Feierabend

Heute Abend, auf dem Weg nach Hause. Ich komme aus der Arbeit zurück und gehe entlang eine kleine Straße hinter unserem Haus. Die Straße endet zwischen zwei Tiefgaragen, eine links, eine rechts. Danach sind zwei Absperrungen, die man nur zu Fuß oder mit dem Fahrrad durchqueren kann. Zwischen beiden Absperrungen fließt ein künstliches Bächle, das man fast übersehen könnte.

Vor der zweiten Absperrung kommt mir ein Fahrradfahrer entgegen. Ich gehe links zur Seite, da ich selber häufig genug mit dem Fahrrad durch das Bächle gefahren bin und weiß, dass man es am besten rechts durchquert, weil es dort eine Vertiefung am ohnehin sehr kleinen Rand gibt. Der Fahrradfahrer scheint es nicht zu wissen. Er steuert direkt auf mich zu. Ich gehe weiter ganz links vom Weg, um Platz zu machen, und halte kurz zur Seite, um dies klar zu machen.

Der Fahrradfahrer guckt mich an und lächelt. Sein Blick wirkt irgendwie komisch, als ob er in flirterischer Stimmung wäre. Stimmt, wir haben jetzt Frühling, und mir ist nicht entgangen, wie die Leute sich in der S-Bahn seit einigen Tagen anders verhalten und ihren Mitreisenden plötzlich mehr Aufmerksamkeit schenken. Der Mann fährt gezielt auf mich zu und hält an.

„Entschuldigung, darf ich Sie etwas fragen?“ fragt er mich. Blöde Frage. Als er den Mund öffnet, trifft mich seine Fahne voll ins Gesicht. Deswegen also der gläserne Blick. Ich trete einen Schritt zurück und frage ihn, was er denn wissen will. „Merkt man es mir an, dass ich betrunken bin?“ Diese Frage hatte ich nun wirklich nicht erwartet. Da meine Nase mir schon Auskunft darüber gegeben hatte, sage ich ihm, „man riecht es“. „Oh“, sagt er, plötzlich irritiert. Tja, er wollte es wissen, warum hätte ich lügen sollen? Er fährt weiter und ruft „Danke“ hinterher.

Ich habe keine Krankenwagen wahr genommen, also gehe ich davon aus, dass er trotzdem seinen Ziel heil erreicht hat. Das ist in Berlin nicht selbstverständlich. Heute ist schon wieder ein Fahrradfahrer tödlich von einem LKW überrollt worden.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Eine erfrischende Begegnung

Treptower Park, auf dem Weg nach Hause. Ich steige um, geistesabwesend. Der Nachfolger in spe von Uschi war heute bei uns, um sich mit einem Vortrag vorzustellen. Oder vielleicht wird Winfried unser neuer Chef, und er wird Winfrieds Nachfolger. Die Stellenaufschreibung, falls es eine gab, habe ich nicht gesehen. Die Entscheidung ist schon gefallen, bevor wir überhaupt in Kenntnis davon gesetzt wurden, dass Uschi uns verlässt. Wie auch immer. Der Nachfolger wirkt nett. Sein Vortrag war gut, aber nicht überragend. Sehr sachlich, leider ohne die Begeisterung, die ich von Uschi kenne. Er verkauft nicht sein Ding, er erzählt nur. Vielleicht, weil er aus einem ähnlichen Forschungszentrum kommt und sich nicht als Konkurrent darstellen wollte?

Ich denke noch darüber nach, als ich aus dem Zug aussteige und in Richtung Treppe gehe, um zum anderen Gleis zu gelangen. Ein junger Mann, links von mir, fragt mich, wohin ich will. Er zögert, anscheinend, weil er mir den Weg nicht sperren will. Deutsch ist er also nicht. Ich lasse ihn vor. Er geht die Treppe runter, ich folge ihm. Wir laufen die nächste Treppe hoch, da wir hören, wie ein Zug gerade ankommt. Vielleicht ist es schon die Ringbahn. Nein. Die S8 steht da. Es verwirrt mich. Ich habe sie noch nie an dem Gleis gesehen. So häufig fahre ich über Treptower Park nicht.

Der junge Mann ist ebenfalls neben mir stehen geblieben und wartet auf die Ringbahn. Er fängt an, mit mir zu reden. Normalerweise bin ich misstrauisch, aber er wirkt sympathisch. Er redet spontan und versucht gar nicht, mich anzubaggern. Es gefällt mir. Wir machen Bekanntschaft. Er kommt aus Marokko und arbeitet in einem Restaurant in Mitte. Als ich sage, dass ich aus Frankreich komme, wechselt er die Sprache. Sein Französisch ist nicht so fließend, aber er nutzt anscheinend gerne die Gelegenheit, es zu üben. Er fragt, was mit meiner Wange los ist, und ich erzähle vom Zahnarztbesuch. Seitdem der Fleck gelb geworden ist, merkt man das Hämatom noch mehr. Wir steigen in die Ringbahn ein und quatschen weiter.

Ich erzähle, dass ich aus der Nähe von Nizza komme (bei einer breiten genug Definition von „Nähe“, und ich habe dort studiert, und der Rest meiner Familie lebt in Nizza). Er meint, dass Nizza vorher italienisch war. Stimmt, die Stadt ist erst am Ende vom neunzehnten Jahrhundert französisch geworden. Es sagt, die Stadt wäre zu Frankreich gekommen, weil Frankreich Italien einen Gefallen gemacht hatte. War nicht damals eine Famine, und, nee, er weiß es nicht mehr, ob Frankreich nicht ein Schiff voller Spaghetti nach Italien geschickt hatte? Ich muss über seine Phantasie lachen, aber gleichzeitig zugeben, dass ich nicht genau weiß, warum es zu dem Wechsel kam. Ich hatte immer gedacht, es müsste in Folge eines Krieges sein, damals, als Napoléon der Neffe an die Macht war. An seine Haltestelle angekommen, verabschieden wir uns. Es war richtig nett, mit einem Fremder einfach so spontan zu plaudern. Das war mir früher in Frankreich viel häufiger passiert.

Ich habe es nachgegoogelt. Nizza ist wirklich zuletzt französisch geworden, weil Frankreich Italien geholfen hatte. Damals wollte sich Italien vereinen. Napoléon der Dritte hat seine Hilfe angeboten, weil Österreich drohte, eine zu starke Macht zu bekommen. Gleichzeitig sollte Italien auch nicht zu groß und potentiell gefährlich werden, deswegen Napoléon als Gegenleistung die Abgabe von Savoyen und Nizza verlangte. Boah. Der Junge hat mich jetzt echt beeindruckt. Ich habe auch nie richtig in der Schule im Geschichtsunterricht aufgepasst.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.