Familienstress

Eigentlich wollte ich über das Wochenende schreiben. Wir haben eine sehr schöne Wanderung gemacht, das Wetter war toll, wir haben richtig vom Alltag abschalten können. Leider überschatten Ereignisse von gestern nachmittags alles, und die Erholung ist schon futsch.

Das S-Bahn-Chaos vom Wochenende war gestern das geringste Übel. Wie gefühlt jedes Wochenende fuhr so gut wie gar nichts durch die Stammstrecke. Wir sind von unserem Endpunkt der Wanderung mit der S7 zum Hauptbahnhof gefahren. Der Ehemann meinte, es gäbe Schienenersatzverkehr zwischen Donnersbergerbrücke und Pasing, aber ich habe damit sehr schlechte Erfahrung in München gemacht. Besser zum Hauptbahnhof fahren, und von dort die Regionalbahn nach Pasing zu nehmen. Die Regionalbahn war aber aufgrund des Ausfalls der S-Bahn überfüllt und ist so spät abgefahren, dass wir die S8 nach Herrsching verpasst haben. Die nächste S8 hatte natürlich Verspätung. Mit müden Beinen, schweren Rucksäcken und nach Schweiß stinkend war es kein Vergnügen, auf dem überfüllten Bahnsteig in der Hitze stehend zu warten. Vor allem, da in Pasing gerne in allerletzter Minute der Bahnsteig geändert wird, an dem die Bahn ankommt. Das ist uns gestern wenigstens erspart geblieben. Ich meinte von vorne rein, wir hätten die S7 in Harras schon verlassen sollen, mit der U-Bahn bis Martinsried fahren, und von dort mit dem Bus nach Hause. Es hätte länger gedauert, wäre aber wesentlich entspannter gewesen. Der Bus ist immer leer, und am Wochenende dürfte in Martinsried nichts los sein, da es an der Uni keine Vorlesung gibt. Der Ehemann wollte nicht Bus fahren. Beim nächsten Mal übernehme ich die Fahrtplanung.

Dadurch, dass wir so lange in Pasing auf die S8 warten mussten, habe ich meine Emails auf dem Handy gelesen. Dabei war eine Email von Bianca, die mir, meiner Mutter und meiner Schwester eine Email von meinem Vater weitergeleitet hatte. Der Inhalt seiner Email war eine bodenlose Frechheit. Wir hatten uns letztes Jahr geeinigt, dass Bianca weiterhin in dem Haus meines Bruders wohnen darf, das er gekauft hatte, um mit ihr zu leben. Ich höre es noch in meinem Kopf, wie mein Vater es für selbstverständlich erklärte. Wie er Bianca umarmt hatte und ihr gesagt hatte, sie wäre wie eine Tochter für ihn. Wir hatten Details mit Bianca beredet, und sie war einverstanden, die Laufkosten vom Haus zu übernehmen, und dafür ohne Miete im Haus zu wohnen. Es ist über ein Jahr her. Einen offiziellen Vertrag habe ich nie gesehen. Die Notarin hatte uns auch die endgültige Erbpapiere ziemlich verspätet geschickt und ich dachte, erst danach könnten wir einen solchen Vertrag machen. In seiner Email an Bianca, wo er sie nicht mehr duzt sondern siezt, schreibt mein Vater jetzt, er würde am nächsten Wochenende zu ihr kommen und sie soll ihm bitte schön die Schlüssel vom Haus händigen, sollte sie nicht bereit sein, das Haus von ihm abzukaufen. Eine solche Entscheidung hat er nicht alleine zu treffen! Das Haus gehört ihm nur zu einem Viertel, und wir sind drei weitere Mitbesitzerinnen dabei, die mit diesem Vorgehen nicht einverstanden sind! Und überhaupt, einen alleinigen Anspruch auf das Haus hat mein Vater nicht! Nach Beratung mit meiner Mutter hat Bianca also meinem Vater geantwortet und gefragt, ob wir von seiner Anforderung informiert wurden, und uns so offiziell ins CC gesetzt. Nein, mit uns hat er natürlich nicht darüber geredet. Jetzt muss ich also antworten und widersprechen. Ich frage mich, ob es angebracht wäre, rechtliche Hilfe in Anspruch zu nehmen. Wenn mein Vater seinen Anteil am Haus an Bianca verkaufen will, gerne. Er hat uns allen aber nicht dazu zu zwingen, vor allem so hinterhältig ohne uns in Kenntnis zu setzen.

Ich war schon recht aufgewühlt, als ich meine Schwester anrief, um sie zu fragen, was sie nach der Email dachte zu tun. Die Email hatte sie noch nicht gesehen. Sie erzählte, sie wäre natürlich nicht einverstanden, Bianca aus dem Haus rauszuschmeißen. Andererseits steckt sie in finanziellen Schwierigkeiten, da sie nur Arbeitsverträge für wenige Monate kriegt, und auf Dauer wäre es für sie gut, wenn sie ihren Anteil vom Haus verkaufen könnte. Und überhaupt, an den Sommerferien habe sie vor, zu meiner Mami mit dem Neffen umzuziehen, um von Bertrand, dem Vater vom Neffen, zu fliehen. Weil sie ohne Festanstellung keine Wohnung kriegen würde. Verdammt. Dass es so schlecht zwischen ihnen ging, hatte ich keine Ahnung. Woher auch, wenn sie sonst nie was erzählt? Jetzt verstehe ich wenigstens, warum wir Bertrand bei unseren letzten Besuchen seit zwei Jahren nicht mehr gesehen haben. Von wegen, er ist auf Arbeit. Bertrand ist eigentlich ein Freund von unserem Bruder gewesen. Er hatte uns häufig erzählt, er wäre von seinem Vater als Kind regelmäßig geprügelt worden und würde deswegen niemals seinem Kind irgendwas antun. Dass er seiner Freundin, der Schwester von seinem Kumpel, Gewalt antun würde, hätte ich deswegen nicht gedacht. Vermutlich ist er wie mein Vater. Vor den Anderen macht er ein gutes Gesicht, heimlich ist er ein Tyrann. Ich mache mir jetzt Sorgen, ob meine Schwester rechtzeitig ihren Umzugsplan umsetzen kann. Und wenn sie es schafft, ob Bertrand sie bei meiner Mami abholen zu versuchen wird, und ob er dann allen Gewalt antun wird. Er wird schon wissen, wo sie ist, seine Schwester lebt im Dorf meiner Mami. Meiner Meinung nach ist kein von den drei mehr sicher. Ich habe meiner Schwester angeboten, erstmal zu uns zu kommen. Er kennt unsere Adresse nicht. Es ist ihr zu viel, mit Kind zu einem anderen Land umzuziehen. Obwohl sie gut Deutsch spricht und es in München eine französische Schule gibt. Sie möchte dem Neffen nicht zu viele Änderungen auf einmal zumuten.

Schlafen konnte ich trotz langer Wanderung heute Nacht kaum.

Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Ein Jahr

Valentinstag ist doof. Mit dem Ehemann haben wir es nie wirklich gefeiert. Wir brauchen keinen Anlass, um Schokolade zu essen. Blumen müssen nicht sein. Gerne, wenn sie auf dem Balkon wachsen. Nicht gerne, wenn sie geschnitten werden, um in eine Vase für eine Woche zu landen, bevor sie entsorgt werden müssen. Woher auch immer sie kommen und unter welchen Bedingungen auch immer sie produziert wurden. Essen gehen, sehr gerne, aber nicht, wenn die Buden alle voll sind.

Valentinstag hat für mich eine andere Bedeutung bekommen, auf die ich gerne verzichtet hätte. Vor genau einem Jahr hat uns mein Bruder verlassen[1].

Ein Teil von mir war sehr überrascht, dass ich so viel Trauer empfunden habe. Mein Bruder war acht Jahre jünger als ich. Als ich mit vierzehn zum Internat für die Oberstufe gegangen bin, war er gerade sechs Jahre alt. Ab dem Zeitpunkt war ich nur an Wochenenden und während Ferien zu Hause. Mit siebzehn bin ich mit meinem ersten Freund ausgezogen und war noch seltener im Familienhaus. Dann kam die Uni, und ich bin immer weiter weg gewandert, bis nach Deutschland. Ich habe meinen Bruder nicht wirklich wachsen gesehen. Trotzdem habe ich viel mehr Zeit mit ihm verbracht, als ich zuerst dachte. Als er klein war, ich war vielleicht neun Jahre alt, erinnere ich mich, wie ich mich häufig um ihn gekümmert hatte, wenn meine Mutter nicht zu Hause war. Windel wechseln, Flasche zubereiten und geben, Lieder singen wenn er in seinem Bett geweint hatte… Später, als ich nur noch spärlich zu Hause war, waren wir oft mit unseren Mountain-Bikes in der Garrigue unterwegs. Wir hatten zusammen Resident Evil[2] auf der PlayStation[2] gespielt (und ich hatte danach Alpträume bekommen). Wenn ich es mir überlege, hatte ich viel mehr mit ihm als mit meiner Schwester zu tun, obwohl wir Mädchen uns ein Schlafzimmer teilen mussten. Seine Freundin Bianca meinte, er hätte ihr viel von mir erzählt. Ich habe dem Ehemann viel von meinem Bruder erzählt. Nur miteinander haben wir nicht viel diskutiert. Per Telefon kann ich mich nicht so gut lange unterhalten. Das ist schade. Vielleicht wäre er nicht wie mein Vater so empfänglich für rechtpopulistische Ideologien geworden. Ich weiß noch, wie nach seinem Tod ein anderer Teil von mir neben dem Trauern dachte, wenigstens eine Person weniger, die für Le Pen wählen wird[3].

Ich war in einem Schock-Zustand, als wir mit dem Ehemann zu meiner Mami geflogen sind. Ich hatte nur ganz wenige Kleider mitgepackt, mit der Idee, nach der Trauerfeier zurück nach Deutschland zu fliegen. Trotzdem hatte ich den Dienstlaptop mitgenommen, obwohl ich mir die Tage frei genommen hatte. Das war gut. Meine Mami war völlig am Boden. Dafür, dass sie kein drittes Kind haben wollte, ist mein Bruder zu ihrem Liebling geworden. Ich habe sie sich häufig umarmen gesehen, selbst als mein Bruder erwachsen war, dabei kann ich mich nicht erinnern, dass sie sich so mit meiner Schwester oder mit mir verhalten hätte. Vielleicht, wenn wir ganz klein waren. Ich habe keine Erinnerung davon. Es wirkte schon befremdlich, als ich sie umarmt habe, als wir bei ihr angekommen sind. Trotzdem. Ich konnte es nicht übers Herz bringen, sie alleine mit ihrem Schmerz zu lassen. Der Ehemann hat unseren Rückflugticket dank Corona-Umbuchungsmöglichkeiten geändert. Er ist alleine nach Hause geflogen. Ich durfte Home Office in Südfrankreich verbringen. So lange, wie ich es für nötig halte, meinte Tim damals. Ich bin einen Monat geblieben.

[1] Kein anderer Beitrag hat so viele Werbe-Spam wie dieser bekommen. Sie sind direkt in den Müll gelandet. Ich frage mich auch, wie Leute „Gefällt mir“ klicken können, ohne einen Beileid-Kommentar zu schreiben. Ich habe den Verdacht, die lesen nicht wirklich sondern klicken nur, um einen Link zu ihrem Profil zu hinterlassen.

[2] Unbezahlte Werbung, da Namensnennung.

[3] Damals wusste ich von Zemmour noch nichts. Meine Hoffnung ist, dass er Wähler von Le Pen weg nimmt und dadurch keine der Beiden es zur zweiten Runde schafft. Träumen kann man, aber ich habe nicht so viel Hoffnung. Mittlerweile ist es ein Drittel der Bevölkerung, der hinter Le Pen steht. Unfassbar. Es gibt leider viel zu viele kleine Parteien, die bei der Wahl kandidieren und es wohl nicht eingesehen haben, sich hinter einer größeren Partei zu stellen, um einen Gegengewicht zu bilden. Ob sie die Gefahr nicht erkannt haben? Mir scheint, jeder will nur die Macht an sich reißen. Wenn Macron mit einer neuen Bewegung gewählt werden konnte, wollen es ihm jetzt viele nachmachen. Wobei, es hat eigentlich immer viele Kandidaten zur ersten Runde gegeben. Ob es diesmal in die Hose geht?

Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

„Dreist“ hätte mein Geburtsname sein sollen

Da ich den Namen von meinem Vater bekommen habe.

Heute beim Aufstehen habe ich eine Nachricht von ihm auf dem Handy entdeckt. Das passiert sehr selten, höchstens an meinem Geburtstag, für Weihnachten und Neujahr. Das hatte er letztens sogar eingestellt, 2020 hatte ich keine Nachricht von ihm bekommen. Das war mir recht. Seit dem Tod von meinem Bruder nimmt er sporadisch wieder Kontakt auf.

Heute war es kurz nach zehn, als ich seine Nachricht gemerkt habe. Ich habe momentan, im Urlaub, den Ruhemodus von Handy bis halb elf ausgedehnt. Nur Nachrichten aus ausgewählten Nummern kommen durch – die vom Ehemann und meiner Mutter.

Mein Vater gehört nicht zu den Anruf-Ausnahmen. Eigentlich ist er der Grund, warum ich überhaupt bei jedem neuen Handy sofort den Ruhemodus konfiguriere. Wenn er mal Nachrichten schreibt, dann gerne um unmöglichen Uhrzeiten. Zuletzt um 05:21 morgens am Samstag nach Heiligabend, wie ich im Nachhinein gesehen habe. Das ist so frech dass ich gar nicht drauf antworte. Als ich als Doktorandin ganz weit weg nach Deutschland geflüchtet war und noch kein Handy hatte, hatte ich mich schon damals daran gewöhnt, nachtsüber den Stecker vom Festnetztelefon zu ziehen, weil er sonst gerne sonntags in aller Frühe angerufen hatte. Diese Art psychologischer Belästigung war alles, was ihm übrig geblieben war, da physische Gewalt nicht mehr ging.

Die Nachricht von meinem Vater, drunter meine Antwort.

Hier die heutige Nachricht und meine Antwort darauf, nachdem ich mit meiner Mutter telefoniert habe. Mein Vater schreibt, für den Notar[1] bräuchte er eine Kopie meines Ausweises, meine Mutter würde Bescheid wissen.

Als ich zuletzt im September bei meiner Mutter zu Besuch war, war ich beim Notar. Eine Kopie meines Ausweises hatte ich ihm bei der Gelegenheit persönlich gereicht und damals hieß es, die Dokumente für die Erbschaft von meinem Bruder wären vollständig und der Fall würde im Oktober abgeschlossen sein. Dass mein Vater mir jetzt sowas schreibt, und nicht der Notar selbst, der doch meine Kontaktdaten hat, fand ich… merkwürdig.

Ich habe meine Mutter angerufen und sie gefragt, ob sie wirklich von irgendwas mit dem Notar wüsste. Sie sagte, meine Schwester, die momentan mit ihrem Sohn bei ihr zu Besuch ist, hätte auch heute eine Nachricht von meinem Vater bekommen und wäre so sauer geworden, dass sie direkt zurück ins Bett gegangen wäre. „Worum geht es denn?“ habe ich nochmal gefragt. Es ginge um die Garage, die meinem Bruder gehört hatte. Davon steht in der Nachricht von meinem Vater kein Wort.

Von dieser Garage hatte ich nie etwas gewusst, bis mich mein Vater bei der Trauerfeier von meinem Bruder von ihrer Existenz in Kenntnis gesetzt hatte. Besonders wichtig war ihm an dem Tag zu betonen, dass diese Garage zwar auf dem Papier meinem Bruder gehörte, sie aber von meinem Vater bezahlt wurde, damit mein Bruder etwas von ihm bekommen und Erbschaftsteuer vermeiden könnte, wenn mein Vater stirbt. Dumm nur, dass mein Bruder früher ging. Mein Vater fühlt sich also betrogen. Rechtlich gesehen teilen wir uns jetzt alle vier diese Garage, mein Vater, meine Mutter, meine Schwester und ich. Als ich wegen Erbschaftsteuer zur Kasse gebeten wurde, waren Kosten für diese Garage enthalten. Ich weiß nicht mal, wo die Garage ist.

Ich vermute, die Situation stinkt meinem Vater, weil er meinen Bruder bevorzugen wollte[2]. Meine Mutter meinte noch, mein Vater wäre mit seiner Freundin gepacst[3] und würde ihr jetzt lieber die Garage überlassen. Aber die Garage hatte er schon meinem Bruder gegeben. Und jetzt will er also an meinen Ausweis ran, denn kein Notar würde über dritte Personen nach persönlichen Dokumenten fragen. Meine Mutter sagte, dass mein Vater versuchen will, die Garage wieder an sich zu ziehen. Ob er mit meinem Ausweis meine Unterschrift fälschen will? Mein Vater ist so hinterhältig, dem traue ich alles zu.

Jedenfalls habe ich ihm geantwortet, der Notar hat schon eine Kopie meines Ausweises und wenn er mehr braucht, kann er mich selber kontaktieren, auf offiziellem Weg. Er erwähnt die Garage in seiner SMS ja gar nicht.

Versehentlich zu mir geschickt.

Gerade als ich auf „Veröffentlichen“ klicken wollte, kam diese weitere Nachricht von meinem Vater an. Ich vermute, an meine Mutter gerichtet und versehentlich zu mir geschickt. Er sagt meiner Mutter, dass ich ihm scheinbar nicht traue und ob sie mich danach (nach meinem Ausweis) fragen kann. Danach könnte er die drei Akten zu irgendeiner Verwaltung nach Nizza schicken. Welche Akte? Ich weiß von nichts. Es klingt, als ob mein Vater Papiere in meinem Namen hinter meinem Rücken ohne mein Einverständnis ausfüllen möchte.

Meine Mutter klang am Telefon schon ziemlich genervt, als sie mir die Situation schilderte, und meinte, ihretwegen könne mein Vater ihren Anteil an die Garage bekommen. Ich vermute, er hat bei ihr so lange Druck ausgeübt, bis sie nachgegeben hat. Ob er sie gedroht hat? Von einem Streit über diese Garage mit meinem Vater hatte sie mir sonst nie etwas erzählt. Dabei hatte sie meiner Schwester und mir im September nachdrücklich gesagt, wir sollten uns auf keinen Fall von meinem Vater verarschen lassen, die Garage würde meinem Bruder gehören und wir hätten als Nachfolger einen Recht drauf. Mich hat mein Vater bis jetzt nicht gefragt, auf diesen Teil vom Erbe zu verzichten.

Mir wäre es viel lieber, mein Bruder wäre noch am Leben und ich wäre stattdessen im Februar zur Trauerfeier von meinem Vater gegangen.

[1] Der Notar, der das Erbe meines Bruders geregelt hatte.

[2] Wir Mädchen waren ihm ja immer nur eine Schande, weil wir nicht als Jungen geboren wurden.

[3] Davon wusste ich allerdings auch nichts.

Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Bilder vom Wochenende

Wir sind am Freitag letzter Woche nach Frankfurt gefahren. Der Ehemann wollte seine Familie besuchen.

Unterwegs hat es ganz viel geregnet. Wir sind zuerst auf der A8 gefahren, aber dem Ehemann machte es so keinen Spaß und der Regenradar[1] sagte, über Würzburg würde es nicht regnen. Wir haben beschlossen, den Umweg zu machen, was laut Google Maps[1] eine halbe Stunde länger dauern sollte. Warum wurde schnell klar: Monsterstau.

Ich habe unterwegs Fotos von den Wolken gemacht. Am Horizont sah es tatsächlich nach blauem Himmel aus. Kurz vor Frankfurt fing es aber wieder an zu regnen.

Am Samstag haben wir einen Ausflug zur Stangenpyramide gemacht. Von dort aus hat man einen wunderbaren Blick auf Frankfurt und den Hochtaunus. Nur im Frühling und im Sommer nicht wirklich, mit den Bäumen. Die Hochhäuser sieht man besser vor der Pyramide als am vorgesehenen Aussichtspunkt. Es war an dem Tag sehr windig, aber seitdem Kerstin und Robert im Home Office sind, gehen sie viel häufiger spazieren, egal bei welchem Wetter, oder fast.

Wir haben am Gasthof Neuhof geparkt und sind am Golfplatz entlang zur Pyramide gekommen. Nach der Pyramide sind wir an Pferde und Felder vorbei gelaufen. Der Wind hat Anregungswellen im Getreide gebildet, die man auf dem Foto nicht erkennt. Hier ist ein schönes Video davon.

Am Sonntag war das Wetter doch zu schlecht, um spazieren zu gehen. Wir haben die Tante und den Onkel vom Ehemann besucht.

Am Sonntag haben wir Hochheim besucht, bevor wir nach Hause gefahren sind. Es war ausnahmsweise ein schöner Tag und ich bewege mich momentan nicht genug. Das Ziel unseres Spazierganges war das Königin-Victoria-Denkmal, mitten in einem Weinberg. Wir sind zwischen Main und Weinfeldern gelaufen. Das Hochhaus hinter dem Berg sieht von hier aus genau so fehl am Platz wie das Hochhaus von Büsum vom Strand aus.

Nach dem Spaziergang haben wir einige Flaschen Wein von Flick[1] in der Altstadt gekauft und uns für die Fahrt leckere Falafel-Sandwiches und Maamoul[1] geholt.

Der Ehemann ist den ganzen Tag mit T-Shirt rum gelaufen und war am Abend knall rot auf den Armen und dem Gesicht. Ich war am Halsrand auch rot, und ein bisschen am Gesicht, das war am nächsten Tag zum Glück verschwunden. Der Ehemann ist blasser Natur, es dauert bei ihm viel länger. Wie doof, dass wir gar nicht an Sonnenschutz gedacht haben.

[1] Unbezahlte Werbung, da Namensnennung und/oder Verlinkung.

Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Anstrengendes Wochenende

Am Sonntag war geplant, dass wir die Urne mit den Aschen von meinem Bruder zum Friedhof bringen. Sie war seit der Einäscherung in der Obhut meiner Mami geblieben.

Es wurde seit dem Anfang der Woche diskutiert, ob unser Département am Wochenende eine Ausgangssperre aufgehängt bekommen soll. Zum Glück ist dies nicht geschehen. Wir bleiben unter Beobachtung und müssen nur, wie auch überall in Frankreich, ab 18:00 zu Hause bleiben. Das ist hart. Ich arbeite den ganzen Tag bei meiner Mami und wenn ich Feierabend mache, ist es zu spät, um raus zu gehen. Es gibt viel zu tun. Mittags schaffe ich es nicht häufig, eine Pause einzulegen. Ich könnte um halb acht anfangen zu arbeiten, aber ich bin nicht sicher, ob ich dann tatsächlich früher Feierabend machen würde.

Bianca, die Freundin von meinem Bruder, ist am Freitag vor 18:00 zu uns gekommen. Sie wohnt in dem Haus, das mein Bruder gekauft hatte, in den benachbarten Alpes Maritimes, und dort herrscht Ausgangssperre am Wochenende. Meine Schwester konnte mit ihrem Sohn am Samstag kommen. Sie arbeitet nachtsüber für einen großen Versandkonzern (für den ich keine Werbung machen will), da ihr am Anfang der Pandemie gekündigt wurde. Das Umverpacken von Waren aus beschädigten Paketen vor dem Versand ist leider alles, was sie seitdem finden konnte. Das liegt deutlich unter ihrer Qualifikation, aber die Familie will ernährt werden und ihr Freund verdient nicht viel, seit der Pandemie.

Der Neffe wirkt wie ein kleiner Sturm. Keine Sekunde Ruhe. Mich hat er ewig nicht mehr gesehen, und ich wurde auserwählt, um mit ihm zu spielen. Er hat von seiner Tante Bianca einen aufblasbaren Schwert mit Schild bekommen und hat sich als Ritter erklärt. Ich war ein Tiger, musste auf allen vieren kriechen bis er mich mit dem Schwert getötet hat, um auf den Boden zu fallen und wieder erweckt zu werden, wodurch das Ganze wieder anfing. Über eine Stunde lang. Ich bin am Sonntag mit Muskelkater aufgewacht.

Am Sonntag, also gestern, ist der Neffe früh aufgewacht. Bianca hat ihn zur Toilette gebracht, als seine Mutter noch schlief. Meine Mami hat ihm Frühstück gemacht, und ich habe ihn zum Spielplatz gebracht, damit meine Schwester ihre Ruhe hat. Er wollte zum Spielplatz gehen, oder besser gesagt, rennen. Unterwegs hieß es dann, er wolle zur Buchhandlung, die aber geschlossen war. Er wusste nicht, dass es Sonntag war. Weiter auf dem Weg mussten wir im großen Brunnen vor der Kirche nach Fischen suchen. Es gab keine, dafür hatte jemand Steine bunt bemalt und trocken in der Mitte vom Brunnen platziert, ich musste den Neffen heben, damit er sie sehen konnte. Nach dem Brunnen kam der Platz, auf dem unter den Platanen Boules gespielt wird. Dort hat er angefangen, mit dem Sand zu spielen. Hinweise, dass der Spielplatz sich direkt neben dem Platz befindet, wurden ignoriert. Er wollte nicht mehr hin. Wir haben uns auf dem Platz gejagt. Irgendwann hatte ich ihn in die Nähe vom Spielplatz gebracht, wo er sehen konnte, dass ein Junge alleine spielte, während die Eltern mit dem jüngeren Geschwister auf einer Bank saßen. Er fragte mich, warum der Junge alleine spielen würde. „Weil du nicht dort bist“, habe ich ihm gesagt, und dann ist er doch die kleine Treppe zum Spielplatz herunter gelaufen. Endlich. Eine halbe Stunde nachdem wir das Haus verlassen hatten, wo man sonst keine fünf Minuten braucht. Es gab schöne Schaukeln und Rutschen, der Spielplatz wurde nicht lange her neu gemacht, aber die große Attraktion war ein kleiner Olivenbaum voll mit schwarzen Früchten. Der Junge kletterte gekonnt den Baum rauf und runter, dem Neffen musste geholfen werden und ich habe ihm erklärt, wo er greifen soll. Es klappte trotzdem nicht so gut und ich habe ihn hoch gehoben, damit er Oliven pflückt. Der Junge, den ich ein Jahr älter schätze, ist danach nochmal in den Baum geklettert und hat dem Neffen noch mehr Oliven gebracht. Das war richtig süß.

Der Rückweg nach Hause verlief so schwer wie der Weg zum Spielplatz. Er wollte nicht hin, und nur seine Durst hat geholfen, pünktlich zu sein, um wieder sauber zu werden und meine Schwester zu wecken, bevor wir zum Friedhof gegangen sind. Unterwegs hat er nach seinem Onkel gefragt und war verwirrt, als meine Schwester sagte, er wäre in der Box die Tante Bianca trug. Der Onkel wäre zu groß, ob er zusammen gerollt war? Er wusste schon, dass sein Onkel gestorben ist, aber wie erklärt man Einäscherung einem Vierjährigen? Ich habe meine Schwester antworten lassen, sie hat aber nichts darüber erzählt. Bestimmt später.

Am Friedhof haben wir meinen Vater und seine Freundin getroffen. Mein Vater hat seinen Enkel zum ersten Mal gesehen. Ich weiß, dass meine Schwester keinen Kontakt zu ihm haben will, aber sie hat nie erzählt warum. Das wundert mich, da er sie als Kind vergöttert hatte. Ich war die Enttäuschung, kein Junge zu sein, meine Schwester anfangs auch, aber ich alleine habe die Schläge und die Erniedrigungen bekommen, die Beiden haben vieles zusammen unternommen. Ich frage mich, was passiert ist, nachdem ich das Elternhaus verlassen habe. Ich bin früh gegangen, zuerst nur zeitweise, als ich mit vierzehn in die Oberstufe kam und unter der Woche im Internat bleiben durfte, dann, endgültig mit siebzehn, als ich mit dem ersten Freund umgezogen bin, weil ich es zu Hause nicht mehr ertrug. Hatte mein Vater in meiner jüngeren Schwester sein nächstes Opfer gefunden? Das Treffen mit ihm war kurzer Dauer. Nach dem Friedhofbesuch ist mein Vater mit seiner Freundin weg gefahren, wir sind zurück zu meiner Mami gelaufen.

Zu Hause wollte der Neffe wieder Ritter spielen. Ich war platt und habe ihm stattdessen meine billige Gitarre gezeigt, die ich hier gekauft habe, für die Zeit, die ich bei meiner Mami bleibe. Er war begeistert, hat alle seine Spielzeuge vergessen und neben mir auf meinem Bett nur noch Lieder gesungen und irgendwie an die Saiten gezupft.

Am frühen Nachmittag sind Bianca, meine Schwester und ihr Sohn weg gefahren, um vor 18:00 zu Hause zu sein. Ich war klebrig, meine Kleider dreckig, nachdem ich den Neffen nach Streitereien dazu gebracht hatte, sich die Zähne zu putzen. Geduscht, umgezogen, und auf der Couch bis sechs geschlafen. Bin ich doch froh, selber keine Kinder zu haben.

Nach dem Aufwachen habe ich dumpfe Kopfschmerze in der linken Schläfe gespürt. Um zehn war ich im Bett.

Um drei weckt mich ein lautes Miauen, und kurz danach höre ich den Gummiball vom Kater die Treppe zur Küche runter laufen. Stimmt, sein Lieblingsspiel. Das kann er richtig lange machen, Ball runter, in die Küche holen und wieder hoch tragen, und er miaut immer ganz laut, bevor er den Ball fallen lässt. Aber echt, muss es um drei Uhr morgens sein? Ich stehe auf, gehe zur Toilette, bringe die leere Klopapierrolle zum Papiermüll in die Küche, finde den Ball neben der Waschmaschine, hebe den und verstecke ihn unter meinem Kopfkissen im Bett. Nach einer kurzen Weile miaut der Kater wieder. Meine Mami wird wach und ruft ihn zu ihr. Ruhe kehrt wieder ein. Ich kann nicht mehr schlafen. Wenigstens ist die Migräne weg.

Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Der Tag, an dem mein Bruder gezeugt wurde

Es war ein Sonntag. Ich war früh aufgestanden, um mir ein Glas Wasser in der Küche zu holen.

Wir wohnten damals in einer alten Mietwohnung mitten im Dorf. Das größte Zimmer war das Wohnzimmer, das man betrat, sobald man die Wohnungstür öffnete. Rechts davon war das Kinderzimmer, das ich mit meiner jüngeren Schwester teilte und das zum Bad führte. Links vom Wohnzimmer war die Küche, ohne Tür, und das Schlafzimmer meiner Eltern, ebenfalls ohne Tür und nur mit einem Vorhang vom Wohnzimmer getrennt.

Ich muss leise gewesen sein, denn ich konnte meine Eltern gut hören, und sie hätten doch nicht so geredet, wenn sie mich in der Nähe vermutet hätten. Obwohl ich mich jetzt frage, warum sie nicht wenigstens den Wasserhahn in der Küche gehört haben, der an der Wand neben ihrem Schlafzimmer angebracht war.

Den Anfang der Diskussion habe ich nicht in Erinnerung. Vielleicht kam ich gerade aus der Küche raus. Meine Mutter, in einem müden Ton: „Ich will nicht mehr, zwei Kinder sind genug“. Mein Vater, anflehend: „Aber ich hätte so gerne endlich einen Jungen!“ Ich habe den Rest nicht weiter zugehört und bin zurück zu meinem Zimmer gegangen.

Ich muss noch sechs Jahren alt gewesen sein. Dass mein Vater unbedingt einen Jungen wollte und Mädchen als Schande empfand, wusste ich schon, hatte er doch nur mit den Worten „leider kein Junge“ mit seiner Familie und seinen Freunden über mich geredet, so weit ich mich erinnern kann. Als meine Mutter mit meiner Schwester schwanger wurde, hatte er mir ständig erzählt, ich würde ein Brüderchen bekommen. Er wurde nochmal enttäuscht.

Das ersehnte Brüderchen kam doch, fünf Monaten bevor ich acht wurde. Ich bin froh darüber. Im Dorf war eine andere Familie dafür bekannt, zwölf Kinder zu haben, davon elf Mädchen, weil der Mann unbedingt einen Jungen wollte. Ich hätte es meinem Vater zugetraut.

Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Verfluchter Sonntag

Ich wünsche, heute hätte es nicht gegeben.

Das Wetter war heute toll. Der Ehemann ist am späten Vormittag mit dem Auto nach Berlin gefahren. Die Wohnung vom Schwiegervater ist noch nicht ganz geräumt, und sie muss am Ende des Monates abgegeben werden. Die Vermieterin war lieb und hat ihm viel Zeit gelassen, was gut war, da Nachbarn im Haus sich mit Corona infiziert hatten und er lieber auf ihre Genesung gewartet hat, bevor er zurück gefahren ist. Er ist gut angekommen und bleibt einen guten Teil der Woche dort. Das war’s schon mit den guten Nachrichten.

Ich bin heute trotz schönes Wetters zu Hause geblieben. Die Wendeltreppe zum Arbeitszimmer habe ich geputzt, und ein Gemüsefond für Suppen wollte noch gekocht werden, Reste hatten sich angesammelt.

Ich weiß nicht, wie das Wetter heute an der Côte d’Azur war. Sonnig mit siebzehn Grad, verrät mir M6météo[1]. Ein tolles Wetter, um mit dem Motorrad eine Runde zu drehen. Wenn man Motorrad gerne fährt. Das tut mein Bruder, seitdem er Motorrad fahren darf. Mein Vater hatte sich ja selbst als Mechaniker für Motorräder die eigene Werkstatt gebaut, und der Bruder ist der selben Leidenschaft nachgegangen. Als er achtundzwanzig wurde, hatte er damit geprallt, so alt zu sein, wie er Knochenbrüche durch Unfälle hätte. Lustig fand es nur er.

Ich habe am Nachmittag in der Küche gestanden und nach dem langen Kochen die Gemüsestücke auf dem Wasser im Topf entfernt, bevor ich sie runter zum Biomüll gebracht habe. Es muss der Zeitpunkt gewesen sein, an dem ich die Anrufe auf dem Handy verpasst habe, weil ich es in der Wohnung gelassen hatte. Ich war keine fünf Minuten zurück, als der Ehemann mich vom Auto aus übers Festnetz anrief. Ungewöhnlich. Er meinte, ich müsste meine Mami zurück rufen, sie hätte versucht, mich aufs Handy zu erreichen. Noch ungewöhnlicher. Sonntags telefonieren wir sonst immer abends um die gleiche Uhrzeit. In solchen Momenten denke ich immer an das Schlimmste und ich fragte mich schon beim Entsperren vom Handy, wer denn gestorben sein könnte. In der Liste von verpassten Anrufen standen meine Mami und meine Schwester. „Mein Vater?“ flüsterte in leicht geschämter Hoffnung eine Stimme in meinem Kopf. Wir haben so gut wie keinen Kontakt mehr, was mir recht ist, bei seiner gewalttätigen Natur, ich habe genug davon in meiner Kindheit gespürt. Aber dann hätte doch mein Bruder auch versucht mich zu erreichen.

Als ich meine Mami anrief, war sie völlig aufgelöst. Mein Bruder hätte heute einen Motorradunfall gehabt und wäre jetzt fort. Mehr konnte sie nicht sagen, außer, dass mein Vater extrem wütend reagiert und geschrien hätte, als sie ihn per Telefon benachrichtigte, und dass meine Schwester schon bei ihr war, als ich ihr sagte, sie sollte auf keinen Fall alleine bleiben. Ich habe eine Weile gebraucht, um die Nachricht zu verdauen. Gesehen habe ich meinen Bruder zuletzt für Weihnachten 2019 gesehen, ich bin seitdem nicht mehr in Frankreich gewesen. Später am Abend hat mich meine Schwester angerufen. Meine Mutter hatte die Nachricht durch Bianca bekommen, die Freundin von meinem Bruder, die von den Sanitätern am Unfallort angerufen wurde. Wir haben keine Ahnung, wie es zum Unfall kam, und wissen nicht mal, wo sich die Leiche von meinem Bruder jetzt befindet. Kein schöner Valentinstag.

Es ist so eine blöde Situation für Bianca, da sie gerade mit meinem Bruder zusammen ein Haus gekauft hatten. Verheiratet sind sie nicht, und ich glaube nicht, dass mein Bruder ein Testament hinterlassen hat. Wer denkt denn mit 36 daran? Dafür würde ich laut Gesetzt einen Teil von seinem Erbe bekommen, obwohl ich es gar nicht nötig habe, und müsste saftig Steuer bezahlen, weil man als Geschwister ab einer recht geringen Summe in Frankreich schon Erbschaftssteuer zahlen muss. Ich habe mich erkundigt, man darf nicht auf Erbe zugunsten einer beliebigen Person verzichten. Wenn man darauf verzichtet, dann wird es zwischen den nächsten Erben verteilt. Das ist doof, ich möchte doch so sehr Bianca helfen.

Ich muss auf jeden Fall dahin. Meine Schwester sagt, meine Mutter dreht durch. Mein Bruder ist ihr letztes Kind, und sie waren sehr nah zu einander. Kinder dürften nicht vor ihren Eltern sterben. Der Ehemann wollte heute Nachmittag gleich umkehren und zurück zu mir nach Hause fahren, aber ich habe ihm gesagt, er soll das mit der Wohnung von seinem Vater endlich zu Ende bringen. Er hat schon genug zu tun.

Mit der Bahn von München nach Nizza dauert es mindestens fünfzehn Stunden, man muss dabei so häufig mit knappen Umsteigezeiten umsteigen, dass es von vorne rein zum Scheitern verurteilt ist. Ich kann nur dahin fliegen, und es gibt nur noch sehr wenige Flüge. Ich muss auch bei der Anreise ein negatives Corona-Test-Ergebnis vorzeigen können. So schnell kriege ich keins. Für mein Handy steht die Corona-Warn-App nach wie vor nicht zur Verfügung, so dass ich das Ergebnis von der Arztpraxis ausgedruckt bekommen muss. Ich muss mit zwei Tagen rechnen. Und der Test darf bei der Einreise nicht älter als 72 Stunden alt sein. Wenn ich mich am Dienstag testen lasse, darf ich spätestens am Freitag vor elf in Nizza landen, weil die Termine für Tests in meiner Praxis täglich vormittags stattfinden. Knapp. Vielleicht sollte ich mich doch erst am Mittwoch testen lassen. Freitag wäre gut, dann könnte der Ehemann mit mir fliegen. Wenn er heil mit dem Auto aus Berlin nach Hause kommt.

[1] Unbezahlte Werbung, da Namensnennung und Verlinkung.

Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Weihnachten ohne den Schwiegervater

Wir hatten geplant, Weihnachten in Berlin zu verbringen, um den Schwiegervater aus dem Heim zu holen und mit ihm ein paar Tage zu verbringen, nachdem wir Quarantäne einhalten und uns testen lassen. Die Testergebnisse hat der Ehemann in seine App geladen, da die Corona-Warn-App für mein Handy nicht verfügbar ist. So alt ist mein Handy nicht, gerade zwei Jahre, und ich gehöre nicht zu den Suchtkonsumenten, die funktionierende Geräte entsorgen, nur weil ein Neueres auf den Markt kommt. Ein neues Handy für diese App zu kaufen kam für mich daher nicht in Frage. Vor allem, da ich zu Hause arbeite und wenn ich das Haus verlasse, dann überwiegend mit dem Ehemann. Eine App für uns beide muss reichen. Der Ehemann hat sein Test geladen, negativ. Er musste dann sein Test löschen, um mein Test auch zu laden. Ebenfalls negativ. Das war am Samstag.

Unser Plan für Weihnachten wird trotzdem nichts. Wir sind stattdessen in Frankfurt, bei der jetzt engsten Familie vom Ehemann. Der Schwiegervater ist am Anfang des Monates verstorben, und so schnell konnte ich nicht darüber schreiben. Das muss man erstmal verdauen.

Ich sage, Corona ist schuld. Es gab im November einen Fall im Heim. Alle Bewohner wurden dazu aufgefordert, ihre Zimmer nicht mehr zu verlassen, und Besuche wurden verboten. Den Schwiegervater hat es sehr getroffen. Infiziert hat er sich nicht, aber die Ausgangssperre wurde ihm zu viel, vor allem, als sie verlängert wurde, als ein zweiter Fall bekannt wurde. Er hat angefangen, nicht mehr essen zu wollen, und sich geweigert, seine Medikamente zu nehmen. Das Heim hat den Ehemann angerufen, der Ehemann hat mit seinem Vater telefoniert und dachte, er hätte ihn dazu überredet, wieder auf sich zu achten. Aber dann hat der Schwiegervater seine Anrufe nicht mehr angenommen. An dem letzten Sonntag von November wurde der Ehemann so unruhig, dass er auf die Stelle nach Berlin fahren wollte. „Und was dann?“ hatte ich ihn gefragt. Wenn Besuche verboten sind, kommt er nicht ins Heim, egal, was er versucht, den Mitarbeitern zu erzählen. Der Ehemann ist zu Hause geblieben. Sein Vater hat weiterhin keine Anrufe angenommen. Zwei Tage später ist der Ehemann vom Heim angerufen worden. Sein Vater ist friedlich im Schlaf gestorben.

Wir sind nach der Meldung nach Berlin gefahren. Der Ehemann hat auf einmal viel zu regeln gehabt, da er Einzelkind und jetzt Waise ist. Natürlich konnte ich ihn in der Zeit nicht alleine lassen, und Tim, unser neuer Teamleiter seit dem Sommer, war sehr verständnisvoll und hat mich von der Arbeit befreit. Es gab eine kleine Trauerfeier im engsten Kreis. Auf dem Weg zum Bestattungsinstitut war ich richtig froh, dass der Ehemann sich nicht für die Konkurrenz einige Häuser vorher entschieden hat. Wir sind von der S-Bahn-Station aus zu Fuß dahin gelaufen, und ich habe zuerst gedacht, wir wären an eine billige Fahrschule vorbei gelatscht. Nee, es war ein Bestattungsdiscounter und sah furchtbar aus. Der Ehemann hatte sich für die andere Firma entschieden, weil der Name ihm bekannt vorkam. Er hatte nicht mal Zeit, sich über sie richtig zu informieren. Glück gehabt, vor allem, weil der Discounter den selben Namen wie die Bowling-Lounge[1] trägt, wo der Ehemann sonst mit seinen Kumpeln Geburtstag feiert, er hätte auch sagen können, dieser Name kommt ihm bekannt vor. Wenigstens konnten wir uns von dem Schwiegervater in Würde verabschieden. Das Gefühl hätte ich beim Discounter nicht gehabt.

Der Ehemann gibt den Anschein, es gehe ihm gut. Ich weiß aber, wie schlecht er in letzter Zeit schläft und was für unruhige Träume er hat. Er hat sich am Anfang schuldig gefühlt, dass er sich bei der Nachricht vom Tod seines Vaters nicht nur traurig, sondern auch erleichtert gefühlt hat. Er hat gesehen, wie es dem Schwiegervater schlechter wurde, und es gab keinen Anlass zu glauben, dass sein Zustand sich verbessern würde. Seit dem Schlaganfall wurde seine Aphasie wegen den Corona-Beschränkungen nicht richtig behandelt, und man hat gemerkt, dass es ihn sehr frustriert hat, nicht mehr reden zu können. Lesen konnte er auch nicht mehr. Am Telefon hat er in letzter Zeit viel zu schnell aufgegeben, wenn ihm ein Wort nicht mehr eingefallen ist. Wie wert ist ein Leben, wenn man nicht mehr in der Lage ist, mit anderen Menschen zu kommunizieren? Wenn man sich ständig vom Pflegepersonal missverstanden fühlt und seine Wünsche nicht mehr äußern kann? Der Ehemann hatte seinen Vater verstanden, aber das reicht nicht. Er hat sich jetzt eingeredet, dass sein Vater beschlossen hat, aus dem Leben auszutreten.

Ich frage mich, würde ich in einem solchen Zustand leben wollen? Ich habe dem Ehemann schon gesagt, dass ich mich for Demenz graue. Lieber würde ich eine assistierte Sterbehilfe in Anspruch nehmen, als jahrelang vor mich hin zu vegetieren. Die Unfähigkeit, sich auszudrücken, selbst mit klarem Kopf, möchte ich auch nicht erleben. Nicht auf Dauer. Da wird man nur noch hilflos für jede Art von Missbrauch ausgeliefert, denn wie sollte man sich darüber beschweren können? Deswegen hatte ich mich so viele Sorgen gemacht, als ich im relativ späten Alter mal länger schwanger wurde.

Ob der Schwiegervater also absichtlich gestorben ist? Eine solche Entscheidung könnte ich nachvollziehen, aber kann das einfach so im Schlaf passieren, wenn man sich dafür entschieden hat? Schön wär’s.

[1] Unbezahlte Werbung, da Verlinkung.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Wochenende in Berlin

Wir haben das Wochenende in Berlin verbracht. Familientreffen. Die angeheiratete Familie, versteht sich.

Ich war zuletzt im Februar dort, als wir den Schwiegervater im Krankenhaus besucht hatten. Seitdem war der Ehemann alleine hin gefahren, bis er seinem Vater noch rechtzeitig vor den Corona-Einschränkungen einen Platz in einem Pflegeheim gefunden hat. Wir haben seit seinem Umzug in den Nachrichten die Corona-Ausbruchsgeschichten in Pflegeheimen jedes Mal mit einem sinkenden Gefühl im Magen gehört. Dem Schwiegervater geht es doch gut, und er ist sogar froh, die Ausgangssperre nicht alleine zu Hause durch gesessen haben zu müssen.

Das weiß ich dank des Ehemannes, weil die Aphasie vom Schwiegervater durch den Schlaganfall am Anfang des Jahres immer noch nicht richtig therapeutisch angegangen wurde. Wortfindung fällt ihm schwer, ich kann kaum etwas von dem verstehen, was er versucht zu erzählen. Wegen Corona-Einschränkungen konnte seine verschriebene Behandlung nicht persönlich statt finden. Es hat Monate gedauert, bis eine Online-Lösung durch seine Praxis eingerichtet wurde, weil das Heim Besuche streng reguliert hatte. Es ging nur mit Termin hinter einer Plexiglasscheibe, was dem behandelnden Arzt nicht passte. Und jetzt am Anfang des Monates, nach gerade zwei Terminen, hat die Krankenkasse die Bezahlung der Online-Behandlung abgebrochen, weil durch die Lockerungen die Therapie wieder persönlich statt finden kann. Die Praxis hat aber erstmal keinen Ersatztermin angeboten, und der Ehemann musste ewig hin und her telefonieren, damit der Schwiegervater nach zwei Wochen Unterbrechung seine Therapie fortsetzen kann. Fortschritte, die er gemacht hatte, sind schon weg. Eigentlich hätte es doch die Aufgabe vom Pflegeheim sein sollen! Ich bin richtig sauer darüber, dass weder sie noch die Praxis es für nötig gehalten haben, sich darum zu kümmern. Ich verstehe nicht, wie der Ehemann da so sachlich und geduldig am Telefon mit den Verantwortlichen reden konnte. Ich hätte schon längst einen Anwalt eingeschaltet, denn es kann nicht sein, dass man jemandem mit einem akuten Hilfebedarf eine Behandlung monatelang nicht ermöglicht. Eine Schlamperei ist das.

Jedenfalls darf jetzt der Schwiegervater wieder raus aus dem Heim. Am Sonntag ist er mit uns zu seiner noch nicht gekündigten Wohnung gekommen, wo wir übernachtet haben, um mit dem Ehemann darüber zu diskutieren, was entsorgt werden soll.

Der Schwiegervater hat sich zum Schluss mit einer Umarmung von mir verabschieden wollen, was mir unheimlich war. Ich bin nicht sicher, ob ich nicht während meiner kurzen Zeit in Berlin nicht schon angesteckt wurde. Es fing am Freitagabend an, als wir in die S-Bahn am Südkreuz eingestiegen sind, und eine Gruppe Italiener auf der anderen Seite vom Wagen nur am rum schreien war – ohne Maske. Als wir später unterwegs auf der Suche nach einem Restaurant waren, stand plötzlich eine alte Frau auf dem Bürgersteig vor uns uns hat munter links und rechts um sich grässlich gehustet – auch ohne Maske. Wie kann man heutzutage noch nichts von Hustenetikette gehört haben? Am nächsten Tag haben wir den Bürgersteig wechseln müssen, weil ein junger Mann auch dabei war, demonstrativ ohne Maske in der Gegend herum zu husten. Machen sich die Leute in Berlin einen Spaß daraus? Als ich noch dort gewohnt hatte, war ein solches ekliges Verhalten eher selten zu sehen.

Gestern war jemand aus einem Auktionshaus in der Wohnung vom Schwiegervater, um sich ausgewählte Objekte anzuschauen, die der Schwiegervater entsorgen will. Der Ehemann musste dabei sein, der Schwiegervater wollte oder konnte nicht, und da ich keine Lust hatte, am Sonntagabend alleine mit dem Zug nach Hause zu fahren, habe ich den ganzen Montag in der Wohnung vom Schwiegervater gearbeitet. Mobile Office macht’s möglich. Ich habe dem Ehemann gesagt, es ist so cool, wir könnten im Prinzip überall vereisen, tagsüber arbeiten und abends die Touristen spielen, aber er muss ins Büro.

Am Wochenende haben wir viel gegessen. In der Wohnung wurde schon alles Verderbliches entsorgt und wir haben Restaurants besucht, wenn wir nicht von Freunden eingeladen wurden. Bei unserem Lieblingsspanier konnten wir nicht reservieren. „Dauerhaft geschlossen“, sagt Google Maps. An der Tür hängt ein Schild: Geschlossen wegen Umbaumaßnahmen. Wir haben beim anderen Spanier am Savignyplatz gegessen. Die Atmosphäre war nicht so gemütlich, keiner der Mitarbeiter hat eine Gesichtsmaske getragen und selbst drin haben wir den ganzen Qualm der Raucher auf der Terrasse abgekriegt, weil die Türe weit offen waren. Das Essen war in Ordnung.

Zum Ausgleich mussten wir uns viel bewegen. Wir sind trotz der recht kühlen Temperatur spazieren gegangen. Ich hatte meine neue Tischtennisausrüstung mitgebracht und wir haben viele Platten in Parks gefunden. Der Ehemann hat genervt, weil er immer gewinnt. Jedenfalls konnten wir es so gerade schaffen, nicht mehr zu essen als unser Tagesbedarf.

Am Samstag bin ich beim Tischtennisspielen mit meinen doch recht glatten Snickers auf dem sandigen Steinboden ausgerutscht und habe mir an der linken Pobacke richtig weh getan. Für den Bruchteil einer Sekunde hatte ich den Fall gestoppt und ich dachte, alles gut. Kurz danach bin ich am Boden auf dem angespannten Muskel gelandet. Dafür, dass der Fall am Ende nicht so hoch war, war der Schmerz danach so stark, dass ich kaum noch laufen konnte. Trotzdem waren wir gestern viel unterwegs, weil sitzen auch schmerzhaft war, und ich habe diesmal barfuß Tischtennis gespielt. Erst heute geht es wieder halbwegs. Ich dachte, ich hätte einen riesigen blauen Fleck gekriegt. Nicht. Dafür ist die Pobacke angeschwollen und drückt auf den Ischiasnerv. Hoffentlich lässt es bald nach.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.