Eine schwere Heimfahrt

Darauf bin ich nicht stolz, aber mein Tagebuch ist auch nicht da, um die schlechten Sachen auszublenden.

Ich habe mich gestern Abend überraschenderweise mit Pawel in der Stadt verabredet. Es hätte nicht so überraschend sein dürfen. Bei unserem letzten Treffen in Berlin hatte er erwähnt, dass er in Kürze nach München kommen würde. Ich hatte es vergessen. Als seine Nachricht gestern nach der Mittagspause kam, habe ich natürlich meine Pläne verschoben[1] und mich mit ihm verabredet.

Wir haben uns in einem tollen Burger-Lokal getroffen. Ich dachte, wir könnten vielleicht dabei das England-Kroatien-Spiel gucken. Nicht, dass ich viel Wert drauf lege. Fußball interessiert mich nicht. Aber mit Kollegen kann man es sich antun. Gestern gab es tatsächlich einen Fernseher im Lokal, und von der Terrasse aus konnte man das Spiel sehen. Mit einem Detail: Es war doch nicht England-Kroatien, sondern Frankreich-Belgien. Sagte ich schon, dass Fußball nicht meine Stärke ist?

Wir haben Bier getrunken. Viel Bier. Pawel kann Unmengen trinken. Ich kenne nicht viele Polen persönlich, aber die, die ich kenne, trinken viel. Wie Pawel. Blöd war nur, dass ich selber nicht aufgepasst habe und munter mit bestellt habe. Im Nachhinein: Bläh, sage ich nur. Wie konnte ich so dumm sein? Ach ja. Der Sieg musste gefeiert werden. Klar. Fußball ist mir so was von egal. Eigentlich. Aber ein Bier geht doch noch. Frankreich hat gewonnen. Nochmal Bläh. Um Mitternacht haben wir als letzte Gäste das Lokal verlassen, weil der Barman schließen wollte.

An der U-Bahn-Station haben wir uns getrennt. Wir mussten in entgegengesetzten Richtungen fahren. Ich merkte schon, wie mein Mund anfing, sich ganz betäubt anzufühlen. Die Zunge vor allem. Nicht gut. Ich habe noch dem Ehemann um 00:15 am Stachus angeschrieben, dass ich besoffen auf dem Weg nach Hause war und eine halbe Stunde auf die S8 warten musste. „Nimm dir ein Taxi,“ schrieb er zurück. „Nee, schlechte Erfahrung,“[2] war meine Antwort.

Ab dann kann ich mich am Ablauf der Rückfahrt nicht mehr so gut erinnern. Stand ich wirklich in Pasing, bis die S8 angekommen ist? Das kann nicht sein. Es muss am Stachus gewesen sein. Oder habe ich eine Bahn bis Pasing genommen und bin dort ausgestiegen? Und warum habe ich Pawel über Whatsapp dieses Foto von einer U-Bahn-Station geschickt, das ich einige Tage zuvor aufgenommen hatte?

Jedenfalls erinnere ich mich daran, dass ich zuerst auf einer Bank gesessen habe, bis sich eine Person neben mir hingesessen hat und eine Zigarette anzünden wollte. Ich bin aufgestanden und habe weiter weg im Stehen auf die Bahn gewartet. Ich bin eingestiegen, als die S8 angekommen ist. Ich habe noch wahrgenommen, wie Leute in Neuaubing ausgestiegen sind und habe gedacht, „ein Nickerchen darf sein, aber vergiss nicht, in Neugilching auszusteigen“. Ha! Das nächste Mal, als ich die Augen öffnete, standen die Türe breit offen, und eine Person stieg aus, als eine Durchsage „Weßling“ ankündigte. Wie, Weßling? Ich bin ganz schnell ausgestiegen.

Weßling. Halb zwei. Immer noch betrunken. Kein Taxi in Sicht. Und vermutlich fährt um die Uhrzeit keine S-Bahn mehr in die andere Richtung[3]. Kann es schlimmer werden? Ich informiere den in Berlin längst schlafenden Ehemann über Whatsapp über mein Missgeschick, nachdem ich den Hinweis über den niedrigen Akku-Stand weg klicke. Nach dem Senden der Nachricht schaltet sich das Handy von alleine aus. Tschüß, Feierabend. Mein Akku war noch am Morgen voll geladen. Der hält keinen Tag mehr durch.

Ich stehe also um halb zwei am Bahnhof Weßling, voll betrunken, im Dunkel, mit niemandem herum und ohne Handy, um mich zu navigieren oder doch ein Taxi anzurufen.

Zu Fuß nach Hause, also. Wenigstens war ich schon mal in Weßling, den Weg dürfte ich in Erinnerung haben, auch wenn ich damals nicht zum Bahnhof gekommen war. Ich gehe in die Richtung, aus der die Bahn gekommen ist. Muss schon stimmen. Ich gehe und gehe und sehe keine Schilder. Als ich endlich hinter mir ein Auto höre, winke ich frenetisch. Der Fahrer hält an! Und sagt gleich in einem für mich nicht identifizierbaren ausländischem Akzent, er hat keine Zeit, er muss zur Arbeit. Ich will nur wissen, in welcher Richtung Gilching liegt. „Zurück!“, ruft er, und fährt weiter. Na gut. Ich gehe zurück und komme zu einem Kreisverkehr. Stand er vorher wirklich schon da? Ein Schild zeigt mir die Richtung nach Gilching. Es sind 4,2 oder 4,8 Kilometer, so genau weiß ich nicht mehr. Ich gehe auf dem Radweg. Zwei Autos fahren in die gleiche Richtung wie ich vorbei und bremsen nicht mal, als ich auffällig winke. Soviel zum Thema Hilfsbereitschaft in Bayern. Als ich am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt vorbei gehe, weiß ich wenigstens, dass ich mich nicht verlaufen habe. Den Weg erkenne ich wieder.

Um 02:15 bin ich zu Hause. Ich falle ins Bett, nachdem ich mir die Zähne geputzt habe und dem Ehemann eine beruhigendere Nachricht schicken konnte. Der hat eh die ganze Aufregung durchgeschlafen.

Es hätte schlimmer sein können. Ich hätte in Herrsching aufwachen können.

[1] Heute hat unser Umzug aus Berlin statt gefunden, nachdem die Jungs schon zwei Tage lang unsere Sachen aus der alten Wohnung gepackt haben. Ich wollte gestern Abend im Voraus einige Sachen vorbereiten. War im Nachhinein betrachtet doch nicht wichtig. Der Umzug ist übrigens noch nicht fertig, morgen geht es weiter.

[2] Stimmt. Darüber habe ich noch nicht geschrieben.

[3] Geprüft. Tatsächlich wäre die nächste S8 nach Hause um 04:57 angekommen.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

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Auf dem Damenklo

Wir haben gestern unsere Stammkneipe nach der Arbeit besucht. Ein Irish Pub, ein bisschen abseits von der Einkaufsmeile, trotzdem immer gut besucht. „Stammkneipe“ ist vielleicht übertrieben, so häufig gehen wir nicht hin, das letzte Mal war schon über einen Monat her. Die Kellner dort erkennen uns nicht, wenn wir ankommen. Fairerweise muss ich sagen, ich erkenne die Kellner auch nicht. Entweder, weil ich mir Gesichter, die ich nur sporadisch sehe, nicht merken kann, oder weil sie alle Studenten mit kurzen Arbeitsverträgen sind, die ständig kommen und gehen.

Donnerstagabends gibt es in der Kneipe eine Band, die Musik auf einer kleinen Bühne in einer Ecke spielt. Meistens Country oder Ähnliches. Jedes Mal eine andere Band. Ich denke immer, wir sollten häufiger hin, um nach der Arbeit auszuschalten. Und gestern war der Tag richtig blöd gelaufen. Langweilig, ohne Antrieb… Seit der Ankündigung vor drei Monaten kann ich mich ohnehin nicht mehr so richtig für meine Arbeit begeistern. Wieso mir den Arsch reißen, wenn mit großem Maul und weniger Aufwand mehr erreicht werden kann? Und wenn Mr Keen eine Dauerstelle bei uns bekommt, erscheint mit eine längere Beschäftigung in der Gruppe sowieso viel weniger attraktiv. Meine Bewerbungen haben bis jetzt leider noch keine Früchte getragen.

Gestern habe ich also, noch auf Arbeit, dem Ehemann eine Nachricht geschickt, ob er Lust hätte, zur Kneipe zu gehen. Um halb acht haben wir uns dort verabredet. Ich bin direkt von der Arbeit aus hin gefahren. Ein Cider vom Faß bestellt, bevor der Ehemann, der zwischendurch auf der Couch zu Hause eingeschlafen war, mit zwanzig Minuten Verspätung angekommen ist. Ein Chili con Carne gegessen, weil das Mittagessen schon recht lange her war. Noch ein Brown Ale vom Faß getrunken. War das vielleicht lecker! Ich weiß nicht, ob ich Brown Ale vorher schon probiert hatte. Ich neige sonst immer dazu, ein Murphy’s Red zu bestellen. Ach ja, mein Verdacht hat sich nicht bestätigt, obwohl der Ehemann berichtet hat, dass es zwischendurch beim Sex wie während der letzten Schwangerschaft war — der Muttermund hat sich ganz dicht angefühlt. Danach habe ich aber eine so starke Periode bekommen, dass kein Zweifel mehr möglich war. Vermutlich habe ich wieder eine sehr frühe „unbemerkte“ Fehlgeburt bekommen. Also habe ich mir erlaubt, Alkohol zu trinken.

Natürlich musste ich nach einer Weile die Toilette besuchen. Keine Schlange. Eine Frau ging gerade raus, als ich ins Vorbadezimmer rein kam. Eine andere Frau mit kurzen blonden Haaren war gerade dabei, die Tür der einzigen Toilette hinter sich zu sperren. Ein bisschen laut war sie dabei, um nach kurzer Zeit zu sagen, „die Tür geht nicht zu, warte, komm nicht rein!“ „Kein Problem,“ habe ich geantwortet. Ich habe neben dem Waschbecken gewartet. Ein paar Minuten später: „Och nee, es ist kein Papier mehr da!“ Ich habe aus dem Papierspender für die Hände ein längeres Blatt genommen und ihr durch den Spalt der Tür entgegengestreckt. „Danke, aber was übrig blieb hatte gerade noch gereicht.“ Sie ist aus der Toilette gegangen und ich bin nach ihr rein gekommen. Beim Schieben der Tür habe ich noch gesehen, wie sie ihre Hose vor dem Spiegel zu gemacht hat. Dabei ist ihr ein recht lauter, eklig klingender Furz entwichen. Aus reiner Gewohnheit habe ich die Tür verriegelt. Ging doch problemlos. Nach dem Leeren der Blase habe ich zum riesigen Plastikbehälter für die Klopapierrolle gegriffen. Drin war eine noch nicht aufgemachte dicke Rolle, die sich relativ leicht öffnen ließ. Offensichtlich war die Frau zu sturzbesoffen, um die Toilette richtig bedienen zu können. Wenigstens hatte sie die Klobrille sauber gelassen.

Und weil das jetzt thematisch so halbwegs passt, ein Liedchen dazu:


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Feierabend

Heute Abend, auf dem Weg nach Hause. Ich komme aus der Arbeit zurück und gehe entlang eine kleine Straße hinter unserem Haus. Die Straße endet zwischen zwei Tiefgaragen, eine links, eine rechts. Danach sind zwei Absperrungen, die man nur zu Fuß oder mit dem Fahrrad durchqueren kann. Zwischen beiden Absperrungen fließt ein künstliches Bächle, das man fast übersehen könnte.

Vor der zweiten Absperrung kommt mir ein Fahrradfahrer entgegen. Ich gehe links zur Seite, da ich selber häufig genug mit dem Fahrrad durch das Bächle gefahren bin und weiß, dass man es am besten rechts durchquert, weil es dort eine Vertiefung am ohnehin sehr kleinen Rand gibt. Der Fahrradfahrer scheint es nicht zu wissen. Er steuert direkt auf mich zu. Ich gehe weiter ganz links vom Weg, um Platz zu machen, und halte kurz zur Seite, um dies klar zu machen.

Der Fahrradfahrer guckt mich an und lächelt. Sein Blick wirkt irgendwie komisch, als ob er in flirterischer Stimmung wäre. Stimmt, wir haben jetzt Frühling, und mir ist nicht entgangen, wie die Leute sich in der S-Bahn seit einigen Tagen anders verhalten und ihren Mitreisenden plötzlich mehr Aufmerksamkeit schenken. Der Mann fährt gezielt auf mich zu und hält an.

„Entschuldigung, darf ich Sie etwas fragen?“ fragt er mich. Blöde Frage. Als er den Mund öffnet, trifft mich seine Fahne voll ins Gesicht. Deswegen also der gläserne Blick. Ich trete einen Schritt zurück und frage ihn, was er denn wissen will. „Merkt man es mir an, dass ich betrunken bin?“ Diese Frage hatte ich nun wirklich nicht erwartet. Da meine Nase mir schon Auskunft darüber gegeben hatte, sage ich ihm, „man riecht es“. „Oh“, sagt er, plötzlich irritiert. Tja, er wollte es wissen, warum hätte ich lügen sollen? Er fährt weiter und ruft „Danke“ hinterher.

Ich habe keine Krankenwagen wahr genommen, also gehe ich davon aus, dass er trotzdem seinen Ziel heil erreicht hat. Das ist in Berlin nicht selbstverständlich. Heute ist schon wieder ein Fahrradfahrer tödlich von einem LKW überrollt worden.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Freitag

J-1. Oder auf Deutsch: Der Tag vor dem Tag. Schön wär’s.

Heute fing trotz Regen gut an. Ich habe mich später als sonst auf dem Weg zur Arbeit gemacht. Uschi hatte eine lange Messung für den Nachmittag geplant, zu der ich teilnehmen wollte, und ich wusste, dass wir bestimmt bis 20:00 arbeiten würden. Ich war noch nicht aus dem Kiez raus, als ich hinter einer Gruppe von Rentnerinnen ankam. Mit meinen Pumps ging ich sowieso nicht schnell, und ich hatte sie schon vorgestern getragen. Gleichzeitig kam ein älterer Fahrradfahrer auf dem Bürgersteig von hinten an. Er ist langsamer geworden und hinter den Frauen geblieben. Eine hat es jedoch gemerkt und ihn vorbei gelassen, mit der Bemerkung, dass er hätte klingeln können. Seine Antwort: „Ich wollte doch nicht stören“. Als er die Gruppe überholt hatte, meinte eine der Frauen, es gäbe doch nette Männer. Die anderen haben ihr heftig zugestimmt. Ich musste einfach lächeln, so süß die Szene mir vorkam.

Bei der Arbeit war ich nicht so erfolgreich. Es wird Zeit, dass mein IT-Kollege aus dem Urlaub zurück kommt. Uschi hat sich im letzten Moment krank gemeldet, so dass die Messung ausgefallen ist. Ich war dafür wieder mit Martin wegen Probenvorbereitung im Labor. Wir haben uns für morgen verabredet. Heute Abend hatte er seinen üblichen Sport-Termin. Irgendeine Tätigkeit wird uns einfallen, so lautet der Plan. Ich hätte schon eine Idee und werde mir auf jeden Fall eine Packung Pariser besorgen. Obwohl, so vorsichtig wie er sich verhält, wird es wahrscheinlich noch nicht dazu kommen. Als wir uns heute Abend verabschiedet haben, hat er mich wieder geküsst. Diesmal richtig, nicht mehr so schüchtern wirkend (ich habe dabei gespürt, wie sich mein Unterleib gefreut hat). Die These der Unsicherheit scheint zu stimmen. Ich habe ihm gestern durch meinen Kuss gezeigt, dass ich Interesse an ihn habe. Ich hätte gedacht, dass er das früher verstanden hätte. Schließlich haben es alle anderen Mitglieder der Arbeitsgruppe seit längerer Zeit gemerkt, mit Ausnahme meiner Kollegin Mieke, aber das ist bei ihr normal.

Mein Sinn für Richtigkeit muss mich noch dazu bringen, einen Fehler im gestrigen Text zu korrigieren. Wegen Männer küssen und so. Als ich vor fünfzehn Jahren ein Uni-Jahr in Lothringen verbracht habe, habe ich natürlich Partys besucht. Eine davon war eine Mediziner-Party. Egal in welcher Stadt werden Partys von den Medizin-Studenten in Frankreich als die wildesten angesehen. Es war im Frühling. Ich war noch nicht mit David zusammen. Mit meiner Kommilitonin Sophie hatten wir angefangen, eine Party nach der anderen zu besuchen. Jeden Abend. An dieser hatte ich wohl zu viel getrunken. Mirabelle ist ein übles Zeug. Ich erinnere mich dunkel, wie ich einen zufälligen Typ angesprochen habe. Ich muss mich an ihn eng gelehnt haben und ihn gegen die Wand geschubst haben. Ich weiß noch, wie ich ihm gesagt habe, er sollte mich küssen, er würde es nicht bereuen. Als er zögerte, habe ich ihm die Zunge in den Mund gesteckt. Ich weiß nicht, wie lange ich mit ihm beschäftigt war, bevor eine völlig schockierte Sophie ankam und mich mit einer anderen Freundin weg marschiert hat. Ich habe sonst keine Erinnerung mehr. Es war mir im Nachhinein peinlich genug. Als Sophie mir am nächsten Tag die Geschichte nach erzählte, konnte ich ihr am Anfang nicht glauben, bis die Szene mir langsam vor den Augen zurück gekommen ist. Ich hatte sein Aussehen schon völlig vergessen. Aber ich habe ihn eines Tages in der Stadt getroffen. Besser gesagt, er hat mich getroffen. Er ist sogar die Straße überquert, um sich für den Kuss bei mir zu bedanken, es wäre so schön gewesen. Ich konnte mich nur entschuldigen.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Meine erste Wohnung

Vor fünfzehn Jahren habe ich meine Gegend in Südfrankreich verlassen, um eine Diplomarbeit in meiner Wunschfachrichtung zu machen, da sie in meiner Uni nicht vertreten war. Ich hatte mich bei drei Unis beworben. Zwei hatten mich abgelehnt, mit der Begründung, dass ich mit meinem reinen Physikstudium zu viele Chemiekenntnisse nachholen müsste; die dritte hat mich angenommen. Ich habe deswegen Anfang September meine Sachen gepackt und bin über Nacht mit meinem Vater nach Nancy gefahren. Eigentlich wäre ich gerne alleine mit dem Zug gefahren, aber mein Vater wollte davon nichts hören. Wir sind am frühen Morgen angekommen. Der Anblick von der noch beleuchteten prachtvollen Place Stanislas hat mich völlig den Atem beraubt. Mein Betreuer in meiner früheren Uni hatte mich gewarnt, dass es die kälteste Gegend Frankreichs wäre, und ich musste ihm Recht geben: Kaum angekommen, musste ich meine „Winterkleider“ anziehen (Pullis in September waren für mich bis dahin völlig undenkbar gewesen).

Ich hätte mich gerne umgeschaut und Anzeigen für Wohnungen in der lokalen Zeitung durchgelesen. Mein Vater ist aber nicht gerade für seine Geduld bekannt. Wir sind zufällig an einer Immobilienagentur vorbei gegangen, und er ist sofort rein gegangen und hat für damals 600F (ohne Inflation umgerechnet: fast 90€) eine Liste mit Anzeigen gekauft. In der Zeitung wären die Anzeigen viel billiger gewesen. Ohne Kenntnisse über die Stadt, hat er angefangen, von einer Kneipe aus alle Vermieter anzurufen, um Besichtigungstermine auszumachen (zur Erinnerung: Damals, Ende 90′, war Internet von weitem nicht so verbreitet wie heute, und Handys waren relativ selten zu sehen – sehr groß und schwer waren sie auch noch, mit einer Antenne und Tasten, die größer als Fingerspitzen waren). Wir haben an dem Tag sofort einen Termin bekommen, und die erste möblierte Wohnung, die wir besucht haben, musste ich gleich mieten, weil mein Vater keine Lust hatte, so lange noch durch die ganze Stadt Wohnungen zu besichtigen. Als er meine Sachen aus dem Auto zur Wohnung gebracht hat, hat er den Eindruck bekommen, seine Pflicht getan zu haben, und ist wieder weg nach Südfrankreich zurück gefahren.

Dass es mit der Wohnung ein großer Fehler war, habe ich schnell bemerkt. Den Vermieter hatte ich sofort unsympathisch gefunden, er kam mir sehr hinterlistig vor. Und ich denke, ich hätte mir in der ganzen Stadt nur mit großer Mühe einen schlimmeren Viertel aussuchen können. Meine neuen Kommilitonen haben mir später alle gesagt, sie würden dort nicht mal gegen Geld wohnen wollen. Place des Vosges. Meine Wohnung war im Erdgeschoss. Angeblich wohnte auf der dritten Etage ein Student. Ich habe ihn nie gesehen. Auf der zweiten Etage war ein Mann, der vielleicht 45 Jahre alt war, und schwer Alkoholiker war. Er hatte schon viele Rehabilitationen durchgemacht, alle ohne Erfolg. Eigentlich ganz nett, aber nachtsüber nicht auszuhalten. Wenn er zu viel getrunken hatte, fing er immer an, bei lauter Musik seine Möbel durch die Wohnung um sich herum zu schmeißen. Der Lärm war unglaublich. Die einzigen Momente, wo er leise wurde, waren als meine Nachbarin aus der ersten Etage mit ihren Kunden ankam – sie war Prostituierte und ging die ganze Nacht die Treppe rauf und runter. Mit ihr hatte ich kein Problem, sie war sehr freundlich, ich fand es nur unheimlich, dass so viele Unbekannte sich im Haus herumtrieben. Im Haus gegenüber von mir auf der anderen Straßenseite wohnte ein Drogendealer. Der Alkoholiker meinte, sein Handy hätte in seinem Haus kein Empfang, und er müsste immer auf der Straße seine Geschäfte telefonisch abwickeln. Das stimmte, ich habe es selber mitbekommen, wenn ich zum Lüften das Fenster geöffnet habe. Er hat mir auch erzählt, wie das Loch in meiner Wohnungstür zustande gekommen war. Von der Außenseite zum Treppenhaus war meine Tür total beschädigt, das Loch ging aber nicht ganz durch. Es war eine Woche vor meiner Ankunft passiert. Vor mir hatte dort ein Kunde von dem Drogendealer gewohnt.  Er hatte kein Geld mehr gehabt, um seinen Stoff zu kaufen, und dachte, er würde einfach in die Wohnung einbrechen, um Geld dafür zu bekommen. Dass noch niemand drin wohnte wusste er anscheinend nicht.

Ich habe es in der Wohnung gerade drei Monate ausgehalten. Vor allem konnte ich den Alkoholiker nicht ertragen. Ich hatte den ganzen Tag im Wintersemester noch Vorlesungen zu hören und konnte es mir nicht leisten, so häufig an Schlafmangel zu leiden. Die Wohnung hat auch schnell einen muffigen Geruch entwickelt. Ein Freund, der zu Besuch gekommen war, meinte, es würde stark nach Pilzen riechen. Meine persönlichen Gegenstände haben teilweise Schaden bekommen. Dem Rat dieses Freundes folgend, habe ich es dem Vermieter mitgeteilt. Er hat mir schriftlich in herabwertender Weise geantwortet, dass ich es in Lothringen nicht erwarten könnte, ein Wetter wie in „meiner sonnigen Heimatland Südfrankreich“ zu haben, und dass es auch etwas wie Regen gäbe. Ich war zu froh, aus der Bude wieder raus zu sein, um groß Ärger zu suchen, aber er hätte es schon verdient, dass ich gegen ihn klage. Nur, wenn macht das schon als Student?


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

One-Night-Stand…

… ist wahrscheinlich ein falscher Titel für diesen Eintrag, der von einer kurzen Begegnung mit David vor sieben Jahren handelt.

Denn David kannte ich eigentlich schon lange, und zwar sehr gut. Wir hatten uns vor vierzehn Jahren während meines Diplom-Jahres kennengelernt, er war damals Doktorand am gleichen Institut. Und es hatte nicht lange gedauert, bis wir ein Paar geworden sind. Ich kann mich nicht mehr so gut an die Vorgeschichte erinnern. Ich war eines Abends für eine Feier bei einem Kommilitonen eingeladen worden. Davor hatte ich mit David, mit dem ich seit einigen Tagen geflirtet hatte, in einem kleinen Restaurant gegessen. Ich hatte ihn überredet, zur Feier mitzukommen, und ihm eindeutige Annäherungen gemacht, was für mich eher untypisch ist, ich bin sonst scheuer Natur. Nach der Feier hatten wir die Nacht bei ihm verbracht. Geschlafen hatten wir kaum. Der Sex mit ihm war unvergesslich. Ich hatte mich noch nie im Bett mit einem Mann so frei gefühlt wie mit ihm. Es hätte eine Geschichte von einer Nacht bleiben können. Mir war gar nicht klar, was er wollte, und es wäre für mich am Anfang nicht schlimm gewesen, wenn es nur beim Sex blieb, aber nach einigen Zögerungen seinerseits, wo er viel von seiner Ex-Freundin erzählt hatte, haben wir doch eine ernstere Beziehung angefangen. Lange hat sie nicht gedauert, gerade sechs Monaten. Ich bin für meine Doktorarbeit nach Deutschland gekommen[1]. Das mit dem Pendeln haben wir zwei Monaten lang gemacht, aber es wurde ihm zu lästig, und er hat Schluss gemacht. Am Telefon. Mit der Ausrede, dass ich ihn ja angemacht hatte, daher wäre ich selber Schuld, dass wir überhaupt zusammen gekommen wären. Es hat richtig weh getan. Ich war total süchtig nach ihm geworden, nach seinem Geruch, seinem Körper, mit seinem dicht behaarten Bauch[2] und sehr beeindruckenden… äh, ihr wisst schon. Ich habe nach der Trennung wirklich Entzugserscheinungen bekommen und gezittert. Seine feige Ausrede hatte mich gleichzeitig sehr sauer gemacht. Er hätte einfach sagen können, dass er keine Lust auf Fernbeziehung hatte, statt mir so eine Frechheit zu servieren. Ich habe mich danach mit Stefan getröstet. Tja… Vielleicht erzähle ich diese Geschichte irgendwann.

Vor sieben Jahren also… Ich war zu einer Fachtagung in Belgien gefahren. Als Eröffnung der Tagung gab es einen Plenarvortrag. Ich bin gerade pünktlich zum Hörsaal angekommen. Ich trug Schuhe mit hohen Absätzen. Normalerweise konnte ich ohne Problem damit laufen. Im Dunkel im Hörsaal bin ich auf der Seitentreppe auf dem Weg zu einem Sitzplatz gestolpert und buchstäblich in den Armen von einem großen Mann gefallen, der mir entgegen kam – es war David. Nach dem Vortrag gab es abends eine Art „Get together“ Party. Ich hatte vor, mit meinen deutschen Kollegen den Abend zu verbringen. David hat sich zu uns kurz gesellt, hat mir Getränke gebracht, und meinte, wir könnten auch in der Stadt in einer Kneipe plaudern, statt am Tagungsort zu bleiben. Tja, warum nicht… Belgien hat so viele tolle Biersorte… Es wurde sehr spät, wir haben über vieles diskutiert. Irgendwann haben wir uns plötzlich geküsst. David hat angefangen, mir völlig unglaubwürdige Sachen zu erzählen, wie er all die Jahre nur an mich gedacht hätte, auch wenn er mit anderen Frauen zusammen war, mit übertriebenen Seufzen; ich wäre die einzige Frau, mit der er ohne Problem Sex haben könnte, die anderen würden sich über seine Größe beschweren; er hätte solche Angst gehabt, dass ich vielleicht einen neuen Freund hätte… Ich musste einfach lachen. Er hat nach dem Grund für meine Heiterkeit gefragt. Ich wollte ihm sagen, dass er es gar nicht nötig hätte, so ein Quatsch zu erzählen, das hätte ich von ihm gar nicht erwartet und es klang so falsch. Ich wusste aber noch, wie toll wir damals Sex zusammen hatten, seine Berührungen hatten mich ganz schön aufgeregt, ich hatte sehr lange keinen Freund gehabt, mit dem zu vielen Alkohol wollte ich nicht zu lange reden, und habe deshalb beschlossen, ihm nur zu antworten, dass ich es nicht fassen konnte. Man konnte es ja so oder so verstehen. Mit seinem überdimensionierten Ego hat er wirklich gedacht, ich hätte seinem blöden Gerede Glauben geschenkt und hätte vor Freude gelacht. Wir sind zu meinem Zimmer gegangen. Ich könnte jetzt erzählen, was wir für eine wundervolle Nacht verbracht haben, aber es würde der Wahrheit nicht entsprechen. Zu viel Bier vor dem Sex sollte man vermeiden. Es ging schnell, ich habe Schmerze bekommen[3]. Er wollte auf meinem Bauch kommen. Danach ist er zu seinem Zimmer gegangen, wir waren zufällig im gleichen Hotel unterbracht. Ich habe geduscht und geschlafen. Und das war’s. Fast. Wir haben später in der Woche einen Abend in der Stadt verbracht. Er meinte, ich sollte meine Arbeit verlassen und zu ihm in Frankreich kommen. Im Ernst. Ich habe es abgelehnt. Er sah betroffen aus.

Das letzte Mal habe ich ihn zufällig in der Mensa eines großen Forschungszentrums vor vier Jahren in Frankreich getroffen. Ich hatte dort an einem Workshop teilgenommen, er hatte Messzeit an einer Beamline bekommen. Wir haben kurz gesprochen, Banalitäten ausgetauscht, und ich bin mit meiner Gruppe essen gegangen.

[1] Ich war, und bin immer noch, der Meinung, dass meine Arbeit wichtiger als irgendwelche Liebesbeziehung ist. Ich bin halt lieber Single als arbeitslos. Ich glaube, meine Mami hat mir als Kind zu oft erzählt, ich sollte einen reichen Mann heiraten. Ich habe früh beschlossen, dass ich lieber mein eigenes Geld verdienen möchte.
[2] Wenn ich heutzutage sehe, wie sich Männer enthaaren, bin ich völlig entsetzt. Echt ein Liebeskiller. Sorry, mich macht es gar nicht an.
[3] Und ich habe mich gefragt, wie ich vorher seine ungewöhnliche Größe genießen konnte. Gefühle müssen wirklich dabei eine Rolle spielen, ich war nach so vielen Jahren nicht mehr verliebt.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Mein Vater

Ich bin mir lange nicht sicher gewesen, ob ich wirklich über dieses Thema in meinem Tagebuch schreiben möchte. Ich versuch’s doch heute, wenn nur, um es hinter mir zu bringen und den Ballast los zu werden. Es droht wieder, ein Roman zu werden.

Erinnerungen aus meiner Kindheit

  • Mein Vater war nie zu Hause, weil er in einer Stadt 30km entfernt gearbeitet hat. Das heißt, früh morgens weg, spät abends zurück. Meine Mami hat sich stets um uns gekümmert, da sie seit meiner Geburt sehr lange nicht mehr berufstätig war. Er hat materiell für uns gesorgt, und hat zum Beispiel unser Haus an Wochenenden selber gebaut, manchmal auch mit Freunden zusammen, das hat Jahre gedauert.
  • Mein Vater ist sehr ungeduldig. Und hatte mich ganz früh als Mädchen für alles zu Hause angestellt[1]. Als ich eines Tages für ihn Kaffee vorbereitet hatte, während er auf der Couch im Wohnzimmer rauchte, ist er plötzlich wütend geworden, weil es seiner Meinung nach nicht schnell genug ging. Er ist mir an der Tür von der Küche brüllend begegnet, als ich sehr langsam mit der Tasse in der Hand raus ging, um den heißen Kaffee nicht umzukippen. Zwar hat er sich gleich entschuldigt, als er gesehen hat, dass ich ihm doch seinen Kaffee vorbereitet hatte und er mich unberechtigter Weise geschimpft hatte, aber es ist nur eine von vielen Geschichten, die ich über ihn noch nicht vergessen habe.
  • Ich bin die älteste von drei Geschwistern. Wir sind alle mit vier Jahren Abstand geboren. Für meinen Vater war es daher selbstverständlich, dass ich die Verantwortung für die Jüngeren übernehme. Auch in der Schule. Das heißt, wenn sie hinterlistig dumme Sachen angestellt haben, wie Kinder es halt häufig tun, bin ich danach immer geschlagen worden[2]. „Als Beispiel für die jüngeren Geschwister.“ Die haben dabei nur gelernt, dass egal was sie tun, jemand anderes für sie büßen wird.
  • Eines Tages hat mich mein Vater für eine Nichtigkeit wieder geschlagen. Ein anwesender Onkel fand das sehr lustig. Meine Mami wurde sauer, hat mich und meine Schwester (die gerade das Gehen gelernt hatte) gepackt, Mantel angezogen, und wir haben das Haus verlassen. Ich weiß leider nicht mehr, was danach passiert ist. Sind wir wirklich bis zu ihrer Mutter in Nizza gefahren? Hat unser Vater uns dort abgeholt? Wie auch immer, wir sind doch zurück gekommen. In den späteren Jahren habe ich häufig davon fantasiert, wie schön mein Leben hätte sein können, wären wir weg geblieben.
  • In der Pubertät, als ich groß genug geworden war, um mich physisch zu wehren, hat er mich nicht mehr geschlagen, sondern er hat mir jeden Tag gesagt, ich wäre hässlich und nicht würdig, seine Tochter zu sein – also psychologische Angriffe. Das war einfacher, damit umzugehen. Ich liebte meinen Vater schon lange nicht mehr (und zweifle dran, ob ich es je tat) und hielt schon nicht mehr viel von ihm, ich war also nicht berührt, als er versuchte, mich verbal zu erniedrigen. Abgesehen davon, dass ich mich um mein Aussehen nicht kümmerte, hatte ich genug Jungs um mich herum, um zu wissen, dass es mit dem hässlich sein nicht stimmen konnte – auch wenn ich mich nicht im Geringsten für sie interessierte, weil sie sich albern verhielten und ich den Unterricht in der Schule spannender fand.
  • In der siebten Klasse habe ich eine neue sehr engagierte Englischlehrerin bekommen, die gerade aus einem Austauschjahr in Amerika zurück gekommen war. Sie hatte am Anfang des Jahres alle Eltern ihrer Schüler zu Hause angerufen, um Kontakt zu knüpfen. Als mein Vater ans Telefon ging und sie sich gerade vorgestellt hatte, hat er sofort explodiert und brüllend gefragt, was ich denn schon wieder angestellt hätte. Am nächsten Tag hat sich die Lehrerin bei mir entschuldigt und gesagt, sie hoffte, ich hätte dadurch kein Problem zu Hause bekommen.
  • Für meinen Vater ist es eine Schande, eine Tochter zu haben. Als ich als siebenjähriges Kind eines Sonntagmorgens vor dem Schlafzimmer meiner Eltern auf dem Weg zu Küche gegangen bin, habe ich gehört, wie er meine Mutter gebetet hatte, ein drittes Kind zu bekommen, weil er endlich einen Jungen haben wollte[3] – was auch zum Glück für meine Mami klappte[4]; ich weiß aber immer noch, wie sie sagte, sie hätte keine Lust auf ein drittes Kind. Als ich in der Mittelstufe war, hat er einmal in meiner Anwesenheit seinen Freunden offenbart, wie sehr er erleichtert war, weil ich weder Drogen zu mir nahm noch mich prostituierte, obwohl ich als Mädchen geboren war. Darauf war er stolz. Tolle Erwartungen.

Aus heutiger Sicht

Mein Vater ist nicht der hellste. Wenn er versucht, über Politik zu reden, das heißt, bei jeder Tagesschau, ist er nicht in der Lage, etwas Kohärentes zu erzählen. Dass er einen zu hohen Alkoholkonsum hat, hat die Sache nicht gerade verbessert (das riecht man, selbst früh morgens, der Geruch kommt aus den Poren der Haut wieder raus). Die Schulaufgaben haben wir immer von meiner Mami prüfen lassen, nicht von ihm. Seine Ausrede: „Ich habe keine Zeit“, aber ich denke, er konnte es einfach nicht. Wenn er zum Beispiel sagt, „Der Arzt hat nichts gefunden“, kann ich mir sehr gut vorstellen, dass er in Wirklichkeit meint, „Er hat etwas gesagt, ich habe nichts verstanden, auf Ärzte ist eh kein Verlass“. Ich habe mich immer gefragt, warum meine Mami mit ihm verheiratet war. Schließlich hatte sie Abitur geschafft, ein bisschen BWL studiert und hatte als Buchhalterin gearbeitet, bevor ich zur Welt kam. Mein Vater hatte gerade den Grundschuldiplom und einen handwerklichen Beruf früh gelernt. Meine Mutter liest immer gerne Bücher; ich habe meinen Vater nie im Leben mit einem Buch in der Hand gesehen[5], außer die lokale Zeitung. Meine Mami mag keine großen Partys, mein Vater möchte am liebsten nur wilde Partys machen und Freunden beeindrucken. Tja, viel zu viele Unterschiede, um glücklich als Paar zu leben, oder? Meine Vermutung ist, dass meine Mami schwanger wurde, und dass eine Hochzeit zwischen beiden Familien schnell arrangiert werden musste. Ja, Mitte der Siebziger. Für meine Großeltern noch unvorstellbar, dass man außerhalb einer Ehe Kinder bekommt. Das ironische dabei ist, dass meine Mami aus Gesundheitsgründen ihr erstes Kind im fünften Monat der Schwangerschaft verloren hat[6]. Und wurde noch damit bestraft, mit meinem Vater weiterhin zu leben, weil es doch noch Zeiten waren, wo geschiedene Frauen als Huren galten.

Mein Vater hat anscheinend versucht, sich für Kinderpsychologie und Erziehung zu interessieren. Ob zusammen mit meiner Mutter oder nur aus Fernsehsendungen, weiß ich nicht.

  • Als ich fünf Jahre alt war, hat er mich einmal gefragt, ob ich ihn heiraten möchte, wenn ich erwachsen werde. Ich habe ihm gesagt, nein, er war doch schon mit meiner Mutter verheiratet. Er hat mich dann gefragt, ob ich ihn heiraten würde, wenn meine Mami nicht mehr da wäre. Ich habe geheult. Als meine Mami vom Einkaufen zurück nach Hause gekommen ist, habe ich noch geweint und ihr gesagt, sie soll nicht weg gehen und mich nicht verlassen, was sie zuerst sehr bewundert hat. Blöder Freud.
  • Als ich zehn Jahre alt war und wir aus irgendeinem Grund zu zweit im Auto unterwegs waren (es war ein Sonntagabend, die Nacht hatte schon hereingebrochen, und es regnete extrem stark), hat er plötzlich angefangen, mir zu erklären, wie ich mich verhalten sollte, wenn ein Junge mit mir ausging. Ich sollte den Jungen sagen, ich wäre nicht so wie die sich erhoffen. Ich habe nur Bahnhof verstanden, dafür war ich viel zu jung. Er hat mir erklärt, wenn ich mit einem Jungen Händchen halte, sollte ich nicht alles tun, was er von mir verlangt. Ich habe geantwortet, es wäre blöd, mit einem Jungen Händchen zu halten, das würde ich nicht mal mit meinen Schulfreundinnen machen, und ich wäre schon groß genug, um alleine auf die Straße zu gehen, ohne dass jemand mir die Hand hält, einen Jungen würde ich dafür nicht brauchen[7].
  • Später hat er mich auch davor gewarnt, nachtsüber in die Küche essen zu gehen. Ich habe mich gefragt, woher das auf einmal kam, und habe nur „Ja, ja“ gesagt, wie ich inzwischen immer antwortete. Auf die Idee wäre ich nicht mal gekommen.

Ich denke, er hat irgendwo erfahren, was Kinder am schlimmsten machen könnten, und versucht, das zu verhindern. Dabei habe ich nie ein Zeichen dafür gegeben, dass es mit mir Probleme geben könnte…

Als ich mit sechzehn meinen ersten ernsten Freund Marc kennengelernt habe, habe ich mich an ihn sofort geklammert. Zwei Jahre später, als ich achtzehn wurde, eigentlich sogar noch davor, sind wir zusammen in eine Wohnung umgezogen. Ich habe versucht, es mir nicht anmerken zu lassen, aber ich war so froh, als ich endlich das Elternhaus verlassen habe! Ich denke jetzt, auch wenn ich es damals nicht so deutlich erkannt habe, dass mein Freund für mich vor allem wichtig war, um von zu Hause aus zu fliehen, weil ich nicht sicher bin, dass ich ihn wirklich geliebt habe. Ich bin sehr lange mit ihm geblieben, bis ich für das Diplom-Jahr weit weg umgezogen bin, und mich definitiv von meinem Vater entfernt habe.

Ich weiß nicht, ob mein Vater mit meinen zwei Geschwistern in gleicher Weise mit seinen „Erziehungsmaßnahmen“ vorgegangen ist, ich denke aber nicht. Ich habe nie erfahren, dass meine Schwester oder mein Bruder geschlagen worden sind – auf jeden Fall sicherlich nicht so häufig und je nach Lust und Laune wie ich[8]. Ob er versucht hat, mit ihnen zu reden, wie mit mir, weiß ich auch nicht.
Hat mein Vater versucht, uns doch auf seiner Art eine möglichst gute Basis zu geben, damit wir im Leben gute Chancen haben? Sicherlich, aber ich werde das Gefühl nicht los, dass es bei ihm mehr darum ging, sich selber nicht blamieren zu müssen: Wenn wir Delinquenten geworden wären, hätte er sich geschämt und das Gesicht vor seinen Freunden verloren. Warum ich das denke? Als ich nach Deutschland zurück kehren musste, wollte ich ein Umzugsunternehmen fragen, meine Sachen zu transportieren. Mein Vater hat vehement protestiert und gesagt, er würde doch einen LKW mieten und mit mir nach Deutschland fahren – zwölf Stunden Fahrt. Als er festgestellt hatte, dass er am Reisetag eine Feier von einem Freund verpassen würde, hat er mir gesagt, er würde lieber einige Tage später fahren. Ich habe ihm gesagt, das darf er gerne machen, allerdings alleine und umsonst, ich würde aus eigenen Mitteln mit meinem Zeug hin fahren – sonst wäre ich gleich einige Tage bei der Arbeit abwesend gewesen, das kann doch kein normaler Mensch von jemandem verlangen, der gerade endlich einen neuen Arbeitsvertrag bekommen hat und in der Probephase steckt. Mein Vater hat gesagt, er wollte doch etwas für mich machen, und hat schweres Herzens auf diese Feier verzichtet. Tja, vielleicht „nett“ von ihm, aber wie gesagt, es wäre nicht nötig gewesen. Als ich Monate später gesehen habe, mit welchem Stolz er einem Freund meinen Umzug erzählte, hatte ich wieder den Beweis, dass es ihm nur darum ging, sich selber gut darzustellen.

Also… wenn ich heute sage, dass ich für den Urlaub zu meinen Eltern fahre, meine ich eigentlich zu meiner Mami. Mein Pflichtgefühl zwingt mich dazu, meinen Vater auch zu besuchen, ich versuche es aber möglichst kurz zu halten. Zum Glück hat er eine Freundin. Und er beschwert sich zwar, wenn ich zu kurz bei ihm bin, aber er hat schon mit seiner Freundin ganz woanders Urlaub gemacht, gerade in meiner knappen Anwesenheitszeit in Südfrankreich, so schlimm kann’s also nicht sein.

[1] Ich bin als sechsjähriges Kind schon täglich zum lokalen Bar-PMU gegangen, um seine blauen Gitane ohne Filter zu kaufen. Heute mit Zigarettenkaufverbot unter 18 unvorstellbar.
[2] Es hat nie sichtbare Spuren hinter gelassen. Das heißt lange nicht, dass es keinen Schaden verursacht hat.
[3] Als meine Mutter von meiner Schwester schwanger wurde, hatte mein Vater mir erzählt, ich würde einen kleinen Bruder bekommen. Vielleicht hatten sie während der ganzen Schwangerschaft keine Ultraschall-Untersuchung gemacht? Oder hatte meine Mutter Angst gehabt, ihm die Wahrheit zu sagen?
[4] Wir hatten im Dorf eine Frau, die über zehn Kinder bekommen hatte, bevor es „endlich“ einen Jungen gab und ihr Mann zufrieden war. Klingt unglaublich und mittelaltermäßig, woher ich wohl kommen mag? Südfrankreich dreißig Jahre her.
[5] Doch. Als ich in der zweite Schulklasse war und mit Windpocken im Bett lag, hat er mir eines Abends mein allererstes Buch mitgebracht, damit es mir nicht zu langweilig wird. Ich habe seitdem sehr viel gelesen, weil ich dann Ruhe hatte.
[6] Der laut meinem Vater ein Junge geworden wäre…
[7] Ach ja, ich habe mich doch nicht so sehr verändert.
[8] Ein Lieblingsspruch von meinem Vater war auch, „Wenn du abends nach Hause kommst, schlage zuerst deine Frau und Kinder. Wenn du nicht weißt, warum, wissen sie es“. Damit wollte er immer seine Freunden zum Lachen bringen. Auch wenn sie es schon zig Male gehört hatten. Das sagt er aber nicht mehr, seitdem er von meiner Mami getrennt ist und andere Frauen kennengelernt hat. Oh, und ich erinnere mich, wie meine Mami sagte, sie wäre es satt, sein Punching Ball zu sein, als sie mir vor acht Jahren ankündigte, dass sie sich offiziell scheiden lassen wollte. Das hatte ich zu meiner Schande gar nicht mitbekommen. Ich bin umso froher, dass sie es endlich geschafft hat, sich von ihm zu trennen.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.