Die verschwundenen Räder

Es wird noch einige Wochen dauern, bis unsere Wohnung besuchbar wird. Viele Kartons liegen im Wohnzimmer und in der Küche gestapelt. Meine sind fast ausgepackt, bis auf die Kisten für die Küche, die ja auch bestellt werden soll.

Seit einiger Zeit denken wir daran, mal wieder Fahrrad zu fahren. Ich habe es seit einer gefühlten Ewigkeit nicht mehr gemacht. Ich war krank, dann waren wir im Urlaub, dann kamen schon die Vorbereitungen für den Umzug… Und da es kälter wird, wollte Martin seine Winterräder an seinem Rad bauen. Gute Idee, ich könnte mir auch welche besorgen, wenn es glatt wird.

Er hat angefangen, nach seinen Rädern zu suchen, hinten den Kartons in der Wohnung, im Keller… Nirgendwo zu finden. Seltsam. Die hatte er selber aus dem Keller seiner vorherigen Wohnung bis zum Umzugswagen gebracht. Vielleicht wurden sie im LKW vergessen? Die angerufene Person bei der Umzugsfirma verneinte dies kategorisch. Vielleicht haben sie sie beim Auspacken irgendwo abgestellt und liegen lassen. Dann sind sie seit drei Wochen bestimmt schon weg, sie waren ziemlich teuer gewesen. Er hat sich sehr darüber geärgert.

Am Samstag sind wir zum Frühstück zur Bäckerei um die Ecke gegangen. Auf der Rückkehr, kurz vor der Haustür, ist Martin plötzlich stehen geblieben. Da, neben den anderen angeschlossenen Fahrrädern, waren seine beide Räder angelehnt! Offensichtlich seit längerer Zeit, da sie Spuren von den Vögeln bekommen hatten. Unglaublich. Da wir seit dem Umzug meistens mit dem Auto unterwegs sind, und einen Platz in der Tiefgarage haben, sind wir noch nie bei Tageslicht durch die Haustür gegangen. Dort hatten die Reifen die ganze Zeit gewartet, und keiner hat sie mitgeschleppt. Es sagt einiges über die Qualität der neuen Nachbarschaft aus.

Heute Morgen bin ich ausnahmsweise alleine zur Arbeit gefahren. Im Treppenhaus habe ich die Nachbarin aus dem Erdgeschoss kennen gelernt, eine Dame über 80. Sie hat mich gefragt, ob wir die Räder mitgenommen hätten. Sie wusste nicht, wem sie gehören, und hatte sich Sorgen gemacht, weil sie bestimmt geklaut werden könnten. Süß.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Wohin mit dem Fahrrad?

So ein Mist. Gerade aus dem Urlaub zurück gekommen, wurde ich heute Morgen vom Hausmeister begrüßt. Was in sich nichts Schlimmes ist, er hat sich trotz seiner bekannten Ausländerfeindlichkeit mit mir immer sehr freundlich verhalten. Er war gerade dabei, den Durchgang des Hauses zu fegen, wo alle Bewohner der Häuser ihre Fahrräder abstellen. So ist es immer gewesen, seitdem ich hier wohne. Ich erinnere mich, wie der Hausmeister selber mir bei meiner Besichtigung sagte, es wäre doch kein Problem, das Fahrrad im Durchgang zu lassen, alle Leute wären im Haus so freundlich. Es hatte die Wohnung für mich sofort attraktiv gemacht, da der breite Durchgang immer abgeschlossen ist und man drin die Fahrräder sicher und trocken übernachten lassen kann.

Der Durchgang ist eine Verbindung zwischen dem Parkplatz und dem Hinterhof. Es gibt nur zwei große Türe auf beiden Seiten. Der Zugang zu den Wohnungen erfolgt über den Hof, den man auch zu Fuß aus einer anderen Straße erreichen kann. Zugegeben, es ist seit einigen Monaten sehr eng im Durchgang geworden. Genauer gesagt, seitdem die kleine Familie im Frühling eingezogen ist, in die Wohnung der älteren Nachbarin, die mir wegen Umzug ihre neu aussehende Einbauküche samt Kühlschrank für gerade 1000€ verkauft hatte (ein tolles Geschäft). Plötzlich noch mehr Fahrräder, Kinderwagen, Schlitten, sogar Puppenwagen standen da. An manchen Abenden musste Martin sein teures Rennrad zu mir in die Wohnung hochtragen, weil kaum Platz im Durchgang vorhanden war, um es mit meinem zusammen anzuschließen. Bei seinem Rennrad geht es gut, es ist so leicht. Mein Fahrrad ist verdammt schwer. Ich fand es von den neuen Nachbarn ziemlich unverschämt, vor allem, weil sie für ihren Umzug mit einem Zettel im Flur angekommen waren, um uns darum zu bitten, an dem Tag unsere Fahrräder woanders zu räumen. Damals war der Durchgang eigentlich noch gut begehbar. Bei meinem eigenen Umzug wäre ich nicht mal auf die Idee gekommen, und es war wirklich kein Problem gewesen.

Es muss einen Streit gegeben haben. Da ich die Hälfte der Zeit bei Martin bin und sowieso immer spät nach Hause komme, habe ich davon nichts mitbekommen. Das hatte der Hausmeister schon vor einem Monat angedeutet. Er meinte, das Abstellen von Gegenständen im Durchgang wäre nicht mehr erlaubt. Da keine schriftliche Meldung von den Vermietern gekommen war, haben sich aber alle Nachbarn wie immer verhalten und die Fahrräder weiterhin im Durchgang geparkt. Seit heute hängt ein Zettel im Flur:
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Es könnte auch seit letzter Woche da sein, keine Ahnung, ich war im Urlaub. Ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Es gibt kein Datum, keine Unterschrift, nicht mal eine Anschrift. Es könnte im Prinzip von irgendjemandem geschrieben worden sein, und ich glaube nicht, dass man damit rechtlich etwas begründen könnte. Es ist so unpersönlich formuliert, dass ich mich frage, ob der Hausmeister mit den Vermietern darüber diskutiert hat, oder ob es seine eigene Entscheidung war. Er meinte heute morgen, einige Mieter hätten sich so dumm angestellt, dass das Abstellen von Gegenständen ab jetzt allgemein verboten werden sollte. Ich kann nur vermuten, dass er die neue Familie meint. Gleichzeitig hat er sich darüber aufgeregt, dass einige Haushalte mehr als ein Fahrrad haben, als ob es unverschämt wäre. Ich sehe nicht, warum man pro Familie nur ein Fahrrad besitzen dürfte. Für ihn als dicker Bierbauch ist es vielleicht unerhört (er sieht wie der Stereotyp vom alkoholischen Hausmeister aus, deswegen habe ich es nie über mich gebracht, ihm ein Glas Wein anzubieten), aber es ist eigentlich normal, dass man zusammen Fahrrad fährt.

Der Zettel sieht nicht wie die üblichen Ankündigungen von den Vermietern aus, da sie sonst immer einen Briefkopf enthalten. Ich frage mich, ob sie überhaupt darüber in Kenntnis gesetzt wurden. Da sie Rechtsanwälte sind, denke ich, eher nicht, sonst hätten sie eine saubere Ankündigung gemacht. Als ich heute Abend nach Hause kam, waren immer noch genau so viele Fahrräder im Durchgang. Anscheinend hat sich niemand vom Zettel bedroht gefühlt. Ich habe mein Fahrrad auch dort wieder gestellt, weil ich nicht einsehe, dass ich die einzige bin, die ihr Fahrrad für Langfinger so einfach zur Verfügung stellen soll. Die Stellplätze für Fahrräder im Hof, die ich nie wahrgenommen hatte, weil sie gegen eine Hecke geschoben sind und von Vegetation überwachsen waren, sind immer noch leer. Der Hausmeister hatte heute Morgen darauf hingewiesen. Es sind die typischen Fahrradständer[1], bei denen der Abstand zwischen den Plätzen so eng ist, dass man nur jeden zweiten Platz belegen kann. Sie sind auch so tief, dass man damit unmöglich Rad, Rahmen und Stand zusammen anschließen kann. Oder man bräuchte zwei Schlößer. Wenn man genug Platz dafür hätte, weil die Hecke im Weg steht, um das Rad richtig anzuschließen. Ausreichend sind die Ständer auf keinen Fall, da man dort gerade sechs Fahrräder nebeneinander stellen kann, und ich schon mal über zwanzig Fahrräder im Durchgang gezählt habe (doch nicht so viel, für fünfzehn Wohnungen). Ich habe jedoch gemerkt, dass der Klavierspieler aus dem Erdgeschoss sein Fahrrad auf dem Balkon gestellt hat, und dass der Durchgang nicht mehr so voll wirkt (die Kinderspielsachen sind verschwunden).

Eigentlich sollte ich Kontakt mit den Vermietern nehmen, um nachzufragen, was tatsächlich Sache ist. Andererseits habe ich gerade in meinem Mietvertrag gelesen, dass das Abstellen von Fahrrädern im Durchgang ausdrücklich nicht erlaubt ist. Es war vom Anfang an so, und die Nutzung vom Durchgang wurde nur von allen so toleriert, ohne dass jemand sich darüber beschwert hat. Bis die neue Familie in die zweite Etage eingezogen ist.

[1] Unbezahlte Werbung, da Verlinkung zu einem Bild von einem Online-Shop.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Ist heute „Töte-ein-Fahrradfahrer“-Tag?

Ich wäre heute beinahe in zwei Unfällen gerieten. Jedesmal genau in der gleichen Situation: Ich fahre rechts auf dem Radweg, komme an einer Kreuzung an, will weiterhin geradeaus fahren, und das Licht ist grün. Es gibt kein separates Licht für Fahrradfahrer, was bedeutet, dass das Lichtsignal für den motorisierten Verkehr gilt. Und jedes Mal bin ich dabei fast von einem Auto erwischt worden, das rechts abbiegen wollte.

Heute Morgen, auf dem Weg zur Arbeit, hat mich noch die Frau im Auto beschimpft. Ich hatte sie die ganze Zeit im Auge behalten und die Hände auf die Bremse parat vorbereitet, so dass ich rechtzeitig bremsen konnte. Es gibt eine andere Kreuzung auf meinem alternativen Weg, wo Autofahrer mir jedesmal die Vorfahrt gelassen haben, daher dachte ich schon, in einer solchen Situation eine Vorfahrt zu haben. Ich habe danach gegoogelt: Es stimmt auch. Ich vermute, die Frau hatte mich entweder nicht gesehen, oder sie wusste einfach nicht von dieser Regel Bescheid.

Beim Abbiegen gilt – egal für welchen Verkehrsteilnehmer – wer abbiegt, muss warten, bis diejenigen, die geradeaus fahren oder gehen die Straße überquert haben. Gerade Autofahrer biegen gerne einmal ab, ohne auf überquerende Füßgänger oder Fahrradfahrer zu achten, das ist aber entgegen der Verkehrsordnungen. Auch bei grünen Ampeln (etwa beim Abbiegen) gilt, dass der Verkehrsteilnehmer, der bei Grün geradeaus geht, immer Vorfahrt hat.

Heute Abend, als ich die Arbeit verlassen habe, ist mir fast das gleiche in krasserer Version passiert. Ich fuhr auf dem Radweg und kam an einer Kreuzung an, bei der ich geradeaus fahren wollte. Neben mir blinkte ein Auto, um nach rechts abzubiegen, hinter mir auch. Ich bin langsamer gefahren und habe noch das rote Auto vor mir fahren gelassen. Das Auto hinter mir ist ebenfalls langsamer gefahren und hat mir Platz gelassen. Super, dachte ich. Ich fuhr hinter dem roten Auto und wartete darauf, dass es fertig abbiegt, um schneller geradeaus fahren zu können. Auf den Zebrastreifen war nichts, aber das rote Auto hat plötzlich ohne Grund auf dem Radweg eine Vollbremse gemacht und ist für einige Sekunden zum Stillstand gekommen. Hätte ich selber nicht vollgebremst, wäre ich ins Auto gefahren. Es hätte einfach ein Zufall sein können. Aber da das kleine Mädchen auf der hinteren Sitzreihe sich in dem Moment umgedreht hat und mich angeschaut hat, vermute ich zwei Möglichkeiten:

  • Der oder die MitfahrerIn vorne hat dem oder der FahrerIn gesagt, dass es gerade gefährlich gewesen war, weil es hinter dem Auto ein Fahrrad gab. Das halte ich für unwahrscheinlich, weil das Auto schon vor der Ampel gezögert hatte, ob es mich fahren lassen sollte oder nicht, und der oder die FahrerIn muss mich wahrgenommen haben – mit meiner Erfahrung vom Morgen bin ich deswegen langsamer geworden und habe die Vorfahrt gelassen, wo es eigentlich keine gab.
  • Die wahrscheinlichere Variante: Der oder die FahrerIn fand’s einfach lustig. Schließlich trug ich ein kurzes Kleid, wenn auch mit dicken bunten Strumpfhosen, man müsste ja der Schlampe auf dem Fahrrad mal was beibringen. Eine Denkweise, von der ich leider häufig in meinem Herkunftsdorf als Kind Zeugin wurde.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Blöde Straßenbahn

Die Geschichte hatte ich schon erzählt bekommen. Deswegen bin ich immer sehr vorsichtig, wenn ich mit dem Fahrrad über Straßenbahnschienen fahren muss, und versuche, die Räder dabei möglichst senkrecht zu den Schienen zu lenken. Es ist mir trotzdem passiert.

Am Montagabend wollte ich nach der Arbeit einkaufen gehen. Ich habe meine Küche am Wochenende bekommen und kann endlich zu Hause kochen. Es regnete stark, als ich aus dem Supermarkt raus ging. Bei der Hälfte der Strecke nach Hause gibt es eine Stelle, wo die Fahrradspur die Straßenbahnschienen überkreuzt. Normalerweise ist es kein Problem. Mit nassen Rädern und vollem schwerem Fahrradkorb doch nicht. Ich bin einfach in die Schiene runter gerutscht und konnte nichts mehr machen, außer zu warten und zu fallen. Zum Glück fuhr ich nicht schnell und kein Auto kam in dem Moment. Das Rutschen auf der Straße schien mir ewig lange zu dauern, aber ich denke, es liegt daran, dass ich wirklich nichts mehr machen konnte. Ich bin danach schnell aufgestanden und habe meine verstreuten Einkäufe auf der Straße wieder gesammelt.

Ich habe so gut wie keinen Kratzer bekommen. Meine lange Wolljacke ist völlig heil geblieben, meine schwarze Hose auch. Auf dem Bein habe ich jetzt einen riesen blauen Fleck. Die vordere Lampe hing gerade noch. Ich habe sie vollständig vom Rad getrennt, ehe sie als wildes Müll landet, und bin zum Fahrradladen bei mir um die Ecke gegangen, es war noch nicht so spät. Der Mann sagte, die Räder würden ein bisschen eiern, aber bei dem Fall wäre es erstaunlich, wie wenig Schaden verursacht wurde. Als ich nach Hause kam und meine Einkäufe aufgeräumt habe, waren sogar noch alle Eier in ihrer Packung in Ordnung. Am nächsten Tag habe ich gemerkt, wie stark ich mich bei dem Fall verkrampft haben muss, weil ich im linken Oberarm total Muskelkater habe. Heute immer noch.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.