Außergewöhnlich hohes Reisendenaufkommen

Mir scheint’s, sobald sich die Gelegenheit ergibt, müssen die Münchener aus ihrer Stadt fliehen.

Ich sitze in der DB Lounge und wollte prüfen, ob mein Zug wie geplant fährt. Es gab heute Nacht heftige Gewitter, mit unglaublich vielen Blitzen und lautem Donner, schlafen war unmöglich. Heute ist es wieder schön sonnig und warm, aber der Ehemann meldete am frühen Nachmittag Gewitter in Berlin.

Also habe ich auf der Webseite der Deutschen Bahn geschaut und mir wurde empfohlen, aufgrund von Unwettergefahr die Reiseauskunft zu besuchen. Und siehe da: Meine Verbindung ist mit einem Ausrufezeichen markiert. Der Zug soll jedoch fahren, die Warnung sagte nur, dass heute furchtbar viele Leute mit der Bahn unterwegs sind. Mein Zug ist völlig ausgebucht, sowohl in erster als auch in zweiter Klasse. Kann mir egal sein, ich habe einen Sitzplatz reserviert. Morgen ist in Bayern Feiertag, alle wollen weg. Bei der Wettervorhersage kann ich es nachvollziehen.

Ich sitze in der Lounge neben dem Empfang. Soeben hat sich ein Reisende beim netten jungen Mann beschwert, dass sein Zug nach Berlin noch nicht abgefahren ist und immer noch ohne Auskunft am Gleis steht. Ich hoffe, mein Zug fährt.

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SEV nimmt kein Ende

Oder, um ein altes und gerade sehr passendes Sprichwort zu zitieren: Quand y’en n’a plus, y’en a encore. Ich weiß jetzt nicht, wie es ins Deutsche übersetzt wird, und um die späte Uhrzeit ist es mir egal.

Heute früh, kurz nach sieben Uhr morgens. Das Fenster vom Schlafzimmer ist ganz breit auf. Ich höre, wie die S8 am Bahnhof ankommt. Ich wiederhole: Ich höre die S-Bahn! Wahnsinn! Die Wochen des Leidens sind vorbei! Ich kann endlich wieder von zu Hause aus mit der S-Bahn zur Arbeit fahren, nachdem ich gestern noch die letzte Strecke SEV lieber zu Fuß gemacht habe, weil es sich zeitlich einfach nicht lohnte, für den kurzen Abstand so lange auf den Bus zu warten. Trifft sich gut, weil ich aufgrund des Regens keine Lust hatte, Fahrrad zu fahren.

Ich hatte nicht mehr damit gerechnet, weil, obwohl der Brief der Deutsche Bahn uns ein Ende des Chaos für den 15. April angekündigt hatte, ich letzte Woche auf dem SEV Fahrplan lesen konnte, dass es wohl bis Freitag, 20.4.2018 3 Uhr dauern würde. Was heute Abend geschah, war trotzdem nicht auf dem Plan (ich hab’s noch auf meinem Handy als Foto-Beweis).

Ich war heute mal nicht beim Sport, sondern bei einer Kollegin zum Abendessen und quatschen. Kurz nach 22:00 habe ich mich auf den Weg nach Hause gemacht. Ich hatte gesehen, dass die Verbindung zwanzig Minuten zuvor mit Bus und S-Bahn ganz normal lief, konnte aber wegen meines miesen Vodafone-Empfangs nicht sehen, wie es danach ging. Vermutlich auch mit Bus und S-Bahn.

Als ich im Bus saß, konnte ich die Anfrage auf der App aktualisieren und da stand, Bus bis Pasing und SEV. Ab Pasing schon? Das hatten wir noch nie, seit Beginn der Bauarbeiten. Dort angekommen, bin ich erstmals schnell zum Gleis gelaufen. Dort war die S8 bis Herrsching angekündigt, und es gab sogar eine Durchsage, zusätzlich zur Info-Tafel, um zu informieren, dass sie nicht wie üblich am Gleis 7, sondern am Gleis 8 direkt gegenüber ankommen würde. In zwei Minuten. Super, habe ich gedacht. Die S8 kam, doch auf Gleis 7. Alle Passagiere sind ausgestiegen, und das Licht in der S-Bahn wurde ausgeschaltet. „Bitte nicht einsteigen,“ konnte man hören. Also doch SEV, der zweimal so lange für die Strecke braucht.

Ich bin schnell zur SEV-Haltestelle gelaufen und habe ganz viele Leute dabei überholt. Gut gemacht. Für mich. Den es gab nur einen Reisebus, um die ganze Bahn zu ersetzen. Ich habe einen Sitzplatz ergattern können, ein Paar Sekunden später war der Bus schon so voll, dass Leute dicht im Gang stehen mussten und viele draußen nicht mehr einsteigen konnten. Ob ein anderer Bus kommen würde? Der Fahrer hatte keine Ahnung. Besonders bitter: Die nächste Verbindung mit der S8 sollte erst eine knappe Stunde später sein.

Kurz nach Germering haben wir zwei anderen SEV-Busse gesehen, die in die Gegenrichtung rasten. Der Fahrer hat danach einen Anruf bekommen, vermutlich von Kollegen, die über die „Verstärkung“ geredet haben. Der Fahrer meinte, es wäre jetzt wohl umsonst, da er schon seit über zwanzig Minuten Pasing verlassen hatte. Bis die anderen Busse dort ankommen, ist schon bald die nächste S-Bahn dran, die viel schneller fährt. Warum vereinzelte Züge noch ersetzt werden müssen, wenn andere ganz normal fahren dürfen, ist mir allerdings ein Rätsel.

Im Zug nach München

Ich bin mal wieder unterwegs. Das Pendeln ist ätzend, aber so lange der Ehemann keine Stelle in oder um München findet, müssen wir durch. Dieses Wochenende war ich dran.

Ich wollte heute meine nächsten Wochenende planen, und musste dabei feststellen, dass die Deutsche Bahn auf einmal die Preise heftig nach oben geschraubt hat. Frühlingseffekt? Ich habe beschlossen, dass wir uns doch nicht jedes Wochenende sehen müssen, was der Ehemann akzeptiert hat. Mit der teuren Wohnung in München, die ich momentan ganz alleine bezahle, und der Eigentumswohnung in Berlin, die dem Ehemann zwar gehört, ich aber auch mitfinanziere, weil er weniger verdient, ist das wöchentliche Pendeln ein Luxus, das wir uns schlecht leisten können.

Wenigstens kann ich während der vierstündigen Fahrt WLAN im Zug benutzen, um zum Beispiel endlich alle interessante Videos von Mitbloggern zu laden, die ich sonst unter der Woche nicht gucken kann. Schuld ist, schon wieder, die doppelte Haushaltsführung. Den Vodafone-Vertrag nehmen wir erst nach München mit, wenn der Ehemann zu mir zuzieht. Bis dahin bin ich auf meinem Handy als Hotspot angewiesen, was mit dem schlechten Empfang in meinem Wohnort kein Spaß ist. Temporäre Lösungen wie Surfstick ohne Vertrag gibt es zwar, wenn man googelt, aber sobald man im Shop danach fragt, haben sie es doch nicht. Egal welcher Anbieter.

Das geht aber nur gut, mit dem WLAN im Zug, wenn es tatsächlich funktioniert. Am Freitag war es ganz schwer. Die erste Stunde konnte ich keine einzige Seite laden. Danach klappte es. Heute geht WLAN wunderbar. Dafür haben wir im ganzen Wagen keinen Strom aus den Steckdosen, und das, obwohl wir in erster Klasse sitzen! Ja, ich weiß, warum erste Klasse fahren, wenn das Geld schon knapp ist? Manchmal muss man Glück haben, es war echt ein Schnäppchen, als ich gebucht hatte. Jetzt fühle ich mich doch nicht so glücklich darüber. Nach einer Stunde Fahrt ist mein Akku zur Hälfte leer. Irgendwann werde ich mich zu einem anderen Wagen schleichen müssen, um den Laptop aufzuladen.

Ach, und zum Essen haben sie auch kaum was, heute, im Zug. Die junge asiatische Frau, die unsere heutige Bistrobedienung ist, fragt uns immer wieder, was wir bestellen wollen, muss aber gleich danach sagen, dass es keine warme Küche gibt. Wie gut, dass ich mich beim Familienbesuch vom Ehemann heute Nachmittag voll mit Kuchen gestopfft habe.

Die BVG hat wieder zugeschlagen

Einmal zu viel. Etwas muss sich ändern. Ich will nicht mehr so abhängig vom ÖPNV sein, wenn es zu solchen Verspätungen und Chaos kommt. Entweder muss ich eine neue Arbeitstelle in der Nähe von der Wohnung finden, oder wir ziehen um, oder ich steige zum Auto um, was nebenbei meine Fahrzeit zur Arbeit mehr als halbieren würde, ich habe mal wieder die Schnauze voll. Jeden Tag die 42 Kilometer hin und zurück mit dem Fahrrad zu fahren ist nicht realistisch, da ich eine minimale Wohlfühltemperatur brauche, um es zu benutzen, und ein paar Tage im Monat geht es auch wirklich nicht, wenn ich so stark verblute, und auch nicht, wenn ich ganz früh morgens einen Termin habe, da das Unfallrisiko in Berlin doch recht groß ist…

Zweimal diese Woche habe ich über anderthalb Stunden gebraucht, um nach Hause zu fahren. Mit dem Fahrrad bin ich schneller. Besonders hat es mich gestern geärgert. Die Hinfahrt lief problemlos, was, zugegeben, recht beindruckend war, ein Tag nach dem Kabeldiebstahl, der die Bahn lahm gelegt hat. Die Nachricht hatte ich zum Glück vorgestern vom Bett aus im Radio gehört, und ich hatte mir gar nicht die Mühe gegeben, zur S-Bahn zu gehen. Stattdessem war ich Bus gefahren, was fast genau so lange wie mit dem Fahrrad dauert. Wir hatten uns mit dem Ehemann nach dem Feierabend in einer Brauerei verabredet, deswegen ich das Fahrrad nicht benutzt hatte. Das war der Grund, warum ich diese Woche nur zweimal so lange nach Hause gebraucht habe. Das andere Mal war am Montag.

Am Montag wollte ich auch ursprünglich zum Fitnessstudio, ich war sogar mit der Sporttasche zur Arbeit gekommen. Und wollte deswegen abends mit Bahn statt mit Bus fahren, um früher anzukommen. Zuerst hatte mich die Anzeige für die Tram in die Irre geführt. Eine Viertelstunde Wartezeit? Da bin ich schneller zu Fuß, um zur S-Bahn zu kommen. Ich war drei Minuten später noch nicht an der nächsten Tram-Haltestelle, da überholte mich die Tram. Von wegen eine Viertelstunde. Es hätte mir aber nichts gebracht, weil ich die S45 doch noch erwischen konnte, die früher hätte fahren sollen. Es hätte mir eine Warnung sein sollen. Einsteigen konnte ich, wie auch alle anderen Fahrgäste, die nach mir gekommen sind. Wenigstens habe ich einen Sitzplatz bekommen können, danach wurde es überfüllt und stickig, und die Bahn fuhr erstmals nicht weg. Keine Ahnung warum, die Durchsagen vom Fahrer waren unverständlich. Nach einer Weile konnten wir doch starten, um zwei Stationen weiter zu erfahren, dass wir alle aussteigen sollen. Der Zug war defekt. Ich bin also doch zum Bus umgestiegen. Das hätte ich von vorne rein machen sollen. Ich bin am Ende so spät angekommen, dass ich keine Lust mehr hatte, zum Fitnessstudio zu gehen. Anderthalb Stunden Training, duschen, nach Hause gehen, ich wäre nicht vor neun angekommen, und wir müssen diese Woche recht früh aufstehen. Stattdessen konnte ich den Ehemann überzeugen, joggen zu gehen. Das haben wir nur eine halbe Stunde durchgezogen, danach musste er aufhören. Achillessehne.

Gestern früh schien laut BVG-App alles wie gewöhnt zu laufen, und ich habe tatsächlich „nur“ eine Stunde zur Arbeit gebraucht. Es war ungewohnt früh, ich bin um sieben angekommen. Der Ehemann muss die ganze Woche ab sechs die Arbeit anfangen. Der Glückliche braucht jetzt nur zehn Minuten zur Arbeit und ist ÖPNV-unabhängig geworden. Ich musste gestern im Labor arbeiten, und habe mir gedacht, je früher ich anfange, desto besser. Danach könnte ich früh nach Hause fahren und zum Fitnessstudio gehen, bevor es zu voll wird. So viel zur Theorie.

Kurz vor vier habe ich mich von meiner Arbeit gerissen, um endlich mal einen frühen Feierabend genießen zu können. Ich hätte problemlos weiter arbeiten können, da ich gerade dabei bin, Programm#1 für Qt5 kompatibel zu machen (alles wegen Mac-Nutzer, weil Qt4 seit Sierra nicht mehr auf Mac zu benutzen ist, wie ich am eigenen Arbeitsrechner feststellen musste). Bewusst habe ich mich gezwungen, die Arbeit liegen zu lassen, und bin gegangen. Mit dem Bus? Ach nee, ich mache nicht ausnahmsweise so früh Feierabend, um eine Viertelstunde länger nach Hause zu fahren… Spoiler: Ich wäre doch schneller angekommen. Wenn ich der BVG in Rechnung stellen würde, wieviele Überstunden auf Arbeit ich hätte machen können, statt auf einem Gleis zu verharren, könnte ich das ganze Jahr kostenfrei fahren.

Angefangen hat es, als ich die S46 gerade verpasst habe. Von der Tram ausgestiegen, die Treppe hoch gelaufen, und ich konnte sie von hinten weg fahren sehen. Also Umweg über Treptower Park. In der Ringbahn habe ich dann auf der BVG-App erfahren, dass die S1 wegfallen würde. Das war nur sichtbar, wenn man sich die Details der Strecke anzeigen ließ, weil die Verbindung trotzdem vorgeschlagen wurde. Gut, ich kann eine Station weiter fahren und die Buslinie M48 benutzen, die ja scheinbar pünktlich ist… Ist die Frau denn nicht lernfähig? Die M48 ist doch nie pünktlich, ich hätte wissen sollen, dass es zu schön war, um wahr zu sein! Und tatsächlich, obwohl BVG-App und Webseite nichts ahnen ließen, war auf der Anzeige an der Haltestelle keine M48 in den nächsten zwanzig Minuten zu sehen. Dafür lief die Nachricht, dass sie zur Zeit unregelmäßig fährt. Also noch eine Station mit der nächsten Ringbahn gefahren, und ab in die U9. An der Endstation war es aber genau so blöd, da ich wieder vor der Wahl stand, S1 oder M48. Beide noch stark verspätet. Verflucht. Um zwanzig vor sechs war ich zu Hause, und so sauer, dass ich nicht mehr zum Sport wollte. Lieber hätte ich jemanden verprügelt. Ob ich beim Boxkurs vom Fitnessstudio doch schnuppern sollte? Mit einem Bier habe ich mich auf der Terrasse hingesessen und auf den Ehemann gewartet, der einen unglaublich langen Tag auf Arbeit machen musste.

Ach, was soll, dann fahre ich heute halt Fahrrad… Nicht. Um elf im Bett, um halb drei wach. Aus einem Traum erwacht. Ich saß am Rechner und bekam plötzlich die Meldung, dass meine Dateien verschlüsselt wurden. Um sie zu entschlüsseln, müsste ich eine bestimmte Geldsumme überweisen. Die Meldung erschien sogar auf der Klobrille. Ich bin ins Bett gegangen und habe dem Ehemann gebeichtet, dass ich Opfer einer Ransomware geworden war. Dabei hatte ich den Rechner heruntergefahren, was man in solchen Fällen gar nicht machen soll. Mit einer bestimmten Tastenkombination war es doch möglich, zu seinen Dateien wieder Zugriff zu bekommen… Das Schnarchen vom Ehemann hat mich geweckt. Seitdem kann ich nicht mehr schlafen, ich fühle mich aber nicht gut, und mit nicht mal vier Stunden Schlaf will ich nicht so lange mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren. Ich glaube, ich bleibe heute wegen Migräne zu Hause.

In der S-Bahn

Ich bin wieder spät bei der Arbeit geblieben. Die Sporttasche hatte ich gestern zum Büro mitgenommen und war dann so spät am Arbeiten, dass ich das Training ausfallen lassen musste. Sowie heute. Die Sporttasche habe ich zurück nach Hause gebracht. Bis Samstag finde ich bei meinem Terminkalender keine Zeit mehr.

Es ist mir schon zu spät, um mit dem Bus zu fahren. Ich gehe zur S-Bahn. Es geht schneller. Um die Uhrzeit sind nicht mehr so viele Menschen unterwegs. Man kann gemütlich und ganz in Ruhe sitzen. In Schöneberg steige ich in die S1 um. Dort ist es voller. Ich gehe zum Ende von einem Wagen. Links ist ein Viererplatz, rechts auch. Rechts sind zwei Plätze frei, aber mit Taschen belegt. Links, in Fahrtrichtung, neben dem Fenster, ist nur ein Sitz frei, dafür ohne Tasche. Ich setze mich dort hin.

Vorher prüfe ich mit dem Rücken der Hand den Zustand vom Sessel. Das mache ich immer, seitdem ich einmal im Bus bei der ASEAG die unangenehme Erfahrung machen musste, dass mein Sessel nicht trocken war… Beim Hinsetzen mit der Jeans nicht gemerkt, beim Aufstehen die große Überraschung. Und die Oma hinter mir, die dann plötzlich sagte, ja, da hätte vorher ein kleines Kind Pipi gemacht. Hätte die blöde Kuh nicht vorher den Mund aufmachen können? Glück im Unglück, an dem Tag kam ich direkt vom Shoppen zurück. Die Haltestelle, wo ich umsteigen musste, lag einem Freund direkt vor der Tür, und dieser Freund befand sich sogar zu Hause, ich durfte bei ihm duschen und mich umziehen. Seitdem prüfe ich grundsätzlich meinen Sessel, bevor ich mich im ÖPNV hinsetze.

Heute also auch. Der Sessel ist in Ordnung, ich setze mich hin. Einige Stationen weiter steigt meine Sitznachbarin aus. Der Zug wird langsam leerer. Am Viererplatz auf der anderen Seite vom Gang sitzt nur noch ein junger Mann asiatischer Herkunft, der mit seinem Handy beschäftigt ist und Ohrhörer trägt. Mir gegenüber sitzen zwei gut geplegte Männer. „Vater und Sohn“, denke ich zuerst. Der am Fenster wirkt deutlich älter als der am Gang. Aber beide mit ähnlichen grauen Anzughosen und Sporttaschen, vielleicht doch Arbeitskollegen, die gemeinsam Feierabend beim Fitnessstudio machen? Oder zwei Liebhaber? Die Sporttaschen sind der gleichen Marke. Genau wie meine. Ach, ist auch egal. Ich lese die Nachrichten auf meinem Handy.

Am botanischen Garten, oder eine Station weiter, steigt der junge Mann vom anderen Viererplatz aus. Der Zug fährt weiter. Ich starre etwa geistesabwesend, wo der Mann vorher gesessen hat. Und kann auf einmal nicht glauben, was meine Augen sehen. Auf dem Platz, direkt rechts davon, wo der junge Mann gesessen hat, neben dem Fenster, steht ein sehr dünner, hellgrauer Gegenstand senkrecht auf dem Sessel. Kaum zu sehen. Ich denke an eine Stricknadel. Ich stehe auf und schaue es mir genauer an. Keine Stricknadel, aber ziemlich dick und vor allem spitz. Die Nadel, die man leicht übersehen könnte, vor allem von oben aus, ist wenigstens zwanzig Zentimeter lang und wirkt sehr robust. Robust genug, um jemanden ernsthaft zu verletzen, der sich aufs Versehen drauf hinsetzen würde. Sie steckt in einem kleinen runden Loch im Stoff vom Sessel, genau im Zentrum der Sitzfläche. Das Loch scheint durch Feuer verursacht gewesen zu sein, der Farbe vom Rand nach zu beurteilen.

Wie kann es sein, dass der junge Mann daneben gesessen hat, seine Tasche auf dem Sessel neben ihm gelegt hat, und dabei die Nadel nicht gemerkt hat? Oder sie gemerkt hat, aber nicht auf die Idee gekommen ist, sie weg zu nehmen? Oder hat er sie selber da rein gesteckt? Welcher kranker Geist macht denn so was? Ich ziehe die Nadel raus, die tief im Sessel fest stand, und lege sie zur Seite. Die zwei Männer aus meinem Viererplatz beobachten mich dabei und wirken auf einmal gestört. Wahrscheinlich stellen sie sich vor, wie es ihnen gegangen wäre, hätten sie sich auf die Nadel fallen lassen. Das habe ich mir auch vorgestellt. Wie gut dass ich, häufig zur Belustigung meiner Mitreisenden, meinen Sitzplatz so gründlich prüfe.

Und das ist also die Botschaft des Tages. Setzt euch bitte niemals irgendwo hin, ohne vorher euren Sessel geprüft zu haben. Bitte.

Telekom Hotspot im ICE — Die volle Verarschung

Ich bin wieder mal richtig geärgert. Dazu braucht es nur, mit der Bahn zu fahren. Letzte Woche war schon kein Spaß.

Ich hätte eigentlich zur Tagung fliegen können. Die Bahnstrecke kostet mir zeitlich einen ganzen Arbeitstag. Es war günstiger, was die Finanzabteilung von meinem Arbeitgeber vor allem interessiert, aber das Fliegen wäre schneller gewesen und hätte vielleicht eine Übernachtung überflüssig machen können. Ich habe gedacht, die lange Reisezeit könnte dadurch kompensiert werden, dass ich im Zug am Tisch mit dem Laptop arbeiten kann und das HotSpot-Angebot der Telekom benutzen könnte.

Während es letzte Woche, bei meiner allerersten Benutzung von einem Telekom-HotSpot, halbwegs ging, war die aufgebrachte Leistung bei der Rückfahrt heute absolut katastrophal. Beim Losfahren habe ich einen Tagespass für 5€ erworben. Wie letzte Woche. Es ging gerade eine Stunde lang, danach wurde die Internetverbindung ständig abgebrochen und war nicht mehr zu benutzen.

Ich habe die Kontrolleure darauf aufmerksam gemacht, dass der WLAN nicht mehr ging. Am Anfang haben sie versucht, ihre Router oder was auch immer neu zu starten. Danach meinte ein Kontrolleur, im Ruhebereich wäre der WLAN Signal nicht verstärkt, was zu Probleme führen würde. WLAN sollte man in anderen Wagen benutzen. Prompt war mein gegenüber sitzender Nachbar (der auch trotz offenen Sandalen stinkende Füße mitgebracht hatte) dabei, mit einem süffisanten Lächeln, dem Kontrolleur nach zu plappern und mir zu sagen, „Sie hätten bei der Reservierung besser aufpassen sollen“. Pure Schadensfreude (oder 100% Boche, wie mir immer in solchen Momenten durch den Kopf geht). Der Ehemann hat sich für mich von zu Hause aus schlau gemacht, das mit dem Ruhebereich stimmt gar nicht. Auf der Webseite der Bahn steht, dass WLAN überall zur Verfügung steht. Außerdem saß ich letzte Woche schon dort und hatte fast kein Problem — also, verglichen mit heute hatte ich doch kaum Gründe, mich zu beschweren.

Am Anfang war der Zug so voll, dass ich an meinem reservierten Platz im Ruhebereich bleiben musste. Danach habe ich einen freien Tischplatz außerhalb vom Ruhebereich gefunden. WLAN ging. Wenigstens konnte ich arbeiten, dachte ich. Ich habe einige Emails bearbeitet. Dafür musste ich die Sitzplatzreservierung aufgeben. Aber eine Stunde später ging das Internet wieder nicht mehr. Entgültig. Die darauf angesprochene Kontrolleurin war schon genervt und hat jede Schuld oder Verantwortung von der Bahn erstmals grundsätzlich zurück gewiesen. Die Telekom ist schuld. Die Telekom kann nicht wissen, dass wir eine andere Strecke als ursprünglich geplant fahren und kann dadurch ihre Leistung nicht bringen. Das war letzte Woche doch kein Problem, obwohl wir auch eine abweichende Strecke gefahren sind. Die Startseite vom ICE-Portal selbst sagt dabei die ganze Zeit: „Leider ist das ICE Portal im Augenblick nicht erreichbar. Wir bitten Sie um etwas Geduld.“ Wenn das schon mal nicht geht, geht gar nichts. Nach über sieben Stunden Fahrt ist meine Geduld definitiv aufgebrochen.

Ich werde mich bei beiden Gesellschaften schriftlich beschweren. Ich glaube nicht, dass ich eine Antwort bekommen werde. Sollte ich mich doch irren, teile ich die dadurch entstandene Erheiterung hier mit.

Dazu kommt noch, dass wir schon wieder fast aber nicht ganz eine Stunde Verspätung haben. Wie letzte Woche. Verständnis dafür kann ich nicht mehr aufbringen. Man muss wenigstens zugeben, die Deutsche Bahn kann eines richtig gut: Die Verspätungen konsistent so knapp unterhalb einer Stunde halten, dass man keinen Anspruch auf Entschädigung hat.

Einige Stunden später…

Ich sitze noch im Zug. Gestartet sind wir heute Morgen mit einer Viertelstunde Verspätung. Grund dafür war eine technische Störung am Zug, oder Ähnliches. Einige Bahnhöfe später wurde sie zu einer halben Stunde. Es gab einen Polizeieinsatz, weil ein Fahrgast andere Passagiere belästigt hatte. Dann hieß es plötzlich, wir wären eine andere Strecke als geplant gefahren und hätten die Verspätung einigermaßen aufgeholt. Nur noch zehn Minuten Verspätung! Ein Zugbegleiter erzählte uns in einer fröhlichen Durchsage, dass wir sogar einen anderen Zug überholt hatten, den die Fahrgäste sonst verpasst hätten. Um direkt danach zu sagen, „es macht keinen Sinn, der ist sowieso überfüllt, man kommt nicht mehr rein“. Es hat mich an meinen Rückflug aus Israel erinnert, als eine Stewardess eine lange Durchsage gehalten hatte, für die, die gerade noch Hunger hatten, und vielleicht ein Sandwich möchten, leider leider gäbe es nichts mehr, alles wäre schon aufgegessen worden. Ich habe lachen müssen. Eine Station später mussten wir aus irgendeinem Grund lange am Gleis bleiben. Ich habe es nicht ganz mitgekriegt, ich hatte meine Kopfhörer an. Jetzt beträgt die Verspätung siebenundfünfzig Minuten[1]. Nachdem wir nach einem ziemlich brutalen Bremsen mitten im Nichts stehen geblieben sind. Bin ich froh, mir wenigstens eine direkte Verbindung ohne Umsteigen ausgesucht zu haben.

Seit Berlin sitze ich an einem Tisch. Am Nachbartisch saß ein nicht mehr so junger Mann, der ebenfalls mit seinem Laptop beschäftigt war. Er sah gar nicht schlecht aus, wobei ich es mir nur am Rande notiert hatte. Wir haben einige Banalitäten getauscht, aus Höfflichkeit, das war’s. Ich hatte mich zwecks Privatsphäre am freien Sitzplatz am Fenster verschoben und schief dort gesessen, um den Bildschirm von neugierigen Blicken zu schützen. Ich mag es nicht, wenn Fremde zuschauen, was ich gerade am Rechner mache. Der Typ am Nachbartisch ist nach drei Stunden ausgestiegen, nachdem er sich verabschiedet hat. „Untypisch, diese Freundlichkeit“, habe ich noch gedacht. Und ihn aus meinen Gedanken gelöscht.

Ich habe mich kurz danach auf Facebook eingeloggt, um meine Mami zu informieren, dass ich unterwegs war. Groß war meine Überraschung, als ich dort eine Freundschaftseinladung gesehen habe. Facebook nutze ich erstmals sehr selten und zweitens nur für enge Freunde und die Familie, die weit weg von mir wohnt. Nicht mal meine Kollegen lasse ich ran, und mein Profil ist so eingeschränkt wie es geht. Nicht suchbar, außer von Freunden. Dem Profilfoto nach zu beurteilen, stammte die Freundschafteinladung vom Typ vorhin im Zug. Äußerst unangenehm. Namentlich vorgestellt hatte ich mich nicht, und ich hätte erwartet, dass man wenigstens um die Erlaubnis bittet, wenn man schon die ganze Zeit zusammen reist. Und überhaupt, wie war er an mein Profil gekommen? Ah ja… Meine Laptop-Tasche lag die ganze Zeit auf dem Sitzplatz neben mir, den ich am Gang reserviert hatte, weil der Zug angeblich voll war[2]. Ich habe schon so lange eine Visitenkarte in der dafür vorgesehenen Hülle der Tasche, dass ich gar nicht mehr daran denke. Die Tasche lag mit der Visitenkarte sichtbar. Und Facebook hat ja die Profiladresse so eingestellt, dass man mit vorname.nachname leicht zu finden ist. Daher hatte ich meine Adresse als vorname.nachname.nummer geändert. Echte Freunde sollten mich doch noch finden können. Tja. Hätte ich wenigstens meine Visitenkarten mit meinem Ehenamen aktualisieren lassen…

[1] Mehr als eine Stunde wird es nie. Sonst müssen sie deutlich mehr Geld zurück erstatten.

[2] Pustekuchen. So leer habe ich einen Zug selten erlebt. Schön. Es ist auch angenehm kühl hier drin. Die Internetverbindung vom HotSpot der Telekom ist leider nicht so stabil, wie man es sich für 5€ wünschen würde.

Unterwegs

Ich bin für eine Woche auf Dienstreise. Es war schon lange geplant, obwohl ich nicht besonders Lust darauf hatte. Es war mal im Gespräch, dass Pawel und ich an dieser Konferenz teilnehmen. Am Ende bin ich die Einzige in der Gruppe, die hinfährt. Und diesmal halte ich nicht mal einen Vortrag. Nur ein Poster wurde angenommen. Ich bin enttäuscht. Es ist weniger Arbeitsaufwand, aber man verbreitet seine Ergebnisse nicht so effektiv. Vorträge sehe ich auch als Werbung für mich, wenn ich mich wegbewerben will. Ich nehme an, ich habe schon zu häufig über meine Arbeit bei Konferenzen geredet. Jetzt sind andere dran. Bei tausend Teilnehmern ist es klar, dass nicht jeder einen Vortrag bekommt. Kate hätte sich gefreut. Sie hasst es, Vorträge halten zu müssen.

Mein Mangel an Begeisterung für diese Konferenz hat dazu geführt, dass ich mich ziemlich spät um die Organisation meiner Reise gekümmert habe. Zug und Hotel erst am Montag gebucht. Ich hatte Glück und konnte noch ein preiswertes Hotel finden. Na ja, ziemlich teuer eigentlich, aber für das Land ist es preiswert. Die Finanzabteilung hat es genehmigt. Mit den Bahnkarten war es nicht optimal. Vor einigen Monaten hätte ich Fahrkarten für 25€ bekommen können. Jetzt nicht mehr, es ist trotzdem immer noch billiger als fliegen, also habe ich gebucht. Es dauert länger, ist aber umweltfreundlicher. Das hört man mindestens immer wieder. Der Zug ist direkt und der Bahnhof nah am Hotel. Direkt ist gut. Ich habe schlechte Erfahrungen mit Verspätungen mit der Bahn gemacht. Ein oder zweimal im Jahr kann ich ja Bahn fahren. Die Sitzplatzreservierung habe ich nur gestern am sehr späten Abend gemacht. Fast hätte ich es vergessen. Sitzplätze am Tisch und am Fenster gab es nicht mehr. Ich habe einen am Tisch am Gang ergattert. Hauptsache am Tisch.

Heute Morgen hat mich der Ehemann zum Bahnhof begleitet. Ich musste nur zum Bahnhof Südkreuz, also nicht weit von zuhause. Wir sind trotzdem sehr früh angekommen. Ich will immer eine halbe Stunde vor Abreise am Bahnhof sein, wenn ich weit weg muss. Das war gut so. Als der Zug angekündigt wurde, hieß es, er wäre gestrichen. Das hat mich schon ganz schön genervt. Bei der Sitzplatzreservierung heute Nacht kurz vor eins war noch keine Rede davon. Wir sind zur Information der Bahn gegangen, und der Mann am Schalter sagte, wir sollten mit einem RE Zug, der zehn Minuten vor dem ursprünglich geplanten ICE fuhr, zum Hauptbahnhof und dort in den ICE einsteigen. Er würde auf den RE warten. Also los. Den Hauptbahnhof mag ich nicht. Er ist mir zu groß. Wir mussten heute von der tiefsten Ebene zu den Gleisen ganz nach oben gehen. Dort haben wir erfahren, dass der Zug eine Viertelstunde Verspätung hatte. So war es also. Der ICE hatte schon vor dem Start eine so lange Verspätung, dass der Halt in Südkreuz gestrichen wurde.

Als der Zug angezeigt wurde, war die erste Klasse bei den Abschnitten E-F angekündigt. Mein Wagen sollte im Abschnitt B sein. Wir haben dort gewartet. Es war angenehm, es waren nur sehr wenige Leute dort. Wahrscheinlich alle blauäugig wie ich, die den Durchsagen der Bahn blind vertrauen. Es kam genau andersrum. Die erste Klasse bei A-B, mein Wagen auf der ganz anderen Seite. Chaos auf dem Gleis, als die Reisenden quer durcheinander versuchten, zu ihren Wagen zu gelangen. Wir sind nur so lange gelaufen, bis die Menschendichte deutlich geringer wurde. Ich bin mitten im Zug eingestiegen. Sonst hätte es passieren können, dass ich bis zu meinem Wagen gegangen wäre, um den Zug ohne mich weg fahren zu sehen. Drin war es natürlich chaotisch. Stau in den engen Fluren. Ich habe den Ehemann noch neben dem Zug gesehen, als wir los gefahren sind. Ich hätte den Zug verpasst, wenn ich versucht hätte, am Gleis zu meinem Wagen zu kommen. Zehn Minuten nach Abfahrt bin ich zu meinem Sitzplatz angekommen. Der Wagen war fast leer. Alle Tische frei. Meine Reservierung war oberhalb von meinem Platz nicht vermerkt. Bei allen Sitzplätzen sind eigentlich bis kurz vom Ziel keine Reservierungen vermerkt. Vermutlich auch eine Panne.

Mit der Bahn durch Berlin unterwegs…

Ich bin mit der S-Bahn auf dem Weg zur Arbeit. Heute ohne Fahrrad, weil es bei der Arbeit spät wird. Eigentlich hätte ich den Hinweg radeln können. Hätte ich machen sollen. Nur die Aussicht auf Regen hat mich davon abgehalten. Ein Fehler. Ich hätte mir Ärger gespart und wäre noch schneller angekommen.

Heute herrscht wieder mal Bahn-Chaos. Der Gleis bei mir war unglaublich voll mit Menschen gepackt, der Zug vorher muss ausgefallen sein. Beim Umsteigen in Schöneberg ist auch eine Ringbahn ausgefallen, die nächste kam zehn Minuten später. Beim nächsten Umsteigen habe ich nochmal zehn Minuten warten müssen. Und andauernd hört man die Durchsagen wegen Zugausfällen und Verspätungen.

In der S1 war es besonders schlimm. Weil so viele Leute auf die Bahn gewartet haben, war der Zug voll. Einen Sitzplatz im Fahrradabteil konnte ich ergattern. Fünf Fahrräder waren schon drin. Gegenüber von mir saß eine ältere Dame mit ihrem Fahrrad. Direkt nach einer Haltestelle hat ihr Sitznachbar sie plötzlich angebrüllt, dass sie ihn aussteigen lassen soll. Um die fünfzig Jahre alt, graue Haare, buschiger Bart, olivgrüne Jacke ohne Ärmel und voll tätowiert. Sie hat sich verbal gut und ruhig gewehrt. Als der Mann aufgestanden ist, um noch einige Minuten bis zur nächsten Haltestelle vor der Tür zu stehen, ist sein Gestank bei meiner Nase angekommen. Volle Pulle Alkohol. Die Fahrradfahrerin hat ein Fenster geöffnet. Als nächste ist eine junge Frau eingestiegen, und musste gleich die  Dame schimpfen, weil die Fahrräder vor leeren Sitzplätzen standen. Höfflich fragen, ob man durchkommen darf, liegt wohl längst nicht mehr im Trend. Wozu gute Erziehung, wenn es agressiv auch geht?