem, ich hätte keine Dollars dabei. Nur Euros. „What?“ „European currency,“ sagte ich. „Ah, ok“. Ich ging zu meiner Handtasche, die weiter weg neben einem Aufzug lag. Aus meinem Portemonnaie nahm ich 40 € raus. Es gab noch viel mehr Scheine drin, selbst ein 1000 € Schein, ich konnte es mir echt leisten und kam mir dreist vor, ihm nur 40 € zu geben. Aber er schien zufrieden zu sein.


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Taxi fahren in Berlin

Heute war in meiner Nachrichten-App, unter anderen, die Meldung, dass Cem Özdemir von Taxifahrern bedroht wird. In Berlin. Genauer gesagt von türkischstämmigen Taxifahrern mit nationalistischem Hauch, die seine politischen Ansichten nicht teilen.

Es überrascht mich nicht. Mit Taxifahrern habe ich auch unschöne Erfahrungen gemacht. Es sollte aber kein falscher Eindruck entstehen, nicht alle verhalten sich so schlecht, vom weitem.

Vor vielen Jahren, als ich Doktorandin war, hatte ich das Zusammenschreiben meiner Arbeit hauptsächlich nachts am Institut gemacht[1]. Tagsüber gab es zu viele Ablenkungen durch die Kollegen. Und häufig war ich gegen zwei oder drei Uhr morgens für die kurze Strecke mit dem Taxi nach Hause gefahren. Ich fühlte mich nicht genug in Sicherheit, um den zwanzigminütigen Fußweg zu machen. Eine Nacht stieg ich wie gewöhnlich ins Taxi ein. Der Fahrer, der, wie der Zufall es will, türkischstämmig war, fragte, was ich denn machen würde. Ich mag es nicht, wenn Taxifahrer persönliche Fragen stellen. Ich habe trotzdem geantwortet, dass ich Doktorandin in Physik war. Der Fahrer ist völlig ausgerastet und meinte, ich sollte als Frau keine Physik studieren. Ich sollte gefälligst heiraten und Kinder bekommen. Ich habe ihn gebeten zu halten und den Rest des Weges doch zu Fuß gemacht. Es war zum Glück ein Einzelfall.

Seitdem ich in Berlin lebe, haben sich blöde Erfahrungen mit Taxifahrern gehäuft. Ich will sie nicht alle erzählen. Ein Beispiel ist, als wir die letzte Weihnachtsfeier mit der Arbeitsgruppe in einem Restaurant in der Nähe vom Kottbusser Tor verbracht haben. Ich hatte an dem Abend nicht zu viel getrunken, wollte aber nicht mit ÖPNV nach Hause. Ich hätte eine gute Stunde gebraucht, und mit dem miesen Ruf vom Viertel kam es nicht in Frage, alleine zu fahren. Die Kollegen wollten noch woandershin trinken gehen, mir war es um elf schon recht spät. Beim Bezahlen habe ich nach einem Taxi gefragt, und es kam ziemlich schnell. Nachdem wir los gefahren sind, fragte der Fahrer, der wieder türkischstämmig war, ob ich Wein getrunken hätte. Komische Frage. Mit einem blöden Gefühl, habe ich bejaht. Die ganze Fahrt hat er mir deswegen Vorwürfe gemacht. Ich war nach dem dreistündigen Spaziergang am Nachmittag zu müde, aber eigentlich hätte ich aussteigen und mir einen anderen Taxi bestellen sollen. Schließlich hat er mich aus einem Restaurant geholt, und wir sind in Deutschland, was denkt er, was Leute abends trinken? Oder hat er mich für eine Türkin gehalten? Das glauben viele, vom Aussehen her. In Südfrankreich haben wir schon eine dunklere Haut, und mit der halb italienischen Familie hilft es nicht. Das gibt Taxifahrern längst keinen Recht, mich als Gästin so zu behandeln.

Ich sollte es mir zur Gewohnheit machen, die Nummer vom Taxi aufzuschreiben, um mich eventuell bei der Firma zu beschweren.

[1] Heute würde ich einfach von zu Hause aus arbeiten. Damals hatte ich zu Hause meinen allerersten Rechner mit Windows 98 und keine Internetverbindung.


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Telefonnummer auf einem Nokia Lumia blockieren

Ein Beitrag auf diesem Blog hat mich durch seine Aufrufanzahl überrascht. Ein verpasster Anruf. In drei Monaten ist er der meistgelesene Beitrag geworden. Obwohl, so erstaunlich ist es doch nicht, es ist das einzige Suchergebnis von Google über diese merkwürdige Telefonnummer, das nicht von www.wemgehoert.de stammt. Dabei weiß ich nicht mal, was die Person wollte, die mich aus der Nummer mehrmals versucht hatte zu erreichen. Offensichtlich bin ich nicht die Einzige, die es erwischt hat, den Suchbegriffen nach zu beurteilen. Ich kann aus den Aufrufstatistiken für diese Seite wunderbar ablesen, wann aus dieser Nummer Leute massenweise angerufen werden. Spam-Kommentare hat diese Seite auch auffällig viel geerntet, alle auf Englisch geschrieben, entweder mit der Bitte, die Kommentatoren per Email zu kontaktieren, weil sie keinen Knopf zum Folgen meines Bloges finden könnten, oder mit einem dubiosen Link, dem ihn natürlich nicht folgen will. So blöd bin ich auch nicht.

Das hat mich daran erinnert, dass ich mit Hilfe von Google diese Telefonnummer sofort blockiert hatte, und als ich einige Wochen später von einer anderen Nummer für Werbezwecke angerufen wurde, wollte ich die Prozedur wiederholen. Nicht intuitiv, mit meinem Nokia Lumia 730 (Windows Phone 8.1 Update). Ohne Google hätte ich es nicht geschafft, und selbst da ging es nicht so einfach. Viele Videos auf YouTube versprechen zu zeigen, wie es funktioniert, und zeigen dabei nur, wie man prüft, ob man das dafür benötigte Update schon installiert hat. Dank dieses Videos bin ich ein Stück näher bekommen. Ab 2:44 erfährt man, dass man in die Anrufliste gehen muss, und auf eine Nummer drücken soll, um diese zu sperren. Leider habe ich nicht erkannt, dass man etwas länger drücken soll, und habe einen Verbindungsaufbau zur unerwünschten Nummer verursacht. Schnell wieder aufgelegt. Also sollte man mit dem Finger auf die Nummer solange drücken, bis das Menü erscheint, in dem man die Nummer sperren kann. Eigentlich nicht so schwer, ich wäre nur nie von alleine drauf gekommen.


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Wespenplage

Gestern dürfte wohl der letzte Sommertag des Jahres gewesen sein. Der Ehemann ist früh von seiner Dienstreise zurück gekommen und hat mich bei der Arbeit abgeholt. Wir haben beschlossen, zu einem Biergarten in der Nähe unserer Wohnung zu gehen. Er hat sich an der Theke angestellt, um unsere Biere zu bestellen, während ich mir einen Tisch ausgesucht habe.

Der Biergarten war gut besucht, aber nicht so voll wie am Anfang der Saison. Es gab noch viele freie Tische, vor allem am Eingang vom Biergarten, neben dem Kinderspielplatz und dem Müllcontainer. Ich habe mich an einem Tisch ein bisschen abseits vom Rest der anderen Kunden hingesessen. Ich wollte vor allem Zigarettenrauch vermeiden.

Der Ehemann stand noch in der Schlange, als ich merkte, dass viele Wespen um einen Tisch unweit beschäftigt waren, obwohl niemand mehr dort saß. Ich habe mir einen anderen Tisch am Eingang ausgesucht, der von Wespen vernachlässigt aussah. Es war sehr weit weg vom Rest der Gäste, die an langen Tischen mit Bänken saßen. Mein Tisch war klein und rund, genau genug für zwei. Von der Sorte gab es viele, die nicht besetzt wurden. Ab und zu kam mal eine Wespe, um sich umzuschauen und gleich danach weg zu fliegen. Etwas Interessantes für sie hatte ich nicht.

Der Ehemann ist mit unseren Bieren zum Tisch gekommen, und wir haben uns entspannt. Kurz danach kam zum Nachbartisch ein Paar mit Bieren und etwas zum Essen dabei. Bratwurst im Brötchen und ein halbes Hähnchen. Es war unglaublich zu sehen, wie schnell sie von Wespen überfallen wurden. Der Mann hat den Teller seiner Frau mit dem Hähnchen zu einem anderen Tisch gebracht, und herum flogen mindestens zwanzig Wespen. Zwischen Mitte August und Ende September sind sie ja auf Suche nach Fleisch, um den Nachwuchs zu füttern.

Die Frau ist zur Theke gegangen, um sich zu beschweren, und ist mit einem Kännchen voller Rauch zurück gekommen. Was es genau war, weiß ich nicht, aber es hat die meisten Wespen vertrieben. Einige sind trotzdem geblieben und haben weiterhin versucht, Hähnchenstücke zu nehmen. Anscheinend war das Paar kein Einzelfall, wie ich aus den Kommentaren von anderen Gästen mitbekommen habe. Ich verstehe nicht, warum die Bedienung beim Servieren nicht gleich über die Wespen informiert und das Kännchen geliefert hat. Oder warum nicht Wespenfallen benutzen? Das habe ich schon in einem Lokal bei der Arbeit gesehen. Ich war jedenfalls froh, dass wir nichts zum Essen bestellt hatten.


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Man redet nicht mit vollem Mund

Ein Satz, den ich am Tisch in meiner Kindheit immer wieder gehört habe. Meine Eltern, vor allem meine Mutter, haben es uns tausendmal gesagt. Man redet nicht mit vollem Mund. Es ist eklig. Das empfinde ich auch so.

Heute Mittag stand ich alleine an einem Tisch und aß meine Portion in Ruhe. Es gab eine Art Spätzle mit Fleischbällchen. Besser als gestern, da hatten die Redner in unserer Session ständig so lange überzogen, dass sich die Zeitplanung um einen ganzen Vortrag verschoben hatte, und wir beim verspäteten Rausgehen nur noch einen mickrigen Gemüsenspieß bekommen hatten.

Wenig später ist ein anderer Tagungsteilnehmer zu mir gekommen und fragte, ob er an meinem Tisch essen dürfte. Warum hätte ich ablehnen sollen? Seine Kollegin gesellte sich gleich danach ungefragt zu uns.

Der Mann hat sich eine voll geladene Gabel Nudel mit Parmesan im Mund gestopft, um sich dann sofort zu mir zu drehen und anzufangen, sich mit mir zu unterhalten. Ich habe es gerade noch rechtzeitig geschafft, mit dem Arm und meinem breiten Ärmel den Inhalt von meinem Teller zu schützen. Eklig war es zu sehen, wie er beim reden den Inhalt aus seinem Mund rum gespuckt hat. Seine Kollegin, die deutlich bessere Tischmanieren beigebracht bekommen hatte, sah ein wenig angewidert aus. Ich glaube, sie war froh, dass er mal mit einer anderen Person geredet hatte. Ich habe knapp geantwortet und in keiner Weise angedeutet, dass ich an eine Fortsetzung der Diskussion interessiert war. Er hat dann gemerkt, dass er eine Serviette oder ähnliches vergessen hatte, und ich habe in seiner kurzen Abwesenheit möglichst schnell gegessen.

Bei seiner Rückkehr hat er wieder probiert, mit mir zu diskutieren, und als ich kaum geantwortet habe, hat er sich dann mit seiner Kollegin in einer anderen Sprache unterhalten. Sobald ich fertig war, bin ich zu meinem nächsten Termin weg gelaufen.


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Keine Fußball-Fan

Wirklich nicht. Ich habe mich seit dem Anfang der gegenwärtigen Meisterschaft ab und zu mit dem Ehemann auf der Couch vor dem Fernseher hingesetzt, aber nach fünf Minuten wird es mir schon zu blöd und ich finde schnell etwas, womit ich meine Zeit viel sinnvoller verbringen könnte. Zugegeben, es geht mir nicht nur beim Fußball so. Fernsehen ist nicht mein Ding.

Nerviger finde ich die Reaktionen in der Stadt, wenn Deutschland mal wieder spielt und ein Tor schießt. Am letzten Sonntag waren wir kurz nach Beginn des Spieles unterwegs, als die ersten Böller ertönten. Wie ich bin, habe ich zuerst an einen Anschlag mit Schießerei auf der Straße gedacht. Nein, es war das erste Tor. Wo haben die denn alle die Dinger her? Ich dachte, man könne sie nur vor Sylvester kaufen.

Heute Abend habe ich also die Stille Hoffnung, dass Italien sich durchsetzen wird. Den entsetzten Rufen vom Ehemann aus dem Wohnzimmer nach zu beurteilen, sah es am Anfang gut aus. Dann kam das erste Tor, und die Böller dazu. Dann hat Italien auch ein Tor geschossen. Es bleibt spannend, ob wir in den nächsten Tagen ruhige Abende erleben dürfen. Obwohl. Ich erinnere mich an eine andere Meisterschaft vor einigen Jahren (welche auch immer), als Italien ein Spiel gewonnen hatte (welches aus immer), leise wurde es nach dem Sieg nicht. Am besten wäre es, Island würde die Meisterschaft gewinnen. Das ganze Land zieht momentan quer durch Frankreich, um Stadien zu füllen, hier würde die Stille zurückkehren.


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Im Bus

In letzter Zeit fahre ich gerne mit dem Bus abends nach Hause. Mit der S-Bahn brauche ich von Tür zu Tür eine Stunde. Mit dem Bus noch länger. Der erste Bus fährt in zehn Minuten zu einer U-Bahn Station, dann nehme ich fünf Minuten die U-Bahn, dann noch mal vierzig Minuten mit dem nächsten Bus nach Hause. Plus insgesamt eine Viertelstunde zu Fuß. Die Umsteigezeiten sind auf dem Weg nach Hause sehr kurz. Wenn ich in die U-Bahn an der Zugspitze einsteige, kriege ich meistens beim schnellen Laufen noch den Bus, der gerade ankommt. Auf dem Weg zur Arbeit nehme ich noch lieber die S-Bahn, weil der letzte Bus der Strecke morgens im zwanzig-Minuten-Takt fährt und man sieht ihn immer losfahren, wenn man gerade auf der anderen Seite der Kreuzung aus der U-Bahn kommt.

Warum ich lieber länger aber mit dem Bus fahre hängt schon damit zusammen, wie mulmig ich mich fühle, wenn ich mit der S-Bahn fahre. Angenommen, jemand hätte vor, sich in Verkehrsmitteln sprengen zu lassen, würde sich diese Person sicherlich die S-Bahn aussuchen. Die Ringbahn, die an vielen wichtigen Verkehrsknoten fährt und die ich sonst schon morgens benutzen muss. Oder die U-Bahn, mitten in der Stadt. Meine U-Bahn-Strecke ist dagegen ziemlich weit weg außerhalb vom Ring, und immer mindestens zu dreiviertel leer, da würde es sich nicht lohnen. Also halbiere ich die Wahrscheinlichkeit, etwas so Schlimmes zu erleben, indem ich abends nicht die S-Bahn benutze.

Außerdem sind meistens für die lange Busfahrt Doppeldecker im Einsatz. Und von der U-Bahn-Station aus sind die Plätze oben vorne nie besetzt. Ich finde es toll, dort zu sitzen und vom Leben draußen auf der Fahrt viel mehr mitzubekommen, als in der S-Bahn. Häufig muss ich leider von oben beobachten, wie bestimmte Autofahrer sich wie die letzte Arschlöcher verhalten. In der S-Bahn ist die Außenwelt eher langweilig, dafür werden fast alle Sinne belästigt. Musikanten folgen einander, dann sind die Motz-Verkäufer dran, und die nasal monologierenden Obdachlosen, oder die, die einfach einen Knall haben, wie der Typ zwischen Hermannstraße und Südkreuz, der im Gang vor der Tür gebückt um sich selbst dreht und bellt, dabei nach Urin stinkend… Das alles kriegt man im Bus nicht.

So ganz rosig ist es im Bus aber auch nicht. Während der Osterferien waren keine Doppeldecker im Einsatz. Ich bin einmal in einen vollgepackten Bus eingestiegen und habe ganz hinten im Bus gesessen, wo es noch Sitzplätze gab. Meine Sitznachbarn haben aber so gestunken, dass ich eine Station später aussteigen musste und auf den nächsten Bus gewartet habe. Der war zum Glück nicht so voll. Gestern hatte ich oben im Doppeldecker als Mitreisender den ekligsten Typ überhaupt. Fünfundzwanzig Minuten lang ist er mitgefahren. Beim reinkommen hat man ihn schon sehr laut seinen Schleim hoch schnauben gehört. Das hat er fast die ganze Zeit gemacht. Zusätzlich hat er auch ständig in der Nase gebohrt und die Zunge dabei möglichst raus gestreckt, um sich seine Befunde in dem Mund zu stecken. Mein Akku war fast alle, aber eine Minute von seiner Show habe ich aufnehmen können. Ich filme sonst meine Mitreisende nie, aber der war so ein Sonderfall, und so offensichtlich, dass man es ihm nicht ernsthaft glauben würde, dass er dadurch keine Aufmerksamkeit haben will. Ich ringe mit mir, ob es auf YouTube landen soll.


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Es ist noch nicht Sylvester!

Böller! Seit einigen Wochen hört man schon häufiger welche in Berlin. Ich dachte, die wären nur für Sylvester und Neujahr zugelassen.

Es ist mir besonders nach den Attentaten von Paris aufgefallen. Denn ich gebe es zu, ich habe immer ein mulmiges Gefühl, wenn ich unterwegs bin oder laute Knalle höre. Seit länger. Als Studentin hatte mich die Anschlagsserie in Paris ziemlich erschüttert, obwohl ich weit weg in Nizza war. Daher fühle ich mich seitdem immer ein bisschen nervös, wenn ich mich mitten in Menschenversammlungen befinde oder mit der Bahn unterwegs bin.

Nun, seit einigen Tagen hört man vermehrt laute Knalle, wenn man unterwegs ist. Am schlimmsten war vorgestern abends, als ich mit der S-Bahn in Hermannstraße auf dem Weg nach Hause war. Der Zug hielt am Gleis, alle Türe waren noch offen. Der plötzliche Knall war so laut, dass mein linkes Ohr leicht geschmerzt hat. Alle Gäste haben sich alarmiert umgeschaut. Ich habe nur noch gedacht, bloß weg von hier. Es hat gefühlt ewig gedauert, bis der Fahrer die Türe wieder geschlossen hat.

In meiner Wohngegend wird es auch laut. An späten Abenden haben wir einige Male vereinzelte Böller gehört, um die zweiundzwanzig Uhr. Und heute Morgen. Es war kurz vor sieben. Welcher Vollidiot zündet Feuerwerkskörper in aller Frühe am Wochenende? Heute Morgen war es die Sorte, die man pfeifen hört, wenn sie in die Luft steigt, bevor sie explodiert. Wir sind davon aufgewacht, und ich konnte nicht mehr schlafen. Verdammt.

Jetzt arbeite ich. Ich habe schon wieder viel zu tun. Artikel schreiben und Beiträge für Veranstaltungen vorbereiten. Martin ist wieder eingeschlafen.


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Die lieben Kollegen

Die kann ich gerade nicht mehr aushalten. Fangen wir von vorne an.

Heute Morgen war ich um halb neun bei der Arbeit. Im Büro war ich die erste. Ich habe zuerst Fenster und Tür breit geöffnet. Die Rechner bleiben nachtsüber an, und am nächsten Morgen merkt man es. Zum Glück hat es nur danach gerochen. Vor drei Wochen war Tomasz, mein Nachfolger, in den Urlaub gefahren und hatte seine Frischhaltedose im Büro vergessen. Irgendwas gekochtes hatte er sich von zu Hause aus mitgebracht. Die Essensreste haben ganz schnell angefangen zu vergammeln und zu stinken. Ekelhaft. Die Dose haben wir mit Kate in einen Müllbeutel gepackt und entsorgt. Denn es ist nicht das erste Mal. Auf seinem Schreibtisch stapeln sich benutzte Teller. Bei seiner Rückkehr hat er sich immerhin entschuldigt.

Aber zurück zu heute. Ich saß am Rechner und las meine Emails, wie schon gesagt bei offenen Fenster und Tür. Eine Kollegin aus einer anderen Abteilung, die ich häufig im Flur treffe, ist an das Zimmer vorbei gegangen und hat mich begrüßt. Dann hat sie das Innere des Zimmers genauer wahrgenommen und staunend gefragt, „Sitzen Sie wirklich zu viert da drin?“ Ich: „Tja, ja.“ Sie: „Ist es nicht zu hart?“ Ich: „Schon, aber wir verstehen uns gut, zum Glück.“ Sie musste zu einem Termin und ist weiter gegangen. Wie hart es doch sein kann, habe ich heute festgestellt.

Eine Stunde Ruhe konnte ich genießen. Halbwegs. Ein Kollege, der meistens in einem anderen Gebäude sitzt, ist kurz vorbei gekommen, „um ein bisschen zu quatschen“. Gut, ich sehe ihn kaum. Dann sind die anderen Kollegen gekommen. Alle Postdocs, wie ich. Aber die sind viel jünger als ich und kommen alle frisch von der Promotion. Pawel war zuerst da und meinte, mir die Ergebnisse von seinem Studenten zeigen zu müssen, die er gerade zugeschickt bekommen hatte. Ich habe zugeschaut, da es für meine Arbeit relevant sein könnte. Ich entwickle Programme, die den Anspruch haben, komplexe wissenschaftliche Auswertungen automatisch durchzuführen. Heute habe ich aus Pawels Ergebnisse nichts neues gelernt, habe ihn aber für die tolle Fünde gratuliert und mich wieder zu meinem Bildschirm gewandt. Mr Keen hat mich wegen Hilfe für seine Reisekosten besucht. Warum ich?

Dann kam Kate. Wie sie so ist, macht sie immer den Mund auf, bevor sie nachdenkt, und hat mich ständig bei meiner Arbeit unterbrochen, um mich etwas zu fragen. Pawel hat sich dazu ermutigt gefühlt und meinte, da ich gerade gestört worden wäre, könnte ich ihm auch behilflich sein. Ich habe das Pech, dass ich die einzige im Raum bin, die programmiert, und daher meinen die Kollegen, sie müssten sich nichts merken, sie könnten mich jeder Zeit fragen. Ich saß sowieso nur da und starrte bloss auf den Bildschirm, ja? Dass ich den Bildschirm starre, ohne augenscheinlich irgendwas zu machen, bedeutet aber lange nicht, dass ich allen für alberne Fragen zur Verfügung stehe. Mein Gehirn läuft auf hohen Touren, bevor ich anfange, meine Ideen in Code umzusetzen. Das konnte mir heute Morgen nicht gelingen. Ich sollte mir Notizen machen, wie häufig die Kollegen mich rufen, um etwas zu fragen, das sie selber heraus finden könnten. Wozu habe ich die Optionen --help in meinen Programmen eingebaut und die Dokumentationen geschrieben? Und für den Rest, wozu gibt’s Google?

Ich habe mich gereizt gezeigt, und nach einiger Zeit musste Pawel ins Labor. Tomasz ist spät gekommen und hatte auch praktische Arbeit vor. Kate hat sich in ihrer Arbeit vertieft und ich konnte endlich produktiv werden. Es hat zehn Minuten gedauert, und dann wurde es Mittagszeit. Nach meiner Pause habe ich ein bisschen was geschafft. Kate hat sich gegen drei wegen Migräne verabschiedet und ist nach Hause gefahren. Kurz danach ist Pawel mit Mr Keen ins Zimmer gekommen. Mr Keen, den ich immer noch nicht leiden kann, hat vor Kurzem beschlossen, einen Crash-Kurs in Datenauswertung bei Pawel zu absolvieren. Warum auch immer, das gehört nicht zu seinen Tätigkeiten. Die Beiden haben sich dermaßen laut unterhalten, dass ich mich beschweren musste. Gut, sie haben dann viel leiser gesprochen. Tomasz ist kurz erschienen und hat angefangen, mit den Beiden zu scherzen. Ich musste ihn daran erinnern, dass auch ich in dem Zimmer arbeite. Er hat sich entschuldigt und den Raum verlassen. Das tat mir Leid, da er mich in der Regel am wenigsten stört.

Ich war gereizt. Das war heute eine extreme Belästigung. Als ich um fünf im Zimmer endlich alleine war, habe ich noch eine Stunde weiter gearbeitet, statt Feierabend zu machen. Sonst wäre ich heute zu fast nichts gekommen. Mein IT-Kollege wird uns demnächst leider verlassen. Mein Traum ist es jetzt, zu seinem Schreibtisch zu wechseln und mir den Besenkammer mit der anderen Informatikerin zu teilen. Sie würde mir sicherlich nicht zum x-ten Mal fragen, wie man ein komplettes Verzeichnis vom Terminal aus kopiert. Sie lässt sich kaum blicken, ist an Feierlichkeiten in der Gruppe nicht interessiert und redet nicht viel, mit ihr würde ich eine königliche Ruhe haben (letzteres ist eine direkte Übersetzung aus dem Französischen, ich habe es auf Deutsch nie gehört).


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