Hausarzt gewechselt

Ich war schon länger mit unserem Hausarzt unzufrieden. Der Ehemann hatte ihn uns ausgesucht, bevor wir zusammen umgezogen sind. So praktisch auf der anderen Seite der Straße. Das war vor drei Jahren.

Mich hat es vom Anfang an gestört, wie sehr es im Treppenhaus und in der Praxis nach Zigarettenqualm stinkt. Sobald man die Haustür öffnet, wird man von dem Mief begrüßt. Meistens hat es in der Praxis nicht so stark gestunken, und ich hatte immer gedacht, es wäre ein Nachbar im Haus, der die ganze Zeit so raucht. Nein. Es lag daran, dass die Fenster in der Praxis häufig weit geöffnet sind, um zu lüften. Der Arzt hat eine Küche hinter dem Warteraum, und als ich eines Morgens bei der Eröffnung vor dem Schreibtisch seiner Sekretärin stand, saß er da am Küchentisch mit breit geöffneter Tür und rauchte. In seiner Praxis. In völliger Verachtung seiner Patienten. Das darf doch nicht wahr sein! Der Arzt ist auf Bewertungsportalen dafür bekannt, dass er seine Patienten leicht krank schreibt, wahrscheinlich deswegen ist seine Praxis trotzdem gut gefüllt, überwiegend von kerngesund aussehenden jungen Menschen.

Als er mich vor zweieinhalb Jahren mit Verdacht auf Appendizitis wegen Bauchschmerzen zur Notaufnahme vom nächsten Krankenhaus geschickt hatte, dachte ich nach der OP, immerhin hat er mich dahin geschickt und mir so das Leben gerettet. Ich hatte innerlich viel Blut verloren. Gut, es war keine Appendizitis sondern eine Bauchhöhlenschwangerschaft, aber wie soll man bei so starken Schmerzen so schnell die richtige Diagnose stellen? Die Möglichkeit einer Extrauteringravidität hatte er erwähnt, obwohl er nicht daran glaubte und die zusätzlichen Schulterschmerzen ignoriert hatte. Im Nachhinein: Er hätte drauf kommen sollen. Wir hätten auf jeden Fall viel Zeit gespart, wenn er mich gleich zu einem Krankenhaus mit einer Gynäkologie-Abteilung geschickt hätte.

So sah mein Radiusköpchen im letzten Sommer aus.

Nach der Fehlgeburt am Anfang des Jahres bin ich bei ihm gewesen. Ich hatte einige Wochen zuvor Schmerzen in meinem linken Ellbogen gespürt. Ein Dreivierteljahr davor hatte ich mir den Radiusköpchen angebrochen, und nach der Behandlung wurde der Riss nicht geprüft. Nicht, dass es den Arzt interessiert hätte, er hatte sich damals die Tomographie-Erbegnisse gar nicht angeschaut. Der Bruch war komplizierter als gedacht. Als ich also während der Schwangerschaft Schmerzen bekommen hatte und den Unterarm nicht mehr so weit drehen konnte, bin ich zur Orthopädie gegangen. Wegen meines Zustandes kam Radiologie nicht in Frage, der Unterschied zum rechten Arm war aber deutlich zu sehen. Nach der Fehlgeburt bin ich zurück zum Hausarzt gegangen. Der Schmerz war wieder weg, der Arm sah normal aus, es gab kein akutes Problem, was die Nutzung der Sprechstunde bei der Orthopädie rechtfertigen würde. Außerdem hatte der Hausarzt damals die Tomographie angefordert. Tja. Alles, was er mir verordnet hat, waren Antidepressiva. „Mit ihrem Arm ist alles in Ordnung, Sie haben ein Problem im Kopf“, verkündete er mir. Ist ja klar, nach der Fehlgeburt drehe ich jetzt durch, war seine Schlussfolgerung. Es hat mich recht sauer gemacht. Ich habe beschlossen, nie wieder zu ihm zu gehen.

Einen neuen Arzt hatte ich mir leider noch nicht ausgesucht, als ich vor zehn Tagen aus heiterem Himmel eine Blasenentzündung bekommen habe. Ich war gerade aus einem zweitägigen Workshop mit dem Bus aus dem Flughafen zurück nach Hause gefahren. Nach der Haltestelle hatte ich gut zehn Minuten Fußweg, worüber ich mich freute. Mir ging’s blendend. Beim Aussteigen habe ich plötzlich so einen schmerzhaften Harndrang gespürt, das war unglaublich. Ich konnte keine zehn Meter laufen, ohne eine kurze Pause einlegen zu müssen, um den Urin in der Blase zu halten. Die Nacht war hereingebrochen, die Gegend nicht so stark besiedelt, und obwohl ich so gerne einfach am Straßenrand meine Blase geleert hätte, konnte ich nicht. Es war mir zu hell beleuchtet, vereinzelte Leute waren noch unterwegs. Ich trug einen langen Mantel und habe ernsthaft daran gedacht, mir in die Hose zu pinkeln. Aber dann, die Sauerei in den Schuhen… Ich habe es bis nach Hause geschafft. Habe alles am Boden fallen lassen, bin am erstaunten Ehemann vorbei gerauscht und samt Schuhe und Mantel zum Klo gerannt. Hat es weh getan! Und zum Schluß war der Urin rötlich gefärbt. Den ganzen restlichen Abend hatte ich Harndrang, obwohl ganz wenig zu entsorgen war, und es gab Blut im Urin. Am nächsten Morgen musste ich zum Arzt. Als ich ihn gefragt habe, ob er eine Urinprobe wollte, hat er gelacht. Ich habe pauschal Antibiotika gegen E. Coli bekommen. Wie lange möchte ich denn krank geschrieben werden, wollte er wissen. Gar nicht, war meine Antwort. Ich programmiere, habe also keine schwere körperliche Arbeit, und es macht mir Spaß. Das war für ihn unbegreiflich. Eine junge Frau soll hübsch sein und nicht so viel denken, hat er mir gesagt. Was will ich mit Programmieren? Ah ja, ich hatte schon mitgekriegt, wie frauenfeindlich er seine weiblichen Hilfskräfte behandelt. Und er war schon dabei, mir geistesabwesend das Formular für eine Krankschreibung zu füllen. Die habe ich abgelehnt.

Mir hat’s gereicht. Der Ehemann hat sich letzte Woche einen grippalen Infekt geholt und ich habe etwas davon bekommen. Wir mussten beide zum Arzt. Diesmal war eine Krankschreibung nötig. Wir haben einen anderen Arzt gefunden, der zwar weiter weg liegt, dafür einen viel besseren Eindruck macht. Die Praxis stinkt nicht wie ein Rauchsalon, der Empfangsbereich sieht sauberer und professioneller aus, das Wartezimmer ist viel angenehmer gestaltet, und der Arzt nimmt mich ernst, wenn ich etwas erzähle! Dass ich übrigens nach der Behandlung mit Antibiotika eine vaginale Mykose entwickelt habe, überrascht ihn nicht, es ist bekannt. Das ist die Art von Information, die ich gerne von meinem ehemaligen Arzt bekommen hätte. Ich habe es nicht kommen gesehen. Ich finde nun, langsam könnten die Wehwehchen aufhören. Einen Monat dauert es schon an. Was der neue Arzt sonst angesprochen hat ist, dass wir einen Termin für einen Gesundheitscheck vereinbaren sollen. Darauf hat jeder Versicherter ab 35 alle zwei Jahre einen Anspruch, und das hatte mir der vorherige Arzt verschwiegen! Ich bin froh, dass wir die Praxis gewechselt haben.

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Die Zukunft sieht düster aus

Die liebe Kate hat sich von uns verabschiedet. Ganz unerwartet war es nicht, sie hatte mir schon erzählt, dass sie sich beworben hatte und für Vorstellungsgespräche eingeladen wurde. Für die meisten Kollegen kam es abrupt vor, da sie sie eine Woche vor ihrem letzten Arbeitstag  informiert hat. Es ging alles so schnell, selbst für sie. Ich wünsche, es könnte bei mir auch so schnell gehen.

Tomasz verlässt uns bald, da sein Vertrag abläuft. Mir sind auf einmal zu viele Leute weg, die ich schätze, und was übrig bleibt motiviert mich nicht genug, weiter in der Gruppe zu arbeiten. Mein DFG-Antrag liegt mir nicht mehr in den Händen und ist immer noch nicht von unseren Uni-Partnern eingereicht worden (ich selber darf das nicht alleine). Es ist zu spät, um ab Januar weiter beschäftigt zu werden. Winfried droht jedoch damit, mir trotz Wissenschaftszeitvertragsgesetzes einen neuen Vertrag für ein Jahr zaubern zu können. Durch Gespräche mit der Geschäftsleitung hätte er eine mündliche Zusage bekommen und ich sollte mir keine Sorgen machen. Ich mache mir Sorgen, dass er mir tatsächlich einen neuen Vertrag anbieten könnte. Er will mich nicht los lassen. Ich habe die Schnauze voll und nutze meine knappe Freizeit, um Bewerbungen zu schreiben. Die Firma aus München hat sich nicht mehr gemeldet, obwohl meine Kontaktperson mir nochmal vor zwei Monaten geschrieben hatte, dass ich Ende September einen Vorschlag bekommen würde. Ich muss nachhaken. Ich will weg von hier.

Da Kate geht, wird die Mittagspause blöd. Wir hatten uns häufig vom Rest der Gruppe getrennt und waren woanders essen gegangen, manchmal mit anderen Kollegen, aber in letzter Zeit nie mit Mr Keen. Ich müsste ab jetzt mit den Anderen gehen, was ihn einschließt. Ich glaube, ich fange lieber an, mir Brot zu schmieren.

Eigentlich trägt Mr Keen eine gewisse Verantwortung dafür, dass Kate geht. Das hat sie mir erzählt, und obwohl ich schon nicht viel von ihm hielt, hätte ich nicht gedacht, dass er tiefer sinken könnte. „Weißt du, Mr Keen ist nicht so nett, wie er aussieht“, meinte sie mich plötzlich warnen zu müssen, als wir vor einem Monat unseren Betriebsausflug hatten. Ach was! Kate hatte schon eine Vorwarnung bekommen, aber die Beiden hatten sich danach versöhnt. Nicht, dass sie eine Affäre hatten, aber sie haben sich häufig außerhalb der Arbeit getroffen. Sie fand ihn interessant, weil er viel gereist ist und einiges über viele Länder zu erzählen hat, und er hat viele Bücher über Psychologie gelesen, worüber sie gerne diskutiert hatte. Alles sehr freundlich, wobei es ihr manchmal unheimlich vor kam, wie er sich mit ihr verhielt. Mir kam es schon lange komisch vor, wie häufig er mit den anderen Postdocs etwas abends oder an Wochenenden unternommen hat, und seine Frau alleine gelassen hatte. Aber Mr Keen ist jemand, der versucht, sich bei allen gut darzustellen. Sich einzuschleichen. Daher hat er immer mit gespielter Begeisterung gemeinsamen Ausflüge vorgeschlagen. Mir kam seine Weise nicht natürlich vor, und ich habe kaum an Aktivitäten außerhalb der Arbeit teil genommen. Mir meine Freizeit verderben, indem ich Mr Keen ertragen muss? Kommt nicht in Frage. Die Anderen sind so geblendet und kaufen ihm seine Freundlichkeit ab, und Kate ist keine Ausnahme. Dass die Beiden sich so häufig privat getroffen hatten, wusste ich aber nicht.

Ohne in Details gehen zu wollen, hat er mit ihr richtig Psychoterror betrieben, so dass sie am Ende nur noch von sich selbst gezweifelt hat. Anscheinend ist er jemand, der nicht genug Aufmerksamkeit bekommen kann, und extrem eifersüchtig auf die Anderen ist. Es war mir aufgefallen, wie er am Anfang reagiert hatte, dass ich ständig dienstlich unterwegs bin. „Ich will auch endlich mal auf Tagungen fahren und Vorträge vor Publikum halten,“ hatte er mal Winfried neidisch gesagt. Er sehnt sich nach Ruhm und Anerkennung. Dafür hat er nicht genug geleistet. Florian ist halb so lange wie er in der Gruppe und hat viel mehr erreicht. Aber es ging noch viel krasser, wie Kate mir erzählte. Er hat mitbekommen, dass sie häufig mit Pawel Kaffeepause macht. Ich habe auch die Beiden mehrmals mit der Tasse in der Hand außerhalb vom Büro gesehen. Schön, wenn sie sich gut verstehen, schließlich sitzen sie im gleichen Zimmer. Er hat sich bei ihr beschwert, sie würde dadurch Pawel absichtlich von ihm fernhalten. Paranoid ist er also auch. Und um ihrem ihm gegenüber unverschämten Treiben ein Ende zu setzen, hat er sich etwas echt Geisteskrankes ausgedacht. Seine Frau sollte Pawels Frau anrufen und ihr sagen, dass ihr Mann viel zu häufig seine Zeit mit Kate verbringt. Mir sind die Kinnladen herunter gefallen, als sie mir das erzählte. Es hat aber nicht geklappt, sie macht immer noch Pausen mit Pawel. Vielleicht, weil Mr Keen gerade vier Wochen Urlaub hatte.

Mr Keen hat Kate ständig Vorwürfe an den Kopf geschmießen, über Sachen, die er eigentlich selber macht. Er hat sich bei ihr als Opfer dargestellt, obwohl er derjenige ist, der Kate psychologisch immer wieder angegriffen hat. Er sagt immer vor den Anderen über dreiste Verhaltensweisen, „aber so was würde ich nie machen“, um es doch genau zu tun. Wenn ihm etwas Böses ausrutscht, sagt er dann, dass war nur Spaß, er würde es nicht so meinen. Und ob er es doch so meint! Aber weil er sich davon distanziert, glauben es ihm die Leute auch! Ich verstehe es nicht.

Irgendwann wurde es Kate bei ihrem letzten Streit zu viel und ihr sind die Schuppen von den Augen gefallen. Er ist ihr böse geworden, dass sie nicht mehr nach seiner Pfeife tanzt. Sie hat jetzt Angst, alleine mit ihm zu sein und nennt ihn einen Psychopath. Wie gut, dass sie nicht im gleichen Zimmer arbeiten. Er hat ihr viele Hass-SMS geschickt, die sie gleich gelöscht hat, weil es sie so stresst. Was für ein Fehler! Das wäre doch die Lösung, um ihn los zu werden! Wenn Winfried endlich mit Beweisen mitbekommen würde, wie Mr Keen sich wirklich mit seinen Kollegen verhält! Aber Kate will ihm nichts sagen, und so kann ich das, was ich nur vom Erzählen erfahren habe, ihm nicht mitteilen. Jetzt, wo sie uns verlässt, frage ich mich, wen er sich demnächst als Opfer aussucht.

Eine Knirpssche Frechheit

Ich hatte mir nach dem Verlust von meinem Lieblingsregenschirm schweres Herzens einen neuen gekauft. Wir waren mit dem Ehemann bei Karstadt und hatten lange gesucht, bis wir einen guten Regenschirm gefunden hatten. Es war wieder ein Knirps, wobei ich schlucken musste, weil der Preis bei ähnlicher Qualität verglichen mit meinem verlorenen Regenschirm mittlerweile doppelt so hoch geworden war. Damals hatte ich 30€ beim Kaufhof gelassen, diesmal waren es satte 60€ (59,99€), um einen stabilen Regenschirm zu bekommen, den man mit einfachem Knopfdruck wieder schließen kann. Heftig. Der war immerhin recht schick, der neuer Regenschirm, mit seinem roten Karomuster.

Das war bis vor einem Monat. Denn was habe ich gemacht? An einem Tag, als es drohte, leicht zu regnen, ich aber einfach mit Regenjacke zur Arbeit raus gehen wollte, hat mich der Ehemann überredet, den neuen Regenschirm doch mitzunehmen. Die kleine Handtasche war schon voll , ich musste ihn also zusätzlich tragen. Und was habe ich getan? Ihn im Bus beim Aussteigen liegen lassen. Es war ja irgendwie klar, dass es passieren musste, daher war mein erster Impuls gewesen, ihn gar nicht mitzunehmen. Ärgerlich ist, dass ich an dem Tag nicht mal was vom Regen mitbekommen hatte, ich hätte es mir echt sparen können. Dass ich mein Bauchgefühl so leicht strapazieren lasse… Und nochmal Mist, schon wieder ist ein Regenschirm weg, und diesmal habe ich ihn nicht mal den ganzen Sommer behalten.

Was soll’s, lange jammern hilft nicht, ein neuer Regenschirm muss her. Aber nochmal so lange in Karstadt suchen zu müssen wollte ich nicht. Es geht auch online. Ich also gleich am Abend zum Knirps Shop… Wie der Regenschirm hieß, wusste ich nicht mehr, den Schild hatte ich längst entsorgt. Aber wenn ich den gleich aussehenden Regenschirm beim gleichen Preis finde, sollte es auch klappen. Dachte ich. Ich wurde schnell fündig und bestellte den Regenschirm.

Was ich bekommen habe ist eine absolute Frechheit. Das Gestell wirkte wackelig und gar nicht so stabil, der Griff sah billig aus, der Schirm ließ sich nicht mal mit Knopfdruck wieder schließen, und für diese minderwertige Ware sollte ich genau das gleiche wie für das tolle Modell aus Karstadt bezahlen? Ich habe es nochmal geprüft, aber ich bin wirklich nicht auf einer Betrugsseite gelandet, es ist wirklich der Shop von Knirps, bei dem ich bestellt habe. In der Email zur Bestellungsbestätigung gab es eine Widerrufsbelehrung, und ich habe laut dieser innerhalb vierzehn Tage nach Empfang der Ware das Formular elektronisch und die Ware per Post zurück geschickt. Die automatische Email-Antwort zum Widerruf habe ich bekommen, aber sonst gar nichts. Ich bin gespannt auf den nächsten Kontoauszug meiner Kreditkarte.

Mein Fazit ist jedenfalls: Nie wieder beim Knirps Shop bestellen.

Die BVG hat wieder zugeschlagen

Einmal zu viel. Etwas muss sich ändern. Ich will nicht mehr so abhängig vom ÖPNV sein, wenn es zu solchen Verspätungen und Chaos kommt. Entweder muss ich eine neue Arbeitstelle in der Nähe von der Wohnung finden, oder wir ziehen um, oder ich steige zum Auto um, was nebenbei meine Fahrzeit zur Arbeit mehr als halbieren würde, ich habe mal wieder die Schnauze voll. Jeden Tag die 42 Kilometer hin und zurück mit dem Fahrrad zu fahren ist nicht realistisch, da ich eine minimale Wohlfühltemperatur brauche, um es zu benutzen, und ein paar Tage im Monat geht es auch wirklich nicht, wenn ich so stark verblute, und auch nicht, wenn ich ganz früh morgens einen Termin habe, da das Unfallrisiko in Berlin doch recht groß ist…

Zweimal diese Woche habe ich über anderthalb Stunden gebraucht, um nach Hause zu fahren. Mit dem Fahrrad bin ich schneller. Besonders hat es mich gestern geärgert. Die Hinfahrt lief problemlos, was, zugegeben, recht beindruckend war, ein Tag nach dem Kabeldiebstahl, der die Bahn lahm gelegt hat. Die Nachricht hatte ich zum Glück vorgestern vom Bett aus im Radio gehört, und ich hatte mir gar nicht die Mühe gegeben, zur S-Bahn zu gehen. Stattdessem war ich Bus gefahren, was fast genau so lange wie mit dem Fahrrad dauert. Wir hatten uns mit dem Ehemann nach dem Feierabend in einer Brauerei verabredet, deswegen ich das Fahrrad nicht benutzt hatte. Das war der Grund, warum ich diese Woche nur zweimal so lange nach Hause gebraucht habe. Das andere Mal war am Montag.

Am Montag wollte ich auch ursprünglich zum Fitnessstudio, ich war sogar mit der Sporttasche zur Arbeit gekommen. Und wollte deswegen abends mit Bahn statt mit Bus fahren, um früher anzukommen. Zuerst hatte mich die Anzeige für die Tram in die Irre geführt. Eine Viertelstunde Wartezeit? Da bin ich schneller zu Fuß, um zur S-Bahn zu kommen. Ich war drei Minuten später noch nicht an der nächsten Tram-Haltestelle, da überholte mich die Tram. Von wegen eine Viertelstunde. Es hätte mir aber nichts gebracht, weil ich die S45 doch noch erwischen konnte, die früher hätte fahren sollen. Es hätte mir eine Warnung sein sollen. Einsteigen konnte ich, wie auch alle anderen Fahrgäste, die nach mir gekommen sind. Wenigstens habe ich einen Sitzplatz bekommen können, danach wurde es überfüllt und stickig, und die Bahn fuhr erstmals nicht weg. Keine Ahnung warum, die Durchsagen vom Fahrer waren unverständlich. Nach einer Weile konnten wir doch starten, um zwei Stationen weiter zu erfahren, dass wir alle aussteigen sollen. Der Zug war defekt. Ich bin also doch zum Bus umgestiegen. Das hätte ich von vorne rein machen sollen. Ich bin am Ende so spät angekommen, dass ich keine Lust mehr hatte, zum Fitnessstudio zu gehen. Anderthalb Stunden Training, duschen, nach Hause gehen, ich wäre nicht vor neun angekommen, und wir müssen diese Woche recht früh aufstehen. Stattdessen konnte ich den Ehemann überzeugen, joggen zu gehen. Das haben wir nur eine halbe Stunde durchgezogen, danach musste er aufhören. Achillessehne.

Gestern früh schien laut BVG-App alles wie gewöhnt zu laufen, und ich habe tatsächlich „nur“ eine Stunde zur Arbeit gebraucht. Es war ungewohnt früh, ich bin um sieben angekommen. Der Ehemann muss die ganze Woche ab sechs die Arbeit anfangen. Der Glückliche braucht jetzt nur zehn Minuten zur Arbeit und ist ÖPNV-unabhängig geworden. Ich musste gestern im Labor arbeiten, und habe mir gedacht, je früher ich anfange, desto besser. Danach könnte ich früh nach Hause fahren und zum Fitnessstudio gehen, bevor es zu voll wird. So viel zur Theorie.

Kurz vor vier habe ich mich von meiner Arbeit gerissen, um endlich mal einen frühen Feierabend genießen zu können. Ich hätte problemlos weiter arbeiten können, da ich gerade dabei bin, Programm#1 für Qt5 kompatibel zu machen (alles wegen Mac-Nutzer, weil Qt4 seit Sierra nicht mehr auf Mac zu benutzen ist, wie ich am eigenen Arbeitsrechner feststellen musste). Bewusst habe ich mich gezwungen, die Arbeit liegen zu lassen, und bin gegangen. Mit dem Bus? Ach nee, ich mache nicht ausnahmsweise so früh Feierabend, um eine Viertelstunde länger nach Hause zu fahren… Spoiler: Ich wäre doch schneller angekommen. Wenn ich der BVG in Rechnung stellen würde, wieviele Überstunden auf Arbeit ich hätte machen können, statt auf einem Gleis zu verharren, könnte ich das ganze Jahr kostenfrei fahren.

Angefangen hat es, als ich die S46 gerade verpasst habe. Von der Tram ausgestiegen, die Treppe hoch gelaufen, und ich konnte sie von hinten weg fahren sehen. Also Umweg über Treptower Park. In der Ringbahn habe ich dann auf der BVG-App erfahren, dass die S1 wegfallen würde. Das war nur sichtbar, wenn man sich die Details der Strecke anzeigen ließ, weil die Verbindung trotzdem vorgeschlagen wurde. Gut, ich kann eine Station weiter fahren und die Buslinie M48 benutzen, die ja scheinbar pünktlich ist… Ist die Frau denn nicht lernfähig? Die M48 ist doch nie pünktlich, ich hätte wissen sollen, dass es zu schön war, um wahr zu sein! Und tatsächlich, obwohl BVG-App und Webseite nichts ahnen ließen, war auf der Anzeige an der Haltestelle keine M48 in den nächsten zwanzig Minuten zu sehen. Dafür lief die Nachricht, dass sie zur Zeit unregelmäßig fährt. Also noch eine Station mit der nächsten Ringbahn gefahren, und ab in die U9. An der Endstation war es aber genau so blöd, da ich wieder vor der Wahl stand, S1 oder M48. Beide noch stark verspätet. Verflucht. Um zwanzig vor sechs war ich zu Hause, und so sauer, dass ich nicht mehr zum Sport wollte. Lieber hätte ich jemanden verprügelt. Ob ich beim Boxkurs vom Fitnessstudio doch schnuppern sollte? Mit einem Bier habe ich mich auf der Terrasse hingesessen und auf den Ehemann gewartet, der einen unglaublich langen Tag auf Arbeit machen musste.

Ach, was soll, dann fahre ich heute halt Fahrrad… Nicht. Um elf im Bett, um halb drei wach. Aus einem Traum erwacht. Ich saß am Rechner und bekam plötzlich die Meldung, dass meine Dateien verschlüsselt wurden. Um sie zu entschlüsseln, müsste ich eine bestimmte Geldsumme überweisen. Die Meldung erschien sogar auf der Klobrille. Ich bin ins Bett gegangen und habe dem Ehemann gebeichtet, dass ich Opfer einer Ransomware geworden war. Dabei hatte ich den Rechner heruntergefahren, was man in solchen Fällen gar nicht machen soll. Mit einer bestimmten Tastenkombination war es doch möglich, zu seinen Dateien wieder Zugriff zu bekommen… Das Schnarchen vom Ehemann hat mich geweckt. Seitdem kann ich nicht mehr schlafen, ich fühle mich aber nicht gut, und mit nicht mal vier Stunden Schlaf will ich nicht so lange mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren. Ich glaube, ich bleibe heute wegen Migräne zu Hause.

Im Médoc

Endlich sind wir im Urlaub. In Frankreich. Ich habe mich darauf gefreut. Auf den Urlaub. Nicht so sehr auf Frankreich. Urlaub in Frankreich, ohne meine Eltern zu besuchen, fühlt sich komisch an.

Wir sind zuerst im Médoc angekommen. Über Amsterdam nach Bordeaux geflogen. Der Ehemann hatte ein Auto bei Europcar gemietet. Das war vielleicht ein Fehler! Wir sind wegen Verspätung kurz vor fünf Uhr nachmittags gelandet. Nachdem wir das Gepäck geholt haben, hat sich der Ehemann auf dem Weg zu den Mietwagenläden gemacht. Ich habe draußen warten wollen. Die Sonne schien, ich habe sie in Berlin lange genug vermisst. Kurz danach ist der Ehemann zu mir gekommen. Er hatte eine Nummer gezogen, es waren fünfzig Nummer vor ihm und gerade drei Personen waren da, um die Kunden zu empfangen. Wir haben zwei Stunden warten müssen, bis unsere Nummer am Schalter dran kam. Was für eine Unverschämtheit! Wir haben das Auto schon über ein Monat her gebucht, und die anderen Kunden kamen sicherlich auch nicht unangekündigt, wieso konnten die Leute bei Europcar nicht den Ansturm von Kunden planen und sicher stellen, dass genug Angestellte zur Verfügung stehen? Oder dass die gebuchte Wagen tatsächlich vorhanden sind? Wir haben — schon wieder — ein größeres Auto als geplant bekommen, weil unser Wunschmodell nicht mehr da war. Ich freue mich nicht darüber. Der Ehemann hätte auch lieber ein kleineres Modell zu fahren gehabt — wie halt gebucht. Nee. Ob das an Europcar liegt, oder eher daran, dass man in Frankreich nichts gebacken kriegt, frage ich mich. Wir hatten ja gerade auf Arbeit viel Ärger mit einer französischen Firma, die es zum zweiten Mal nicht geschafft hat, uns die versprochene Leistung zu liefern.

Als wir nach einer Stunde Fahrt zu unserem Hotel angekommen sind (wie schnell die Leute hier unterwegs sind! Wir sind auf einer 110 km/h Straße von Autos überholt worden, die bestimmt bei 150 km/h fuhren), war es schon halb neun. Wir konnten noch gerade einen Tisch im Restaurant bekommen. Die Küche machte um neun schon zu. Das Essen war hevorragend, der Kir Médocain (Brombeerlikör mit Rotwein) hat mich sehr angenehm überrascht, aber entspannen konnten wir wegen der blöden Warterei auf den Mietwagen am Flughafen nicht wirklich. Süß fand ich den Hase, der auf der Wiese in aller Ruhe das Gras fraß, und das Kätzchen, das den Hase weg gejaggt hat, wenn die Gäste dem Hase zu viel Aufmerksamkeit geschenkt haben, um sich dann gegen ihre Beine zu reiben.

Geschlafen haben wir gut, aufwachen war trotzdem schwer. Wir sind heute nach La Rochelle gefahren. Ich war den ganzen Tag müde und mir ging es erst besser, als wir auf der Insel Oléron eine kurze Pause am Strand gemacht haben. Kaffee getrunken, obwohl es schon nach vier Uhr nachmittags war, und im Ozean geschwommen. Der Ehemann ist lieber am Strand geblieben. In La Rochelle sind wir am frühen Abend angekommen. Apéritif auf einem Schiff getrunken, Muscheln mit Roquefort in einem Restaurant am Hafen gegessen. Früh zum Hotel (Mercure) gekommen. Der Ehemann hatte sich, wie auch immer, einen Sonnenbrand geholt. Es war doch den ganzen Tag bedeckt.

Wir waren relativ früh im Bett. Der Ehemann schläft jetzt seelisch. Ich kann nicht, obwohl ich den ganzen Tag so müde war. Ich frage mich, ob ich abends am Restaurant wirklich ein Déca bekommen habe. Mein Buch kann ich nicht lesen, weil das Licht den Ehemann beim Schlafen stören würde. Viel auf Internet lesen leider auch nicht, weil die Internetverbindung vom Hotel ziemlich miserabel ist. Ständig wird sie unterbrochen. Ich hasse es, im Bett zu liegen und nicht schlafen zu können.

Nächtliche Party

Wir waren gerade in eine neue Wohnung umgezogen. Die Wohnung war klein, im Erdgeschoß, in einem mehrstöckigen Haus aus dunklem Holz. Wir hatten Freunde zur Einweihungsfeier eingeladen. Unter Anderen war Sascha dabei, ein Schulfreund vom Ehemann. Er hatte seine Gitarre mitgenommen.

Wir waren alle stark alkoholisiert und haben auf die Uhrzeit nicht aufgepasst. Es sah ganz hell aus, durch die Fenster. Die ganze Nacht haben wir gefeiert. Gegen sechs Uhr morgens sind einige Gäste mit Sascha nach draußen gegangen. Um zu rauchen, und um Musik zu spielen, und um zu singen. Um sechs Uhr morgens! Die Nachbarn würden doch gleich ausflippen! Ich habe versucht, die Gäste zurück in die Wohnung zu bringen. Vergeblich.

Als alle endlich weg gingen, kam der Ehemann zu mir. Wir bräuchten uns keine Sorge mehr um die Nachbarn zu machen. Er hätte gerade mit dem älteren Mann oberhalb von unserer Wohnung geredet. Also sich eher heftig gestritten. Der würde bestimmt nie wieder mit uns zu tun haben wollen. Ich war enttäuscht, dass er es geschafft hatte, uns so schnell einen schlechten Ruf im Haus zu geben.

Anstrengender Sonntag

Ich bin früh aufgestanden. Das ist nichts Ungewöhnliches. Ich kann morgens nicht lange im Bett bleiben. Wenn ich einmal wach werde, bleibe ich es meistens. Der Ehemann braucht deutlich mehr Schlaf. Ursprünglich war meine Idee, ganz früh um 08:00 zur Botschaft wählen zu gehen, um die Schlange von vor zwei Wochen zu vermeiden. Wir hatten aber Freunde zum Mittagessen, also der Ehemann hatte Freunde zum Brunch, eingeladen, und ich habe gekocht. Das tue ich ja gerne. Nun, bei der vermuteten Schlange vor der Botschaft würde ich wahrscheinlich nicht vor zehn wieder zu Hause sein, und das Kochen würde ich nicht mehr rechtzeitig hinkriegen.

Vor einigen Wochen bin ich zufällig in einer Buchhandlung am Savignyplatz auf das NOPI Kochbuch gestossen. Nachdem ich hier und da soviel darüber lesen konnte, habe ich es mir endlich geschenkt und beschlossen, für heute einige Rezepte daraus zu kochen. Entschieden habe ich mich für das Selleriepüree, allerdings ohne Blumenkohl, die getrüffelte Polentastäbchen mit Tomaten-Chutney, und die Zucchini-Manouri-Krapfen mit Sauerrahm-Limette-Dip, für die ich übrig gebliebene Ricotta statt Manouri benutzt habe, da ich uns am Freitag eins meiner Lieblingspastagericht zubereitet habe. Es war eine Menge Arbeit, aber vieles konnte ich schon gestern Nachmittag vorbereiten. Heute Morgen habe ich trotzdem vier Stunden in der Küche gestanden. Es hat sich mehr als gelohnt. Ein Volltreffer war das. Die Gäste waren hin und weg.

Nachmittags bin ich dann zur Botschaft mit dem Ehemann gefahren. Vor zwei Wochen durfte er noch mit mir rein und auf mich drin warten. Heute musste er wie ein Hund draußen bleiben. Zum Glück regnete es nicht, und die befürchtete Schlange ist ausgeblieben. Einerseits gut, weil ich nicht ewig stehen musste. Andererseits schlecht, weil es bedeutete, dass die Wahlbeteiligung viel niedriger als vor zwei Wochen war. Ich habe beim Einwerfen von meinem Briefumschlag nachgefragt: Tatsächlich sind viel weniger Franzosen in Berlin heute zur Wahl gekommen. Ob es am endlich schönen Wetter lag, oder an der Ablehnung beider Kandidaten, oder wegen der Schlange vom letzten Mal… Eines war klar: Die Le Pen ist hier nicht beliebt. Man muss ja beide Zettel zum kleinen Raum hinter dem Vorhang mitnehmen, und nur eines davon in den Briefumschlag stecken. Der Mülleimer war voll von Le Pen Zettel. Vor zwei Wochen haben ihr in Berlin gerade 2% ihre Stimme gegeben, schrieb noch der tip in seiner letzten Ausgabe. Es ging heute also schnell, in fünf Minuten war ich wieder raus.

Wir sind mit dem Ehemann spazieren gegangen, weil das Wetter so traumhaft war. Zum Gendarmenmarkt gegangen, und dann ein Bier in der Sonne getrunken. Ich bin da Zeugin einer unfassbaren Szene geworden, die mich recht entsetzt hat. Vor allem hat mich entsetzt, dass ich nicht wusste, ob und wie ich helfen könnte. In Konfliktsituationen bin ich nicht gut. An einen Nachbartisch hat sich eine junge Frau hingesessen. Es war an dem Zeitpunkt der einzige noch freie Tisch, und direkt nachdem sie Platz genommen hat, ist eine ältere Frau, etwas klein, pummelig und mit kurzen schwarzen Haaren, geschätzt um die 65, zu ihr gestürmt und hat ihr laut gesagt, sie wäre vorher da und die junge Frau müsste ihr den Tisch lassen. Was definitiv nicht stimmte, die junge Frau war vorher da. Diese konnte anscheinend kein Deutsch und hat auf Englisch gefragt, was die Frau wollte. Daraufhin kam der Mann der ältere Frau, der ein auffällig rotes Gesicht hatte, und hat die junge Frau wie ein Miststück behandelt, und nur laut gerufen, „You go out now!“ Die Frau war sichtlich schockiert von diesem Verhalten, hat aber wenigstens gefragt, „Could you at least be more polite?“ Worauf der Mann nur lauter anwortete, „Go out now please!“ Was wirklich keinen Sinn machte, da wir ohnehin schon draußen waren. Die Frau konnte nichts sagen — nicht, dass sie es nicht versucht hätte, aber das ältere Paar hat sie ständig beim Reden unterbrochen.

Zum Schluß ist die Frau zu ihrem Begleiter gegangen, der in der Schlange stand, um Getränke zu besorgen, und hat ihm die Situation geschildert, nehme ich an, da sie in der Schlange geblieben ist und dieser zum Tisch gekommen ist, wo das ältere Paar in aller Ruhe Platz genommen hatte. Er hat sich einfach zu dem Paar hingesessen. Der Mann konnte Deutsch, das Gespräch verlief aber nicht besser. Als er, ganz ruhig, eine Erklärung für das Verhalten des Paares seiner Frau gegenüber verlangte, sagte die Frau, sie wäre von der Jüngeren beleidigt gewesen. „Wie kommt sie denn drauf?“, habe ich mich gefragt. Weil sie vorher am Tisch saß? Oder weil sie deutlich jünger und hübscher war? Verbal und körperlich habe ich nur Aggression vom älteren Paar wahrgenommen, die Jüngere saß nur sprachlos da und konnte sich nicht wehren. Als der junge Mann nachfragte, inwieweit seine Begleiterin die Frau beleidigt hätte, hat diese dann nur geantwortet, „mit Ihnen will ich nicht mehr reden, gehen Sie weg“, und hat den Kopf gedreht. Er hat sich also dem Mann gewandt und versucht, mit ihm zu reden, aber die Frau, die nicht mehr reden wollte, hat sich ständig eingemischt. Zum Schluß ist ein anderer Tisch frei geworden, und das ältere Paar ist dorthin gegangen, ohne noch abfällige Bemerkungen über Berliner und ihrer Arroganz zu verlieren. Die haben vielleicht einen Knall! Vielleicht hatten sie aber auch einen Sonnenstich bekommen, ober waren schon betrunken, der Mann war so rot im Gesicht, das war nicht normal.

Die junge Frau ist kurz danach mit Getränken zu ihrem Begleiter am Tisch zurück gekommen, und die beiden sind dort geblieben, bis die Sonne hinter einen der Doms verschwunden ist. Das ältere Paar hat übrigens ziemlich lange gewartet, dass jemand ihre Bestellung entgegen nimmt, bis sie verstanden haben, dass man sich an der Schlange anstellen muss. Das junge Paar hatte schon ausgetrunken, als der ältere Mann mit Getränken zu seiner Frau zurück gekommen ist. Was ich daraus ziehe ist, man sollte in Berlin touristische Ziele vermeiden, wenn man sein Bier in Ruhe trinken will.

Gewählt

Wäre ich momentan nicht so müde, hätte ich vorher darüber geschrieben. Schon mal vorweg: Enttäuschend aber nicht überraschend, mein Plan, Fillon vor Le Pen zu bringen und diese dadurch daran zu hindern, in die zweite Runde zu kommen, ist nicht aufgegangen. 1,3% der Stimmen haben gefehlt. Der EU-feindliche Mélanchon stand nur ein halbes Prozent hinter Fillon und hat dadurch viel mehr Stimmen bekommen als geplant. Hmm. Keine Panik. Jetzt ist eh klar, dass Macron durch kommt. Ich will noch glauben, dass es genug Vernunft in diesem Land gibt.

Wir sind gestern früh aufgestanden. Ich hatte im Kopf, dass die Wahllokale um 09:00 auf machen und wollte so früh dort sein. Gut fünfzig Minuten brauche ich bis dahin. Die Lokale waren eigentlich schon seit 08:00 geöffnet, aber dafür hätten wir um 06:00 an einem Sonntag aufstehen müssen… Im Nachhinein: Es hätte sich doch gelohnt. So schlimm wie in anderen Ländern war es nicht, aber eine gute Stunde vor Ort hat es mir gekostet. Zuerst eine halbe Stunde unter dem leichten Regen auf dem Bürgersteig vor der Botschaft in der Schlange gestanden. Hätte ich mir ein Kleinkind ausgeliehen, wäre ich vom Personal einfach so vor der ganzen Schlange durchgewunken worden. Hmm, vielleicht eine Idee für die zweite Runde…

Die Sicherheitsvorkehrungen: Minimal. Polizisten haben die Ausweise vor dem Eintritt ins Gebäude geprüft. Im Gebäude wurden die Taschen geröntgt. Aber draußen, wo so viele Wähler standen? Keinen sichtbaren Schutz. Ganz normaler Straßenverkehr. Die Leute standen in zwei Reihen bis zur Kante vom Bürgersteig, und leichte Beute waren wir, falls jemand mit Sturmgewehr oder LKW einen Massaker anrichten wollte. Nichts hätte es verhindern können.

Drin habe ich noch zweimal Schlange gestanden. Zuerst, um den Ausweis geprüft zu bekommen und die Nummer von meinem Wahlzimmer zu erfahren. Eine Frau hinter mir hat sich darüber aufgeregt, dass die Sicherheitsleute am Eingang der Botschaft maghrebiner Herkunft sind, und noch die Frechheit besitzen, sich auf Arabisch zu unterhalten, wenn sie sich alleine glauben. Weil die Frau vielleicht in ihrem täglichen Leben hier mit anderen Franzosen nur auf Deutsch redet? Was geht ihr an, welche Sprache andere Leute unter sich benutzen? Vor allem diese Sicherheitsleute, die ich immer recht freundlich erlebt habe. Blöde Kuh. Die Frau habe ich zum Glück nicht so lange hinter mir ertragen müssen. Danach musste ich nochmal vor dem Wahlzimmer Schlange stehen. Eine Mitwählerin hat sich in der Schlange nach vorne durchgeschummelt, indem sie sich als Journalistin für Le Point angegeben hat und Leute vor der Wahl zu ihrer Meinung vom Wahlkampf befragt hat. Mein Ischias hat am Ende angefangen, sich zu beschweren. Als ich endlich im Büro war, ging es ziemlich schnell.

Abends, beim Lesen meiner Emails, war ich nicht ganz erfreut zu sehen, dass ich eine neue merkwürdige Kontaktanfrage auf LinkedIn bekommen hatte. Von einer Französin, die ich gar nicht kenne und die bei den Republikanern tätig ist. Wahrscheinlich war sie Wahlhelferin, obwohl ihr Profilbild mir nichts sagt. Ich fand es auf jeden Fall eine Frechheit, da sie offensichtlich Datenschutz völlig missachtet. Aber sie kann doch nicht den Namen aller Wähler behalten haben, um sie danach zu kontaktieren! Wir waren um die 7500 Personen, die in Berlin gewählt haben. Keine Ahnung, warum sie meinte, mich kontaktieren zu wollen. Ignorieren kann ich es ja. Wir haben beruflich rein gar nichts miteinander zu tun.

Und wieder unterwegs

Kaum bin ich nicht mehr krank geschrieben, bin ich auf Dienstreise. Gut, es ist nur halb so schlimm. Wir hatten schon länger Urlaub geplant, und es hatte sich zufällig ergeben, dass ich mit anderen Wissenschaftlern in der Nähe vom Urlaubsort etwas bearbeiten wollte. Die einen haben Verbesserungsvorschläge für Programm#1, die anderen wollen Programm#2 testen. Ich hatte die Idee, dass ich einen Tag früher verreisen könnte und habe Termine für Besprechungen vereinbart. Also morgen. So war es mir nicht zu stressig, und ich musste nicht als Schwangere mehrmals zum gleichen Ziel hinfliegen. Schwanger bin ich nun leider nicht mehr, aber es ist mir immer noch angenehmer, Urlaub und Dienstreise so zu kombinieren. Es wird mich auf jeden Fall ablenken. Und es ist mir egal, dass ich dabei morgen zur Besprechung unter anderen zufällig mit einem Ex-Freund verabredet bin. Es ist so lange her, es spielt keine Rolle mehr. Ach so, aber erwähnen tue ich es trotzdem, was?

Wo ich bin? Eine Wissenschaftsstadt in der Nähe von Bergen. In der Heimat. In den Bergen wollen wir Urlaub machen. Der Ehemann kommt morgen nach. Wir haben uns heute kurz am Flughafen getroffen, da er aus seiner Dienstreise gerade zurück kam und ich zu meiner weg musste. Er hatte übrigens nachmittags einen Vorstellungsgespräch, und es hat so gut geklappt, dass er in Kürze den neuen Arbeitsvertrag in den Händen halten darf. Es freut mich so sehr für ihn. Der Job klingt viel interessanter, er wird nicht mehr so häufig verreisen müssen, und das Gehalt stimmt viel besser als momentan. Sein jetziger Chef wird blöd gucken. Morgen Abend stoßen wir an. Ich darf ja wieder.

Blöd war heute das Fliegen. Ich hatte keinen direkten Flug, sondern musste in Frankfurt umsteigen. Der erste Flug ist mit einer halben Stunde Verspätung aus Berlin gestartet, weil es Probleme mit einer Sitzplatzreservierung gab. Ich glaube, der Platz wurde zwei Mal vergeben. Es gab aber noch freie Plätze. Als wir in Frankfurt gelandet sind, war es so spät, dass das Boarding für meinen nächsten Flug schon angefangen hatte, als ich noch im Gang stand und darauf wartete, das Flugzeug endlich verlassen zu können. Ich bin gerannt, ich war den langen Flur entlang sogar schneller als die Leute, die aufs Laufband gingen, der Flughafen in Frankfurt ist ja riesig, und ich bin völlig außer Atem gerade noch mit den letzten Reisenden durch gekommen. Es hätte mir klar sein sollen: Das Gepäck war nicht so schnell wie ich. Beim Ankommen fehlte mein Koffer.

Ich habe Formulare gefüllt und mir wurde erklärt, dass der Koffer mit dem letzten Flugzeug aus Frankfurt um halb elf kommen soll. Ich musste aber noch eine Stunde Bus bis zu meinem Ziel fahren, und ich hatte schon Migräne. Der Koffer wird mir morgen zugeschickt. Ich bin mit einer Notfallsmappe von Star Alliance, explizit für Frauen, für die Nacht entschädigt worden. Beim Ankommen im Gästehaus vom Forschungszentrum habe ich die Mappe geöffnet. Zahnbürste und Zahnpasta, eine Haarbürste, die mit meinen dicken lockigen Haaren recht nutzlos ist, Shampoo und Vaseline sind drin. Auch ein Shirt, riesig, aber keine Unterwäsche und nicht mal Binden. Tampons sind in einer Plastiktüte vorhanden, aber die ist echt schwer zu öffnen, vor allem, wenn man nur mit Handgepäck ankommt und keine Schere drin haben darf. Morgen werde ich mit nicht frischen Unterwäschen zu den Terminen laufen müssen, weil das Zimmer so kalt ist, dass ich sie nicht waschen will. Sie würden nie trocknen. Es ist mir recht unangenehm, auch wenn es durch die Nutzung von Binden, die ich im Handgepäck habe, nicht so schlimm ist.

Eine lustige Geschichte gab es noch, beim Aussteigen aus dem Bus. Na ja, nicht alle haben es lustig gefunden, denke ich. Ich bin bei einer Haltestelle in der Nähe vom Forschungszentrum ausgestiegen, sowie ein anderer Mann. Der Mann kam mir schon bekannt vor, als wir am Flughafen eingestiegen waren, aber ich könnte nicht sagen, woher. Eins wusste ich, ein Wissenschaftler ist er. Ich wollte ihm also beim Aussteigen folgen, weil er bestimmt zum Gästehaus gehen würde. Er hat im Gepäckfach nach seinem Koffer gesucht, der Fahrer hat dann die Außentür zu gemacht und ist zurück in den Bus gegangen. Ich folgte gerade seit ein paar Schritten dem Mann, als er plötzlich zum Koffer runter schaute und entsetzt laut „Oh Gott!“ rief, worauf mir klar wurde, dass er 1) Deutsch sein musste und 2) den falschen Koffer mitgenommen hatte, und er ist zurück zum Bus gelaufen. Der Fahrer hat ihn aber trotz Brüllens nicht gemerkt und ist weiter gefahren, mit dem Mann, der ihm hinterher auf der Straße gerannt ist. Vermutlich ist er bis zur Endhaltestelle weiter so gerannt, zehn Minuten mit dem Bus noch entfernt. Ich habe ihn nicht mehr gesehen und musste den Weg zum Forschungszentrum selber finden, was mir nach einiger Verwirrung doch gelungen ist.

Unwohl

Heute habe ich keine Lust, irgendwas zu essen. Ich spüre kaum Hunger, eher eine ganz leichte Übelkeit, die zum Glück verschwindet, wenn ich eine Kleinigkeit esse. Krackers sind da gut. Schokolade ist keine gute Idee, habe ich festgestellt. Danach fühle ich mich zu voll, und mein Puls fühlt sich unangenehm an. Wieder bin ich müde. Nein, nicht wirklich. Ich fühle mich erschöpft, aber es ist kein Verlangen nach Schlaf. Ich spüre einen Druck auf dem Gesicht. Auf beiden Schläfen, auf den Augen, auf der Stirn, oben auf der Nase. Leichter Kopfschmerz. Kenne ich. Ich weiß, womit es zu tun hat, und die Schwangerschaft ist es nicht. Die Erkältung auch nicht, die immer noch ein bisschen rum hängt. Ich bin sauer. Stinksauer. Ich habe auf Arbeit eine Nachricht gehört, die ich nicht verdauen kann.

Und zwar haben wir gerade die Gelegenheit, in der Arbeitsgruppe mehr permanenten Stellen zu fordern. Wir haben nach einer internen Evaluierung gute Aussichten für eine zusätzliche Dauerstelle. Und wen hat Winfried so nebenbei vor der Gruppe vorgeschlagen? Mr Keen! Ich habe zuerst gedacht, ich höre nicht richtig. Von allen, die in Frage kämen, fällt Winfried nichts besseres ein?

Ich weiß, ich kann ihn seit seinem Vorstellungsgespräch nicht leiden. Es ist schon mal physisch. Er schwitzt ständig in den Händen, es ekelt mich, wenn er meint, mich zum Geburtstag mit einem Handschlag gratulieren zu müssen. Igitt. Vom Anfang an ist es klar, dass ihn nur eines interessiert: Eine Dauerstelle zu bekommen. Noch besser: Als Chef. Die Art, wie er gleichzeitig versucht, das Gegenteil zu zeigen, ohne zu merken, wie durchschaubar er ist, finde ich lächerlich. Zum Beispiel, als wir über einen Nachfolger für Uschi diskutiert hatten. Dabei ist er jemand, der sich vor dem Chef immer begeistert zeigt, aber vor uns nur stöhnt und sich beschwert, wenn er Aufgaben bekommt. Und der gerne prahlt, auch wenn Sachen gut laufen, ohne dass er dafür etwas gemacht hat. Obendrauf verliert er keine Gelegenheit, über Kollegen hinter ihren Rücken schlecht zu reden. Über mich, aber auch über anderen. Und die Art wie er sich mit Kate verhalten hat… Das stimmt, vieles davon erfährt Winfried natürlich nicht. Weil Mr Keen sich anders vor ihm als vor uns verhält. Das alleine zeigt schon, was für ein Heuchler er ist. Aber wenn ich Winfried jetzt aufkläre, bin ich vermutlich die, die lästert und „einfach nur neidisch ist“. Besser nichts sagen.

Natürlich bin ich von Winfried enttäuscht. Immerhin hatte er mir vor zwei Jahren gesagt, er würde mich entfristen wollen. Davon ist seitdem nie wieder was zu hören gewesen, und ich vermute, die Bauchhöhlenschwangerschaft muss damit zu tun haben. Aber es ist nicht das, was mich vor allem sauer macht. Ich kann verstehen, dass er eher jemanden braucht, der an die Weiterentwicklung unserer Geräte arbeitet. Das ist für unseren Betrieb wichtiger als irgendwelche Software zu entwickeln. Mr Keen arbeitet hauptsächlich an den Geräten. Das tut auch Florian, der seit dem Sommer bei uns arbeitet. Und ich muss sagen, seitdem er da ist, läuft die Arbeit an den Geräten viel besser. Florian ist wirklich das Gegenteil von Mr Keen. Er arbeitet mit Begeisterung und engagiert sich total in seinen Aufgaben. Er hat sich unglaublich schnell eingearbeitet, hat gute Ideen und zeigt Initiative, statt wie Mr Keen alles nach Anweisung vom Chef zu machen. Wenn, dann wäre die Wahl für eine Dauerstelle bei ihm viel sinnvoller gewesen. Ich weiß noch, wie sich Mr Keen bei den Vorstellungsgesprächen gegen Florian geäußert hatte. Jetzt spielt er mit ihm den besten Kumpel. Und die Kollegen fallen rein, obwohl sie mitbekommen haben, wie sehr er gegen ihn war. Ich verstehe nicht, wie alle so blind bei Mr Keen sein können. Wirkt sein pummeliges Kleinkind-Gesicht wirklich so unschuldig? Selbst Kate scheint wieder mit ihm gut befreundet zu sein.

Ein bisschen klingt die Situation wie in meinem Traum vor einem halben Jahr. Schwanger bin ich auch noch. In dem Traum war etwas definitiv wahr: Ich kann die Idee nicht aushalten, langfristig mit Mr Keen in Kontakt zu bleiben. Ich habe mir heute die Zeit genommen, um mehr Bewerbungen zu schreiben. Lieber flüchten. Aber gibt es nicht überall andere Mr Keen? Eine ähnliche Situation hatte ich in meinem früheren Institut ja erlebt. Es ist deprimierend zu sehen, wie große Klappen vor Kompetenzen bevorzugt werden. Ich glaube leider nicht, dass meine Chancen auf dem Arbeitsmarkt besser als vor dieser Stelle stehen, obwohl ich meine Erfahrungen deutlich erweitert habe. Jetzt bin ich vierzig, und ich habe das Gefühl, beruflich in einer Sackgasse zu stecken. Firmen interessieren sich nicht für alte Akademiker. Wenigstens hat mich das Wegbewerben vom Ärger abgelenkt.