Ohrwurm des Monates?

Ich weiß nicht, wie es dazu gekommen ist, aber seit mindestens einer Woche geistert dieses Lied in meinem Kopf und geht nicht weg.

Keine Frage, es ist ein tolles Lied. Das Lied, das Queen überhaupt zum Erfolg geführt hat. Nicht, dass ich Queen sonst besonders mag. Einige Lieder sind in Ordnung, viele klingen mir schon zu achtzigermäßig oder sind einfach langweilig. Dieses nicht. Siebziger Klang, ein Text voller Sehnsucht, Melodien, die einen Schauer über den Rücken laufen lässt, geile Gitarre… Nun, langsam reicht’s! Seit einer Woche läuft es in Schleife in meinem Gehirn und lässt mich unerwartet trällern, wenn ich nicht aufpasse. Ich will mich davon endlich entziehen! I want to break free… Ähm, da wäre auch ein anderer Ohrwurm-Kandidat…

Festival – Tag 4

Auszug aus meinem Reisetagesbuch.

Letzter Tag auf dem Camping. Er hat relativ trocken angefangen, wie die Wettervorschau-App angekündigt hatte. Lediglich einige weiße Wölkchen hingen im Himmel. Meine Schuhen sind noch ein bisschen feucht vom gestrigen Regen gewesen. Wir haben mit Küchenpapier Kondensationsreste auf der inneren Stoffwand entfernt und das Zelt zusammen gefaltet. Es hat eine Stunde gedauert. Die Rucksäcke wurden wieder gepackt. Gefrühstückt haben wir im Bus nach Leuven. Kleiner Spaziergang unter leichtem Regen. Mittags haben wir in einem der Cafés am Bahnhof gegessen.

Um 14:00 sind wir zur Ferienwohnung mit Bus gefahren. Sie sollte erst ab 16:00 frei werden, aber die vorherigen Mieter waren schon weg. Wir hatten uns die Wohnung noch gar nicht angeschaut, gestern waren wir nur beim Verwalter gewesen. Sie ist wirklich klein. Direkt nach der Eingangstür rechts vom Flur ist das Badezimmer. Am Ende des Flures befindet sich das Wohnzimmer, mit Fenster zur Straße. Die Straße ist nah an einer Hauptstraße, wird aber kaum befahren. Es ist sehr ruhig. Es fühlt sich wie Luxus an, nach vier Nächten im Camping. Eine Kitchenette ist im Wohnzimmer an der Wand zum Badezimmer eingebaut. Die Möbel im Wohnzimmer wirken nicht stabil. Ein leerer hoher Regal steht neben der rechten Wand, in dem ich mich nicht trauen würde, etwas rein zu stellen. Er sieht aus, als ob er gleich zerbrechen könnte. Am Anfang des Wohnzimmers führt eine Holzleiter zum Mezzanin, wo das Schlafzimmer eingerichtet ist. Da oben kann man sich nur gebeugt fortbewegen. Wir haben unser Gepäck auf der Couch im Wohnzimmer gelassen. In der Wohnung bleiben konnten wir nicht, da sie noch geputzt werden sollte. Um die Zeit tot zu schlagen, haben wir wieder im Domus am Rathaus gesessen. Kaffee getrunken. Emails gelesen. Es regnete leicht.

Gegen halb fünf haben wir beschlossen, trotz andauerndes Regens zum Festival zu fahren. Mit „wir“ meine ich vor allem Martin. Ich war nicht begeistert. Gähnende Reisenden im Bus. Die Fenster waren wieder mit Feuchtigkeit beschlagen. Der Bus war so gebaut, dass kein Fenster geöffnet werden konnte, und ohne Klimaanlage. Ich war froh, wieder auszusteigen. Auf dem Weg zum Festivaleingang, rückwärts durch die Menschenmenge gehend, bat ein deprimiert aussehender junger Mann nach Kuscheln mit Hilfe eines selbst beschrifteten weißen Plakates („bless me with a hug„), wie man in den letzten Tagen im Publikum viel sehen konnte. Mangel an Selbstbewusstsein. So gut wie er aussieht, braunhäutig, schlank, vermutlich aus einem für mich undefinierten Südland, sollte er doch kein Problem haben, eine willige Frau zu finden. Aber nicht, wenn er sich derart wie ein geschlagener Hund verhält.

Auf dem Festivalgelände angekommen, stellen wir fest, dass die Wolken noch dichter und dunkler geworden sind. Es fängt an, richtig stark zu gießen. Die Bäume bieten keinen Schutz mehr an. Innerhalb einer Stunde bei diesem Mistwetter werde ich so naß, dass sich selbst in meinen Schuhen eine Pfütze gebildet hat. So schlimm war es in den letzten Tagen noch nicht. Mir ist kalt, meine Hose durchnäßt. Meine Stimmung ist extrem mies. Ich weiß nicht, warum wir heute überhaupt zum Festival kommen wollten. Keiner der angekündigten Konzerten spricht mich an. Den Abschluß mit Stromae fand ich eh vom Anfang an komisch. Was hat er in einem Rockfestival zu suchen? So spät ist es sowieso noch nicht. Schnauze voll vom Wetter, entscheiden wir endlich, nach Leuven zurück zu fahren. Wieder ein lange Strecke, um zur Bushaltestelle zu kommen. Zum letzten Mal. Ich versuche, nicht in die breiten Pfützen oder auf den zerdrückten Essensreste zu treten. Auf dem Weg hält uns eine junge Frau an, die versuchen will, sich Eingang ins Festival zu schaffen. Sie will unsere Armbänder mit den elektronischen Schlüsseln haben. Kommt nicht in Frage. Zum Glück bekommen wir noch rechtzeitig einen Bus, der gerade weg fährt. Ich ziehe meine Schuhe aus und versuche, meine Füße zu erwärmen. Meine schlechte Laune hält an. In Leuven angekommen, muss ich die Schuhe wieder anziehen. Igitt, so kalt und naß.

Werchter-Tag4

Wir beschließen, im Kinepolis Maleficent zu schauen. Da es noch zu früh dafür ist, trinken wir ein Bier in einer kleinen Kneipe hinter dem Kino, die für mich eher wie eine echte Kneipe aussieht, ähnlicher zu den vertrauten PMU-Bars aus Frankreich. Martin meint, es sieht ungemütlich aus, aber wir setzen uns hin. Jetzt entscheide ich. Es sind ganz wenige Leute da, die alle an der Theke auf den hohen Hockern sitzen. Anscheinend alle Stammkunden. Sie unterhalten sich auf Flämisch, keine Ahnung, worüber. Ich vermute, über Politik und die Welt, wie man es aus den Thekendiskussionen kennt. Ab und zu gerne ein bisschen lauter. Diese Stimmung gefällt mir, ich nehme die Geräusche mit meiner Kamera auf. Zwei älteren Nordafrikaner (vermute ich) kommen rein. Sie wirken lustig. Einer gibt mir ein Zeichen, ich soll so tun, als ob ich ihn nicht gemerkt hätte. Er winkt mir zu, geht übertrieben langsam mit hohen Schritten auf die Spitzen, mit Finger auf den Lippen, bis er zum Spiel in der Mitte der Raumes kommt (eine Art Kegelspiel mit Goals auf beiden Seiten des Tisches) und plötzlich laut gegen den Holz klopft. Der Wirt lacht. Beide Männer gehen trotz Regen wieder raus und setzen sich an einem Tisch der Terrasse, um ihr Kaffee zu trinken. Martin ist die ganze Zeit mit seinem Handy beschäftigt. Emails gelesen. Jetzt prüft er das Wetter für morgen in Südspanien: Sonne, 36°C. Ich kann kaum warten.

Als wir das Kino verlassen, sind alle Wolken weg. Freier Himmel. Verflucht.

Festival – Tag 3

Auszug aus meinem Reisetagesbuch.

Wir sind heute Morgen wieder nach Leuven gefahren, um das Schwimmbad zu besuchen. Alle zwei Tage reicht. Ich hatte vorher nicht geahnt, dass ich am Festival so wenig Bier trinken und so viel Sport treiben würde. Das nur, weil die sanitären Einrichtungen mit ihrer spärlichen Hygiene alles andere als einladend wirken. Vor elf Jahren, als ich mit meinem ehemaligen Kollegen Pascal hierher gefahren war (er aus Frankreich, ich aus Deutschland), hatten wir zwei Zimmer in einem Hotel in Leuven gebucht, und wir waren sowieso nur für einen Tag gekommen. Diesen Aspekt von Musikfestivals hatte ich gar nicht mitbekommen.

Da das Wetter weiterhin nicht so toll war, haben wir beschlossen, am frühen Nachmittag ins Kinepolis zu gehen und Transcendence zu schauen. Mir hat der Film nicht gefallen. Wie immer, wenn es in einem Film um Wissenschaft geht, und den Schauspielern Unsinn in den Mund geschoben wird. Es ärgert mich, und ich habe keine Lust, mir den Rest anzuschauen. So ging’s mir schon, als ich mit Kommilitonen während meines Physikstudiums Jurassic Park 2 im Kino gesehen hatte (den ersten Teil hatte ich wegen der spannenden Vorschau mit meinem damaligen Freund geschaut). Quantenmechanische Beobachtungseffekte im Zusammenhang mit sehr makroskopischen Dinosauriern bringen, geht’s noch? Ich wollte damals nach zehn Minuten wieder raus. Die anderen Folgen habe ich nicht mehr wahrgenommen. Ich bin heute in Transcendence geblieben, da sonst die alternative war, irgendeine Kneipe in Leuven zu besuchen und zu warten, bis das Wetter besser wird.

Das Wetter wurde nach dem Film nicht besser. Martin hat sich Sorgen gemacht, weil morgen der letzte Festivaltag ist und wir am Montag ganz früh das Zelt packen müssen, bevor wir zum Flughafen fahren. Was ist, wenn wir es gar nicht trocken bekommen? Wir haben beschlossen, für die letzte Nacht ein Zimmer zu suchen, um im Notfall drin das Zelt zum trocknen zu legen. Er hat auf seinem Handy nach Hotels gesucht und ein Doppelzimmer für 75€ mit Frühstück gefunden. Das einzige, was ginge, seiner Meinung nach. Zu teuer, habe ich ihm gesagt. Wir sind immer noch pleite. Ok, nicht ganz, Ersparnisse haben wir, aber wir werden pleite, wenn wir weiterhin zu viel ausgeben. Nach einer zweiten Suche hat er eine kleine Einzimmer-Mietwohnung für 50€ gefunden. Geht doch. Wir sind zum Verwalter der Ferienwohnungen gegangen, nicht weit vom Schwimmbad, und haben für morgen eine Wohnung reserviert bekommen.

Wir sind zum Camping zurück gefahren. Im Zelt ist uns ein weitaus besserer Zeitvertreib eingefallen. Wunderbar. Wie fast immer. Ich bin überrascht, wie einfach ich mit ihm zu Orgasmen komme. Ich hatte immmer gedacht, ich hätte schon Spaß beim Sex gehabt, aber ich merke jetzt mit Martin, dass es noch viel befriedigender gehen kann. Diese starken Kontraktionen sind mir neu. Es liegt bestimmt daran, dass er mit mir sehr aufmerksam ist. Oder es stimmt, dass die Orgasmusfähigkeit von Frauen mit dem Alter steigt. Wahrscheinlich beide. Nach seinem Höhepunkt hat er gelacht. Das macht er häufig.

Nach einem Schläfchen sind wir zum Festivalgelände gegangen. Diesmal hatte ich eine Hose an, da es mir gestern trotz Regenjacke mit dem Rock zu kalt wurde. Wir sind zu einer Nebenbühne gegangen, die in einem Zelt war. Sie war schon voll, es regnete wieder. Von dem Konzert im Zelt hat man kaum etwas gehört, da die Musik von der Hauptbühne bis hier kam. Der Regen wurde stärker als gestern. Sitzen konnte man vergessen, der Boden war so naß und bedeckt mit zermatschten Pommes und Hänchenknochen, sowie platt gedrückten Bierbechern und Papptellern mit Sauce. Ich weiß nicht, wie die anderen es durchhalten konnten, selbst mit einer Kunststoffmatte hätte ich da nicht sitzen wollen. Eine Frau ging mit einem Plakat in der Hand, auf dem sie für „steamy sex“ in ihrem Zelt mit Angabe ihrer Handynummer warb.

Werchter-Tag3

Wir sind zurück zur Hauptbühne gegangen und haben uns unter den Palmen einen halbwegs trockenen Platz ausgesucht. Ich wollte mir Pearl Jam anschauen. Da sie aber nach einer knappen halben Stunde nach Planangabe noch nicht erschienen waren und es immer noch regnete, habe ich Martin da gelassen, der mehr Resistenz gegen schlechtes Wetter hat, und bin zum Zelt zurück gegangen. Auf dem Weg dahin, als ich hörte, wie Pearl Jam endlich auf die Bühne kam, habe ich von weitem ein Fußballspiel auf den Leinwänden vom Camping gesehen. Es gab viel mehr Publikum als gestern für Frankreich-Deutschland. Klar, wir sind in Belgien, und es dürfte auch viele Holländer hier geben. Ich war schon am Einschlafen, als Martin zum Zelt gekommen ist. Wiedereinschlafen war trotz Ohrstöpsel schwierig. Die Holländer haben ihr Spiel gewonnen, sie haben die ganze Nacht durch das Camping-Gelände rumgebrüllt.

Festival – Tag 2

Auszug aus meinem Reisetagesbuch.

Wir sind wieder gegen 07:00 geweckt worden. Einige unserer Nachbarn können anscheinend den Tag nicht beginnen, ohne vorher laut herum zu brüllen. Wir sind erst gegen 08:30 zu den Frühstückstischen gegangen und haben uns gleich danach auf dem Weg nach Leuven gemacht. Ich musste mal, wie jeden Morgen. Ich habe es vermieden, zu viel zu trinken, damit ich noch bis zur Stadt warten konnte. Wir haben in einer Kneipe nah am Bahnhof Kaffee getrunken und die Batterien unserer Handys teilweise aufgeladen (auf dem Festival konnte man vorgeladene Ladegeräte für zwei Marken erwerben, die für zwei Stunden Strom liefern, nicht genug für uns beide).

Wir sind durch die Stadt spazieren gegangen. Wir hatten noch nicht alles besucht. Da wir an eine Apotheke vorbei gegangen sind, habe ich mir Ohrstöpsel aus Wachs besorgt. Die habe ich auch zu Hause, aber leider nicht mitgenommen. Vor der Universitätsbibliothek (bei der ich vor acht Jahren an eine Tagung teilgenommen hatte) war ein Markt. Wir sind vorbei gegangen und haben in einem Park im Schatten der Bäume auf der Wiese geschlafen. Da wir hungrig wurden, haben wir mittags am Ende einer sehr süßen engen Gasse am Rathhaus in einer Kneipe gegessen. Drin, weil die Tische draußen ziemlich wackelig waren. Das selbst gebraute Amber ist definitiv sehr empfeglenswert, aber nur, wenn jemand es vorher kurz davor schon bestellt hat. Sonst kriegt man einen unangenehmen metallischen Geschmack, das hatte ich beim zweiten Glas. Den Fischburger fand ich nicht so toll. Zu viel von der Panade und viel zu wenig vom Fisch.

Auf unserem Tisch ist plötzlich eine dicke Ameise mit Flügeln gefallen. Es musste Paarungszeit sein, die Kopulation findet bei denen beim Fliegen statt. Beeindruckend fand ich, wie die Ameise sich so schnell von ihren Flügeln getrennt hat. Es hat vielleicht zehn Sekunden gedauert, bis alle vier Flügel auf dem Tisch geblieben sind. Davon hatte ich nur gelesen, aber nie selber beobachtet. Sie muss erfolgreich schwanger geworden sein. Es konnte nur ein Weib sein, da die Männchen bei der Paarung sterben (ihre am Boden gefallenen Leichen werden von den Arbeiterinnen als Nahrungsquelle zum Bau geschleppt). Wir haben die neue Königin nach draußen gebracht, damit sie eine bessere Möglichkeit findet, ihre Kolonie in einem neuen Ort zu gründen. Später sind noch drei oder vier Ameisen auf unserem Tisch gefallen, die aber ihre Flügel behalten haben und herum gelaufen sind.

Wir sind später zum Camping zurück gefahren. Sie hatten große Leinwände für die Fußballspiele bereit gestellt. Wir haben Bier geholt und an den Tischen das Spiel geschaut. Es gab nicht viele Festivalbesucher, die sich für Deutschland-Frankreich interessiert haben. Am Nachbartisch saßen einigen meiner noch Landesgleichen. Als ich gesehen habe, wie einer einfach seine Hose geöffnet hat, um unter dem Tisch auf der Wiese zu pinkeln, habe ich beschlossen, dass Deutschland gewinnen musste. Ich habe mich gefreut, als sie es tatsächlich geschafft haben. Bei der Halbzeit hatte ich ein bisschen Hunger und habe bei der veganen Bude geschaut. Sie hatten asiatische Nudeln, die zwar überkocht aussahen, aber mit Gemüse, mal was anderes als Hotdogs und Pommes. Ich hätte gerne welche probiert, aber als es mir klar wurde, dass das „4t“ kein halb verwischtes „4€“ war, sondern „4 tickets“ bedeutete (also 10€ pro Portion), habe ich es sein lassen. Wir haben doch Pommes auf der Straße vor dem Festivalgelände gegessen.

Danach sind wir zum Festival-Gelände gegangen. Es gab gerade eine Pause auf der Hauptbühne. Die Arctic Monkeys waren geplant, und ich war milde daran interessiert zu schauen, was sie machen. Inzwischen regnete es leicht, aber meine Regenjacke hatte ich dabei. Um uns herum wurde es ganz eng und der Rauch von den vielen Zigaretten ist nicht wie gestern schnell verschwunden, sondern hing lange in der Luft. Ständig sind Leute um uns herum hin und her gegangen. Dabei sind wir noch mit Bier geduscht worden. Was ich für Metallica ertragen habe, wollte ich für andere Gruppen nicht unbedingt erleben. Vor allem unter Regen. Ich habe schnell die Schnauze voll bekommen und bin zum Zelt zurück gegangen. Mit meinem leichten Rock und dem stärkeren Regen wurde es mir zu kalt. Ich habe es mir im Schlafsack gemütlich gemacht und mein Tauchlehrbuch weiter gelesen (mein erster praktischer Kurs ist am Tag unserer Rückreise geplant). Martin hat sich den Konzert zu Ende angeschaut und war zufrieden. Als er zurück kam, konnten wir relativ schnell einschlafen. Wachsohrstöpsel sind für mich wirklich am besten.

Festival – Tag 1

Auszug aus meinem Reisetagesbuch. Warnung: Für empfindlichen Seelen nicht geeignet.

Gegen 07:00 sind wir aufgewacht. Die Sonne schien und unser Zelt wurde schnell zur Sauna. Außerdem wurden unsere Nachbarn schon wach und laut. Ich habe mich angezogen und auf dem Weg zu den Toiletten gemacht. Ich hatte sie gestern nicht besucht, aber Martin meinte, sie wären nicht weit von unserem Zelt entfernt. Die Reihen von Dixi-Klos waren in der Tat nicht zu übersehen.

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Nichts ahnend, habe ich mich in der Schlange hingestellt und gewartet, bis ein Klo frei wurde. Das Entsetzen war groß. Der herrschende Geruch war schon beim ersten Tag überwältigend. Fäkalienreste klebten direkt oben am inneren Rand vom riesigen Loch, das als Kloschüssel galt. Es gab keine Spüle. Nur eine dunkel blaue Flüssigkeit in der Tiefe vom Loch, die als Desinfizierungsmittel gedacht war und in der, unter anderen, Spritzen an der Oberfläche zu sehen waren. Ich habe meine Blase schnell entleert, ohne in Berührung mit dem Klo zu kommen, und habe beschlossen, nie wieder solche Anlagen zu benutzen. Mein Mitleid geht an allen Bauarbeitern, die keine andere Möglichkeit haben und das schon ewig erleben dürfen. Ich habe danach meine Hände an den Becken waschen wollen. Auch ekelhaft. Drin waren noch Kotzreste mit Nudeln, vermutlich vom Abend. An einem Hahn hing eine lange farblose schleimartige Masse. Meine Zähne dort zu putzen habe ich ausgeschlossen.

Ich bin zurück zum Zelt gegangen. Nach einer Erholungszeit haben wir an den Tischen vor den Klos gefrühstückt (es gab sonst keine andere Tische, und die Camping-Shops mit Bäckerei und Kaffee waren auch dort). Nur Kaffee haben wir gekauft (eine Marke, 2,50€), sonst hatten wir unsere Einkäufe vom Carrefour. Ich habe die Becher behalten, um mir mit Evian hinter dem Zelt die Zähne zu putzen. Gegen 08:00 wurde der Duschenbereich zwischen Shops und Klos eröffnet. Die spontane Schlange war sehr lang. Ich habe Martin vorgeschlagen, den Tag sportlich zu beginnen, indem wir mit dem Bus nach Leuven fahren und das lokale Schwimmbad besuchen. Schwimmhose und Bikini hatten wir ja für die Reise nach Spanien nach dem Festival eingepackt. Eine tolle Idee, auch wenn die Suche nach der Sportoase am Anfang schwierig war (nicht mal eine Touristeninformation haben wir gefunden). Der Eingang kostet 5,50€, das Doppelte vom Preis einer Dusche am Camping (auch eine Marke). Dafür kriegt man noch Sauna und jede Menge Spaß. Ich habe mich gefreut, meine Haare richtig waschen zu können. Komisch, dass so wenige Leute auf diese Idee gekommen sind. Der Schwimmbad war nicht überfüllt.

Wir wollten nach einem leckeren Mittagessen am frühen Nachmittag zum Camping-Gelände zurück fahren. Blöderweise haben wir den Bus zum Festival benutzt, statt den zum Camping. Die Haltestelle war 2,5km vom Festival-Eingang entfernt, und 3km vom Campingplatz. The Hive war am teuersten von allen Campings, und den Grund dafür haben wir nicht wirklich verstanden, weil der Camping auch am weitesten vom Festival entfernt war. Wir mussten die ganze Zeit sehr lange Strecken zu Fuß machen. Nicht gut, weil Martin so viele Probleme mit seinen Sehnen hat. Zum Glück war das Wetter toll. Ich habe mich eingecremt und trotzdem einen leichten Sonnenbrand bekommen.

Am Eingang vom Festival haben wir wieder Schlange gestanden. Diesmal um den mit Chip versehenen Eintrittsarmband zum Festival-Gelände zu bekommen. Wir haben uns dem Publikum an der großen Bühne hinzugefügt und gewartet. Drauf spielten die White Lies, eine mir unbekannte Gruppe. Danach waren Placebo dran. Den Konzert haben wir uns auch angeschaut und dabei die ganze Zeit versucht, uns nach vorne zu bewegen. Es ging relativ gut, die Publikumsdichte war noch nicht so groß. Am Ende vom Konzert waren wir so weit, dass wir zwei Reihen vor einer Sperre angekommen sind. Es gab danach gut drei Meter Raum, in dem Sicherheitskräfte standen, bevor die nächte eingezaunte Publikumsmasse anfing. Keine Ahnung, wie man dorthin gelangen konnte. Andererseits fand ich den Abstand zur Hauptbühne schon kurz genug. Ich habe mich hingesessen, da wir schon so lange gestanden hatten, während Martin uns Biere geholt hat. Der Boden, kein Rasen sondern eine Kunststoff-Fläche, klebte schon von den vielen gekippten Bieren. Die Sonne knallte weiterhin. Immer mehr Menschen sind angekommen. Wir haben es geschafft, unseren hart erkämpften Platz zu behalten. Vor allem dank mir, weil Martin sonst von allen überholt geworden wäre. Ich hasse Menschendrang, ich hasse warten, ich hasse lange stehen, aber für Metallica kann ich das alles tun.

Sie waren natürlich nicht pünktlich. Als ich sie genau hier vor elf Jahren gesehen hatte, hatten sie gewartet, bis die Dunkelheit ausgebrochen war. Diesmal war es noch ganz hell, als sie aufgetaucht sind. Gleich am Anfang hat ein junger Mann hinter uns Crowdsurfing ausprobiert und ist von den Sicherheitskräften empfangen und rausgeschmissen worden. Es stand groß am Eingang, dass dieses Verhalten verboten war – inmitten einer so langen Liste von anderen verbotenen Sachen, dass ich bestimmt zu den Wenigen zähle, die alles ausgelesen haben. Auf jeder Seite der Bühne standen Gruppen von Fans, die die Band während des ganzen Konzertes hautnah erleben durften. Einige haben teilweise sogar selbst die Songs angekündigt, wobei der zweite junge Mann ziemlich blöd wirkte. Der Konzert selbst war großartig. Keine spezielle Effekte auf der Bühne, aber eine tolle Stimmung. Die Teilnahme der Zuschauer war in keinem Verhältnis zu den zwei vorherigen Konzerten. Meine Stimme hat mehrmals versagt. Trotz meiner Begeisterung bin ich am Ende sehr müde geworden und musste ständig gähnen. Meine Füße taten furchtbar weh (ich trug meine üblichen bequemen flachen Schuhen). Obwohl eine andere Gruppe danach spielen sollte, sind wir nicht geblieben. Ich war sowieso nur für Metallica zum Festival gekommen und hätte gleich am nächsten Tag zurück nach Berlin fliegen können, aber Martin hatte darauf bestanden, bis Sonntag zu bleiben, weil es sich für ihn sonst nicht lohnen würde. Was für ein Quatsch.

Die Umgebung im Camping war wieder total laut. Ich habe die von Martin mitgebrachten Ohrstöpsel ausprobiert, habe es leider nicht geschafft, sie in meine Ohren zu stecken. Ich dachte, ich würde etwas falsch machen, aber er hat es sich mit der Taschenlampe genau angeschaut und meinte, meine Ohrkanäle wären unglaublich schmall. Ich bin irgendwann von lauter Erschöpfung eingeschlafen.

Festival – Tag 0

Auszug aus meinem Reisetagesbuch.

Ich habe wenig geschlafen. Um 02:30 im Bett, um 06:30 wieder aufgestanden. Die Katze habe ich für den Tag versorgt. Ab morgen kommt die Katzensitterin täglich. Ich habe noch den Parkplatzschlüssel und eine Notiz für sie auf dem Küchentisch gelassen.

Um 09:20 war ich mit Croissants bei Martin. Meinen Rucksack hatte ich nur zur Hälfte gefüllt, da er seine Klamotten drin packen wollte. In seiner Tasche hatte er schon das Zelt und die Schlafsäcke. Wir haben gefrühstückt und sind mit dem Bus zum Flughafen gefahren. Auf dem Weg nach Brüssel haben wir Falafel-Brötchen mit Curry bekommen. Bis jetzt der beste Snack, den ich im Flugzeug je bekommen habe. Von Brüssel aus sind wir direkt mit dem Zug nach Leuven gefahren. Vor dem Bahnhof dort standen schon die Busse für den Festival. Unser war so voll, wir sind mit schweren Gepäcken vorne während der ganzen Fahrt nach Werchter stehen geblieben. Es wurde schnell sehr warm. Eine Gruppe von jungen Männern ist mit einem Einkaufswagen voll mit Gepäcken in der Mitte vom Bus eingestiegen und hat mit laut gespielten und mitgesungenen Stücken von Metallica für Stimmung gesorgt.

Der Bus hat uns zum Camping gebracht (The Hive). Wir wollten so schnell wie möglich das Zelt bauen, um das Gepäck los zu werden. Am Eingang vom Camping haben wir unter knallender Sonne Schlange gestanden. Wir hatten blöderweise nichts zum trinken dabei. Die Menschen waren ziemlich diszipliniert. Es gab kein Gedrängel, obwohl gefühlt Tausende von Leuten nur darauf warteten, um zum Camping-Gelände zu gelangen. Der Wartebereich vor dem Eingang war am Boden schon mit platt gedrückten Bierdosen bedeckt. Genervt hat mich nur der fettleibige fünfzigjährige Belgier hinter mir, der ständig versucht hat, vor mir zu kommen. Es ist ihm nicht gelungen. Dazu hat er noch mit seinen zwei Söhnen ständig geraucht. Wir sind durch zwei Eingangsbereiche gegangen. Nach der ersten Schlange war die zweite dran. Ich habe den Sinn davon nicht verstanden. Insgesamt haben wir bestimmt anderthalb Stunden gestanden, um Armbänder als Eintrittspässe für das Camping zu bekommen. Immerhin war das Wetter toll. Auf dem Gelände standen schon viele Zelte. Nebem einem der Hauptwege haben wir einen Platz gefunden, der groß genug war, und das Zelt endlich aufgebaut.

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Direkt danach sind wir mit dem Bus zurück nach Leuven gefahren. Ich fand es toll, dass so häufig Busse zwischen Leuven und Werchter kostenlos zur Verfügung gestellt wurden. Wir sind durch die Stadt spazieren gegangen und haben belgisches Bier getrunken. Die Stadt kannte ich schon, da eine Freundin von mir dort vor zwölf Jahren studiert hat und ich mehrmals bei ihr zu Besuch war. Ein leichter Kopfschmerz hat sich bemerkbar gemacht. Wir haben für das Frühstück eingekauft. Ich bin für unsere Essensausgaben zuständig. Wir sind ja pleite und können es uns nicht leisten, täglich beim Camping-Shop einzukaufen. Dazu haben wir einen Pack von sechs Flaschen Wasser à 1,5 Liter gekauft. Den hat Martin getragen. Das kleine Carrefour Express am Bahnhof war völlig überfordert. Mit nur einer geöffneten Kasse standen Leute bis zum anderen Ende des Ladens Schlange – alle Besucher vom Festival.

Nach einem frühen Abendessen vor dem Rathaus sind wir zurück zum Camping gefahren. Wegen meinen zur Migräne mutierten Kopfschmerzen sind wir früh in die Schlafsäcken geschlüpft. Aspirin habe ich dabei, aber kein Becher, um die Brausetabletten zu lösen. Martin konnte relativ schnell einschlafen. Da die anderen Camping-Bewohner auf Party-Stimmung waren, hat es bei mir länger gedauert.

Deichkind

Ich bin enttäuscht.

Die Gruppe kannte ich nicht, bis Martin mir davon erzählte. Ich hatte gleich am Abend danach gegoogelt und mir Videos auf Youtube angeschaut. Mein erster Eindruck war, „na ja, nicht mein Stil“. Auch wenn ich gleichzeitig erleichtert war zu sehen, dass es in diesem Lande noch Männer gibt, die sich nicht aktiv enthaaren. Bis ich Stücke von „Bitte Ziehen Sie Durch“ gehört habe. Das Album ist einfach genial. Ich habe mir gedacht, bei der nächsten Gelegenheit sollte ich mir die CD besorgen.

Heute war ich in der Nähe vom Saturn und habe wieder daran gedacht. Ich bin mit der CD aus dem Laden raus gegangen. Zu Hause angekommen, habe ich sie ins Laufwerk reingesteckt. Der Windows Media Player hat sich automatisch geöffnet. Es hat ewig gedauert, bis die CD angefangen hat zu spielen. Und der Sound war furchtbar, mit Knirschen ohne Ende. Komisch. Ich habe das zweite, ältere Laufwerk probiert: Die CD wurde nicht mal erkannt. Zweiter Versuch im ersten Laufwerk: Genau so schlecht. Mist. Die CD ist bestimmt beschädigt, dachte ich.

Zurück zum Saturn. Ich habe der Frau in der Musik-Abteilung das Problem erklärt. Ihre Antwort: Die CD hätte einen Kopierschutz, deswegen würde sie auf meinem Rechner natürlich nicht funktionieren. Vielleicht sollte ich meine Treiber aktualisieren. Sie hat die CD in ihre Anlage gesteckt und es ging wunderbar. Ich bin entsetzt. Ich habe zu Hause nur meinen Rechner, ich werde mir bestimmt nicht für eine einzige CD eine Anlage besorgen. Bei allen, die ich bisher gekauft habe, ist es das erste Mal, dass ich ein solches Problem habe. Selbst CDs von Metallica, die bekanntlich gegen Napster gekämpft haben, konnten alle einwandfrei auf meinem Rechner gespielt werden. Ich habe die CD zurück gegeben und das Geld wieder erstattet bekommen.

Außerdem sind alle Stücke minus eins auf Youtube zu finden. Ich habe sie jetzt als MP3 gespeichert. Mit der richtigen Freeware geht’s ohne Problem (man muss nur mit den Werbe-Links im Programm aufpassen). Meine Treiber sind übrigens alle auf dem neuesten Stand, daran lag es nicht. Wie kann man CDs mit Kopierschutz verkaufen und gleichzeitig so was produzieren? So konsequent ist es nicht.

Jacques Stotzem

Heute habe ich seine letzte CD per Post bekommen. Catch the Spirit II. Ich habe gleich eifrig die Packung gerissen und die CD spielen lassen. Ein Meisterstück. Jacques Stotzem schafft es, mit seiner akustischen Gitarre alten Hits ein erfrischend neues Leben zu geben, und dabei seinem eigenen Stil treu zu bleiben. Diese CD ist die Fortsetzung von Catch the Spirit, wo er angefangen hatte, Stücke von für ihn bedeutenden Musikern auf seiner Weise zu interpretieren. Zum Beispiel Jimi Hendrix, Neil Young oder Rory Gallagher.

Ich habe Jacques Stotzem durch meinen ehemaligen Arbeitskollegen Rolf kennen gelernt. Er spielt selber gerne Gitarre und hatte Sebastian und mir häufig über Konzerte in der Stadt erzählt. Ich hatte am Anfang gedacht, akustische Guitarre wäre nicht mein Ding, aber ich fand die Idee nett, mit den Kollegen einen Abend in der Kneipe zu verbringen. Wir sind zum Jakobshof gegangen, um Jacques Stotzem zuzuhören. Wir haben einen Tisch vor der Bühne ergattern können. Es war für mich ein unglaubliches Erlebnis. Der Mann ist wirklich ein Virtuose, und hat sehr schöne Musikstücke komponiert. Ich habe nur zugehört und gestaunt, was man mit bloß einer Gitarre alles machen kann. Wir haben ihn später noch einmal „zu Hause“ im Spirit of 66 in Verviers beim Konzert besucht. Ich habe dort sogar meine Kopie von Simple Pleasure von ihm autographiert bekommen.

Und ich widerstehe der Versuchung nicht, einen meiner Lieblingsstücke von ihm zu teilen, selbst wenn die Tonqualität dieser live Aufnahme nicht so gut wie auf der CD ist:

Apocalyptica

Diese Jungs haben’s drauf, ich bin total begeistert von ihnen!

Wie bin ich auf die Gruppe Apocalyptica aufmerksam geworden? Ich glaube, ich hatte auf Youtube nach dem Stück „Hall of The Mountain King“ von Edvard Grieg gesucht. Und bin dabei auf dieses Video gestolpert, das mich sehr beeindruckt hat:

Sie betreiben auch ihr eigenes Youtube Kanal, darunter findet man z.B. ihre Bearbeitung von „The Unforgiven“:


Das eigentliche Stück fängt bei 0:32 an, vorher ist das Ende von einem anderen Video – eine Bearbeitung eines anderen Stückes von Metallica, „Enter Sandman“.
Einfach rein hören, ihr werdet staunen, was man mit vier Cellos machen kann.

Aufmunterungslied

Weil ich mit der Nordkorea-Geschichte aus meinen Traum heute Nacht erwacht bin.

Nachtrag von 23:30
Meine koreanische Kollegin Yong Jin hat mir heute erklärt, dass die Drohungen von Nordkorea nicht ernst zu nehmen sind. Sie hat noch viele Verwandte in Südkorea, die die Lage gar nicht so ernst wie der Rest der Welt einstufen. Die Einstellung der Bevölkerung dort ist eher, „die spinnen mal wieder, die Regierungsleute in Nordkorea sind geistig krank“, aber keiner glaubt, dass sie wirklich einen Angriff machen würden. „Solche panikverursachende Aussagen aus Nordkorea haben immer wieder in regelmäßigen Abständen stattgefunden, bis jetzt ist aber nie was passiert“, sagt sie. Shaarazad geht jetzt entspannt ins Bett.