Ein unangenehmer Gast

Vor einiger Zeit hatte ich bei der Arbeit einen „Gast“ aus der Uni, der sich „aus Neugier“ unsere Anlage anschauen wollte. Er hatte mich vor zwei Monaten angeschrieben, weil er in einem ganz anderen Gebiet arbeitet, sich aber „immer mehr“ für unsere Thematik interessiert und wahnsinnig gerne bei uns vorbei schauen möchte. Seine Email las sich fast wie eine Bewerbung an und kam mir sehr merkwürdig vor. Ich hatte mich gerade auf eine Stelle in unserer Gruppe beworben, bevor es klar wurde, dass ich aufgrund des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes nicht drauf eingestellt werden könnte, und hatte damals natürlich keinen Zugang zu den Unterlagen von den anderen Kandidaten.

Jetzt weiß ich, dass mein Gast ein der Bewerber ist. Der passt vom Profil aber nur geringfügig, und wir haben viel geeignetere Personen zum Vorstellungsgespräch eingeladen. Außerdem war Winfried ziemlich beleidigt, als ich ihm (erst danach) von meinem Gast erzählt habe, weil er als Ansprechpartner auf der Stellenanzeige steht, nicht ich. Er hat mich nur kontaktiert, weil seine Chefin mich aus meiner früheren Uni kenne. Wir hatten sehr ähnliche Themen. Sie hatte damals ihre Stelle zum Teil dank meiner Hilfe bekommen. Sie hat mir ihren Mitarbeiter bei der Tagung in März vorgestellt, und er kam mir sehr unsympathisch vor, vor allem in der Art, wie er gedrängt hat, um einen Termin mit mir zu vereinbaren. Er wirkte arrogant. Ich hatte gehofft, dass Winfried vor dem Termin einen Kandidat für die Stelle gefunden und die Absagen geschickt hätte. Dann wäre mein Gast bestimmt doch abgesprungen. Es ging leider nicht so schnell, weil wir so gute Kandidaten dabei hatten, dass wir lange gebraucht haben, um uns zu entscheiden. Jetzt warten wir darauf, dass der erste Wunschkandidat das Angebot annimmt. Oder ablehnt.

Nachdem ich meinem Gast unsere Geräte vorgestellt habe, haben wir einen Kaffee genommen. Ich habe zuerst gedacht, dass ich einen falschen ersten Eindruck von ihm bekommen hatte, weil er doch sympathischer als das letzte Mal wirkte. Als er dann erzählt hat, dass er sich bei uns beworben hatte, was er bisher nicht erwähnt hatte, ist er fast aggressiv wie bei der Tagung geworden. Er sah aus, als ob er es nicht glauben könnte, dass er mit seinem Lebenslauf noch keinen Angebot von uns bekommen hätte. Er interessiert sich doch so sehr für unsere Thematik, weil er sie bei einer Tagung vor zwei Jahren zufällig entdeckt hat und Vorträge darüber gehört hat. Er kann’s mit links. Er wäre der Idealkandidat. Es wäre eine Frechheit, ihn nicht in der Gruppe haben zu wollen, nur weil er die in der Stellenanzeige explizit benötigte Erfahrung nicht hat und an einem ganz anderen Thema arbeitet. Ein beispielloser Fall von realitätsferner Selbsteinschätzung.

Verglichen mit den anderen Kandidaten steht er eher ganz hinten in der Liste. Am Ende findet man noch die Kandidaten, die offensichtlich ihre Bewerbung geschrieben haben, ohne den Text der Anzeige gelesen zu haben, und die in unserer Gruppe ihre Forschungsaktivitäten fortführen wollen, die nicht ansatzweise mit unserem Institut zu tun haben. Ich habe nur darauf hingewiesen, dass Winfried sich bei ihm melden würde, wenn er eine Entscheidung getroffen hat.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

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