Kindergartenliebe

Kann man zu jung sein, um sich zu verlieben? Ich glaube nicht.

An meine erste Liebe kann ich mich immer noch erinnern, obwohl die Details diffus sind. Ich muss drei Jahre alt gewesen sein, denn wir besuchten die gleiche Schule in meiner Geburtstadt (nicht Kindergarten, eine richtige Schule, école maternelle heißt es in Frankreich, und ganztägig war es), und von dort sind wir ausgezogen, bevor meine Schwester geboren wurde und ich zur Gruppe der Großen wechseln konnte, für das letzte Jahr vor der Grundschule. Alexandre hieß er. Und ich weiß nicht mehr, wie es lief, ob wir zusammen gespielt hatten, oder ob ich ihn nur heimlich von weitem mochte. Ich hatte sogar ein Plüschtier, das ich nach ihm genannt hatte. Nur meiner Mami hatte ich meine Verliebtheit anvertraut, und da sich mein Vater wenig später sich darüber lustig machte, hatte ich schon ganz früh mein Vertrauen zu ihr verloren. Herzensgeschichte habe ich nie wieder erzählt, außer, um meine Eltern vor Tatsachen zu stellen — ich will ausziehen, oder ich heirate (gut, vorher wurde der Auserwählte vorgestellt, aber zuerst rein aus Pflichtgefühl, „weil man halt sowas macht“).

Sehr süß dagegen war die Szene im Rückflug vom Urlaub am Samstag. Das Flugzeug wimmelte nur von Familien mit Kleinkindern. Es drohte, ein Alptraum zu werden, aber die Kinder waren außerordentlich still, außer beim Starten und beim Landen, was verständlich ist. Auf der anderen Seite vom Gang, auf gleicher Höhe wie wir, saßen zwei Familien hintereinander. Die Familien schienen sich nicht zu kennen. In der vorderen Reihe saßen Eltern mit einem kleinen Jungen, hinter ihnen saßen eine Mutter mit zwei Töchtern, die eine im Grundschulalter, die andere etwa gleich alt wie der Junge, geschätzt maximal zwei Jahre alt. Der Vater saß bei uns neben dem Ehemann. Nachdem wir in der Luft waren und man nicht mehr angeschnallt sein musste, sind die zwei Kleinkinder aufeinander aufmerksam geworden. Es war die Liebe auf den ersten Blick. Die Beiden haben sich nicht mehr aus den Augen verloren und haben sich ständig angelacht und in Babysprache angequatscht. Beim Verlassen des Flugzeuges hat der Junge dem Mädchen seinen Schnuller geschenkt.

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Nur noch eine Woche

  • Formalitäten und Papierkram schon seit Wochen erledigt
  • Flüge gebucht seit Monaten
  • Einladungen geschickt nicht ganz so einfach
  • Eheringe geschmiedet der Kurs hat richtig Spaß gemacht
  • Anzug für den Bräutigam heute haben wir das passende Hemd dazu gefunden
  • Hochzeitskleid aber es geht gut voran
  • Neue Schuhe dank Kate
  • Neue Handtasche ditto
  • Etwas Blaues auf dem Strumpfband
  • Etwas Geliehenes Hochzeitsschmuck von meiner Trauzeugin Sabrina
  • Etwas Altes wir haben altes Gold für die Ringe verwendet
  • Friseurtermin auch für einige Gäste sowie meine beiden Trauzeuginnen
  • Termin bei der Kosmetikerin sowie Schminke-Probe am Tag davor
  • Abendessen im Restaurant tolles Menü, und nicht so teuer, weil ich vor Jahren dem Sohn der Betreiberin private Mathe-Stunden gegeben habe
  • Sitzordnung und Tischkärtchen  die muss noch der Bräutigam vorbereiten
  • Blumen und Dekoration von meiner Mami organisiert
  • Fotograf Profi von meinem Vater bestellt
  • Musik von meinem Bruder organisiert, der einen Profi als Kumpel hat
  • Hotelzimmer für die Gäste wir haben zwei Hotels gefüllt
  • Schönes Wetter wie die Prognose aussieht, wird es eher strömen, aber, wie man bei uns sagt: Mariage pluvieux, mariage heureux
  • Weißer Regenschirm weil ich den Regen mein Make-up nicht ruinieren lassen will
  • Dragées zum verschenken von der Freundin von meinem Bruder organisiert
  • Junggesellinnenabschied es gab keine Zeit, meine Trauzeuginnen wohnen zu weit weg, und so scharf darauf bin ich eh nicht

Praktisch, dass meine Familie vor Ort sich um so vieles kümmern kann. So gesehen, ist mein einziger Stress, das Kleid rechtzeitig fertig zu kriegen. Es könnte morgen klappen. Trotzdem ein Riesenstress.

Gerüchteküche

So ein geschäftliches Abendessen kann interessant werden. Zwischen zwei Gläsern Wein hört man Geschichten, die man sonst nie im normalen Tagesablauf erzählt bekommt. Wie die Geschichte von Emma, unsere Mitarbeiterin aus der Presseabteilung.

Bei uns hat vor einiger Zeit eine Veranstaltung statt gefunden, bei der ich nur kurz anwesend war. Der Tagesablauf war voll mit Vorträgen gepackt, bis spät abends, und die Teilnehmer wurden für die zwei Tage in Zimmern vor Ort unterbracht. Emma war die ganze Zeit dabei. Wir hatten viele Teilnehmer aus verschiedenen Ländern, mit denen sie sich unterhalten hat. Insbesondere mit einem jungen Mann, den ich nicht kenne, und der damals bei einem von unseren gestrigen Gästen arbeitete. Die öffentliche Version der Gechichte gestern lauterte, „sie hat sich in ihn verliebt“. Der junge Mann war gerade seit zwei Wochen frisch verheiratet. Was folgte für ihn: Scheidung und Arbeitswechsel, um mit Emma zu leben. Jetzt sollen die Beiden in naher Zukunft heiraten. Es muss für seine erste Frau ein harter Schlag gewesen sein.

Dazu fällt mir nur das xkcd-Comic ein, das die Situation genau auf den Punkt bringt:

Und jetzt arbeite ich an meinem Hochzeitskleid weiter. Schließlich habe ich mir heute dafür frei genommen.

Beruhigt

Denn er hat mich angerufen. Er hat seit unserem letzten Telefonat wirklich kein Netz gehabt. Wie könnte es anders zu erwarten sein, bei 2800m im Gebirge? Als er heute Abend zurück in der Hütte war, hat er mich angerufen.

Das Handy lag auf dem Tisch neben mir. Seit gestern liegt das Handy ständig neben mir. Wie häufig habe ich bei WhatsApp geschaut, um festzustellen, dass er seit Donnerstag Abend nicht online war? Wie häufig habe ich auf Google nach den letzten Nachrichten in der Gegend gesucht, und jedes Mal meinen Herzen sinken gespürt, wenn ich etwas von einem Unfall gelesen habe? Ich hatte schon mit dem Gedanken gespielt, seinen Vater zu kontaktieren, um zu wissen, ob er von ihm gehört hätte. Und was wäre, wenn er irgendwo im Krankenhaus liegen würde?

Die Nummer am Display kannte ich nicht, aber von der Vorwahl her musste es von ihm sein. Das Handy habe ich gerade ein Mal klingeln lassen. Er tat so gut, seine Stimme zu hören. Ihm geht’s gut. Mir jetzt auch wieder. Ich werde besser einschlafen können. Morgen Abend will er sich wieder melden.

Alleine

Heute ist er für ein verlängertes Wochenende in die Alpen weg geflogen. Eine Wanderung mit seinem früheren Bergsteigerverein ist geplant. Obwohl er nicht mehr dort wohnt, ist er immer noch Mitglied. Er hatte mich gefragt, ob ich mitkommen wollte, aber es wäre mir zu viel.

Ich habe ihn heute Nachmittag am Flughafen getroffen. Er war morgens bei der Arbeit und hatte Sachen zu Hause vergessen. Da ich heute Nacht bei ihm geschlafen habe, und momentan sowieso frei habe, bin ich mit dem Fahrrad dahin gefahren. Eine halbe Stunde habe ich gebraucht, mehr nicht. Der Zugang zu Tegel mit dem Fahrrad ist nicht so einfach. Kein Radweg, und die Autos rasen so schnell an einem vorbei, dass ich beschlossen habe, lieber auf dem Gehweg zu fahren, der kaum benutzt wird. Die meisten Leute sind mit Auto oder Bus unterwegs. Vergeblich habe ich nach einem Parkplatz für Fahrräder gesucht. Mir wurde einen Parkplatz empfohlen, der aber nur für Motorräder geeignet ist (zwei Räder, wo ist der Unterschied?). Ich habe mein Fahrrad an einem Verkehrsschild angeschlossen.

Er hat sich gefreut, dass ich gekommen bin. Ich mache mir Sorgen. Ich hoffe, er kommt heil zurück. Unfälle hat er schon mal in den Alpen gehabt. Es gibt außerdem zur Zeit schreckliche Nachrichten mit Flugzeugen. Und ich weiß nicht, wer sonst noch bei der Wanderung ist. Die Gruppe ist klein, mit weniger als zehn Teilnehmern. Der Verein ist vom Forschungszentrum, und dort arbeitet David, der außer eine große Klappe auch ein begeisterter Bergsteiger ist. Die Beiden kennen sich, obwohl Martin ihn anscheinend nicht mag. Ich denke lieber nicht daran.

Heute Abend hat er mich angerufen. Er übernachtet bei einer ehemaligen Kollegin, die ihn morgen früh auf dem Weg zur Arbeit zum Wandertreff mit dem Auto bringt. Er hat mir schon viel von ihr erzählt. Anita kennt sie auch. Sie waren eine große Freundengruppe. Das Wochenende verbringt er danach mit der Wandergruppe in Hütten.

Das heißt, ich bin bis Montag alleine. Zeit für mich. Ich sollte sie besser nicht verschwenden.

Ich hatte es geahnt

Meine Zweifel haben sich bestätigt. Nicht über uns als Paar, selbst wenn ich mir weiterhin gerne mehr Zeit für mich alleine wünschen würde. Wir verstehen uns gut, auch wenn wir uns nicht immer einig sind. Er neigt aber dazu, zu viel Geld ausgeben zu wollen und über seine Verhältnisse zu leben, und es macht mir Sorgen. Ich kann es aber nicht richtig schätzen, vielleicht bilde ich es mir nur ein. Ich weiß nicht mal, wieviel er im Monat verdient, nur, dass er eine niedrigere Einstufung als ich hat. Der Sex ist weiterhin wunderbar.

Ich meine eher sein berufliches Engagement. Letzte Woche hat Winfried mit ihm gesprochen. Er hat zu wenige Ergebnisse bekommen, um eine Doktorarbeit noch rechtzeitig zu schaffen, er sollte sich ab jetzt auf seine Stärke konzentrieren. Es war mir schon lange klar, aber ich habe mich nicht in der Lage gesehen, es ihm zu sagen. Es ist die Aufgabe von Uschi und Winfried, nicht meine. Hinweise habe ich ihm gegeben, es hat nicht geholfen. Sebst bei seinen späteren Messungen hat er sich nicht genug Zeit genommen. Es hat es letztens verpennt, seine Daten rechtzeitig auszuwerten, mit dem Ergebniss, dass sie aus unserem Server gelöscht wurden. Archiviert hatte er sie nicht. Das Thema hat ihn einfach nicht genug interessiert. Er hat es angenommen, weil es ihm angeboten wurde, aber ohne Begeisterung. Es gab noch gestern ein Treffen mit Uschi. Das Thema Doktorarbeit ist nun aus. Sein Arbeitsvertrag wird nächstes Jahr nicht verlängert. Ich habe ihm gesagt, er soll sich jetzt schon auf Stellen bewerben.

Klar, wenn er sich in seinem Thema vertieft hätte, hätte er zwangsweise Überstunden gemacht. Das ist nicht gut, wenn die Arbeitszeit geprüft wird. Man wird nach zu vielen Überstunden gemahnt. Mit seinem vollzeitigen Arbeitsvertrag hätte er es sehr schwer gehabt, nebenbei eine Doktorarbeit zu machen. Er hätte auch weniger Zeit gefunden, um mit mir zu sein, und ich bin froh, dass wir viel Zeit für einander haben. Ich habe mich schon gefragt, wie Uschi und Winfried es je für realistisch halten konnten, dass man in zwei Jahren neben einem normalen Job genug Ergebnisse bekommt, um erfolgreich zu promovieren. Was haben sie sich denn gedacht? Ich habe selber fast vier Jahren gebraucht, als ich zwanzig Jahre jünger als er jetzt und so fit war, und meine Stelle war aus Drittmitteln nur für meine Doktorarbeit finanziert, ein Luxus. Andererseits ist es mir manchmal nervig zu sehen, wie langsam er seine Aufgaben erledigt. Ich denke, mit einer besseren Plannung seiner Arbeitszeit hätte er sicherlich mehr schaffen können. Ich denke aber nicht, dass er wirklich in der Lage dazu gewesen wäre. Sonst hätte er sein Physikstudium fertig gebracht. Und mit Mitte vierzig frage ich mich, welchen Vorteil ein frisch erworbener Doktortitel noch bringen kann.

Es hat ihn auf jeden Fall zum Nachdenken gebracht. Er stellt sich selber in Frage und wundert sich, ob er geeignet für eine Doktorarbeit war, oder von vorne rein zum scheitern verurteilt war. Ich weiß nicht. Als er das Angebot bekommen hat, kannten ihn Winfried und Uschi kaum. Vielleicht meinten sie ernsthaft, es würde klappen. Ich habe aber bei unseren Gruppen-Meetings früh im Sommer gemerkt, dass Uschi nicht ganz mit seiner Art zufrieden ist und ihm mit Mühe zuhört. Er ist häufig ungeduldig mit ihm gewesen, weil er seine Arbeit nicht schnell genug macht. Dafür hat er ihm nicht viel Hilfestellung gegeben, kaum Anweisungen erteilt, und das würde man aus einem Doktorvater, den man täglich sehen kann, schon erwarten. Aber vielleicht bin ich in meinem früheren Institut zu verwöhnt gewesen.

Mir gegenüber verhält er sich gut. Er ist besorgt, aber eine Doktorarbeit wollte er nicht unbedingt machen. Es war nur für ihn gut, weil er dadurch eventuell in der Gruppe auf eine Stelle kommen könnte, um ein Gerät wissenschaftlich zu betreuen. Es könnte daraus eine unbefristete Stelle werden, so hat er es erzählt bekommen. Außerdem meinte er, sich in der Industrie mit einem Doktortitel auf bessere Stellen bewerben zu können. Ich habe ihm nicht erzählt, dass Uschi und Winfried mir angeboten haben, genau das gleiche Gerät zu übernehmen, wenn ich im kommenden Sommer den Arbeitgeber wechsle und in der Gruppe integriert werde. Ich hatte damals schon den unangenehmen Eindruck, dass sie mich als Ersatz für ihn gesehen haben. Dass es eine unbefristete Stelle geben soll, habe ich allerdings nicht von ihnen gehört. Ich denke, das hat er sich selber eingeredet.

Und zurück

Jetzt kenne ich seine ganze Familie, oder fast. Ich fand es sehr lieb, wie sie mich freundlich empfangen haben.

Seine Cousine hat uns am Bahnhof abgeholt. Wir sind direkt in ein Lokal in der Nähe essen gegangen. Dort warteten ihr Mann (auch ein Franzose!) und ihre jüngere Tochter auf uns. Die Ältere war nicht da, aber ich habe sie schon kennen gelernt, sie studiert seit einem halben Jahr in Berlin.

Gestern sind wir in die Stadt spazieren gegangen. Einige Sehenswürdigkeiten besucht. Das Wetter war so toll. Am Abend sind seine Tante mit ihrem Mann angekommen. Sie hatten für Martin gesorgt, als seine Mutter gestorben ist (warum sein Vater sich nicht um ihn kümmern konnte, ist mir nicht bekannt). So viele neue Namen, ich hatte den Eindruck, ich könnte sie mir gar nicht alle merken. Beeindruckend fand ich, dass alle mehr oder weniger gut Französisch können. Wir haben gegrillt. Karten gespielt. Mir sind noch Kindheitsgeschichte und Familien-Videos nicht erspart geblieben.

Heute Morgen sind wir kurz nach dem Frühstück zurück zum Bahnhof gefahren. Das Wochenende kam mir zu kurz vor.

Zweifel

Vielleicht, weil es bald wieder Zeit wird. Es wäre früh, aber mein Zyklus zickt, seitdem wir zusammen sind. Manchmal denke ich, meine Hormonen haben eine Koalition gegen mich gebildet, damit ich schwanger werde („Yeah, endlich ein Mann!“, denken sie bestimmt). Von den Kondomen haben sie anscheinend nichts gemerkt.

Wie auch immer. Ab und zu frage ich mich, ob wir wirklich zueinander passen. Ja, das ist normal. Ich habe mich schon gefragt, wie es mir ginge, wenn wir Schluss machen würden. Und habe den Eindruck, dass es mir nicht so sehr traurig machen würde. Ich wäre eher sauer auf mich, mich geirrt zu haben. Oder enttäuscht. Aber komplett zerstört? Das glaube ich nicht.

Ich bin so viele Jahre Single geblieben, ich bin noch daran gewöhnt. Das habe ich am Samstag gemerkt. Er hat mir gesagt, er möchte am kommenden Wochenende zu seiner Familie nach Frankfurt fahren. Er sah dabei ein bisschen geniert aus. Ich dachte, er wollte alleine dahin und wusste nicht, wie er es mir sagen sollte. Und was war meine erste innerliche Reaktion? „Hmm, ein Wochenende für mich alleine, das wäre auch cool.“ Obwohl das letzte Mal gar nicht so lange her ist. Ich habe sofort angefangen, Pläne fürs Wochenende zu schmieden. Und dann meinte er, seine Cousine hätte ihm explizit gesagt, ich wäre gerne willkommen. Ach so, er erwartete also, dass ich mitkomme… Ich habe zugesagt. Er hat sich riesig gefreut. Gut, ich freue mich auch, den Rest seiner Familie kennen zu lernen.

Aber. Bei der Arbeit habe ich manchmal ein komisches Gefühl. Dass er nicht besonders schnell arbeitet, habe ich schon erzählt. Er hatte auch Physik studiert, wie ich. Er ist durchgefallen und hat sich umorientieren müssen. Egal. Dafür hat er ein FH-Ingenieurdiplom gemacht (ich habe den Eindruck, irgendwas musste studiert werden, weil sein Vater Professor an der Uni war). Das heißt, ich bin qualifizierter als er (und verdiene mehr Geld). Was mir im Grunde auch egal ist. Ich sehe leider, dass er nicht 100% hinter seiner Arbeit steht. Ein bisschen Keinbockigkeit ist da. Es wirkt sich bei unseren Gruppenmeetings aus, und ich kann Uschi nicht wiedersprechen, wenn er ihm Vorwürfe macht. Ich könnte ihm die gleichen Vorwürfe machen, überlasse es nur besser unserem Chef. Ich sehe aber Probleme auf uns kommen.

Uschi hatte ihm angeboten, ein Doktorarbeitsthema zu bearbeiten, damit er sich weiter qualifiziert. Das hat er angenommen, weil er dadurch eine Vertragsverlängerung bekommen würde und meint, mit einem Doktortitel besser bezahlte Stellen zu bekommen. Ich bin nicht sicher, dass man mit dem Erwerb eines Doktortitels in seinem Alter sich wirklich besser vermarkten kann. Schließlich habe ich letztes Jahr selber so viele Bewerbungen schreiben müssen, bevor ich diesen Job gefunden habe. Das Thema scheint ihn auch nicht besonders zu begeistern. Seine Reise vor zwei Wochen hatte den Zweck, Testmessungen für seine Doktorarbeit durchzuführen. Er hat sich seitdem nicht mehr um die Ergebnisse gekümmert. Ich denke manchmal, als Ingenieur kann er gut arbeiten, aber es fehlt ihm an Durchhaltevermögen, um eine Doktorarbeit zu machen und Wissenschaftler zu werden. Was, wenn er scheitert? Wird er es mir übel nehmen, weil ich promoviert bin und er nicht?

Zu viele Gedanken. Ich sollte besser schlafen gehen.

So schnell

Wir sind gerade seit sieben Wochen zusammen. Es kommt mir viel länger vor.

Die Schmetterlinge haben nachgelassen. Das ist gut, weil ich mich mit ihm am liebsten natürlich verhalten möchte, und sie hatten mich in seiner Anwesenheit genug nervös gemacht. Wir verstehen uns gut. Auch im Bett. Es ist zwar nicht so wild wie damals mit David, aber er verhält sich viel liebevoller und die Orgasmen sind intensiver. Außerdem war ich ganz überrascht zu erfahren, dass er fast genau so lange wie ich Single geblieben ist.

Ich kenne schon einen guten Teil seines Umfeldes. Mit seinen Freunden haben wir einiges unternommen. Seine Familie hat sich mit mir sehr freundlich verhalten. Von meiner Seite kennt er nur meinen Bruder und seine Freundin. Als meine Mami zu Besuch kam, waren wir noch nicht zusammen, und er war eh unterwegs. Meine Freunden sind fast alle in meiner früheren Stadt.

Bei der Arbeit ist es jetzt bekannt, dass wir ein Paar sind. Natürlich verhalten wir uns vor der Gruppe ganz normal wie vorher, aber es fällt schon auf, wenn wir gemeinsam zur Arbeit ankommen oder die gleichen Urlaubswochen beantragen. Wir wollten schon zum Werchter-Festival in Juli fahren, und haben gerade zwei Wochen Urlaub im Herbst geplant.

Gestern auf dem Weg zur Arbeit hat er mich gefragt, ob ich mit ihm umziehen möchte, wenn er eine Wohnung findet (er will sich schon seit längerer Zeit eine kaufen). So schnell. Es kommt mir übereilt vor. Andererseits ist es blöd, ständig hin und her zu fahren, und meine Katze ist verwirrt, dass ich häufig nicht zu Hause schlafe. Eigentlich kann ich es mir sehr gut vorstellen, mit ihm zu wohnen. Abgesehen davon, dass ich den Mietvertrag für meine Wohnung für zwei Jahre unterschrieben habe. Untermieter sind nicht ausgeschlossen. Und mein zweijähriger O2-Vertrag fängt erst in Juni an. Ich habe gedacht, er sucht eine Wohnung seit so Langem, es wird noch dauern, und bis dahin wissen wir, ob wir wirklich miteinander leben können.

Lebensumstellung

Es ist nicht so, dass ich mein Leben als Single vermisse. Aber ich merke, dass ich viel weniger Zeit für mich selbst habe. Ich muss mich neu organisieren.

Es fängt schon mit meiner Wohnung an. Früher bin ich nach der Arbeit nach Hause gegangen, habe mich vor dem Rechner entspannt, mit Freunden aus meiner früheren Stadt gechattet, etwas gegessen, vor dem Einschlafen noch gelesen… Jetzt muss ich immer die Gelegenheit sofort nutzen, wenn ich zu Hause bin, um dringende Aufgaben zu erledigen. Waschmaschine leer räumen, Katzenklo putzen, Geschirr spülen (per Hand, ich habe keine Maschine mehr in der neuen Wohnung), staubsaugen, Briefe sortieren… Über meine Begeisterung für diesen Arbeitsfeld habe ich schon berichtet. Dazu kommen neue Aufgaben. Zum Beispiel, ständig Katzenhaare aus dem Bett mit einer Klebrolle entfernen, weil Martin allergisch ist. Tagsüber daran denken, die Tür des Schlafzimmers zu zu lassen, damit die Katze nicht auf dem Bett schlafen geht. Nachtsüber lässt es sich nicht vermeiden. Wenn ich die Tür zu machen würde, würde sie ständig wie eine Besessene gegen die Tür kratzen. Bettwäsche müssen häufiger gewaschen werden. Ich muss ständig daran denken, frische Unterwäsche in meine Tasche zu packen, wenn ich bei ihm übernachte. Sporttasche bei der Arbeit parat haben, statt wie früher von zu Hause aus damit los gehen, weil ich jetzt nicht mehr weiß, wo ich die Nacht verbringen werde.

Es gibt andere Momente, wo ich da stehe und es immer noch nicht fassen kann. Ich habe jetzt einen Freund. Ich bin in einer Beziehung. Mit ihm. Wow. Einen solchen Moment habe ich heute Nachmittag wieder erlebt. Wir standen im Märkischen Museum. Ich habe mich nach ihm gedreht und ihn angeschaut. Ich habe gedacht, dieser Mann neben mir ist mein Freund. Ich bin glücklich, mit ihm zu sein. Ich habe mich gleichzeitig überrascht gefühlt. Als ob ich aus einem Traum erwachen würde, um festzustellen, dass er im realen Leben weiter gespielt wird.

Ich weiß nicht, wie es mit uns weiter gehen wird. Ich habe die Hoffnung, dass wir noch einen langen Weg vor uns haben. Ich habe sonst wieder extrem starke Muskelkater. Aber wie er dabei gestöhnt hat, konnte ich einfach nicht aufhören.