Blogparade – Meine Kindergartenzeit

Durch Sammy Bee bin ich auf die Blogparade von Andrea von Runzelfüßchen aufmerksam gemacht worden. Über die Kindergartenzeit erzählen? Warum nicht. Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr Erinnerungen kommen zurück.

Bei uns hieß es nicht Kindergarten, sondern École maternelle, oder kurz: Maternelle (wahrscheinlich heißt es so, weil man dort noch sehr bemuttert wird). Die Maternelle hatte Schulstatus. Wir sind den ganzen Tag dort geblieben, von halb neun bis halb fünf, wie in der Grundschule. Vermutlich hatten wir Mittwochs frei, aber so genau kann ich mich nicht erinnern.

Meine erste Maternelle war in Grasse. Ich bin dort kurz vor drei eingeschult worden. Als Novemberkind war ich jünger als die meisten Kinder, weil das Schuljahr in September anfängt, man aber im normalen Kalenderjahr, bis zum 31. Dezember, drei werden muss. Und das war völlig normal, hin zu gehen, fast alle Kinder haben die Maternelle besucht.

Meine Mami hatte mich jeden Tag mit dem Auto dahin gebracht. Die Außenwand zur Straße hatte Löcher für Rinnen drin, damit das Wasser bei Regen aus dem Pausenhof abfließen kann. Der Pausenhof lag höher als die Straße. Das Tor, ein verziertes, schwarz lackiertes Metallgitter, stand immer breit offen. Der Weg ging steil hoch bis zum Pausenhof und war mit feinem Kies bedeckt. Dieses Detail ist mir schmerzhaft in Erinnerung geblieben, da ich eines Abendes den Weg runter zu meiner Mami rennen wollte und dabei ausrutschte. Ich landete völlig ungeschickt auf der Wange, die vom Kies unsanft geschleift wurde.

Jedesmal, wenn meine Mami mich von der Maternelle abholte, wollte sie wissen, ob ich mittags gut gegessen hatte. Am Anfang war ich ehrlich und, da ich meinen Hunger schlecht verheimlichen konnte, sagte ich, nein, ich mag das Essen nicht. Die Erzieher hatten uns zum Glück nicht dazu gezwungen, alles aufzuessen. Meine Mami fand das aber gar nicht so toll, weil sie dafür bezahlte und meinte, ich müsste mittags essen. Daher habe ich mir danach gemerkt, was es zu essen gab und habe es am Abend erzählt, ohne zu sagen, dass ich es nicht gegessen hatte, und habe mich beim Nutellabrot zurückgehalten, damit die Lüge nicht auffliegt. Ich war in Grasse als Kind ziemlich dünn, vermutlich deswegen. Das hat sich geändert, als wir fürs letzte Jahr Maternelle zum Dorf umgezogen sind.

In Grasse hatten wir eine Erzieherin (ok, ich weiß jetzt nicht, ob sie wirklich Erzieherin oder Lehrerin oder Kindergärtnerin oder sonst was war, und es ist im Grunde egal, sie war jedenfalls eine Erwachsene, die auf uns aufpasste und Autorität hatte). Wir hatten viele, aber diese hatte einen Namen, an den man sich noch nach fast vierzig Jahren erinnern kann. Madame Maillot hieß sie. Oder Mailleau, damals konnte ich noch nicht schreiben, aber sehr wohl mich mit den anderen Kindern kaputt lachen, als wir „Madame Maillot de bain“ sagten (was auf Deutsch etwas wie Frau Badehose hieße).

Madame Maillot war die, die uns bei der Mittagsschlafzwangspause beaufsichtigt hatte. Ich weiß nicht mehr, wie lange wir schlafen mussten. Langweilig war das. Einmal saß Madame Maillot an einem Tisch im verdunkelten Raum, als wir alle in den Einzelbetten mit Gittern lagen, und schnitt ganz dünne parallele Streifen Papier mit einer großen Scheere. Das was faszinierend, und ich wollte ihr tausende Fragen stellen (warum schneidest du Papier, wie schaffst du das, so dünn zu schneiden, darf ich auch schneiden usw.), aber ich bekam nur als Antwort, sei leise und liege brav im Bett, sonst schlafen die Anderen auch nicht.

Einmal hatten wir mit Perlen gebastelt. Ich saß an einem hohen Tisch auf einem normalen Stuhl für Erwachsene und musste eine Kette machen. Weil der Tisch mir zu hoch war, saß ich auf meinen angewinkelten Beinen auf dem Stuhl. Der Stuhl war zu weit vom Tisch und ich musste mich sehr weit nach vorne lehnen. Es wundert nicht, dass ich irgendwann aus dem Stuhl rutschte, mir den Kinn gegen den Tisch knallte, alle Perlen weg flogen und ich am Boden landete. Schmerhaft war das. Glaubt ihr, die Madame Maillot hätte mich getrostet? Nee, ich habe einen auf den Deckel gekriegt, weil ich nicht normal am Tisch sitzen konnte, obwohl er für Kinder völlig ungeeignet war. Wahrscheinlich der Grund, warum ich viele Jahre lang Perlen einfach blöd fand und nichts damit anfangen wollte. Bis Sabrina mich zu einem Schmuckbastelkurs vor zehn Jahren geschleppt hat.

In der Maternelle hatten wir häufig Geschichten und Märchen erzählt bekommen, über die wir diskutiert hatten, oder Lieder gesungen. Ich erinnere mich an ein Lied von Hugues Aufray über einen alten grauen Esel in der Provence, der sein ganzes Leben geschuftet hat und am Ende alleine stirbt. Komisch, dass ich die Einzige bin, die danach nur noch heulen konnte. Die Lehrerin war so besorgt, dass wir wegen mir aufhören mussten, das Lied zu lernen.

Ein anderes Mal sind unbekannte Erwachsene gekommen. Vielleicht waren sie Psychologen, oder Inspekteure, die die Erzieher kontrollierten. Sie wollten jedenfalls mit uns Kindern reden. Ich hatte schon mit Sorge beobachtet, wie sie mit meinem Schwarm Alexandre alleine in einer Ecke geredet und ihn befragt hatten. Ich wusste nicht worüber. Danach sind sie zu mir gekommen, weil ich alleine neben einer Säule stand. Warum ich da alleine wäre? Eine Antwort hatte ich dazu nicht, und ich fand es komisch, dass die unbekannte Frau unbedingt wissen wollte, warum ich mit den anderen Kindern nicht spielen wollte. Ich habe nicht geantwortet, bis zuerst ihr Begleiter woandershin gegangen ist, und sie nach weiterem Schweigen meinerseits meinte, ich wäre einfach nur böse, nicht mit ihr zu reden, wo sie doch so nett wäre. Nee, Psychologin kann sie nicht gewesen sein.

Eine Art Clique hatte ich eigentlich, in der Maternelle. Unser Lieblingsspiel war, im Nachhinein betrachtet, recht komisch. Wir sind am Anfang der Pause durch den Hof mit einander gelaufen und haben versucht, andere dafür zu begeistern, indem wir gesungen haben, „qui veut jouer à rien avec nous?„, oder: „wer will mit uns nichts spielen?“ Um dann meistens nur zu dritt unter einem Fenster stehen zu bleiben und nichts zu machen. Wenn andere Kinder gefragt haben, was wir da spielen, haben wir „on joue à rien“ geantwortet. Das haben wir bei fast jeder Pause gemacht.

Fürs letzte Jahr Maternelle sind wir zum Dorf umgezogen. Dort habe ich alle meine zukünftigen Kommilitonen während der Grundschule und Gymnasium kennen gelernt. Außer, dass ich große Angst vom Weihnachtsmann hatte, der uns einmal besucht hatte, und gelernt habe, meinen Namen zu schreiben, habe ich kaum Erinnerungen an diesem Jahr. Ich weiß nur, wie ich eines Tages im Hof mit Solange gespielt hatte, die ich noch nicht kannte, und sie mich plötzlich unerwartet voll die Wange mit ihren Nägeln gekratzt hatte. Die Lehrerin meinte danach vor Solange, ich sollte nicht mit ihr spielen, sie wäre nur bösartig. Was ich erst viele Jahre später erfahren habe: Solange war damals mit fünf schon derart traumatisiert, weil sie von ihrem Vater seit der frühesten Kindheit regelmäßig vergewaltigt wurde, dass ihre psychologische Entwicklung nachhaltig gestört wurde. Die Erzieherin war echt nicht die hellste, um sie weiter verbal zu demütigen, statt zu merken, dass sie ein ernsthaftes Problem hatte.

Advertisements

Fasching steht vor der Tür

Als frischgebackene Bayerin weiß ich noch gar nicht, was auf mich zu kommt. Karneval in Köln und Aachen fand ich beeindruckend genug, und da ich mich in dichten Menschenmengen unwohl fühle, habe ich es immer so weit es ging vermieden. In Berlin hatte ich inzwischen fast vergessen, dass es etwas wie Karnaval gibt.

Wobei wir in Nizza auf unser Carnaval durchaus stolz sind. Eine meiner jüngsten Erinnerungen findet in Nizza während Carnaval statt. Ich sitze auf den Schultern von meinem Vater. Um uns herum ganz viele Leute. Ein junger, unbekannter Typ neben uns meint, mir mit einem Luftrüssel voll laut ins Ohr pfeifen zu müssen. Die Folge war klar: Heulanfall, ab nach Hause, enttäuschte aber immerhin verständnisvolle Eltern. Blöder Typ.

Gerade eben bin ich auf dieses Foto aus meiner Kindheit gestossen. Passend für die Jahreszeit. Ich bin erstaunt, wie gut das Foto ist, obwohl es aus den Achtzigern stammt. 1981 oder 1982, schätze ich. Es müsste in der Grundschule sein. Ich kann mich leider auf viele meiner Kommilitonen nicht mehr erinnern. Eine damalige Freundin, die ich nach so vielen Jahren zufällig am Tag meiner Hochzeit bei der Kosmetikerin im Dorf getroffen habe, meine ich zu erkennen. Die Anderen kann ich nicht mehr zuordnen. Mein Schwarm? Gesicht vergessen, übrig sind nur unsere Lachanfälle im Klassenzimmer geblieben.

Der Tag, an dem ich fast ertrunken wäre

Ich kann mich selber kaum daran erinnern, habe früher die Geschichte aber mehrmals erzählt bekommen. Ohne diesen Beitrag hätte ich wahrscheinlich nicht mehr daran gedacht.

Es passierte, als ich noch ein Einzelkind war. Wir hatten mit meinen Eltern und dem Hund an einem See Urlaub gemacht und gezeltet. Ein Süßwassersee. Damals durfte man noch frei am See zelten. Meine Mami konnte unmöglich dabei von meiner Schwester schwanger gewesen sein, deshalb tippe ich, dass ich zwei Jahre alt war.

Alles, woran ich mich erinnere, ist, dass ich mit meinem blauen Eimer am Rand vom Wasser saß, während meine Eltern Kaffee am Zelt tranken. Auf dem Kies im Wasser habe ich einen Seestern gesehen (daran erinnere ich mich immer noch sehr gut). Ich liebte Seesterne. Ich habe ihn mir genauer anschauen wollen und habe mich mit ihm unterhalten. Kurz danach hat mich mein Vater völlig aufgeregt aus dem Wasser gezogen und angebrüllt, weil ich den Kopf unter Wasser gehalten hatte. Es wäre gefährlich, ich hätte sterben können (was ist sterben?). Meine Mami war ganz bleich.

Ich habe erklärt, dass es mir doch gut gegangen war und ich nur mit dem netten Seestern geredet hatte. Im See gibt es keine Seesterne, meinte meine Mami. Die gibt es nur am Meer. Doch, meinte ich, und wollte ihr den zeigen. Der war leider weg, und ich war sehr enttäuscht darüber. Meine Eltern wurden nur besorgter, weil ich offensichtlich Halluzinationen bekommen hatte. Ich durfte danach nie wieder alleine am Wasser sitzen.

Im Waschsalon

Wir haben letzte Woche neue Kopfkissen gekauft. Bevor wir sie benutzen, wollten wir sie heute waschen. Unsere Waschmachine war leider nicht in der Lage, sie richtig zu schleudern, deswegen ist Martin zum Waschsalon gefahren, während ich das Abendessen gekocht habe.

Ich bin selber seit über zehn Jahren nicht mehr in einem Waschsalon gewesen. Als ich in Aachen wohnte, bevor ich meine letzte Wohnung dort gefunden hatte, war ich regelmäßig Kundin. Es gab zwei von der gleichen Kette in der Nähe vom Hauptbahnhof, die ich relativ einfach mit dem Bus erreichen konnte.

Ich war einmal im Waschsalon an der Normaluhr. Es war Anfang Frühling, glaube ich. Ich hatte mir ein Buch mitgenommen und las, während meine Maschine lief. Auf einmal ist ein schwarzer Mann mit einem Auto super schnell angekommen und hat direkt vor dem Waschsalon geparkt. Er ist mit einem Korb aus seinem Kofferraum zu einer Maschine gerannt, die schon fertig war, hat alle Kleider raus gepackt und ist genau so schnell mit dem Korb wieder verschwunden. „Der hat’s aber eilig,“ habe ich gedacht. Ich habe weiter gelesen.

Eine knappe Viertelstunde später kam ein Paar herein. Ich war noch am Lesen und habe nicht auf sie aufgepasst, bis ich ihre Aufregung mitbekommen habe. Sie standen vor der Maschine, die der Mann vorher geleert hatte. Sie haben mich gefragt, ob jemand gekommen war, und ich konnte nur das oben Geschriebene schildern. Ein Autokennzeichen hatte ich mir nicht gemerkt. Wieso auch, ich hatte mit so etwas gar nicht gerechnet.

Das Paar ist entrüstet mit leeren Händen aus dem Waschsalon gegangen. Vermutlich sind ihre Kleider irgendwo auf einem Flohmarkt verkauft worden.

Oberstufe

Ich bin auf ein altes Foto gestoßen. Es stammt aus meinem ersten Jahr Oberstufe, vermutlich im Herbst 1991. Ein Gymnasium in einer mittleren Stadt im Var.

Es ist ein schlechtes Foto. Damals hatten wir alle diese billige Einweg-Fotoapparate, die mit eingebautem Film verkauft waren und einfach so zum entwickeln abgegeben wurden. Ich hätte gedacht, dass sie jetzt völlig aus dem Markt verschwunden wären, aber nein, man kann immer noch welche finden.

Oberstufe
Was man auf dem Foto sieht, ist das Mädchen-Internat, ein Großraum ganz oben im vierten Stock vom Gymnasium. Ich war dort gelandet, weil ich zwar bis zum Ende der Mittelstufe in meinem Dorf studieren konnte, aber die Oberstufe in der Stadt 35 Kilometer von zu Hause entfernt statt fand. Es war zu weit weg, um täglich die Strecke hin und zurück zu fahren; ich habe Bus- und Autoreisen sowieso nie gut ertragen, vor allem auf unseren kurvenreichen Strassen. Ich war ehrlich gesagt nicht so unglücklich darüber, nur am Wochenende nach Hause zu fahren.

Das damalige Internat sah furchtbar aus. Wir haben erzählt bekommen, dass es während des zweiten Weltkrieges als Krankenhaus für verwundete Soldaten benutzt wurde (um uns zu sagen, wir sollten uns nicht beschweren?). Ungefähr vierzig Mädchen haben dort gelebt und sich vier Duschen geteilt. Jeder Vorhang diente als Tür für ein Doppelzimmer. In jedem Zimmer waren rechts ein Etagenbett, links ein Schrank, ein niedriger Schreibtisch und ein Kinderstuhl. Mehr passte nicht rein. Den Schreibtisch und den Stuhl hätten sie sich sparen können, wegen der Größe waren sie unbenutzbar und wir hatten unsere Hausaufgaben sowieso in einem großen Saal geschrieben.

Ich teilte mein Zimmer mit Christelle. Christelle war eine große Fan von der Olympique de Marseille, deshalb hatte sie das blaue „OM“ an unsere Außenwand gemalt. Sie war auch extrem magersüchtig und hatte sich abends immer versteckt, damit die Aufsichtperson nicht mitbekommt, dass sie das Abendessen in der Kantine geschwänzt hatte. Ich hatte mir das Bett oben ausgesucht. Wenn ich drin aufrecht saß, konnte ich in den Nachbarzimmern einen Blick werfen, weil die Wände nicht so hoch waren. Auf meiner Höhe rechts schlief Marie-Pierre, die, wie ich, Italienisch als dritte Fremdsprache ausgewählt hatte. Wir haben uns abends häufig mit Konjugation über die Wand getestet.

Auf dem Bild stehen wir vor meinem Zimmer. Es ist abends. Ich glaube, Caroline hatte das Foto gemacht. Anscheinend schminke ich mir meine Augen ab. Neben mir, an der Heizung angelehnt, steht Sandra. Sie kam uns ursprünglich suspekt vor, weil sie aus dem Norden kam (in Wirklichkeit, irgendwo mittig in Frankreich). Wir haben uns angefreundet. Das große Mädchen gegenüber von uns ist Iris. Sie kam aus Holland, und es ist alles, woran ich mich noch erinnere. Sie hat auf Jean-Christophe, einen Kommilitone von mir, einen großen Eindruck gemacht. Einige Jahre nach dem Gymnasium habe ich ihn zufällig auf einer Mediziner-Party in Nizza getroffen, und alles, was er mich fragte, war, ob ich wüsste, was aus Iris geworden war. Noch ein paar Jahre später habe ich Jean-Christophe in Metz getroffen (Zufälle gibt’s…) und er fragte mich immer noch nach ihr. Ich habe keine Ahnung. Nach dem Gymnasium habe ich kaum Kontakte mit meinen Mitschülerinnen gehabt.

Nach meinem ersten Jahr in der Oberstufe haben wir ein nagelneues Gebäude als Internat bekommen. Wir haben Mini-Appartments bekommen, mit zwei Doppelzimmern (mit getrennten Betten), einer Dusche und eine Toilette für vier Mädchen. Es hat sich wie der reine Luxus angefühlt.

Stefan

Stefan ist mein vorletzter Freund gewesen. Ich habe ihn kennen gelernt, als ich für meine Doktorarbeit nach Deutschland gekommen bin. Er war damals ebenfalls Doktorand in meinem Institut, obwohl er über dreißig war und zehn Jahre älter als ich ist. Am Anfang war ich noch mit David zusammen, aber unsere Beziehung hat die Pendelei nicht überlebt. Nachdem er Schluss mit mir gemacht hat, hat es nicht lange gedauert, bis ich mich für Stefan interessiert habe.

Ich kann nicht genau sagen, was mich an ihm angezogen hatte. Er sah anders aus als die anderen. So gut sah er eigentlich nicht aus. Er hatte angefangen, einen „Bierbauch“ zu entwickeln. Ich weiß sogar noch, wie mich seine Hände ein wenig angeekelt hatten, weil ich dabei immer an Frösche denken musste. Seine dicken Lippen mochte ich nicht. Er schien aber nett zu sein und war lustig. Ich denke jetzt, es lag vor allem daran, dass er sich für mich interessierte, und ich wollte nach der Pleite mit David nicht alleine bleiben. Ich hatte mich trotzdem in Stefan verliebt. Aus welchen Gründen auch immer.

Im Frühling 2000 habe ich einen Freund von ihm gefragt, ob Stefan eine Freundin hätte. Da er nein antwortete, habe ich einige Dates mit ihm arrangiert, und eines Abends haben wir uns nach einem Besuch in einer irischen Kneipe geküsst, als er mich nach Hause begleitet hatte. Ich erinnere mich, wie er dabei meine Hüfte mit beiden Händen fest angefasst hatte, als ob er prüfen wollte, wie die Ware sich anfühlt. Es schien, ihn zufrieden zu stellen. Ich fand’s sehr frech von ihm, vor allem mit seiner Figur. Außerdem konnte er nicht so gut küssen, ich musste es ihm beibringen. Er hat dabei einen hoch gekriegt und mich Hexe genannt. Wir haben uns vor meiner Haustür verabschiedet. Am nächsten Tag musste ich früh zu meinen Eltern fliegen.

Nach meinem Urlaub haben wir uns wieder getroffen und Sex gehabt. Eine frustrierende Erfahrung, die sich mit der Zeit nicht verbessert hat. Trotz Erektion war seine Länge zu kurz, er konnte mich gar nicht stillen. Jedes Mal, wenn er danach im Badezimmer verschwunden war, musste ich die Arbeit selber fertig machen. Ich denke, es hatte mit seinem Bauchumfang zu tun. Ich hatte es mit Gilles schon gemerkt. Meine Theorie: Männer mit Bauch haben einen winzigen Penis, weil der Bauch die Haut schon zu sehr spannt. Ich dachte, es ist mir egal, wie ein Mann aussieht, aber das will ich nicht mehr mitmachen. Vor allem nach meiner Erfahrung mit David war es sehr enttäuschend. Dazu hat Stefan noch schnell darauf bestanden, den hinteren Eingang zu benutzen, was ich gar nicht wollte. Er meinte, es wäre für ihn ein großes Bedürfnis, er hätte es wirklich nötig. Ich dachte, super, schlecht im Bett, und mit schwulen Tendenzen. Seine früheren Freundinnen hätten ihn sexuell besser erziehen können.

Eine Woche nach dem Anfang unserer Beziehung habe ich schon gemerkt, dass es nicht gut gehen konnte. Er hatte nämlich doch eine andere Freundin gehabt, sein Freund hatte mich angelogen. Er hat mit ihr Schluss gemacht, nachdem er mit mir zum ersten Mal Sex hatte. So richtig Vertrauen konnte ich in ihm nicht mehr haben. Ich habe mich schlecht gefühlt. Das hatte ich nicht gewollt. Hätte ich die Wahrheit gewusst, dann hätte ich nie zugelassen, dass etwas zwischen uns passiert. Es war schon zu spät. Ich habe gedacht, dass ich verliebt war und er sich im Bett verbessern würde. Ich hätte mir die Frust sparen können.

Ich habe ihn am Wochenende zu Hause besucht. Ich weiß noch, wie ich eines Tages bei ihm geklingelt hatte, und er nicht dran gegangen war, obwohl sein Telefon ständig besetzt klang, als ich ihn vorher anrufen wollte. Irgendwann habe ich nicht gemerkt, wie ich am falschen Knopf gedrückt hatte, und sein Nachbar hat die Tür aufgemacht. Ich habe drin bei Stefan geklopft. Es gab Geräusche aus seiner Wohnung, aber er hat die Tür nie aufgemacht. Ich habe eine Nachricht vor seiner Tür gelassen und bin nach Hause gegangen. Am folgenden Montag hat er sich entschuldigt und meinte, er hätte am Rechner online gespielt und gar nichts mitbekommen. Ich war nicht begeistert. Es ist danach nicht mehr vorgekommen.

Wir sind am Anfang viel gereist. Vor allem nach England. Er hat mich seiner Familie vorgestellt. Wir haben mit seinen Freunden in Düsseldorf jede Woche zusammen gekocht. Mit seinem ehemaligen Kommilitonen Thomas, dem buddhistischen Salsa-Lehrer, haben wir uns ab und zu getroffen. Ich mochte ihn nicht besonders, er wirkte zu kalt. Auch zu seiner Frau, mit der er schon vier Kinder hatte. Drei Jungs und ein Mädchen. Ich erinnere mich an eine Party bei Thomas, bei der das Mädchen mit seinen Brüdern beim Essen gespielt hatte, und wie übertrieben wütend er dabei reagiert hatte. Ich hatte gedacht, dass er echt einen Knall hatte und habe richtig Mitleid für das Mädchen gehabt.

Stefan hat sich irgendwann eine neue, größere Mietwohnung ausgesucht und ist umgezogen. Er hat mich um Hilfe gefragt, um seine neue Möbel auszusuchen. Ich fand’s komisch, da ich nicht mit ihm lebte und meine eigene Mietwohnung hatte, aber ich habe es mitgemacht. Ich war doch häufig genug bei ihm. Wir wirkten bei seinen Freunden wie ein ernstes Paar. Dabei ging’s mir nicht so gut. Ich habe mich mehrmals gefragt, warum ich mit ihm noch blieb, weil er sich offensichtlich nicht für mich interessierte. Ich hatte den Eindruck, nur ein Schmuckstück zu sein. Und meine Diskussionen mit Brigitte, einer spanischen Freundin aus meinem Deutschkurs, hatten mich überzeugt, dass Stefan kein Einzelfall war, sie hatte mit anderen deutschen Männern genau die gleichen Erfahrungen gemacht.

Ich fühlte mich sehr von Stefan vernachlässigt, und hatte am Ende den Verdacht, dass er sich von seinem Freund Thomas beraten lassen hatte, mich zu verlassen (Thomas hat es mir nie verziehen, dass ich ihn einmal ausgelacht hatte, weil er einen Gacker von sich rausgelassen hatte. Ich hatte unwillkürlich zu seiner Tochter geschaut, weil ich plötzlich den Eindruck hatte, den Grund für Stefans Vorliebe im Bett, die ich ihm nie erlaubt habe, gefunden zu haben). Selbst Volker hatte mir gesagt, dass Stefan sich mit mir unverschämt schlecht verhalten würde, aber Eigenmotive konnte ich bei ihm nicht ausschließen. Nach mehr als einem Jahr, nachdem er im Sommer mit seinen Eltern zwei Wochen Urlaub an der Nordsee gemacht hatte und mich kein einziges Mal angerufen hatte, habe ich endlich Schluss gemacht. Ich bin nach seiner Rückkehr zu ihm gegangen, habe meine restlichen Sachen aus seiner Wohnung geholt und habe ihm seine Schlüssel zurück gegeben. Mit dem festen Entschluss, mich nie wieder in einem Deutschen zu verlieben.

Es ist schon dreizehn Jahre her. Ich habe mich seitdem nicht mehr verliebt. Bis ich nach Berlin umgezogen bin. Jetzt weiß ich, dass es doch deutsche Männer gibt, die mich im Bett befriedigen können und die sich nicht so kalt verhalten.

Ein Weihnachtsgeschenk

Nicht irgendein Geschenk, sondern das allererste Geschenk, an das ich mich erinnern kann. Ich denke, ich war drei. Wir wohnten noch nicht aufs Land, und meine Schwester, die vier Jahre jünger ist, war noch nicht geboren. Jünger konnte ich nicht sein, weil ich schon zur Maternelle ging.

Ich war eines Tages mit meiner Mami in Auchan einkaufen. Ich erinnere mich, dass wir wie immer einen großen Einkaufswagen dabei hatten. Ich durfte ausnahmsweise gehen, statt im Wagen zu sitzen. Meine Mami hatte uns zum Regal mit den Kinderspielzeugen gebracht, wo ich sonst sehr selten war. Was für eine Aufregung! Sie hatte mir erklärt, ich sollte mir ein Spielzeug  aussuchen, damit sie dem Weihnachtsmann sagen könnte, was er mir bringen soll. Ich habe mich auf die Stelle in eine riesige graue Plüschmaus verliebt. Ich konnte sie nur mit beiden Armen tragen. Wir haben sie im Supermarkt gelassen, mit dem Versprechen, dass ich sie bald bekommen würde.

An Weihnachten selbst habe ich keine Erinnerung mehr. Die Maus habe ich tatsächlich bekommen. Natürlich war es für mich klar, dass der Weihnachtsmann sie gebracht hatte. Ich habe die Maus Alexandre genannt. Alexandre war ein Junge, der auch zur Maternelle ging. Meine erste große Liebe. Ich hatte es eines Tages sogar meiner Mami anvertraut. Sie hatte mich aber verraten und es meinem Vater weiter erzählt, der sich darüber lustig gemacht hatte. Das war’s, ich habe ihr seitdem nie wieder etwas von Jungs erzählt. Die Maus habe ich bis zum Gymnasium behalten, bis meine Mami meinte, sie sollte Platz zu Hause schaffen und alle unsere Kindheitssachen entsorgen.

Der Marokkaner

Ich habe seinen Namen völlig vergessen.

Ich habe ihn vor zehn Jahren kennen gelernt. Ich war nach meiner Doktorarbeit zurück nach Frankreich gegangen und hatte eine Arbeit in der Nähe von Paris gefunden (die Gegend habe ich gehasst, nie wieder will ich im Großraum Paris leben). Ich war noch nicht lange dort, als ich eines Tages aus irgendeinem Grund alleine zur Cantine des Forschungszentrums essen gegangen bin. In Gedanken versunken, habe ich in der Schlange zwei jungen ausländisch aussehenden Männern gemerkt, und habe bei einem den starken Eindruck bekommen, dass ich ihn schon kannte. Nach einer oder zwei Minuten fiel es mir wieder ein: Es konnte nur Majid sein, ein Tunesier, der während meiner Diplomarbeit Doktorand im selben Institut war und den ich seit vier Jahren nicht mehr gesehen hatte. Ich bin also mit breitem Lächeln zu ihnen gegangen und habe „Hallo“ gesagt. Die Beiden haben zurück breit gelächelt und mich gegrüßt. Als ich anfing, Majid zu fragen, wie es ihm nach all der Zeit ging, merkte ich, dass etwas nicht stimmte. Er sah verwirrt aus und fragte mich, woher wir uns denn kennen würden. Ach je. Es war doch gar nicht Majid, sondern ein völlig unbekannter Post-Doc aus Marokko. Wir haben trotzdem zusammen gegessen und uns kennen gelernt. Beim Essen wurde mir klar, dass ich sie nicht unbedingt wieder sehen wollte. Beim Marokkaner ging es; das Verhalten seines Freundes hat mich sehr gestört. Ständig hatte er sein Essen zurück in den Teller gespuckt und weiter gegessen. „Es ist kulturbedingt“, habe ich mir eingeredet. Es hat mich trotzdem so geekelt, dass es mir den Appetit verdorben hat.

Es sollte einfach sein, keinen Kontakt mehr zu haben. Er arbeitete in einer ganz anderen Abteilung in einem anderen Gebäude. Außerdem war ich sonst immer mit meinen Kollegen essen gegangen. An einem Wintertag stand er plötzlich vor meiner Bürotür. Sie war wie immer geöffnet, wie bei meinen Kollegen auf dem Flur. Ich habe mich gefragt, woher er wusste, wo ich arbeitete. Ich hatte es ihm nicht explizit gesagt. Wir haben ganz kurz geredet. Er wollte mir vorschlagen, am Wochenende in Paris spazieren zu gehen, da er selber neu in der Gegend war. Von seinem Freund war keine Rede, und es sah aus, als ob ernsthaft nur Lust darauf hatte, die Stadt zu entdecken, also dachte ich, „Warum nicht“, nachdem ich das Fenster wegen plötzlich muffeliges Geruches öffnen musste. Besser, als das Wochenende zu Hause zu verbringen. Wir haben die Katakomben besucht. Die Stille dort unten war beeindruckend. Wir sind zu einem Museum gegangen. Der Marokkaner hatte sich so natürlich verhalten, dass ich dachte, es wäre genial, endlich einen Mann kennen zu lernen, der nicht sofort mit mir eine Beziehung haben wollte und nur ein kumpelhaftes Interesse zeigte. Nicht wie zum Beispiel das Balg, das ich seit der Strahlenschutzbelehrung kannte.

Ich habe schnell gemerkt, dass es mir aus einem wichtigen Grund unangenehm war, mit dem Marokkaner zu lange zu sein. An seinem Verhalten war nichts zu meckern, aber es entwickelte sich immer innerhalb von fünf Minuten ein komischer Geruch, sobald er ein Zimmer betrat. Deswegen musste ich selbst im tiefsten Winter das Fenster öffnen, wenn er in der Nähe war. Ich denke, es war sein Mundgeruch. Ich habe mich nicht getraut, ihm etwas zu sagen. Er konnte nichts dafür. Wahrscheinlich Magenprobleme. Als er mich bei sich zu Hause zum Essen einlud, war ich geteilter Meinung. Nett war er, marokkanisches Essen mag ich, aber ich fragte mich sofort, wie ich so lange die Luft anhalten könnte. Ich hätte eigentlich glatt ablehnen sollen. Ich habe nicht gemerkt, dass er dabei war, sich zu verlieben. Und fürs Essen hätte es sich eh nicht gelohnt. Im Gegenteil zu Mahmoud konnte er wirklich nicht kochen. Er hat einfach Butternudel mit Hackfleisch-Steaks vorbereitet. Die waren noch nicht mal komplett aufgetaut. Ich habe mich bedankt, um seine Gefühle nicht zu verletzen. Er hatte sich Mühe gegeben. Und ich habe beschlossen, nie wieder eine solche Einladung anzunehmen. Außerdem habe ich an dem Abend den Verdacht bekommen, dass er doch Interesse anderer Natur entwickelte. Ich habe mich also von ihm distanziert und ihn einige Wochen lang nicht mehr getroffen.

Es ging gut, bis er überraschenderweise eines Tages am Wochenende bei mir klingelte. Er musste mir seine Liebe gestehen. Ich war geniert, aber ich musste ihm erklären, dass ich gar nicht in ihm verliebt war und ihn nur als Kumpel sah. Seine Reaktion war nicht schön. Ich habe sie mehrmals bei Männern beobachtet, wenn ich sie abgelehnt habe. Immer das gleiche Muster. Auch wenn ich mit Takt vorgehe. Sie fangen damit an, es nicht zu fassen. Ach, stimmt… Ich müsste bei ihnen meine echten Gefühle nicht aus Scheu verstecken, ich könnte schon ruhig zugeben, dass ich sie liebe… Also, wiederholt abgelehnt, ich bin wirklich nicht verliebt. Kann es sein? Wie kann es eine Frau wagen, ihnen zu widerstehen? Der Ärger kommt. Der Marokkaner hat seine Wut gut im Griff behalten, als er mit kalter Stimme sagte, ich müsste es mir gut überlegen, ein solches Angebot würde ich nicht jeden Tag bekommen. Nicht so viele Männer würden sich für mich interessieren, es wäre schon sehr großzügig von ihm gewesen. Wie oft habe ich diesen Satz bei abgelehnten Männern gehört? Glauben sie wirklich, dass sie durch solche Beleidigungen ihr Ziel besser erreichen? Für mich bedeutet das nur, dass die Person versucht, zurück zu stechen. Was daneben läuft, da ich in solchen Situationen sowieso keine Gefühle für sie empfinde, sonst gäbe es keine Ablehnung. Ich habe ihn erstmals weiter reden lassen. Als er nicht aufhören wollte und mich anfassen wollte, musste ich ihm sagen, er soll mich jetzt zu Hause in Ruhe lassen und weg gehen, ehe ich die Polizei anrufe. Er hat später häufig bei mir geklingelt, und ich habe es ignoriert. Genau wie seine Anrufe. Es war sehr stressig, ich fühlte mich zu Hause nicht mehr in Ruhe. Ich musste mit anderen Freunden einen Klingelcode entwickeln, um zu wissen, wann ich an der Sprechanlage antworten konnte. Bei der Arbeit hat er sich nicht getraut, sich wieder zu zeigen. Es muss ihm also bewusst gewesen sein, dass sein Verhalten nicht in Ordnung war. Was seinem Stalkern wirklich ein Ende setzte, war, als mein Vertrag zwei Monate später zu Ende ging, und ich aus der Gegend auszog.

Benjamin

In der Serie „Herzen, die ich gebrochen habe“. Ich hatte es gar nicht kommen gesehen. Er war doch viel zu jung. Und gar nicht mein Typ. Ich stehe nicht auf Blonden.

Ich habe Benjamin vor etwa vier Jahren auf einer Fachtagung kennen gelernt. Er war Doktorand bei einer Gruppe in einer Uni nicht weit weg von meiner. Ich war schon längst promoviert. Seine Doktormutter hatten wir häufig in meinem Institut zu Besuch gehabt, sowie ihren Mann, der ihre Arbeitsgruppe leitete. Die beiden mochte ich sehr. Ich habe also nichts besonderes gedacht, als ich mit ihm über sein Poster diskutiert habe, wobei ich vom Anfang an Probleme hatte, ihn zu verstehen, da er aus Holland kommt und einen sehr starken Akzent hat.

Wir haben während der Tagung am Gesellschaftabend zusammen mit einem anderen Kollegen gegessen. Er wirkte sehr deprimiert. Er hatte große Schwierigkeiten mit dem präparativen Teil seiner Arbeit, was zu Stress mit seiner Doktormutter geführt hatte. Das Singlesein fiel ihm auch schwer. Irgendwie tat er mir Leid. Und da ich am Wochenende einen Bauchtanzauftritt in einer Nachbarstadt in Holland hatte, habe ich ihm spontan vorgeschlagen, hin zu gehen. Wie blöd von mir. Weil mich schon die Musik alleine immer aufgemuntert hatte, und ich großes Spaß daran hatte, Lebensfreude durch Tanz dem Publikum mitzuteilen. Ich hatte sogar gedacht, ich könnte ihm die Studentinnen vorstellen, die in meiner Gruppen waren, vielleicht würde er sich in eine verlieben und glücklicher werden. Er hat sie alle aber kaum beachtet.

Einige Wochen später hat er sich wieder gemeldet. Er hat mir vorgeschlagen, an einem Samstag einen Museum in Köln zu besuchen. Da ich gerne Museen besuche, habe ich sofort ja gesagt. Wir haben in dem Nachmittag gerade den Erdgeschoss geschafft, der eine Sammlung von Gemälden aus dem Mittelalter enthielt. Wenn ich alte Gemälde betrachte, versinke ich häufig in kleinen Details und kann nicht mehr weiter gehen. Das fand er anscheinend sehr lustig. Und da er selber gerne gezeichnet und gemalt hat, hat er angefangen, mir per Email Kopien seiner Skizzen zu schicken. Ich habe ihn später zu einer Ausstellung in meiner Stadt eingeladen, da er sich so sehr für Kunst interessiert. So haben wir angefangen, mehr oder weniger regelmäßig in Kontakt zu sein.

Es hat einen gruseligen Charakter bekommen, als ich meinen Geburtstag hatte. Ich war abends von der Arbeit nach Hause gekommen und hatte etwas im Briefkasten. Ein Gemälde von Benjamin mit einer Nachricht zum Geburtstag. Einfach so, ohne Briefumschlag. Er musste heimlich selber vorbei gekommen sein. Ich habe gerätselt, woher er wusste, dass es mein Geburtstag war, und dass ich dort wohnte. Er hat dann angefangen, mich jedesmal anzurufen oder mir eine SMS zu schicken, wenn er zufällig in der Nähe war, oder wenn er nur mit dem Zug an meiner Stadt vorbei fuhr. Zufällig war eigentlich sehr häufig. Kleine Skizzen ohne Briefumschlag habe ich mehrmals in meinem Briefkasten gefunden. Ich habe mich sehr schnell gestalked gefühlt.

Eines Tages habe ich einen Vorwurfsbrief von ihm bekommen. Er war anscheinend in meiner Stadt gewesen und hatte mich auf der Straße gesehen. Ich hätte in seiner Richtung geschaut, hätte ihn völlig ignoriert und wäre sofort in die andere Richtung gegangen. Ich hätte ihn dabei sehr verletzt. Fakt ist, ich konnte mich gar nicht daran erinnern und muss ihn total übersehen haben. Als er mir gnädigerweise vergab (was ich nicht nötig hatte), schlug er mir einen Termin in der Stadt vor. Ich wollte mich schon nicht mehr mit ihm treffen. Meine jüngere Freundin Sabrina war noch single und suchte nach einem Mann, ich habe sie also gefragt, ob sie mitkommen wollte. Ich habe auch die chinesische Doktorandin eingeladen, mit dem Argument, dass es für sie gut wäre, andere Doktoranden in ihrem Fach kennen zu lernen. Im letzten Moment hat mich Sabrina im Stich gelassen. Sie hatte sich mit ihrer Mutter gestritten und fühlte sich nicht gut. Die Doktorandin war zum Glück dabei und hat mit ihm viel geredet. Es hat alles nicht geholfen. Eine Woche später bekam ich eine richtige Liebeserklärung in meinem Briefkasten. Mit einem Ölgemälde auf Papier. Ich wusste nicht, wie ich darauf reagieren sollte. Ich habe es mir so lange überlegt, dass es zu spät wurde. Wir haben sehr lange keinen Kontakt mehr gehabt.

Seit einigen Monaten hat er mich wieder angeschrieben. Er hat erzählt, dass er einen neuen Job in Holland bekommen hat und mit seiner Freundin dahin umgezogen ist. Es hat mich gefreut, dass er endlich eine Freundin hat. Andererseits finde ich es komisch, dass er nie ihren Namen erwähnt hat. Es fühlt sich nicht echt an.

Mein erster Freund

Wenn ich an ihn zurück denke, habe ich manchmal den Eindruck, dass es sich gar nicht um mein Leben handelt. Es ist so lange her. Ich habe vor ihm andere Freunde gehabt, aber es war immer schnell vorbei und nicht von Bedeutung.

Ich war fast sechzehn, als ich Marc kennen gelernt habe. Es war im Sommer. Wie jeden Tag in den Ferien war ich mit Freunden zum Freibad gegangen – dank meines Mini-Jobs auf dem Markt konnte ich es mir leisten. Daniel, der Bruder meiner Freundin Nathalie, war mit uns. Er hatte einen Freund mitgebracht, Marc, der vier Jahre älter als ich war und gerade zurück aus seiner Pflicht bei der Bundeswehr war. Ich kann nicht sagen, dass er einen großen Eindruck auf mich gemacht hatte. Ich hatte mir nicht mal seinen Namen gemerkt. Am gleichen Abend habe ich mich auf eine Beziehung mit Patrice eingelassen, die gerade eine Woche dauerte. Ich habe Schluss gemacht. Wir hatten nicht viel Gemeinsames. Er wollte vor allem vögeln, und ich war noch jungfräulich. Eines Tages rief mich Nathalie zu Hause an. Ihr Bruder wäre hier mit seinem Freund, ob ich nicht mit ihnen im Dorf herumhängen möchte. Ich wusste nicht, von wem sie sprach. Sie musste mir erklären, dass er mit uns im Freibad gewesen war. Von dem Tag hatte ich kaum Erinnerungen behalten. Da es mir zu Hause zu langweilig war, bin ich zu ihnen gegangen. Ich habe vergessen, was wir gemacht haben. Abends musste ich zu meinem Job. Marc hat mich dahin begleitet, während Nathalie und ihr Bruder sich davon machten. Beim Abschied fragte mich Marc, ob er einen Kuss haben durfte. Warum nicht, dachte ich, obwohl er nicht gerade mein Typ war. Der Tag war langweilig gewesen. Ich habe ihn geküsst und bin zur Arbeit gegangen.

Die ersten Tage unserer Beziehung waren schon komisch. Ich hatte es schwer, mich daran zu erinnern, dass ich mit ihm zusammen war. So ist es zum Beispiel passiert, dass ich ihn eines Tages auf dem Marktplatz mit Freunden getroffen hatte, und ihn spontan auf die Wange geküsst hatte, wie bei den anderen, und glatt vergessen hatte, dass ich seine Freundin war. Er hat beleidigt reagiert. Als ich prompt meinen Fehler merkte, habe ich gelacht, ihn geküsst und getan, als ob ich ihn nur ärgern wollte. Verliebt war ich also nicht. Wie konnte ich nur zulassen, dass wir so viele Jahren zusammen blieben? Ach ja, die Erklärung kenne ich doch. Obwohl, so im klaren mit meinen Gefühlen war ich damals nicht. Ich habe ernsthaft versucht, mich zu verlieben, weil ich dachte, es wäre normal. Es war auch nicht unschön, mit ihm zu sein, er war nett zu mir und schien wirklich mich zu lieben, ich hatte nichts gegen ihn einzuwenden, also müsste ich mich nur ein bisschen bemühen. Genau wie meine Oma, die Mutter meiner Mutter, es mir erklärt hatte. (Sie hatte nicht so viel Glück wie ich gehabt und ihren Mann erst vor dem Altar kennen gelernt. Und sieben Kinder zur Welt gebracht.)

Nach einigen Wochen hat Marc mich seiner Familie vorgestellt. Ich habe ihn also eines Tages nach Hause zu meinen Eltern gebracht. Mit der Zeit habe ich den Eindruck bekommen, dass ich verliebt war. Ab und zu habe ich immer Zweifel bekommen und mich gefragt, ob ich ihn wirklich liebte. Wie häufig habe ich mir wiederholt, dass es frech wäre, ihn zu verlassen, weil ich ihm keine ernsthafte Vorwürfe machen konnte! Nach vier Monaten haben wir während den Ferien über Weihnachten Sex gehabt. Es war für uns beide das erste Mal, auch wenn er mir schon vorher an die Wäsche gegangen war. Ich fand’s immer komisch und fragte mich, warum er mir unbedingt seinen Finger reinstecken wollte. Bei Gesprächen mit Freundinnen habe ich erfahren, dass es wohl normal war. Eigentlich hatte ich keine Lust, so früh mit ihm Sex zu haben. Es ging zum Glück schnell. Das Problem war aber, dass er ab diesem Moment erwartete, dass wir jeder Zeit wieder Sex haben könnten. Ich hab’s resigniert mitgemacht. Mir hat es keinen Spaß gemacht. Irgendwann hat er es bemerkt und mich beleidigt gefragt, warum ich ruhig beim Sex bleiben würde. So habe ich gelernt zu simulieren. Es schien Wunder zu wirken, er hat sich danach nicht mehr beschwert.

Ich hatte noch nicht die Abitur geschrieben, als wir zusammen umgezogen sind. Im Elternhaus wollte ich nicht mehr bleiben. Mit knapp achtzehn habe ich dann mein Physik-Studium angefangen. Ich war die ganze Woche an der Uni und kam erst am Wochenende nach Hause. In dieser Zeit ist mir bewusst geworden, dass ich nicht mit Marc zusammen passte. Er hatte nicht studiert und kam mir manchmal mit seinen Bemerkungen ziemlich blöd vor. Ich hätte mich geschämt, ihn meinen Kommilitonen vorzustellen. Im vierten Uni-Jahr habe ich plötzlich mehr zu tun gehabt. Ich habe viel gelernt und bin nicht mehr jedes Wochenende nach Hause gefahren. Ich habe früh im Herbst angefangen, mich zu fragen, wie ich mich von Marc lösen könnte. Ich habe erst kurz vor dem Frühling Schluss gemacht. Trotz Vorbereitungen und Andeutungen meinerseits hat es ihn völlig überraschend getroffen. Er hat mehrmals versucht, mich zu überzeugen, zu ihm zurück zu kommen. Es war doch die richtige Entscheidung, da ich ein halbes Jahr später für die Diploma die Uni gewechselt habe und nach Lothringen umgezogen bin.