Mein erster Freund

Wenn ich an ihn zurück denke, habe ich manchmal den Eindruck, dass es sich gar nicht um mein Leben handelt. Es ist so lange her. Ich habe vor ihm andere Freunde gehabt, aber es war immer schnell vorbei und nicht von Bedeutung.

Ich war fast sechzehn, als ich Marc kennen gelernt habe. Es war im Sommer. Wie jeden Tag in den Ferien war ich mit Freunden zum Freibad gegangen – dank meines Mini-Jobs auf dem Markt konnte ich es mir leisten. Daniel, der Bruder meiner Freundin Nathalie, war mit uns. Er hatte einen Freund mitgebracht, Marc, der vier Jahre älter als ich war und gerade zurück aus seiner Pflicht bei der Bundeswehr war. Ich kann nicht sagen, dass er einen großen Eindruck auf mich gemacht hatte. Ich hatte mir nicht mal seinen Namen gemerkt. Am gleichen Abend habe ich mich auf eine Beziehung mit Patrice eingelassen, die gerade eine Woche dauerte. Ich habe Schluss gemacht. Wir hatten nicht viel Gemeinsames. Er wollte vor allem vögeln, und ich war noch jungfräulich. Eines Tages rief mich Nathalie zu Hause an. Ihr Bruder wäre hier mit seinem Freund, ob ich nicht mit ihnen im Dorf herum hängen möchte. Ich wusste nicht, von wem sie sprach. Sie musste mir erklären, dass er mit uns im Freibad gewesen war. Von dem Tag hatte ich kaum Erinnerungen behalten. Da es mir zu Hause zu langweilig war, bin ich zu ihnen gegangen. Ich habe vergessen, was wir gemacht haben. Abends musste ich zu meinem Job. Marc hat mich dahin begleitet, während Nathalie und ihr Bruder sich davon machten. Beim Abschied fragte mich Marc, ob er einen Kuss haben durfte. Warum nicht, dachte ich, obwohl er nicht gerade mein Typ war. Der Tag war langweilig gewesen. Ich habe ihn geküsst und bin zur Arbeit gegangen.

Die ersten Tage unserer Beziehung waren schon komisch. Ich hatte es schwer, mich daran zu erinnern, dass ich mit ihm zusammen war. So ist es zum Beispiel passiert, dass ich ihn eines Tages auf dem Marktplatz mit Freunden getroffen hatte, und ihn spontan auf die Wange geküsst hatte, wie bei den anderen, und glatt vergessen hatte, dass ich seine Freundin war. Er hat beleidigt reagiert. Als ich prompt meinen Fehler merkte, habe ich gelacht, ihn geküsst und getan, als ob ich ihn nur ärgern wollte. Verliebt war ich also nicht. Wie konnte ich nur zulassen, dass wir so viele Jahren zusammen blieben? Ach ja, die Erklärung kenne ich doch. Obwohl, so im klaren mit meinen Gefühlen war ich damals nicht. Ich habe ernsthaft versucht, mich zu verlieben, weil ich dachte, es wäre normal. Es war auch nicht unschön, mit ihm zu sein, er war nett zu mir und schien wirklich mich zu lieben, ich hatte nichts gegen ihn einzuwenden, also müsste ich mich nur ein bisschen bemühen. Genau wie meine Oma, die Mutter meiner Mutter, es mir erklärt hatte. (Sie hatte nicht so viel Glück wie ich gehabt und ihren Mann erst vor dem Altar kennen gelernt. Und sieben Kinder zur Welt gebracht.)

Nach einigen Wochen hat Marc mich seiner Familie vorgestellt. Ich habe ihn also eines Tages nach Hause zu meinen Eltern gebracht. Mit der Zeit habe ich den Eindruck bekommen, dass ich verliebt war. Ab und zu habe ich immer Zweifel bekommen und mich gefragt, ob ich ihn wirklich liebte. Wie häufig habe ich mir wiederholt, dass es frech wäre, ihn zu verlassen, weil ich ihm keine ernsthafte Vorwürfe machen konnte! Nach vier Monaten haben wir während den Ferien über Weihnachten Sex gehabt. Es war für uns beide das erste Mal, auch wenn er mir schon vorher an die Wäsche gegangen war. Ich fand’s immer komisch und fragte mich, warum er mir unbedingt seinen Finger reinstecken wollte. Bei Gesprächen mit Freundinnen habe ich erfahren, dass es wohl normal war. Eigentlich hatte ich keine Lust, so früh mit ihm Sex zu haben. Es ging zum Glück schnell. Das Problem war aber, dass er ab diesem Moment erwartete, dass wir jeder Zeit wieder Sex haben könnten. Ich hab’s resigniert mitgemacht. Mir hat es keinen Spaß gemacht. Irgendwann hat er es bemerkt und mich beleidigt gefragt, warum ich ruhig beim Sex bleiben würde. So habe ich gelernt zu simulieren. Es schien Wunder zu wirken, er hat sich danach nicht mehr beschwert.

Ich hatte noch nicht die Abitur geschrieben, als wir zusammen umgezogen sind. Im Elternhaus wollte ich nicht mehr bleiben. Mit noch nicht mal achtzehn habe ich dann mein Physik-Studium angefangen. Ich war die ganze Woche an der Uni und kam erst am Wochenende nach Hause. In dieser Zeit ist mir bewusst geworden, dass ich nicht mit Marc zusammen passte. Er hatte nicht studiert und kam mir manchmal mit seinen Bemerkungen ziemlich blöd vor. Ich hätte mich geschämt, ihn meinen Kommilitonen vorzustellen. Im vierten Uni-Jahr habe ich plötzlich mehr zu tun gehabt. Ich habe viel gelernt und bin nicht mehr jedes Wochenende nach Hause gefahren. Ich habe früh im Herbst angefangen, mich zu fragen, wie ich mich von Marc lösen könnte. Ich habe erst kurz vor dem Frühling Schluss gemacht. Trotz Vorbereitungen und Andeutungen meinerseits hat es ihn völlig überraschend getroffen. Er hat mehrmals versucht, mich zu überzeugen, zu ihm zurück zu kommen. Es war doch die richtige Entscheidung, da ich ein halbes Jahr später für die Diploma die Uni gewechselt habe und nach Lothringen umgezogen bin.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Der Exhibitionist

Diese Geschichte ist sechzehn Jahre alt, sie ist im Jahr vor meiner Diplomarbeit geschehen. Ich hätte sie fast völlig verdrängt, wenn ich nicht heute Abend zufällig einen Blog-Beitrag zum Thema sexuelle Belästigung gelesen hätte, der mich wegen der nachträglichen starken psychologischen Reaktion des Opfers daran erinnert hat. Ich bin überrascht, wie viele Details ich doch behalten habe.

Es war an einem Sonntagabend. Bestimmt in September, das Semester hatte gerade angefangen. Ich hatte bei meinen Eltern gegessen und war mit der Bahn zur Uni zurück gefahren. Mein Zug kam gegen 22:00 an, es war schon nachts. Ich war vollgepackt mit dem schweren Rucksack für die Woche und meiner Gitarre in ihrem Koffer (Gitarre ist nie mein Instrument gewesen, ich hatte nur kurz probiert, weil ich sie von meinem verstorbenen Onkel geerbt hatte). Vom Hauptbahnhof aus bis zum Studentenwohnheim brauchte ich eine gute halbe Stunde zu Fuß.

Als ich die Straße hoch ging und mich einer großen Kreuzung näherte, ist mir von hinten her ein dunkel grünes Familienauto plötzlich sehr schnell rechts vorbei gefahren, obwohl die Lampe rot war. Ich habe nicht besonders aufgepasst und bin ebenfalls rechts Richtung Uni gegangen. Ich war noch vor der Bushaltestelle und habe das Auto mitten auf der Straße gesehen – leer, ohne Licht, es gab schon niemanden mehr drin. Wie es stand hätte tagsüber kein weiteres Auto durchfahren können, aber in Nizza ist es halbwegs normal, so zu parken. Ich habe gedacht, wie dämlich es wäre, Verkehrsdelikte zu begehen, um nicht mal fünf Sekunden später zu halten. Ich habe angenommen, die Person hätte etwas Dringendes zu Hause vergessen.

Direkt nach der Haltestelle hat mich ein kleiner Mann mit kurzen schwarzen Haaren und Schnurrbart plötzlich angesprochen, der vielleicht um die vierzig war. Ich hatte ihn nicht gemerkt, weil er sich im Dunkel hinter der Werbungscheibe versteckt hatte. Er wirkte sehr nervös, ich habe zuerst gar nicht verstanden, was er wollte. Beim Wiederholen stellte sich heraus, dass er nach einer bestimmten Straße suchte, wobei er den Namen so undeutlich gesagt hatte, dass ich ihn nicht mitbekommen habe. Seltsam, dachte ich, wir waren neben einer Bushaltestelle, und eine Karte war vorhanden. Das habe ich dem Mann gesagt, und wollte ihm die Karte zeigen, die nachtsüber gut beleuchtet war, aber er wollte sich nicht vom Fleck berühren. Stattdessen hat er sehr schnell gesagt, „Murmel Murmel Murmel reinstecken“. Ich: „Häh?“ Der Mann, nach tiefem Einatmen: „Meinen Schwanz werde ich bei dir rein stecken, du Schlampe“. In dem Moment ist mir aufgefallen, dass er die ganze Zeit die Hose auf den Knien hatte und seinen Penis in der Hand hielt – wodurch ich auch einen Ehering an seinem Finger gesehen habe. Da sind mir mehrere Gedanken durch den Kopf gegangen. Vor allem, so peinlich wie es klingt: „Wie will er etwas anstellen, der hat nicht mal eine Erektion, das Ding ist so winzig…“ Ich habe gar nichts gesagt, und ohne darüber nachzudenken habe ich reflexartig trotz schwerem Rucksack mit einem leicht geärgerten Seufzer den Rücken gerade gemacht, den Koffer meiner Gitarre wieder fest gehoben, wodurch ich einige Zentimeter gewonnen habe und ihn von oben ins Gesicht kalt geschaut habe. Da stotterte der Mann, „Ich meine, nur wenn Sie einverstanden sind…“ Als ich ihn unfreundlich weiter anstarrte, hat er seine Hose zu gemacht, ist zu seinem Auto gelaufen und „mit dem Schwanz zwischen den Beinen“ abgehauen.

Mir blieb nichts anderes übrig als meinen Weg fortzusetzen. Das Autokennzeichen hatte ich mir nicht merken können. Ich habe Mitleid für seine Frau empfunden, zu der er bestimmt gefahren war und die wahrscheinlich nichts von seinem Verhalten wusste. Nicht mal eine Minute nach seinem Verschwinden sind mir bekannte Kommilitonen auf dem gleichen Bürgersteig über den Weg gelaufen, die zur Kneipe gehen wollten. Ich bin zu meinem Zimmer angekommen. Ich war sehr wütend, dass der Typ sich das bei mir erlaubt hat, aber ich habe nach einigen Tagen nicht mehr viel daran gedacht. Ich war auf jeden Fall verblüfft, dass ich so einfach einen Angreifer in die Flucht jagen konnte.

Zwei Wochen später bin ich mit einer Freundin genau diese Straße tagsüber herunter gegangen. Ich habe gedacht, ich müsste ihr die Geschichte erzählen. Ganz zu meiner Überraschung konnte ich es doch nicht tun, ich bin mitten im Erzählen in Tränen ausgebrochen und habe nur noch geheult. Ich war erschrocken, weil ich es nicht erwartet hatte, mir war an dem Abend physisch gar nichts geschehen und ich dachte, ich hätte die Geschichte schon verarbeitet. Ich habe mich über meine übertriebene Reaktion geärgert, aber ich konnte mich beim Erzählen nicht mehr kontrollieren. Meine Freundin hat mir dann Geschichten erzählt, die ihr selber passiert sind, mit fremden Männern, die sie auf der Straße sogar am Körper angefasst haben, als sie in der Mittelstufe war. Ich weiß noch, wie ich mich gefragt habe, ob es überhaupt Frauen gibt, die ihr ganzes Leben ohne sexuelle Belästigung gelebt haben (selbst in meiner kleinen Grundschule mit etwa 120 Schülern waren zwei Mädchen von Männern aus ihren Familienkreisen vergewaltigt worden – das sind nur die Fälle, die damals in die Öffentlichkeit gekommen sind). Irgendwie hat mir das Erzählen geholfen, weil ich danach wirklich nicht mehr daran gedacht habe.

Einen letzten Absatz muss es noch geben. Als ich mit dieser Freundin unterwegs war, waren wir an einem Mini-Supermarkt vorbei gegangen. Ich war einige Tagen später dort einkaufen. An der Kasse angekommen, fragte mich die Kassiererin, die dabei war, sich mit einer anderen Frau zu unterhalten, wie es mir ging. Ich war überrascht, weil sie sonst nie das Gespräch mit mir gesucht hatte. Da ich mich gerade von einer Erkältung erholt hatte, habe ich ihr gesagt, dass die Erkältung vorbei wäre. Sie wirkte enttäuscht und fragte wieder gierig, ob mir nichts passiert wäre, ich könne ihr alles erzählen. Ich habe mit einem überraschten Ton wiederholt, dass es mir gut ginge, dass nichts passiert wäre, und bin weg gegangen. Beim raus gehen habe ich gehört, wie sie ihrer Freundin sagte, „Komisch, ich hätte schwören können, dass ich sie am heulen gesehen hätte… War sie es doch nicht?“ Tja, eine Kundin hat sie auf jeden Fall verloren, ich hasse diese Art, sich über das Leiden von anderen zu freuen. Ich bin danach immer zur Tankstelle gegenüber einkaufen gegangen, die hatten einen guten 24/24 Laden.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Meine erste Wohnung

Vor fünfzehn Jahren habe ich meine Gegend in Südfrankreich verlassen, um eine Diplomarbeit in meiner Wunschfachrichtung zu machen, da sie in meiner Uni nicht vertreten war. Ich hatte mich bei drei Unis beworben. Zwei hatten mich abgelehnt, mit der Begründung, dass ich mit meinem reinen Physikstudium zu viele Chemiekenntnisse nachholen müsste; die dritte hat mich angenommen. Ich habe deswegen Anfang September meine Sachen gepackt und bin über Nacht mit meinem Vater nach Nancy gefahren. Eigentlich wäre ich gerne alleine mit dem Zug gefahren, aber mein Vater wollte davon nichts hören. Wir sind am frühen Morgen angekommen. Der Anblick von der noch beleuchteten prachtvollen Place Stanislas hat mich völlig den Atem beraubt. Mein Betreuer in meiner früheren Uni hatte mich gewarnt, dass es die kälteste Gegend Frankreichs wäre, und ich musste ihm Recht geben: Kaum angekommen, musste ich meine „Winterkleider“ anziehen (Pullis in September waren für mich bis dahin völlig undenkbar gewesen).

Ich hätte mich gerne umgeschaut und Anzeigen für Wohnungen in der lokalen Zeitung durchgelesen. Mein Vater ist aber nicht gerade für seine Geduld bekannt. Wir sind zufällig an einer Immobilienagentur vorbei gegangen, und er ist sofort rein gegangen und hat für damals 600F (ohne Inflation umgerechnet: fast 90€) eine Liste mit Anzeigen gekauft. In der Zeitung wären die Anzeigen viel billiger gewesen. Ohne Kenntnisse über die Stadt, hat er angefangen, von einer Kneipe aus alle Vermieter anzurufen, um Besichtigungstermine auszumachen (zur Erinnerung: Damals, Ende 90′, war Internet von weitem nicht so verbreitet wie heute, und Handys waren relativ selten zu sehen – sehr groß und schwer waren sie auch noch, mit einer Antenne und Tasten, die größer als Fingerspitzen waren). Wir haben an dem Tag sofort einen Termin bekommen, und die erste möblierte Wohnung, die wir besucht haben, musste ich gleich mieten, weil mein Vater keine Lust hatte, so lange noch durch die ganze Stadt Wohnungen zu besichtigen. Als er meine Sachen aus dem Auto zur Wohnung gebracht hat, hat er den Eindruck bekommen, seine Pflicht getan zu haben, und ist wieder weg nach Südfrankreich zurück gefahren.

Dass es mit der Wohnung ein großer Fehler war, habe ich schnell bemerkt. Den Vermieter hatte ich sofort unsympathisch gefunden, er kam mir sehr hinterlistig vor. Und ich denke, ich hätte mir in der ganzen Stadt nur mit großer Mühe einen schlimmeren Viertel aussuchen können. Meine neuen Kommilitonen haben mir später alle gesagt, sie würden dort nicht mal gegen Geld wohnen wollen. Place des Vosges. Meine Wohnung war im Erdgeschoss. Angeblich wohnte auf der dritten Etage ein Student. Ich habe ihn nie gesehen. Auf der zweiten Etage war ein Mann, der vielleicht 45 Jahre alt war, und schwer Alkoholiker war. Er hatte schon viele Rehabilitationen durchgemacht, alle ohne Erfolg. Eigentlich ganz nett, aber nachtsüber nicht auszuhalten. Wenn er zu viel getrunken hatte, fing er immer an, bei lauter Musik seine Möbel durch die Wohnung um sich herum zu schmeißen. Der Lärm war unglaublich. Die einzigen Momente, wo er leise wurde, waren als meine Nachbarin aus der ersten Etage mit ihren Kunden ankam – sie war Prostituierte und ging die ganze Nacht die Treppe rauf und runter. Mit ihr hatte ich kein Problem, sie war sehr freundlich, ich fand es nur unheimlich, dass so viele Unbekannte sich im Haus herumtrieben. Im Haus gegenüber von mir auf der anderen Straßenseite wohnte ein Drogendealer. Der Alkoholiker meinte, sein Handy hätte in seinem Haus kein Empfang, und er müsste immer auf der Straße seine Geschäfte telefonisch abwickeln. Das stimmte, ich habe es selber mitbekommen, wenn ich zum Lüften das Fenster geöffnet habe. Er hat mir auch erzählt, wie das Loch in meiner Wohnungstür zustande gekommen war. Von der Außenseite zum Treppenhaus war meine Tür total beschädigt, das Loch ging aber nicht ganz durch. Es war eine Woche vor meiner Ankunft passiert. Vor mir hatte dort ein Kunde von dem Drogendealer gewohnt.  Er hatte kein Geld mehr gehabt, um seinen Stoff zu kaufen, und dachte, er würde einfach in die Wohnung einbrechen, um Geld dafür zu bekommen. Dass noch niemand drin wohnte wusste er anscheinend nicht.

Ich habe es in der Wohnung gerade drei Monate ausgehalten. Vor allem konnte ich den Alkoholiker nicht ertragen. Ich hatte den ganzen Tag im Wintersemester noch Vorlesungen zu hören und konnte es mir nicht leisten, so häufig an Schlafmangel zu leiden. Die Wohnung hat auch schnell einen muffigen Geruch entwickelt. Ein Freund, der zu Besuch gekommen war, meinte, es würde stark nach Pilzen riechen. Meine persönlichen Gegenstände haben teilweise Schaden bekommen. Dem Rat dieses Freundes folgend, habe ich es dem Vermieter mitgeteilt. Er hat mir schriftlich in herabwertender Weise geantwortet, dass ich es in Lothringen nicht erwarten könnte, ein Wetter wie in „meiner sonnigen Heimatland Südfrankreich“ zu haben, und dass es auch etwas wie Regen gäbe. Ich war zu froh, aus der Bude wieder raus zu sein, um groß Ärger zu suchen, aber er hätte es schon verdient, dass ich gegen ihn klage. Nur, wenn macht das schon als Student?


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

One-Night-Stand…

… ist wahrscheinlich ein falscher Titel für diesen Eintrag, der von einer kurzen Begegnung mit David vor sieben Jahren handelt.

Denn David kannte ich eigentlich schon lange, und zwar sehr gut. Wir hatten uns vor vierzehn Jahren während meines Diplom-Jahres kennengelernt, er war damals Doktorand am gleichen Institut. Und es hatte nicht lange gedauert, bis wir ein Paar geworden sind. Ich kann mich nicht mehr so gut an die Vorgeschichte erinnern. Ich war eines Abends für eine Feier bei einem Kommilitonen eingeladen worden. Davor hatte ich mit David, mit dem ich seit einigen Tagen geflirtet hatte, in einem kleinen Restaurant gegessen. Ich hatte ihn überredet, zur Feier mitzukommen, und ihm eindeutige Annäherungen gemacht, was für mich eher untypisch ist, ich bin sonst scheuer Natur. Nach der Feier hatten wir die Nacht bei ihm verbracht. Geschlafen hatten wir kaum. Der Sex mit ihm war unvergesslich. Ich hatte mich noch nie im Bett mit einem Mann so frei gefühlt wie mit ihm. Es hätte eine Geschichte von einer Nacht bleiben können. Mir war gar nicht klar, was er wollte, und es wäre für mich am Anfang nicht schlimm gewesen, wenn es nur beim Sex blieb, aber nach einigen Zögerungen seinerseits, wo er viel von seiner Ex-Freundin erzählt hatte, haben wir doch eine ernstere Beziehung angefangen. Lange hat sie nicht gedauert, gerade sechs Monaten. Ich bin für meine Doktorarbeit nach Deutschland gekommen[1]. Das mit dem Pendeln haben wir zwei Monaten lang gemacht, aber es wurde ihm zu lästig, und er hat Schluss gemacht. Am Telefon. Mit der Ausrede, dass ich ihn ja angemacht hatte, daher wäre ich selber Schuld, dass wir überhaupt zusammen gekommen wären. Es hat richtig weh getan. Ich war total süchtig nach ihm geworden, nach seinem Geruch, seinem Körper, mit seinem dicht behaarten Bauch[2] und sehr beeindruckenden… äh, ihr wisst schon. Ich habe nach der Trennung wirklich Entzugserscheinungen bekommen und gezittert. Seine feige Ausrede hatte mich gleichzeitig sehr sauer gemacht. Er hätte einfach sagen können, dass er keine Lust auf Fernbeziehung hatte, statt mir so eine Frechheit zu servieren. Ich habe mich danach mit Stefan getröstet. Tja… Vielleicht erzähle ich diese Geschichte irgendwann.

Vor sieben Jahren also… Ich war zu einer Fachtagung in Belgien gefahren. Als Eröffnung der Tagung gab es einen Plenarvortrag. Ich bin gerade pünktlich zum Hörsaal angekommen. Ich trug Schuhe mit hohen Absätzen. Normalerweise konnte ich ohne Problem damit laufen. Im Dunkel im Hörsaal bin ich auf der Seitentreppe auf dem Weg zu einem Sitzplatz gestolpert und buchstäblich in den Armen von einem großen Mann gefallen, der mir entgegen kam – es war David. Nach dem Vortrag gab es abends eine Art „Get together“ Party. Ich hatte vor, mit meinen deutschen Kollegen den Abend zu verbringen. David hat sich zu uns kurz gesellt, hat mir Getränke gebracht, und meinte, wir könnten auch in der Stadt in einer Kneipe plaudern, statt am Tagungsort zu bleiben. Tja, warum nicht… Belgien hat so viele tolle Biersorte… Es wurde sehr spät, wir haben über vieles diskutiert. Irgendwann haben wir uns plötzlich geküsst. David hat angefangen, mir völlig unglaubwürdige Sachen zu erzählen, wie er all die Jahre nur an mich gedacht hätte, auch wenn er mit anderen Frauen zusammen war, mit übertriebenen Seufzen; ich wäre die einzige Frau, mit der er ohne Problem Sex haben könnte, die anderen würden sich über seine Größe beschweren; er hätte solche Angst gehabt, dass ich vielleicht einen neuen Freund hätte… Ich musste einfach lachen. Er hat nach dem Grund für meine Heiterkeit gefragt. Ich wollte ihm sagen, dass er es gar nicht nötig hätte, so ein Quatsch zu erzählen, das hätte ich von ihm gar nicht erwartet und es klang so falsch. Ich wusste aber noch, wie toll wir damals Sex zusammen hatten, seine Berührungen hatten mich ganz schön aufgeregt, ich hatte sehr lange keinen Freund gehabt, mit dem zu vielen Alkohol wollte ich nicht zu lange reden, und habe deshalb beschlossen, ihm nur zu antworten, dass ich es nicht fassen konnte. Man konnte es ja so oder so verstehen. Mit seinem überdimensionierten Ego hat er wirklich gedacht, ich hätte seinem blöden Gerede Glauben geschenkt und hätte vor Freude gelacht. Wir sind zu meinem Zimmer gegangen. Ich könnte jetzt erzählen, was wir für eine wundervolle Nacht verbracht haben, aber es würde der Wahrheit nicht entsprechen. Zu viel Bier vor dem Sex sollte man vermeiden. Es ging schnell, ich habe Schmerze bekommen[3]. Er wollte auf meinem Bauch kommen. Danach ist er zu seinem Zimmer gegangen, wir waren zufällig im gleichen Hotel unterbracht. Ich habe geduscht und geschlafen. Und das war’s. Fast. Wir haben später in der Woche einen Abend in der Stadt verbracht. Er meinte, ich sollte meine Arbeit verlassen und zu ihm in Frankreich kommen. Im Ernst. Ich habe es abgelehnt. Er sah betroffen aus.

Das letzte Mal habe ich ihn zufällig in der Mensa eines großen Forschungszentrums vor vier Jahren in Frankreich getroffen. Ich hatte dort an einem Workshop teilgenommen, er hatte Messzeit an einer Beamline bekommen. Wir haben kurz gesprochen, Banalitäten ausgetauscht, und ich bin mit meiner Gruppe essen gegangen.

[1] Ich war, und bin immer noch, der Meinung, dass meine Arbeit wichtiger als irgendwelche Liebesbeziehung ist. Ich bin halt lieber Single als arbeitslos. Ich glaube, meine Mami hat mir als Kind zu oft erzählt, ich sollte einen reichen Mann heiraten. Ich habe früh beschlossen, dass ich lieber mein eigenes Geld verdienen möchte.
[2] Wenn ich heutzutage sehe, wie sich Männer enthaaren, bin ich völlig entsetzt. Echt ein Liebeskiller. Sorry, mich macht es gar nicht an.
[3] Und ich habe mich gefragt, wie ich vorher seine ungewöhnliche Größe genießen konnte. Gefühle müssen wirklich dabei eine Rolle spielen, ich war nach so vielen Jahren nicht mehr verliebt.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Weihnachten 2000

Mein letzter Eintrag über die Bahn hat mich an das letzte Mal erinnert, als ich zu meinen Eltern mit dem Zug gefahren bin. Danach habe ich beschlossen, nur noch das Flugzeug zu benutzen. Es folgen also meine Horror-Zug-Geschichten.

Ich steckte mitten in meiner Doktorarbeit. Fast alle meine Kollegen waren schon im Urlaub. Ich hatte die Geräte für mich alleine und hatte Stickstoff bestellt, um eine Tieftemperaturserie an meiner Probe zu messen. Meine Messung war bis zum 23. Dezember geplant, mein Zug fuhr am 24. sehr früh morgens los. Ich brauchte damals über zehn Stunden, um mit dem Zug nach Hause zu fahren. An diesem Jahr hatten meine Eltern die Einladung meiner Tante in Nizza für Weihnachten angenommen, so dass wir mit dem Auto keine lange Fahrzeit vom Bahnhof aus noch nach Hause hatten. Ich hätte also gegen fünf Uhr nachmittags ankommen sollen. Erstes Problem: Mein Zug kam verspätet im Nordbahnhof von Paris an. Ich musste zuerst zur Gare de Lyon wechseln, und die Zeit dafür hatte nicht mehr gereicht. Ich konnte meine Fahrkarte tauschen und bekam einen Sitzplatz in einem späteren TGV. So weit, so gut, ich rief meine Eltern an und sagte, ich würde gegen 18:30 ankommen. So einfach ging’s aber nicht. Die erste Überraschung kam im TGV, als ich zu meinem Sitzplatz gehen wollte. Die SNCF hatte es an dem Tag geschafft, den kompletten Wagen doppelt zu buchen. Ich habe also die ersten Stunden vor der Tür neben den Toiletten verbracht. Ich habe im Laufe der Fahrt den Eindruck bekommen, dass wir langsamer als sonst fuhren. Die Ankunftszeiten in den Städten haben sich immer mehr gegenüber dem Plan verspätet. Kurz vor Avignon sind wir mitten im Nichts auf der Strecke geblieben. Es war schon richtig dunkel. Der Fahrer sagte, der Zug hätte einen technischen Defekt, und wir mussten nach einem Ersatzzug warten. Das hat lange gedauert. Ich bin an diesem Weihnachtsabend gegen 22:00 bei meiner Tante angekommen.

Nach dem Urlaub musste ich zurück nach Deutschland. Ich hatte Freunde in Marseille, die dort studierten und die ich besucht hatte. Meine Rückfahrkarte habe ich dort am Schalter gekauft. Ich hatte mir meine ausgewählte Zugverbindung ausgedruckt, weil ich über Belgien fahren wollte (ich wollte unterwegs Freunde in Lothringen besuchen). Ich wusste, dass diese Verbindung nicht standardmäßig angeboten wurde, sie war aber billiger und schneller als die Strecke über den Rheintal, auch wenn ich ziemlich viel umsteigen musste. Der Mann am Schalter hat meinen Zettel gelesen und mir eine Fahrkarte verkauft, auf der nur Start und Ziel angegeben waren, mit den üblichen kryptischen Drei-Buchstaben-Kürzeln, auf die ich nie sonderlich geachtet hatte. Tja, ich saß also friedlich im Zug, als ich durch Belgien fuhr, als ein Kontrolleur ankam. Ich habe ihm meine Fahrkarte gegeben, und er sagte, dass sie ungültig war. Ich konnte es zuerst nicht fassen, aber er sagte, mit dieser Karte hätte ich über den Rheintal fahren sollen, es würde doch auf der Karte stehen, über welche Städte ich fahren müsste. Als ich ihm den Kauf meiner Karte mit meiner ausgedruckten Verbindung geschildert hatte und ihn fragte, wo die Stadtnamen denn auf der Karte stehen würden, weil es mir nicht aufgefallen war, meinte er die kryptischen Kürzel. Ende des Lieds: Ich musste 200 belgische Francs nachbezahlen. Und habe beschlossen, nie wieder heim mit dem Zug zu fahren. Nicht nur beschlossen, ich habe es auch konsequent durchgezogen. Das Fliegen ist eh viel schneller und günstiger, da kann ich echt auf den Bahnärger verzichten.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Das Leben nach dem Tod

Erklärt von einem vierjährigen Mädchen. Diese Geschichte ist also 32 Jahre alt.

Es war im Sommer. Wir waren mit meinen Eltern gerade aus der Stadt ausgezogen und wohnten in einem kleinen Dorf. Unsere Mietwohnung war in einer engen Gasse, die ganz steil war, wie man in der Provence häufig sehen kann. Ich kann mich nicht mehr genau an die Umstände erinnern, aber ich weiß noch, dass kurz nach unserem Umzug ein Bruder meiner Mutter gestorben ist. Mir hat es niemand so richtig gesagt, ich habe es verstanden, weil ich alles zugehört hatte, was die Erwachsenen um mich herum erzählten (sie verhielten sich immer, als ob ich nichts verstehen würde), und weil meine Mami traurig war. Ich musste erstmal genauer fragen, was der Tod wirklich bedeutet. Ich weiß eigentlich nicht mal, ob ich diesen Onkel überhaupt kannte. Eines Sommertages waren viele Geschwister meiner Mami (also noch fünf) und unbekannte Personen zu Hause und hatten auf einem Paperboard viel geschrieben und diskutiert. Mich hatte es nicht interessiert, ich konnte sowieso noch nicht mal lesen. Ich nehme jetzt an, es gab damals nach dem Tod meines Onkels finanzielle Fragen zu klären.

Sein Tod hat mir viel zum Grübeln gegeben. Vor allem, weil meine Mami traurig war. Ich kann mich noch daran erinnern, wie ich abends alleine in meinem Bett über den Tod nachgedacht hatte und versuchte, mir vorzustellen, wie es war, nicht mehr zu leben. Na ja, nach gerade vier Jahren ist das mit dem Denken noch nicht so entwickelt, aber ich hatte mir eine Geschichte im Kopf gebastelt. Für mich war es so, dass die Leute nach dem Tod weiterhin mitbekommen würden, was die Lebenden machen, aber von weit weg, deswegen wir sie nicht mehr sehen können. Die Verstorbenen würden unter sich bleiben und das Leben ihrer Verwandten auf einem riesen Fernseher schauen. In meinen inneren Bildern konnte ich es mir genau vorstellen, und sah einen Raum, der sehr ähnlich wie die Räume in meiner früheren Vorschule in der Stadt aussah, mit hohen breiten Fenstern, vielen kleine Banken zum sitzen und einen großen Fernseher, wo die Verstorbenen alles, was wir hier machen, schauen würden.

Stolz auf mich, eine tröstende Darstellung über den Tod gefunden zu haben, habe ich beschlossen, das Ergebnis meines Nachdenkens meiner Mami vorzutragen. Wir hatten an einem heißen Tag die Wohnung gerade verlassen und gingen die steile Straße hoch, als ich mit meiner Erklärung anfing. So richtig geschickt im Erklären war ich allerdings noch nicht. So fing ich an: „Weißt du, Mami, es gibt Leute, die uns zuschauen“. Meine Mami hat sich umgeschaut und gesagt, sie würde niemanden sehen. Da konnte ich weiter erklären, da es mit meiner Geschichte so gut passte: „Das ist normal, wir können sie nicht sehen, aber sie schauen uns versteckt“. Und da hat meine Mami etwas gesagt, was ich nicht verstanden habe: „Du bist paranoid“. Also musste ich fragen, was paranoid bedeutet. Meine Mami sagte, es ist, wenn man glaubt, dass alle Leute, wie die Nachbarn oder Unbekannte, uns hinten ihrer Jalousien versteckt aus dem Fenster ihrer Wohnungen beobachten würden. Ich habe mich total missverstanden gefühlt und war frustriert, dass ich meine Gedanken nicht richtig ausdrucken konnte. Aufgegeben habe ich aber nicht, und ich habe gesagt, „Nein, du verstehst nicht, das hatte ich nicht gemeint“. Also hatte meine Mami nachgefragt, was ich wohl erzählen wollte. Neuer Versuch: „Weißt du, manchmal sind Leute da, und danach sieht man sie nicht mehr. Sie verschwinden und sind nicht mehr hier. Aber sie sehen uns trotzdem.“ Kurze Pause, dann hat meine Mami auf einmal verstanden. „Ach so, du meinst, die Leute im Himmel?“ Von Religion hatte ich noch nie was gehört. „Im Himmel?“ „Ja, die Leute, die gestorben sind, gehen zum Himmel“. Ich habe den knallblauen Himmel genauer betrachtet und war ein bisschen skeptisch darüber. Aber warum nicht. Das mit meinem früheren Klassenzimmer konnte nicht wirklich der Realität entsprechen. Wenigstens meinte meine Mami jetzt das gleiche wie ich. „Vielleicht, es ist möglich“, habe ich eingeräumt, und beschlossen, darüber nachzudenken (später konnte ich abends im Bett aus den Fenstern meines Klassenzimmers weiße Wolken vor dem blauen Himmel ziehen sehen). Ich weiß nicht, ob meine Geschichte den gewünschten Effekt hatte, und zwar, meine Mami zu trösten. Ich habe das Thema nicht mehr versucht, so richtig zu diskutieren. Diese Geschichte meiner Kindheit hatte ich sogar völlig verdrängt, bis meine Oma gestorben ist.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Meine Oma

Ich meine hier die Mutter meines Vaters. Als kleines Kind habe ich immer Angst vor ihr gehabt. Sie hat immer sehr laut geredet, ganz typisch die italienische Mama, selbst wenn sie nicht aus Italien kommt sondern aus Malta – mit meinem Opa hat sie häufig auf Italienisch geredet. Was mich immer gestört hatte war, wie sie mich begrüßt hatte. In Frankreich ist man es gewöhnt, sich zur Begrüßung auf die Wange zu küssen; sie musste aber immer „nasse Küsschen“ machen, was ich sehr eklig fand.

Sie hat, wie meine zweite Oma, sieben Kinder zur Welt gebracht. Bei ihr zu Hause herrschte häufig Chaos, wenn viele anwesend waren. Es war immer laut, es hat immer Streitereien gegeben, die Leute haben sich häufig beschimpft und geschlagen… Mir hat es nie gefallen, dort zu Besuch zu sein, ich bin viel zu ruhig im Verhalten. Und die Kakerlaken haben mich angeekelt, es war dort eine Plage. Das alles erklärt sicherlich, warum ich als junge Erwachsene nie alleine zu Besuch zu ihr gegangen bin.

Ich habe sie während der Uni nur gesehen, wenn meine Eltern sie bei ihren häufigen Aufenthalten in Krankenhäusern besucht haben. Sie musste immer häufiger hin, weil sie mit Diabetes erkrankt war, sich aber nie um ihre Diät gekümmert hatte. Bei unseren letzten Besuchen, nach dem Tod ihres Mannes, ging es ihr so schlecht, dass sie sehr leise gesprochen hatte und meinen Vater nicht mehr erkannt hatte. Sie tat mir dann wirklich leid. Wenn wir in das Zimmer gekommen sind, hat sie immer gefragt, wer die ganzen Leute waren, und mein Vater musste sie zuerst beruhigen, ihr sagen, „ich bin dein Sohn“, und musste uns ihr neu vorstellen. Das ist bestimmt sehr hart für ihn gewesen. Danach bin ich nach Deutschland gekommen, und habe sie so gut wie gar nicht mehr gesehen, so häufig bin ich nicht heim gefahren. Es ging auch so schnell…

Ich war schon seit einem Jahr in Deutschland, als ich ein seltsamer Traum nachtsüber hatte. Ich hatte mich am Tag davor mit meinem Freund Stefan gestritten.

Wir waren abends bei Stefans Freunden in Düsseldorf zu Besuch. Mitten im Abendessen habe ich mich plötzlich nervös gefühlt und das starke Bedürfnis gespürt, meine Oma zu besuchen, weil sie mich dringend gerufen hatte. Ich habe meinen Freunden gesagt, ich müsste gleich weg. Ich war verwirrt, weil ich den Weg nicht kannte. Ich bin in der dunklen Stadt blind rumgelaufen und habe Passanten nach dem Weg nach Tunesien gefragt, und plötzlich bin ich zu ihrem früheren Haus in Tunesien transportiert worden. Es war tagsüber, die Sonne schien sehr stark und um das Haus sah ich nur Sand. Als ich reingekommen bin hat mich meine Oma begrüßt; einige Onkel waren auch dabei, sowie die Schwester meiner Oma. Meine Oma hatte wieder ihre ganz laute Stimme und nasse Küsschen, so dass ich mich wieder wie ein kleines Kind gefühlt hatte und verängstigt war. Das hat sie geärgert, sie hat mich gefragt, warum ich ihr nicht auf Wiedersehen sagen wollte. Ich bin aus dem Haus raus gegangen und habe im Garten an einem Baum gesehen, wie die Leiche meines Opas, der Jahre zuvor verstorben war, an einem Seil baumelte. Das Bild fand ich gruselig. Ich wollte zurück nach Deutschland und bin in diesem Moment aufgewacht.

Es war drei Uhr morgens. Dieser Traum hat mir ein komisches Gefühl hinter gelassen. Zum einen war es nie vorgekommen, dass ich von meiner Oma träumte, und der Traum war wirklich komisch. Von Tunesien hatte ich auch nie geträumt, wenigstens nie, dass es mir in Erinnerung geblieben ist, ich war nie in Tunesien, aber mein Vater ist dort geboren. Zum anderen hatte ich beim Aufwachen nur vor Kälte gezittert, weil meine Arme nicht mehr unter der Decke waren, obwohl ich sonst immer schön eingekuschelt im Bett liege. Ich habe lange gebraucht, um wieder einzuschlafen.

Am nächsten Tag, ein Samstag, musste ich mit Stefan genau zu den Freunden aus meinem Traum fahren. Kurz bevor er mich bei meiner Wohnung abgeholt hat, hat mein Telefon geklingelt. Als ich dran ging, war mein Vater am Telefon, und er erzählte mir, dass meine Oma um die drei Uhr morgens im Krankenhaus gestorben war. Das war ein Schock, vor allem, weil ich den Traum noch im Kopf hatte, und ich konnte nur noch am Telefon weinen. Ich habe mich mies gefühlt, weil ich dachte, ich hätte mich nicht richtig von meiner Oma verabschiedet. Ich weiß, dass Skeptiker sagen, dass man häufiger als man denkt träumt, dass man sich von Leuten verabschiedet, und so weiter… Aber ich hatte mit meiner Oma so wenig zu tun, dass ich sonst nie von ihr geträumt hatte. Und das mit der Uhrzeit ist eine zu große Koinzidenz gewesen. Also denke ich, dass meine Oma beim Sterben wirklich versucht hatte, sich von ihrer ganzen Familie zu verabschieden, und ich im Geist tatsächlich zu ihr gegangen bin. Egal was anderen denken. Und obwohl ich das vor dem Traum für unsinnig gehalten hätte.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Creepy Date

Vor etwa elf Jahren, als ich noch nicht mitten im Schreiben von meiner Doktorarbeit steckte und Zeit hatte, war mir aufgefallen, dass meine einzigen Bekannte oder Freunde in Deutschland entweder aus der Arbeit an der Uni oder aus meinem Deutschkurs bei der Volkshochschule stammten. Letztere Gruppe neigte auch dazu, nicht lange in der Stadt zu bleiben, weil die Leute entweder nur kurze Arbeitsaufenthalte hatten oder als Austauschstudenten für ein oder zwei Semester hier waren. Ich habe mir überlegt, es wäre nett, andere Leute kennenzulernen, und habe mir ein Profil bei einem kostenlosen „Kennenlernen-Portal“ angelegt.

Als erstes habe ich besonders darauf aufgepasst, in meinem Profil zu schreiben, dass ich nur neue Bekanntschaften suchte, weiblich oder männlich, und gar nichts Sexuelles im Kopf hatte – es war klar zu verstehen, auch wenn ich es nicht so formuliert hatte. Ich bin schnell von einem jungen blonden Mann in meinem Alter kontaktiert worden und wir haben gechattet. Er hat mich gefragt, was ich genau suchte, und ich habe geantwortet, glaube ich, „einfach Freunde, um mal auszugehen“. Nach zwei oder drei Chat-Abenden, wo wir sinnlose Banalitäten getauscht haben, haben wir uns an einem Nachmittag in einer Kneipe im Studentenviertel verabredet.

Als wir uns am Tisch hingesessen haben, habe ich mich schon unwohl gefühlt. Er hatte von vornherein gar nicht natürlich gewirkt – es gab sehr kurze Momente, wo er sich körperlich normal verhalten hatte und ich mich entspannen konnte, gefolgt von Momenten, wo er anscheinend merkte, dass er vergessen hatte zu lächeln, und ich am liebsten ganz woanders gewesen wäre. Ah, sein Lächeln. Irgendwie unvergesslich. Ich glaube, ich habe noch nie ein solches verkrampftes Lächeln in meinem Leben gesehen. Das hatte ziemlich geisteskrank gewirkt. Dabei konnte man seine Zähne sehr gut sehen – das hat mich daran erinnert, dass Tiere eigentlich ihre Zähne zeigen, wenn sie gleich angreifen wollen. Ich denke, er muss irgendwo gelesen haben, dass bei einem Date das Lächeln sehr wichtig ist und gedacht, na gut, ich mache das die ganze Zeit. Mit dem Rest vom Gesicht hatte es aber nicht gepasst, es waren lediglich die Mundwinkeln, die nach oben gingen. Ich hätte ihn fast gefragt, ob es ihm schlecht ging, habe mich aber gezwungen, nicht darauf hinzuweisen. Er hat mich auch wiederholt im Gespräch gefragt, was ich genau suchte – ich konnte nur wiederholen, was ich beim Chatten schon geschrieben hatte, wobei er sehr enttäuscht wirkte. Aber hey, ich kann nichts dafür, wenn er nicht lesen kann. Ich hatte ihm oft genug geschrieben, dass ich nicht vor hatte, eine Liebesbeziehung anzufangen.

Ich weiß nicht mehr, welchen Grund ich wohl gefunden habe, aber ich habe mich sehr schnell verabschiedet, nach dem ich meinen Fruchtsaft ausgetrunken habe, und habe nie wieder Kontakt mit ihm aufgenommen. Das war’s auch, ich habe beschlossen, nicht mehr übers Internet neue Freunde kennen zu lernen.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Mein Vater

Ich bin mir lange nicht sicher gewesen, ob ich wirklich über dieses Thema in meinem Tagebuch schreiben möchte. Ich versuch’s doch heute, wenn nur, um es hinter mir zu bringen und den Ballast los zu werden. Es droht wieder, ein Roman zu werden.

Erinnerungen aus meiner Kindheit

  • Mein Vater war nie zu Hause, weil er in einer Stadt 30km entfernt gearbeitet hat. Das heißt, früh morgens weg, spät abends zurück. Meine Mami hat sich stets um uns gekümmert, da sie seit meiner Geburt sehr lange nicht mehr berufstätig war. Er hat materiell für uns gesorgt, und hat zum Beispiel unser Haus an Wochenenden selber gebaut, manchmal auch mit Freunden zusammen, das hat Jahre gedauert.
  • Mein Vater ist sehr ungeduldig. Und hatte mich ganz früh als Mädchen für alles zu Hause angestellt[1]. Als ich eines Tages für ihn Kaffee vorbereitet hatte, während er auf der Couch im Wohnzimmer rauchte, ist er plötzlich wütend geworden, weil es seiner Meinung nach nicht schnell genug ging. Er ist mir an der Tür von der Küche brüllend begegnet, als ich sehr langsam mit der Tasse in der Hand raus ging, um den heißen Kaffee nicht umzukippen. Zwar hat er sich gleich entschuldigt, als er gesehen hat, dass ich ihm doch seinen Kaffee vorbereitet hatte und er mich unberechtigter Weise geschimpft hatte, aber es ist nur eine von vielen Geschichten, die ich über ihn noch nicht vergessen habe.
  • Ich bin die älteste von drei Geschwistern. Wir sind alle mit vier Jahren Abstand geboren. Für meinen Vater war es daher selbstverständlich, dass ich die Verantwortung für die Jüngeren übernehme. Auch in der Schule. Das heißt, wenn sie hinterlistig dumme Sachen angestellt haben, wie Kinder es halt häufig tun, bin ich danach immer geschlagen worden[2]. „Als Beispiel für die jüngeren Geschwister.“ Die haben dabei nur gelernt, dass egal was sie tun, jemand anderes für sie büßen wird.
  • Eines Tages hat mich mein Vater für eine Nichtigkeit wieder geschlagen. Ein anwesender Onkel fand das sehr lustig. Meine Mami wurde sauer, hat mich und meine Schwester (die gerade das Gehen gelernt hatte) gepackt, Mantel angezogen, und wir haben das Haus verlassen. Ich weiß leider nicht mehr, was danach passiert ist. Sind wir wirklich bis zu ihrer Mutter in Nizza gefahren? Hat unser Vater uns dort abgeholt? Wie auch immer, wir sind doch zurück gekommen. In den späteren Jahren habe ich häufig davon fantasiert, wie schön mein Leben hätte sein können, wären wir weg geblieben.
  • In der Pubertät, als ich groß genug geworden war, um mich physisch zu wehren, hat er mich nicht mehr geschlagen, sondern er hat mir jeden Tag gesagt, ich wäre hässlich und nicht würdig, seine Tochter zu sein – also psychologische Angriffe. Das war einfacher, damit umzugehen. Ich liebte meinen Vater schon lange nicht mehr (und zweifle dran, ob ich es je tat) und hielt schon nicht mehr viel von ihm, ich war also nicht berührt, als er versuchte, mich verbal zu erniedrigen. Abgesehen davon, dass ich mich um mein Aussehen nicht kümmerte, hatte ich genug Jungs um mich herum, um zu wissen, dass es mit dem hässlich sein nicht stimmen konnte – auch wenn ich mich nicht im Geringsten für sie interessierte, weil sie sich albern verhielten und ich den Unterricht in der Schule spannender fand.
  • In der siebten Klasse habe ich eine neue sehr engagierte Englischlehrerin bekommen, die gerade aus einem Austauschjahr in Amerika zurück gekommen war. Sie hatte am Anfang des Jahres alle Eltern ihrer Schüler zu Hause angerufen, um Kontakt zu knüpfen. Als mein Vater ans Telefon ging und sie sich gerade vorgestellt hatte, hat er sofort explodiert und brüllend gefragt, was ich denn schon wieder angestellt hätte. Am nächsten Tag hat sich die Lehrerin bei mir entschuldigt und gesagt, sie hoffte, ich hätte dadurch kein Problem zu Hause bekommen.
  • Für meinen Vater ist es eine Schande, eine Tochter zu haben. Als ich als siebenjähriges Kind eines Sonntagmorgens vor dem Schlafzimmer meiner Eltern auf dem Weg zu Küche gegangen bin, habe ich gehört, wie er meine Mutter gebetet hatte, ein drittes Kind zu bekommen, weil er endlich einen Jungen haben wollte[3] – was auch zum Glück für meine Mami klappte[4]; ich weiß aber immer noch, wie sie sagte, sie hätte keine Lust auf ein drittes Kind. Als ich in der Mittelstufe war, hat er einmal in meiner Anwesenheit seinen Freunden offenbart, wie sehr er erleichtert war, weil ich weder Drogen zu mir nahm noch mich prostituierte, obwohl ich als Mädchen geboren war. Darauf war er stolz. Tolle Erwartungen.

Aus heutiger Sicht

Mein Vater ist nicht der hellste. Wenn er versucht, über Politik zu reden, das heißt, bei jeder Tagesschau, ist er nicht in der Lage, etwas Kohärentes zu erzählen. Dass er einen zu hohen Alkoholkonsum hat, hat die Sache nicht gerade verbessert (das riecht man, selbst früh morgens, der Geruch kommt aus den Poren der Haut wieder raus). Die Schulaufgaben haben wir immer von meiner Mami prüfen lassen, nicht von ihm. Seine Ausrede: „Ich habe keine Zeit“, aber ich denke, er konnte es einfach nicht. Wenn er zum Beispiel sagt, „Der Arzt hat nichts gefunden“, kann ich mir sehr gut vorstellen, dass er in Wirklichkeit meint, „Er hat etwas gesagt, ich habe nichts verstanden, auf Ärzte ist eh kein Verlass“. Ich habe mich immer gefragt, warum meine Mami mit ihm verheiratet war. Schließlich hatte sie Abitur geschafft, ein bisschen BWL studiert und hatte als Buchhalterin gearbeitet, bevor ich zur Welt kam. Mein Vater hatte gerade den Grundschuldiplom und einen handwerklichen Beruf früh gelernt. Meine Mutter liest immer gerne Bücher; ich habe meinen Vater nie im Leben mit einem Buch in der Hand gesehen[5], außer die lokale Zeitung. Meine Mami mag keine großen Partys, mein Vater möchte am liebsten nur wilde Partys machen und Freunden beeindrucken. Tja, viel zu viele Unterschiede, um glücklich als Paar zu leben, oder? Meine Vermutung ist, dass meine Mami schwanger wurde, und dass eine Hochzeit zwischen beiden Familien schnell arrangiert werden musste. Ja, Mitte der Siebziger. Für meine Großeltern noch unvorstellbar, dass man außerhalb einer Ehe Kinder bekommt. Das ironische dabei ist, dass meine Mami aus Gesundheitsgründen ihr erstes Kind im fünften Monat der Schwangerschaft verloren hat[6]. Und wurde noch damit bestraft, mit meinem Vater weiterhin zu leben, weil es doch noch Zeiten waren, wo geschiedene Frauen als Huren galten.

Mein Vater hat anscheinend versucht, sich für Kinderpsychologie und Erziehung zu interessieren. Ob zusammen mit meiner Mutter oder nur aus Fernsehsendungen, weiß ich nicht.

  • Als ich fünf Jahre alt war, hat er mich einmal gefragt, ob ich ihn heiraten möchte, wenn ich erwachsen werde. Ich habe ihm gesagt, nein, er war doch schon mit meiner Mutter verheiratet. Er hat mich dann gefragt, ob ich ihn heiraten würde, wenn meine Mami nicht mehr da wäre. Ich habe geheult. Als meine Mami vom Einkaufen zurück nach Hause gekommen ist, habe ich noch geweint und ihr gesagt, sie soll nicht weg gehen und mich nicht verlassen, was sie zuerst sehr bewundert hat. Blöder Freud.
  • Als ich zehn Jahre alt war und wir aus irgendeinem Grund zu zweit im Auto unterwegs waren (es war ein Sonntagabend, die Nacht hatte schon hereingebrochen, und es regnete extrem stark), hat er plötzlich angefangen, mir zu erklären, wie ich mich verhalten sollte, wenn ein Junge mit mir ausging. Ich sollte den Jungen sagen, ich wäre nicht so wie die sich erhoffen. Ich habe nur Bahnhof verstanden, dafür war ich viel zu jung. Er hat mir erklärt, wenn ich mit einem Jungen Händchen halte, sollte ich nicht alles tun, was er von mir verlangt. Ich habe geantwortet, es wäre blöd, mit einem Jungen Händchen zu halten, das würde ich nicht mal mit meinen Schulfreundinnen machen, und ich wäre schon groß genug, um alleine auf die Straße zu gehen, ohne dass jemand mir die Hand hält, einen Jungen würde ich dafür nicht brauchen[7].
  • Später hat er mich auch davor gewarnt, nachtsüber in die Küche essen zu gehen. Ich habe mich gefragt, woher das auf einmal kam, und habe nur „Ja, ja“ gesagt, wie ich inzwischen immer antwortete. Auf die Idee wäre ich nicht mal gekommen.

Ich denke, er hat irgendwo erfahren, was Kinder am schlimmsten machen könnten, und versucht, das zu verhindern. Dabei habe ich nie ein Zeichen dafür gegeben, dass es mit mir Probleme geben könnte…

Als ich mit sechzehn meinen ersten ernsten Freund Marc kennengelernt habe, habe ich mich an ihn sofort geklammert. Zwei Jahre später, als ich achtzehn wurde, eigentlich sogar noch davor, sind wir zusammen in eine Wohnung umgezogen. Ich habe versucht, es mir nicht anmerken zu lassen, aber ich war so froh, als ich endlich das Elternhaus verlassen habe! Ich denke jetzt, auch wenn ich es damals nicht so deutlich erkannt habe, dass mein Freund für mich vor allem wichtig war, um von zu Hause aus zu fliehen, weil ich nicht sicher bin, dass ich ihn wirklich geliebt habe. Ich bin sehr lange mit ihm geblieben, bis ich für das Diplom-Jahr weit weg umgezogen bin, und mich definitiv von meinem Vater entfernt habe.

Ich weiß nicht, ob mein Vater mit meinen zwei Geschwistern in gleicher Weise mit seinen „Erziehungsmaßnahmen“ vorgegangen ist, ich denke aber nicht. Ich habe nie erfahren, dass meine Schwester oder mein Bruder geschlagen worden sind – auf jeden Fall sicherlich nicht so häufig und je nach Lust und Laune wie ich[8]. Ob er versucht hat, mit ihnen zu reden, wie mit mir, weiß ich auch nicht.
Hat mein Vater versucht, uns doch auf seiner Art eine möglichst gute Basis zu geben, damit wir im Leben gute Chancen haben? Sicherlich, aber ich werde das Gefühl nicht los, dass es bei ihm mehr darum ging, sich selber nicht blamieren zu müssen: Wenn wir Delinquenten geworden wären, hätte er sich geschämt und das Gesicht vor seinen Freunden verloren. Warum ich das denke? Als ich nach Deutschland zurück kehren musste, wollte ich ein Umzugsunternehmen fragen, meine Sachen zu transportieren. Mein Vater hat vehement protestiert und gesagt, er würde doch einen LKW mieten und mit mir nach Deutschland fahren – zwölf Stunden Fahrt. Als er festgestellt hatte, dass er am Reisetag eine Feier von einem Freund verpassen würde, hat er mir gesagt, er würde lieber einige Tage später fahren. Ich habe ihm gesagt, das darf er gerne machen, allerdings alleine und umsonst, ich würde aus eigenen Mitteln mit meinem Zeug hin fahren – sonst wäre ich gleich einige Tage bei der Arbeit abwesend gewesen, das kann doch kein normaler Mensch von jemandem verlangen, der gerade endlich einen neuen Arbeitsvertrag bekommen hat und in der Probephase steckt. Mein Vater hat gesagt, er wollte doch etwas für mich machen, und hat schweres Herzens auf diese Feier verzichtet. Tja, vielleicht „nett“ von ihm, aber wie gesagt, es wäre nicht nötig gewesen. Als ich Monate später gesehen habe, mit welchem Stolz er einem Freund meinen Umzug erzählte, hatte ich wieder den Beweis, dass es ihm nur darum ging, sich selber gut darzustellen.

Also… wenn ich heute sage, dass ich für den Urlaub zu meinen Eltern fahre, meine ich eigentlich zu meiner Mami. Mein Pflichtgefühl zwingt mich dazu, meinen Vater auch zu besuchen, ich versuche es aber möglichst kurz zu halten. Zum Glück hat er eine Freundin. Und er beschwert sich zwar, wenn ich zu kurz bei ihm bin, aber er hat schon mit seiner Freundin ganz woanders Urlaub gemacht, gerade in meiner knappen Anwesenheitszeit in Südfrankreich, so schlimm kann’s also nicht sein.

[1] Ich bin als sechsjähriges Kind schon täglich zum lokalen Bar-PMU gegangen, um seine blauen Gitane ohne Filter zu kaufen. Heute mit Zigarettenkaufverbot unter 18 unvorstellbar.
[2] Es hat nie sichtbare Spuren hinter gelassen. Das heißt lange nicht, dass es keinen Schaden verursacht hat.
[3] Als meine Mutter von meiner Schwester schwanger wurde, hatte mein Vater mir erzählt, ich würde einen kleinen Bruder bekommen. Vielleicht hatten sie während der ganzen Schwangerschaft keine Ultraschall-Untersuchung gemacht? Oder hatte meine Mutter Angst gehabt, ihm die Wahrheit zu sagen?
[4] Wir hatten im Dorf eine Frau, die über zehn Kinder bekommen hatte, bevor es „endlich“ einen Jungen gab und ihr Mann zufrieden war. Klingt unglaublich und mittelaltermäßig, woher ich wohl kommen mag? Südfrankreich dreißig Jahre her.
[5] Doch. Als ich in der zweite Schulklasse war und mit Windpocken im Bett lag, hat er mir eines Abends mein allererstes Buch mitgebracht, damit es mir nicht zu langweilig wird. Ich habe seitdem sehr viel gelesen, weil ich dann Ruhe hatte.
[6] Der laut meinem Vater ein Junge geworden wäre…
[7] Ach ja, ich habe mich doch nicht so sehr verändert.
[8] Ein Lieblingsspruch von meinem Vater war auch, „Wenn du abends nach Hause kommst, schlage zuerst deine Frau und Kinder. Wenn du nicht weißt, warum, wissen sie es“. Damit wollte er immer seine Freunden zum Lachen bringen. Auch wenn sie es schon zig Male gehört hatten. Das sagt er aber nicht mehr, seitdem er von meiner Mami getrennt ist und andere Frauen kennengelernt hat. Oh, und ich erinnere mich, wie meine Mami sagte, sie wäre es satt, sein Punching Ball zu sein, als sie mir vor acht Jahren ankündigte, dass sie sich offiziell scheiden lassen wollte. Das hatte ich zu meiner Schande gar nicht mitbekommen. Ich bin umso froher, dass sie es endlich geschafft hat, sich von ihm zu trennen.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Nächtliche Türklingeln

Heute bin ich um 04:20 aus dem Schlaf gerissen worden. Ich hörte meine Türklingel, die lange gedrückt wurde, und habe aus lauter Panik, noch im Bett liegend, auf einmal ein sehr hohes Puls bekommen. Was war los, warum klingelte jemand bei mir um die Uhrzeit? Aufstehen wollte ich nicht.

Meine Klingel ist laut, besonders nachtsüber. Alles um mich herum war noch still. Meine lauten Nachbarn aus dem Stadttheater, die ich am Abend noch gehört hatte, gaben keinen Ton von sich. Dabei sind sie schnell, sich zu beschweren, wenn kleinste Geräusche aus meiner Wohnung kommen, diese Heuchler. Die Studenten unter mir bewegten sich auch nicht. Alles blieb still. Hatte ich wirklich die Türklingel gehört? Doch, sonst wäre ich nicht so schlagartig aus meinem schon halb vergessenen unruhigen Traum aufgewacht, mit schnell schlagendem Herzen. Oder hatte ich die Türklingel geträumt? Das hat mich an etwas erinnert.

Vor acht Jahren habe ich kurzzeitig wieder bei meinen Eltern gewohnt. Ich war nach meiner Doktorarbeit in Deutschland erstmal arbeitslos, und als Studentin hatte ich unbewusst trotz langjährigem Arbeitsvertrag keine Arbeitslosenversicherung bezahlt, so dass ich mir sehr schnell keine Wohnung mehr leisten konnte[1]. Meine Eltern waren dabei, sich zu trennen, und da das Einfamilienhaus meistens leer blieb, habe ich es benutzt. Ich habe einige Wochen lang in diesem Haus sehr merkwürdige Träume bekommen. Ich befand mich nachts in einer Wüste neben einer dunklen Pyramide und hörte zu, wie (m)eine Stimme mir eine schreckliche Geschichte erzählen wollte, die mir als Kleinkind passiert wäre, und die ich total vergessen hätte. Sehr weit konnte die Stimme in der Geschichte nie kommen, da ich jedes Mal aufwachte: Ich hörte, wie jemand an der Haustür laut klopfte und nach meinem Namen rief. Manchmal hörte ich noch an der Tür klopfen, obwohl ich im Bett schon wach lag. Aber mir wurde danach immer klar, dass es wirklich niemanden an der Tür gab. Ich nahm an, das mein Unterbewusstsein – oder was auch immer – mich daran hindern wollte, mich an die Geschichte zu erinnern. Jede Nacht schaffte es die Stimme trotzdem, mir ein Stückchen weiter zu erzählen[2]. Eine Nacht sagte die Stimmte, „Dir ist als Kind etwas furchtbares geschehen, und dein Vater ist daran schuld. Er hat etwas ganz schlimmes getan.“ Nun, was, wollte ich nicht wissen, das habe ich der Stimme gesagt, und bin aufgewacht. Ich dachte, ich wäre langsam dabei, den Verstand zu verlieren. Was mir damals passierte, sagte mir mein Vater aber genau an dem gleichen Tag, mit dem Versprechen, es meiner Mutter nie zu erzählen. Sie spricht kein Deutsch, also los.

Ich war noch kein Jahr alt, als es passierte. Mein Vater war Besitzer von einer Werkstatt, wo er Autos und Motorräder reparierte. Er hatte zwei Kollegen, die in der Werkstatt auch arbeiteten. Eines Abends hatten sie Alkohol getrunken und angefangen, sich Gruselgeschichten zu erzählen. Einer sagte, er wüsste, wie man den Teufel beschwört, und fragte, ob sie es probieren wollten[3]. Natürlich, als Spaß sagten die betrunkenen Kumpel zu. Als sie nach Hause gingen, versprachen sie sich also, vor dem Einschlafen einen bestimmten Satz zu wiederholen, um den Teufel zu rufen. Mein Vater erzählte, wie er sich zum Schlafen hingelegt hatte, sich an die Geschichte seines Kumpels noch erinnerte, und ich plötzlich anfing unglaublich laut zu schreien, genau in dem Moment, als er gerade mit seiner „Beschwörung“ fertig war. Er sagte, nach einigen Stunden hätte ich immer noch nicht aufgehört zu weinen, und er sei mit meiner Mutter am frühen Morgen zum Krankenhaus gefahren. Dort bin ich untersucht worden, die Ärzte haben nicht besonderes gefunden. Ich habe zwei Tage im Krankenhaus mit meiner Mutter verbracht, ohne zu schlafen, und habe nur geschrien. Verzweifelt hat mein Vater dann eine Nachbarin besucht, die sich mit esoterischen Sachen beschäftigt, und hat ihr alles erzählt. Sie hat ihm ein bestimmtes Wasser zum Trinken gegeben und gesagt, er sollte einen ganzen Tag lang jede Stunde ein Gebet sagen. Das tat mein Vater, und er sagte, nach dem letzten Gebet wäre ich endlich ruhig geworden. Als er mit dem Erzählen fertig war, fragte mich mein Vater dann um Entschuldigung. Da ich mich an das Ganze gar nicht erinnern kann und nicht wirklich wusste, ob ich die Geschichte glauben sollte, habe ich ihm zur Beruhigung gesagt, klar, kein Problem. Ich habe gesehen, dass ihm eine große Last vom Herzen gefallen ist, aber die Geschichte kam mir zu unglaubwürdig vor. Komisch finde ich trotzdem immer noch, wie ich jede Nacht diese Träume hatte, bis mein Vater mir diese Geschichte erzählte. Danach haben diese Träume definitiv aufgehört.

Weil ich heute Nacht in der Lage sein will, einzuschlafen, habe ich eine andere nicht so gruselige Geschichte mit nächtlichen Türklingeln. Es war in meiner ersten Wohnung in Aachen. Was mir die letzten Monate dort besonders unerträglich gemacht hat, neben den ganzen Verfolgungen, fing am Anfang der Fußball-EM an, kurz bevor meine Schwester zu Besuch kam. An einem Abend gab es ein Spiel. Ich war zu Hause geblieben, Fußball interessiert mich eh nicht. Gegen zwei Uhr morgens hat jemand bei mir geklingelt. Nicht nur bei mir sondern im ganzen Haus. Ich war geärgert, nach einiger Zeit konnte ich wieder einschlafen. Ich dachte, Deutschland muss gewonnen haben, und ein Besoffener würde jetzt meinen, aus lauter Freude bei allen klingeln zu müssen. Bis ich aber drei Monate später ausgezogen bin, hat der nächtliche Türklinger bei uns nie aufgehört. Zwischen zwei und vier Uhr morgens bin ich jede Nacht wegen ihm aufgewacht. Wasser aus dem Fenster zu werfen hat ihn dabei nicht gestört, im Gegenteil, er hatte dann sofort mit erneutem Mut weiter geklingelt. Mein damaliger Freund hatte mich eines Abends nach Hause gefahren, als wir ihn gesehen haben – offensichtlich ein Südländer, den ich noch nie gesehen hatte, und der zwei große mit Kleidern gefüllte Mülltüten hielt, und bei mir im Haus klingelte. Wir haben beschlossen, dass ich die Nacht doch bei meinem Freund verbringen sollte. Nach vielen erfolglosen Nachfragen bei meinen Vermietern, die im Haus wohnten, meine Türklingel nachtsüber auszuschalten, habe ich eines Morgens gesagt, dass ich bei der Polizei eine Anzeige erstatten wollte. An dem gleichen Tag habe ich sofort einen Schalter für die Klingel bekommen. Allerdings haben sie es in meiner Wohnung in meiner Abwesenheit gemacht, und ohne mich vorher in Kenntnis gesetzt zu haben. Ich habe an dem Abend nach der Arbeit auf einmal einen neuen Knopf neben der Sprechanlage gefunden, mit einem handgeschriebenen Zettel dran geklebt. Das Klingeln bei meinen Nachbarn habe ich weiterhin wahr genommen, es hat mir nur nicht mehr den Schlaf geraubt. Ich war trotzdem froh, als ich ausgezogen bin.

[1] Dazu hatte mir die Angestellte beim Ausländeramt meine noch gültige Aufenthaltserlaubnis wörtlich aus den Händen gerissen und hysterisch angebrüllt, ich soll dorthin zurückkehren, wo ich herkomme. Wie ich später bei meiner Rückkehr nach Deutschland zwecks Arbeit an der gleichen Uni erfuhr, durften Studenten gerade ab dem darauf folgenden Jahr nach einem Uni-Abschluss ein Jahr länger in Deutschland bleiben, um Arbeit suchen zu können. Dies teilte mir mit bedauernder Miene dieselbe Frau mit, die mir gegenüber so vehement ihren Ausländerhass ins Gesicht gespuckt hatte.
[2] Das ist genau die Art von Geschichten, die ich nicht mag und gruselig finde. Selbst jetzt beim Tippen bekomme ich noch Gänsehaut.
[3] Ab hier sei erwähnt, dass ich an die Geschichte nicht glauben wollte und noch heute damit Schwierigkeiten habe. Weil es meinem Vater so wichtig war, habe ich einfach weiter zugehört und mich gezwungen, den Mund nicht zu öffnen. Ich erzähle die Geschichte trotzdem, wie ich sie gehört habe.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.