Eine erfrischende Begegnung

Treptower Park, auf dem Weg nach Hause. Ich steige um, geistesabwesend. Der Nachfolger in spe von Uschi war heute bei uns, um sich mit einem Vortrag vorzustellen. Oder vielleicht wird Winfried unser neuer Chef, und er wird Winfrieds Nachfolger. Die Stellenaufschreibung, falls es eine gab, habe ich nicht gesehen. Die Entscheidung ist schon gefallen, bevor wir überhaupt in Kenntnis davon gesetzt wurden, dass Uschi uns verlässt. Wie auch immer. Der Nachfolger wirkt nett. Sein Vortrag war gut, aber nicht überragend. Sehr sachlich, leider ohne die Begeisterung, die ich von Uschi kenne. Er verkauft nicht sein Ding, er erzählt nur. Vielleicht, weil er aus einem ähnlichen Forschungszentrum kommt und sich nicht als Konkurrent darstellen wollte?

Ich denke noch darüber nach, als ich aus dem Zug aussteige und in Richtung Treppe gehe, um zum anderen Gleis zu gelangen. Ein junger Mann, links von mir, fragt mich, wohin ich will. Er zögert, anscheinend, weil er mir den Weg nicht sperren will. Deutsch ist er also nicht. Ich lasse ihn vor. Er geht die Treppe runter, ich folge ihm. Wir laufen die nächste Treppe hoch, da wir hören, wie ein Zug gerade ankommt. Vielleicht ist es schon die Ringbahn. Nein. Die S8 steht da. Es verwirrt mich. Ich habe sie noch nie an dem Gleis gesehen. So häufig fahre ich über Treptower Park nicht.

Der junge Mann ist ebenfalls neben mir stehen geblieben und wartet auf die Ringbahn. Er fängt an, mit mir zu reden. Normalerweise bin ich misstrauisch, aber er wirkt sympathisch. Er redet spontan und versucht gar nicht, mich anzubaggern. Es gefällt mir. Wir machen Bekanntschaft. Er kommt aus Marokko und arbeitet in einem Restaurant in Mitte. Als ich sage, dass ich aus Frankreich komme, wechselt er die Sprache. Sein Französisch ist nicht so fließend, aber er nutzt anscheinend gerne die Gelegenheit, es zu üben. Er fragt, was mit meiner Wange los ist, und ich erzähle vom Zahnarztbesuch. Seitdem der Fleck gelb geworden ist, merkt man das Hämatom noch mehr. Wir steigen in die Ringbahn ein und quatschen weiter.

Ich erzähle, dass ich aus der Nähe von Nizza komme (bei einer breiten genug Definition von „Nähe“, und ich habe dort studiert, und der Rest meiner Familie lebt in Nizza). Er meint, dass Nizza vorher italienisch war. Stimmt, die Stadt ist erst am Ende vom neunzehnten Jahrhundert französisch geworden. Es sagt, die Stadt wäre zu Frankreich gekommen, weil Frankreich Italien einen Gefallen gemacht hatte. War nicht damals eine Famine, und, nee, er weiß es nicht mehr, ob Frankreich nicht ein Schiff voller Spaghetti nach Italien geschickt hatte? Ich muss über seine Phantasie lachen, aber gleichzeitig zugeben, dass ich nicht genau weiß, warum es zu dem Wechsel kam. Ich hatte immer gedacht, es müsste in Folge eines Krieges sein, damals, als Napoléon der Neffe an die Macht war. An seine Haltestelle angekommen, verabschieden wir uns. Es war richtig nett, mit einem Fremder einfach so spontan zu plaudern. Das war mir früher in Frankreich viel häufiger passiert.

Ich habe es nachgegoogelt. Nizza ist wirklich zuletzt französisch geworden, weil Frankreich Italien geholfen hatte. Damals wollte sich Italien vereinen. Napoléon der Dritte hat seine Hilfe angeboten, weil Österreich drohte, eine zu starke Macht zu bekommen. Gleichzeitig sollte Italien auch nicht zu groß und potentiell gefährlich werden, deswegen Napoléon als Gegenleistung die Abgabe von Savoyen und Nizza verlangte. Boah. Der Junge hat mich jetzt echt beeindruckt. Ich habe auch nie richtig in der Schule im Geschichtsunterricht aufgepasst.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Neulich beim Fitness-Studio

Ich bin nur seit zwei Wochen dort angemeldet. Ich hatte es vermisst, an den Geräten zu trainieren, es macht Spaß. Ich war schon fünf mal dort. Ich sehe, wie ich mich in so kurzer Zeit verbessert habe, jetzt schaffe ich endlich vollständig meine vorgesehenen Sätze auf der Schulterpresse (und wir hatten mit meinem Trainer vorsichtshalber mit dem kleinsten Gewicht angefangen).

Neulich beim Fitness-Studio habe ich andere Frauen kennen gelernt, die auch hier trainieren und sich total freundlich verhalten. Sie sprechen sogar unbekannte Leute wie ich an. Das muss ich meiner Kollegin erzählen. Sie kommt aus Süddeutschland und beschwert sich immer noch ab und zu darüber, wie die Leute in Berlin schlecht mit einander umgehen. In meinem neuen Fitness-Studio geht es auch anders.

Am Sonntag habe ich etwas gemerkt, was mich entsetzt hat. Männer enthaaren sich jetzt unter den Armen. Männer in meinem Alter, und älter auch. Wie tief können wir noch sinken? Ich erinnere mich daran, wie wir ein mal mit Freundinnen aus der Uni im Auto durch Nizza unterwegs waren (es war Mitte 90′), und wir alle an einer Ampel über den großen Werbeplakat für eine Jeans-Marke geschwärmt haben, weil ein Mann mit nacktem Oberkörper und gut behaartem Bauch zu sehen war… Diese Zeiten sind vorbei. Ich finde behaarte Männer sehr attraktiv (und bin in Martin verliebt, was völlig paradoxal wirkt). Ich weiß noch, wie ich ein mal in Aachen im Hochsommer unterwegs war, und ein Mann mit freiem Oberkörper auf Fahrrad mir entgegen kam, und ich nur vom Schock starren konnte, weil er keinen einzigen Haar auf der Brust hatte… Ich hatte mich gefragt, warum Männer sich so was blödes antun würden, oder ob er vielleicht eine Krankheit hätte. Er hat meinen Blick gemerkt und mich noch so angelächelt, als ob er sich für unwiderstehlich halten würde, und ich musste wegen der Situationskomik einfach lachen, weil er mich so missverstanden hatte… Aber ich schweife ab.

Wenn ich schon über Männer rede… Letzte Woche war ich im Hantelbereich und machte eine Übung auf einer Liege. In dem Moment ist ein Mann mit seinem Sohn angekommen. Vom Aussehen und vom Akzent her kommt er bestimmt aus Südeuropa. Er hat angefangen zu trainieren, und danach seine Hantel kurz liegen lassen, um die Haltung von seinem Sohn bei einer Bewegung zu korrigieren. In der Zeit sind zwei junge Deutsche angekommen und haben angefangen, mit Hanteln zu trainieren. Ich habe nicht besonders aufgepasst. Ein der beiden Männer hat die Hantel vom Ausländer benutzt, die er am Boden neben sich liegen lassen hatte. Natürlich gab es Streit. Der Streit selbst war mir unwichtig, genauso wie die Männer, aber die Ursache finde ich schon interessant. Wieder ein Kultur-Clash. Aus Sicht des Ausländers: „Ich habe meine Hantel liegen lassen, jemand benutzt sie jetzt, von mir aus, wenn er Pause macht hole ich sie zurück und mache weiter“. Der Deutsche hat sich dabei sofort beschwert und aggressiv gesagt, er wäre nicht fertig, obwohl er gerade seine Pause angefangen hatte. Aus seiner Sicht: „Da liegt eine Hantel, ich hole sie mir, wenn jemand dagegen ist, wird er sich schon melden, sonst, selber Schuld.“ Das hat der Ausländer nicht gemacht, weil er eine andere Erziehung bekommen hat (an schlechten Tagen denke ich einfach, „weil er eine Erziehung bekommen hat“ und streiche das „andere“ weg) und das Teilen mit anderen in ihm geprägt ist. Und ich bin mir sicher, dass der Deutsche immer noch der Meinung ist, nichts falsches gemacht zu haben.

Heute, wieder im Hantelbereich, bin ich Zeugin einer klugen Anmache von einem jungen Mann zu einer jungen Frau gewesen. Also Jungs, so geht’s auch, lernt daraus. Ich habe es den beiden einfacher gemacht, in dem ich meine Wiederholungen leise durchgezählt habe („douze, treize, quatorze…“), sie haben bestimmt gedacht, ich würde nichts verstehen. Er hat angefangen, sie zu fragen, ob sie schon lange trainiert, weil sie so gut mit den Hanteln arbeitet, und so sind sie ganz natürlich ins Gespräch gekommen. Leider hat es vom Alter nicht gepasst. Die Frau ist gerade siebzehn, noch minderjährig, der Mann ist zehn Jahre älter (und ich kam mir dazwischen wie eine Oma vor). Ich hätte schwören können, dass sie Älter war, der junge Mann anscheinend auch. Ein bisschen Neid. Ich weiß, wie es mich genervt hat, am Anfang von einem Semester von den Studenten für eine HiWi gehalten worden zu sein, als ich schon meine Doktorarbeit seit fast zehn Jahren abgeschlossen hatte. Ich hätte mir echt gewünscht, älter auszusehen, oder wenigstens wie mein Alter auszusehen. Ich habe häufig den Eindruck gehabt, dass es bei Vorstellungsgesprächen gegen mich gespielt hat. Ich habe mich riesig gefreut, als ich meinen ersten grauen Haar vor drei Jahren entdeckt habe, aber so viele sind es noch nicht geworden.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Endlich eine Wohnung

Es gibt gute Nachrichten, ich habe endlich eine Wohnung gefunden.

Nicht die, die ganz nah an der Straßenbahn liegt. Die wäre toll gewesen, weil ich gerade 15mn zu Fuß zur Arbeit gebraucht hätte. Ich war wieder dort letzte Woche, ich habe in einem asiatischen Restaurant direkt gegenüber abends gegessen, und es ist doch laut, wenn die Bahn fährt. Die Frau der Immobilienagentur hat mich angerufen. Sie hat nicht herausgefunden, wie sie bei der SCHUFA nach meinen Daten fragen kann, weil ich keinen deutschen Pass habe. Das ist genau das, was ich ihr vom Anfang an gesagt hatte. Sie hat mir gesagt, da die SCHUFA-Auskunft erforderlich ist, könnte ich die Wohnung nicht bekommen. Es wäre gut, nur aus Prinzip gegen die zu klagen, da dadurch Ausländer auf dem Wohnungsmarkt diskriminiert werden. Ich habe aber besseres mit meiner Zeit zu tun. Die Firma sitzt übrigens in Jena. Meine ehemalige koreanische Kollegin war vor zwei Jahren dort zum Vorstellungsgespräch eingeladen worden. Sie war mit ihrem Mann und beiden Kindern hingefahren, sie hatten abends in einem Restaurant gegessen. Sie hat mir danach erzählt, wie sie sich dabei sehr unwohl gefühlt hatte, weil alle anderen Gäste sie die ganze Zeit unfreundlich angestarrt hatten. Sie meinte, die Leute dort müssten wohl noch nie im Leben asiatische Ausländer gesehen haben.

Ich habe zum Glück am Mittwoch eine Zusage für die Wohnung bekommen, die ich die Woche davor besichtigt hatte. Sie ist sehr ruhig gelegen, es gibt keine Straße direkt ums Haus, die nächste Straße ist gut 50m entfernt und ist noch sehr klein. Und schön, drei Zimmer mit Balkon, und deutlich günstiger als meine aktuelle Wohnung. Auch noch günstiger als die Wohnung neben der S-Bahn. Alles was fehlt, ist der endgültige Mietvertrag. Er wird mir diese Woche per Post geschickt. Die elektronische Version habe ich schon per Email bekommen. Ich freue mich riesig. So bald ich einziehen kann, kaufe ich ein paar Kratzbäume, ein pro Zimmer, dann noch ein Katzenklo, und nehme meine Katze endlich mit. Ihr geht’s momentan gar nicht gut. Es ist für sie zu viel Stress, dass ich jede Woche weg bin und nur am Wochenende nach Hause fahre. Letztes Wochenende hatte sie sich am Samstag ganz früh morgens übergeben, vorgestern auch. Meine Vermieterin sagte, das würde sie in der Woche sonst nicht machen. Und ich werde nicht traurig sein, nicht mehr am Wochenende mit dem Zug zu pendeln. Jedes Mal acht Stunden theoretisch, eigentlich mehr in der Praxis, weil es immer Verspätungen gibt, am Freitag war es besonders übel, alle Züge konnten über anderthalb Stunde von Köln nicht wegfahren. Zum Glück war die Klimaanlage in meinem Zug in Ordnung (eigentlich hätte ich einen anderen ICE nehmen sollen, aber er war ausgefallen, und ich hätte den eh nicht erreicht, weil mein ICE aus Berlin schon über 40mn Verspätung hatte).

Ich hätte damit gerechnet, erstmal keine Sorge mehr zu haben. Arbeit, Wohnung, alles in Ordnung. Tja. Es gibt da diesen Kollegen, mit dem ich so unheimlich gerne zusammen bin… Ach nee, ich kann mich doch nicht in so einer kurzen Zeit verlieben! Oder doch? Ich kenne ihn kaum. Nun, ich fühle mich ganz schön zu ihm angezogen. Die Alarmglocke hat bei mir geschlagen, als ich bei der Arbeit eines Morgens neben ihm stehen musste, und er von seinem morgendlichen Fahrradfahren noch verschwitzt war, und anstatt, dass der Geruch mich störte, wie zu erwarten gewesen wäre, habe ich plötzlich einen Hormonenüberschuss bekommen und den Drang gespürt, ihn anzufassen. Schlimm. Für die nächsten Wochen sollte er in den Urlaub fahren. Zeit genug, um mich zusammen zu reißen.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

„Il n’a personne vu“

Heute rege ich mich über meine Landesgleichen auf[1]. Und ich fange gleich mit dem Zitat im Titel an.

Nach meiner Promotion habe ich einen kurzen Vertrag für eine Arbeit in einem Forschungsinstitut in Frankreich bekommen. Fast alle meine Kollegen waren Franzosen, wir hatten auch einige Ausländer in meiner Gruppe, unter anderen einen Deutschen, Burkhardt, der seit zwei oder drei Jahren schon da war und fleißig Französisch lernte[2]. Wir sind eines Tages mit ihm und anderen Kollegen in die Mensa gegangen. Burkhardt hat uns eine Anekdote erzählt, ich weiß nicht mehr genau, worum es ging, aber er hat irgendwann gesagt, dass ein Mann niemanden gesehen hatte. Dabei hat er versehentlich die deutsche Grammatik eingesetzt und das Partizip am Ende gesagt: „Il n’a personne vu“, statt „Il n’a vu personne“. Im Grunde sind nur zwei Wörter getauscht. Nicht schlimm, man kann’s trotzdem verstehen, dachte ich. Was für eine Aufregung bei meinen französischen Kollegen! Einige haben nur gelacht, nachdem ich sein Fehler erklärt habe; eine andere Wissenschaftlerin konnte sich aber nicht mehr beruhigen, weil der Satz für sie völlig unverständlich war, und hat sich nur noch darüber aufgeregt, er sollte wenigstens richtig Französisch sprechen, wenn er sich mit den Leuten hier unterhalten wollte. Die blöde Zicke hat mir ein wenig Leid getan[3]. Wenigstens hatte sich Burkhardt die Mühe gegeben, sich unsere Sprache zu eignen. Ich würde gerne sehen, wie sie in sich in Deutschland ausdrücken würde. Deutsch hat sie anscheinend nie gelernt, sonst hätte sie sein Fehler verstanden. Diese Geschichte zeigt mir, wie verschlossen und intolerant einige Franzosen gegenüber andere Sprachen oder Ausländer sein können. So wenige Franzosen sind es nun auch nicht…

2002 hatten wir eine Präsidentschaftswahl. Wie üblich gab es zwei Wahlgänge, zwei Wochen voneinander entfernt, jeweils sonntags. Ich hatte damals den langen Weg aus Deutschland zu meiner Heimat gemacht, um mich an die Wahl zu beteiligen – das war gleichzeitig die Gelegenheit, meine Eltern zu besuchen. Am ersten Sonntag, Ende April, habe ich mit der Tagesschau abends einen tiefen Schock bekommen, als die Ergebnisse bekannt gegeben wurden. Bei einer Wahlbeteiligung von knapp 72% haben 17% der Wähler ihre Stimme für die rechtsextremistische Partei von Le Pen gegeben, und ihn damit ermöglicht, zum zweiten Wahlgang zu kommen, wo nur noch zwei Kandidaten übrig bleiben dürfen. So konnte Chirac mit 82% der Stimmen zum zweiten Mal gewählt werden. Mein Volk, meine Heimat? Nein, ich kann mich seitdem wirklich nicht mehr mit diesem Volk identifizieren[4].

Das schlimme daran ist, dass ich langsam den Eindruck bekomme, die meisten Wähler sind nicht in der Lage, sich über eine Partei oder über die Lage ihres Landes ein klares Bild zu machen – sie haben keine blasse Ahnung. Das sehe ich täglich auf Facebook. Ein Beispiel von heute Morgen: Eine Bekannte aus der Schulzeit teilt einen Status mit politischem Charakter aus irgendeiner Seite mit, in dem sehr karikaturistische Aussagen über die Parteien von links und rechts gemacht werden, und wo klar wird, dass der Autor die Linksangehörigen für Vollidioten hält und die Rechtsangehörigen für deutlich überlegener. Es ist mir im Grunde egal, wie der Verfasser dieses Status politisch orientiert ist. Was mich stört ist, neben der Benutzung von spöttischen pauschalen Aussagen ohne Quelle, um deren Gültigkeit zu prüfen, der letzte Satz (von mir ins Deutsche übersetzt): „Wenn eine Person einer rechten Partei diesen Status liest, teilt sie ihn mit. Eine Person der Linke nicht.“ Und gleich die Reaktion von meiner Bekannte: „Ich bin parteiunabhängig und teile diesen Status mit.“ Ich wollte gleich schreiben, „Du hast dabei vergessen, deinen Gehirn einzuschalten.“ Ich meine, einfach blind einer Aufforderung zum Mitteilen von irgendeinem Text folgen, weil eine unbekannte Person drin impliziert, wenn du nicht mitteilst musst du linksorientiert sein, also ein Vollidiot? Hallo? Das nenne ich einfach Spam zwecks Hirnwäscherei. Und es ist leider nur ein Beispiel. Vor zwei Wochen hatten wir ein Bild, der viral auf Facebook geteilt wurde, in dem eine Vergleichstabelle zwischen Arbeitnehmern und Arbeitslosen zeigte, dass man als Arbeitslos am Ende vom Staat viel mehr Geld zum Leben bekommt. Nirgendwo wurde angegeben, woher diese ganzen Zahlen kommen, oder auf welcher Basis sie gerechnet wurden, was Facebook-Benutzer nicht daran hinderte, munter das Bild weiter zu teilen. Wie Rue89 später berichtete (auf Französisch), handelte es sich ursprünglich um einen kleinen Witz, der absichtlich zum Spaß viele Fehler enthielt. Dabei interessierte sich keiner dafür, der das Bild weiter teilte, ob die enthaltene Information wahr ist oder nicht. Ahnungsloses Mitteilen ist aber katastrophal, wenn dadurch wie häufig Ideen von Rechtsextremisten an Gewicht gewinnen. Weil man ja diese populäre Weisheit kennt: „Wenn es auf Internet steht, muss es wahr sein“. Und es ist so bequem, die Schuld für eine schlechte Wirtschaftslage auf eine einfach zu identifizieren Bevölkerungsminderheit zu schieben. Diese Beispiele und viele mehr aus einem nicht geringen Teil meines Bekanntenkreises[5] auf Facebook zeigen mir, dass viele Leute ohne nachzudenken alles glauben, was man ihnen erzählt, und mir dadurch als Wahlunfähig erscheinen.

[1] Wobei ich denke, was ich erzähle wird in anderen Ländern nicht anders sein.
[2] Das alleine ist in meinen Augen schon lobenswert. Ich habe in Deutschland französische Kollegen gehabt, die sich nie die Mühe geben wollten, Deutsch zu lernen.
[3] In der Grundschule hatte man – wenigstens noch in meiner Zeit, und die Frau ist älter als ich – eine Übung gehabt, wo Wörter eines Satzes in einer beliebigen Reihenfolge angegeben waren, und man musste sie richtig anordnen, um einen Sinn zu bekommen. Dass sie das in diesem kleinen Satz nicht mal hinbekommen hat, fand ich… traurig.
[4] Ich kann das Ansehen der französischen Flagge auch nicht mehr ertragen, sie ist in meinem Kopf zu sehr mit dieser Partei verbunden. Die haben sie ja in ihrem Logo verarbeitet.
[5] Und aus meiner Familie…


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Deutsche, Ausländer und die Wirtschaftskrise

Oder wie ich mich einmal so angeekelt reden lassen habe, dass mir nichts mehr einfiel. Ich hasse diese Momente der Sprachlosigkeit.

Ich war mit einem gut befreundeten Arbeitskollegen, Sebastian, ein blonder Deutscher, und seiner Frau Amandine, eine Afrikanerin, in der Stadt unterwegs. Es war Frühling, glaube ich, und wir gingen die Straße vom Markt runter. Da kam auf uns ein Paar zu. Der Mann, ein Deutscher, geschätzt über 30, schon mit vielen grauen Haaren in seiner schwarzen Frisur, war ein früherer Kommilitone von Amandine und fing dann an, mit ihr zu reden. Die Frau, auch eine Deutsche und blond, stand neben ihm und sagte nicht viel. Erst wurden Banalitäten über das Leben nach dem Studium ausgetauscht. Der Mann war seit über einem Jahr an seiner Diplomarbeit beschäftigt und teilte seine Tricks mit, wie er es schaffte, trotz seines Alters als Student bei seinem Job keine Steuer bezahlen zu müssen. Amandine erzählte, sie war inzwischen seit Jahren mit Sebastian verheiratet, hatte bei einer Chemie-Firma gearbeitet und war jetzt schwanger. Die Bemerkung ihres Kommilitonen zu seiner Freundin: „Na Schatz, es wird langsam Zeit, dass wir uns auch an die Arbeit machen“, lachte und klatschte mit der Hand gegen ihr Hinten. Gezwungenes Lachen, ich kannte den Mann nicht und fragte mich, ob er sich wirklich immer so wie ein Vollidiot verhalten würde, oder ob es nur zum Spaß gedacht war.

Als ich noch am Grübeln war, glitt die Diskussion über Ausländer. Der Mann vertritt offenbar der Ansicht, dass Ausländer in Deutschland nur der Wirtschaft schaden würden, da diese meistens nur froh wären, ihr Arbeitslosengeld zu beziehen und gemütlich zu Hause auf Kosten des Staates leben zu können. Ich musste gerade an den Bäcker bei mir unten um die Ecke denken, der Türke ist und das ganze Jahr von 06:30 bis 23:00 an der Theke steht, ohne einen Ruhetag in der Woche zu haben. Abgesehen davon, dass ich von pauschalen Behauptungen nichts halte (ja, das ist auch eine pauschale Behauptung), fand ich seine plötzliche Tirade sehr unpassend, da Amandine Afrikanerin ist. Sie ließ sich nicht irritieren und sagte nur lachend, er würde übertreiben. Was konnte ich noch dazu sagen? Mir hat es die Sprache verschlagen. Stellt euch mal vor, ein Deutscher, der mit über 30 immer noch Student ist, seine Diplomarbeit nach so langer Zeit noch nicht fertig geschafft hat und stolz drauf ist, ein Steuerhinterzieher zu sein, versucht uns ernsthaft einzureden, dass was dem Staat richtig Geld kostet die faulen Ausländer seien. Dabei stand seine Freundin neben ihm und lachte ab und zu, allerdings nicht sehr überzeugend. Ich wollte sie an die Schulter packen, sie schütteln und ihr sagen, „Was treibst du mit dem Mann überhaupt? Wach auf! Klar, viele Frauen wollen nicht alleine leben, aber es ist noch lange kein Grund, sich einem solchen Drecktyp vor die Füße zu werfen!“ Ich habe sie genauer betrachtet und dann gemerkt, „Na ja, so hübsch ist sie auch nicht, vielleicht glaubt sie, keinen abkriegen zu können… Aber trotzdem, allein zu sein ist immer noch besser, als schlecht begleitet zu sein…“ Sie hat meinen Blick gemerkt und ihrem Freund dann halb verschämt gesagt, er solle damit aufhören. Nach einem „Ist doch wahr“ sind die beiden nach Hause gegangen.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.