Nächtlicher Unsinn

Es ist kurz nach sechs Uhr morgens, und ich kann seit drei Stunden nicht mehr schlafen. Das war lange nicht mehr passiert. Nach einer Stunde wurde es mir zu blöd, im Bett zu liegen und das Rumwälzen zu vermeiden, um den Ehemann, der nicht mal schnarchte, nicht zu wecken, und ich bin aufgestanden. Dabei war ich schon nicht müde, als wir ins Bett gegangen sind, konnte aber nach gegenseitiger Befriedigung recht schnell einschlafen.

Nun sitze ich vor dem Rechner und lese Nachrichten. Dabei ist mir die aktuelle Startseite von Nature[1] aufgefallen. Gut, ehrlich gesagt ist sie mir schon gestern aufgefallen, ich hatte sie nur wieder vergessen. Der erste Artikel ist betitelt mit Dietary fat can increase longevity in worms[2]. Auf Deutsch: Nahrungsfetten können die Langlebigkeit von Würmern erhöhen. Die Synopsis erläutert: Pummelige Rundwürmer, die einfach ungesättigte Fettsäuren speichern, leben länger als Dünnere.

Ich sehe schon, wie diese Ergebnisse von Medien[3] und Befürwortern der Fat Acceptance Bewegung missbraucht werden… Ja, wenn wir Würmer wären, könnte diese Erkenntnis uns helfen[4]… Dabei schreiben die Autoren im Text, dass es bekannt ist, dass Übergewicht bei Menschen gesundheitsschädlich ist. Aber wer liest heute noch weiter als die Überschrift? Und eigentlich ist es schon längst bekannt, dass gerade diese Fettsäuren, die z.B. in Olivenöl enthalten sind, sich positiv auf die Gesundheit auswirken.

Ach ja, das erinnert mich an eine Tagesschau, die ich vor vielen Jahren in Frankreich gesehen hatte. Drin wurde angekündigt, dass laut einer neuen Studie Übergewicht eine bestimmte Krankheit vorbeugen kann. Welche wurde nicht erklärt. Dass es nebenbei viele andere ernste Gesundheitsrisiken mit sich bringt, wurde auch nicht erwähnt. Mit dieser höhlen Nachricht ist dann der Reporter durch die Straßen von Paris gegangen, und hat die Meinung von Passanten darüber gesammelt. Mein Eindruck beim Zuschauen: Bläääh… 😦

Interessanterweise steht ein anderer Artikel direkt unter dem ersten in Nature: ‘Young poo’ makes aged fish live longer. Kot von jüngeren Fischen enthält Mikroben, die ältere Fische länger leben lassen. Das dürfte wohl nicht durch die Massenmedien kommen. Sonst sehe ich schon unsere Rentner vor Müllcontainern stehen, die mal nicht nach Pfandflaschen sondern nach vollen Windeln suchen…

[1] Unbezahlte Werbung, da Verlinkung.

[2] Jetzt gerade wegen Maintenance nicht zugänglich…

[3] Ich habe mich schon darüber geärgert, wie unseriös wissenschaftliche Meldungen von vielen Medien ohne Überprüfung übernommen werden, nur um als Clickbait zu dienen.

[4] Wie bei der Schneckencreme


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Wirbel um das Atomzentrum Jülich

Heute war meine Nachrichten-App voll von Beiträgen über das Atomzentrum Jülich. Ein der Hauptverdächtigen der Terroranschläge in Paris am 13. November 2015 soll bei sich Fotos vom Zentrum gesammelt haben. Alle haben darüber berichtet. Die Welt. Der schweizerische Tagensanzeiger. Der Spiegel.

Aber hat sich jemand gefragt, ob das Atomzentrum Jülich überhaupt existiert? Eine Google-Suche mit der genauen Kette ergibt laut erster Ergebnis-Seite 2330 Hits. Ab Seite 4 wird erklärt, dass „einige“ der Einträgen so ähnlich mit den ersten sind, dass man sie gar nicht angezeigt bekommt. Also 36 Einträge. Alle aus Nachrichtendiensten, alle nicht älter als 24 Stunden.

Kein Wunder. Ein Atomzentrum Jülich gibt es nicht. Ein Forschungszentrum Jülich schon. Bis 1990 als Kernforschungsanlage gekannt, dann als Forschungszentrum Jülich umbenannt. Das FZJ hat einen Reaktor als Neutronenquelle betrieben. Dort habe ich selber während meiner Doktorarbeit Experimente gemacht. Neutronenstreuung ist die Methode überhaupt, wenn man sich mit Magnetismus in Festkörpern beschäftigt. Der Reaktor ist aber schon seit zehn Jahren still gelegt. Das seitdem neu gegründete Institut Jülich Center for Neutron Science hat seine Geräte zu anderen Neutronenquellen gebracht. Das hat aber anscheinend niemanden interessiert, als die Meldung zuerst raus kam. Hauptsache geile Schlagzeilen und Angst machen. Immerhin hat der Spiegel inzwischen seinen Artikel korrigiert. Bestimmt, weil besser informierte Leser in Kommentaren Hinweise gegeben haben. Und die Geschichte ist nicht mal wahr.

Das nennt man Journalismus?


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Die Panikmacher

Oder warum ich mit den Grünen meine Schwierigkeiten habe… Das ist in der heutigen Ausgabe von der FAZ am Beispiel vom „Kugelhaufen von Jülich“ wunderbar beschrieben.

Ich sage nicht, dass Nuklearenergie ohne Gefahr ist. Selbst wenn kein Unfall passiert, ist das Problem mit der Entsorgung von radioaktivem Material immer noch da, und das ist ein enormes Problem. Andererseits sollten die Atomgegner aus der Politik wissen, worüber sie reden, bevor sie anfangen, nach BILD-Art eine alarmierende Meldung nach der anderen zu veröffentlichen[1]. Mit der Art, wie sie den Fall Jülich behandelt haben, machen sie sich nur lächerlich. Es wird vor allem klar, wie sie über die Ausschreibung vom FZ-Jülich für den Forschungswettbewerb „Innovative Energietechnologien für morgen“ reagiert haben. Womit das FZ-Jülich sich beschäftigt, ist nicht die Wiederbelebung von Kernkraftanlagen, wie behauptet wurde und was aus den beantragten Mitteln eh unmöglich gewesen wäre, sondern die langfristige Entsorgung von radioaktivem Material, unter anderen. Ich frage mich, ob jemand diese Ausschreibung überhaupt gelesen hat, bevor die Vorwürfe formuliert wurden.

Was das Ziel dieser ganzen Meldungen ist, ist klar: Angst in der Bevölkerung verbreiten, um Stimmen für die nächste Wahl zu sammeln. Dazu sollte man aber besser bewiesene Fakten statt irrationale Panikmeldungen benutzen. Sonst ist man kaum von anderen Parteien zu unterscheiden, die ebenfalls Angst benutzen, um an die Macht zu kommen (konkrete Beispiele dürften nicht nötig sein). Damit wird nicht besser als bei den Leugnern vom Klimawandel gehandelt. Gerade dieser Hirnwäschereiversuch stoßt mich bei den Grünen ab. Das Problem ist, dass die Mehrheit der Leute alles glaubt, was sie erzählt bekommt. Bei einigen kann es zu Gewalt führen. Zum Beispiel zu einem Attentat-Versuch mit einem Molotow-Cocktail gegen einen Teilchenbeschleuniger, in dem Glauben, es handele sich um einen geheim gehaltenen Forschungsreaktor (leider eine wahre, wenn blöde, Geschichte[2]).

Ein anderes Beispiel von Panikmacherei kommt von der Anti-Impfung-Front. Darüber hat Ben Goldacre, Autor von Die Wissenschaftslüge[3] und Bad Pharma[3] (anscheinend noch nicht übersetzt), schon viel geschrieben, besser als ich es formulieren könnte. Einfach lesen. Achtung, drin geht es nicht darum, pauschal gegen Impfungsgegner zu schlagen. Es geht darum, dass man zuerst einen wissenschaftlichen Nachweis haben muss, bevor man eine Impfung für schädigend erklärt[4]. Sonst sorgt man für irrationale Angst gegen Impfungen aller Art in der Bevölkerung, was in manchen Fällen dazu führt, dass einige tödliche Krankheiten sich wieder verbreiten.

[1] Dass Politiker häufig nicht wissen, worüber sie reden, habe ich während eines Vorstellungsgespräches bei einem Projektträger knall hart erfahren. Einer der Prüfer stellte mich die Frage, was ich sagen würde, wenn ein Berater von der damals noch Ministerin Frau Schavan anrufen würde, um für sie ein Statement über eine neue Großforschungseinrichtung zu vorbereiten. Als Theologin hätte sie ja von Physik keine Ahnung. Ich habe mit fast geöffnetem Mund einige Sekunden lang geschwiegen. Nicht, dass die Antwort mir schwer fiel, aber in meiner Naivität konnte ich mir nicht vorstellen, dass der Fall statt finden würde. Der Mann sagte, es sei doch durchaus üblich. Ich habe meine Antwort geliefert, und dabei nur gedacht, Politiker sollten (wie alle anderen) doch die Klappe halten, wenn sie über ein Thema nicht Bescheid wissen. Außerdem würde ich ihre Berater feuern, wenn sie nicht in der Lage sind, eine solch simple Aufgabe zu erledigen.

[2] Bei diesem Versuch war der verursachte Schaden sehr gering, und den Tätern muss wohl nicht bewusst gewesen sein, was passiert wäre, falls sie tatsächlich einen nuklearen Reaktor zur Explosion gebracht hätten…

[3] Unbezahlte Werbung, da Verlinkung.

[4] Und in einer idealen Welt hat man in dem verkaufenden Pharma-Konzern vorher wissenschaftlich nachgewiesen, dass der Impfstoff eine positive Wirkung gegen eine Krankheit hat, ohne zu schummeln, Ehrenwort.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Henri Broch

Ich bin heute Abend durch Zufall über seine Seite gestolpert.

Ich habe auf Youtube ein Video aus einer Sendung für TF1 von Mitte ’80 über den Sarkophag einer Abtei von Arles-sur-Tech gesehen. Für die, die wie ich bis heute die Geschichte nicht kannten: Es handelt sich um einen Sarkophag, der im Mittelalter gebaut wurde, ursprünglich Reste von Heiligen enthielt und immer noch regelmäßig ohne erkennbaren Grund mit klarem Wasser gefüllt wird. Dem Wasser werden heilende Kräfte zugewiesen; jedes Jahr organisiert die Kirche eine Prozession und verteilt das heilige Wasser an ihre Anhänger. Ende ’50 hatten sich Wissenschaftler mit dem Phänomen beschäftigt. Was gefunden wurde: Eine signifikante zeitliche Korrelation zwischen Regenfällen und Befüllung des Sarkophags, der immer unter freiem Himmel gestanden hatte. Aber wie die Reportage berichtet: Die Wissenschaftler haben „laut der Bevölkerung des Dorfes“ nie die Lösung des Rätsels gefunden. Außerdem hatte ein ehemaliger Militär in Rente Gegenargumente einzuwenden, die meiner Meinung nach ziemlich wackelig wirkten.

Nun, Massenmedien und abergläubige Dorfbewohner sind für mich keine zuverlässige Quelle, was Wissenschaft betrifft. Ich habe gegoogelt. Und die Seite von Henri Broch gefunden. Es hätte mich nicht überraschen sollen. Henri Broch ist Zetetik-Professor. Was das bedeutet habe ich in meinem letzten Jahr an der Uni Nizza gelernt, als ich seinen frisch entstandenen Institut besucht hatte. Wir waren dazu aufgemuntert worden, uns in Labors umzuschauen, und ich hatte mir alle auf dem Campus durchgearbeitet. Sein Institut stand auf meiner Liste. Ich war mit zwei Kommilitonen hingegangen. Er erklärte uns, dass seine Beschäftigung darin bestand, unerklärte Phänomene zu erklären, und Mythos und Aberglaube zu bekämpfen. In Frankreich ist er ein Pionier in dem Gebiet. Eine interessante Tätigkeit, wo man eine breite Palette an Wissen anwenden muss. Das Problem: Eine unsichere Finanzierungsquelle (auf seiner Homepage erwähnt er die Unterstützung eines Wissenschaftlers in Belgien), und die Antwort zur Frage, ob man in dem Bereich eine gute Arbeit finden kann, hatte meine Erwartung nicht erfüllt. Ich habe in dem Sommer stattdessen an die optischen Eigenschaften von Nanoteilchen gearbeitet.

Zurück zum ursprünglichen Thema: Henri Broch hat mehrere Seiten verfasst, die sich ausschließlich mit dem Mysterium des Sarkophags befassen. Selber hat er keine Untersuchung durchgeführt, die vorhandene Literatur war genug. Was in der Reportage als großes unerklärtes Wunder verkauft wurde, ist eigentlich schon seit der Arbeit von 1958 geklärt. Es ist tatsächlich Regenwasser, das durch den porösen Deckel des Sarkophags sickert. Gleichzeitig nimmt das Wasser Sedimente vom Deckel mit, die am inneren Boden des Sarkophags deponiert werden und diesen dicht machen – das Wasser braucht zwischen vier und fünf Tage, um durch den Deckel zu kommen (was auch sicherlich erklären kann, dass die Zusammensetzungen des Wassers im Sarkophag und des Regens unterschiedlich sind). 1950 wurden schon 2kg schwarzes Schlamms aus dem Boden entfernt. So passiert es, dass mit geschlossenen Deckel Regenwasser den Sarkophag füllen kann. Diese Erklärung hat den „Journalisten“ der Reportage anscheinend nicht gefallen. Einer hatte sogar Henri Broch kontaktiert, als die Reportage gedreht wurde, und offensichtlich seine Meinung als Expert nicht wahrnehmen wollen, weil sie nicht mit dem gewollten esoterischen Charakter der Sendung passte.

Die Homepage von Henri Broch enthält viel mehr als diese eine Geschichte. Leider ist sie nur auf Französisch. Drin erfährt man zum Beispiel, dass es einen Preis von 200000€ gab, für Leute, die ein paranormales Phänomen vorführen können. Der Preis wurde 15 Jahre lang angeboten. Es gab 264 Bewerbungen. Alle ohne Erfolg. Ein Mann hatte sogar versucht, gegen das Institut zu klagen, um ohne Vorführung den Preis zu bekommen, und musste am Ende 40000€ Strafgeld bezahlen. Henri Broch bietet auch seit den ’80 eine Vorlesung an der Uni zum Thema „wissenschaftliche Arbeitsweise“ an. Ich frage mich, warum ich es während meiner ganzen Zeit dort nie erfahren habe. Schade.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Schneckencreme als Kosmetik für die Haut

Ich wollte mich darüber informieren, weil ich über Weihnachten bei meinem Vater eine Reportage im Fernseher darüber gesehen habe. Es war gerade nach der Tagesschau von mittags, also beim Kaffee trinken nach dem Mittagessen (na dann Prost… nee, eine Schneckenfresserin bin ich nicht, Froschschenkel will ich auch nicht probieren). Ich habe nur Teile der Reportage wieder gefunden (hier, und hier, nicht auf Deutsch).

Ich habe am Anfang der Reportage nicht wirklich aufgepasst. Ein Mann wurde interviewt, anscheinend ein Arzt in einer Klinik in Südamerika (Chile), der Leute mit verbrannter Haut behandelte. Er hatte diese Creme aus dem Schleim von Schnecken entwickelt – Achtung, nur eine bestimmte Schneckensorte aus Südamerika – mit deren Hilfe er den Zustand der Haut behauptete zu verbessern, das heißt, nach Anwendung der Creme würde man eine deutliche Reduktion der Narben auf verbrannten Hautteilen feststellen, das Ergebnis könnte man mit anderen Methoden gar nicht so gut bekommen. Der Journalist fragte, ob er diese spektakulären Ergebnisse veröffentlicht hatte. Als eher neutrale Zuschauerin habe ich dann gemerkt, wie der Arzt anfing ein wenig zu stottern und seine Stimme leiser wurde, als er sagte, ja, ein Paper gäbe es, die Ergebnisse waren nicht signifikant. Aha. Was bedeutet „nicht signifikant“? Man kann mit den Ergebnissen nicht beweisen, dass die Creme wirkt. Aber der Preis der Creme pro Kilo war sehr hoch, immerhin ist 1kg Schneckenschleim aus Chile 1000€ Wert, und das Produkt lässt sich super im Ausland exportieren, und da war unser Arzt wieder ganz stolz beim Erzählen, als er das gefährliche Thema sehr schnell begraben hatte.

Tut mir nicht Leid, ich glaube nicht einfach blind, was man im Fernsehen alles erzählt bekommt. Hoffe ich mindestens (na ja, dafür müsste ich zuerst selber einen Fernseher besitzen, was ich aber nicht will). Nicht signifikante Ergebnisse, aber trotzdem eine Creme teuer verkaufen? Für mich grenzt es an Betrug. Natürlich macht man da mindestens eine Suche auf Internet. Bei meiner Suche nach „Helix Aspersa Müller“, der „Wunderwirkstoff“ dieser Creme, bin ich auf diesen Artikel von 2009 gestolpert, The efficacy of Helix aspersa Müller extract in the healing of partial thickness burns: a novel treatment for open burn management protocols, von den griechischen Wissenschaftlern D. Tsoutsos, D. Kakagia und K. Tamparopoulos. Man braucht keinen Zugang zum Artikel, denn die wesentlichen Ergebnisse sind im Abstract angegeben. Eine Gruppe A, die 27 Erwachsenen mit Gesichtsverbrennungen enthält, wurde mit einer Schneckencreme behandelt. Eine Kontrollgruppe B, mit 16 anderen Patienten, wurde mit einer konventionelleren Methode behandelt. Statistik mit kleinen Zahlen. Verglichen wurde die Heilungszeit der Haut, die ich mit Z abkürze (genauer gesagt, ab wann die Kruste der Wunde von der Haut runterfällt). Mit bestem Willen sehe ich keinen Unterschied zwischen beiden Gruppen. In Gruppe A beträgt Z 9+/-2 Tage, in Gruppe B 11+/-2 Tage. Wie es in der Reportage hieß, sind diese Ergebnisse nicht signifikant. Bitte die Standardabweichungen (kurz σ) betrachten! 9+/-2 bedeutet zwischen 7 und 11, 11+/-2 bedeutet zwischen 9 und 13 (es ist grob vereinfacht dargestellt und ist in Wirklichkeit komplizierter). In meiner Branche betrachten wir zwei Werte Z1 und Z2 als signifikant unterschiedlich, wenn sie sich innerhalb von 3σ unterscheiden, das heißt, dass die Bereiche Z1+/-3σ1 und Z2+/-3σ2 sich nicht decken. In dieser Studie sind die Heilungszeiten aber innerhalb von 1σ schon gleich. Wer noch behauptet, in Gruppe A wären bessere Ergebnisse nachgewiesen, hat keine Ahnung von Statistik. Außerdem wissen wir nicht, ob die Wunden in beiden Gruppen gleich groß sind, da müsste man den Artikel lesen, um zu sehen, ob die Fläche der Wunden berücksichtigt wurde. Das könnte das Ergebnis auch total verfälschen. Dass die Schneckencreme besser als andere Mittel funktioniert, kann man also nicht behaupten. Für bessere Ergebnisse, das heißt, um kleinere Standardabweichungen zu bekommen, müsste man die Größe der Gruppen in der Studie stark erhöhen. Das einzige, was die Studie eindeutig zu zeigen scheint, ist, dass die Schmerze bei Gruppe A nicht so stark sind (wenn ich pain scores richtig übersetzt habe). Der Argument würde wiederum für mich sofort für die Schneckencreme sprechen – vorausgesetzt, man hat nicht „aufs Versehen“ alle Patienten mit kleineren Wunden in Gruppe A gesteckt. Und merken wir auch noch, dass die Studie sich nur mit dem Heilungsprozess beschäftigt, nicht mit der Reduzierung von Narben.

Die Reportage ging weiter. Ein Verkäufer wurde gefilmt, als er in einer Apotheke versuchte, die Schneckencreme zu verkaufen. Die Vorteile der Creme wurden ausführlich dargestellt. Als der Inhaber der Apotheke, halb interessiert, fragte, wie er Frau X. aus der Nachbarschaft dazu bewegen könnte, die Creme zu kaufen, meinte der Referent: „Einfach! Wissen Sie, wie schnell Schnecken ihre Schale reparieren, wenn man drauf tritt? Man könnte meinen, die sterben gleich, aber nein, die reparieren die Schale und leben weiter. Das alles dank des Schleimes, der in dieser Creme enthalten ist!“ Ich habe gelacht und gedacht, „Gut, wenn ich mal eine Schale bilden soll, weiß ich, wie ich sie reparieren kann, bis dahin brauche ich den Zeug nicht“. Die Reaktion vom Inhaber war aber gleich, „Tja, Schade, dass wir keine Schnecke sind“. Und ich habe mich als gute Wikipedianerin auch sofort gefragt, ob die Geschichte mit der Schale wirklich stimmt (ich hatte ein dickes {{refnec}} im Kopf). Hat der Inhaber der Apotheke die Creme anschließend gekauft? Ich weiß es nicht mehr. Im Laufe der Reportage hatte ich den Eindruck, der Journalist hätte Spaß daran gehabt, die ganzen Unstimmigkeiten über das Produkt zu zeigen, um sich darüber lustig zu machen. Es war für mich so enorm, dass ich dachte, keiner kann rein fallen, der die Reportage sieht. Seufz. Mein Vater, der ebenfalls die Reportage neben mir gesehen hat, war am Ende bereit, selber für das Produkt zu werben.

Gibt es noch etwas zu erzählen, um das Thema zu ergänzen? Eigentlich ja, und sicherlich nicht wie ihr jetzt denkt. Aus meiner eigenen Erfahrung (igitt). Ich hatte vor vielen Jahren mit meinen Kollegen an einen Betriebsausflug teilgenommen. Es war Ende Frühling, wir hatten auf der Wiese Frisbee gespielt. Mir war’s richtig warm. Ich habe meine Schuhe beim Spielen ausgezogen. Und ja, wenn ihr bis hier durchgelesen habt, vermutet ihr schon, was mir passierte: Ich bin auf eine dicke Nacktschnecke getreten. Richtig igitt. Ich habe sofort mit einem Taschentuch das ganze zwischen meinen Zehen gewischt, habe den Spaß am Spielen verloren und habe nur noch die anderen zugeschaut. Mit Wasser konnte ich nicht sofort spülen, erst später zu Hause habe ich es gemacht. Und ich habe mehrere Tage lang eine unglaublich zarte Haut auf dem Fuß gehabt, so schön weich, das hatte ich noch nie erlebt.

Die Moral von der Geschichte: Ach, es könnte was dran geben. Nur nicht alles mischen. Zarte Haut und reduzierte Narben sind ganz andere Sachen. Solange es keine referierte wissenschaftliche Veröffentlichung gibt, die die Wirkung der Creme beweist, traue ich diesem ganzen Kosmetik-Geschäft nicht.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.