In der S-Bahn

Ich bin wieder spät bei der Arbeit geblieben. Die Sporttasche hatte ich gestern zum Büro mitgenommen und war dann so spät am Arbeiten, dass ich das Training ausfallen lassen musste. Sowie heute. Die Sporttasche habe ich zurück nach Hause gebracht. Bis Samstag finde ich bei meinem Terminkalender keine Zeit mehr.

Es ist mir schon zu spät, um mit dem Bus zu fahren. Ich gehe zur S-Bahn. Es geht schneller. Um die Uhrzeit sind nicht mehr so viele Menschen unterwegs. Man kann gemütlich und ganz in Ruhe sitzen. In Schöneberg steige ich in die S1 um. Dort ist es voller. Ich gehe zum Ende von einem Wagen. Links ist ein Viererplatz, rechts auch. Rechts sind zwei Plätze frei, aber mit Taschen belegt. Links, in Fahrtrichtung, neben dem Fenster, ist nur ein Sitz frei, dafür ohne Tasche. Ich setze mich dort hin.

Vorher prüfe ich mit dem Rücken der Hand den Zustand vom Sessel. Das mache ich immer, seitdem ich einmal im Bus bei der ASEAG die unangenehme Erfahrung machen musste, dass mein Sessel nicht trocken war… Beim Hinsetzen mit der Jeans nicht gemerkt, beim Aufstehen die große Überraschung. Und die Oma hinter mir, die dann plötzlich sagte, ja, da hätte vorher ein kleines Kind Pipi gemacht. Hätte die blöde Kuh nicht vorher den Mund aufmachen können? Glück im Unglück, an dem Tag kam ich direkt vom Shoppen zurück. Die Haltestelle, wo ich umsteigen musste, lag einem Freund direkt vor der Tür, und dieser Freund befand sich sogar zu Hause, ich durfte bei ihm duschen und mich umziehen. Seitdem prüfe ich grundsätzlich meinen Sessel, bevor ich mich im ÖPNV hinsetze.

Heute also auch. Der Sessel ist in Ordnung, ich setze mich hin. Einige Stationen weiter steigt meine Sitznachbarin aus. Der Zug wird langsam leerer. Am Viererplatz auf der anderen Seite vom Gang sitzt nur noch ein junger Mann asiatischer Herkunft, der mit seinem Handy beschäftigt ist und Ohrhörer trägt. Mir gegenüber sitzen zwei gut geplegte Männer. „Vater und Sohn“, denke ich zuerst. Der am Fenster wirkt deutlich älter als der am Gang. Aber beide mit ähnlichen grauen Anzughosen und Sporttaschen, vielleicht doch Arbeitskollegen, die gemeinsam Feierabend beim Fitnessstudio machen? Oder zwei Liebhaber? Die Sporttaschen sind der gleichen Marke. Genau wie meine. Ach, ist auch egal. Ich lese die Nachrichten auf meinem Handy.

Am botanischen Garten, oder eine Station weiter, steigt der junge Mann vom anderen Viererplatz aus. Der Zug fährt weiter. Ich starre etwa geistesabwesend, wo der Mann vorher gesessen hat. Und kann auf einmal nicht glauben, was meine Augen sehen. Auf dem Platz, direkt rechts davon, wo der junge Mann gesessen hat, neben dem Fenster, steht ein sehr dünner, hellgrauer Gegenstand senkrecht auf dem Sessel. Kaum zu sehen. Ich denke an eine Stricknadel. Ich stehe auf und schaue es mir genauer an. Keine Stricknadel, aber ziemlich dick und vor allem spitz. Die Nadel, die man leicht übersehen könnte, vor allem von oben aus, ist wenigstens zwanzig Zentimeter lang und wirkt sehr robust. Robust genug, um jemanden ernsthaft zu verletzen, der sich aufs Versehen drauf hinsetzen würde. Sie steckt in einem kleinen runden Loch im Stoff vom Sessel, genau im Zentrum der Sitzfläche. Das Loch scheint durch Feuer verursacht gewesen zu sein, der Farbe vom Rand nach zu beurteilen.

Wie kann es sein, dass der junge Mann daneben gesessen hat, seine Tasche auf dem Sessel neben ihm gelegt hat, und dabei die Nadel nicht gemerkt hat? Oder sie gemerkt hat, aber nicht auf die Idee gekommen ist, sie weg zu nehmen? Oder hat er sie selber da rein gesteckt? Welcher kranker Geist macht denn so was? Ich ziehe die Nadel raus, die tief im Sessel fest stand, und lege sie zur Seite. Die zwei Männer aus meinem Viererplatz beobachten mich dabei und wirken auf einmal gestört. Wahrscheinlich stellen sie sich vor, wie es ihnen gegangen wäre, hätten sie sich auf die Nadel fallen lassen. Das habe ich mir auch vorgestellt. Wie gut dass ich, häufig zur Belustigung meiner Mitreisenden, meinen Sitzplatz so gründlich prüfe.

Und das ist also die Botschaft des Tages. Setzt euch bitte niemals irgendwo hin, ohne vorher euren Sessel geprüft zu haben. Bitte.

Telekom Hotspot im ICE — Die volle Verarschung

Ich bin wieder mal richtig geärgert. Dazu braucht es nur, mit der Bahn zu fahren. Letzte Woche war schon kein Spaß.

Ich hätte eigentlich zur Tagung fliegen können. Die Bahnstrecke kostet mir zeitlich einen ganzen Arbeitstag. Es war günstiger, was die Finanzabteilung von meinem Arbeitgeber vor allem interessiert, aber das Fliegen wäre schneller gewesen und hätte vielleicht eine Übernachtung überflüssig machen können. Ich habe gedacht, die lange Reisezeit könnte dadurch kompensiert werden, dass ich im Zug am Tisch mit dem Laptop arbeiten kann und das HotSpot-Angebot der Telekom benutzen könnte.

Während es letzte Woche, bei meiner allerersten Benutzung von einem Telekom-HotSpot, halbwegs ging, war die aufgebrachte Leistung bei der Rückfahrt heute absolut katastrophal. Beim Losfahren habe ich einen Tagespass für 5€ erworben. Wie letzte Woche. Es ging gerade eine Stunde lang, danach wurde die Internetverbindung ständig abgebrochen und war nicht mehr zu benutzen.

Ich habe die Kontrolleure darauf aufmerksam gemacht, dass der WLAN nicht mehr ging. Am Anfang haben sie versucht, ihre Router oder was auch immer neu zu starten. Danach meinte ein Kontrolleur, im Ruhebereich wäre der WLAN Signal nicht verstärkt, was zu Probleme führen würde. WLAN sollte man in anderen Wagen benutzen. Prompt war mein gegenüber sitzender Nachbar (der auch trotz offenen Sandalen stinkende Füße mitgebracht hatte) dabei, mit einem süffisanten Lächeln, dem Kontrolleur nach zu plappern und mir zu sagen, „Sie hätten bei der Reservierung besser aufpassen sollen“. Pure Schadensfreude (oder 100% Boche, wie mir immer in solchen Momenten durch den Kopf geht). Der Ehemann hat sich für mich von zu Hause aus schlau gemacht, das mit dem Ruhebereich stimmt gar nicht. Auf der Webseite der Bahn steht, dass WLAN überall zur Verfügung steht. Außerdem saß ich letzte Woche schon dort und hatte fast kein Problem — also, verglichen mit heute hatte ich doch kaum Gründe, mich zu beschweren.

Am Anfang war der Zug so voll, dass ich an meinem reservierten Platz im Ruhebereich bleiben musste. Danach habe ich einen freien Tischplatz außerhalb vom Ruhebereich gefunden. WLAN ging. Wenigstens konnte ich arbeiten, dachte ich. Ich habe einige Emails bearbeitet. Dafür musste ich die Sitzplatzreservierung aufgeben. Aber eine Stunde später ging das Internet wieder nicht mehr. Entgültig. Die darauf angesprochene Kontrolleurin war schon genervt und hat jede Schuld oder Verantwortung von der Bahn erstmals grundsätzlich zurück gewiesen. Die Telekom ist schuld. Die Telekom kann nicht wissen, dass wir eine andere Strecke als ursprünglich geplant fahren und kann dadurch ihre Leistung nicht bringen. Das war letzte Woche doch kein Problem, obwohl wir auch eine abweichende Strecke gefahren sind. Die Startseite vom ICE-Portal selbst sagt dabei die ganze Zeit: „Leider ist das ICE Portal im Augenblick nicht erreichbar. Wir bitten Sie um etwas Geduld.“ Wenn das schon mal nicht geht, geht gar nichts. Nach über sieben Stunden Fahrt ist meine Geduld definitiv aufgebrochen.

Ich werde mich bei beiden Gesellschaften schriftlich beschweren. Ich glaube nicht, dass ich eine Antwort bekommen werde. Sollte ich mich doch irren, teile ich die dadurch entstandene Erheiterung hier mit.

Dazu kommt noch, dass wir schon wieder fast aber nicht ganz eine Stunde Verspätung haben. Wie letzte Woche. Verständnis dafür kann ich nicht mehr aufbringen. Man muss wenigstens zugeben, die Deutsche Bahn kann eines richtig gut: Die Verspätungen konsistent so knapp unterhalb einer Stunde halten, dass man keinen Anspruch auf Entschädigung hat.

Einige Stunden später…

Ich sitze noch im Zug. Gestartet sind wir heute Morgen mit einer Viertelstunde Verspätung. Grund dafür war eine technische Störung am Zug, oder Ähnliches. Einige Bahnhöfe später wurde sie zu einer halben Stunde. Es gab einen Polizeieinsatz, weil ein Fahrgast andere Passagiere belästigt hatte. Dann hieß es plötzlich, wir wären eine andere Strecke als geplant gefahren und hätten die Verspätung einigermaßen aufgeholt. Nur noch zehn Minuten Verspätung! Ein Zugbegleiter erzählte uns in einer fröhlichen Durchsage, dass wir sogar einen anderen Zug überholt hatten, den die Fahrgäste sonst verpasst hätten. Um direkt danach zu sagen, „es macht keinen Sinn, der ist sowieso überfüllt, man kommt nicht mehr rein“. Es hat mich an meinen Rückflug aus Israel erinnert, als eine Stewardess eine lange Durchsage gehalten hatte, für die, die gerade noch Hunger hatten, und vielleicht ein Sandwich möchten, leider leider gäbe es nichts mehr, alles wäre schon aufgegessen worden. Ich habe lachen müssen. Eine Station später mussten wir aus irgendeinem Grund lange am Gleis bleiben. Ich habe es nicht ganz mitgekriegt, ich hatte meine Kopfhörer an. Jetzt beträgt die Verspätung siebenundfünfzig Minuten[1]. Nachdem wir nach einem ziemlich brutalen Bremsen mitten im Nichts stehen geblieben sind. Bin ich froh, mir wenigstens eine direkte Verbindung ohne Umsteigen ausgesucht zu haben.

Seit Berlin sitze ich an einem Tisch. Am Nachbartisch saß ein nicht mehr so junger Mann, der ebenfalls mit seinem Laptop beschäftigt war. Er sah gar nicht schlecht aus, wobei ich es mir nur am Rande notiert hatte. Wir haben einige Banalitäten getauscht, aus Höfflichkeit, das war’s. Ich hatte mich zwecks Privatsphäre am freien Sitzplatz am Fenster verschoben und schief dort gesessen, um den Bildschirm von neugierigen Blicken zu schützen. Ich mag es nicht, wenn Fremde zuschauen, was ich gerade am Rechner mache. Der Typ am Nachbartisch ist nach drei Stunden ausgestiegen, nachdem er sich verabschiedet hat. „Untypisch, diese Freundlichkeit“, habe ich noch gedacht. Und ihn aus meinen Gedanken gelöscht.

Ich habe mich kurz danach auf Facebook eingeloggt, um meine Mami zu informieren, dass ich unterwegs war. Groß war meine Überraschung, als ich dort eine Freundschaftseinladung gesehen habe. Facebook nutze ich erstmals sehr selten und zweitens nur für enge Freunde und die Familie, die weit weg von mir wohnt. Nicht mal meine Kollegen lasse ich ran, und mein Profil ist so eingeschränkt wie es geht. Nicht suchbar, außer von Freunden. Dem Profilfoto nach zu beurteilen, stammte die Freundschafteinladung vom Typ vorhin im Zug. Äußerst unangenehm. Namentlich vorgestellt hatte ich mich nicht, und ich hätte erwartet, dass man wenigstens um die Erlaubnis bittet, wenn man schon die ganze Zeit zusammen reist. Und überhaupt, wie war er an mein Profil gekommen? Ah ja… Meine Laptop-Tasche lag die ganze Zeit auf dem Sitzplatz neben mir, den ich am Gang reserviert hatte, weil der Zug angeblich voll war[2]. Ich habe schon so lange eine Visitenkarte in der dafür vorgesehenen Hülle der Tasche, dass ich gar nicht mehr daran denke. Die Tasche lag mit der Visitenkarte sichtbar. Und Facebook hat ja die Profiladresse so eingestellt, dass man mit vorname.nachname leicht zu finden ist. Daher hatte ich meine Adresse als vorname.nachname.nummer geändert. Echte Freunde sollten mich doch noch finden können. Tja. Hätte ich wenigstens meine Visitenkarten mit meinem Ehenamen aktualisieren lassen…

[1] Mehr als eine Stunde wird es nie. Sonst müssen sie deutlich mehr Geld zurück erstatten.

[2] Pustekuchen. So leer habe ich einen Zug selten erlebt. Schön. Es ist auch angenehm kühl hier drin. Die Internetverbindung vom HotSpot der Telekom ist leider nicht so stabil, wie man es sich für 5€ wünschen würde.

Unterwegs

Ich bin für eine Woche auf Dienstreise. Es war schon lange geplant, obwohl ich nicht besonders Lust darauf hatte. Es war mal im Gespräch, dass Pawel und ich an dieser Konferenz teilnehmen. Am Ende bin ich die Einzige in der Gruppe, die hinfährt. Und diesmal halte ich nicht mal einen Vortrag. Nur ein Poster wurde angenommen. Ich bin enttäuscht. Es ist weniger Arbeitsaufwand, aber man verbreitet seine Ergebnisse nicht so effektiv. Vorträge sehe ich auch als Werbung für mich, wenn ich mich wegbewerben will. Ich nehme an, ich habe schon zu häufig über meine Arbeit bei Konferenzen geredet. Jetzt sind andere dran. Bei tausend Teilnehmern ist es klar, dass nicht jeder einen Vortrag bekommt. Kate hätte sich gefreut. Sie hasst es, Vorträge halten zu müssen.

Mein Mangel an Begeisterung für diese Konferenz hat dazu geführt, dass ich mich ziemlich spät um die Organisation meiner Reise gekümmert habe. Zug und Hotel erst am Montag gebucht. Ich hatte Glück und konnte noch ein preiswertes Hotel finden. Na ja, ziemlich teuer eigentlich, aber für das Land ist es preiswert. Die Finanzabteilung hat es genehmigt. Mit den Bahnkarten war es nicht optimal. Vor einigen Monaten hätte ich Fahrkarten für 25€ bekommen können. Jetzt nicht mehr, es ist trotzdem immer noch billiger als fliegen, also habe ich gebucht. Es dauert länger, ist aber umweltfreundlicher. Das hört man mindestens immer wieder. Der Zug ist direkt und der Bahnhof nah am Hotel. Direkt ist gut. Ich habe schlechte Erfahrungen mit Verspätungen mit der Bahn gemacht. Ein oder zweimal im Jahr kann ich ja Bahn fahren. Die Sitzplatzreservierung habe ich nur gestern am sehr späten Abend gemacht. Fast hätte ich es vergessen. Sitzplätze am Tisch und am Fenster gab es nicht mehr. Ich habe einen am Tisch am Gang ergattert. Hauptsache am Tisch.

Heute Morgen hat mich der Ehemann zum Bahnhof begleitet. Ich musste nur zum Bahnhof Südkreuz, also nicht weit von zuhause. Wir sind trotzdem sehr früh angekommen. Ich will immer eine halbe Stunde vor Abreise am Bahnhof sein, wenn ich weit weg muss. Das war gut so. Als der Zug angekündigt wurde, hieß es, er wäre gestrichen. Das hat mich schon ganz schön genervt. Bei der Sitzplatzreservierung heute Nacht kurz vor eins war noch keine Rede davon. Wir sind zur Information der Bahn gegangen, und der Mann am Schalter sagte, wir sollten mit einem RE Zug, der zehn Minuten vor dem ursprünglich geplanten ICE fuhr, zum Hauptbahnhof und dort in den ICE einsteigen. Er würde auf den RE warten. Also los. Den Hauptbahnhof mag ich nicht. Er ist mir zu groß. Wir mussten heute von der tiefsten Ebene zu den Gleisen ganz nach oben gehen. Dort haben wir erfahren, dass der Zug eine Viertelstunde Verspätung hatte. So war es also. Der ICE hatte schon vor dem Start eine so lange Verspätung, dass der Halt in Südkreuz gestrichen wurde.

Als der Zug angezeigt wurde, war die erste Klasse bei den Abschnitten E-F angekündigt. Mein Wagen sollte im Abschnitt B sein. Wir haben dort gewartet. Es war angenehm, es waren nur sehr wenige Leute dort. Wahrscheinlich alle blauäugig wie ich, die den Durchsagen der Bahn blind vertrauen. Es kam genau andersrum. Die erste Klasse bei A-B, mein Wagen auf der ganz anderen Seite. Chaos auf dem Gleis, als die Reisenden quer durcheinander versuchten, zu ihren Wagen zu gelangen. Wir sind nur so lange gelaufen, bis die Menschendichte deutlich geringer wurde. Ich bin mitten im Zug eingestiegen. Sonst hätte es passieren können, dass ich bis zu meinem Wagen gegangen wäre, um den Zug ohne mich weg fahren zu sehen. Drin war es natürlich chaotisch. Stau in den engen Fluren. Ich habe den Ehemann noch neben dem Zug gesehen, als wir los gefahren sind. Ich hätte den Zug verpasst, wenn ich versucht hätte, am Gleis zu meinem Wagen zu kommen. Zehn Minuten nach Abfahrt bin ich zu meinem Sitzplatz angekommen. Der Wagen war fast leer. Alle Tische frei. Meine Reservierung war oberhalb von meinem Platz nicht vermerkt. Bei allen Sitzplätzen sind eigentlich bis kurz vom Ziel keine Reservierungen vermerkt. Vermutlich auch eine Panne.

Mit der Bahn durch Berlin unterwegs…

Ich bin mit der S-Bahn auf dem Weg zur Arbeit. Heute ohne Fahrrad, weil es bei der Arbeit spät wird. Eigentlich hätte ich den Hinweg radeln können. Hätte ich machen sollen. Nur die Aussicht auf Regen hat mich davon abgehalten. Ein Fehler. Ich hätte mir Ärger gespart und wäre noch schneller angekommen.

Heute herrscht wieder mal Bahn-Chaos. Der Gleis bei mir war unglaublich voll mit Menschen gepackt, der Zug vorher muss ausgefallen sein. Beim Umsteigen in Schöneberg ist auch eine Ringbahn ausgefallen, die nächste kam zehn Minuten später. Beim nächsten Umsteigen habe ich nochmal zehn Minuten warten müssen. Und andauernd hört man die Durchsagen wegen Zugausfällen und Verspätungen.

In der S1 war es besonders schlimm. Weil so viele Leute auf die Bahn gewartet haben, war der Zug voll. Einen Sitzplatz im Fahrradabteil konnte ich ergattern. Fünf Fahrräder waren schon drin. Gegenüber von mir saß eine ältere Dame mit ihrem Fahrrad. Direkt nach einer Haltestelle hat ihr Sitznachbar sie plötzlich angebrüllt, dass sie ihn aussteigen lassen soll. Um die fünfzig Jahre alt, graue Haare, buschiger Bart, olivgrüne Jacke ohne Ärmel und voll tätowiert. Sie hat sich verbal gut und ruhig gewehrt. Als der Mann aufgestanden ist, um noch einige Minuten bis zur nächsten Haltestelle vor der Tür zu stehen, ist sein Gestank bei meiner Nase angekommen. Volle Pulle Alkohol. Die Fahrradfahrerin hat ein Fenster geöffnet. Als nächste ist eine junge Frau eingestiegen, und musste gleich die  Dame schimpfen, weil die Fahrräder vor leeren Sitzplätzen standen. Höfflich fragen, ob man durchkommen darf, liegt wohl längst nicht mehr im Trend. Wozu gute Erziehung, wenn es agressiv auch geht?

Autismus in der S-Bahn

Junger Mann sitzt in der S-Bahn. Ziemlich groß, gepflegt angezogen, aber die Körperhaltung, mit dem Hinten auf der Kante vom Sessel und so breitbeinig zusammengesackt, verrät den Mangel an guten Manieren. Seine Knien reichen bis zum Sessel gegenüber von ihm. Ohrstöpsel an, mit dem Handy beschäftigt. Die Welt könnte untergehen, ohne dass er davon Kenntnis nimmt.

Schräg gegenüber von ihm sitzt eine Frau. Wir kommen an eine Haltestelle. Die Frau steht auf und will offensichtlich austeigen. Wenn sie sich nur von ihrem Platz weg bewegen könnte. Der Mann Balg sperrt ihr komplett den Weg. Sie spricht ihn an, er zeigt keine Reaktion. Sie schubst ihn leicht. Immer noch kein Zeichen von Wahrnehmung. Sie streckt beide Arme und drückt mit den Händen so stark gegen seine Beine, dass diese doch zur Seite rutschen müssen. Er hebt den Kopf, schaut die Frau kurz an. Sie kann endlich raus und steigt aus. Er bleibt an der Stelle und schaut wieder aufs Handy.

Die Situation ist so skurril, dass ich ein Lachen nicht unterdrücken kann. Leise. Das merkt er doch. Sichtlich gestört, steht er auf und verschwindet.

Echt die Schnauze voll von der Bahn

Heute war zu viel. Ich halte es nicht mehr aus.

Es fing heute Morgen im ersten Zug an. Nach der zweiten Station hat sich ein Mann mir gegenüber hingesessen. Ich war am Nachrichten lesen und habe ihn zuerst nicht beachtet. Er hat angefangen zu reden. In der Bahn passiert es häufig, dass Leute laut vor sich hin reden, ohne einen konkreten Ansprechspartner zu haben. Ich habe trotzdem zugeschaut. Er hatte sich anscheinend vorgenommen, mit mir zu reden. So ein Mist. Sein Aussehen wirkte nicht einladend. Er sah geistlich nicht ganz dicht aus und ich wollte nichts mit ihn zu tun haben. Ich habe mich also dabei ertappt, wie ich ihn aufgrund seines Aussehens für etwas so sinnloses wie ein Gespräch aussortiert hatte. Der Grund, warum er mich ansprechen wollte, war, dass ich eine Laptop-Tasche mit mir trug, mit der Inschrift von einer früheren Tagung über Materialwissenschaften[1]. Er wollte wissen, worum es dabei ging. Kurz überlegt, ob ich nicht einfach sagen sollte, „Sorry, I don’t speak German„. Ich hatte ja kein Bock, mit ihm zu reden. Andererseits ist es sehr unüblich, in der Bahn freundlich angesprochen zu werden. Obwohl er mir komisch vorkam, oder vielleicht genau deswegen, habe ich geantwortet. Es hätte sein können, dass ich ihn unterschätzt hätte. Er hatte zwar das Wort „Spektroskopie“ nicht benutzt, aber gesagt, dass er wusste, dass man Materie aufgrund ihrer wellenlängenabhängigen Absorption mit Licht untersuchen könnte… „Wow“, dachte ich. Vielleicht hat er Kinder, die in dem Bereich arbeiten. Und Steuerzahler sollen wissen, was mit ihrem Geld in Forschungsinstituten gemacht wird. Soviel zur Theorie von wissenschaftlicher Aufklärung. Blöderweise habe ich in meiner kurzen Erläuterung das Wort „Atom“ benutzt. Gleich fing er an, laut von Neutronen und Uranium zu monologisieren, und am Ende hieß es, ich würde Wasserstoff-Atombomben bauen. Dabei ist er aufgestanden und bei der nächsten Station ausgestiegen. Was für ein verrückter Typ. Obwohl ich es diskriminierend fand, hätte ich ihn doch vom Anfang an ignorieren sollen. Ich sollte aufhören, mein Bauchgefühl so bewusst zu missachten.

Ich bin später ausgestiegen. Die Ringbahn bringt mich auch nicht ans Ziel und ich muss meistens zwei mal umsteigen, um zur Arbeit zu kommen. Es gab kurz vor der Station die übliche Durchsage im Zug, dass Reisende nach Schönefeld hier aussteigen sollten. Nun, als ich ausgestiegen bin, gab es am Gleis eine andere Durchsage, weil es aufgrund von Bauarbeiten keine direkte Verbindung mehr gab und man mit der Ringbahn erstmal weiter fahren sollte. Zu spät gehört, auf die nächste Bahn gewartet, Umweg gefahren, spät angekommen. Die BVG ist zu dämlich, um automatische Meldungen im Zug auszuschalten, wenn sie mal nicht mehr zutreffen.

Heute Abend auf dem Weg nach Hause wurde es nicht besser. Überfüllte Bahn, da meine üblichen Züge wegen den Bauarbeiten nicht mehr fahren. Ich habe meine Überdosis an menschlicher Nähe erreicht. In einer Ecke vom Wagen saß ein Pack von übergepiercten Männern mit Bierflaschen. Ich habe mich kurz gefragt, ob sie auf dem Weg zum nächsten Asylbewerberheimbrand unterwegs waren. Beim nächsten Umsteigen ist mir die Bahn vor der Nase weggefahren. Zehn Minuten Wartezeit. Ich habe am vorderen Ende des Gleises eine Ecke ohne Zigarettenqualm gefunden. Eine Herausforderung. Als der Zug kam konnte ich immerhin einen Sitzplatz finden. Hinter mir standen mehrere jungen Frauen und ein Mann vor der Tür. Der Mann fing an, ihnen in einer merkwürdigen Stimme laut zu erzählen, dass rauchende Leute im Grunde nicht böse sind. Immer wieder durch kurze laute „Äh“ unterbrochen. Ich habe mich umgeschaut, falls die Mädels Hilfe brauchten. Die eine fühlte sich offenbar so belästigt, dass sie gleich den Wagenflur entlang geflohen ist. An der nächsten Station ist der Mann ausgestiegen. Er zuckte die ganze Zeit beim Gehen mit den Schultern. Vielleicht eine neurologische Krankheit, die das sehr eigenartige Sprechen erklären würde. Ich dachte, jetzt ist aber Ruhe, bis ich aussteige. Nein. Jemand hinter mir hat sich ein Brötchen mit Leberpastete rausgeholt. Schal vor der Nase. Über den Gestank von billiger Salami etc. habe ich mich hier schon häufig genug beschwert. Ich war so froh, endlich an die frische Luft auszusteigen, dass ich erstmal tief eingeatmet habe.

Mir hat es gereicht. Das will ich mir nicht jeden Tag antun. Jetzt ist es nicht mehr so kalt und es soll diese Woche nicht regnen. Es wird Zeit, mein Fahrrad wieder zu benutzen. Von zu Hause aus bis zur Arbeit brauche ich mit der Bahn knapp über eine Stunde, mit dem Fahrrad laut Google maps auch. Keine Spinner mehr, und auch weg mit dem Winterspeck.

[1] Genauer gesagt, von dieser Tagung. Die Tasche habe ich vor Kurzem beim Umzug wieder gefunden. Sie sieht wie neu aus.

Die Zicke im Zug

Ich bin gestern wieder so lange mit dem Zug gefahren, um meine Katze zu besuchen. Es dürfte das vorletzte Mal sein, ich hoffe sehr, dass ich sie am nächsten Wochenende beim eventuellen Umzug nach Berlin mitnehmen kann. Oder vielleicht kann ich sie schon mitnehmen, auch wenn der Umzug nicht nächstes Wochenende statt findet. Der Mietvertrag für meine neue Wohnung geht erst ab Donnerstag.

Ich war überrascht, dass es so wenige Leute im Zug gab. Gut, ich habe eine andere Verbindung als sonst genommen. Um die gleiche Uhrzeit weggefahren, aber eine Stunde später als sonst angekommen. Ich glaube, wegen Schäden durch Gewitter diese Woche. Das meinte wenigstens eine Kollegin gestern, als ich mich gewundert hatte, warum meine übliche Verbindung nicht zu buchen war und diese so lange dauerte.

Es war also relativ entspannt. Ich bin am Südkreuz eingestiegen und habe mich bequem an meinem reservierten Platz am Tisch installiert. An meinem Tisch saß noch eine Frau mit ihrer Tochter, auf der anderen Seite des Ganges war eine sehr jung aussehende Frau mit zwei Kleinkindern. Alle gut gelaunt und friedlich. Was für ein Kontrast mit den vorherigen Wochen! Die Frau an meinem Tisch meinte, es würde daran liegen, dass die Schulferien in Berlin vorbei sind.

Am Hauptbahnhof sind neue Reisende eingestiegen, und wir haben schnell festgestellt, dass die Sitzplätze doppelt reserviert waren. Da der Wagen so leer war, war es kein Problem. Eine ältere Dame, die bestimmt über 80 war und schwer gehen konnte, ist von ihrer Sitznachbarin für ihr Gepäck geholfen worden. Es hat mich gefreut zu sehen, wie Leute spontan hilfreich sein können, ich habe es in Deutschland nicht so häufig erlebt.

Ich glaube, es war in Hannover, als zwei jungen Frauen zu unserem Wagen eingestiegen sind. Wie die anderen haben sie nach ihren gebuchten Sitzplätzen gesucht und haben sie gefunden: Genau da, wo die ältere Dame mit ihrer Nachbarin saß. Die eine fing gleich an, durch den ganzen Wagen laut zu sagen, dass sie hier reserviert hatten und die beiden Frauen weg gehen sollten. Die ältere Dame konnte nicht viel sagen und hat da gesessen und leicht mit der Hand auf ihrem Stock gezittert (wahrscheinlich eine degenerative Krankheit); ihre Nachbarin hat erklärt, dass sie ebenfalls diese Sitzplätze reserviert hatten. Die Zicke hat also verlangt, die Fahrtkarten der beiden Frauen zu sehen, und als sie festgestellt hat, dass die Sitzplätze tatsächlich doppelt gebucht waren, fing sie noch an, sich darüber zu streiten, wer denn zuerst die Karten gekauft hätte, weil sie schon in Mai gebucht hatte und meinte, deswegen mehr Anspruch auf genau diese Sitzplätze als die zwei anderen Frauen zu haben, die aber auch durch die Bahn ihre Karten erworben hatten. Wohl gemerkt, der Wagen war noch gut zur Hälfte leer. Der junge Mann hinter mir hat zum Glück sehr schnell reagiert und der Zicke gesagt, dass Sitzplätze doppelt gebucht waren, genau wie seiner auch, und dass sie sich bei den vielen freien Plätzen nicht so anstellen soll und das Geld für ihre Reservierung bei der Bahn zurück verlangen könnte. Daraufhin hat die Zicke endlich die Klappe zu gemacht und ist mit ihrer Reisebegleiterin zu einem anderen Sitzplatz gegangen.

Längeres Wochenende

Dadurch, dass ich am Freitag mit einem früheren Zug gefahren bin und einen Liegeplatz im Nachtzug für die Nacht von Sonntag auf Montag reservieren konnte, konnte ich am Wochenende viel mehr machen als bei den letzten zwei.

Die Fahrt am Freitag ging schnell. Weil ich so müde war, dass ich fast nur geschlafen habe. Blöd nur, dass ich meine Wachskugel nicht mehr finden konnte. Wie sich später herausgestellt hat, waren sie ganz unten in meinem Rucksack statt in meiner Handtasche. Das Paar neben mir war ganz schön laut am Anfang. Einschlafen im Zug ist manchmal interessant. Man baut die verschiedenen Gespräche deformiert in den Halluzinationen vor dem Schlaf ein, es kann sehr irre werden. Ich hatte am Tisch reserviert, wie immer. Ich verstehe nicht, warum nicht mehr Leute bei einer so überlasteten Verbindung einen Sitzplatz reservieren. Am Ostbahnhof geht es, da steigen ganz wenige Leute ein. Am Hauptbahnhof wird es plötzlich extrem hektisch, mit genervten Leuten, die sich immer beschweren, dass es so voll ist… Dabei ist die S-Bahn-Fahrt bis zum Ostbahnhof gar nicht so lang. Vielleicht denken die meisten Leute gar nicht daran, von einer Haltestelle aus früher zu starten; die Suche nach einem freien Platz wäre viel entspannter.

Ich möchte sonst noch meinen potentiellen Mitfahrern etwas für mich Wichtiges mitteilen, dass ich so häufig erlebt habe: Wenn ihr für die lange Reise etwas zum Essen packt, ist es ganz vernünftig. Aber muss es unbedingt Brot mit der billigen deutschen Salamisorte sein, die so fürchterlich im ganzen Wagen stinkt, oder mit Leberpastete? Was für ein Spaß, wenn die Dose mit dem Brot nach einigen Stunden Hitze geöffnet wird! Frischkäse tät’s genau so gut und wäre dabei nicht so fett. Dagegen riecht die italienische Salami sehr angenehm, sie liegt Welten von der deutschen entfernt. Allerdings gilt’s auch für Kollegen die im Büro essen (den Fall habe ich zum Glück bei meiner neuen Arbeit nicht gehabt, wir essen in der Mensa).

Am Freitagabend bin ich vor Einbruch der Dunkelheit nach Hause gekommen. Meine Katze hat mir wieder Vorwürfe für die lange Abwesenheit gemacht. Meine Vermieterin meinte, sie hätte sich diese Woche schlecht gelaunt verhalten, als sie kam, um sie zu füttern. Es kann aber auch an der Hitze liegen, bei Außentemperaturen über 30°C liegt sie am Boden und meckert. Wir wohnen unter dem Dach. Das ist ein anderer Grund, warum ich die Dachwohnung mit der so hohen Maklerprovision lieber nicht nehmen möchte. Zur Not ist sie besser als nichts. Bei der schönen Erdgeschosswohnung habe ich noch nichts gehört, und die Frau wollte mir am Ende letzter Woche Bescheid gesagt haben. Es gab plötzlich einen anderen Kandidaten, als ich am Mittwoch angerufen habe. Am Montag sagte sie noch, ich würde den Zuschlag bekommen (was auch immer das bedeutet, ich hatte es als positiv gespeichert).

Ich bin früh ins Bett gegangen. Ich wollte vor dem Einschlafen ein bisschen lesen. Ich weiß noch, wie ich unter meinem Kopfkissen nach einem Buch gesucht habe (es gibt häufig ein oder zwei Bücher unter meinem Kopfkissen). Aber plötzlich war es ganz hell im Zimmer und es war kurz nach 07:00. Das Buch lag noch unter dem Kissen, die Nachtleuchte war noch an. Ich habe vom Einschlafen nichts gemerkt.

Das Wochenende habe ich fast nur mit Putzen verbracht. Staubgesaugt, Boden gewaschen, Kleider in die Waschmachine, meine Sachen und kleine Möbel aus der kleineren Wohnung zur größeren gebracht… Beim Staubsaugen habe ich eine Spinne entdeckt. Eine echte Spinne, von dem Typ groß ekelhaft dick braun. Sie war in einer Ecke versteckt. Es kann sein, dass meine Vermieterin, die über meine Phobie informiert ist, versucht hat, sie zu entsorgen. Der Staubsauger lag nicht wie sonst. Vielleicht hat sie sie vor einer Besichtigung gesehen. Wo die Spinne war, sah es nicht sehr gemütlich aus. Es war so eng, zwischen Wand und Leiste am Boden, ich habe nur die Beine zusammengewinkelt gesehen, die raus ragten. Vielleicht war sie schon tot. Ich muss sagen, es ist sehr selten vorgekommen, dass ich in dieser Wohnung Spinnen getroffen habe.

Die Rückfahrt im Nachtzug war nicht so toll. Ich hatte meinen Wecker um 04:20 gestellt, weil ich so früh in Berlin ankommen sollte. Ich bin aufgestanden, habe mich frisch gemacht, habe den Rucksack auf dem Rücken gepackt, nach draußen geschaut, wir fuhren gerade an einem Bahnhof vorbei… Magdeburg. Mist. Zurück zur Liege. Schlafen konnte ich für die kurze Zeit schon nicht mehr. Wir hatten insgesamt anderthalb Stunde Verspätung. Ich hätte mich blind darauf verlassen sollen, dass die Kontrolleure einen kurz vor Anreise wecken. Wobei eine halbe Stunde davor schon zu viel ist. Aufstehen, aufs Klo gehen, Gepäck sammeln, dafür braucht man doch nicht so lange. Ich hatte ursprünglich vor gehabt, die Nacht im Büro auszuschlafen, aber bei der verspäteten Ankunft lohnt es sich schon nicht mehr. Bald kommt mein dritter Zimmerkollege an.