Eine Absage nach der Anderen

Heute kam eine neue Absage. Auf die Stelle hatte er sich vor zwei Wochen beworben. Das Vorstellungsgespräch hatte schon letzte Woche statt gefunden. Dabei hatte er so ein gutes Gefühl gehabt. Deshalb wirkte er nicht so gesprächig, als er mich heute Abend von der Arbeit mit dem Auto abgeholt hat. Es hat ihn viel mehr enttäuscht als der geplatzte Termin vor drei Wochen.

Bei der anderen Firma hat er inzwischen auch eine Absage bekommen, nachdem ihm die Abteilungschefin wochenlang von einem Angebot erzählt hatte. Sie wollte ihn einstellen. Das Problem kam wohl von der Personalabteilung, die, ohne jemals mit ihm geredet zu haben, beschlossen hat, dass er durch seine langjährige Tätigkeit an Forschungszentren nicht genug Erfahrung in der Industrie gesammelt hat und ihn aus diesem Grund pauschal diskriminiert hat. Wieder diese widerliche Vorurteile. Als ob wir uns die ganze Zeit nur Däumchen drehen würden. Bei meinem Vorstellungsgespräch bei Uhde vor zweieinhalb Jahren hatte mich einer gefragt, warum ich nach der Promotion so lange meine Zeit an der Uni verschwendet hätte. Und Uni ist nicht gleich Forschungszentrum. Dass man das selbst einem Ingenieur vorwerfen kann… Soll mir keiner was von Fachkräftemangel erzählen.

Da ich es eigentlich nicht wusste, habe ich ihn gefragt, um die wievielte Bewerbung es sich handelte. Ich wollte einen Vergleich mit meiner letzten Bewerbungsstatistik haben. Als er sagte, es könnte die zwanzigste sein, habe ich geschluckt. Vor allem, da er mir vor zwei Wochen stolz angekündigt hatte, im Juli schon zehn neuen Bewerbungen geschickt zu haben. Es ist arg wenig. Das habe ich ihm so gesagt. Stimmt, meinte er, immerhin ein wenig geniert. Das hätte ihm seine Beraterin bei der Arbeitsagentur auch gesagt. Ich glaube, ich muss ihn in den Hinten treten. Was treibt er die ganze Zeit? Er ist schon seit fünf Monaten arbeitslos, ab dem nächsten Monat wird er sich zusätzlich außerhalb von Berlin bewerben müssen, meinte seine Beraterin. Als er sein letztes Job bekommen hatte, hatte er gerade drei Bewerbungen geschickt. Er hat wohl geglaubt, es wäre normal. Das war nur großes Glück.

Und er will mich schwängern, ohne zu wissen, wann er wieder arbeiten wird. Er könnte sich wirklich mehr Mühe mit der Arbeitssuche geben. Was ist, wenn er keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld mehr hat und ich wegen Schwangerschaft nicht mehr arbeiten kann? Der Kredit für die Wohnung will auch zurück bezahlt werden. Und ich bin nicht mal Deutsch… Stimmt, da war noch was. Mit Urlaub, Umzug und Arbeitgeberwechsel habe ich es völlig verdrängt, mich um die doppelte Bürgerschaft zu kümmern. Da ich jetzt in einem anderen Bezirk wohne, muss ich sowieso zuerst wieder zum Standesamt, um nach einem erneuten Gespräch einen Antrag zu holen.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Werbeanzeigen

Vorstellungsgespräch abgesagt

Das ist so blöd, was heute Nachmittag passiert ist. Wir waren im Schatten auf der Terrasse einer Kneipe mit Martin und seinem Vater und tranken Bier (ein „Gespritztes“ mit Fassbrause für mich – es geht mir schon viel besser). Martin hat einen Anruf bekommen. Er hatte sich letzte Woche bei einer Firma beworben und die Frau wollte ihn nächste Woche Dienstag zu einem Vorstellungsgespräch einladen. Wir haben uns gefreut. Als wir nach Hause angekommen sind, ist er wieder angerufen worden. Die gleiche Frau am Telefon hat sich entschuldigt und den Termin abgesagt. „Aus internen Gründen“, die nicht genauer erläutert wurden. Martin hat sich erkundigt, ob es einen neuen Termin geben würde, aber anscheinend nicht. Wie unseriös ist das denn?

Bei der anderen Firma wartet er immer noch. Er hatte inzwischen zwei weitere Vorstellungsgespräche in Berlin und ihm wurde ein Angebot versprochen. Mündlich. Seitdem ist mehr als ein Monat vergangen. Die Chefin hat sich letzte Woche per Email gemeldet, es scheint für sie nicht einfach zu sein, von ihrer Verwaltung einen Gehaltsvorschlag zu bekommen. Das macht auch einen miesen Eindruck. Gut, dass er sich weiter woanders bewirbt.

Wenigstens hat er das Glück, dass er jetzt nicht alleine ist. Ich unterstütze ihn. Diese ewige Warterei und Absagen ohne Ende hatten mich ziemlich belastet, als ich noch vor zwei Jahren arbeitslos war.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Wie man ein Vorstellungsgespräch zum Scheitern bringt

Es gibt bestimmt viele Möglichkeiten. Diese kannte ich noch nicht. Uschi hatte es uns erzählt, aber ich hatte noch nicht darüber geschrieben.

Wir hatten vor einiger Zeit für mehrere Stellen in der Arbeitsgruppe eine Reihe von Kandidaten zu Besuch. Dabei hatte mir eine Kandidatin für die zweite Stelle einen guten Eindruck gemacht. Sie wirkte kompetent, hatte einen verständlichen Vortrag geliefert, was bei mir als Laie immer gut ankommt, und die Fragen danach gut behandelt. Beim Gruppengespräch fand ich sie sympathisch. Am Ende des Tages hatten wir mit Uschi über alle Kandidaten diskutiert. Er konnte sich nicht richtig entscheiden, mit einer kleinen Präferenz für diese Kandidatin. Ich dachte, sie hätte es geschafft.

Einige Tage später kam Uschi zu uns und meinte, er hätte sich für eine andere Person entschieden. Der Grund gegen die Kandidatin lag in ihrer Reisekostenabrechnung. Sie kam aus einem deutschsprachigen Nachbarland und war schon ein paar Tage vorher hierher geflogen. Mit ihrem Freund. Sie wollte die Gelegenheit nutzen, um mit ihm die Stadt zu besuchen. Beim Gruppengespräch hatten wir unter anderem über Sehenswürdigkeiten diskutiert. Ihr Hotel lag nicht weit weg vom Institut. Am Tag des Vorstellungsgespräches war sie aber mit Taxi gekommen und weggefahren, und hatte uns die Abrechnung dafür geschickt. Obwohl sie sehr gut Deutsch kann und mit öffentlichen Verkehrsmitteln hätte fahren können. Obwohl die Vorträge vormittags um 10:00 angefangen hatten, und sie locker Zeit gehabt hätte, um mit Bus und Bahn zu kommen. Das hat Uschi gar nicht gefallen. Er fand es unverschämt. Wir sind im öffentlichen Dienst, wir schwimmen nicht im Geld. Er meinte, sie würde uns zu Narren halten, wenn wir sie einstellen. Die Reisekosten haben wir bezahlt, und sie hat eine Absage bekommen. So einfach kann es also gehen.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Bewerbungsstatistik

Jetzt, wo ich meinen neuen Arbeitsvertrag unterschrieben habe, wollte ich mir die Statistik meiner Bewerbungen seit meiner Anmeldung als Arbeitssuchende[1] genauer anschauen. Ich habe ja für die Arbeitsagentur immer meinen Stand der Bewerbungen mit Excel bearbeitet, es sollte schnell gehen.

Insgesamt habe ich 149 Bewerbungen geschrieben. Für einige mag es sich unglaublich hoch anhören, aber es ist in meiner Branche nicht unüblich. Bei promovierten Akademikern in der Chemie habe ich häufig von 200 oder sogar 300 Bewerbungen gehört. Ich liege damit eher im unteren Bereich, ich hätte mehr Bewerbungen schreiben können. Von diesen 149 Bewerbungen habe ich 77,2% Absagen bekommen und bei 3,4% habe ich nicht mal eine Empfangsbestätigung bekommen. Es hat sich also seit der Zeit meiner Promotion vor zehn Jahren stark verbessert, weil damals aus meiner Erfahrung eine Empfangsbestätigung oder überhaupt eine Antwort eher die Ausnahme war. Bei 10,7% meiner Bewerbungen bin ich zu einem Gespräch eingeladen geworden. Aus den 19,5% übrig gebliebenen Bewerbungen, bei denen ich seit der Empfangsbestätigung nichts mehr gehört habe, wären wahrscheinlich auch Absagen geworden, da diese noch offenen Bewerbungen schon zu lange liegen[2]. Falls ihr euch in diesen Zahlen grob erkennt: Nur nicht aufgeben! Ein Freund hat mir letzte Woche von einem seiner ehemaligen Arbeitskollegen erzählt[3], der gerade nach zwei Jahren Arbeitssuche endlich etwas gefunden hat. Es gibt aber auch Fälle, wo Leute nicht mal 20 Bewerbungen geschickt haben und sofort erfolgreich wurden, siehe meine Kollegin.

Ich muss sagen, ich habe großes Glück mit dieser Stelle gehabt. Hätte sie nicht geklappt, wäre ich immer noch arbeitslos, hätte am Montag eine dreimonatige Weiterbildung in Qualitätsmanagement angefangen[4] und müsste heute an einem Gruppentreffen bei der Arbeitsagentur teilnehmen, um über die Beantragung von Hartz IV informiert zu werden[5]. Ich bin froh, dass es mir erspart wurde. Ich muss mich unbedingt bei Theo, meinem früheren Kollegen, bedanken, der mich meinem neuen Chef bei der Fachtagung in März vorgestellt hat. Es ist die einzige Stelle, bei der ich den Ausschreibungstext nicht gesehen hatte, weil sie nicht in einer Jobbörse stand sondern nur in einer von mir unbekannten Mailing-Liste bekannt gegeben wurde. Ich hätte mir echt gewünscht, dass meine ehemaligen Institutsleiter oder Chef, mit denen ich immerhin über zehn Jahren gearbeitet habe, mich so aktiv unterstützt hätten, wie dieser Kollege, mit dem ich nur kurz während meiner Diplomarbeit vor vierzehn Jahren über Email Kontakt hatte und den ich sonst so selten getroffen habe.

Jetzt bleibt mir nur noch, die Personalbearbeiter bei den noch offenen Bewerbungen zu informieren, dass meine Bewerbungen nicht mehr aktuell sind. Ich habe heute Morgen angefangen, und brauche noch einige Zeit dafür.

[1] Schon ein Jahr! Wie die Zeit vergeht…
[2] Ich habe heute Nachmittag einen Anruf verpasst. In der Nachricht sagte der Mann, er möchte sich mit mir über meinen Lebenslauf unterhalten.
[3] Ja, das berühmte „ein Freund von einem Freund“…
[4] Ohne Erfolgsgarantie bei späteren Bewerbungen in diesem für mich neuen Bereich.
[5] Bei der Stelle in Holland haben sie mich zwar ganz kurz nach dem Gespräch angerufen, aber doch nur um mir auf diesem Wege eine persönlichere Absage zu erteilen.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Noch eine Absage

Und ich bin dann bei 100 angekommen, ich habe gerade die 99. bekommen. Das Ende des Monates naht, so lange kann es nicht mehr dauern. Wer wird wohl der Gewinner sein? Schwierig zu schätzen.

Seit Oktober bin ich ohne Nachricht von Vishay Semiconductor. Aber da es nicht mal eine Empfangsbestätigung gab, wird es auch keine Absage geben. Beim DESY habe ich für zwei Stellen seit der Empfangsbestätigung in September auch nichts mehr gehört. Wahrscheinlich bei der Personalabteilung vergessen und verloren, das hatte ich bei ihnen schon für eine andere Stelle – eine Frau im Auswahlgremium kannte mich persönlich und wusste, dass ich mich bewerben wollte, deswegen hatte sie mich wieder nach meinen Unterlagen nachgefragt, sonst wäre ich gar nicht im Verfahren gewesen. Aber ich war sonst häufig genug dort für andere Stellenausschreibungen, und habe in Dezember festgestellt, dass es in Hamburg verdammt kalt sein kann, ich werde nicht traurig sein, wenn sie tatsächlich absagen. Siemens? Schon seit vier Monaten warte ich: „Für die sorgfältige Bearbeitung Ihrer Bewerbung bitten wir Sie um etwas Geduld. Sie haben sich Zeit für uns genommen – jetzt nehmen wir uns Zeit für Sie.“ Oder wird es eine von den anderen 34 Bewerbungen sein, die bei mir noch „am Laufen“ sind? Seid ihr gespannt? Ich auf jeden Fall. Vielleicht sollte ich eine Gratulierungsemail vorbereiten. „Herzlichen Glückswunsch, sie sind hiermit offiziell mein 100ster Absager“.

Was kann ich also bei der nächsten Absage machen, um die Gelegenheit richtig zu feiern? Ich besorge mir eine Flasche Wein und eine Webcam… Das könnte interessant werden.
„Hmm, stehst du auf Bondage? Schau mal, was ich mit einem Seil machen kann…“
„Oh ja, leg los!“
„Plöck!“
„… Shaar? Bist du noch da?“

20130423

Postskriptum – Nur, dass keiner mich falsch versteht. Natürlich würde ich nie mit jemandem vor einer Webcam spielen. Ach nee, ich meinte, das mit dem Seil zieht mich auch nicht an. Blöder Witz. Ja, es ist grenzwertig, ob man es noch als Humor bezeichnen kann. Egal, ich find’s lustig.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Alles umsonst, schon wieder

Ich weiß jetzt Bescheid, ich bin angerufen worden, und eine andere Kandidatin hat die Stelle bekommen. Sie bedauern dies sehr, sie fänden mein Profil sehr interessant, sie würden sich bemühen, innerhalb von drei Wochen eine andere Stelle für mich zu finden, blablabla, ich sollte nicht zögern, mich weiter bei ihnen zu bewerben, ja ja… Das hatte ich eigentlich schon in Dezember für eine andere Stelle bei ihnen gemacht, die nicht so gut passte aber mir von der Arbeitsagentur explizit geschickt wurde, und damals hatten sie mich von vorne rein abgesagt, ohne mich überhaupt einzuladen.

Genauer gesagt ist diese glückliche Kandidatin die Kollegin Yong Jin, die am nächsten Tag zum Gespräch eingeladen wurde. Die ich teilweise ausgebildet habe, bei der ich für ihre Diplomprüfung Beisitzerin war, für die ich bei unserem Institutsleiter H. Druck ausüben musste, damit er ihr trotz Familie eine Doktorarbeit gibt, weil er wegen den Kindern Bedenken hatte, und die erst vor einem Jahr ihre Promotion abgeschlossen hat. Und die gerade für zwei Jahren ihren Vertrag verlängert bekommen hatte, und erstmal nicht gebraucht hätte, sich um eine neue Stelle umzuschauen. Und warum? Weil das Profil noch ein bisschen besser gepasst hatte? Wir kommen doch aus dem gleichen Institut…

Und was es für mich so schwer zu schlucken macht, ist, dass es genau Lars war, der sie dazu überredet hatte, sich auf diese Stelle zu bewerben. Sie hat mir gesagt, sie hatte es ursprünglich gar nicht vor gehabt. Lars, der genau weißt, dass ich schon seit Monaten arbeitslos bin und nach einer neuen Stelle suche. Arsch. Lars, der auf der einzigen Dauerstelle am Institut vor dreieinhalb Jahren eingestellt wurde. Und warum keiner, der damals am Institut befristet berufstätig war und sich auf die Dauerstelle beworben hatte, für unseren Chef in Frage kam, ist mir nach wie vor ein Rätsel. Besser als uns ist er definitiv nicht. Eine ehrliche Erklärung vom Chef dafür hatte ich nicht bekommen, als er mir die Absage mündlich gab.

Ich glaube, alle promovierte Wissenschaftler, die jemals am Institut gearbeitet haben und noch befristet eingestellt waren, hatten sich auf diese Dauerstelle beworben. Mir sind mindestens fünf Personen in diesem Fall bekannt. Wir sind alle bestens mit den Lehrveranstaltungen vertraut gewesen und kannten uns mit den Geräten sehr gut aus. Wir sind auch vom aktuellen Institutsleiter dazu aufgefordert worden, uns zu bewerben. Dabei hat er nie vor gehabt, einer von uns zu nehmen. Ich denke, seine große Angst war einfach, dass er zu wenige Bewerbungen bekommt. Mir ist schon schleierhaft, wie er zu der Liste von Leuten gekommen ist, die er zum Vortrag eingeladen hat. Der erste Kandidat hatte mit unseren Forschungsthemen und Methoden gar nichts zu tun. Der zweite war Lars. Der dritte war ein älterer Mann, der uns durch seine frühere Arbeit sogar ein bisschen bekannt war. Dass der erste Kandidat nicht passte, war klar. Er hätte gar nicht eingeladen werden sollen. Begründung vom Chef: „Ich wusste, dass er nicht passt, wollte aber seinen Vortrag hören, weil es mit meinem Habilitationsthema verwandt ist.“ Und wozu gibt es denn Fachtagungen? Bei Lars hatte ich nichts Besonderes gedacht. Schöne Ergebnisse aus seiner Doktorarbeit hatte er gezeigt, aber nichts, bei dem ich gesagt hätte, er wäre uns so weit überlegen, dass er besser als wir für die Stelle geeignet wäre. Den dritten Kandidat hätte ich sofort akzeptiert, sein Fachwissen war außer Frage, und er war wirklich gut. Tja, wir haben wohl Lars bekommen. Heute frage ich mich immer noch, warum? Der Chef sagte, mit ihm hätte er jemanden, der genau das machen würde, was er will, vom dritten Kandidat könnte er es nicht erwarten, weil er so gut war. Und was hatte ich dann all die Jahre gemacht? …

Eigentlich kann Lars gerade die Hälfte unserer Methoden anwenden. Und er hat sich bis jetzt noch nie die Mühe gegeben, sich mit dem Rest der Geräte anzuvertrauen. Wozu auch, das brauchte er nicht, das konnten wir selber machen. Ich habe mich bemüht, nichts über ihn zu sagen, weil ich als neidisch erschienen wäre. Und habe mich nur geärgert zu sehen, wie man mit einer großen Klappe und wenig Können bei unserem Chef gut ankommen kann. Beispiel: Wir mussten ein Mal ein Gerät justieren. Wir saßen zu viert bei meinem Chef, mit Lars und meinem früheren Kollegen Sebastian, und hatten diskutiert, was zu tun war. Lars sagte sofort mit Überzeugung, „Ja, machen wir das alle drei zusammen“. Als der Zeitpunkt kam, wo wir uns an die Arbeit machen mussten, hat sich Lars aber entschuldigt, weil er etwas anderes zu tun hätte. Aber dann große Töne beim Chef spucken, wie toll wir zusammen gearbeitet hätten – obwohl er die ganze Zeit in seinem Zimmer geblieben ist. Wäre es nur eine Ausnahme gewesen, aber nein, so ist es jedes Mal. Und er wird vom Chef auch noch sehr geschätzt. Dabei ist Lars der einzige Wissenschaftler am Institut, der peinlich genau auf die Uhr schaut und so gut wie nie nach 16:30 am Institut zu sehen ist. Sein Spitzname: „Nichts wie weg“ – vom Chef selbst vergeben.

Ehrlich gesagt sehe ich doch gemeinsame Merkmale mit dem früheren (gestorbenen) Inhaber der Dauerstelle, bei denen ich nicht mit halten kann: Beide sind ernsthaft suchtkrank. Alkohol und Zigarette. Obwohl ich in letzter Zeit bei Lars den charakteristischen Geruch von Alkohol, der durch die Hautporen wieder raus geht, nicht mehr so stark wahrgenommen habe, aber so häufig bin ich auch nicht mehr dort. Ich hatte sonst vom Anfang an schon gemerkt, wie stark seine Hände zittern, wenn wir morgens im Kaffeeraum sitzen. Normal ist es nicht, selbst meine chinesische Freundin Mei hatte mich gefragt, was mit ihm los ist. Und seine Sucht auf Zigaretten ist so stark, dass er nicht in der Lage ist, eine Lehrveranstaltung auf einem Stück durch zu ziehen. Unsere HiWis berichten ab und zu, wie er während Übungsstunden den Hörsaal einfach verlässt, um draußen rauchen zu gehen. Jetzt weiß ich, was ich von Leuten zu halten habe, die „coole“ Bilder von sich selbst sitzend auf der Wiese bei einer Lehrveranstaltung fotografieren lassen. So kann man doch so viel rauchen wie man will.

Aber unser Chef hat ihn eingestellt, und damit allen gezeigt, dass er ihn für besser hält. Das Schlimme daran ist, dass die Ankündigung für die Dauerstelle allgemein bekannt war, und solche Stellen sind schon in unserem Fach eine Seltenheit. Das heißt, viele Leute können sich noch daran gut erinnern. Was denken sie wohl, wenn sie jetzt jemanden aus unserem Institut kommen sehen, der damals die Anforderungen für die Stelle erfüllt hätte, und sich bei ihnen später noch bewirbt? Diese Person muss schlecht sein, weil sie damals die Dauerstelle im eigenen Haus nicht mal bekommen hat?

Vor allem als Frau, wo man es doch leicht haben sollte, eine Stelle zu finden, da es ja Gleichstellungsbeauftragte gibt… Tja, es gibt welche an der Uni, aber zu diesem Auswahlverfahren ist wohl keine gekommen. Bei Dauerstellen ist es eine Pflicht, eine Gleichstellungsbeauftragte zu bestellen. Das hatte der Chef auch gemacht. Aber keine ist gekommen, und es gab nicht mal eine Entschuldigung dafür. Ich habe mich nach dem Grund erkundigt, weil ich damals selber dem Gleichstellungsteam gehört hatte (und aus selbstverständlichen Gründen nicht bei diesem Verfahren als Gleichstellungsbeauftragte mitmachen konnte) und die verantwortliche Person kannte. Sie meinte, sie hätten zu viel zu tun gehabt (aber keine ist auf die Idee gekommen, dass ich sie woanders entlasten könnte…), und sie müssten zwar bei Dauerstellen eingeladen werden, aber ihr offizieller Ziel wäre es in erster Linie, die relative Anzahl von Professorinnen zu erhöhen, „normale“ wissenschaftliche Mitarbeiterinnen würden sie nicht so sehr interessieren… Und Professorinnen tauchen plötzlich aus dem Nichts auf, einfach so, ohne vorher Mitarbeiterinnen zu sein? Das hat mich genug genervt, um aus dem Team auszutreten. Weil keiner mir einreden kann, dass Lars besser als ich wäre, das ist er nicht – laut Gleichstellungsgesetz hätte ich eingestellt werden sollen (oder der dritte Kandidat, aber nicht Lars). Und ich weiß noch, als ich gerade arbeitslos geworden war, dass ich mit Yong Jin eines Tages mittags gegessen hatte, und sie zum ersten Mal am Institut selber mit ihm zu tun haben musste, und sie mir beim Essen auf ein Mal sagte, „Weißt du, Lars ist eigentlich schlecht!“, als sie ärgerlich ihr Essen auf ihre Gabel aufspießte… als ob ich das noch nicht wüsste… aber ich hatte es niemandem erzählt, weil ich mich auch beworben hatte, und es hätte wie Neid ausgesehen. Dass sie es mir so spontan selber gesagt hat, obwohl sie sonst nie schlecht über andere Personen redet, ist mir Bestätigung genug, dass ich mich nicht geirrt habe.

Manchmal frage ich mich, ob unser Chef dem früheren Doktorvater von Lars ein Gefallen schuldig war. Das ist für mich die einzige Erklärung, die Sinn macht. Seinen Doktorvater habe ich übrigens bei der letzten Fachtagung gesehen. Er hat sich mich amüsiert angeschaut, als ob er es lustig fände, dass Lars am Institut ist. Aber jetzt, wo ich Lars kenne, denke ich, es gibt keinen Grund, so stolz auf ihn zu sein, ich würde mich eher schämen, wenn die Person aus meinem Institut kommen würde. Ach, was soll’s… Jetzt würde ich eh nicht wieder am Institut arbeiten wollen, mein Chef hat mich nicht verdient. Ich habe damals nur deswegen nicht offiziell gekündigt, weil man ja Geld verdienen muss. Innerlich aber wohl.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Hundertste Bewerbung heute geschickt

Daher werde ich meine Unterlagen durchsuchen und einige Antworte euch mitteilen.

1. Empfangsbestätigungen

Die knappste und unpersönlichste Empfangsbestätigung

Sehr geehrte Bewerberin, sehr geehrter Bewerber,
vielen Dank für Ihre Bewerbung. Die Bearbeitung wird einige Zeit dauern. Wir werden uns sobald wie möglich mit Ihnen in Verbindung setzen.
Mit freundlichen Grüßen

Um solche Fehler zu vermeiden?

Sehr geehrte Frau Schüler,
vielen Dank für Ihre Bewerbung […]

(Wer ist Frau Schüler? Ich jedenfalls nicht…)

2. Trost-Versuche bei Absagen

Ihre Bewerbung hat uns initial gut gefallen.

Wir sind davon überzeugt, dass Sie sehr bald eine Stelle finden werden, in der Sie Ihre Fähigkeiten voll entfalten können.

Lassen Sie sich durch unsere heutige Absage bitte nicht entmutigen.

Und zum Schluss der Klassiker:

Bitte verstehen Sie die Absage nicht als persönliches Werturteil, denn die Entscheidung ist uns sehr schwer gefallen.

3. Ehrlichere Absagen?

Aufgrund unseren Stellenausschreibungen in verschiedenen Jobbörsen haben wir eine Flut von Bewerbern erhalten.
Daher konnten wir uns sehr schnell für eine promovierte XXXXX, die schon am XX.XX.XXXX bei uns starten wird, entscheiden.

Je mehr Bewerbungen, desto schneller die Auswahl? Die Bewerbungsfrist war übrigens nicht mal abgelaufen…

Leider muss ich Ihnen hiermit eine Absage erteilen, weil unser Unternehmensmodel für promovierte Absolventen derzeit kein finanziell interessantes Einstiegszenario bieten kann. Dies ist faktisch der Preis für ein Einstiegsmodell, dass für uns an anderer Stelle eine entsprechende Vorteilhaftigkeit zeigt: Wir haben ein sehr standardisiertes Einstiegmodell für Hochschulabsolventen, das eng verzahnt ist mit unserem gesamthaften Karriere- und Mitunternehmermodell. Darin wird sozusagen bei einem Einstiegsgehalt mit Master nach Probezeit von knapp über 40t€ p.a. eine Promotion, anders als bei anderen Unternehmen, nicht zusätzlich und per se honoriert.

Die 40t€ p.a. wären immer noch besser, als das drohende Hartz IV… Außerdem ist es gerade das, was man an der Uni als Dozent verdient, ich hätte den Unterschied kaum gemerkt…

4. Bei Einladungen zum Vorstellungsgespräch kann das auch vorkommen:

Die dabei anfallenden Fahrtkosten können von uns leider nicht übernommen werden.

Gut, dass das Gespräch ausnahmsweise in meiner Stadt stattgefunden hat!


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.