Offener Brief an Jasmina

Liebe Jasmina,

du kennst mich nicht, und ich dich auch nicht. Ich durfte heute Abend im Bus neben deinem Kumpel, dessen Namen ich nicht kenne, sitzen. Aus Bequemlichkeit für den Rest des Briefes soll er Rachid heißen. Als ich in Johannisthaler Chaussee eingestiegen bin, war er schon dabei, mit dir zu telefonieren. Als er in Lichterfelde West ausgestiegen ist, war euer Gespräch immer noch nicht zu Ende.

Ich saß unweit von Rachid ganz hinten im Bus und war dabei, einen Schal für meinen Mann zu häkeln. Ich sitze schon seit fast einem Jahr dran, wenn auch unterbrochenerweise, es wird Zeit, dass ich damit fertig werde. Die Handbewegungen laufen jetzt so automatisch, dass ich gar nicht mehr darüber nachdenken muss. Es war dabei schwer, der hiesigen Hälfte deines Gespräches mit Rachid nicht zu lauschen. Er kann ganz schön laut reden. Besonders, wenn er jemandem wie dir die Welt erklärt. Da müssen alle seine Mitreisende von seiner Weisheit erfahren.

Jasmina, du hast kürzlich einen neuen Freund gefunden. Rachid tut sich schwer, sich für dich zu freuen. Ja, er war dir gestern Abend auch richtig sauer gegenüber. Hoffentlich ist dieser neuer Freund nicht irgend so ein Arschloch, der dich ausnutzt und dich danach vernachlässigt. Das machen viele. Glaubst du ihm etwa nicht? Rachid weiß, wovon er spricht. Wie alt bist du denn? Und wie alt ist Rachid? Na also. Der Ältere hat doch immer Recht. Und dabei bist du so ein hübsches Mädchen. Wenn dieser Idiot sich so schlecht mit dir verhält, tritt er ihm in die Eier. Er würde ihn für dich richtig prügeln, dass er nach seiner Mutter schreit. Er sabbert ja fast bei dem Gedanke.

Rachid will dich. Das sagt er dir aber nicht. Stattdessen fragt er dich, ob du vielleicht am Samstagabend in die Schischa-Bar gehen willst? Er selber war noch nie dort. Wieviel kostet denn so was? Das weiß er nicht. Aber man wird es sich schon leisten können. Sicherlich kostet es nicht mehr als zehn Euros. Willst du mit ihm am Samstagabend hin? Ach ja, du wolltest ihm eine Freundin von dir vorstellen, vielleicht wäre sie etwas für ihn? Vielleicht würde Rachid dich endlich in Ruhe lassen, wenn du ihm eine Andere findest? Ach nee, woher kommt diese Freundin denn? Aus Niedersachsen? Die Mädchen dort können dir doch nicht das Wasser reichen. Du bist so ein hübsches Mädchen. Bestimmt ist diese Freundin so zickig wie seine letzte Freundin, darauf hat er kein Bock.

Wie, du willst mit deinem neuen Freund am Samstagabend die Zeit verbringen? Dein Freund kann doch gar nicht der Richtige für dich sein, wenn er dir nicht erlaubt, andere Freunde zu haben. Frag ihn mal, was er davon hält, wenn du andere Freunde hast. Und vielleicht ist es doch gar nicht so schlimm, wenn Rachid mit dir schläft? Aber das würde er dich nicht so direkt am Telefon fragen. Bestimmt würde dein neuer Freund dich von Rachid fernhalten wollen. Mit Recht. Also, wirklich, dein neuer Freund verdient dich nicht. Du solltest ihn verlassen.

Jasmina, mal im Ernst. Du hast schon in der Vergangenheit Rachid auf deinem Handy blockiert, das solltest du weiterhin machen, wenn dir noch ein bisschen Selbstliebe übrig bleibt. Rachid schert sich nicht darüber, ob du glücklich bist. Alles, was ihn interessiert, ist, dich für ihn alleine zu haben. Willst du wirklich mit jemandem sein, der dir nie deine eigene Meinung gönnen wird, weil du als Jüngere ihm automatisch als Unterlegene erscheinst? Mit jemandem, der damit prahlt, deinen Liebsten gegenüber Gewalt anzuwenden, wenn sie sich ihm quer stellen? Dabei bist du so ein hübsches Mädchen, du könntest jeden kriegen, den du willst. Du findest bestimmt besser. Vertraue mir. Wie alt bist du nochmal? Sicherlich unter vierzig, weil du deine Zeit sonst nicht mit so einem affigen Jugendlichen verschwenden würdest. Du bist ja jünger als Rachid. Also bin ich älter, und damit habe ich Recht. Vergiss Rachid, du wirst auch noch weniger Kopfschmerze nach so langen sinnlosen Telefonaten bekommen.

Deine liebe Shaarazad

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Kindergartenliebe

Kann man zu jung sein, um sich zu verlieben? Ich glaube nicht.

An meine erste Liebe kann ich mich immer noch erinnern, obwohl die Details diffus sind. Ich muss drei Jahre alt gewesen sein, denn wir besuchten die gleiche Schule in meiner Geburtstadt (nicht Kindergarten, eine richtige Schule, école maternelle heißt es in Frankreich, und ganztägig war es), und von dort sind wir ausgezogen, bevor meine Schwester geboren wurde und ich zur Gruppe der Großen wechseln konnte, für das letzte Jahr vor der Grundschule. Alexandre hieß er. Und ich weiß nicht mehr, wie es lief, ob wir zusammen gespielt hatten, oder ob ich ihn nur heimlich von weitem mochte. Ich hatte sogar ein Plüschtier, das ich nach ihm genannt hatte. Nur meiner Mami hatte ich meine Verliebtheit anvertraut, und da sich mein Vater wenig später sich darüber lustig machte, hatte ich schon ganz früh mein Vertrauen zu ihr verloren. Herzensgeschichte habe ich nie wieder erzählt, außer, um meine Eltern vor Tatsachen zu stellen — ich will ausziehen, oder ich heirate (gut, vorher wurde der Auserwählte vorgestellt, aber zuerst rein aus Pflichtgefühl, „weil man halt sowas macht“).

Sehr süß dagegen war die Szene im Rückflug vom Urlaub am Samstag. Das Flugzeug wimmelte nur von Familien mit Kleinkindern. Es drohte, ein Alptraum zu werden, aber die Kinder waren außerordentlich still, außer beim Starten und beim Landen, was verständlich ist. Auf der anderen Seite vom Gang, auf gleicher Höhe wie wir, saßen zwei Familien hintereinander. Die Familien schienen sich nicht zu kennen. In der vorderen Reihe saßen Eltern mit einem kleinen Jungen, hinter ihnen saßen eine Mutter mit zwei Töchtern, die eine im Grundschulalter, die andere etwa gleich alt wie der Junge, geschätzt maximal zwei Jahre alt. Der Vater saß bei uns neben dem Ehemann. Nachdem wir in der Luft waren und man nicht mehr angeschnallt sein musste, sind die zwei Kleinkinder aufeinander aufmerksam geworden. Es war die Liebe auf den ersten Blick. Die Beiden haben sich nicht mehr aus den Augen verloren und haben sich ständig angelacht und in Babysprache angequatscht. Beim Verlassen des Flugzeuges hat der Junge dem Mädchen seinen Schnuller geschenkt.

Nur noch eine Woche

  • Formalitäten und Papierkram schon seit Wochen erledigt
  • Flüge gebucht seit Monaten
  • Einladungen geschickt nicht ganz so einfach
  • Eheringe geschmiedet der Kurs hat richtig Spaß gemacht
  • Anzug für den Bräutigam heute haben wir das passende Hemd dazu gefunden
  • Hochzeitskleid aber es geht gut voran
  • Neue Schuhe dank Kate
  • Neue Handtasche ditto
  • Etwas Blaues auf dem Strumpfband
  • Etwas Geliehenes Hochzeitsschmuck von meiner Trauzeugin Sabrina
  • Etwas Altes wir haben altes Gold für die Ringe verwendet
  • Friseurtermin auch für einige Gäste sowie meine beiden Trauzeuginnen
  • Termin bei der Kosmetikerin sowie Schminke-Probe am Tag davor
  • Abendessen im Restaurant tolles Menü, und nicht so teuer, weil ich vor Jahren dem Sohn der Betreiberin private Mathe-Stunden gegeben habe
  • Sitzordnung und Tischkärtchen  die muss noch der Bräutigam vorbereiten
  • Blumen und Dekoration von meiner Mami organisiert
  • Fotograf Profi von meinem Vater bestellt
  • Musik von meinem Bruder organisiert, der einen Profi als Kumpel hat
  • Hotelzimmer für die Gäste wir haben zwei Hotels gefüllt
  • Schönes Wetter wie die Prognose aussieht, wird es eher strömen, aber, wie man bei uns sagt: Mariage pluvieux, mariage heureux
  • Weißer Regenschirm weil ich den Regen mein Make-up nicht ruinieren lassen will
  • Dragées zum verschenken von der Freundin von meinem Bruder organisiert
  • Junggesellinnenabschied es gab keine Zeit, meine Trauzeuginnen wohnen zu weit weg, und so scharf darauf bin ich eh nicht

Praktisch, dass meine Familie vor Ort sich um so vieles kümmern kann. So gesehen, ist mein einziger Stress, das Kleid rechtzeitig fertig zu kriegen. Es könnte morgen klappen. Trotzdem ein Riesenstress.

Gerüchteküche

So ein geschäftliches Abendessen kann interessant werden. Zwischen zwei Gläsern Wein hört man Geschichten, die man sonst nie im normalen Tagesablauf erzählt bekommt. Wie die Geschichte von Emma, unsere Mitarbeiterin aus der Presseabteilung.

Bei uns hat vor einiger Zeit eine Veranstaltung statt gefunden, bei der ich nur kurz anwesend war. Der Tagesablauf war voll mit Vorträgen gepackt, bis spät abends, und die Teilnehmer wurden für die zwei Tage in Zimmern vor Ort unterbracht. Emma war die ganze Zeit dabei. Wir hatten viele Teilnehmer aus verschiedenen Ländern, mit denen sie sich unterhalten hat. Insbesondere mit einem jungen Mann, den ich nicht kenne, und der damals bei einem von unseren gestrigen Gästen arbeitete. Die öffentliche Version der Gechichte gestern lauterte, „sie hat sich in ihn verliebt“. Der junge Mann war gerade seit zwei Wochen frisch verheiratet. Was folgte für ihn: Scheidung und Arbeitswechsel, um mit Emma zu leben. Jetzt sollen die Beiden in naher Zukunft heiraten. Es muss für seine erste Frau ein harter Schlag gewesen sein.

Dazu fällt mir nur das xkcd-Comic ein, das die Situation genau auf den Punkt bringt:

Und jetzt arbeite ich an meinem Hochzeitskleid weiter. Schließlich habe ich mir heute dafür frei genommen.

Feierabend

Heute Abend, auf dem Weg nach Hause. Ich komme aus der Arbeit zurück und gehe entlang eine kleine Straße hinter unserem Haus. Die Straße endet zwischen zwei Tiefgaragen, eine links, eine rechts. Danach sind zwei Absperrungen, die man nur zu Fuß oder mit dem Fahrrad durchqueren kann. Zwischen beiden Absperrungen fließt ein künstliches Bächle, das man fast übersehen könnte.

Vor der zweiten Absperrung kommt mir ein Fahrradfahrer entgegen. Ich gehe links zur Seite, da ich selber häufig genug mit dem Fahrrad durch das Bächle gefahren bin und weiß, dass man es am besten rechts durchquert, weil es dort eine Vertiefung am ohnehin sehr kleinen Rand gibt. Der Fahrradfahrer scheint es nicht zu wissen. Er steuert direkt auf mich zu. Ich gehe weiter ganz links vom Weg, um Platz zu machen, und halte kurz zur Seite.

Der Fahrradfahrer guckt mich an und lächelt. Sein Blick wirkt irgendwie komisch, als ob er in flirterischer Stimmung wäre. Stimmt, wir haben jetzt Frühing, und mir ist nicht entgangen, wie die Leute sich in der S-Bahn seit einigen Tagen anders verhalten und ihren Mitreisenden plötzlich mehr Aufmerksamkeit schenken. Der Mann fährt gezielt auf mich zu und hält an.

„Entschuldigung, darf ich Sie etwas fragen?“ fragt er mich. Blöde Frage. Als er den Mund öffnet, trifft mich seine Fahne voll ins Gesicht. Deswegen also der gläserne Blick. Ich trete einen Schritt zurück und frage ihn, was er denn wissen will. „Merkt man es mir an, dass ich betrunken bin?“ Diese Frage hatte ich nun wirklich nicht erwartet. Da meine Nase mir schon Auskunft darüber gegeben hatte, sage ich ihm, „man riecht es“. „Oh“, sagt er, plötzlich irritiert. Tja, er wollte es wissen, warum hätte ich lügen sollen? Er fährt weiter und ruft „Danke“ hinterher.

Ich habe keine Krankenwagen wahr genommen, also gehe ich davon aus, dass er trotzdem seinen Ziel heil erreicht hat. Das ist in Berlin nicht selbstverständlich. Heute ist schon wieder ein Fahrradfahrer tödlich von einem LKW überrollt worden.

Beim Café

Heute kam Uschi früh zu mir, um zur Mittagspause zu gehen. Wir sind normalerweise eine große Gruppe, aber momentan sind fast alle dienstlich unterwegs. Wir sind eine Etage tiefer gegangen, um Martin mitzunehmen; er war gerade nicht da. Bestimmt noch bei unseren Geräten beschäftigt. Ich habe ihm eine Nachricht geschickt: Den Chef lässt man einfach nicht warten, wenn er beschlossen hat, jetzt zu gehen. Wir waren fast fertig, als Martin mir anschrieb, dass er bei unserem üblichen Café essen gegangen war. Das passte perfekt. Wir sind dahin gegangen und haben mit Kaffee an seinem Tisch gesessen. Als er einige Zeit später sich in die kurze Schlange gestellt hat, um sein Kaffee zu holen, ist Uschi zurück zum Büro gegangen. Ich bin geblieben.

Ich saß am Tisch der Theke gegenüber und war in Gedanken versunken. Es hat gedauert. Besonders schnell sind die viel wechselnden studentischen Angestellten dort nie gewesen. Die Frau vor ihm, die gerade auf ihre Bestellung wartete, schien auf einmal ganz aufgeregt zu sein. Ich habe nicht ganz mitbekommen, was passiert war, aber sie musste plötzlich lachen und Martin etwas sagen. Ich habe gesehen, wie Martin ihr aus Höflichkeit geantwortet hat, und wieder gewartet hat, ohne sie weiterhin zu beachten. Sie war aber nicht fertig und musste sich noch mal zu ihm wenden, um ihn mit schriller Stimme weiter anzuquatschen. Als sie ihre Bestellung auf ihr Tablett vollständig bekommen hat, hat sie sich an einem Tisch neben mir hingesessen, wo eine andere Frau schon saß und auf sie gewartet hatte. Mit breitem Grinsen musste sie ihr stolz erzählen, wie sie sich mit dem netten Mann in der Schlange unterhalten hatte. Ohne zu ahnen, dass seine Freundin am Nachbartisch saß.

Martin hat ihre Absichten anscheinend nicht gemerkt, obwohl sie sich so auffällig verhalten hat. Er hat auch mit mir letztes Jahr ewig gebraucht, um zu begreifen, dass ich wirklich an ihn interessiert war. Er ist mit seiner Tasse Kaffee zurück zu unserem Tisch gekommen und hat mich geküsst, wie immer, wenn wir zu zweit sind. Ich habe ihn nicht gefragt, worüber sie sich unterhalten haben. Besonders spannend konnte es nicht sein.

Ich habe nicht aufgepasst, ob ihre Freundin, die uns gegenüber saß, ihre Begeisterung gedämpft hat. Es könnte interessant werden, wenn sie weiter versucht, sich an ihn zu schleichen. Ich vertraue ihm, aber ich wüsste gerne, wie er sich dann verhalten würde.

Beruhigt

Denn er hat mich angerufen. Er hat seit unserem letzten Telefonat wirklich kein Netz gehabt. Wie könnte es anders zu erwarten sein, bei 2800m im Gebirge? Als er heute Abend zurück in der Hütte war, hat er mich angerufen.

Das Handy lag auf dem Tisch neben mir. Seit gestern liegt das Handy ständig neben mir. Wie häufig habe ich bei WhatsApp geschaut, um festzustellen, dass er seit Donnerstag Abend nicht online war? Wie häufig habe ich auf Google nach den letzten Nachrichten in der Gegend gesucht, und jedes Mal meinen Herzen sinken gespürt, wenn ich etwas von einem Unfall gelesen habe? Ich hatte schon mit dem Gedanken gespielt, seinen Vater zu kontaktieren, um zu wissen, ob er von ihm gehört hätte. Und was wäre, wenn er irgendwo im Krankenhaus liegen würde?

Die Nummer am Display kannte ich nicht, aber von der Vorwahl her musste es von ihm sein. Das Handy habe ich gerade ein Mal klingeln lassen. Er tat so gut, seine Stimme zu hören. Ihm geht’s gut. Mir jetzt auch wieder. Ich werde besser einschlafen können. Morgen Abend will er sich wieder melden.

Alleine

Heute ist er für ein verlängertes Wochenende in die Alpen weg geflogen. Eine Wanderung mit seinem früheren Bergsteigerverein ist geplant. Obwohl er nicht mehr dort wohnt, ist er immer noch Mitglied. Er hatte mich gefragt, ob ich mitkommen wollte, aber es wäre mir zu viel.

Ich habe ihn heute Nachmittag am Flughafen getroffen. Er war morgens bei der Arbeit und hatte Sachen zu Hause vergessen. Da ich heute Nacht bei ihm geschlafen habe, und momentan sowieso frei habe, bin ich mit dem Fahrrad dahin gefahren. Eine halbe Stunde habe ich gebraucht, mehr nicht. Der Zugang zu Tegel mit dem Fahrrad ist nicht so einfach. Kein Radweg, und die Autos rasen so schnell an einem vorbei, dass ich beschlossen habe, lieber auf dem Gehweg zu fahren, der kaum benutzt wird. Die meisten Leute sind mit Auto oder Bus unterwegs. Vergeblich habe ich nach einem Parkplatz für Fahrräder gesucht. Mir wurde einen Parkplatz empfohlen, der aber nur für Motorräder geeignet ist (zwei Räder, wo ist der Unterschied?). Ich habe mein Fahrrad an einem Verkehrsschild angeschlossen.

Er hat sich gefreut, dass ich gekommen bin. Ich mache mir Sorgen. Ich hoffe, er kommt heil zurück. Unfälle hat er schon mal in den Alpen gehabt. Es gibt außerdem zur Zeit schreckliche Nachrichten mit Flugzeugen. Und ich weiß nicht, wer sonst noch bei der Wanderung ist. Die Gruppe ist klein, mit weniger als zehn Teilnehmern. Der Verein ist vom Forschungszentrum, und dort arbeitet David, der außer eine große Klappe auch ein begeisterter Bergsteiger ist. Die Beiden kennen sich, obwohl Martin ihn anscheinend nicht mag. Ich denke lieber nicht daran.

Heute Abend hat er mich angerufen. Er übernachtet bei einer ehemaligen Kollegin, die ihn morgen früh auf dem Weg zur Arbeit zum Wandertreff mit dem Auto bringt. Er hat mir schon viel von ihr erzählt. Anita kennt sie auch. Sie waren eine große Freundengruppe. Das Wochenende verbringt er danach mit der Wandergruppe in Hütten.

Das heißt, ich bin bis Montag alleine. Zeit für mich. Ich sollte sie besser nicht verschwenden.

Ich hatte es geahnt

Meine Zweifel haben sich bestätigt. Nicht über uns als Paar, selbst wenn ich mir weiterhin gerne mehr Zeit für mich alleine wünschen würde. Wir verstehen uns gut, auch wenn wir uns nicht immer einig sind. Er neigt aber dazu, zu viel Geld ausgeben zu wollen und über seine Verhältnisse zu leben, und es macht mir Sorgen. Ich kann es aber nicht richtig schätzen, vielleicht bilde ich es mir nur ein. Ich weiß nicht mal, wieviel er im Monat verdient, nur, dass er eine niedrigere Einstufung als ich hat. Der Sex ist weiterhin wunderbar.

Ich meine eher sein berufliches Engagement. Letzte Woche hat Winfried mit ihm gesprochen. Er hat zu wenige Ergebnisse bekommen, um eine Doktorarbeit noch rechtzeitig zu schaffen, er sollte sich ab jetzt auf seine Stärke konzentrieren. Es war mir schon lange klar, aber ich habe mich nicht in der Lage gesehen, es ihm zu sagen. Es ist die Aufgabe von Uschi und Winfried, nicht meine. Hinweise habe ich ihm gegeben, es hat nicht geholfen. Sebst bei seinen späteren Messungen hat er sich nicht genug Zeit genommen. Es hat es letztens verpennt, seine Daten rechtzeitig auszuwerten, mit dem Ergebniss, dass sie aus unserem Server gelöscht wurden. Archiviert hatte er sie nicht. Das Thema hat ihn einfach nicht genug interessiert. Er hat es angenommen, weil es ihm angeboten wurde, aber ohne Begeisterung. Es gab noch gestern ein Treffen mit Uschi. Das Thema Doktorarbeit ist nun aus. Sein Arbeitsvertrag wird nächstes Jahr nicht verlängert. Ich habe ihm gesagt, er soll sich jetzt schon auf Stellen bewerben.

Klar, wenn er sich in seinem Thema vertieft hätte, hätte er zwangsweise Überstunden gemacht. Das ist nicht gut, wenn die Arbeitszeit geprüft wird. Man wird nach zu vielen Überstunden gemahnt. Mit seinem vollzeitigen Arbeitsvertrag hätte er es sehr schwer gehabt, nebenbei eine Doktorarbeit zu machen. Er hätte auch weniger Zeit gefunden, um mit mir zu sein, und ich bin froh, dass wir viel Zeit für einander haben. Ich habe mich schon gefragt, wie Uschi und Winfried es je für realistisch halten konnten, dass man in zwei Jahren neben einem normalen Job genug Ergebnisse bekommt, um erfolgreich zu promovieren. Was haben sie sich denn gedacht? Ich habe selber fast vier Jahren gebraucht, als ich zwanzig Jahre jünger als er jetzt und so fit war, und meine Stelle war aus Drittmitteln nur für meine Doktorarbeit finanziert, ein Luxus. Andererseits ist es mir manchmal nervig zu sehen, wie langsam er seine Aufgaben erledigt. Ich denke, mit einer besseren Plannung seiner Arbeitszeit hätte er sicherlich mehr schaffen können. Ich denke aber nicht, dass er wirklich in der Lage dazu gewesen wäre. Sonst hätte er sein Physikstudium fertig gebracht. Und mit Mitte vierzig frage ich mich, welchen Vorteil ein frisch erworbener Doktortitel noch bringen kann.

Es hat ihn auf jeden Fall zum Nachdenken gebracht. Er stellt sich selber in Frage und wundert sich, ob er geeignet für eine Doktorarbeit war, oder von vorne rein zum scheitern verurteilt war. Ich weiß nicht. Als er das Angebot bekommen hat, kannten ihn Winfried und Uschi kaum. Vielleicht meinten sie ernsthaft, es würde klappen. Ich habe aber bei unseren Gruppen-Meetings früh im Sommer gemerkt, dass Uschi nicht ganz mit seiner Art zufrieden ist und ihm mit Mühe zuhört. Er ist häufig ungeduldig mit ihm gewesen, weil er seine Arbeit nicht schnell genug macht. Dafür hat er ihm nicht viel Hilfestellung gegeben, kaum Anweisungen erteilt, und das würde man aus einem Doktorvater, den man täglich sehen kann, schon erwarten. Aber vielleicht bin ich in meinem früheren Institut zu verwöhnt gewesen.

Mir gegenüber verhält er sich gut. Er ist besorgt, aber eine Doktorarbeit wollte er nicht unbedingt machen. Es war nur für ihn gut, weil er dadurch eventuell in der Gruppe auf eine Stelle kommen könnte, um ein Gerät wissenschaftlich zu betreuen. Es könnte daraus eine unbefristete Stelle werden, so hat er es erzählt bekommen. Außerdem meinte er, sich in der Industrie mit einem Doktortitel auf bessere Stellen bewerben zu können. Ich habe ihm nicht erzählt, dass Uschi und Winfried mir angeboten haben, genau das gleiche Gerät zu übernehmen, wenn ich im kommenden Sommer den Arbeitgeber wechsle und in der Gruppe integriert werde. Ich hatte damals schon den unangenehmen Eindruck, dass sie mich als Ersatz für ihn gesehen haben. Dass es eine unbefristete Stelle geben soll, habe ich allerdings nicht von ihnen gehört. Ich denke, das hat er sich selber eingeredet.

Und zurück

Jetzt kenne ich seine ganze Familie, oder fast. Ich fand es sehr lieb, wie sie mich freundlich empfangen haben.

Seine Cousine hat uns am Bahnhof abgeholt. Wir sind direkt in ein Lokal in der Nähe essen gegangen. Dort warteten ihr Mann (auch ein Franzose!) und ihre jüngere Tochter auf uns. Die Ältere war nicht da, aber ich habe sie schon kennen gelernt, sie studiert seit einem halben Jahr in Berlin.

Gestern sind wir in die Stadt spazieren gegangen. Einige Sehenswürdigkeiten besucht. Das Wetter war so toll. Am Abend sind seine Tante mit ihrem Mann angekommen. Sie hatten für Martin gesorgt, als seine Mutter gestorben ist (warum sein Vater sich nicht um ihn kümmern konnte, ist mir nicht bekannt). So viele neue Namen, ich hatte den Eindruck, ich könnte sie mir gar nicht alle merken. Beeindruckend fand ich, dass alle mehr oder weniger gut Französisch können. Wir haben gegrillt. Karten gespielt. Mir sind noch Kindheitsgeschichte und Familien-Videos nicht erspart geblieben.

Heute Morgen sind wir kurz nach dem Frühstück zurück zum Bahnhof gefahren. Das Wochenende kam mir zu kurz vor.