Eigentlich will ich nicht mehr

„Hast du an deinem Antrag weiter gearbeitet?“ fragte mich heute Winfried nach unserem wöchentlichen Meeting. Gemeint war mein DFG-Antrag, den wir seit einem Jahr ständig umschreiben und der mir eine weitere Finanzierung ermöglichen soll, nachdem mein Vertrag am Ende des Jahres ausläuft. Vorausgesetzt, der Antrag wird nicht abgelehnt.

Winfried ist gerade aus dem Urlaub zurück gekommen. Drei Wochen war er weg. Drei Wochen, in denen ich nach Lust und Laune an meinen Programmen frei arbeiten konnte. Programm#1 hatte ich in einem schlechtem Zustand bekommen, als ich seine Entwicklung vor vier Jahren übernommen hatte. Damals kannte ich mich noch nicht mit Python aus. Ich habe schlechte Programmiergewohnheiten aus dem Code meines Vorgängers gelernt. Heute weiß ich besser Bescheid. Programm#1 funktionierte ja, aber ich habe im Laufe der Zeit erkannt, dass er von jemandem geschrieben wurde, der Python mit Fortran-Denkmustern missbraucht hat. Grauenhaft. Da ich drei Wochen Ruhe hatte, habe ich den Code grundsätzlich gereinigt. Das wird mir oder meinen Nachfolgern in Zukunft viel Zeit sparen, um weitere Funktionalitäten einzubauen.

Was ich in den drei Wochen nicht gemacht habe, ist, an dem DFG-Antrag zu arbeiten. Bis heute Morgen, als ich ahnte, dass die Frage kommen würde. Also habe ich ganz schnell einen neuen Absatz mit Abbildung geschrieben. „Ja, habe ich,“ konnte ich Winfried ehrlich antworten. „Aber eigentlich habe ich keinen Bock,“ habe ich unerwähnt gelassen.

Fakt ist, ich habe keinen Bock mehr. Die Arbeit an meinen Projekten macht mir weiterhin Spaß, aber wenn ich sehe, wie sich unsere Gruppe entwickelt, würde ich lieber meinen Vertrag auslaufen lassen und die Arbeitslosigkeit mit offenen Armen empfangen.

  • Mr Keen hat jetzt einen permanenten Vertrag, und der blosse Gedanke, ihm langfristig täglich begegnen zu müssen, gibt mir Magenschmerze. Ich könnte kotzen, und es ist nicht übertrieben. Ich kriege wirklich einen schweren Klumpen im Magen, wenn ich zu sehr darüber nachdenke. Aber ich habe genug über ihn geschrieben.
  • Es gibt meinen zum Glück nicht mehr Zimmergenosse, dem ich hier immer noch keinen Namen gegeben habe und der jetzt mit meinem armen IT-Kollegen sitzt. Soll er Moritz heißen. Moritz hat auch eine unbefristete Stelle und ist zu unserer Gruppe infolge einer Umstrukturierung gekommen. Ich kann ihn mittlerweile nur noch schwer ertragen, wenn er mit uns Mittagspause macht (auch einer, der meint, mit vollem Mund reden zu müssen) oder im Meeting sitzt (und immer ganz laut blöde Kommentare abliefert, die nur er lustig findet). Nervig finde ich, wie er seit einem halben Jahr über seine Fußschmerze jammert, ohne die logische Konsequenz daraus zu ziehen: Abzunehmen. Das würde ihm und seinem schwer belasteten Fuß viel besser tun, als die ganzen Maßnahmen, die er bis jetzt verordnet bekommen hat. Nee, zu anstrengend für ihn. Wie die Arbeit, wirklich. Wie stolz erzählt er, dass er morgens und abends an dem Zeiterfassungsgerät, das am weitesten liegt, sich abstempelt, um gut fünf Minuten gratis am Tag auf seinem Überstundenkonto zu bekommen! Er beschwert sich immer, dass die Arbeitsbedingungen und das Geld besser sein könnten, ist aber selber ein echt fauler Sack. Ganz die Vorurteile, die man über Betriebsradmitgliedern hört. Das ist er nämlich. Was er in seiner Anwesenheitszeit im Büro wirklich treibt, außer ganz laut zu telefonieren, weiß keiner. Nicht mal Winfried, würde ich behaupten.
  • Über Nina, die Nachfolgerin von Mieke, habe ich noch nichts erzählt, aber sie geht mir gewaltig auf dem Keks. Egal, was man sagt, muss sie immer grundsätzlich widersprechen. Sie ist auch die Erste, die über Anderen lacht, selbst wenn sie nicht wirklich versteht, worum es geht. Verstehen tut sie eigentlich selten. Sie ist zu uns vor einem Dreivierteljahr gekommen, um das Chemielabor zu leiten. Das macht sie gut. Nehme ich an. Ich bin ja so gut wie nie im Labor. Was sie gar nicht kann, und auch nicht muss, ist, Messungen an unseren Geräten durchzuführen. Sie hatte mir mal am Anfang aus Neugier Fragen gestellt, und es ist klar, dass sie von der Messmethode und der ganzen physikalischen Theorie dahinter noch nie etwas gehört hatte. Das ist in sich nicht schlimm. Was ich aber nicht ertragen kann, ist, wie sie sofort am Anfang in den Meetings laut über unsere Nutzer gelacht hat, oder „Tss tss tss“ und „wie kann man nur“ von sich gegeben hat, wenn wir erzählten, dass sie Probleme an den Geräten verursacht hatten. Die Details waren dabei so technisch, dass sie als Neulinge und Laie sie kaum verstehen konnte. Nein, sie reagiert nur auf den Tonfall der Stimme des Erzählers. Eine ziemlich blöde Zicke.

Man könnte meinen, dass ich mit allen meinen Kollegen nicht klar komme. Das stimmt nicht. Meine IT-Kollegen sind ganz in Ordnung. Mit Kate unternehmen wir sogar ab und zu etwas außerhalb der Arbeit. Seitdem ich aus dem gemeinsamen Zimmer ausgezogen bin, geht es besser. Vielleicht hat sie jetzt gelernt, selbstständig mit ihrem Rechner umzugehen, da ich nicht mehr da bin, um alle ihre spontanen Fragen zu beantworten. Oder sie fragt jetzt die anderen Zimmergenossen. Florian, unser letzter zugekommener Wissenschaftler, ist auch ganz lieb. Vielleicht zu lieb. Er bemüht sich immer, sich mit allen, aber auch wirklich allen, gut zu verstehen. Selbst wenn Leute ihn nerven. Über Nina hat er sich schon bei mir beschwert, wenn sie sich besonders blöd angestellt hat, aber er verhält sich selbst mit ihr äußerst freundlich. Das könnte ich nicht. Moritz hat er sogar mit einem Spitznamen versehen, und er kennt alle Pförtner am Empfang mit Vornamen. Unheimlich. Vielleicht nerve ich ihn, kriege es aber nicht mit, weil er sich immer so freundlich verhält. Über zu viel Freundlichkeit will ich mich auch nicht beschweren, das ist so untypisch.

Also, obwohl ich mich mit vielen in der Gruppe halbwegs gut verstehen kann, braucht es nur einige wirklich nicht auszuhaltenden Persönlichkeiten, um mir die Stimmung komplett zu verderben. Schlimm, wenn diese Personen noch bis zu ihrer Rente in der Gruppe bleiben werden. Da denke ich, lieber arbeitslos werden, als länger dort zu arbeiten. Ich hatte ja vor sechs Wochen ein Vorstellungsgespräch, aber ein anderer Kandidat wurde gewählt, der besser zur Stellenbeschreibung passt. Zur Stellenbeschreibung, die auf der Webseite der Firma veröffentlicht wurde. Die, auf die ich mich beworben hatte, hatten sie in einer Fach-Mailinglist gepostet, und sie passte wunderbar zu meinem Profil… weil ich vermute, dass das Copy-Paste nicht richtig funktioniert hatte, da es nur einen Teil der Beschreibung auf der Webseite war. Der fehlender Teil war wohl wichtiger. Immerhin haben sie mir geschrieben, dass ich einen großen Mehrwert ins Team bringen würde, und sie melden sich im Herbst, um mir eine Stelle ab dem nächsten Jahr anzubieten. Falls sie nicht zwischendurch ihre Meinung geändert haben.

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Dienstreise abgesagt

Ich hätte heute zu einer Tagung fahren sollen. Aber. Mir geht es immer noch nicht so gut, wie ich es erwartet hatte. Ich habe schon im Urlaub gemerkt, dass ich noch psychologisch ziemlich instabil bin. Ich kriege häufig einen Kloß im Hals und muss mich dann zusammen reißen, um nicht auf der Stelle in Tränen auszubrechen. Auch wenn ich abgelenkt bin. Wie soll ich da für ein paar Tage weit weg verreisen und einen Vortrag halten?

Zum Glück habe ich den besten Chef überhaupt, den man sich wünschen kann. Nicht nur, dass er mich während der Schwangerschaft so viel unterstützt hat, jetzt zeigt er nach der Fehlgeburt so viel Verständnis! Wenn ich nicht in der Lage bin, zur Tagung zu fahren, soll ich aus gesundheitlichen Gründen absagen. Punkt. Gemacht. Ein Nachgeschmack von Versagen ist trotzdem da. Die kleine Stimme flüstert mir ins Ohr, „Stell dich nicht so an, du Jammerlappen!“. Körperlich geht es mir ja gut. Die Stimme weiß nicht, wovon sie redet.

Ich brauche noch Zeit für mich, um mich besser zu fühlen. Ich habe mich heute um mich gekümmert. Statt zur Arbeit zu fahren, bin ich zuerst zum Fitnessstudio gegangen. Anderthalb Stunde Wassergymnastik, obwohl die Frauenärztin mich davon abgeraten hatte. Ich habe zwei Kurse hintereinander mitgemacht. In der Sauna war ich auch[1]. Danach habe ich zu Hause gearbeitet. Mein Hausarzt hatte mir angeboten, mir nach Bedarf nach dem Urlaub eine neue Krankschreibung zu geben. Das will ich zur Zeit nicht, weil ich zu Hause arbeiten kann.

Der Arzt hatte mir auch Antidepressiva verschrieben, weil ich Schlafprobleme hatte. Ich habe die Tabletten gekauft, aber noch nicht benutzt. Depressiv bin ich nicht. Ich will die ganze Zeit heulen, das ist doch das Gegenteil von einer Depression, wo man sich nur noch leer und antriebslos fühlt. Was sollen die Tabletten? Womöglich ändern sie mein Verhalten, und dann bin ich nicht mehr ich. Das fand ich schon furchtbar, als ich die Pille ausgesetzt hatte. Da ich keine Gefahr für mich selbst darstelle, sehe ich nicht ein, dass ich Antidepressiva schlucken sollte. Außerdem schlafe ich wieder gut, seit letzter Woche.

Ich bleibe also zu Hause, statt nach Skandinavien zu fliegen. Mit den Streiks an den Flughäfen hätte ich sowieso nicht fliegen können. Wie gut, dass ich mich immer noch nicht darum gekümmert hatte, Flug und Hotel zu buchen. Die Folien zu meinem Vortrag habe ich den Veranstaltern geschickt. Ein der Veranstalter ist eigentlich Uschi, unser ehemaliger Chef. Er kennt mein Thema und hat sich angeboten, um den Vortrag für mich zu halten. Ich habe dadurch weniger schlechtes Gewissen, nicht zur Tagung zu fahren. Theoretisch hätte ich auch von zu Hause aus mit Skype oder ähnliches den Vortrag halten können. Mir fehlt dafür die Ausstattung. Weder Mikrofon noch Kamera habe ich am Rechner angeschlossen. Ich habe sowas nie gebraucht.

[1] In der Dusche bin ich einem gut gebauten jungen schwarzen Mann begegnet, und ich war schockiert darüber, wie sehr ich mich plötzlich zu ihm angezogen gefühlt habe. Wilde Fantasien sind mir durch den Kopf gegangen. Das nach einer frischen Fehlgeburt, und obwohl ich doch so glücklich verheiratet bin! Ein Eisprung ist auch nicht so schnell zu erwarten, der solche Hormonschübe erklären würde. Ich habe schließlich immer noch Schmierblutungen. Ich habe mir die Haare schnell gewaschen und bin aus dem Wellnessbereich auch schnell weg gegangen.

Und wieder unterwegs

Kaum bin ich nicht mehr krank geschrieben, bin ich auf Dienstreise. Gut, es ist nur halb so schlimm. Wir hatten schon länger Urlaub geplant, und es hatte sich zufällig ergeben, dass ich mit anderen Wissenschaftlern in der Nähe vom Urlaubsort etwas bearbeiten wollte. Die einen haben Verbesserungsvorschläge für Programm#1, die anderen wollen Programm#2 testen. Ich hatte die Idee, dass ich einen Tag früher verreisen könnte und habe Termine für Besprechungen vereinbart. Also morgen. So war es mir nicht zu stressig, und ich musste nicht als Schwangere mehrmals zum gleichen Ziel hinfliegen. Schwanger bin ich nun leider nicht mehr, aber es ist mir immer noch angenehmer, Urlaub und Dienstreise so zu kombinieren. Es wird mich auf jeden Fall ablenken. Und es ist mir egal, dass ich dabei morgen zur Besprechung unter anderen zufällig mit einem Ex-Freund verabredet bin. Es ist so lange her, es spielt keine Rolle mehr. Ach so, aber erwähnen tue ich es trotzdem, was?

Wo ich bin? Eine Wissenschaftsstadt in der Nähe von Bergen. In der Heimat. In den Bergen wollen wir Urlaub machen. Der Ehemann kommt morgen nach. Wir haben uns heute kurz am Flughafen getroffen, da er aus seiner Dienstreise gerade zurück kam und ich zu meiner weg musste. Er hatte übrigens nachmittags einen Vorstellungsgespräch, und es hat so gut geklappt, dass er in Kürze den neuen Arbeitsvertrag in den Händen halten darf. Es freut mich so sehr für ihn. Der Job klingt viel interessanter, er wird nicht mehr so häufig verreisen müssen, und das Gehalt stimmt viel besser als momentan. Sein jetziger Chef wird blöd gucken. Morgen Abend stoßen wir an. Ich darf ja wieder.

Blöd war heute das Fliegen. Ich hatte keinen direkten Flug, sondern musste in Frankfurt umsteigen. Der erste Flug ist mit einer halben Stunde Verspätung aus Berlin gestartet, weil es Probleme mit einer Sitzplatzreservierung gab. Ich glaube, der Platz wurde zwei Mal vergeben. Es gab aber noch freie Plätze. Als wir in Frankfurt gelandet sind, war es so spät, dass das Boarding für meinen nächsten Flug schon angefangen hatte, als ich noch im Gang stand und darauf wartete, das Flugzeug endlich verlassen zu können. Ich bin gerannt, ich war den langen Flur entlang sogar schneller als die Leute, die aufs Laufband gingen, der Flughafen in Frankfurt ist ja riesig, und ich bin völlig außer Atem gerade noch mit den letzten Reisenden durch gekommen. Es hätte mir klar sein sollen: Das Gepäck war nicht so schnell wie ich. Beim Ankommen fehlte mein Koffer.

Ich habe Formulare gefüllt und mir wurde erklärt, dass der Koffer mit dem letzten Flugzeug aus Frankfurt um halb elf kommen soll. Ich musste aber noch eine Stunde Bus bis zu meinem Ziel fahren, und ich hatte schon Migräne. Der Koffer wird mir morgen zugeschickt. Ich bin mit einer Notfallsmappe von Star Alliance, explizit für Frauen, für die Nacht entschädigt worden. Beim Ankommen im Gästehaus vom Forschungszentrum habe ich die Mappe geöffnet. Zahnbürste und Zahnpasta, eine Haarbürste, die mit meinen dicken lockigen Haaren recht nutzlos ist, Shampoo und Vaseline sind drin. Auch ein Shirt, riesig, aber keine Unterwäsche und nicht mal Binden. Tampons sind in einer Plastiktüte vorhanden, aber die ist echt schwer zu öffnen, vor allem, wenn man nur mit Handgepäck ankommt und keine Schere drin haben darf. Morgen werde ich mit nicht frischen Unterwäschen zu den Terminen laufen müssen, weil das Zimmer so kalt ist, dass ich sie nicht waschen will. Sie würden nie trocknen. Es ist mir recht unangenehm, auch wenn es durch die Nutzung von Binden, die ich im Handgepäck habe, nicht so schlimm ist.

Eine lustige Geschichte gab es noch, beim Aussteigen aus dem Bus. Na ja, nicht alle haben es lustig gefunden, denke ich. Ich bin bei einer Haltestelle in der Nähe vom Forschungszentrum ausgestiegen, sowie ein anderer Mann. Der Mann kam mir schon bekannt vor, als wir am Flughafen eingestiegen waren, aber ich könnte nicht sagen, woher. Eins wusste ich, ein Wissenschaftler ist er. Ich wollte ihm also beim Aussteigen folgen, weil er bestimmt zum Gästehaus gehen würde. Er hat im Gepäckfach nach seinem Koffer gesucht, der Fahrer hat dann die Außentür zu gemacht und ist zurück in den Bus gegangen. Ich folgte gerade seit ein paar Schritten dem Mann, als er plötzlich zum Koffer runter schaute und entsetzt laut „Oh Gott!“ rief, worauf mir klar wurde, dass er 1) Deutsch sein musste und 2) den falschen Koffer mitgenommen hatte, und er ist zurück zum Bus gelaufen. Der Fahrer hat ihn aber trotz Brüllens nicht gemerkt und ist weiter gefahren, mit dem Mann, der ihm hinterher auf der Straße gerannt ist. Vermutlich ist er bis zur Endhaltestelle weiter so gerannt, zehn Minuten mit dem Bus noch entfernt. Ich habe ihn nicht mehr gesehen und musste den Weg zum Forschungszentrum selber finden, was mir nach einiger Verwirrung doch gelungen ist.

Unwohl

Heute habe ich keine Lust, irgendwas zu essen. Ich spüre kaum Hunger, eher eine ganz leichte Übelkeit, die zum Glück verschwindet, wenn ich eine Kleinigkeit esse. Krackers sind da gut. Schokolade ist keine gute Idee, habe ich festgestellt. Danach fühle ich mich zu voll, und mein Puls fühlt sich unangenehm an. Wieder bin ich müde. Nein, nicht wirklich. Ich fühle mich erschöpft, aber es ist kein Verlangen nach Schlaf. Ich spüre einen Druck auf dem Gesicht. Auf beiden Schläfen, auf den Augen, auf der Stirn, oben auf der Nase. Leichter Kopfschmerz. Kenne ich. Ich weiß, womit es zu tun hat, und die Schwangerschaft ist es nicht. Die Erkältung auch nicht, die immer noch ein bisschen rum hängt. Ich bin sauer. Stinksauer. Ich habe auf Arbeit eine Nachricht gehört, die ich nicht verdauen kann.

Und zwar haben wir gerade die Gelegenheit, in der Arbeitsgruppe mehr permanenten Stellen zu fordern. Wir haben nach einer internen Evaluierung gute Aussichten für eine zusätzliche Dauerstelle. Und wen hat Winfried so nebenbei vor der Gruppe vorgeschlagen? Mr Keen! Ich habe zuerst gedacht, ich höre nicht richtig. Von allen, die in Frage kämen, fällt Winfried nichts besseres ein?

Ich weiß, ich kann ihn seit seinem Vorstellungsgespräch nicht leiden. Es ist schon mal physisch. Er schwitzt ständig in den Händen, es ekelt mich, wenn er meint, mich zum Geburtstag mit einem Handschlag gratulieren zu müssen. Igitt. Vom Anfang an ist es klar, dass ihn nur eines interessiert: Eine Dauerstelle zu bekommen. Noch besser: Als Chef. Die Art, wie er gleichzeitig versucht, das Gegenteil zu zeigen, ohne zu merken, wie durchschaubar er ist, finde ich lächerlich. Zum Beispiel, als wir über einen Nachfolger für Uschi diskutiert hatten. Dabei ist er jemand, der sich vor dem Chef immer begeistert zeigt, aber vor uns nur stöhnt und sich beschwert, wenn er Aufgaben bekommt. Und der gerne prahlt, auch wenn Sachen gut laufen, ohne dass er dafür etwas gemacht hat. Obendrauf verliert er keine Gelegenheit, über Kollegen hinter ihren Rücken schlecht zu reden. Über mich, aber auch über anderen. Und die Art wie er sich mit Kate verhalten hat… Das stimmt, vieles davon erfährt Winfried natürlich nicht. Weil Mr Keen sich anders vor ihm als vor uns verhält. Das alleine zeigt schon, was für ein Heuchler er ist. Aber wenn ich Winfried jetzt aufkläre, bin ich vermutlich die, die lästert und „einfach nur neidisch ist“. Besser nichts sagen.

Natürlich bin ich von Winfried enttäuscht. Immerhin hatte er mir vor zwei Jahren gesagt, er würde mich entfristen wollen. Davon ist seitdem nie wieder was zu hören gewesen, und ich vermute, die Bauchhöhlenschwangerschaft muss damit zu tun haben. Aber es ist nicht das, was mich vor allem sauer macht. Ich kann verstehen, dass er eher jemanden braucht, der an die Weiterentwicklung unserer Geräte arbeitet. Das ist für unseren Betrieb wichtiger als irgendwelche Software zu entwickeln. Mr Keen arbeitet hauptsächlich an den Geräten. Das tut auch Florian, der seit dem Sommer bei uns arbeitet. Und ich muss sagen, seitdem er da ist, läuft die Arbeit an den Geräten viel besser. Florian ist wirklich das Gegenteil von Mr Keen. Er arbeitet mit Begeisterung und engagiert sich total in seinen Aufgaben. Er hat sich unglaublich schnell eingearbeitet, hat gute Ideen und zeigt Initiative, statt wie Mr Keen alles nach Anweisung vom Chef zu machen. Wenn, dann wäre die Wahl für eine Dauerstelle bei ihm viel sinnvoller gewesen. Ich weiß noch, wie sich Mr Keen bei den Vorstellungsgesprächen gegen Florian geäußert hatte. Jetzt spielt er mit ihm den besten Kumpel. Und die Kollegen fallen rein, obwohl sie mitbekommen haben, wie sehr er gegen ihn war. Ich verstehe nicht, wie alle so blind bei Mr Keen sein können. Wirkt sein pummeliges Kleinkind-Gesicht wirklich so unschuldig? Selbst Kate scheint wieder mit ihm gut befreundet zu sein.

Ein bisschen klingt die Situation wie in meinem Traum vor einem halben Jahr. Schwanger bin ich auch noch. In dem Traum war etwas definitiv wahr: Ich kann die Idee nicht aushalten, langfristig mit Mr Keen in Kontakt zu bleiben. Ich habe mir heute die Zeit genommen, um mehr Bewerbungen zu schreiben. Lieber flüchten. Aber gibt es nicht überall andere Mr Keen? Eine ähnliche Situation hatte ich in meinem früheren Institut ja erlebt. Es ist deprimierend zu sehen, wie große Klappen vor Kompetenzen bevorzugt werden. Ich glaube leider nicht, dass meine Chancen auf dem Arbeitsmarkt besser als vor dieser Stelle stehen, obwohl ich meine Erfahrungen deutlich erweitert habe. Jetzt bin ich vierzig, und ich habe das Gefühl, beruflich in einer Sackgasse zu stecken. Firmen interessieren sich nicht für alte Akademiker. Wenigstens hat mich das Wegbewerben vom Ärger abgelenkt.

Heute zu Hause

Es ist toll, wenn ich von zu Hause aus arbeiten darf. Ich spare mir gleich zwei Stunden Fahrt mit der ÖPNV. Wenn ich den Anfang der Woche betrachte, würde ich sogar drei Stunden sagen.

Am Montag lief es erstmal in Ordnung. Ich hatte keine Lust auf S-Bahn. Mit dem ersten Bus los, kurz in der U-Bahn, dann zur nächsten Bushaltestelle, um das letzte Stück zur Arbeit zu fahren. Um neun stand ich dort. Der Bus fährt im zwanzig-Minuten-Takt, zusammen mit einem anderen Bus, der einen Teil der Strecke fährt. Um zwanzig vor zehn, ziemlich durch gefroren, als die Anzahl der Fahrgäste sich schon bedrohlich auf dem Bürgersteig vermehrt hatte, bin ich in den anderen Bus eingestiegen und habe den Fahrer gefragt, ob er irgendwas über die andere Linie wüsste. Nein, aber die Nummer vom Kundendienst hat er mir gegeben: 030-19449. Dort habe ich erfahren, dass es auf der Autobahn einen Unfall gegeben hatte, und alle Fahrzeuge die Ausfahrt nehmen mussten, was einen Monsterstau verursacht hatte. Die Busse kamen einfach nicht durch. Ich bin bis zur letzten gemeinsamen Haltestelle mit dem Bus gefahren und habe den Rest zu Fuß gemacht. Fünfundzwanzig Minuten. Natürlich hat sich inzwischen der Stau aufgelöst, und der lang ersehnte Bus hat mich zwischen zwei Haltestellen überholt. Ich war aber bei der Kälte flott genug unterwegs, und habe ihn bei jeder roten Ampel wieder getroffen.

Gestern hatte der erste Bus schon eine Viertelstunde Verspätung, wie mir meine BVG-App nach fünf Minuten Ungeduld berichtet hat. Mit der App ist es so eine Sache. Verspätungen werden häufig gar nicht angezeigt, wie am Montag. Diesmal schon. Der Bus fährt im zehn-Minuten-Takt, also bin ich in den nächsten Bus eingestiegen. Zu meiner Enttäuschung war es wieder kein Doppeldecker, und nicht mal ein langer Bus, weil er nicht so weit wie der erste Bus fährt und dadurch weniger Gäste bekommt. Im Normalfall. Dadurch, dass der erste Bus de facto ausgefallen ist, war der entsprechend rappelvoll. Wir haben noch auf dem Weg zur U-Bahn im Stau gestanden und zehn Minuten Verspätung gesammelt. Als ich dann bei Rot an der Ampel stand, um zur letzten Bushaltestelle zu gehen, ist mir der Bus vor den Augen weg gefahren. Nochmal zwanzig Minuten in der Kälte warten.

Heute habe ich mich also gefreut, zu Hause zu arbeiten. Dadurch entfällt die Fahrzeit, die ich momentan benutze, um einen Schal für den besten Ehemann der Welt zu häkeln, aber mehr dazu in einem anderen Beitrag. Heute wäre ich sowieso nicht dazu in der Lage gewesen. Schon beim Aufstehen wurde mir klar, ich bin so was von müde! In der Küche würde mir schwindelig, als ich das Radio bedienen wollte. Ich habe mich auf der Couch im Wohnzimmer unter der Decke gekuschelt und geschlafen, als der Ehemann sich für die Arbeit fertig gemacht hat. Nach einer Weile konnte ich mich aufraffen und habe zwei Stunden gearbeitet. Danach bin ich zum Arzt gegangen, um nach den Testergebnissen von letzter Woche zu fragen. Sie hatten mir gar nicht Bescheid gesagt, aber die Ergebnisse lagen schon länger da. Es gab eine kurze Besprechung mit dem Arzt, der meinte, solche tolle Blutwerte hätte er selten gesehen — danke Nadja! Vermutlich. Ich kannte meinte Werte auch nicht, bevor ich meine inzischen elf Kilogramme abgespeckt habe. Und Mängel gibt es keine. Ich habe noch mein bestelltes Buch Schwangerschaft für Dummies bei der Buchhandlung abgeholt und bin zurück nach Hause gefahren. Kurz gegessen. Und dann wurde mir bewusst, ich war unfähig zu arbeiten.

Migräne. Lichtempfindlichkeit. Müdigkeit. Lesen und am Rechner arbeiten unmöglich. Ich habe mich wieder auf der Couch unter der Decke mit herunter gezogenen Jalousien gepackt und versucht zu schlafen. Wie gestern, als ich nach Hause gekommen bin. Gestern nachmittag hatte mich genau beim Einschlafen das Klaviermassaker der Nachbarn den Schlaf geraubt. Seitdem wir hier wohnen, hat sich qualitativ am Musizieren der Nachbarn leider nichts geändert, wobei es in letzter Zeit nicht mehr so häufig zu hören ist. Für Elise ist inzwischen halb gelernt aufgegeben worden. Andere Stücke, die ich in meiner Jugend selber gespielt und geliebt hatte, werden dermaßen mishandelt, das ist echt schwer zu ertragen. Wie auch immer. Heute nachmittag konnte ich ohne Störung schlafen. Es hat aber nicht geholfen, weil die Migräne immer noch da war. Viel Wasser getrunken. Einen Apfel gegessen. Nochmal geschlafen. Übelkeit. Am Ende habe ich doch Paracetamol genommen. Es soll unbedenklich sein. Und nach dem ich wieder geschlafen habe, geht es mir endlich wieder besser. Ein mieser Tag war das.

Ich warte nun, dass der Ehemann auf dem Fitnessstudio zurück kommt. Weil er jetzt trainiert. Mit mir, in einem neuen Fitnessstudio. Aber dazu in einem anderen Beitrag.

Immer noch krank

Ich dachte, mir ginge es besser. Ich schlafe wieder besser, seit dem Wochenende. Ich war heute Morgen trotzdem müde beim Aufwachen. Und nach der Mittagspause habe ich mich plötzlich schlecht gefühlt. Zu warm, schwindelig, unfähig, zu lange an etwas zu arbeiten… Ich habe meine Sachen gepackt und bin um zwei nach Hause gefahren.

Kurz vorher noch Winfried angerufen, um Bescheid zu sagen: „Alles klar, riskiere nichts und erhole dich“, war seine Antwort. Ich habe noch nicht erzählt, wie großartig Winfried als Chef ist.

Ich habe ihm schon letzte Woche mitteilen müssen, dass ich schwanger bin. Ich darf ja nicht mehr im Labor arbeiten, oder unsere Messgäste für Experimente einweisen, oder sogar Rufbereitschaft machen. Es musste für meine kommenden Tätigkeiten dringend für Ersatz gesorgt werden. Ich war ganz nervös, als ich ihn angerufen hatte. Uschi, unser ehemaliger Chef, hatte schon mal einer Bewerberin, an die er interessiert war, doch nicht die Stelle angeboten, weil sie ihm im Nachhinein zugegeben hatte, schwanger zu sein.

Winfried hat auf die Nachricht ganz toll reagiert und mir gratuliert. Mein nächster Arbeitsvertrag ist unterwegs und daran ändert sich nach der Ankündigung nichts. Er hat nochmal bei der Personalabteilung angerufen und mir erklärt, dass ich gerne die benötigte Monate um die Geburt aussetzen und am Ende vom Vertrag anhängen kann. Und als ich gestern wieder auf Arbeit war und in seinem Büro stand, meinte er, ich sollte mich zu Hause einrichten, um vor dort aus zu arbeiten. Es wäre kein Problem, ich müsste nur mit der Personalabteilung darüber reden. Und Austattung wie neuen Rechner, Bildschirm usw. würde er mir für zu Hause besorgen. Was will man mehr?

Stressiger Traum

Ich befand mich in einem Raum mit vielen Menschen. Es war ein Hörsaal mit vielen Tischen, die in Reihen angeordnet waren. Leute saßen an den Tischen und schauten auf der Projektionsfläche vorne links an der Wand, neben den Fenstern vom Raum.

Vorne saß Winfried. Gerade lief ein Vortrag. Mein Vortrag. Aber statt vorne zu stehen, stand ich hinten. Ich erzählte und blätterte durch die Folien auf meinem Laptop. Mein Vortrag war teil einer viertägigen Veranstaltung, die ich organisiert hatte und die eine Weiterbildung für Wissenschaftler war. Sie sollten drin lernen, mein Programm#1 zu benutzen. Ich hatte einen Vortrag jetzt und einen am nächsten Tag zu halten. Direkt nach meinem zweiten Vortrag war ein praktischer Teil am Rechner vorgesehen[1].

Mein erster Vortrag stellte die Grundlagen einer Methode zum Auswerten von Daten vor. Ich habe ihn gut gehalten, aber es gab zwischendurch so viele Fragen, dass ich das Ende der Präsentation weg lassen musste, um im Zeitrahmen zu bleiben. Es hat mich geärgert. Danach war Kaffeepause.

Ich wollte raus gehen, als eine Teilnehmerin mich angesprochen hat. Sie sah wie meine chinesische Freundin Mei aus. Sie meinte, ein Mann würde sie belästigen. Ich bin mit ihr zu einem Flur unweit vom Veranstaltungsraum gegangen. Dort, auf einem kleinen Tisch, hatte jemand einen sogenannten Ghettoblaster hingestellt. Das Gerät war schwarz und ovalförmig. Daraus ertönte eine Musik, die man bis zum Hörsaal hören konnte. Der Belästiger von der Frau hatte ganz klar das Gerät mitgebracht. Ich habe auf die Stop-Taste gedrückt und die Kassette aus ihrem Fach geholt. Ich habe vorgeschlagen, das Band von der Kassette heraus zu ziehen und zu vernichten, aber der Mann war wieder auf dem Weg zum Tisch. Ich bin mit der Kassette zur nahgelegenen Toilette geflüchtet und die Frau ist zurück zur Veranstaltung gelaufen.

Ich saß also auf dem Klo mit der Kassette in der Hand. Da ich schon da war, habe ich uriniert. Meine Tür war geöffnet, und ich konnte sehen, wie der Mann am Musikgerät fummelte. Ein anderer Mann ist aus der Toilette auf der anderen Seite vom Flur raus gekommen. Ich habe meine Tür geschlossen.

Zurück im Veranstaltungsraum. Es musste der nächste Tag sein, weil ich den zweiten Vortrag über Programm#1 halten musste. Ich hatte eine halbe Stunde zur Verfügung, danach war Kaffeepause und dann Praxis am Rechner. Irgendwie hat es nicht geklappt und ich konnte nicht mal die Hälfte der Folien zeigen. Nach der Kaffeepause habe ich dann verstanden warum: Anstatt über Progamm#1 zu erzählen, hatte ich wieder die Präsentation vom Vortag erzählt, die viel länger dauerte! Und keiner hat es gemerkt, nicht mal Winfried. Was nun?

Die Teilnehmer kamen schon von der Kaffeepause zurück und starteten ihren Rechner, um an Daten zu arbeiten. Dabei konnten sie gar nicht wissen, wie Programm#1 zu benutzen war[2]. Ich habe Winfried das Problem geschildert und beschlossen, den Vortrag ganz schnell zu halten. Ich habe um Aufmerksamkeit gebeten. Zweimal. Die Leute waren alle am Diskutieren. Ich habe gesagt, dass ich versehentlich den Vortrag von gestern gezeigt hatte und nun ganz schnell über Programm#1 erzählen würde. „Oh, great, brilliant„, meinte begeistert ein Teilnehmer vorne. Die Veranstaltung fand auf Englisch statt. Ich bin zu meinem Laptop hinten gegangen. Ich hatte aber große Mühe, die Leute am Vortrag zu interessieren. Sie plauderten die ganze Zeit, gingen raus und wieder rein, und beachteten mich gar nicht.

Ich bin in Schweiß gebadet aufgewacht. Warum muss ich jetzt, immer noch im Urlaub bei meiner Mami, so einen Traum haben?

[1] Eine solche Veranstaltung habe ich tatsächlich kurz vor unserer Weihnachtsfeier organisiert. Sie war allerdings nur eintägig. Es gab nur Vorträge, keine Praxis. Es wäre bei der großen Anzahl von Teilnehmern unmöglich gewesen.

[2] Eigentlich ist die Benutzeroberfläche sehr intuitiv gestaltet. Wichtiger ist zu wissen, wie man die Ergebnisse interpretiert.

Ab morgen habe ich Home Office

Nur noch zwei Tage Arbeit bis zum Urlaub. Viele Kollegen sind schon weg. Heute musste ich ins Büro, weil ich schon wieder das Rufbereitschaftshandy dem nächsten Pechvogel übergeben musste. Wobei es über die Feiertagen geht, wir haben keinen Nutzerbetrieb und die Geräte sind ausgeschaltet. Ursprünglich wollte ich gleich danach mein Laptop packen, zurück nach Hause fahren und die letzten Arbeitstage des Jahres zu Hause verbringen. Wenn eh kaum einer da ist, kann ich mir die tägliche zweistündige Fahrt im ÖPNV sparen. Wobei mir die Bahn heute viel leerer als sonst vorgekommen ist. Vermutlich sind viele schon im Urlaub.

Ich sollte weiter an meinem DFG-Antrag arbeiten und ihn umstrukturieren. Schon wieder. Langsam ergibt es für mich keinen Sinn und ich habe keinen Bock mehr. Die DFG finanziert keine Projekte, die mit Methodenentwicklung zu tun haben, sondern nur Grundlagenforschung, und ich sollte den Antrag umschreiben, um mehr auf Grundlagenforschung einzugehen. Dagegen hatte ich an Programm#1 wegen Zeitmangels lange nichts mehr gemacht. Darauf hatte ich plötzlich viel mehr Lust als mir den blöden Antrag anzuschauen und zu grübeln, wie ich den nochmal umgestalten könnte. Und da mein Zimmer-Kollege endlich ausgezogen ist, konnte ich im Büro sehr gut konzentriert arbeiten. So produktiv war ich lange nicht. Ich habe die Zeit nicht gemerkt und erst kurz vor sechs Feierabend gemacht. Dabei ist mir aufgefallen, dass ich schon ewig nicht mehr so spät auf Arbeit geblieben war. Ich glaube, mein Zimmer-Nachbar hatte damit zu tun, dass ich nicht so lange auf Arbeit bleiben wollte.

Ich saß in der S-Bahn auf dem Weg nach Hause, mit meinem üblichen komischen Bauchgefühl, und war fast angekommen, als ich vom Ehemann einen Anruf bekommen habe. Ob ich nicht Lust darauf hätte, zum Kiez-Weihnachtsmarkt zu gehen? Klar. Mein Laptop ist super schwer, aber wenn er den tragen will, gehe ich gerne hin. Erst als wir zurück zu Hause waren, zwei Glühweine und eine Krakauer später, haben wir die Nachrichten gehört. Entsetzlich. Wie in Nizza. In den Nachrichten wollte der Journalist vor Ort noch nicht von einem Attentat reden und hatte die Möglichkeit erwähnt, dass es sich um einen Unfall handeln könnte, vielleicht hatte der Fahrer einen Herzinkarkt bekommen, aber wenn er auf der Flucht ist, glaube ich nicht daran.

Ich hatte schon vor einiger Zeit mit dem Gedanke gespielt, mein Konto auf Facebook zu löschen, aber gerade jetzt kam die Funktion, wo man sich bei schlimmen Ereignissen als sicher melden kann, sehr gut an. Viele Nachrichten von Familie und Freunden aus Frankreich bekommen, und ich konnte sie damit gut beruhigen.

Für morgen Abend wollten wir ursprünglich zurück zum Weihnachtsmarkt gehen. Und das werden wir verdammt noch mal tun. Von der Straße aus ist er nicht gut zugänglich, da sind viele Bäume zwischen Fahrbahn und Markt. Na ja, es gibt auch viele Mülleimer neben den Steh-Tischen, drin könnte man bestimmt ohne große Mühe etwas verstecken… Mein Kopfkino führt mir immer die schlimmste Szenarien vor.

Weihnachtsfeier

Ich liebe die Weihnachtsfeier bei der Arbeit, aus einem guten Grund: Danach kann man endlich richtig entspannen.

Das Ende des Jahres war sehr stressig. Ich musste viele Beiträge für verschiedene Veranstaltungen vorbereiten, einige Vorträge halten und hatte keine Minute zur Ruhe gefunden. Ich bin kaum dazu gekommen, ein paar Zeilen hier in meinem Tagebuch zu schreiben. Zu Hause gibt es auch viel zu tun. Ich glaube, ich habe mir mit den Geschenken für die Mädels zu viel vorgenommen, obwohl ich dachte, lange genug im Voraus angefangen zu haben. Jetzt aufzugeben wäre echt blöd. Ich habe noch eine Woche, um anderthalb Ketten zu basteln, bevor wir zur Familie fahren. Das Wochenende wird hart. Diese Situation kommt mir bekannt vor  😀

Nun, gestern hatten wir unsere Weihnachtsfeier. Danach sind viele Kollegen im Urlaub, die Geräte werden ausgeschaltet, und die Arbeit wird weniger. Wir haben unter uns gefeiert, nachdem wir es bei meiner ersten Weihnachtsfeier in der Gruppe doch nicht so toll fanden, den Abend mit kaum bekannten Kollegen aus anderen Abteilungen zu verbringen.

Wir hatten beschlossen, zu Fuß zu einem Restaurant zu gehen und dort zu wichteln. Das war schon unser Plan letztes Jahr. Vorher haben wir Glühwein getrunken. Wir brauchten gut drei Stunden, um das Restaurant zu erreichen. Das fand ich eine tolle Idee, weil man dadurch ganz viele Kalorien verbrennt und ohne Sorge danach lecker essen kann.

Der Weg ging bis zur Hälfte der Strecke sehr gut. Ich fühlte mich in Form, obwohl ich schon länger nicht mehr im Fitnessstudio war. Danach habe ich Bauchschmerze bekommen. Meine Blase war voll. Ich hatte es nicht so früh erwartet, da ich absichtlich die Toilette besucht hatte, bevor wir los gegangen sind. Ich habe versucht, das Problem zu ignorieren. Mit der Zeit wurde es schmerzhafter und ich habe Blähungen bekommen. Als wir an einem Café vorbei gegangen sind, habe ich die Gruppe darum gebeten, auf mich zu warten. Um dann auf der Toilette zu merken, dass ich nicht nur eine sehr volle Blase hatte, sondern auch Durchfall. Das hatte ich nicht nötig. Eine halbe Stunde später haben wir unser Ziel erreicht, und ich musste nochmal zur Toilette. Unglaublich, wie schnell meine Blase sich wieder gefüllt hat. Und nochmal Durchfall.

Warum auf einmal? Weil der Stress endlich abgebaut wird? Wegen des Glühweins vor dem Gehen? Wegen der Kälte beim Gehen und der ungewöhnlichen körperlichen Anstrengung? Wegen der Periode? Wegen der neuen, engeren Hose, die ich mir zur Belohnung für die Abnahme geschenkt hatte? Sie ist doch sehr bequem, wie alle Hosen bei BiBA. Oder habe ich das Mittagessen nicht vertragen? Ein bisschen von allem? Der Rest vom Abend verlief zum Glück gut, aber seit dem Aufstehen habe ich heute wieder Bauchschmerze und Durchfall. Ich bleibe zu Hause. Wenn es morgen nicht besser wird, muss ich zum Arzt. Es wäre sehr blöd, so kurz vor dem Urlaub krank zu werden.

Beleidigt

Ich habe es geschafft, Mr Keen zu beleidigen.

Am Samstag war ich bei der Arbeit. Ich hatte endlich Zeit, um selber Experimente zu machen. An anderen Geräten waren Gäste beschäftigt. Eine Gruppe von Wissenschaftlern habe ich noch eingewiesen. Der andere Gast, nennen wir ihn Herr Smirnow, ist so häufig bei uns, dass er selbstständig arbeiten kann. Herr Smirnow war schon am Vortag bei seinem Lieblingsgerät beschäftigt gewesen, und machte nun weiter.

Ich mag es ehrlich gesagt nicht, an Tagen, wo ich selber Experimente mache, mich um Gäste kümmern zu müssen. Messzeit ist bei uns knapp, und ich kann sie nicht effektiv nutzen, weil die Gäste sich ständig an mich wenden, wenn etwas nicht stimmt. Aber wenn ich schon am Samstag da bin, brauchen die anderen Kollegen nicht zu kommen, und so wurde es von Winfried entschieden. Selbst an Tagen, wo Kollegen sich um Gäste kümmern, wenden sich diese an mich, wenn ich im Raum bin. Die meisten kennen mich schon. In Ruhe an meinen Projekten arbeiten? Vergiss es. Vielleicht sollte ich mir für solche Tage eine blonde Perücke besorgen. Einweisung fertig, hier ist die Nummer der Rufbereitschaft, Tschüß, kurz mal raus, umziehen, zurück kommen, mich als Gast vorstellen und verkleidet weiter arbeiten? Ob die mich dann nicht wieder erkennen würden?

So ging es mir am Samstag also. Ich fing endlich mit meinem Kram an, da kam plötzlich sehr aufdringlich Herr Smirnow zu mir und meinte, irgendwas würde mit dem Gerät nicht stimmen. „Och nee,“ habe ich mir nur gedacht. Aber ich fragte ihn, was los war. Die Probenumgebung stimmte nicht. Es wäre gar nicht kalt. Er war am Vortag schon irritiert, weil er am Anfang zwei Proben gemessen hätte, bevor ihm aufgefallen wäre, dass das Kühlsystem ja gar nicht eingeschaltet wurde. Mr Keen, der an dem Tag gemeinsam mit Florian für Gäste zuständig war, hätte ihm ganz schnell die Kühlung angeschaltet, und er hätte seine zwei Proben nochmal messen müssen. Nun jetzt, ginge es wieder nicht.

Ich ging zum Gerät und prüfte die Lage. Das Kontrollkasten für das Kühlsystem war an. Leider war das Kühlsystem nicht zum Ort der Probe montiert worden. Es lag in seiner Parkposition, die benutzt wird, wenn die andere Probenumgebung installiert ist. Mr Keen hatte ihm die Kühlung angeschaltet und gar nicht geprüft, ob sie drauf war. Das heißt, dass Herr Smirnow am ganzen Vortag seine Proben gar nicht gekühlt gemessen hatte, und alles von vorne wieder anfangen durfte. Bei ihm nicht tragisch, weil seine Proben bei Raumtemperatur ohne Problem überleben. Die Mehrheit unserer Gäste hantiert aber mit Proben, die sie sehr mühsam erstellen und nur eingefroren messen können, weil sie bei Raumtemperatur zu empfindlich sind, so ein Fehler hätte ihnen Monate Arbeit vernichten können. So nebenbei.

Ich habe die Probenumgebung gewechselt, einen Vermerk im experimentellen Buch geschrieben und an meinem Projekt weiter gearbeitet. Ich hatte schon vor, das Problem im wöchentlichen Meeting am Montag zu erwähnen, aber falls ich aus welchem Grund auch immer nicht zur Arbeit erschienen wäre, sollten es die Kollegen durch das Buch erfahren können. Dabei ging es mir nicht darum, Mr Keen schlecht darzustellen, sondern darauf hinzuweisen, dass ein ernsthafter Fehler statt gefunden hatte, den man mit besserer Planung in Zukunft vermeiden könnte. Früher hatten wir im Meeting das Wechseln von Probenumgebungen für Gäste immer im Voraus diskutiert. Das ist in letzter Zeit vergessen worden. Winfried geht vielleicht davon aus, dass wir automatisch daran denken. Wenn es aber ein bisschen Stress bei der Einweisung der Gäste gibt, kann man schnell etwas vergessen. So lief es am Freitag wohl. Früher, als Uschi noch bei uns war, war ein anderer Kollege dafür zuständig, solche Änderungen an Geräten vorzunehmen, weil man mit Einweisung schon die Hände voll hat. Besagter Kollege neigt aber gerne dazu, nichts zu machen, wenn der Chef nichts explizit von ihm verlangt, und so ist es in letzter Zeit üblich geworden, dass wir das selber machen. Das muss sich offensichtlich ändern.

Wir haben am Montag darüber diskutiert. Wir besprechen immer die Probleme, die wir in der letzten Woche hatten. Mr Keen hat von Herrn Smirnow gar nichts gesagt. Ich kam als letzte dran, da ich am Samstag Einweisungen gemacht hatte, und habe den Vorfall erklärt. Mr Keen hatte wohl das experimentelle Buch schon gelesen, und in einem theatralischen Ton gesagt, es wäre eine Katastrophe. Tja, Herrn Smirnow war alles anderes als belustigt, einen kompletten Tag verloren zu haben. Winfried war ebenfalls nicht erfreut und hat gesagt, er würde ihm gleich einen Brief zur Entschuldigung schicken.

Was ist bei Mr Keen angekommen? Ich habe ihn vor der ganzen Gruppe als unfähig dargestellt. Er, der sich gerne als Mr Wichtig angibt und immer wieder betont, was er alles gemacht hat, hat dadurch einen Kratzer am Ego bekommen. Dabei war er nicht mal alleine für die Gäste am Freitag zuständig, also müsste er es auch nicht so persönlich nehmen. Mit Kritik kann er offensichtlich nicht umgehen. Seitdem verhält er sich mit mir, wie er sich am Anfang vom Sommer mit Kate verhalten hatte, als sie den fatalen Fehler gemacht hatte, bei seinem Vortrag nicht anwesend zu sein. Antwortet knapp, wenn es Sachen zu besprechen gibt, wobei er selbst nicht das Gespräch sucht, schaut einem nicht mehr ins Gesicht und dreht demonstrativ den Rücken zu. Kate hatte es damals verletzt, weil sie ihn mochte. Mir ist es egal. Diese Art von Reaktion finde ich ziemlich lächerlich. Irgendwann wird er sich schon davon erholen.