Eine Absage nach der Anderen

Heute kam eine neue Absage. Auf die Stelle hatte er sich vor zwei Wochen beworben. Das Vorstellungsgespräch hatte schon letzte Woche statt gefunden. Dabei hatte er so ein gutes Gefühl gehabt. Deshalb wirkte er nicht so gesprächig, als er mich heute Abend von der Arbeit mit dem Auto abgeholt hat. Es hat ihn viel mehr enttäuscht als der geplatzte Termin vor drei Wochen.

Bei der anderen Firma hat er inzwischen auch eine Absage bekommen, nachdem ihm die Abteilungschefin wochenlang von einem Angebot erzählt hatte. Sie wollte ihn einstellen. Das Problem kam wohl von der Personalabteilung, die, ohne jemals mit ihm geredet zu haben, beschlossen hat, dass er durch seine langjährige Tätigkeit an Forschungszentren nicht genug Erfahrung in der Industrie gesammelt hat und ihn aus diesem Grund pauschal diskriminiert hat. Wieder diese widerliche Vorurteile. Als ob wir uns die ganze Zeit nur Däumchen drehen würden. Bei meinem Vorstellungsgespräch bei Uhde vor zweieinhalb Jahren hatte mich einer gefragt, warum ich nach der Promotion so lange meine Zeit an der Uni verschwendet hätte. Und Uni ist nicht gleich Forschungszentrum. Dass man das selbst einem Ingenieur vorwerfen kann… Soll mir keiner was von Fachkräftemangel erzählen.

Da ich es eigentlich nicht wusste, habe ich ihn gefragt, um die wievielte Bewerbung es sich handelte. Ich wollte einen Vergleich mit meiner letzten Bewerbungsstatistik haben. Als er sagte, es könnte die zwangzigste sein, habe ich geschluckt. Vor allem, da er mir vor zwei Wochen stolz angekündigt hatte, im Juli schon zehn neuen Bewerbungen geschickt zu haben. Es ist arg wenig. Das habe ich ihm so gesagt. Stimmt, meinte er, immerhin ein wenig geniert. Das hätte ihm seine Beraterin bei der Arbeitsagentur auch gesagt. Ich glaube, ich muss ihn in den Hinten treten. Was treibt er die ganze Zeit? Er ist schon seit fünf Monaten arbeitslos, ab dem nächsten Monat wird er sich zusätzlich außerhalb von Berlin bewerben müssen, meinte seine Beraterin. Als er sein letztes Job bekommen hatte, hatte er gerade drei Bewerbungen geschickt. Er hat wohl geglaubt, es wäre normal. Das war nur großes Glück.

Und er will mich schwängern, ohne zu wissen, wann er wieder arbeiten wird. Er könnte sich wirklich mehr Mühe mit der Arbeitsuche geben. Was ist, wenn er keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld mehr hat und ich wegen Schwangerschaft nicht mehr arbeiten kann? Der Kredit für die Wohnung will auch zurück bezahlt werden. Und ich bin nicht mal Deutsch… Stimmt, da war noch was. Mit Urlaub, Umzug und Arbeitgeberwechsel habe ich es völlig verdrängt, mich um die doppelte Bürgerschaft zu kümmern. Da ich jetzt in einem anderen Bezirk wohne, muss ich sowieso zuerst wieder zum Standesamt, um nach einem erneuten Gespräch einen Antrag zu holen.

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Vorstellungsgespräch abgesagt

Das ist so blöd, was heute Nachmittag passiert ist. Wir waren im Schatten auf der Terrasse einer Kneipe mit Martin und seinem Vater und tranken Bier (ein „Gespritztes“ mit Fassbrause für mich – es geht mir schon viel besser). Martin hat einen Anruf bekommen. Er hatte sich letzte Woche bei einer Firma beworben und die Frau wollte ihn nächste Woche Dienstag zu einem Vorstellungsgespräch einladen. Wir haben uns gefreut. Als wir nach Hause angekommen sind, ist er wieder angerufen worden. Die gleiche Frau am Telefon hat sich entschuldigt und den Termin abgesagt. „Aus internen Gründen“, die nicht genauer erläutert wurden. Martin hat sich erkundigt, ob es einen neuen Termin geben würde, aber anscheinend nicht. Wie unseriös ist das denn?

Bei der anderen Firma wartet er immer noch. Er hatte inzwischen zwei weitere Vorstellungsgespräche in Berlin und ihm wurde ein Angebot versprochen. Mündlich. Seitdem ist mehr als ein Monat vergangen. Die Chefin hat sich letzte Woche per Email gemeldet, es scheint für sie nicht einfach zu sein, von ihrer Verwaltung einen Gehaltsvorschlag zu bekommen. Das macht auch einen miesen Eindruck. Gut, dass er sich weiter woanders bewirbt.

Wenigstens hat er das Glück, dass er jetzt nicht alleine ist. Ich unterstütze ihn. Diese ewige Warterei und Absagen ohne Ende hatten mich ziemlich belastet, als ich noch vor zwei Jahren arbeitslos war.

Bewerbungsstatistik

Jetzt, wo ich meinen neuen Arbeitsvertrag unterschrieben habe, wollte ich mir die Statistik meiner Bewerbungen seit meiner Anmeldung als Arbeitssuchende[1] genauer anschauen. Ich habe ja für die Arbeitsagentur immer meinen Stand der Bewerbungen mit Excel bearbeitet, es sollte schnell gehen.

Insgesamt habe ich 149 Bewerbungen geschrieben. Für einige mag es sich unglaublich hoch anhören, aber es ist in meiner Branche nicht unüblich. Bei promovierten Akademikern in der Chemie habe ich häufig von 200 oder sogar 300 Bewerbungen gehört. Ich liege damit eher im unteren Bereich, ich hätte mehr Bewerbungen schreiben können. Von diesen 149 Bewerbungen habe ich 77,2% Absagen bekommen und bei 3,4% habe ich nicht mal eine Empfangsbestätigung bekommen. Es hat sich also seit der Zeit meiner Promotion vor zehn Jahren stark verbessert, weil damals aus meiner Erfahrung eine Empfangsbestätigung oder überhaupt eine Antwort eher die Ausnahme war. Bei 10,7% meiner Bewerbungen bin ich zu einem Gespräch eingeladen geworden. Aus den 19,5% übrig gebliebenen Bewerbungen, bei denen ich seit der Empfangsbestätigung nichts mehr gehört habe, wären wahrscheinlich auch Absagen geworden, da diese noch offenen Bewerbungen schon zu lange liegen[2]. Falls ihr euch in diesen Zahlen grob erkennt: Nur nicht aufgeben! Ein Freund hat mir letzte Woche von einem seiner ehemaligen Arbeitskollegen erzählt[3], der gerade nach zwei Jahren Arbeitssuche endlich etwas gefunden hat. Es gibt aber auch Fälle, wo Leute nicht mal 20 Bewerbungen geschickt haben und sofort erfolgreich wurden, siehe meine Kollegin.

Ich muss sagen, ich habe großes Glück mit dieser Stelle gehabt. Hätte sie nicht geklappt, wäre ich immer noch arbeitslos, hätte am Montag eine dreimonatige Weiterbildung in Qualitätsmanagement angefangen[4] und müsste heute an einem Gruppentreffen bei der Arbeitsagentur teilnehmen, um über die Beantragung von Hartz IV informiert zu werden[5]. Ich bin froh, dass es mir erspart wurde. Ich muss mich unbedingt bei Theo, meinem früheren Kollegen, bedanken, der mich meinem neuen Chef bei der Fachtagung in März vorgestellt hat. Es ist die einzige Stelle, bei der ich den Ausschreibungstext nicht gesehen hatte, weil sie nicht in einer Jobbörse stand sondern nur in einer von mir unbekannten Mailing-Liste bekannt gegeben wurde. Ich hätte mir echt gewünscht, dass meine ehemaligen Institutsleiter oder Chef, mit denen ich über zehn Jahren im gleichen Gebäude gearbeitet habe, mich so aktiv unterstützt hätten, wie dieser Kollege, mit dem ich nur kurz während meiner Diplomarbeit vor vierzehn Jahren über Email Kontakt hatte und den ich sonst so selten getroffen habe.

Jetzt bleibt mir nur noch, die Personalbearbeiter bei den noch offenen Bewerbungen zu informieren, dass meine Bewerbungen nicht mehr aktuell sind. Ich habe heute Morgen angefangen, und brauche noch einige Zeit dafür.

[1] Schon ein Jahr! Wie die Zeit vergeht…
[2] Ich habe heute Nachmittag einen Anruf verpasst. In der Nachricht sagte der Mann, er möchte sich mit mir über meinen Lebenslauf unterhalten.
[3] Ja, das berühmte „ein Freund von einem Freund“…
[4] Ohne Erfolgsgarantie bei späteren Bewerbungen in diesem für mich neuen Bereich.
[5] Bei der Stelle in Holland haben sie mich zwar ganz kurz nach dem Gespräch angerufen, aber doch nur um mir auf diesem Wege eine persönlichere Absage zu erteilen.

Neue Woche

Schlechter als letzte Woche kann sie nicht anfangen. Die nächste „wichtige“ Stellenanzeige, für die ich sehr gut passe, hat ihre Bewerbungsfrist am 1. Mai, also noch ein bisschen Geduld, bevor ich etwas höre. Der Vorteil wäre, dass die Stelle in München ist, und diese Stadt gefällt mir sehr. Ich will auch meine Wochenenden im Englischen Garten verbringen. Ach ja, ich habe mich auf eine andere Stelle dort beworben, als zweite Kontaktwissenschaftlerin für ein Großforschungsgerät, aber obwohl ich sehr gut geeignet wäre, erwarte ich dort nichts. Ich habe mich nur beworben, weil die Stelle in der Jobbörse der Arbeitsagentur stand, ich will Vorwürfe vermeiden. Diese Stelle war schon letztes Jahr in Februar ausgeschrieben. Ich bin sogar Ende April zum Gespräch eingeladen worden. Und dann nichts, keine Rückmeldung, oder keine direkte Rückmeldung. Mein damaliger Chef war später dienstlich dort und hat mit dem Leiter des Forschungszentrums gesprochen, und der hat ihm gesagt, die Stelle wäre noch zu besetzen. Von allen Kandidaten, die sich beworben hatten, haben sie niemanden genommen.

Heute scheint die Sonne. Ich habe gleich um 09:00 einen Termin mit einem Trainer aus meinem Fitness-Studio. Ich war wegen meines Ischias sehr lange nicht mehr dort, hatte das Abo aber nicht gekündigt, weil ich nicht einsehen wollte, dass es so lange dauern würde. Sie haben viele neue Geräte in dieser Zeit gekauft, die muss ich kennen lernen, bevor ich sie benutze. Ich bin wieder regelmäßig dort. Und brauche gut 8kg los zu werden. Ich will mein BMI wieder im grünen Bereich haben und einen Sicherheitsabstand zur oberen Grenze haben. Ich will wieder eine super Ausdauer haben, so dass ich nach einem Sprint zum Bus nicht fünf Minuten lang noch brauche, um meinen Atem zum normalen Niveau zu bekommen. Und ich will wieder meine Muskeln trainieren.

Ich hoffe sehr, dass das regelmäßige Sport-Training mir mehr seelische Kraft gibt, um Absagen bei wichtigen Stellen besser zu verkraften. Als ich am Wochenende das Geschirr aus der Spülmaschine raus holen und aufräumen wollte, bin ich auf einmal und völlig überraschend zusammen gebrochen. Fast hätte ich den Gegenstand in meiner Hand weg geworfen, ich wollte plötzlich alles in die Gegend rum schmeißen. Das hat mich sehr erschrocken, ich konnte mich nur noch an der Spüle fest halten und erstmals heulen. Blödes Verhalten. Es war wie ein Impuls, an einem Moment stehst du da und hast nur Aufräumen im Kopf, am nächsten Moment flippst du aus. Dabei dachte ich, mir ging’s schon besser. Ich traue mich nicht, in diesem Zustand andere Menschen für längere Zeit zu sehen. Vor allem Menschen, die über meine Bewerbungsversuche informiert sind. Ich habe kein Bock auf Nachfragen. Und kein Bock auf billiges nicht wirklich gemeintes Mitleid.

Ich fange sonst schon die vierte Woche im Kurs Datenmanagement mit SQL an. Letzte Woche ging’s um relationaler Entwurf von Datenbank und Dekomposition. Es war schon ein sehr großes Stück auf einmal, ich musste viele Videos mehrmals schauen, bevor ich die Selbsttests machen konnte. Mal schauen, wie ich diese Woche bei der Hausaufgabe war. Wahrscheinlich nicht so gut wie bei den ersten zwei. Man hat eine Stunde Zeit, ich hatte bei der ersten Hausaufgabe nicht mal zehn Minuten gebraucht, bei der zweiten 23 Minuten. Gestern hat es viel länger gedauert.

Ich mache mir Sorgen

Sollte ich eine Vermisstenanzeige bei der Polizei aufgeben? Seit Tagen bin ich ohne Nachricht, meine Emails bleiben immer unbeantwortet, die letzte war von heute Morgen… Was kann denn den Mitarbeitern meines Jobcenters bei der Arbeitsagentur geschehen sein? Sind sie alle entführt worden? Angerufen habe ich nicht, aus Prinzip, bei den Preisen… Am Ende der letzten Email meines aktuellsten Bearbeiters vor zwei Wochen stand in den Kontaktdaten:

01801 555 111*
[…]
* Festnetzpreis 3,9 ct/min; Mobilfunkpreise höchstens 42 ct/min

Das heißt, Arbeitslose müssen bezahlen, wenn sie mit ihrem Bearbeiter sprechen wollen, es gibt nur diese 01801 Sonderrufnummer, die Flatrate der Telekom hilft nicht mehr weiter. Das ist ganz schön unverschämt, dass man sich noch auf dem Rücken der Arbeitslose auf dieser Weise Geld verdient. Da mache ich nicht mit.

Dabei wollte ich nur wissen, ob ich mich bei einem bestimmten Personaldienstleister bewerben sollte, da eine Anzeige von ihnen in meiner heutigen Email der Jobbörse stand. Ich hatte nie drauf geachtet, aber bei diesem Vermittlungsunternehmen stand auf der Internet-Seite, dass sie bei erfolgreich vermittelten Bewerbern 10% des monatlichen Gehaltes zu sich nehmen. Blutsäuger. Jetzt weiß ich, warum meine ehemalige Beraterin mir sagte, ich sollte die Finger von solchen Angeboten lassen. (Ist es der Grund, warum sie anscheinend nicht mehr dort arbeitet?) Wer aber einen Vermittlungsgutschein der Arbeitsagentur hat, kann kostenlos ermittelt werden. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob ich einen solchen Gutschein habe, oder Anspruch drauf hätte.

Dann frage ich mich, ist es nicht besser, doch auf einen Teil des eigentlich verdienten Gehaltes zu verzichten, wenn man endlich wieder arbeiten kann? Seit einigen Tagen frage ich mich schon, sollte ich nicht bezahlen, um wieder arbeiten zu dürfen? Vermittler von Arbeitskräften haben ein großes Interesse daran, Bewerber zu einem neuen Job zu schicken, vielleicht geben sie sich mehr Mühe oder können bei den Arbeitgebern mehr Druck machen, um den gewünschten Kandidaten einzustellen.

Die wichtige Frage ist: Haben sie auch eine Ahnung von den Anforderungen für die Stellen, und verstehen sie wirklich, was auf dem Lebenslauf der Bewerber steht? Ich habe da meine Zweifel. Anfang Dezember habe ich eine Jobmesse besucht und bin ins Gespräch mit dem Leiter einer solchen Personalleihfirma gekommen. Er hat mich dann schnell zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen, wo ich ihm konkret erklärt habe, wo meine Stärken liegen und was meine Spezialisierung ist. Ich hätte doch vorher besser auf seiner Visitenkarte aufpassen sollen. Magister Artium. Der Mann vermittelt Ingenieure und Wissenschaftler, versteht aber nur Bahnhof davon, was sie machen sollen, er ist nur Manager. Ich habe angefangen, ihm grob und vereinfacht von Magnetismus und frustrierten Spin-Systemen in Kupferverbindungen zu erzählen, und habe seinen wilden verrückten Gesichtsausdruck gemerkt, als er mir zuhörte. Als ich von den Cu2+ Ionen erzählt habe, sagte er dann: „Ja, wir haben Kontakte mit einer Firma, die Kupfer herstellt und umformt, da könnten Sie also arbeiten“. Ich muss gestehen, ich habe mich nicht getraut, ihm zu widersprechen. Er sah so erleichtet aus, das Stichwort „Kupfer“ gehört zu haben, endlich hatte er den Eindruck, etwas zu verstehen. Mit Metallurgie habe ich aber gar nichts zu tun. Ich habe gedacht, ich wäre für seinen Job vielleicht besser als er geeignet. Ein anderes Beispiel habe ich letzte Woche bekommen. Eine Frau aus einer anderen Ingenieurdienstleistungsfirma hat mich angerufen und wollte wissen, ob ich an eine Stelle interessiert wäre. Ich habe ihr gesagt, sie sollte mir den Ausschreibungstext per Email schicken, damit ich es beurteilen kann. Die Anforderungen über die Kenntnisse waren aber sehr weit von dem entfernt, was ich studiert habe. Ich habe ihr gesagt, ich könnte es gerne machen, ich traue mir zu, die neuen Methoden zu lernen, aber ich könnte aufgrund meiner Kenntnisse nicht sofort einsatzbereit sein, da ich schon Einarbeitungszeit brauchen würde. Hätte ich vielleicht lügen sollen, Hauptsache arbeiten? Ich denke immer noch, wenn ich arbeite, will ich auch gut sein, sonst bringt es nichts, weder mir noch dem Arbeitgeber.

Noch eine Absage

Und ich bin dann bei 100 angekommen, ich habe gerade die 99. bekommen. Das Ende des Monates naht, so lange kann es nicht mehr dauern. Wer wird wohl der Gewinner sein? Schwierig zu schätzen. Seit Oktober bin ich ohne Nachricht von Vishay Semiconductor. Aber da es nicht mal eine Empfangsbestätigung gab, wird es auch keine Absage geben. Beim DESY habe ich für zwei Stellen seit der Empfangsbestätigung in September auch nichts mehr gehört. Wahrscheinlich bei der Personalabteilung vergessen und verloren, das hatte ich bei ihnen schon für eine andere Stelle – eine Frau im Auswahlgremium kannte mich persönlich und wusste, dass ich mich bewerben wollte, deswegen hatte sie mich wieder nach meinen Unterlagen nachgefragt, sonst wäre ich gar nicht im Verfahren gewesen. Aber ich war sonst häufig genug dort für andere Stellenausschreibungen, und habe in Dezember festgestellt, dass es in Hamburg verdammt kalt sein kann, ich werde nicht traurig sein, wenn sie tatsächlich absagen. Siemens? Schon seit vier Monaten warte ich: „Für die sorgfältige Bearbeitung Ihrer Bewerbung bitten wir Sie um etwas Geduld. Sie haben sich Zeit für uns genommen – jetzt nehmen wir uns Zeit für Sie.“ Oder wird es eine von den anderen 34 Bewerbungen sein, die bei mir noch „am Laufen“ sind? Seid ihr gespannt? Ich auf jeden Fall. Vielleicht sollte ich eine Gratulierungsemail vorbereiten. „Herzlichen Glückswunsch, sie sind hiermit offiziell mein 100ster Absager“.

Was kann ich also bei der nächsten Absage machen, um die Gelegenheit richtig zu feiern? Ich besorge mir eine Flasche Wein und eine Webcam… Das könnte interessant werden.
„Hmm, stehst du auf Bondage? Schau mal, was ich mit einem Seil machen kann…“
„Oh ja, leg los!“
„Plöck!“
„… Shaar? Bist du noch da?“

20130423

Postskriptum – Nur, dass keiner mich falsch versteht. Natürlich würde ich nie mit jemandem vor einer Webcam spielen. Ach nee, ich meinte, das mit dem Seil zieht mich auch nicht an. Blöder Witz. Ja, es ist grenzwertig, ob man es noch als Humor bezeichnen kann. Egal, ich find’s lustig.

Alles umsonst, schon wieder

Ich weiß jetzt Bescheid, ich bin angerufen worden, und eine andere Kandidatin hat die Stelle bekommen. Sie bedauern dies sehr, sie fänden mein Profil sehr interessant, sie würden sich bemühen, innerhalb von drei Wochen eine andere Stelle für mich zu finden, blablabla, ich sollte nicht zögern, mich weiter bei ihnen zu bewerben, ja ja… Das hatte ich eigentlich schon in Dezember für eine andere Stelle bei ihnen gemacht, die nicht so gut passte aber mir von der Arbeitsagentur explizit geschickt wurde, und damals hatten sie mich von vorne rein abgesagt, ohne mich überhaupt einzuladen.

Genauer gesagt ist diese glückliche Kandidatin die Kollegin Yong Jin, die am nächsten Tag zum Gespräch eingeladen wurde. Die ich teilweise ausgebildet habe, bei der ich für ihre Diplomprüfung Beisitzerin war, für die ich bei unserem Institutsleiter H. Druck ausüben musste, damit er ihr trotz Familie eine Doktorarbeit gibt, weil er wegen den Kindern Bedenken hatte, und die erst vor einem Jahr ihre Promotion abgeschlossen hat. Und die gerade für zwei Jahren ihren Vertrag verlängert bekommen hatte, und erstmals nicht gebraucht hätte, sich um eine neue Stelle umzuschauen. Und warum? Weil das Profil noch ein bisschen besser gepasst hatte? Wir kommen doch aus dem gleichen Institut…

Und was es für mich so schwer zu schlucken macht, ist, dass es genau Lars war, der sie dazu überredet hatte, sich auf diese Stelle zu bewerben. Sie hat mir gesagt, sie hatte es ursprünglich gar nicht vor gehabt. Lars, der genau weißt, dass ich schon seit Monaten arbeitslos bin und nach einer neuen Stelle suche. Arsch. Lars, der auf der einzigen Dauerstelle am Institut vor dreieinhalb Jahren eingestellt wurde. Und warum keiner, der damals am Institut befristet berufstätig war und sich auf die Dauerstelle beworben hatte, für unseren Chef in Frage kam, ist mir nach wie vor ein Rätsel. Besser als uns ist er definitiv nicht. Eine ehrliche Erklärung vom Chef dafür hatte ich nicht bekommen, als er mir die Absage mündlich gab.

Ich glaube, alle promovierte Wissenschaftler, die jemals am Institut gearbeitet haben und noch befristet eingestellt waren, hatten sich auf diese Dauerstelle beworben. Mir sind mindestens fünf Personen in diesem Fall bekannt. Wir sind alle bestens mit den Lehrveranstaltungen vertraut gewesen und kannten uns mit den Geräten sehr gut aus. Wir sind auch vom aktuellen Institutsleiter dazu aufgefordert worden, uns zu bewerben. Dabei hat er nie vor gehabt, einer von uns zu nehmen. Ich denke, seine große Angst war einfach, dass er zu wenige Bewerbungen bekommt. Mir ist schon schleierhaft, wie er zu der Liste von Leuten gekommen ist, die er zum Vortrag eingeladen hat. Der erste Kandidat hatte mit unseren Forschungsthemen und Methoden gar nichts zu tun. Der zweite war Lars. Der dritte war ein älterer Mann, der uns durch seine frühere Arbeit sogar ein bisschen bekannt war. Dass der erste Kandidat nicht passte, war klar. Er hätte gar nicht eingeladen werden sollen. Begründung vom Chef: „Ich wusste, dass er nicht passt, wollte aber seinen Vortrag hören, weil es mit meinem Habilitationsthema verwandt ist.“ Und wozu gibt es denn Fachtagungen? Bei Lars hatte ich nichts Besonderes gedacht. Schöne Ergebnisse aus seiner Doktorarbeit hatte er gezeigt, aber nichts, bei dem ich gesagt hätte, er wäre uns so weit überlegen, dass er besser als wir für die Stelle geeignet wäre. Den dritten Kandidat hätte ich sofort akzeptiert, sein Fachwissen war außer Frage, und er war wirklich gut. Tja, wir haben wohl Lars bekommen. Heute frage ich mich immer noch, warum? Der Chef sagte, mit ihm hätte er jemanden, der genau das machen würde, was er will, vom dritten Kandidat könnte er es nicht erwarten, weil er so gut war. Und was hatte ich dann all die Jahre gemacht? …

Eigentlich kann Lars gerade die Hälfte unserer Methoden anwenden. Und er hat sich bis jetzt noch nie die Mühe gegeben, sich mit dem Rest der Geräte anzuvertrauen. Wozu auch, das brauchte er nicht, das konnten wir selber machen. Ich habe mich bemüht, nichts über ihn zu sagen, weil ich als neidisch erschienen wäre. Und habe mich nur geärgert zu sehen, wie man mit einer großen Klappe und wenig Können bei unserem Chef gut ankommen kann. Beispiel: Wir mussten ein Mal ein Gerät justieren. Wir saßen zu viert bei meinem Chef, mit Lars und meinem früheren Kollegen Sebastian, und hatten diskutiert, was zu tun war. Lars sagte sofort mit Überzeugung, „Ja, machen wir das alle drei zusammen“. Als der Zeitpunkt kam, wo wir uns an die Arbeit machen mussten, hat sich Lars aber entschuldigt, weil er etwas anderes zu tun hätte. Aber dann große Töne beim Chef spucken, wie toll wir zusammen gearbeitet hätten – obwohl er die ganze Zeit in seinem Zimmer geblieben ist. Wäre es nur eine Ausnahme gewesen, aber nein, so ist es jedes Mal. Und er wird vom Chef auch noch sehr geschätzt. Dabei ist Lars der einzige Wissenschaftler am Institut, der peinlich genau auf die Uhr schaut und so gut wie nie nach 16:30 am Institut zu sehen ist. Sein Spitzname: „Nichts wie weg“ – vom Chef selbst gesagt.

Ehrlich gesagt sehe ich doch gemeinsame Merkmale mit dem früheren (gestorbenen) Inhaber der Dauerstelle, bei denen ich nicht mit halten kann: Beide sind ernsthaft suchtkrank. Alkohol und Zigarette. Obwohl ich in letzter Zeit bei Lars den charakteristischen Geruch von Alkohol, der durch die Hautporen wieder raus geht, nicht mehr so stark wahrgenommen habe, aber so häufig bin ich auch nicht mehr dort. Ich hatte sonst vom Anfang an schon gemerkt, wie stark seine Hände zittern, wenn wir morgens im Kaffeeraum sitzen. Normal ist es nicht, selbst meine chinesische Freundin Mei hatte mich gefragt, was mit ihm los ist. Und seine Sucht auf Zigaretten ist so stark, dass er nicht in der Lage ist, eine Lehrveranstaltung auf einem Stück durch zu ziehen. Unsere HiWis berichten ab und zu, wie er während Übungsstunden den Hörsaal einfach verlässt, um draußen rauchen zu gehen. Jetzt weiß ich, was ich von Leuten zu halten habe, die „coole“ Bilder von sich selbst sitzend auf der Wiese bei einer Lehrveranstaltung fotografieren lassen. So kann man doch so viel rauchen wie man will.

Aber unser Chef hat ihn eingestellt, und damit allen gezeigt, dass er ihn für besser hält. Das schlimme daran ist, dass die Ankündigung für die Dauerstelle allgemein bekannt war, und solche Stellen sind schon in unserem Fach eine Seltenheit. Das heißt, viele Leute können sich noch daran gut erinnern. Was denken sie wohl, wenn sie jetzt jemanden aus unserem Institut kommen sehen, der damals die Anforderungen für die Stelle erfüllt hätte, und sich bei ihnen später noch bewirbt? Diese Person muss schlecht sein, weil sie damals die Dauerstelle im eigenen Haus nicht bekommen hat?

Vor allem als Frau, wo man es doch leicht haben sollte, eine Stelle zu finden, da es ja Gleichstellungsbeauftragte gibt… Tja, es gibt welche an der Uni, aber zu diesem Auswahlverfahren ist wohl keine gekommen. Bei Dauerstellen ist es eine Pflicht, eine Gleichstellungsbeauftragte zu bestellen. Das hatte der Chef auch gemacht. Aber keine ist gekommen, und es gab nicht mal eine Entschuldigung dafür. Ich habe mich nach dem Grund erkundigt, weil ich damals selber dem Gleichstellungsteam gehört hatte (und aus selbstverständlichen Gründen nicht bei diesem Verfahren als Gleichstellungsbeauftragte mitmachen konnte) und die verantwortliche Person kannte. Sie meinte, sie hätten zu viel zu tun gehabt (aber keine ist auf die Idee gekommen, dass ich sie woanders entlasten könnte…), und sie müssten zwar bei Dauerstellen eingeladen werden, aber ihr offizieller Ziel wäre es in erster Linie, die relative Anzahl von Professorinnen zu erhöhen, „normale“ wissenschaftliche Mitarbeiterinnen würden sie nicht so sehr interessieren… Und Professorinnen tauchen plötzlich aus dem Nichts auf, einfach so, ohne vorher Mitarbeiterinnen zu sein? Das hat mich genug genervt, um aus dem Team auszutreten. Weil keiner mir einreden kann, dass Lars besser als ich wäre, das ist er nicht – laut Gleichstellungsgesetzt hätte ich eingestellt werden sollen (oder der dritte Kandidat, aber nicht Lars). Und ich weiß noch, als ich gerade arbeitslos geworden war, dass ich mit Yong Jin eines Tages mittags gegessen hatte, und sie zum ersten Mal am Institut selber mit ihm zu tun haben musste, und sie mir beim Essen auf ein Mal sagte, „Weißt du, Lars ist eigentlich schlecht!“, als sie ärgerlich ihr Essen auf ihre Gabel aufspießte… als ob ich das noch nicht wüsste… aber ich hatte es niemandem erzählt, weil ich mich auch beworben hatte, und es hätte wie Neid ausgesehen. Dass sie es mir so spontan selber gesagt hat, obwohl sie sonst nie schlecht über andere Personen redet, ist mir Bestätigung genug, dass ich mich nicht geirrt habe.

Manchmal frage ich mich, ob unser Chef dem früheren Doktorvater von Lars ein Gefallen schuldig war. Das ist für mich die einzige Erklärung, die Sinn macht. Seinen Doktorvater habe ich übrigens bei der letzten Fachtagung gesehen. Er hat sich mich amüsiert angeschaut, als ob er es lustig fände, dass Lars am Institut ist. Aber jetzt, wo ich Lars kenne, denke ich, es gibt keinen Grund, so stolz auf ihn zu sein, ich würde mich eher schämen, wenn die Person aus meinem Institut kommen würde. Ach, was soll’s… Jetzt würde ich eh nicht wieder am Institut arbeiten wollen, mein Chef hat mich nicht verdient. Ich habe damals nur deswegen nicht offiziell gekündigt, weil man ja Geld verdienen muss.

Stress und Körper

Oder wie überrascht ich bin, dass so viele Sachen sich gegen meinen Willen und trotz besseres Wissens auf meinem Körper wiederspiegeln.

Ich wusste schon vom Anfang an, dass mein Arbeitsvertrag bis Oktober befristet war, und dass das Wissenschaftszeitvertragsgesetz dafür sorgt, dass ich danach nicht mehr so einfach einen befristeten Job an einer Uni bekommen kann. Deswegen habe ich mich schon lange im Vorraus auf alle unbefristeten Stellen beworben, die ich gesehen habe. Ich weiß auch, dass es nicht schön ist, arbeitslos zu sein, aber dass es trotzdem nicht das Ende des Lebens bedeutet. Ich mache alles, was ich kann, um eine neue Stelle zu bekommen, und eine neue Stelle werde ich irgendwann bekommen. Bei vielen Bekannten hat es auch fast ein Jahr gedauert, bis sie nach der Uni aus der Arbeitslosigkeit raus gegangen sind, und so lange bin ich noch nicht arbeitslos. Leben kann ich noch, und habe in meinen berufstätigen Jahren genug gespart, um keine zu große Angst vom Hartz IV zu haben.

Anfang August habe ich plötzlich angefangen, aus nicht nachvollziehbaren Gründen sehr früh morgens aufzuwachen. Ich bin selten vor zwölf im Bett, wurde aber immer gegen 05:00 wieder wach und konnte danach nicht mehr schlafen. Das ist mir auch passiert, als mein Vater mit seiner Freundin zu Besuch da war, und sie haben wirklich nichts Besonderes um die Uhrzeit gehört – einfach weiter geschlafen. Ich war noch berufstätig, aber schon als Arbeitssuchende gemeldet. Meine normale Wecker-Zeit war sonst 07:30, weil ich so nah an meiner Arbeitsstelle wohne. Aber sobald ich um 05:00 die Augen geöffnet habe, habe ich nur daran gedacht, ich müsste meine Emails schauen, weil ich automatische Emails von diversen Jobbörsen bekomme. Und habe sofort einen Adrenalin-Schuss bekommen, der verhinderte, dass ich wieder einschlafe. Es hat sehr lange gedauert, bis Februar ungefähr, und hat mich völlig erschöpft gemacht. Wie man sich denken kann, hat es mir bei Vorstellungsgesprächen nicht geholfen. Obwohl ich mir bewusst eingeredet habe, dass die Arbeitslosigkeit nicht so schlimm sein würde, habe ich so früh starke Schlafstörungen bekommen. Manchmal konnte ich morgens länger schlafen, aber nur, weil ich so erschöpft war, dass es so nicht weiter gehen konnte, nach der kurzen Noterholung bin ich wieder sehr früh aufgewacht.

Heute Morgen war ich sonst bei einer Dermatologin, weil ich eine sehr beschädigte Kopfhaut habe und so extrem Schuppen habe, dass es nicht mehr auszuhalten ist. Unabhängig davon, wie häufig ich mir die Haare wasche. Das Shampoo von Eucerin habe ich sogar probiert, erfolglos. Auf der Rückseite des Kopfes ist es so stark, dass ich nur noch flächendenkend eine weiße Kruste habe. Und das Jucken ist furchtbar. Schuppen habe ich immer gehabt, und mit Shampoos gut im Griff bekommen. Ich weiß nicht mehr genau, seit wann es zu diesem riesen Problem geworden ist. Die Dermatologin hat nur eine Sekunde gebraucht, um es sich anzuschauen, und meinte sofort, es wäre Ekzem oder Psoriasis. So ein Mist. Es ist anscheinend so ungewöhnlich verbreitet, dass sie mich fragte, wie ich das aushalten konnte. Das hat mein Vater auch immer gehabt, solange ich mich erinnern kann, bei ihm aber vor allem auf den Händen, Ellbogen und Knien. Die Dermatologin meinte, es wäre erblich und stressbedingt. Es kann sein, dass es sich bei mir kurz vor der Arbeitslosigkeit verschlimmert hat. Diese stark juckende weiße Kruste unterhalb von den Haaren im Nacken hatte ich vorher definitiv nicht. Ich hoffe, die Arzneimittel, die ich heute bekommen habe, werden das Problem lösen. Es ist nicht schön, mit einem mit Schuppen befleckten dunklen Anzug zu einem Vorstellungsgespräch zu gehen, auch wenn ich extra aufpasse, dass es nicht zu merken ist.

Eine Email der Arbeitsagentur

Gestern habe ich eine Email ohne Betreff aus der Agentur für Arbeit bekommen. Drin stand:

„in dem letzten Gespräch haben wir vereinbart, dass Sie mir regelmäßig Informationen über den aktuellen Bewerbungsstand übersenden (ca alle 2 Monate).
Leider liegen mir keine Infomationen von Ihnen vor. Bitte teilen Sie mir innerhalb einer Woche den Stand Ihrer Bewerbungsbemühungen mit.“

Unterschrieben wurde sie von einem Mann, der meine letzte Email an meiner Beraterin in Dezember beantwortet hatte. Ich hatte angenommen, die Frau wäre vielleicht im Urlaub und er hätte sie vertreten – die Email-Adresse ist sowieso von allen Mitarbeitern dort zugreifbar. Anscheinend gibt’s meine „Beraterin“ dort gar nicht mehr.
Tja, der gute Mann hatte mich gefragt, Mitte Februar meinen Bewerbungsstand zu schicken, was ich auch gemacht hatte, die Email steht bei mir immer noch im Ordner Gesendet. Mitte April hatten wir gestern noch nicht, es waren noch keine zwei Monate vergangen. Es ist schon merkwürdig, dass er meint, er hätte so lange nichts mehr von mir gehört. Ich vermute, meine Email von Februar wurde einfach nicht richtig bearbeitet. Also habe ich in meiner Antwort mit den aktuellen Stand erwähnt, dass ich doch vor noch nicht ganz zwei Monaten meinen letzten Bewerbungsstand geschickt hatte, und diese Email nach Bedarf gerne weiterleiten würde.

Ich habe durch diese Email auch eine neue Definition des Wortes „Gespräch“ gelernt. Den Mann habe ich noch nie persönlich kennen gelernt, noch nie gesehen, und telefonisch hatten wir auch bis jetzt kein Kontakt. Daraus folgt, dass man einen Email-Austausch als „Gespräch“ bezeichnen kann. Interessant.

Ebenfalls interessant wäre der in der Email erwähnte Kurs „Businessenglisch für Akademiker“. Aber sieben Wochen lang jeden Vormittag, plus Bearbeitungszeit… Wo bleibt dann die Zeit, Bewerbungen zu schreiben? Englisch kann ich, schließlich hatte ich mich nur auf Englisch mit meinen Kollegen unterhalten, als ich frisch für meine Doktorarbeit damals angekommen war und kein Deutsch konnte, und habe alle meine wissenschaftliche Artikel in Fachzeitschriften auf Englisch geschrieben, sonst wird man auch kaum international gelesen. Wenn es nur darum geht, neue Vokabeln zum Thema Business zu lernen, kann ich es zu Hause selber machen, und brauche nicht so lange täglich von 8:00 bis 13:15 einen Kurs zu hören. Sinnvoller fände ich es, wenn ich eine kompetente Person hätte, die meine Bewerbungsunterlagen unter die Lupe nehmen würde, und mir Verbesserungsvorschläge machen würde. Aber das hielt damals meine Beraterin für unnötig.

„Il n’a personne vu“

Heute rege ich mich über meine Landesgleichen auf[1]. Und ich fange gleich mit dem Zitat im Titel an.
Nach meiner Promotion habe ich einen kurzen Vertrag für eine Arbeit in einem Forschungsinstitut in Frankreich bekommen. Fast alle meine Kollegen waren Franzosen, wir hatten auch einige Ausländer in meiner Gruppe, unter anderen einen Deutschen, Burkhardt, der seit zwei oder drei Jahren schon da war und fleißig Französisch lernte[2]. Wir sind eines Tages mit ihm und anderen Kollegen in die Mensa gegangen. Burkhardt hat uns eine Anekdote erzählt, ich weiß nicht mehr genau, worum es ging, aber er hat irgendwann gesagt, dass ein Mann niemanden gesehen hatte. Dabei hat er versehentlich die deutsche Grammatik eingesetzt und das Partizip am Ende gesagt: „Il n’a personne vu“, statt „Il n’a vu personne“. Im Grunde sind nur zwei Wörter getauscht. Nicht schlimm, man kann’s trotzdem verstehen, dachte ich. Was für eine Aufregung bei meinen französischen Kollegen! Einige haben nur gelacht, nachdem ich sein Fehler erklärt habe; eine andere Wissenschaftlerin konnte sich aber nicht mehr beruhigen, weil der Satz für sie völlig unverständlich war, und hat sich nur noch darüber aufgeregt, er sollte wenigstens richtig Französisch sprechen, wenn er sich mit den Leuten hier unterhalten wollte. Die blöde Zicke hat mir ein wenig Leid getan[3]. Wenigstens hatte sich Burkhardt die Mühe gegeben, sich unsere Sprache zu eignen. Ich würde gerne sehen, wie sie in sich in Deutschland ausdrücken würde. Deutsch hat sie anscheinend nie gelernt, sonst hätte sie sein Fehler verstanden. Diese Geschichte zeigt mir, wie verschlossen und intolerant einige Franzosen gegenüber andere Sprachen oder Ausländer sein können. So wenige Franzosen sind es nun auch nicht…

2002 hatten wir eine Präsidentschaftswahl. Wie üblich gab es zwei Wahlgänge, zwei Wochen voneinander entfernt, jeweils sonntags. Ich hatte damals den langen Weg aus Deutschland zu meiner Heimat gemacht, um mich an die Wahl zu beteiligen – das war gleichzeitig die Gelegenheit, meine Eltern zu besuchen. Am ersten Sonntag, Ende April, habe ich mit der Tagesschau abends einen tiefen Schock bekommen, als die Ergebnisse bekannt gegeben wurden. Bei einer Wahlbeteiligung von knapp 72% haben 17% der Wähler ihre Stimme für die rechtsextremiste Partei von Le Pen gegeben, und ihn damit ermöglicht, zum zweiten Wahlgang zu kommen, wo nur noch zwei Kandidaten übrig bleiben dürfen. So konnte Chirac mit 82% der Stimmen zum zweiten Mal gewählt werden. Mein Volk, meine Heimat? Nein, ich kann mich seitdem wirklich nicht mehr mit diesem Volk identifizieren[4].

Das schlimme daran ist, dass ich langsam den Eindruck bekomme, die meisten Wähler sind nicht in der Lage, sich über eine Partei oder über die Lage ihres Landes ein klares Bild zu machen – sie haben keine blasse Ahnung. Das sehe ich täglich auf Facebook. Ein Beispiel von heute Morgen: Eine Bekannte aus der Schulzeit teilt einen Status mit politischem Charakter aus irgendeiner Seite mit, in dem sehr karikaturistische Aussagen über die Parteien von links und rechts gemacht werden, und wo klar wird, dass der Autor die Linksangehörigen für Vollidioten hält und die Rechtsangehörigen für deutlich überlegener. Es ist mir im Grunde egal, wie der Verfasser dieses Status politisch orientiert ist. Was mich stört ist, neben der Benutzung von spöttischen pauschalen Aussagen ohne Quelle, um deren Gültigkeit zu prüfen, der letzte Satz (von mir ins Deutsche übersetzt): „Wenn eine Person einer rechten Partei diesen Status liest, teilt sie ihn mit. Eine Person der Linke nicht.“ Und gleich die Reaktion von meiner Bekannte: „Ich bin parteiunabhängig und teile diesen Status mit.“ Ich wollte gleich schreiben, „Du hast dabei vergessen, deinen Gehirn einzuschalten.“ Ich meine, einfach blind einer Aufforderung zum Mitteilen von irgendeinem Text folgen, weil eine unbekannte Person drin impliziert, wenn du nicht mitteilst musst du linksorientiert sein, also ein Vollidiot? Hallo? Das nenne ich einfach Spam zwecks Hirnwäscherei. Und es ist leider nur ein Beispiel. Vor zwei Wochen hatten wir ein Bild, der viral auf Facebook geteilt wurde, in dem eine Vergleichstabelle zwischen Arbeitsnehmern und Arbeitslosen zeigte, dass man als Arbeitslos am Ende vom Staat viel mehr Geld zum Leben bekommt. Nirgendwo wurde angegeben, woher diese ganzen Zahlen kommen, oder auf welcher Basis sie gerechnet wurden, was Facebook-Benutzer nicht daran hinderte, munter das Bild weiter zu teilen. Wie Rue89 später berichtete (auf Französisch), handelte es sich ursprünglich um einen kleinen Witz, der absichtlich zum Spaß viele Fehler enthielt. Dabei interessierte sich keiner dafür, der das Bild weiter teilte, ob die enthaltene Information wahr ist oder nicht. Ahnungsloses Mitteilen ist aber katastrophal, wenn dadurch wie häufig Ideen von Rechtsextremisten an Gewicht gewinnen. Weil man ja diese populäre Weisheit kennt: „Wenn es auf Internet steht, muss es wahr sein“. Und es ist so bequem, die Schuld für eine schlechte Wirtschaftslage auf eine einfach zu identifizieren Bevölkerungsminderheit zu schieben. Diese Beispiele und viele mehr aus einem nicht geringen Teil meines Bekanntenkreises[5] auf Facebook zeigen mir, dass viele Leute ohne nachzudenken alles glauben, was man ihnen erzählt, und mir dadurch als Wahlunfähig erscheinen.

[1] Wobei ich denke, was ich erzähle wird in anderen Ländern nicht anders sein.
[2] Das alleine ist in meinen Augen schon lobenswert. Ich habe in Deutschland französische Kollegen gehabt, die sich nie die Mühe geben wollten, Deutsch zu lernen.
[3] In der Grundschule hatte man – wenigstens noch in meiner Zeit, und die Frau ist älter als ich – eine Übung gehabt, wo Wörter eines Satzes in einer beliebigen Reihenfolge angegeben waren, und man musste sie richtig anordnen, um einen Sinn zu bekommen. Dass sie das in diesem kleinen Satz nicht mal hinbekommen hat, fand ich… traurig.
[4] Ich kann das Ansehen der französischen Flagge auch nicht mehr ertragen, sie ist in meinem Kopf zu sehr mit dieser Partei verbunden. Die haben sie ja in ihrem Logo verarbeitet.
[5] Und aus meiner Familie…