Zum letzten Mal nach Berlin pendeln

Wir sitzen seit schon fast drei Stunden in dem Zug. Aktuell haben wir etwas wie zwanzig Minuten Verspätung. Es ist uns in unserem exklusiven Abteil in ersten Klasse egal. Exklusiv, weil außer uns keiner einen Sitzplatz in dem Abteil reserviert hat. Die Verbindung hatten wir gebucht, weil sie ziemlich günstig war, auch wenn ich dafür den halben Tag frei nehmen musste[1]. „Wir“, weil der Ehemann mitreist. Wir haben morgen eine Abschiedsfeier in unserer Berliner Wohnung geplant, bevor der Umzug nächste Woche statt findet.

Der Grund für die Verspätung ist „eine technische Störung am Zug“. Das könnte erklären, warum wir nahe Nürnberg so sehr geschüttelt wurden. Es muss irgendeine Resonanz gegeben haben, die den ganzen Wagen extrem zum Ratteln gebracht hat.

Wir fahren auch nicht die schnellste Strecke nach Berlin. Fünf Stunden (oder zwanzig Minuten mehr, mit der Verspätung) sind aber immer noch ein Luxus, verglichen mit November, als man noch fast sieben Stunden für die Fahrt brauchte. Oh, wir bleiben wieder mitten im Nichts stehen. Bei Truckenthal, sagt mein Navi. Gerade hat es fürchterlich gestunken, als ob etwas brennen würde. Und wir fahren weiter los.

Heute bin ich platt, und ich kann mich schwer für die Abschiedsfeier morgen begeistern. Schlafmangel. Aus irgendeinem Grund wache ich regelmäßig um halb sechs auf, selbst wenn es reichen würde, mit dem Wecker um sieben aufzustehen. Ich bin immer vorher wach. Vor Mitternacht kann ich aber schlecht einschlafen. Daher habe ich in letzter Zeit weniger Sport gemacht. Ich fühle mich nicht gut genug. Heute kommen leichte Kopfschmerze dazu. Ich habe die erste Stunde im Zug gedöst, bin aber trotz Cola wieder platt. Daran, dass ich überhaupt Cola trinke, erkennt man, wie schlecht es mir geht. Ich bin sonst mit Wasser sehr zufrieden. Der andauernd wechselnde Druck wegen den vielen Tunnels hilft jetzt auch nicht. Wenigstens ist der Brenngeruch vorbei.

Vielleicht bin ich allgemein müde. Seit Januar habe ich ununterbrochen gearbeitet und bin regelmäßig an Wochenenden zwischen München und Berlin gependelt. Außerdem geht jetzt die Arbeit in eine Richtung, die mir nicht wirklich gefällt. Unsere neue Leitung hat beschlossen, dass die Wissenschaftler mehr Management-Aufgaben bekommen sollen. Ich inklusiv. Ich bin plötzlich für Verträge verantwortlich, mit denen ich bis dahin nichts zu tun hatte, und über die ich kaum informiert wurde, und muss schauen, dass ich die richtigen Ansprechpersonen finde, um sicher zu stellen, dass die Projekte rechtzeitig laufen. Dafür habe ich nicht Physik studiert! Mit Physik hat meine Stelle jetzt auch nur wenig zu tun, aber meine Programmierfähigkeiten und letzten wissenschaftlichen Arbeiten waren der Grund für meine Einstellung! Das hat bis jetzt auch Spaß gemacht! Aber Management? Bläh. Deswegen war mir eine Karriere als Professorin oder Gruppenleiterin nie attraktiv. Als Wissenschaftler hat man scheinbar nur wenige Jahre, wo die Arbeit richtig spannend ist, egal ob an der Uni oder in der Industrie. Danach muss man sich mit Gremien, Berichten, Erklärungen für die Nichteinhaltung von Fristen und anderen langweiligen Tätigkeiten rumschlagen, ob man es will oder nicht. Hmf.

Noch über eine Stunde bis Berlin. Ich versuche wieder zu schlafen.

[1] Bin ich froh, jetzt nur halbe Tage frei nehmen zu können! In meiner früheren Arbeit in Berlin war das nicht möglich.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

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Eine gute Nachricht

Ich hab’s geschafft!

Kurz vor Feierabend ist mein Chef zu mir gekommen. Ob ich eine Minute Zeit hätte? Da ich den ganzen Tag, und eigentlich seit zwei Wochen, ständig Änderungen und neue Funktionalitäten in unserem Datenbanksystem für ihn einbaue, dachte ich, er hätte noch was neues für mich zu tun. In seinem Büro meinte er dann mit breitem Grinsen, nachdem er ungewöhnlicherweise die Tür geschlossen hatte, dass ich die Probezeit bestanden habe.

Mit der Meldung hatte ich nicht so früh gerechnet, da wir noch Dreieinhalbwochen Wochen bis Juli haben. Obwohl, beim letzten Mal waren es noch zwei Wochen vor Ende der Probezeit. Ich freue mich riesig. Ich freue mich noch mehr, wenn ich es schwarz auf weiß auf einem Dokument sehe. Jedenfalls wird am Wochenende angestossen, wenn der Ehemann zu Besuch kommt. Aber nicht zu viel.


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Wasserrohrbruch

Ich musste am letzten Samstag zur Arbeit. Es gibt Sachen, die man besser dann macht, wenn sonst niemand arbeitet, wenn man programmiert. Konkret ging es darum, eine flächendeckende Änderung in der Datenbank der Firma durchzuführen. Die Änderung an sich war dank Python nicht schwierig, aber ich musste danach sicher stellen, dass es bei der Verwendung in Access kein Problem geben würde. Sprich, ich musste den ganzen VBA Code in den vielen Formularen auf mögliche Bugs prüfen. Daher hatte ich erst am Freitagabend mit dieser Aufgabe angefangen. Ich wurde an dem Tag trotz der späten Stunde nicht fertig und musste am Samstag ins Büro.

Ich habe es mir gemütlich gemacht und habe zuerst in der Sonne gefrühstückt, bevor ich mich gegen mittags auf den Weg zur Arbeit gemacht habe. Das Wetter war schön, ich wollte davon profitieren. Den Rucksack mit meinen Sportsachen hatte ich mit, um danach zum Fitnessstudio zu gehen. So gesehen lag die Arbeit nur auf dem Weg zum Sport.

Meine MVV-App hatte mir die Strecke mit zweimal umsteigen angeboten. Die erste Fahrt mit der S-Bahn ging ohne Problem, was bei uns nicht selbstverständlich ist. Mit dem ersten Bus ging’s auch gut. Als ich zur Haltestelle vom zweiten Bus gehen wollte, habe ich mich gewundert, dass die Straße von der Polizei gesperrt war. Ein Wagen stand quer, der Bus kam bis zur Kreuzung und musste zu einer anderen Straße umgeleitet werden. Zur Haltestelle ist er nicht gekommen. Ein Polizist hat mir gesagt, hier würde der Bus wegen Wasserrohrbruch nicht fahren und ich müsste zur nächsten Haltestelle laufen. Auf der Straße floss Wasser, aber nicht so viel. Ich habe mich gefragt, warum so ein Aufwand nötig war.

An der nächsten Haltestelle standen zwei älteren Damen. Als ich ankam beschwerten sie sich, dass sie schon fast eine Stunde lang da gewartet hatten. Der Bus schien nicht zu fahren. Ich habe beschlossen, dass ich bei dem schönen Wetter zu Fuß gehen könnte. Ich hatte Zeit. Die Strecke kenne ich gut, und die bin ich auch mit dem Fahrrad gefahren. Meine Navi-App hat behauptet, ich würde knapp über eine Stunde brauchen. Ich weiß nicht, wie sie drauf kommt. Nach einer halben Stunde unter der knallenden Sonne war ich schon am Gebäude. Jetzt, seitdem ich weiß, wie schnell ich diese Busstrecke zu Fuß machen kann, habe ich sie wieder zweimal zum Spaß gemacht. Besser als nichts, wenn ich die Arbeit zu spät verlasse, um zum Fitnessstudio zu gehen.

Nach zwei Stunden war ich mit meiner Aufgabe fertig. Ich bin mit U-Bahn und Bus zum Sport gefahren. Und wer begrüßte mich so freundlich, als ich in den Bus einstieg? Die zwei älteren Damen von vorher! Sie hatten an der Haltestelle gewartet, bis sie beschlossen haben, mit einem anderen Bus zu fahren, der aber eine Stunde für die Strecke gebraucht hatte.


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Feiertag

Ich sitze alleine auf der Couch im Wohnzimmer meiner sonst immer noch fast leeren Wohnung und genieße die freie Zeit. Mal nichts zu tun muss auch sein. Kein Pendeln. Morgen arbeite ich. Das Wetter ist nicht so toll, mal Sonne, mal graue Wolken, frisch ist es, windig, und es soll noch regnen. Ich bleibe lieber zu Hause. Vielleicht schaffe ich es, die zahlreiche Fotos, die ich bei unseren Wanderungen in den letzten Wochenenden gemacht habe, fertig zu bearbeiten und einige davon hochzuladen. Wir hatten echt tolle Zeiten, das will ich hier fest halten.

Der Ehemann ist jetzt auf Reise mit seinen Kumpeln. Nicht für Vatertag. Ein Schulfreund hat Geburtstag und will in seiner Heimat groß feiern. Ein halbes Jahrhundert ist es wert. Die Jungs sind heute Nacht in Tel-Aviv gelandet und scheinen Spaß zu haben. Sei es ihnen gegönnt.

Spät schlafen konnte ich heute Morgen nicht. Einerseits mache ich mir immer Sorgen, wenn der Ehemann fliegt. Andererseits kann ich morgens eh schlecht schlafen, wenn Licht ins Schlafzimmer kommt. Trotz Außenjalousien wird es früh hell.

Gestern Abend war ich sowieso schon nach Feierabend auf der Couch eingeschlafen. Bestimmt zwei Stunden lang lag ich da, bis der Ehemann sich kurz vor Boarding meldete. Eine Migräne hatte ich bekommen, die erste seit längerer Zeit. Ich vermute, das Wetter war schuld. Wir haben Gewitter bekommen, und seit mittags fühlte ich mich im Büro unwohl. Der Himmel war sehr schwer mit bedrohlichen dicken grauen Wolken, zum Glück ist der Regen nicht so stark geworden.

Schon blöd, weil wir auf Arbeit eine Grillparty veranstaltet hatten. CEO#2, Mitgründer der Firma, der mein Vorstellungsgespräch geführt und die Entscheidung über meine Einstellung getroffen hatte, verlässt die Firma. Ganz freiwillig war das nicht, obwohl er versucht hat, es so darzustellen, als er uns vor drei Monaten informiert hatte. Seit der Übernahme der Firma vor einigen Jahren hatte er nur noch einen befristeten Vertrag, und dieser wurde einfach nicht verlängert. Stattdessen haben wir eine vom Mutterkonzern ausgewählte Frau bekommen, die sicherlich auch gut ist. Dass CEO#2 uns verlässt hat aber viele von uns überrascht und traurig gemacht, meinen direkten Chef deutlich spürbar.

Um mich bei CEO#2 für meine Einstellung zu bedanken, habe ich Taboulé für die Grillparty gemacht – nicht wie mein Salat mit Petersilie und Tomaten, sondern richtig im Ottolenghi-Tamimi-Stil, mit ganz dünn geschnittener Petersilie und Minze. War das vielleicht aufwendig! Das Waschen der Kräuter allein hat schon lange gedauert. Ich habe Krämpfe in der linken Hand bekommen, die die gestapelten Blätter die ganze Zeit zusammen gehalten hat, damit ich sie mit dem scharfen Messer vorsichtig schneiden konnte. Über drei Stunden habe ich gebraucht. So sorgfältig war ich beim letzten Mal nicht. Dank Wasserkocher konnte ich sogar ein kleines bisschen Couscous rein mischen. Das Ergebnis war jedoch geschmacklich nicht ganz zu meiner Zufriedenheit. Dafür hätte ich mehr Gewürze gebraucht, die alle noch in meiner Küche in Berlin sind. Das native Olivenöl Extra von Kristal aus dem türkischen Gemüseladen hat meine Erwartungen nicht erfüllt. Trotzdem ist der Salat sehr gut angekommen, der Zitrone sei Dank.

Die Migräne habe ich gestern Abend mit Paracetamol und Süßigkeiten versucht zu vertreiben. Schlafen hat offenbar am besten geklappt. Heftige Krämpfe habe ich nach dem Aufwachen auf der Couch in den Waden und Füßen bekommen, obwohl ich regelmäßig Magnesiumcitrat einnehme, seitdem ich wieder so viel Sport treibe. Ich glaube, ich schlafe nicht genug.

Heute Abend mache ich mir einfach Couscous mit roher, frisch geschnittener Möhre und Paprika. Minze kommt noch rein, die ich vom Taboulé übrig habe. Ein Bier habe ich mir bei unserem Indthailiener hinter dem Bahnhof geholt – so von uns schmunzelhaft benannt, weil er Küche aus der ganzen Welt in seiner elend langer Menükarte anbietet. Trotzdem ist das Essen dort in Ordnung, wenn man keine Küche hat. Günstig auf jeden Fall.

Ach ja, Bier darf ich wieder trinken. Das Problemchen hat sich wie erwartet von alleine gelöst, was mich ehrlich gesagt sehr erleichtert. Auch im wahrsten Sinne des Wortes. Die drei Kilogramme, die ich trotz Sport und vorsichtiger Ernährung unfassbar schnell auf der Waage bekommen habe, sind wieder weg.


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Die Ferien sind vorbei

Das war heute morgen nicht zu übersehen. Es war schwierig genug, zur Arbeit zu fahren. Überfüllte Busse. Als ich in den ersten Bus eingestiegen bin, habe ich den ersten freien Sitzplatz genommen, an den ich vorbei gegangen bin. Direkt neben der Tür. Gut, dass ich nicht gezögert habe, weil noch ganz viele Schüler eingestiegen sind. So dicht aneinander gepackt! An der Haltestelle hätte ich nicht gedacht, dass so viele draußen standen. Vermutlich sind sie ausgestiegen, um wieder einzusteigen, weil andere Passagiere raus mussten. Unweit von mir standen zwei Mädchen, die kein Bock darauf hatten, zurück zur Schule zu gehen. Beide voll geschminkt, mit Übergewicht und langen künstlichen Nägeln. „Warum habe ich keine Ausbildung gemacht?“ fragte die eine. „Was für eine?“ wollte die zweite wissen. „Bei Douglas! Dann könnte ich viel Parfum mitnehmen,“ seufzte die erste.

Beim Umsteigen hat es mich recht sauer gemacht, dass zwei Busse an der Haltestelle vorbei gerauscht sind, ohne zu halten. Beide rappelvoll, mit Leuten an den Türen breit geklatscht. Auf den dritten Bus habe ich mitten auf der Straße gewartet. War doch nicht nötig, er war nicht so voll und hat angehalten. Auf die Art habe ich eine Viertelstunde mehr auf dem Weg zur Arbeit gebraucht. Dabei gibt es sogar unterschiedliche Fahrpläne bei Schule und Ferien. Wozu, frage ich mich. Fehlplanung.

Auf Arbeit waren die Ferien auch vorbei. Ich habe ganz viele neue Leute kennen gelernt, und natürlich konnte ich mir nicht alle Namen merken. Meine Zimmerkollegin Ute ist ebenfalls aus ihrem Urlaub zurück gekommen. Nach einem Tag geht sie mir schon auf die Nerven. Sie kommt mir ein bisschen wie Nina vor, in ihrer Art, obwohl sie wenigstens nicht so dumm wirkt. Bei unserem ersten Treffen im November hatte sie eher einen kompetenten Eindruck hinterlassen. Das kam davon, dass sie so affirmativ und selbstbewusst redet. Wie Mr Keen. Bei ihm war es alles Schau, bei Ute denke ich, es kann in ihrem Fach begründet sein. Obwohl ich schon mitgekriegt habe, wie sie heute genau so selbstbewusst in einem ganz anderen Thema Quatsch erzählt hat. Sie redet leider ununterbrochen und dabei ist es ihr völlig egal, was ihre Zuhörer denken. Sie erwartet Zustimmung und wenn sie sie nicht bekommt, fällt sie einem ins Wort und redet weiter. Sie lässt keine Unterbrechung zu und Gespräche mit ihr sind eher Monologen. Irgendwann habe ich ausgeschaltet, als sie sich mit Tim „unterhalten“ hat (ihm fällt sie auch ins Wort). Meine Arbeit muss erledigt werden. Mir ist aber aufgefallen, sie denkt, ihr würde weiterhin zuhören, weil sie manchmal auf Reaktionen meinerseits wartet, ohne mich vorher explizit angesprochen zu haben. Wozu soll ich zuhören und reagieren, wenn sie eh erwartet, dass ich ihr in allem zustimmen sollte? Anstrengend. Ich muss mir ganz schnell eine Überlebensstrategie aussuchen.


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Eine Woche ist rum

Auf Arbeit ist noch nicht viel passiert. Scheinbar. Ich habe eine Aufgabe bekommen und lerne dabei viel. Ich muss mich jetzt mit Access und Visual Basic vertraut machen, um mehr Funktionalität in dem Programm von meinem Chef zu bringen. Sein Programm ist aber recht kompliziert geschrieben, und mein Chef selber kann teilweise nicht mehr nachvollziehen, warum der Code an manchen Stellen so aussieht. Wie gut, dass ich wenigstens vor fünf Jahren Grundlagen von Datenmanagement mit SQL gelernt hatte! Einiges ist noch gut genug in meinem Kopf erhalten, dass ich wenigstens die Datenbankabfragen verstehe.

Von lauter Aufregung habe ich am ersten Arbeitstag glatt vergessen, die Pille einzunehmen. Und das in der ersten Woche nach der Periode, was am gefährlichsten ist. Ich habe es am nächsten Tag gemerkt, als ein komisches Gefühl sich in meinem Bauch bemerkbar machte. Ich habe sie also mit etwa zwölf Stunden Verspätung eingenommen, und weiter gemacht wie geplant. Tja, ob ich jetzt schwanger werde? Nach all den Versuchen seit der Fehlgeburt, wo es nicht geklappt hat, wäre es ziemlich blöd, ausgerechnet jetzt, wo ich meine neue Stelle in der teuersten Stadt Deutschlands eingetreten habe. Hoffen wir, dass es nicht dazu kommt. Daraus lerne ich, es ist besser, die Pille morgens statt abends einzunehmen. Da hat man mehr Zeit, in so einem Fall wieder daran zu denken, statt gut sieben Stunden durch Schlaf zu verlieren. Als der Ehemann mich am Wochenende besucht hat, habe ich ihn darum gebeten, Kondome mitzubringen.

Es traf sich gut, dass er am Wochenende gekommen ist, denn es gab weitere Wohnungsbesichtigungen. Jetzt ist es mir aber zu spät, um darüber zu berichten. Morgen stehe ich früh auf, um die ganze Zeit nachzuholen, wo ich letzte Woche zu Besichtigungsterminen fahren musste.

Wir haben noch keine Wohnung, aber eins haben wir geschafft: Ein Jahresabo zum Deutschen Museum zu erwerben. Gar nicht so teuer: 52€, sogar für uns beide! Wir haben den ganzen Samstagnachmittag dort verbracht. Am Abend waren wir im Kino, und ich kann Loving Vincent wärmstens empfehlen. Das Wochenende haben wir heute vor dem letzten Besichtigungstermin mit einem schönen Spaziergang an der Isar abgerundet. Was nötig war, da wir es uns auch gut gehen lassen haben. Am Freitagabend hatte ich uns einen Tisch am Jagdschlössl gebucht. Ich hatte gute Kritik über ihren Fisch gelesen, und es stimmt, mein Saibling auf Kürbis-Risotto war einfach fantastisch. Nachdem der Ehemann sich heute auf dem Rückweg zum Flughafen gemacht hat, habe ich das Fitnessstudio besucht, da ich überall in Deutschland in der Kette trainieren darf. Ich war aus Zeitmangel ewig nicht mehr sportlich tätig gewesen und habe daher als Neueinstieg nicht zu viel gemacht. Vielleicht schaffe ich es, morgen zur Wassergymnastik zu gehen.


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Erster Arbeitstag

Fast wäre ich ins Bett gegangen, ohne meinen ersten Arbeitstag in meinem Tagebuch fest zu halten.

Viel gibt es eigentlich nicht zu berichten. Die meisten neuen Kollegen sind noch im Urlaub. Ich habe vormittags kurz mit dem Chef und Tim, meinem Zimmerkollegen, Kaffee getrunken, und danach haben wir meinen Arbeitsplatz fertig eingerichtet. Ich habe mich ein bisschen eingearbeitet. Die richtige Arbeit fängt noch nicht an. Morgen haben wir eine längere Diskussion, um meine Tätigkeiten besser zu planen. Ich habe immer noch die Sorge, dass mein Chef viel höhere Erwartungen an mich hat, als was ich wirklich bringen kann. Ich muss mich daran erinnern, wie erstaunlich schnell ich doch in meiner letzten Stelle produktiv werden konnte, obwohl ich bei meiner Anstellung noch nicht mal mit Python programmieren konnte.

Vor der Arbeit bin ich mit dem Ehemann zu einer Wohnungsbesichtigung gefahren. Die Wohnung ist toll, hat leider keine Tiefgarage, und schon eine Einbauküche. Da unsere Küche recht hochwertig ist, aus Massivholz und Granit, wollen wir sie auf jeden Fall mitnehmen können. Sie war teuer genug, wir wollen sie nicht irgendwelchen unbekannten Mietern auch nur zeitlich überlassen. Wir könnten sie auch eine Zeit lang irgendwo lagern… Diese Punkte hätten wir im Voraus berücksichtigen können, aber der Ehemann ist auch widersprüchlich in seinen Angaben… Mal ist die Tiefgarage nur ein Wunsch, mal ist es doch sehr wichtig, dabei haben wir nicht mal ein Auto, er will nur sein Motorrad unterbringen. Wir benutzen nur das Auto vom Schwiegervater, wenn er es nicht braucht.

Was mich vor allem an der Wohnung gestört hat, ist die Lage. In sich toll. Leider an der Spitze eines Hügels, und ich kenne mich, sobald ich alleine bin und es ein bisschen glatt wird, verfalle ich in Panik. Ich bin in der Lage, einfach am Straßenrand verkrampft stehen zu bleiben und zu heulen, was für Anderen gar nicht nachvollziehbar ist. Vor allem, wenn die Straße eine Neigung hat. Ein Taxi anrufen kann ich nicht jedesmal. Der Bus, der sonst direkt vor der Haustür fährt, kommt gerade einmal pro Stunde. Wenn es mal ausfällt, was im tiefen Winter durchaus passieren kann, bin ich dann eine Stunde zu spät auf Arbeit. Oder ich müsste mir schnell ein kleines Auto zulegen. Mit Fahrstunden, da ich zuletzt vor zwanzig Jahren gefahren bin, und einer dementsprechend teuren Versicherung, und den anderen Kosten, die dazu kommen… Der Preisvorteil von der Wohnung schwindet. Wir könnten gleich mitten in München wohnen.

Ich habe also den Abend im Hotelzimmer damit verbracht, neue Anzeigen auf Immobilienscout zu suchen und Kontaktanfragen zu schicken. Bei der miesen Internetverbindung ist es kein Spaß. Vielleicht sollte ich mir ein prepaid-Stick ohne Vertrag für Internet besorgen. Mit dem Hotel bin ich insgesamt nicht wirklich zufrieden. Das Bett ist unbequem, mir tun schon die Schulter weh. Man kriegt alles mit, was in den Nachbarzimmern passiert. Wenn jemand im Klo die Spüle tätigt, macht es einen Höllenlärm. Fernseher oder Radio hören sich an, als ob sie aus dem eigenen Zimmer kämen. Die Lüftung im Badezimmer ist unglaublich laut. Und ab fünf Uhr morgens werden Mülltonnen vor meinem Fenster gerollt… Ich vermute, das ist was man bei dem Preis erwarten kann… Und sowas muss ich aushalten, solange ich keine Wohnung habe.


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Der Narzisst

Mr Keen ist ein Narzisst. Seitdem ich dieses Video entdeckt habe, dank Carrie, bin ich fest davon überzeugt. Und habe verstanden, was ein Narzisst ist. Hier folgen ein Paar Punkte, bei denen ich Mr Keen in unzähligen Situationen im Video bildlich vor den Augen bekommen habe.

„Der Narzisst[1] befreit sich und sagt, ich gehe jetzt weg, ich ignoriere dich jetzt. […] Narzissten sind verletzte Kinder.“ Ja. Sein kindliches Verhalten beobachte ich immer wieder, wenn er sich als Opfer fühlt, weil er beleidigt wurde oder nicht genug Aufmerksamkeit bekommen hat oder was weiß ich. Er geht an einem vorbei, ist plötzlich an Leute sehr interessiert, mit denen er sich sonst kaum unterhält, dreht einem dabei demonstrativ den Rücken zu und tut, als ob man nicht existieren würde. Ich habe häufig gedacht, genau so hatte sich meine Katze verhalten, wenn ihr irgendwas nicht gepasst hatte[2]. Merkt er gar nicht, wie lächerlich seine Reaktion ankommt? Nein. Er wendet anscheinend ein Muster an, das er seit der Kindheit kennt, weil er vermutlich in einer dysfunktionalen Familie aufgewachsen ist. Das macht ihn jedoch nicht sympathischer.

„Der Narzisst manipuliert seinen Umfeld“. Dabei habe ich zum ersten Mal im Video den Begriff flying monkeys gehört, der offenbar nicht ins Deutsche übersetzt wurde. Ich musste an die Geschichte denken, als Mr Keen seine eigene Frau[3] als flying monkey benutzt hat, damit sie die Frau von Pawel (zu Hause mit einem frischen Säugling) anruft, um ihr zu sagen, wie verdächtig häufig Pawel alleine mit Kate Kaffeepausen macht… Weil sich Mr Keen dadurch vernachlässigt fühlte. Krank ist das, echt.

„Der Narzisst lässt dich verrückt erscheinen“. Oder lässt dich schlecht aussehen. Zusammen mit dem letzten Punkt: Die Manipulation vom Umfeld, damit du Opfer als Täter erscheinst. Das hat er bei Kate versucht, nachdem sie unsere Gruppe verlassen hat. Vor einer Woche hat ein Kollege einen runden Geburtstag gefeiert und die ganze Gruppe eingeladen. Kate hatte zugestimmt, bevor sie von ihrem Glück mit dem neuen Job erfahren hatte. Mr Keen war, was mir nicht bewusst war, für die Organisation von einem Geschenk für den Kollegen zuständig. Ich hatte von meinem IT-Kollegen ganz kurzfristig vom Geschenk erfahren und dachte, er würde sich darum kümmern. Kate war jedenfalls nicht mehr da und wusste nichts davon. Nach der Feier ist Mr Keen durch die Büros gegangen, um Geld zu sammeln. In meinem Büro, wo auch unser HiWi sitzt, hat er gefragt, ob Kate denn beigetragen hätte. Sie hätte ja die Karte bei der Feier unterschrieben. Keine Ahnung, war meine Antwort. Ich organisiere das Geschenk nicht, er müsste es doch selber wissen. Na ja, nachdem Kate endlich sein wahres Ich erkannt hat, hat er sie völlig ignoriert. Mit ihr hat er nicht mehr geredet und nicht mal reagiert, wenn wir mit den anderen Kollegen in seinem Büro über ein Abschiedsgeschenk für sie diskutiert hatten. Also hat er sie gar nicht gefragt, hat aber angefangen ganz laut zu erzählen, dass sie so ein Miststück wäre, weil sie kein Geld für das Geschenk zahlen wollte (kurz zusammen gefasst). Das habe ich natürlich laut widersprochen, bis er aufgehört hat, über sie zu lästern, und habe dem Studenten erklärt, dass Mr Keen immer ganz schnell dabei ist, andere unberechtigterweise zu beschuldigen. Die Nachricht muss bei Mr Keen angekommen sein, er ignoriert mich seitdem.

Dass er immer wieder versucht, die Gruppe zu manipulieren, habe ich mehrmals beobachtet. Einmal, als Winfried unterwegs war und Mr Keen die Leitung vom Gruppenmeeting überlassen hatte… Ich hatte die Woche davor Rufbereitschaft. Normalerweise ist der Sonntag entspannt. Keine Nutzer an den Geräten[4], es kann nichts schief gehen. Denkste. Als ich am Samstag die Nutzer für den Tag eingewiesen hatte, habe ich erfahren, dass Winfried jemandem ausnahmsweise versprochen hatte, am Sonntag unsere Geräte benutzen zu dürfen. Ich habe an meinem Plan von einer Wanderung nichts geändert und dem Nutzer (nennen wir ihn Walter) gesagt, da ich nicht informiert wurde, könnte ich bei Problemen nicht sofort helfen, da ich am Sonntag unterwegs war. Alles klar. Ich bin an dem Tag dreimal angerufen worden. Es waren sehr einfache Probleme, die kurz am Telefon zu lösen waren. Ich habe es am Montag im Meeting erwähnt, weil es technische Probleme waren, die sich meine Kollegen anschauen sollten. Die Reaktion von Mr Keen war äußerst merkwürdig. Wie konnte es Winfried wagen, mir den Sonntag zu verderben, indem er unerfahrene Nutzer arbeiten läßt? Man kann doch nicht erwarten, dass wir auch am Sonntag Rufbereitschaft leisten sollen! Was für ein Stress ich doch hatte! Huch, habe ich mir zuerst gedacht. Mr Keen sorgt sich plötzlich um mein Wohlbefinden? Natürlich nicht. Er hat sich nur vorgestellt, wie es ihm gegangen wäre, wäre er statt ich dran gewesen[5]. Und er war schon dabei, die Gruppe zum Aufruhr anzustiften: Wir müssten Winfried sagen, so geht es nicht, und uns weigern, den Nutzern zu helfen, wenn wir schon so eine harte Woche hinter uns haben. Sein Plan ist nicht aufgegangen. Wir können den Nutzern, dank denen übrigens unsere Gruppe überhaupt noch existiert, nicht vorwerfen, dass wir Probleme hatten, bevor sie zu ihrer gebuchten Messzeit kommen. Information von Winfried hätte ich mir gewünscht, sonst nichts. Schließlich werden wir für Rufbereitschaft extra bezahlt, auch am Sonntag.

Das letzte Beispiel war, als der Nachfolger von Kate bekannt gegeben wurde: eben der Walter von vorhin, ein fast fertiger Doktorand aus einer Gruppe, mit der wir viel Kontakt haben. Der Vorteil: Er hat in seiner Arbeit die Methode von Kate angewendet, kann sie mit wenig Einarbeitung weiter entwickeln, und hat auch unsere Geräte schon benutzt. Mr Keen mag ihn aber nicht. Walter wäre nicht respektvoll. Obwohl er „nur“ Doktorand ist, würde er sich als Besserwisser verhalten und seinen Platz nicht kennen. Die Realität: Walter ist jemand, der genau wissen will, wie unsere Geräte funktionieren, und lieber tausendmal nachfragt, als Fehler zu machen, wenn er danach auf sich selbst gestellt ist. Dabei passiert es, dass er Fragen stellt, die auf Schwächen von unseren Geräten hinweisen. Sie sind ja nicht perfekt. Und das ist es, was Mr Keen stört, da er sich um die Entwicklung der Geräte kümmert. Scheinbare Kritik, auch wenn sie keine ist, kratzt an seinem Ego[6]. Also hat er versucht, als wir nur zu zweit zum Büro unterwegs waren, mir die übelsten Geschichten über Walter zu erzählen. Zum Beispiel, Walter wäre jemand, der ständig heimlich über Anderen schlecht reden würde. Ach ja? Das kann man wohl eher von Mr Keen sagen. Der Chef von Walter persönlich soll es noch Mr Keen und Winfried erzählt haben. Nee, so ein Verhalten können wir in der Gruppe echt nicht gebrauchen, habe ich Mr Keen gesagt. Ich meinte dabei Mr Keen. Das Lästern ist ein absolutes No-Go. Wenn er ein persönliches Problem mit Walter hat, soll er mit Winfried darüber reden, nicht mit mir. Wenig später habe ich erfahren, dass Tomasz sich dasselbe über Walter in einem „vertraulichen Gespräch“ mit Mr Keen anhören musste. Weil Tomasz durch das Gespräch verunsichert wurde und Kate gefragt hat, ob es stimmt. Nein, stimmt es nicht. Kate hat mich deswegen gefragt, ob Mr Keen auch bei mir über Walter gelästert hätte. Ja, hat er. Sein Versuch ist gescheitert. Walter kommt zur Gruppe[7].

Es gäbe noch viel zu erzählen. Vielleicht ein anderes Mal.

[1] Oder die Narzisstin, Frauen sind davon nicht befreit.

[2] Ach du Scheiße. Jetzt wird es mir klar. Katzen sind alle Narzisstische Wesen. Wenn sie auf dem Boden den Bauch zeigen und mit ihren Pfoten in der Luft so süß aussehen und schnurren, dann, um uns vergessen zu lassen, dass sie längst die Welt erobert haben.

[3] Ich kann immer noch nicht glauben, dass er eine freiwillige Frau zum Heiraten finden konnte.

[4] Das kommt noch, aber jetzt bin ich raus.

[5] Kommentar vom 04.11.2018: Eigentlich steckte noch mehr dahinter: Mr Keen konnte Walter schlicht nicht ertragen, wie weiter im Text erklärt wird.

[6] Und wir sollten die Logbücher unserer Geräte vertuschen, weil unsere Nutzer sie auch lesen und drin schreiben. Selbst wenn er es nicht so ausgedrückt hat, hat er es in einem Gruppenmeeting ernsthaft vorgeschlagen. „Was für einen schlechten Eindruck machen wir bei den Nutzern, wenn sie sehen, welche Probleme auftreten? Wir als Team sollten doch nichts schlechtes in den Logbüchern schreiben.“ Ich sehe es im Gegenteil als meine Pflicht, unsere Nutzer darauf aufmerksam zu machen, wenn irgendwas nicht richtig funktioniert. Logbücher vertuschen? Das grenzt für mich an wissenschaftlichem Fehlverhalten. Winfried saß an dem Meeting nebenan mit glasigem Gesichtsausdruck und merkwürdigem Lächeln auf den Lippen und sagte dazu: Nichts. Manchmal frage ich mich, ob Mr Keen ihn nicht hypnotisiert hat.

[7] Kommentar vom 04.11.2018: Die Taktik hat nach hinten geschossen, weil die Kollegen untereinander auch diskutieren. Als ich die Gruppe verlassen habe, hat es langsam in den Köpfen der Kollegen durchgesickert, dass die Geschichten erfunden waren und bei Mr Keen „irgendwas nicht stimmt“.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Es wird spannend

Ich habe am letzten Donnerstag eine Email von der Firma bei München bekommen. Ob ich ab Januar bei ihnen anfangen könnte? Na klar! Was gibt es zu zögern? Wir haben schon gleich am Abend mit dem Ehemann in unserer Stammkneipe gefeiert.

Die Gehaltsfrage muss noch geklärt werden. Ich hatte beim Vorstellungsgespräch mein aktuelles Gehalt erwähnt und mir wurde gesagt, dass ich definitiv mehr erwarten könnte. Ich hätte auch nicht weniger gefragt, da ein Umzug von Berlin nach München höhere Kosten mit sich bringt. Ein Arbeitgeberwechsel muss sich lohnen. Dass wir schon darüber diskutiert hatten, schien mein Interviewer aber inzwischen vergessen zu haben, weil er mich nochmal am Freitag danach gefragt hat. Wenn wir uns einigen können, könnte ich diese Woche noch direkt nach meinem Vorstellungsgespräch vorbei kommen, um den neuen Arbeitsvertrag zu unterschreiben! Nun, seitdem ich meine Gehaltsvorstellung angegeben habe, habe ich keine Rückmeldung bekommen. Ich denke, wenn es zu viel verlangt wäre, würden sie schon versuchen, runter zu handeln, statt nichts mehr von sich hören zu lassen. Vermutlich werde ich noch heute informiert. Ich habe gestern Abend bei der Tagung mit meinem hoffentlich zukünftigen direkten Chef gesprochen, der nicht die Person ist, mit der ich meinen Vertrag verhandle, und er schien zuversichtlich zu sein.

Inzwischen liegt auch die Verlängerung meines aktuellen Arbeitsvertrags für ein weiteres Jahr bei der Personalabteilung zum Unterschreiben bereit. Da ich diese Woche nicht auf Arbeit bin, kann ich es erst ab nächster Woche unterschreiben. Ich hoffe, es kommt nicht dazu, und ich kriege vorher den Arbeitsvertrag bei München. Sonst muss ich die Verlängerung unterschreiben, und ich kann danach nicht mehr so schnell kündigen.

Für Winfried wird es hart, wenn es klappt. Kate ist schon weg. Tomasz verlässt uns Ende Dezember, da sein Vertrag nicht verlängert wird. Die Stelle gibt es noch und wurde ausgeschrieben, aber er selbst kann nicht mehr beschäftigt werden. Sinnlos, diese „du darfst nicht länger als X Jahre bei uns arbeiten“ Regelungen in der Wissenschaft. Egal für ihn, er hat schon eine neue Stelle in seiner Heimat gefunden. Das macht aber jetzt zwei Wissenschaftler, die auf einmal die Gruppe verlassen und nicht so schnell ersetzt werden können. Selbst wenn neue Postdocs kommen, werden sie eine Weile brauchen, bis sie den guten Betrieb der Geräte für unsere Nutzer gewährleisten können. Und nun soll ich auch meine Verlängerung nicht unterschreiben? Ich, die zusätzlich eine der Wenige bin, die Rufbereitschaft macht? Und die noch Software entwickelt, die von Nutzern aus aller Welt benutzt wird und die gewartet werden muss? Da wird Winfried durch drehen. Wenn ich die Verlängerung unterschreibe, wird er bestimmt nicht mit einem Auflösungsvertrag einverstanden sein.

Aber ehrlich gesagt, es ist mir langsam egal. So sehr es mir für ihn Leid tut, er wird schon eine Lösung finden. Diesen ewigen leeren Versprechen auf eine langfristige Einstellung glaube ich nicht mehr, und ich bin auch nicht mehr daran interessiert, seitdem Mr Keen bei uns eine Dauerstelle hat. Rufbereitschaft will ich nicht mehr und ich sehne mich nach einem Job, wo ich meine Wochenende nicht mehr opfern muss. Und wir haben gerade erfahren, dass die Betriebsplanung sich ab dem nächsten Jahr ändern wird und jetzt sogar am Sonntag gearbeitet werden soll! Ohne mich. Es muss in München klappen!


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Das neue Vorstellungsgespräch kommt wie gerufen

Ich bin erschöpft und habe die Schnauze voll. Schuld ist mal wieder die Rufbereitschaft. Der Chef hatte letzte Woche angekündigt, dass er am jetzigen Wochenende eine private Angelegenheit wahrnehmen wollte und hatte nach Freiwilligen gefragt, um seine Pflichten zu übernehmen. Ich bin erstmal still geblieben. Florian hat sich bereit erklärt, die Messgäste von heute einzuweisen. Alle anderen Kollegen hatten eine Ausrede, warum sie die Rufbereitschaft nicht machen konnten. Wem ist es hängen geblieben? Richtig.

Dass wir heute Nacht ohne Unterbrechung schlafen konnten, hatte ich beim Aufstehen leichtsinnig als gutes Zeichen gesehen. Das war nur die Ruhe vor dem Sturm. Denn ab halb eins hat das Handy angefangen zu klingen, und danach war es einfach die Hölle. Beim ersten Anruf waren wir mit dem Ehemann gerade auf dem Weg vom Markt nach Hause unterwegs. Irgendwas hinderte die Fortsetzung einer Messung. Angekommen, Rechner hochgefahren, auf Arbeit eingeloggt, scheinbare Ursache des Problems gefunden und behoben, Nutzer zufrieden. Bis zum nächsten Anruf eine Stunde später. Genau dasselbe Fehlerbild, aber diesmal gab es gleich zwei unabhängige Probleme, die ich auch lösen konnte. Beim dritten Anruf eine halbe Stunde später war ich schon recht genervt. Immer wieder das Problem, eine andere Ursache, die behoben wurde, und danach ging nichts mehr. Ich hatte schon aufgegeben, aber Florian, der sich bestens mit der Maschine auskennt und den ich versucht hatte anzurufen, hat sich zurück gemeldet und konnte anscheinend das Problem vorübergehend endgültig beheben. Von seinem Auto aus, mit seinem Laptop. Der war mit seiner Freundin unterwegs, der Arme, es hat mir echt Leid getan, ihn nach Hilfe fragen zu müssen. Inzwischen war es schon halb sieben, und ich hatte den ganzen Nachmittag nichts anderes machen können. Doch, kochen konnte ich, und zwar nur, weil Florian mit den Nutzern ausgemacht hatte, dass sie eine halbe Stunde Pause machen. Und es war nicht alles, weil andere Nutzer auf einem anderen Gerät auch zweimal anrufen mussten, weil die Robotik zickte. Jetzt, kurz vor zehn Uhr abends, bin ich noch voll gestresst und ich frage mich, ob ich in der Lage sein werde, einschlafen zu können, und wenn ja, wie lange ich wohl schlafen werde, bevor der nächste Anruf kommt. Gestern gab es doch kein Problem! Gestern war auch Mr Keen den ganzen Tag selber an dem Gerät am Messen. Ich frage mich, ob er irgendwas angestellt haben kann, um mir das Wochenende zu verderben. Das würde ich ihm zutrauen.

Mir reicht’s. Die dreihundert Euro, die man dafür zusätzlich zum Gehalt bekommt, sind es einfach nicht wert, so viel Stress in der freien Zeit zu bekommen. Der Ehemann leidet auch darunter, wenn das Handy nachtsüber klingelt, oder wenn wir am Wochenende bei schönem Wetter zu Hause bleiben müssen, weil irgendwas an den Geräten nicht stimmt. Und das mit dem zusätzlichen Geld stimmt nicht mal, wie ich gerade gemerkt habe. In den letzten zwei Monaten habe ich genau so viel überwiesen bekommen als während meiner Schwangerschaft, als ich von Rufbereitschaft befreit wurde! Ich muss mich am Montag beschweren. Den ganzen Scheiß will ich nicht auch noch kostenlos machen. Schlimm genug, dass unsere Verwaltung immer neue Gründe erfindet, warum meine Reisekosten nicht vollständig erstattet werden.

Ich habe gestern eine neue Einladung zu einem Vorstellungsgespräch bekommen. Wieder bei München. Diesmal geht es rein um Software-Entwicklung. Hoffentlich klappt es endlich. Nichts wie weg von hier!

VERDAMMT, SCHON WIEDER EIN ANRUF!


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