Beim Café

Heute kam Uschi früh zu mir, um zur Mittagspause zu gehen. Wir sind normalerweise eine große Gruppe, aber momentan sind fast alle dienstlich unterwegs. Wir sind eine Etage tiefer gegangen, um Martin mitzunehmen; er war gerade nicht da. Bestimmt noch bei unseren Geräten beschäftigt. Ich habe ihm eine Nachricht geschickt: Den Chef lässt man einfach nicht warten, wenn er beschlossen hat, jetzt zu gehen. Wir waren fast fertig, als Martin mir anschrieb, dass er bei unserem üblichen Café essen gegangen war. Das passte perfekt. Wir sind dahin gegangen und haben mit Kaffee an seinem Tisch gesessen. Als er einige Zeit später sich in die kurze Schlange gestellt hat, um sein Kaffee zu holen, ist Uschi zurück zum Büro gegangen. Ich bin geblieben.

Ich saß am Tisch der Theke gegenüber und war in Gedanken versunken. Es hat gedauert. Besonders schnell sind die viel wechselnden studentischen Angestellten dort nie gewesen. Die Frau vor ihm, die gerade auf ihre Bestellung wartete, schien auf einmal ganz aufgeregt zu sein. Ich habe nicht ganz mitbekommen, was passiert war, aber sie musste plötzlich lachen und Martin etwas sagen. Ich habe gesehen, wie Martin ihr aus Höflichkeit geantwortet hat, und wieder gewartet hat, ohne sie weiterhin zu beachten. Sie war aber nicht fertig und musste sich noch mal zu ihm wenden, um ihn mit schriller Stimme weiter anzuquatschen. Als sie ihre Bestellung auf ihr Tablett vollständig bekommen hat, hat sie sich an einem Tisch neben mir hingesessen, wo eine andere Frau schon saß und auf sie gewartet hatte. Mit breitem Grinsen musste sie ihr stolz erzählen, wie sie sich mit dem netten Mann in der Schlange unterhalten hatte. Ohne zu ahnen, dass seine Freundin am Nachbartisch saß.

Martin hat ihre Absichten anscheinend nicht gemerkt, obwohl sie sich so auffällig verhalten hat. Er hat auch mit mir letztes Jahr ewig gebraucht, um zu begreifen, dass ich wirklich an ihn interessiert war. Er ist mit seiner Tasse Kaffee zurück zu unserem Tisch gekommen und hat mich geküsst, wie immer, wenn wir zu zweit sind. Ich habe ihn nicht gefragt, worüber sie sich unterhalten haben. Besonders spannend konnte es nicht sein.

Ich habe nicht aufgepasst, ob ihre Freundin, die uns gegenüber saß, ihre Begeisterung gedämpft hat. Es könnte interessant werden, wenn sie weiter versucht, sich an ihn zu schleichen. Ich vertraue ihm, aber ich wüsste gerne, wie er sich dann verhalten würde.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Werbeanzeigen

Angebaggert

Ich weiß nicht, was heute anders als sonst war. Eigentlich nichts.

Ich bin nicht zum Fitness-Studio gegangen. Ich habe gestern eine große Garderobe aus Metall bei IKEA geholt und nach Hause geschleppt, meine Schultermuskeln schreien noch. Stattdessen bin ich zum Weihnachtsmarkt am Gendarmenmarkt gegangen. Ich würde gerne alle Weihnachtsmärkte Berlins besuchen, aber das geht zeitlich nicht. Ich bin eine Stunde geblieben. Den Glühwein fand ich mäßig (den besten habe ich mit Martin am Prenzlauer Berg probiert). Danach bin ich ganz oben im Französischen Dom gestiegen und habe Fotos aufgenommen. Mir ging’s super, ich habe die vielen Treppenstufen kaum gemerkt.

Es war noch früh nachmittags als ich wieder runter kam. Südkreuz lag fast auf meinem Rückweg, und wir hatten heute verkaufsoffener Sonntag. Ich habe beschlossen, weitere kleinere Möbelstücke bei IKEA zu kaufen (meine Mami kommt bald zu Besuch, ich beeile mich, um die Wohnung endlich fertig zu bekommen). Also zuerst mit U6 zum Tempelhof. Ich habe mich bequem gegen die Fensterscheibe gelehnt und vor mich hin geträumt. Ich habe mich gefragt, wie es Martin geht. Er ist gerade bei Freunden zu Besuch. Danach Familienbesuch, und wieder bei Freunden… Ich werde ihn wohl erst in Januar wieder sehen. Er sagte, er würde sich bei mir melden, sobald er wieder hier ist. Hätte ich am Mittwoch bloß den Mut gehabt, ihn zu küssen…

Einige Stationen weiter ist ein junger Mann eingestiegen und hat einen Platz gegenüber von mir genommen. Ich habe ihn nicht beachtet und mich meiner Träumerei weiter gewidmet. Er hat mich angesprochen. Ich habe zuerst nichts verstanden. Er sprach zu leise. Die Wörter ergaben keinen Sinn. Da ich meine „Häh?“-Miene aufgesetzt habe, fragte er mich, ob ich Türkin wäre. Nein, bin ich nicht. Ich habe das Gespräch für beendet gehalten und mich wieder zurück gezogen. Einladend konnte es wirklich nicht wirken. Aber er hat weiter mit mir reden wollen. Ob ich Kopfschmerze hätte? Ich saß mit Ellbogen gegen das Fenster und mit der Stirn in der Hand. Es war mir bequem so. Ich hatte keine Lust, mit ihm darüber zu diskutieren. Wenn er glauben will, dass ich Kopfschmerze habe, von mir aus. Vielleicht gibt er dann Ruhe. „Ja“, habe ich geantwortet, und mich zurück zum Fenster gewandt. „Warum?“, wollte er noch wissen. Ich habe die Frage ignoriert. Er hat meine Beine deutlich geglotzt (ich trug eine enge Hose). „Wo fährst du hin?“ Notlüge… „Zu meinem Freund“. Geärgerte Reaktion. Kurz danach ist er aufgestanden und hat sich einen neuen Platz auf der anderen Seite des Ganges ausgesucht.

Zwei Stunden später saß ich am Gleis mit meinen Kartons aus IKEA und wartete auf die S-Bahn. Ich habe nicht besonders aufgepasst. Plötzlich stand ein unbekannter Mann unweit von mir und lächelte mich intensiv an. Was, zwei mal am gleichen Tag? Als die S-Bahn ankam, hat er einige Schritte in meiner Richtung gemacht. Ich war schneller. Im Handumdrehen habe ich alle meine Kartons gesammelt und bin sehr schnell zu einem Wagen ganz weit weg gegangen. Er ist mir nicht gefolgt.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Noch ein geiler Bock

Ich war gestern früher als sonst zu Hause. Ich habe beschlossen, in die Stadt spazieren zu gehen. Da meine Schmuckständer im Umzug zerbrochen wurden, wollte ich neue kaufen. Ich habe in meinem Stadtteil keine gefunden, dafür habe ich ein sehr schönes rotes Kleid in einer kleinen Boutique bei mir um die Ecke gefunden. Ich ziehe es heute an. Martin fährt morgen wieder in den Urlaub, wir wollten noch diese Woche Eis essen gehen, er hat es selbst am Montag vorgeschlagen, das heißt, uns bleibt nur noch heute Abend Zeit. Hoffentlich hat das Kleid den gewünschten Effekt. Hoffentlich sagt er nicht doch ab. Hoffentlich macht das Wetter mit. Hoffentlich bin ich nicht so nervös.

Ich finde es immer so schwierig, Männer anzuziehen, die mir wirklich gefallen – und das ich schon selten, wenn ich mich verliebe. Dafür kriege ich jede Menge blöde Typen am Hals, die sich für unwiderstehlich halten. Ich habe einen Knack, in einer neuen Stadt schnell geile Böcke anzuziehen, wobei ich es mir gerne sparen möchte. Beispiel gestern. Nach dem Shopping hatte ich Hunger bekommen. Ich habe noch keine Küche in meiner Wohnung und habe kurz vor 19:00 in einem Lokal an der Terrasse gesessen. Das Wetter war nicht so toll, der Himmel war grau bedeckt mit dicken Wolken, aber es war nicht kalt. An dem Tisch vor mir saßen zwei anderen Frauen. Plötzlich haben sie beschlossen, rein zu gehen, statt auf der Terrasse zu bleiben. Ich dachte, es fängt gerade an zu regnen, aber nein. Kurz darauf ist ein Mann über die Straße zum Lokal gegangen.

Stellt euch einen jungen Mann vor, der sich wie ein Rapper anzieht, wie man sie es sich vorstellt, mit Affengang, tief offenem Hemd und jede Menge Goldketten gut sichtbar um den Hals. Ich fand’s immer lächerlich, auch bei den Promis im Fernseher. Stellt euch noch vor, der Mann verhält sich, als ob durch sein Ansehen allein alle Frauen ihm zu Füßen liegen müssten (schließlich trägt er so viel Gold um sich herum, und Frauen sind ja bekanntlich nur mit Geld zu beeindrucken). Jetzt packt dem jungen Mann noch erratisch kurze graue Haare auf dem Kopf, gut 50 Jahren und wenigstens 50kg drauf. Das war mein Belästiger von gestern Abend.

Da ich alleine saß, ist er direkt zu mir gekommen und hat mich gefragt, ob es nicht langweilig wäre, da zu sitzen. Was ich verneinte, und auch nicht gerade dabei lächelnd, da ich so viel mit dieser Art von Anmachen zu tun hatte und weiß, dass diese Typen nur bösartige Ablehnungen verstehen, und das auch nicht immer sofort. Ein junges Paar ist an uns vorbei gegangen und hat sich die Szene kurz angeschaut, als ich ihm sagte, dass es mir gerade allein gut ging und ich ihn definitiv nicht brauchte. Da meinte er, ich würde es mir doch bestimmt wünschen, wenn er bei mir am Tisch sitzen würde, worauf ich kategorisch „Nein“ geantwortet habe (außer mir saß zu diesem Zeitpunkt niemand auf der Terrasse, alle anderen Tische waren frei). „Aber doch –“… „Kommt nicht in Frage“. Nach dem ich gut zum zehnten Mal seine Näherungsversuche abgelehnt hatte und die Geduld verlor, ist er endlich abgehauen. Mit einem ganz langsamen Schritt ist er an mir entlang der Metall-Kette vorbei gegangen, die an Blumentöpfen verbunden die Terrasse von der Straße trennt, und ist aus meinem Sichtfeld verschwunden. So schwer ist es manchmal, ein Glas Bier in Ruhe zu genießen.

Gerade in diesem Zeitpunkt kamen zwei kleine Kinder angerannt, gleichzeitig mit zwei älteren Frauen. Als die Kinder in der Nähe der Kette ankamen, hat der alte Mann plötzlich aus einem Wutanfall an der Kette heftig gezogen und einen riesen Blumentopf hinter mir auf dem Bürgersteig fallen lassen. Die Mütter der beiden Kinder sind zu uns gerannt gekommen, weil sie dachten, die Kleinen hätten den Unfall verursacht. Die älteren Frauen haben sie beruhigt, weil sie gesehen haben, dass der alte Mann dafür verantwortlich war, der sich gerade davon gemacht hatte, ohne sich zu entschuldigen oder überhaupt sich umzudrehen. Die Kinder hatten die Kette vorne kaum berührt, und hätten eh nicht die Kraft gehabt, ein so schweres Topf fallen zu lassen. Vor allem, weil zwischendurch andere Töpfe an der Kette verbunden waren, die eher gefallen wären. Die Kellnerin ist sofort raus gekommen, hat das Ergebnis mit Entsetzen gesehen und den Bürgersteig sofort geputzt. Die älteren Frauen haben den alten Mann verpetzt, was ich nur bestätigen konnte, ohne jedoch die Vorgeschichte zu erzählen. Tja, am Ende hat die Kellnerin noch mehr Trinkgeld als sonst von mir bekommen, auch wenn ich nicht selber dran schuld war.

Ich könnte noch viele Geschichte dieser Art erzählen… So ganz asozial bin ich eigentlich nicht, wenn ich irgendwo an einer dicht besuchten Terrasse alleine sitze und Leute höflich fragen, ob sie bei mir sitzen dürfen, habe ich kein Problem damit. Ich habe mich sogar schon mal mit unbekannten Männern einfach so gerne unterhalten. Die haben mich auch nicht mit einem blöden „Was treibt so ein Fräulein hier alleine“ oder ähnliches angesprochen, mit dem offensichtlichen Ziel, mich anzubaggern.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Zurück zu Hause

Die erste Arbeitswoche ist vorbei, ich fahre zurück zu meiner Katze. Ich lasse hinter mir die mit Spinnen infizierte Wohnung. Ich glaube, eine hat mich über Nacht gestochen. Ich habe diese Woche viele Mückenstiche bekommen, auch am Hals, aber ich habe in der Wohnung selbst gar keine Mücke wahr genommen, und der Stich hat, im Gegenteil zu den anderen herum, eine starke allergische Reaktion verursacht. Könnte es schlimmer in dieser Wohnung werden? Ja, wenn die Glühbirnen ausfallen. Ich bin nicht mal eine Woche da gewesen, und schon zwei sind kaputt gegangen. Die Hauptbirne im Schlafzimmer und eine der drei Birnen im Eingangsflur. Beide beim Einschalten des Lichtes. Jetzt lasse ich die anderen Lichter ständig an. Sonst geht auch noch eine andere kaputt, und ich will nicht im Dunkel mit den Spinnen sein.

Ich hoffe sehr, bald eine Wohnung zu finden, um umzuziehen und nicht mehr so lange hin und her mit dem Zug zu fahren. Die letzte Wohnung, die ich diese Woche besichtigt habe, gefällt mir sehr. Sie ist groß genug, ruhig gelegen, und bietet auch im Erdgeschoss Zugang zu einem gechlossenen Innenhof, so dass meine Katze ins Grüne gehen könnte und trotzdem von den Gefahren der Straße geschützt bleibt. Ich habe schon einige der verlangten Nachweise zum Makler geschickt und hoffe auf eine positive Rückmeldung. Selbst wenn ich am Anfang nur ein Bett habe, ziehe ich sofort hin. Und obwohl ich für diese Wohnung eine Maklerprovision bezahlen müsste, wäre die Wohnung auf zwei Jahre gerechnet immer noch billiger, als die erste, die ich am Dienstag besucht habe. Diese war dunkel, hatte so hohe Decken, dass ich viel heizen müsste, hatte auf der Anzeige mit einem Balkon geworben, den ich eher als Fensterdekoration bezeichnen würde, so klein und unbenutzbar ist er, und die Einbauküche war in einem sehr schlechten Zustand, ich hätte sie sowieso entfernt und eine neue eingebaut.

Diese Zugreise kommt mir jetzt wie eine Ewigkeit vor. Wir sind mit Verspätung aus Berlin los gefahren, so dass ich meinen Anschlusszug schon mal nicht erreichen werde. Ich habe es aber geahnt, deswegen habe ich die Arbeit heute Nachmittag früh verlassen, um eventuell noch einen späteren Anschlusszug zu bekommen. Die Antwort meines Chefs, als ich fragte, ob es ging: „Klar, kein Problem“. Cool. Ich habe Fachliteratur im Rucksack eingepackt, aber nach einigen Stunden ist Schluss mit Lesen.

Gegenüber von mir am Tisch sitzt ein junger ausländisch aussehender Mann, ein Spanier, glaube ich, der irgendwie komisch wirkt. Nicht nur, dass er die Nutzung eines Taschentuches anscheinend nicht kennt und die ganze Zeit geschnieft und ungeniert in seiner Nase gebohrt hat. Seit einiger Zeit hantiert er nur noch mit seinen Handys. Ich habe schon ausgeflippt, als er anfing, einen elektrischen Kabel aus einem Aufladegerät nackt zu legen und beide Kupferdrähte schön zu vorbereiten und gerade zu drehen. Als er ein Handy genommen hat und die Batterie raus geholt hat, ging’s mir ganz schlecht, mein Herz schlug ganz wild, und ich musste ihn fragen, was er da trieb. Auf Englisch, weil er kein Deutsch spricht. Worauf er antwortete, dass er seine Batterie aufladen wollte, da er nicht das richtige Gerät dabei hätte. Es scheint auch zu stimmen, wie er dann beide Drähte an der Batterie mit seinem Daum fest gehalten hat und keine weitere Sachen damit verbunden hat, aber irgendwie habe ich Geschichte im Kopf von Terroranschlägen, die mit Batterien von Handys gestartet wurden. Wobei, jetzt, wo ich darüber nachdenke, könnte ich eigentlich keinen konkreten Beispiel nennen. Trotzdem werde ich sehr froh sein, wenn ich endlich aus diesem Zug aussteige. Dadurch, dass ich den jungen Mann angesprochen habe, hat er mich auch Fragen gestellt, und sehr schnell, ob ich verheiratet oder Single wäre. Ich hasse es, wenn fremde Männer sich erlauben, solche persönliche Fragen zu stellen. Ich habe die Frage ausgeweicht, bin aber noch freundlich geblieben, falls er doch vor hätte, den Wagen in die Luft zu sprengen. Ha, ich mache mir bestimmt Sorgen umsonst. Ich habe den Laptop aus der Tasche geholt und angefangen zu tippen, dabei glotzt er mich so ab und zu, als ob er noch das Gespräch suchen möchte, was ich schon nicht mehr will. Das mit dem Anbaggern hat er aber gelassen, als ich ihm nebenbei mein Alter gesagt habe. Ich sehe halt nicht so alt aus. Ich glaube, er steigt in Duisburg aus, dann bin ich alleine am Tisch.

[…] Tja, jetzt, wo er ausgestiegen ist, habe ich mir wirklich umsonst Sorgen gemacht. Wir haben doch weiter gesprochen, er hat erzählt, er ist unterwegs, um einen Freund zu besuchen. Irgendwann hat er seine Handys wieder eingesteckt. Er hat die ganze Zeit versucht, seinen Freund anzurufen, hat aber anscheinend nicht die richtige Nummer gehabt, obwohl der Freund ihn vorher angerufen hatte. Ich denke, weil sein Handy nicht deutsch ist. Meine Mami hatte auch früher das Problem, dass sie meine Nummer nie vollständig auf ihrem Display gesehen hatte, wenn ich sie aus dem Ausland angerufen hatte. Wir haben mit meinem Handy probiert, seinen Freund anzurufen, und es ging nicht. Er hat erzählt, dass er diesen Freund erst morgen besuchen wollte und für gerade 30€, die er noch in der Tasche hatte, irgendwo übernachten wollte. Ich habe ihm viel Glück gewünscht, weil ich nicht weiß, wo man so billig schlafen kann. Ich habe ihm vorgeschlagen, nach Jugendherbergen zu suchen. Ich kenne mich in Duisburg aber gar nicht aus.

Ich bin sonst diese Woche nach einigen Wochen Stille wieder von Hülya angerufen worden. Diesmal hatte sie ihre Nummer nicht versteckt, was mich verunsichert hat. Ich hatte sie auf dem Handy nicht mehr gespeichert gehabt, er waren zu viele Jahre her, als sie sich jedes Wochenende bei mir eingeladen hatte. Ich dachte, es wäre jemand, der für eine Wohnungsbesichtigung anruft, und habe nach dem verpassten Anruf zurück gerufen. So ein Mist, sie war’s. Da ich abends in der Stadt unterwegs war und gerade viel Verkehr vorhanden war, habe ich so getan, als ob ich nicht hören könnte, wer dran war. Nach mehrmaligen „Allo?“ und „Ich höre Sie ganz schlecht“ habe ich wieder aufgelegt. Sie hat mich seitdem drei/vier Male am Tag versucht, anzurufen, aber jetzt, wo ich ihre Nummer kenne, gehe ich nicht mehr dran, das Handy habe ich auf leise gestellt. Sobald ich eine Wohnung in Berlin habe, ändere ich meine Handynummer. Vorher kann ich nicht, da ich diese Nummer für Wohnungsbesichtigungen angegeben habe. Sie hatte damals eine Freundin erwähnt, die bei O2 arbeitet. Ich lasse mich zwar nie in Telefonbüchern eintragen, aber vielleicht sollte ich sogar den Anbieter wechseln, falls sie auf die Idee kommt, diese Freundin nach meiner Nummer zu fragen.

[…] Endlich zu Hause. Die Glühbirne im Flur hat sich hier auch beim Einschalten verabschiedet, es ist wirklich nicht meine Woche mit Lampen. Rucksack auf dem Boden, Katze in den Armen, sie hat sich wieder über meine längere Abwesenheit beschwert, die Arme, ich habe sie auch vermisst, dann konnte ich nicht länger warten, ich bin trotz später Stunde in die Dusche gegangen und habe meine Haare gewaschen. Nächste Woche sind meine Tage vorbei, ich werde dann dafür zu einem Schwimmbad in der Nähe der Arbeit gehen – und dabei noch Sport treiben.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Jedes Mal wenn die Sonne scheint

Vierzehn Jahren her bin ich für mein Studium nach Deutschland umgezogen. Es war damals ein noch warmer September, als ich wie jeden Tag den steilen Weg zum Institut ging. Links, auf der anderen Seite der Einbahnstraße, standen zwei älteren Männer vor einem Auto mit hochgeklappten Motorhaube. Einer der beiden Rentner, der einen Hut trug, rief zu mir: „Entschuldigung!“ Als ich mich näherte fragte er dann, ob ich Zeit hätte. „Wofür?“, wollte ich wissen. Breites Lächeln. „Ich wohne hier in dieser Straße, wir könnten bei mir Kaffee trinken. Ich mache auch gerne Fotos und fände Sie als Modell interessant.“

Schluck. „Nein“, ich war nicht daran interessiert, und wollte gleich weiter gehen, er musste mir aber unbedingt seine Telefonnummer in die Hand drücken. Die ich gleich in den nächsten Mülleimer geworfen habe. Das war aber leider nur die erste Begegnung. Denn jedes Mal, wenn die Sonne scheint und die Temperaturen sich erhöhen, treffe ich ihn auf dieser Straße, wo ich nach dem Studium noch jahrelang gearbeitet habe, und werde von ihm angesprochen. Egal ob er allein ist oder mit seinem Kumpel von damals, zu Fuß, auf dem Fahrrad oder im Auto… Und so häufig, dass ich jetzt für andere unwissende Fußgänger als unhöfliche Person gelte, da ich auf seine „Guten Tag“ oder „Verzeihung“ gar nicht antworte und ihn völlig ignoriere. Es sind schon vierzehn Jahre, und in all der Zeit ist mein ständiges Ablehnen immer noch nicht in sein Gehirn durchgedrungen.

Ich habe übrigens durch Diskussionen mit meinen Kolleginnen erfahren, dass ich nicht die einzige bin, die so häufig von ihm belästigt wird.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.