Bösartige Oma

Heute Morgen, auf dem Weg zur Radiologie-Praxis. Ich fahre mit dem Bus. Der ist ein bisschen verspätet angekommen, aber die Fahrt dauert nicht mal fünf Minuten.

Ich habe vorne links einen Platz gefunden. Ein Sitzplatz für Behinderte. Das bin ich momentan wohl. Ganz vorne sitzt eine Oma und hält sich mit der linken Hand an der Haltestange fest. Hinter mir, oder besser gesagt rechts von mir (der Sitzplatz ist mit dem Rücken zum Fenster gebaut) ist der Raum für Rollstühle und Kinderwagen. Ein Kinderwagen mit einem Kleinkind steht da, die Mutter sitzt direkt nebenan.

Wir sind gleich bei meiner Haltestelle. Einige Leute fangen schon an, aufzustehen. Die Mutter auch. Wir müssen nur noch über die Kreuzung. Die Kreuzung ist viel befahren. Wir fahren durch, und plötzlich muss der Fahrer mitten in der Kreuzung eine Vollbremse machen. Ich vermute, dass jemand die rote Ampel ignoriert hat. Von meinem Sitzplatz aus sehe ich nichts vom Verkehr. Die Vollbremse ist heftig. Und der Kinderwagen kippt. Die Mutter kann nicht so schnell reagieren, um den Wagen zu halten. Ich erst recht nicht. Erstens bin ich verletzt, zweitens passiert es zu weit weg von mir. Der Kinderwagen landet am Boden. Das Kind schlägt den Boden mit der linken Schläfe und fängt natürlich an, zu schreien.

Der Busfahrer hält mitten in der Kreuzung. Er steht auf und schaut nach dem Kind. Fragt die Mutter, ob sie Hilfe braucht. Der Kinderwagen wird wieder aufrecht gebracht. Das Kind hört auf zu weinen und hält sich ganz still die Schläfe. Kein gutes Zeichen.

Und die Oma vorne lacht. Sie freut sich darüber, dass die Mutter das Unglück nicht verhindern konnte. „Da hat die Mutter den Wagen nicht fest gehalten,“ sagt sie leise vor sich hin, und lacht nochmal.

Kann man wirklich so grausam sein, oder ist es ein Zeichen von Senilität?

Advertisements

Haare

Mein erstes graues Haar („weißes Haar“ auf Französisch) habe ich schon vor drei Jahren entdeckt. Ich war gerade Mitte Dreißig. Es war in einer vorderen Locke und vor dem Spiegel zwischen den ganzen dunkel braunen Haaren nicht zu übersehen, wenn ich nicht wie üblich einen Zopf mache. Meine Haare sind natürlich stark gelockt, aber das graue Haar war es nicht so sehr und hatte seine eigene Dynamik. Ich habe mir ebenfalls die üblichen Fragen gestellt: Warum merkte ich es erst auf einmal, warum war es auf der ganzen Länge grau und nicht nur ab einem bestimmten Punkt… Aber man hört immer wieder Geschichte von Leuten, die wegen Stress von heute auf morgen viele graue Haare bekommen. Seltsam. Natürlich habe ich es nicht rausgezupft. Stolz darauf, habe ich meine Kollegen darüber aufmerksam gemacht (und musste dabei meist suchen, wo das Haar sich gerade versteckte).

Es hat mich sehr gefreut, da ich mich lange darüber beschwert habe, viel jünger als mein Alter auszusehen (ich habe kaum Falten). Ich bilde mir ein, dass ich dadurch bei Vorstellungsgesprächen als Arbeitssuchende nicht richtig ernst genommen wurde. So viele graue Haare sind es leider noch nicht geworden. Meine Studenten, die offensichtlich nicht mal in der Lage waren, ihren Vorlesungsplan richtig zu lesen, haben mich noch lange für eine HiWi gehalten, und selbst vor kurzem hat mich eine neu kennengelernte Freundin von Martin gefragt, was ich denn studieren würde. Genau wie letzte Woche bei dem Kurs in England, als Doktoranden wissen wollten, wie lange ich noch bis zur Prüfung hätte. Sie sehen immer überrascht aus, wenn ich sage, dass ich sie schon seit elf Jahren hinter mir habe. Oder wenn ich mein Alter verrate, weil ich einfach nicht einsehe, dass ich es geheim halten sollte.

Weniger schön finde ich Gesichtshaare. Als Studentin hatte ich in einem Magazin gelesen, dass Südländerinnen zwar schön sind, aber ab dreißig den Bach runter gehen, mit starken dunklen Haaren auf Kinn und Oberlippen. Ich hatte gedacht, die Verfasserin des Artikels hätte bestimmt einen Minderheitskomplex und würde versuchen, sich dadurch besser zu fühlen. Jetzt, wo ich den Alter erreicht habe, merke ich, dass es einen Funken Wahrheit drin gibt. So extrem wie es in dem Artikel dargestellt war ist es nicht, aber es stört mich schon. Den ersten Haar auf dem Kinn habe ich wegen seiner übertriebenen Länge gemerkt. Die Farbe war sehr hell, und es fühlte sich stärker als die andere Haare an. Ich habe es rausgezupft, und es ist immer wieder zurück gekommen. Meine Mami wurde nach Ratschlägen gefragt und ich bin zur Kosmetikerin gegangen. Ein Fehler. Sie hat mir eine Haarentfernung mit Wachs gemacht und dadurch die ganz feine Haare auf dem Kinn gebrochen. Die Folgen: Pickel, weil der Wachs zu warm war, und plötzlich viele harte dunkle Haare. Es hat einige Besuche gedauert, bis ich beschlossen habe, nicht mehr hinzugehen. Jetzt zupfe ich sie Stück pro Stück mit der Pinzette. Es nimmt Zeit in Anspruch und muss immer wieder gemacht werden, aber sie werden langsam nicht mehr so deutlich und verlieren an Farbe und Härte. Vor allem jetzt, wo ich nicht mehr Single bin, muss ich extra aufpassen, dass mein Kinn sich ganz sanft anfühlt.