Jetzt ist die Katze krank

Ich habe mich erschreckt, als ich sie gestern Abend zu Hause gesehen habe. Sie hat nicht an der Tür gekratzt, als ich im Treppenhaus hoch gegangen bin. Das macht sie sonst immer. Sie ist nicht zur Tür gekommen, als ich so spät abends in die Wohnung gekommen bin. Ich habe meine Reisetasche am Boden gelassen und wollte ihr Leckerlies geben, wie immer, wenn ich abends nach Hause komme. Sie hat daran gerochen, aber nichts angerührt. Es gab sogar andere Stücke, die ihr Martin gegeben hatte, bevor er gestern unerwartet für die Arbeit nach Rotterdam geschickt wurde. Sie hat nur am Boden gelegen, und aufstehen zu müssen war sichtlich mühsam. Sie hat ganz rau gemiaut und wirkte schwach. So war sie definitiv nicht, als ich am Montag weg gefahren bin. Sie kam mir gestern nicht besonders kalt oder warm vor. Ihre Nase fühlt sich vielleicht ein bisschen trockener als sonst an. Heute Nacht hat sie ganz dicht neben mir auf dem Bett geschlafen.

Martin hatte mir schon am Mittwoch geschrieben, dass sie sich übergeben hatte. Das passiert ab und zu und ist meistens nicht der Rede wert. Danach hat sie kaum etwas gegessen. Nicht mal ihre Leckerlies. Normalerweise bettelt sie ständig darum, jedesmal, wenn wir uns in der Nähe von ihrem Futterregal aufhalten. Das ist ihre große Leidenschaft, nur getoppt von der Sheba-Dose mit Meeresfrüchten. Wenn sie ihre Leckerlies nicht mehr frisst, heißt das, dass es etwas Ernstes ist.

Heute Morgen habe ich ihr Futter gegeben. Eine ganze Sheba-Dose habe ich geöffnet. So häufig kriegt sie das nicht, weniger als einmal pro Woche. Es war heute umsonst. Sie hat schwach begeistert gemiaut, in den Schalen geschnuppert, und plötzlich den Kopf gedreht, als ob sie angewidert wäre. Die Schale Trockenfutter war heute Abend genau so voll wie heute Morgen, und das Sheba ist vertrocknet. Getrunken hat sie, immerhin. Im Katzenstreu war ein Klumpen. Ich habe versucht, sie in die Arme zu tragen und zu schmusen, wie wir häufig schmusen, aber sie hatte dabei Schmerze und hat stärker gemiaut. Ich habe sie sofort wieder zum Boden gebracht. Sie liegt jetzt regungslos in der Küche. Wenn ich neben ihr am Boden sitze, schnurrt sie leise.

Morgen früh gehen wir zum Tierarzt. Sie ist nur elf Jahre alt, es kann noch nichts Schlimmes sein, oder? Das macht mich total fertig. Ich habe sie noch nie krank erlebt. Zum Glück hat Mr Keen doch den Einsatz von morgen übernommen. Ich glaube, es war ihm gestern Abend gar nicht klar, dass ich an Winfried und ihm zuerst eine Email geschickt hatte. Er hat viel später eine Antwort an uns beide geschrieben, und sein Ton drin war um einigen Größenordnungen gemäßigter als gestern am Telefon. Heuchler.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

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Es ist noch nicht Sylvester!

Böller! Seit einigen Wochen hört man schon häufiger welche in Berlin. Ich dachte, die wären nur für Sylvester und Neujahr zugelassen.

Es ist mir besonders nach den Attentaten von Paris aufgefallen. Denn ich gebe es zu, ich habe immer ein mulmiges Gefühl, wenn ich unterwegs bin oder laute Knalle höre. Seit länger. Als Studentin hatte mich die Anschlagsserie in Paris ziemlich erschüttert, obwohl ich weit weg in Nizza war. Daher fühle ich mich seitdem immer ein bisschen nervös, wenn ich mich mitten in Menschenversammlungen befinde oder mit der Bahn unterwegs bin.

Nun, seit einigen Tagen hört man vermehrt laute Knalle, wenn man unterwegs ist. Am schlimmsten war vorgestern abends, als ich mit der S-Bahn in Hermannstraße auf dem Weg nach Hause war. Der Zug hielt am Gleis, alle Türe waren noch offen. Der plötzliche Knall war so laut, dass mein linkes Ohr leicht geschmerzt hat. Alle Gäste haben sich alarmiert umgeschaut. Ich habe nur noch gedacht, bloß weg von hier. Es hat gefühlt ewig gedauert, bis der Fahrer die Türe wieder geschlossen hat.

In meiner Wohngegend wird es auch laut. An späten Abenden haben wir einige Male vereinzelte Böller gehört, um die zweiundzwanzig Uhr. Und heute Morgen. Es war kurz vor sieben. Welcher Vollidiot zündet Feuerwerkskörper in aller Frühe am Wochenende? Heute Morgen war es die Sorte, die man pfeifen hört, wenn sie in die Luft steigt, bevor sie explodiert. Wir sind davon aufgewacht, und ich konnte nicht mehr schlafen. Verdammt.

Jetzt arbeite ich. Ich habe schon wieder viel zu tun. Artikel schreiben und Beiträge für Veranstaltungen vorbereiten. Martin ist wieder eingeschlafen.


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Unter Schock

Wie letztes Jahr bei Charlie Hebdo. Ich bin wütend, fühle mich machtlos und desillusioniert. Und ich frage mich immer wieder, warum ist hier in Berlin noch nichts passiert? Bis jetzt hatten wir großes Glück. Das sollten wir schätzen, aber nicht glauben, dass wir in Sicherheit sind. Das kann überall passieren.

Ich hoffe, sie kriegen es zurück bezahlt.


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Unheimlich

Wir haben gestern Abend in einem türkischen Restaurant in meinem Viertel gegessen. Das Wetter war bedeckt, wie häufig in letzter Zeit. Der Sommer ist vorbei. Wir haben drin gesessen. Einige Gäste sind zur Terrasse gegangen, und sofort wieder rein gestürzt, als die starken Windböen angefangen haben. Geregnet hat es kaum.

Wir sind nicht lange geblieben. Oder besser gesagt, wir waren ungewöhnlich früh da. Um 21:00 haben wir, satt und zufrieden, das Restaurant wieder verlassen und sind zu Fuß zu mir gegangen. Es wurde schon dunkel. Martin hat mein Fahrrad geschoben. Kurz vor meiner Wohnung war die Nacht eingebrochen. Wir haben uns über Pläne fürs Wochenende unterhalten. Ich habe gesagt, dass ich am Sonntag bei mir sein muss, weil ich am Bürgerentscheid teilnehmen will. Ich habe bemerkt, dass ich jede Berechtigung zur Stimmenabgabe wahr nehmen will, wobei ich es noch nicht mal geschafft habe, mich um einen Termin für den Einbürgerungstest zu kümmern. Dabei hat mein Besuch beim Standesamt schon vor zwei Monaten statt gefunden.

Zeitgleich waren zwei Jugendliche auf dem Bürgersteig vor uns. Beide in Sportklamotten; einer war am Rauchen. Ich bin nicht sicher, dass sie volljährig waren. Oder vielleicht knapp Anfang zwanzig. Als ich den Einbürgerungstest erwähnt habe, hat der Rauchende plötzlich angehalten, sich umgedreht und mich hasserfüllt angeschaut. Es war nachts und dunkel. Gesichtszüge konnte man nicht erkennen. Trotzdem habe ich seine Ausländerfeindlichkeit voll ins Gesicht gespürt. Er hat nichts gesagt, sich uns lediglich einige Sekunden lang angestarrt, und ist seinem Kumpel gefolgt, der weiter am Spielplatz entlang gegangen war. Martin hat gar nichts bemerkt, aber ich glaube, ich habe schon einen Sinn für Gefahr entwickelt.

Mein Bezirk ist dafür bekannt, dass viele Rechtsextremisten dort wohnen. Die NPD hat sogar ihre Zentrale hier. Mein Vorgänger war aus diesem Grund aus dem Viertel ausgezogen, als er noch hier arbeitete. Letztes Jahr war ich einfach froh, überhaupt eine Wohnung zu bekommen. Ich merke trotzdem, jedesmal, wenn ich in meinem Viertel alleine unterwegs bin, dass ich mit den Leuten hier möglichst wenig zu tun haben will. Sie verhalten sich so unfreundlich, wobei man es allgemein in Berlin behaupten kann. Ich habe jedoch eine auffällig starke Konzentration an scheinbar ungebildeten und arroganten Zicken gemerkt, die ich sonst woanders nicht mitbekommen hatte. Alle gleich aussehend, dürr, mit langen glatten Haaren in einem hochgezogenen Pferdeschwanz, voll tätowiert und meistens in Begleitung von kräftig gebauten Männern mit rasiertem Schädel. Keine Verallgemeinerung machen, klar, aber jedesmal schauen sie sich mich feindlich an, wenn sich unsere Blicke zum Beispiel an der Kasse am Supermarkt treffen. Ich weiß, dass ich nicht wie eine Deutsche aussehe. Ich sehe nicht mal wie eine Französin aus. Ich habe gedacht, der Jugendlicher, der uns so angestarrt hat, müsste von seiner ganzen Umgebung angesteckt worden sein. Und ich habe blöderweise auf der Straße von einem Einbürgerungstest erzählt.

Wir sind wie immer durch den hinteren Eingang zum Haus weiter gegangen. Der Weg ist kürzer. Da ich mein Fahrrad nicht mehr im Durchgang übernachten lassen kann, habe ich es an meine Parkplatzsperre angeschlossen. Martin hatte sein Motorrad auf meinem Parkplatz gelassen. Wir haben uns weiterhin unterhalten. Plötzlich kam aus der anderen Seite vom Spielplatz der Rauchende auf uns zu, wobei er kurz gezögert hat. Stimmt. Der Spielplatz ist auf beiden Seiten vor dem Haus zugänglich. Er muss uns reden gehört haben. Ich habe nicht gewartet, habe Martin gehetzt, der noch unbesorgt vor dem Haus stand und ausschließlich mit seinem Handy beschäftigt war, und habe die Tür zum Durchgang wieder abgeriegelt. Ich habe mich ganz schlecht gefüllt.

In die Wohnung angekommen, habe ich kein Licht angemacht und bin direkt zum Fenster gegangen. Erst dann hat Martin gemerkt, dass etwas nicht stimmte. Ich habe gesehen, wie die beiden Jungs das Haus beobachteten. Sie haben sich zuerst im Dunkel vor der Durchgangstür versteckt. Wenn der Rauchende nicht weiter an seiner Kippe gezogen hätte, hätte ich sie vielleicht nicht gemerkt, aber der rote Punkt war nicht zu übersehen. Sie sind hin und her zwischen Tür und Parkplatz gegangen. Ich habe gedacht, dass sie gesehen haben, wie wir das Fahrrad geschoben haben, und etwas Blödes damit anstellen wollten. Martin meinte, sie würden sich nur verstecken, um heimlich zu rauchen und hätten nichts Böses vor. Ich bin nicht überzeugt. Der Spielplatz ist um die Uhrzeit viel geeigneter dafür. Und ich weiß noch, wie sich die ungebildeten jungen Männer in meinem Dorf damals verhalten hatten, als ich zum Gymnasium ging. Stolz darauf zu erzählen, dass sie jemanden geprügelt hatten, oder wieder eine Nacht bei der Polizei verbracht hatten. Wie ein Wettbewerb. Vielleicht dachten sie, dadurch die Mädels beeindrucken zu können. Die gleichen Trottel findet man leider überall wieder.

Ein Auto kam mit Scheinwerfern an, und sie haben sich hinter der Hecke vor der Tür verkrochen. Die Passagiere sind zu einem Nachbarhaus gegangen. Erst als sie weg waren, sind die Beiden aus ihrem Versteck gekommen und haben wieder das Haus beobachtet. Nicht lange, kurz danach kamen zwei weitere Autos an. Als die Leute ausgestiegen sind, sind die beiden Jungs mit gebücktem Rücken in Richtung Spielplatz wieder verschwunden. Anscheinend endgültig.

Es hat lange gedauert, bis ich einschlafen konnte.


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Beruhigt

Denn er hat mich angerufen. Er hat seit unserem letzten Telefonat wirklich kein Netz gehabt. Wie könnte es anders zu erwarten sein, bei 2800m im Gebirge? Als er heute Abend zurück in der Hütte war, hat er mich angerufen.

Das Handy lag auf dem Tisch neben mir. Seit gestern liegt das Handy ständig neben mir. Wie häufig habe ich bei WhatsApp geschaut, um festzustellen, dass er seit Donnerstag Abend nicht online war? Wie häufig habe ich auf Google nach den letzten Nachrichten in der Gegend gesucht, und jedes Mal meinen Herzen sinken gespürt, wenn ich etwas von einem Unfall gelesen habe? Ich hatte schon mit dem Gedanken gespielt, seinen Vater zu kontaktieren, um zu wissen, ob er von ihm gehört hätte. Und was wäre, wenn er irgendwo im Krankenhaus liegen würde?

Die Nummer am Display kannte ich nicht, aber von der Vorwahl her musste es von ihm sein. Das Handy habe ich gerade ein Mal klingeln lassen. Er tat so gut, seine Stimme zu hören. Ihm geht’s gut. Mir jetzt auch wieder. Ich werde besser einschlafen können. Morgen Abend will er sich wieder melden.


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Freitag

Heute war ich wieder bei der Arbeit. Ich musste sogar ganz früh dort sein, da ich einen Termin hatte. Schwierig, nach dem ich gestern Abend so spät ins Bett gegangen bin.

Ich hatte es nicht vor gehabt. Ich war gerade dabei, einige Dateien hochzuladen, als ich plötzlich keine Internetverbindung mehr hatte. Auf das Symbol für Drahtlosnetzwerkverbindungen geklickt und versucht, mich wieder zu verbinden: Fehlgeschlagen. Router genauer angeschaut: Er sah zuerst ganz brav aus. Ich habe im Adressfeld des Browsers o2.box eingegeben, um das Konfigurationsprogramm vom Router zu starten. Da war eine neue Meldung rechts, die sagte, ich hätte den voreingestellten WLAN-Schlüssel nicht geändert, was ein Sicherheitsproblem wäre. Wahrscheinlich deswegen meinte die Box, ohne Vorwarnung plötzlich zu streiken und mir keine Internet-Verbindung mehr zu liefern. Ich habe unter Firefox versucht, einen neuen Schlüssel im Konfigurationsprogramm zu setzen: Die LED für Internet an der Box wurde rot, was bedeutet, dass meine Zugangsdaten falsch sind. Es hat eine Stunde gedauert, bis ich den Schlüssel erfolgreich ändern konnte. Die Hilfe war dabei nicht sehr hilfreich, da nicht klar beschrieben wurde, in welcher Reihenfolge wie was gemacht werden sollte. Hier also zusammengefasst:

  1. Im Internet Explorer mit o2.box das Konfigurationsprogramm der Box gestartet.
  2. Bei leuchtender WLAN-LED den Taster „WLAN/WPS“ an der hinteren Seite der Box mindestens fünf Sekunden lang gedrückt.
  3. Im Konfigurationsprogramm unter „Internet“ war eine Eingabemaske für den neuen Schlüssel, den ich angegeben habe. Wahrscheinlich habe ich noch auf „Verbinden“ geklickt.
  4. Nochmal den WLAN-/WPS-Taster kurz gedrückt.
  5. Auf das Symbol für Drahtlosnetzwerkverbindungen geklickt und erneut mit dem Router verbunden, unter Angabe des neuen Schlüssels.

Und das war’s, wenn ich im Nachhinein nichts vergessen habe. Ich habe allerdings nicht gefunden, wie ich den WLAN-Schlüssel der Box in meinem Handy (Nokia C5) ändern kann, das heißt, ich kann mein Festnetz-WLAN erstmal nicht mehr aufs Handy zu Hause benutzen, um das mobile Datenvolumen zu verringern. Heute Abend nach dem Hochfahren vom PC war ich vom Router getrennt und musste wieder Punkt 5 ausführen. Aber eine gute Nachricht: Nach monatelanger Störung funktioniert meine Telefonverbindung plötzlich wieder, ohne dass ich mich darum gekümmert habe. Ich vermute, dass O2 versucht hat, mich zu erreichen (zwecks Werbung, was sonst), und festgestellt, dass ich nicht anrufbar bin. Martin hat mich letzte Woche zu meiner Überraschung von seinem Festnetz aus angerufen, und mit meinem Handy geht’s auch. Ich habe sogar mit meiner Mami telefonieren können.

Apropos Martin. Seit gestern Abend nach unseren gute-Nacht-Nachrichten habe ich gar nichts mehr vom ihm gehört. Er ist bestimmt bei seiner Wandertour zu sehr beschäftigt. Oder er hatte einen Unfall. Oder David ist dabei, hat ihm von unserer Beziehung vor fünfzehn Jahren erzählt, und jetzt schmollt er. Oder er hatte was heute Nacht mit Floriane, seiner ehemaligen und sehr ledigen Kollegin, bei der er gerade übernachtet hat, und traut sich nicht mehr, sich zu melden. Keine Panik. Vielleicht hat er einfach gerade kein Netz.

Um 16:00 habe ich Feierabend gemacht. Ich bin mit dem Fahrrad nach Hause gefahren. Zwei Straßen von meiner Wohnung entfernt, als ich gerade gebremst hatte, um Kinder nicht zu überfahren, die direkt vor mir über die Straße gelaufen sind, fing plötzlich ein heftiger Schauerregen an. Ich bin durchnäßt in die Wohnung angekommen und habe mich zuerst ausziehen müssen. Pfff. Gestern bin ich auch unter Regen gefahren, da ich entschieden habe, von Tegel aus wieder nach Hause zu fahren. Insgesamt 36km, ich habe mich ab dem Aquarium verfahren. Nach Schöneweide habe ich mich müde gefühlt und kurz danach einen Krampf im linken Fuß gespürt. Und heute Morgen wog ich 300g mehr als gestern.

Ein leichter Kopfschmerz droht, da ein der Kinder im Hause (es sind zwei, noch im Kinderwagenalter) gerade auf die tolle Idee kam, Flöte im Treppenhaus zu spielen. Allerdings schlecht und nur ein Ton, der gar nicht klar gespielt wurde. Ich dachte, es geht schnell vorbei, bis es zu seiner Wohnung ankommt, aber anscheinend fühlte es sich gerade auf meiner Etage wohl. Nach leichtem Klopfen an die Wohnungstür (ich wollte mich nicht dafür wieder anziehen) meinte eine erwachsene weibliche Stimme direkt dahinter etwas wie „Ups“, und kurz danach hörte das nervige Pfeifen auf.


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Nachts unterwegs

Ich war nachts alleine in der Stadt zu Fuß unterwegs. Ich hatte gerade mit Leuten in einer Kneipe gegessen und bis spät getrunken. Es war um die zwei Uhr morgens. Den Weg nach Hause kannte ich nicht so gut. Ich war sehr müde. Ich habe kurz daran gedacht, einen Taxi zu bestellen. Ich habe beim Gehen die Augen kurz zu gemacht. Als ich sie wieder geöffnet habe, ging die Sonne gerade auf. Ich habe mich gefragt, was in der ganzen Zeit passiert war. Ich wusste nicht mehr, wo ich mich befand. Gegenüber von mir stand eine Kneipe, von einer Wiese mit vereinzelten Bäumen umgeben, und ich bin herein gegangen, um zu frühstücken und mich von meinem Schreck zu erholen.

Ich habe mir einen Tisch ausgewählt, wo auch ein schlecht angezogener Mann und eine Frau saßen. Ich habe weiße Bohnen in Tomatensauce gegessen. Der Mann hat angefangen mit mir zu reden, worüber, weiß ich nicht mehr. Nach einer Weile hat die Frau ebenfalls an unserem Gespräch teilgenommen. Weil wir uns so gut verstanden haben, habe ich drei kantenverknüpften Vierecke von meinem Gürtel gefeilt, die aus einem Muster von quadratisch angeordneten Gummispitzen bestanden (wie eine Fußmatte). Ich habe der Frau erzählt, dass ich in der Nacht beim Gehen durch die Stadt eingeschlafen war und beim Sonnenaufgang woanders aufgewacht war. Diese Vorstellung hat sie erschreckt.

An der Theke neben dem hinteren Ausgang standen Leute mit Kindern. Die Kinder haben mich böse angestarrt. Ich fand sie gruselig. Ihre Gesichter waren häßlich. Aus ihren kleinen Münden konnte ich scharfe Zahnenspitzen erahnen. Ich dachte, sie hatten etwas damit zu tun, wie ich nachts beim Gehen eingeschlafen bin.

Bevor ich irgendwas gegen sie unternehmen konnte, bin ich aufgewacht. Der Wind wehte heute Nacht so stark, er hat mich mehrmals aus dem Schlaf gerissen.


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Zurück zu Hause

Die erste Arbeitswoche ist vorbei, ich fahre zurück zu meiner Katze. Ich lasse hinter mir die mit Spinnen infizierte Wohnung. Ich glaube, eine hat mich über Nacht gestochen. Ich habe diese Woche viele Mückenstiche bekommen, auch am Hals, aber ich habe in der Wohnung selbst gar keine Mücke wahr genommen, und der Stich hat, im Gegenteil zu den anderen herum, eine starke allergische Reaktion verursacht. Könnte es schlimmer in dieser Wohnung werden? Ja, wenn die Glühbirnen ausfallen. Ich bin nicht mal eine Woche da gewesen, und schon zwei sind kaputt gegangen. Die Hauptbirne im Schlafzimmer und eine der drei Birnen im Eingangsflur. Beide beim Einschalten des Lichtes. Jetzt lasse ich die anderen Lichter ständig an. Sonst geht auch noch eine andere kaputt, und ich will nicht im Dunkel mit den Spinnen sein.

Ich hoffe sehr, bald eine Wohnung zu finden, um umzuziehen und nicht mehr so lange hin und her mit dem Zug zu fahren. Die letzte Wohnung, die ich diese Woche besichtigt habe, gefällt mir sehr. Sie ist groß genug, ruhig gelegen, und bietet auch im Erdgeschoss Zugang zu einem gechlossenen Innenhof, so dass meine Katze ins Grüne gehen könnte und trotzdem von den Gefahren der Straße geschützt bleibt. Ich habe schon einige der verlangten Nachweise zum Makler geschickt und hoffe auf eine positive Rückmeldung. Selbst wenn ich am Anfang nur ein Bett habe, ziehe ich sofort hin. Und obwohl ich für diese Wohnung eine Maklerprovision bezahlen müsste, wäre die Wohnung auf zwei Jahre gerechnet immer noch billiger, als die erste, die ich am Dienstag besucht habe. Diese war dunkel, hatte so hohe Decken, dass ich viel heizen müsste, hatte auf der Anzeige mit einem Balkon geworben, den ich eher als Fensterdekoration bezeichnen würde, so klein und unbenutzbar ist er, und die Einbauküche war in einem sehr schlechten Zustand, ich hätte sie sowieso entfernt und eine neue eingebaut.

Diese Zugreise kommt mir jetzt wie eine Ewigkeit vor. Wir sind mit Verspätung aus Berlin los gefahren, so dass ich meinen Anschlusszug schon mal nicht erreichen werde. Ich habe es aber geahnt, deswegen habe ich die Arbeit heute Nachmittag früh verlassen, um eventuell noch einen späteren Anschlusszug zu bekommen. Die Antwort meines Chefs, als ich fragte, ob es ging: „Klar, kein Problem“. Cool. Ich habe Fachliteratur im Rucksack eingepackt, aber nach einigen Stunden ist Schluss mit Lesen.

Gegenüber von mir am Tisch sitzt ein junger ausländisch aussehender Mann, ein Spanier, glaube ich, der irgendwie komisch wirkt. Nicht nur, dass er die Nutzung eines Taschentuches anscheinend nicht kennt und die ganze Zeit geschnieft und ungeniert in seiner Nase gebohrt hat. Seit einiger Zeit hantiert er nur noch mit seinen Handys. Ich habe schon ausgeflippt, als er anfing, einen elektrischen Kabel aus einem Aufladegerät nackt zu legen und beide Kupferdrähte schön zu vorbereiten und gerade zu drehen. Als er ein Handy genommen hat und die Batterie raus geholt hat, ging’s mir ganz schlecht, mein Herz schlug ganz wild, und ich musste ihn fragen, was er da trieb. Auf Englisch, weil er kein Deutsch spricht. Worauf er antwortete, dass er seine Batterie aufladen wollte, da er nicht das richtige Gerät dabei hätte. Es scheint auch zu stimmen, wie er dann beide Drähte an der Batterie mit seinem Daum fest gehalten hat und keine weitere Sachen damit verbunden hat, aber irgendwie habe ich Geschichte im Kopf von Terroranschlägen, die mit Batterien von Handys gestartet wurden. Wobei, jetzt, wo ich darüber nachdenke, könnte ich eigentlich keinen konkreten Beispiel nennen. Trotzdem werde ich sehr froh sein, wenn ich endlich aus diesem Zug aussteige. Dadurch, dass ich den jungen Mann angesprochen habe, hat er mich auch Fragen gestellt, und sehr schnell, ob ich verheiratet oder Single wäre. Ich hasse es, wenn fremde Männer sich erlauben, solche persönliche Fragen zu stellen. Ich habe die Frage ausgeweicht, bin aber noch freundlich geblieben, falls er doch vor hätte, den Wagen in die Luft zu sprengen. Ha, ich mache mir bestimmt Sorgen umsonst. Ich habe den Laptop aus der Tasche geholt und angefangen zu tippen, dabei glotzt er mich so ab und zu, als ob er noch das Gespräch suchen möchte, was ich schon nicht mehr will. Das mit dem Anbaggern hat er aber gelassen, als ich ihm nebenbei mein Alter gesagt habe. Ich sehe halt nicht so alt aus. Ich glaube, er steigt in Duisburg aus, dann bin ich alleine am Tisch.

[…] Tja, jetzt, wo er ausgestiegen ist, habe ich mir wirklich umsonst Sorgen gemacht. Wir haben doch weiter gesprochen, er hat erzählt, er ist unterwegs, um einen Freund zu besuchen. Irgendwann hat er seine Handys wieder eingesteckt. Er hat die ganze Zeit versucht, seinen Freund anzurufen, hat aber anscheinend nicht die richtige Nummer gehabt, obwohl der Freund ihn vorher angerufen hatte. Ich denke, weil sein Handy nicht deutsch ist. Meine Mami hatte auch früher das Problem, dass sie meine Nummer nie vollständig auf ihrem Display gesehen hatte, wenn ich sie aus dem Ausland angerufen hatte. Wir haben mit meinem Handy probiert, seinen Freund anzurufen, und es ging nicht. Er hat erzählt, dass er diesen Freund erst morgen besuchen wollte und für gerade 30€, die er noch in der Tasche hatte, irgendwo übernachten wollte. Ich habe ihm viel Glück gewünscht, weil ich nicht weiß, wo man so billig schlafen kann. Ich habe ihm vorgeschlagen, nach Jugendherbergen zu suchen. Ich kenne mich in Duisburg aber gar nicht aus.

Ich bin sonst diese Woche nach einigen Wochen Stille wieder von Hülya angerufen worden. Diesmal hatte sie ihre Nummer nicht versteckt, was mich verunsichert hat. Ich hatte sie auf dem Handy nicht mehr gespeichert gehabt, er waren zu viele Jahre her, als sie sich jedes Wochenende bei mir eingeladen hatte. Ich dachte, es wäre jemand, der für eine Wohnungsbesichtigung anruft, und habe nach dem verpassten Anruf zurück gerufen. So ein Mist, sie war’s. Da ich abends in der Stadt unterwegs war und gerade viel Verkehr vorhanden war, habe ich so getan, als ob ich nicht hören könnte, wer dran war. Nach mehrmaligen „Allo?“ und „Ich höre Sie ganz schlecht“ habe ich wieder aufgelegt. Sie hat mich seitdem drei/vier Male am Tag versucht, anzurufen, aber jetzt, wo ich ihre Nummer kenne, gehe ich nicht mehr dran, das Handy habe ich auf leise gestellt. Sobald ich eine Wohnung in Berlin habe, ändere ich meine Handynummer. Vorher kann ich nicht, da ich diese Nummer für Wohnungsbesichtigungen angegeben habe. Sie hatte damals eine Freundin erwähnt, die bei O2 arbeitet. Ich lasse mich zwar nie in Telefonbüchern eintragen, aber vielleicht sollte ich sogar den Anbieter wechseln, falls sie auf die Idee kommt, diese Freundin nach meiner Nummer zu fragen.

[…] Endlich zu Hause. Die Glühbirne im Flur hat sich hier auch beim Einschalten verabschiedet, es ist wirklich nicht meine Woche mit Lampen. Rucksack auf dem Boden, Katze in den Armen, sie hat sich wieder über meine längere Abwesenheit beschwert, die Arme, ich habe sie auch vermisst, dann konnte ich nicht länger warten, ich bin trotz später Stunde in die Dusche gegangen und habe meine Haare gewaschen. Nächste Woche sind meine Tage vorbei, ich werde dann dafür zu einem Schwimmbad in der Nähe der Arbeit gehen – und dabei noch Sport treiben.


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Spinnen

Was ich heute auf jeden Fall machen muss: Staubsaugen. Das heißt, zuerst den vollen Beutel aus dem Staubsauger raus nehmen, einen neuen rein tun, und dann staubsaugen. Wenn ich motiviert bin, kann ich auch sogar den Boden waschen. Aber stimmt, dafür brauche ich einen neuen Besenstiel, ich muss heute beim Einkaufen daran denken.

Ich habe wie jeden Morgen beim Aufstehen meiner Mieze den Futternapf voll gemacht. Ihr Napf steht in der Küche neben der Wand und der Tür. Heute sieht das Wetter traumhaft aus. Die Küche ist um 08:00 von der Sonne gebadet. So wie die Tür. Als ich mich beugte, um den Napf zu füllen, habe ich gesehen, dass viele Katzenhaare zwischen der Wand und der Tür, die immer breit offen bleibt, hingen. Sie hat sehr lange Haare, die merkt man sofort. Warum hingen sie? Weil sie von einem Spinnennetz gehalten wurden. Ich habe hinter der Tür geschaut, ohne sie zu berühren, und ich habe einen Weberknecht[1] entdeckt. Genau dort, wo sich seit Wochen eine ganz kleine Spinne versteckt, und die ich mit meinem Staubsauger bis jetzt nicht entsorgen konnte, weil sie es schafft, sich jedes Mal in einem kleinen Loch zu verkriechen. Wahrscheinlich weil der Beutel voll ist, vielleicht habe ich mit dem neuen Beutel mehr Saugkraft. Die kleine Spinne habe ich am Spalt der Tür heute Morgen auch gesehen, sie lebt noch, beide scheinen, eine WG gebildet zu haben.

Ihr ahnt es hier schon, ich mag Spinnen nicht. Das ist ein Euphemismus. Ich leide unter einer starken Arachnophobie, seit meinen früheren Jahren, ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wann es angefangen haben soll. Das ist auch der Grund, warum ich einen neuen Besenstiel kaufen muss. Als ich mich das letzte Mal um den Kater meiner Vermieterin gekümmert habe, wollte ich ihn morgens nach dem Frühstück in den Garten raus lassen. Die Hand war fast auf dem Griff der Tür, als ich direkt nebenan an der Wand einen Weberknecht gemerkt habe. Starrwettbewerb, bis eine sich bewegt. Die Spinne hat gewonnen, ich bin erstmal die vier Etagen zu meiner Wohnung hoch geflüchtet, ohne den Kater raus zu lassen. Ich habe meinen Waschbesen demontiert und bin mit dem Besenstiel bewaffnet zurück in die Praxis gekommen. Dabei hatte ich das Schraubloch des Stiels beschädigt, der war aber schon so alt, dass es nicht schlimm war. Die Spinne hatte sich in der Zeit zur Decke weg bewegt, ich habe den Kater raus gelassen, und den Besenstiel für die Abwesenheitsdauer meiner Vermieterin in der Praxis gelassen. Er ist aber doch nicht zum Einsatz gekommen.

Ich könnte auch die Spinne in der Küche lassen? Nein, kommt nicht in Frage. Meine Erfahrung hat gezeigt, dass ich es nicht machen sollte. Als ich für mein Diplom-Jahr in Lothringen war, hatte ich eine kleine Dachwohnung in der Nähe der Uni gemietet. Und eines Abends gab es neben dem Becken in der Küche einen Weberknecht. Ich habe die Stelle vermieden und bin ins Bett gegangen. Am nächsten Morgen war meine Nase unten am linken Nasenloch plötzlich stark angeschwollen, schmerzte und fühlte sich ganz warm an. Man merkte es nicht sofort, aber wenn ich den Kopf stark nach oben gedreht hatte, sah man eine rote ausgedehnte Stelle. Und der Weberknecht war tatsächlich über Nacht von der Küche zum Schlafzimmer gewandert. Er muss dabei auf meinem Gesicht gegangen sein. Meine Mami hatte mir erzählt, Spinnen machen beim Gehen Stichproben, um zu wissen, wo sie sich befinden, und ich muss an dieser Stelle eine allergische Reaktion gemacht haben.

Meine Kindheit enthält deswegen viele kleine Horrorgeschichten mit Spinnen, weil wir außerhalb eines kleinen Dorfes in einem Haus mit Garten wohnten. Trotz mehreren Katzen hat es immer Spinnen zu Hause gegeben. Und nicht nur die Weberknechte, auch die dicken schwarzen Spinnen mit haarigen Beinen, und auch welche, die ich in Deutschland nie gesehen habe, aber im warmen Südfrankreich wohl, große dünne Spinnen mit gelben oder orangenen Streifen am Körper und an den Beinen[2]. Als mein kleines Brüderchen um die 16 Jahre alt war, ist er von einer diesen farbigen Spinnen am Bein gestochen[3] worden. Mein Bruder war damals schon ein großer starker Bursche, mit 1m80 der größter von uns, und er ist eine Woche lang mit Fieber und mit einem im Volumen verdoppelten Bein im Bett geblieben. Aber das hat mit meiner Phobie nichts zu tun, ich habe schon Angst vor Spinnen gehabt, bevor meine beiden Geschwister zur Welt kamen. Das gruseligste, das ich je erfahren habe, war bei meinem allerersten Freund. Eines Sommermorgens bin ich aufgestanden und habe meine weiße Bluse, die am Boden lag, angezogen, während mein Freund schon mit seinen Eltern am Frühstücken war. Unmittelbar danach habe ich ein breitflächiges sanftes Streichgefühl am rechten Arm gespürt. Ich habe sofort als instinktive Reaktion mit der linken Hand den Arm entlang gefegt, und etwas Großes und Schwarzes ist buchstäblich geflogen und auf dem Bett gelandet. Eine dieser großen ekelhaften schwarzen Spinnen. Es war gut 18 Jahre her, ich kann aber immer noch nicht daran denken, ohne Gänsehaut und Schauder zu bekommen.

Ich könnte von zahlreichen Alpträumen erzählen, in denen ich mich umrandet von Spinnen befinde und nur versuche, die Flucht zu ergreifen. Zum Glück träume ich seit langem nicht mehr so häufig davon. Ich glaube, weil ich so wenig in Kontakt mit Spinnen komme, und das ist gut so. Ich habe während meiner Doktorarbeit einige Monate in einem Haus gewohnt, nachdem ich meine Wohnung am Kaiserplatz gekündigt hatte. Eine Freundin aus dem Deutschkurs bei der Volkshochschule musste umziehen und suchte gerade in dem Moment einen Nachfolger. Ich habe ihr also geholfen und bin hin gezogen. Es war ein Fehler. Das Haus war gerade am Rand des Waldes. Ich brauchte 40mn zu Fuß bis zum Institut, was ich als Gelegenheit für meine tägliche sportliche Bewegung betrachtet hatte. Leider war diese Wohnung von Spinnen infiziert. Es war eigentlich ursprünglich ein großer Keller, der in eine Wohnung umgewandelt wurde[4]. Auf der Höhe meiner Fensterbänke waren die Blumenbette des Gartens. Nicht ein Tag ohne Spinne. Die waren überall. Es war nicht selten, gleich zwei oder drei Weberknechte an der Wand im Flur zu finden, wenn ich abends nach der Arbeit zurück kam. Ich habe schon mal morgens nicht geduscht, weil eine große dicke schwarze Spinne aus dem Abfluss wieder hoch kam. Ich habe mich danach daran gewöhnt, jeden Morgen einen Topf mit heißem Wasser in den Abfluss zu gießen, bevor ich duschen gehe. Ich bin sehr schnell wieder ausgezogen.

Meine nächste Wohnung war im Erdgeschoss in einem sehr großen Wohngebäude in der Stadt. Es gab dort auch Spinnen, nur von weitem nicht so viele. Eine hat aber dafür gesorgt, dass ich am Tag vor meiner Doktorprüfung mir fast ein Bein hätte brechen können. Ich kam wie jeden Morgen aus der Dusche raus. Mit nassen Füßen auf dem glatten Kachelboden habe ich mein Handtuch genommen und mich hinein gehüllt. Plötzlich habe ich eine Bewegung auf dem Tuch auf meiner Schulter wahr genommen. Ein Weberknecht. Schrei, Tuch weg geworfen, Gleichgewicht verloren, auf dem Boden gerutscht und auf dem Po brutal gelandet, den Waschbecken mit dem Kopf gerade nicht getroffen, zum Glück nichts passiert, aber es war knapp. Mein Doktorvater dachte, er könnte mir helfen, meine Angst von Spinnen zu bewältigen. Nach der Prüfung hat er mir ein großes Bilderbuch über Spinnen geschenkt, mit der Idee, dass ich nicht mehr Angst hätte, wenn ich mehr über sie erfahre und ihre Schönheit sehen würde. Alles vergebens. Das habe ich als Kind schon alles probiert. Ich hatte mich gezwungen, Spinnen beim Einweben von ihren Beuten oder beim Bauen von Netzen zu beobachten. Interessant, wenn man das Ganze emotionslos betrachten kann, aber die lahm legende panische Angst ist nicht verschwunden. Das Buch ist seit zehn Jahren in zwei dicken Stofftüten in einer Schublade versteckt, ich habe nie drin geblättert.

[1] Linguee ist cool. Ich habe in Google einfach nach „linguee“ und „opilion“ gesucht, und so konnte ich gewährleisten, dass keine Bilder im Ergebnis angezeigt werden. Brrr.
[2] Interessanterweise haben wir in Südfrankreich auch viele kleine schwarze Skorpione. Die haben sich ab und zu ins Haus geschlichen. Ich habe aber nie Angst vor Skorpione gehabt, und habe sie für meine Mami weg in den Garten gebracht, weil sie große Angst vor Skorpione hat. Einmal hatte ein Skorpion sogar Babys im Haus bekommen. Die waren so süüüß!
[3] Gestochen? Gebissen? Mir egal. Auf jeden Fall nicht angenehm.
[4] Die Besitzer wohnten oben, ein älteres Paar von Architekten in Rente, die die Einnahme aus der Wohnung bei der Steuererklärung wahrscheinlich nicht angegeben hatten, weil sie immer darauf bestanden hatten, dass ich die Miete bar bezahle.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Publikumsangst

Da ich gerade einen Vortrag vor mir habe, könnte ich erzählen, wie ich mich von der Publikumsangst befreit habe.

Früher habe ich immer Angst vor Vorträgen gehabt. Bei meinem allerersten Vortrag für die Diplomprüfung habe ich schon einen Monat davor Alpträume bekommen, bei denen ich vor einem vollen Hörsaal stehe und keine Folie vorbereitet habe (damals waren noch Powerpoint-Präsentationen eine Seltenheit, auf Fachtagungen waren alle Vorträge mit einem Projektor von dieser Art vorgeführt). Meine ersten Vorträge waren auch nicht gut. So fühlte es sich für mich auf jeden Fall an. Bei unserem Institutsseminar als frische Doktorandin hatte ich Schwierigkeiten, meine Stimme laut genug zu halten. Die älteren Herren waren prompt, mich daran zu erinnern. Vor lauter Aufregung vergaß ich häufig wichtige Details zu erwähnen, und musste die Folien zurückblättern, um später im Vortrag die vergessenen Punkte nachzuholen.

Eines Tages musste ich einen Vortrag bei einer internationalen Fachtagung in Polen halten. Mein Vortrag war an einem Sonntagvormittag geplant. Der Leiter des Institutes meiner Diplomarbeit war da. Er hatte mir gesagt, er wäre auf meinen Vortrag gespannt. Ich hatte ursprünglich nur einen Posterbeitrag zur Tagung angemeldet, aber der Chairman hatte mich einen Monat davor angeschrieben und gesagt, ich wäre zum Vortrag verdonnert. Wahrscheinlich hatten zu wenige Leute zu dieser Session teilnehmen wollen. Wie reagiert man dabei? „Ach je, warum ich“, Herzrasen, aber „vielen Dank für die große Ehre“ musste ich zurück schreiben. Ich habe wie immer extrem viel Zeit mit der Vorbereitung des Vortrages verbracht. Und an diesem Tag lief es – warum auch immer – unglaublich gut. Die späteren Vorträge liefen dann ein bisschen gelassener, auch wenn ich mich nie freiwillig dafür gemeldet habe.

Heute habe ich mich von Nervosität bei Vorträgen längst verabschiedet. Zum einen habe ich schon viele Vorträge hinter mir gebracht und habe mich daran gewöhnt. Zum anderen habe ich vor fünf Jahren mit Bauchtanz angefangen. Ich hatte ursprünglich gar nicht vor gehabt, an Shows teilzunehmen, die Kurse beim Hochschulsport waren für mich nur zum Stressabbau gedacht. Meine Lehrerin hatte uns dazu aufgemuntert, an einem Tanzabend in einem Lokal in einer Nachbarstadt in Holland teil zu nehmen. Ich hatte gedacht, warum nicht, dort kenne ich niemanden. Tja. An dem Abend selbst habe ich mich gefragt, was ich da zu suchen hatte und warum ich so leichtsinnig gewesen war, zuzustimmen, bei der Show mitzumachen. Wir sind als Gruppe zur Bühne angetreten. Und da steht man plötzlich unter dem warmen Licht, halb nackt mit glitzerndem BH und langem Rock, vor gut 200 Personen, mit wild klopfendem Herz, schnellem Atem und auf ein mal sehr schweren Armen, die man nur noch mit großer Mühe heben kann, und gleich geht die Musik los und man muss anfangen, perfekt zu tanzen, weil das Publikum dafür bezahlt hat, und weil man nicht starr vor Schreck auf der Bühne stehen bleiben kann, oder in die Kulisse zurück weglaufen und die anderen im Stich lassen. Wenn man das miterlebt hat, erscheinen einem Fachvorträge danach wie Witzveranstaltungen. Den Geschmack auf Tanzveranstaltungen habe ich noch später bekommen, es hat richtig Spaß gemacht, wenn das Publikum gejubelt hat und in Rythmus mit der Musik geklatscht hat, ich hatte den Eindruck bekommen, Lebensfreude mitzuteilen. Nur blöd, dass ich wegen Ischiasprobleme aufhören musste.

Ab und zu passiert es mir immer noch, dass ich von Vorträgen träume. Das ist normal, sagen meine Kollegen.

20130409


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.