Morgen habe ich frei

Aber stressig wird es definitiv, obwohl ich mein Bestes tue, um mir keinen Kopf zu machen. Ich werde morgen nämlich nach München reisen. Denn: Ich bin zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen worden! Und das, nachdem ich schon vor drei Wochen ein Telefongespräch hatte!

Die Stellenanzeige hatte ich vor anderthalb Monat in einer abonnierten Fach-Mailing-Liste entdeckt und ich war begeistert, weil sie ziemlich genau meinem Profil entsprach. Im Gegenteil zu meinen bisherigen Bewerbungen seit dem Anfang des Jahres. Ich habe mich sofort beworben, und dabei die Webseite des Unternehmens besucht. Die Stelle war dort auch zu finden, allerdings war die Liste der Anforderungen viel länger als die Version der Mailing-Liste, auf der ich mich beworben hatte. Es klang mehr wie die Suche nach der eierliegenden Wollmilchsau. Bei den zusätzlichen Kompetenzen, die der Kandidat haben sollte, habe ich nicht so viel Erfahrung. Laborarbeit, chemische Syntheseverfahren, habe ich in meiner aktuellen Arbeit auch an einfachen Systemen gemacht, aber meistens bin ich nur am Programmieren und Daten auswerten. Im Laufe des telefonischen Vorstellungsgesprächs wurden diese Punkte erwähnt, wobei mein eventuell zukünftiger direkter Chef meinte, es wäre kein Beinbruch, sich das zusätzliche Wissen anzueignen. Stimmt auch.

In dem Gespräch wurde erwähnt, dass nur vier Kandidaten telefonisch kontaktiert werden. Schon mal nicht schlecht. Der Chef der Firma wollte sich persönlich bei mir melden, um mich zu informieren, ob ich vor Ort bestellt werde, also werden von den vier Kandidaten nicht alle eingeladen. Das ist für mich schon eine tolle Leistung, wenn ich so durch das zweite Filter weiter komme. Außerdem soll die Stelle von vorne rein unbefristet sein, und der Firma soll es wirtschaftlich sehr gut gehen. Mal schauen, wie sie auf meine Gehaltsvorstellung reagieren.

Sollte es wirklich klappen, würden wir nach München umziehen. Bei den Immobilienpreisen, eher in der Umgebung von München. Ich wäre echt traurig, unsere jetztige Wohnung verlassen zu müssen. Mit unserer schön eingerichteten Terrasse, all die Pflanzen, und wir haben für den Sommer neue, teure Renovierungsarbeiten im großen Badezimmer bestellt… Ob wir die Wohnung dann vermieten oder verkaufen würden, bleibt zu sehen. Der Ehemann hat gerade eine neue Stelle angefangen, es wäre vielleicht besser, wenn er zuerst ein paar Monate hier bleibt und Erfahrungen sammelt, bevor er sich anderweitig bewirbt. Obwohl er meint, dort grundsätzlich mehr Chancen als in Berlin zu haben. Eine Fernbeziehung will er aber nicht.

Ich sollte jetzt ins Bett gehen und aufhören zu grübeln. Ich muss ja morgen früh zum Flughafen. Und zuerst muss das Gespräch gut laufen, bevor wir weitere Pläne machen.

Ein Anruf der Arbeitsagentur

Ich bin letzte Woche im Urlaub angerufen worden. Die Nummer war versteckt, auf dem Display stand nur „Privat“. Normalerweise Grund genug für mich, um nicht ran zu gehen. Vor allem, da ich mich im Ausland befand und mit meinem O2 Vertrag für jeden eingehenden Anruf 0,75€ zahlen muss. Aber vielleicht war es doch etwas Wichtiges. Ich bin also vorsichtig mit meinem in solchen Fällen üblichen, nichts verratenden französischen „Allo?“ ran gegangen. Nach einer kurzen Verzögerung: „Guten Tag, ich bin Frau Dingsbums von der Arbeitsagentur, mit wem rede ich?“ Da sie angegeben hatte, von der Arbeitsagentur zu sein, habe ich nach einer ebenfalls kurzen Verzögerung meinen Nachnamen verraten. „Gut, das ist die Person, mit der ich reden wollte.“ Eine gute Dosis typisches deutsches Misstrauens, gleich am Anfang vom Gespräch.

Ab dem Zeitpunkt habe ich mich schon gefragt, warum sie mich anruft. Hätte ich meinen Arbeitsvertrag nicht verlängert bekommen, wäre ich ab dem 1. März arbeitslos geworden. Mein Vertrag wurde aber verlängert. Ich hatte natürlich schon im Februar meine Daten auf der Jobbörse der Arbeitsagentur aktualisiert, sobald ich den Vertrag unterschrieben hatte. Also hatte ich es sofort versucht. Das hatte sich als doch nicht so einfach erwiesen. Dazu eine etwas längere Erläuterung.

Ich habe mich schon mehrmals als Arbeitssuchende eintragen müssen. Beim ersten Mal, nach meiner Doktorarbeit, als eine Internet-Verbindung zu Hause für mich noch nicht in Frage kam, hatte ich zusammen mit einer Bearbeiterin des noch Arbeitsamtes ein Profil samt Lebenslauf erstellt. Ich habe erzählt und sie hat eingetragen. Ich habe mich danach für die kurze Dauer der Arbeitslosigkeit nicht mehr darum gekümmert, da ich keinen Zugang zu meinen Daten hatte. Ich hatte sowieso keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld und musste daher keine Bewerbungsversuche vorweisen, da ich, zu meiner großen Überraschung, in den dreieinhalb Jahren meiner Beschäftigung an der Uni keinen Beitrag zur Arbeitslosenversicherung bezahlt hatte. Ich konnte damals beim Unterschreiben vom Arbeitsvertrag kein Deutsch, aber es wurde drin auch nicht erwähnt… Oder lag es daran, dass ich gleichzeitig als Doktorandin an der Uni angemeldet war und somit einen Studentenstatus hatte? Wie auch immer.

Viele Jahre später, als ich wegen des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes und trotz vieler Bewerbungen wieder arbeitslos wurde, habe ich mit neuen Zugangsdaten von zu Hause aus mein Lebenslauf aktualisieren wollen. Dabei ist mir aufgefallen, dass die Bearbeiterin Jahre zuvor ziemlich viel Müll reingeschrieben hatte. Bestimmte Stichwörter passten nur ungenau, einige Fähigkeiten stimmten einfach nicht. Die Beschreibung von Tätigkeiten lag total daneben. Blöderweise konnte ich nichts editieren, weil ich keine Rechte dazu hatte. Für meinen eigenen Lebenslauf in meinem eigenen Profil! Ich habe die Jobbörse deswegen nicht mehr benutzt und mir die Mühe auch nicht gegeben, die neuen Arbeitserfahrungen zu erfassen. Es war auch nicht so, als ob ich jemals von einem Arbeitgeber über diese Plattform kontaktiert worden wäre…

Ich habe mich zuletzt im Dezember als Arbeitssuchende gemeldet. Mit Verspätung, da ich auf Arbeit ziemlich viel zu tun hatte, und erst nachdem mir bewusst wurde, dass es ganz bequem online geht. Wenn man Zugangsdaten hat. Meine alten Daten habe ich nicht mehr gefunden. Außerdem war ich umgezogen, hatte inzwischen geheiratet und einen neuen Namen… Viel einfacher, sich ein neues Profil anzulegen. So konnte ich sauber mein Lebenslauf von vorne richtig angeben, damit die Jobbörse doch nützlich wird. Einige Zeit später bin ich von einer freundlich klingenden Frau der Arbeitsagentur angerufen worden, um Details über meine Anmeldung zu besprechen. Ich habe erwähnt, dass ich früher schon als Arbeitssuchende angemeldet war, und sie meinte, sie würde beide Konten zusammenfügen. Ich habe darauf bestanden, das alte Lebenslauf zu vergessen und nur das neue zu behalten. Kurz danach kamen Briefe mit neuen Zugangsdaten. Meine gespeicherten Nutzernamen und Passwort, die ich mir mühsam ausgesucht hatte, konnte ich vergessen.

Als ich im Februar die Verlängerung von meinem Arbeitsvertrag in der Jobbörse angeben wollte, habe ich die neuen Zugangsdaten benutzt. Es ging nicht. Eine Nachricht ist erschienen, in der stand, dass mein Konto stillgelegt wurde und ich mich an eine Hotline wenden musste. Am Telefon habe ich dann erfahren, dass die Stilllegung aufgrund der Zusammenfügung meiner alten und neuen Konten statt gefunden hatte. Die Frau hat mir neue Zugangsdaten am Telefon diktiert und das Konto entsperrt. Warum hatte ich dann im Dezember nach dem ersten Telefonat neue Zugangsdaten bekommen? Und warum bin ich nicht schriftlich über die Sperrung von meinem Konto in Kenntnis gesetzt worden? Das weiß nur die Arbeitsagentur, falls es wirklich eine Begründung dafür gibt. Und beim Bearbeiten von meinem Lebenslauf habe ich festgestellt, dass es neue Einträge gab… Alle meine bisherige Einträge wurden dupliziert, aber die Kopien darf ich nicht editieren. Die Kontenverwaltung bei der Jobbörse ergibt für mich keinen Sinn.

Ich habe also im Februar die Verlängerung meines Arbeitsvertrages angegeben, und war deswegen nicht wenig überrascht, letzte Woche von der Arbeitsagentur angerufen zu werden. Das oben angefangene Gespräch lief in etwa weiter so: „Sie haben angegeben, bis zum 28. Februar beschäftigt zu sein.“ „Äh, nein, mein Arbeitsvertrag ist verlängert worden, wie ich in meinem Lebenslauf in der Jobbörse eingetragen habe.“ „Sie hätten sich am 1. März als arbeitslos in der Arbeitsagentur persönlich anmelden sollen.“ „Wie gesagt, mein Arbeitsvertrag wurde verlängert, ich bin nicht arbeitslos. Das habe ich in meinem Lebenslauf bereits angegeben.“ Kurze Pause. „Ah ja, sehe ich…“ „Habe ich etwas vergessen zu tun, um Sie darüber in Kenntnis zu setzen?“ „Hmm, dann sollten Sie aber am ersten Tag der Arbeitslosigkeit zur Arbeitsagentur kommen, um sich als arbeitslos anzumelden. Sie können es aber auch früher machen, Sie müssen nicht bis Ende Dezember warten.“ Erstaunen meinerseits, das wusste ich nicht und es trifft sich gut, da ich sonst am 2. Januar dort erscheinen soll, was den üblichen längeren Besuch bei den Eltern ausschließt. Meine Frage hatte sie aber nicht geantwortet. „Was hätte ich zusätzlich machen sollen, damit Sie wissen, dass ich doch nicht ab dem 1. März arbeitslos bin?“ Keine Antwort, sondern gleich die Ankündigung: „Dann werde ich Sie wohl als Arbeitssuchende abmelden.“ „Nein, bitte nicht! Bis Dezember ist es nicht lang, ich will weiter als Arbeitssuchende bleiben!“ „Na gut, ich melde Sie nicht ab. Auf Wiederhören!“

Ich muss prüfen, dass ich immer noch als Arbeitssuchende gemeldet bin. Wenn ich weiß, wo ich danach suchen muss. Sonst verpenne ich bestimmt wieder die nächste Anmeldefrist.

Arbeit gefunden, vielleicht

Ich hatte mir schon Sorgen gemacht, aber ich weiß jetzt nicht, ob ich mich freuen soll.

Heute Morgen hatte er ein Vorstellungsgespräch mit dem Chef einer kleinen Firma in der Nähe von Berlin. Zwei Stunden hat es gedauert. Er hat schon eine mündliche Zusage für die Stelle bekommen. Ich war verblüfft, als er mir das beim Betreten der Wohnung erzählte. Endlich. Er meinte, seine bisherige Erfahrung passte perfekt zu den Anforderungen für die Stelle.

Dann hat er über das Gehalt erzählt, und es hat mich schockiert. Wie kann es sein, dass man einem Ingenieur mit so vielen Jahren Erfahrung weniger als 40k€ brutto jährlich anbietet? Es sind 70% von seinem letzten Gehalt. Die Begründung vom Chef war, dass es sich um eine kleine Firma handelt und er es sich nicht leisten kann, seinen Mitarbeitern mehr Geld zu geben. Vielleicht in einem Jahr wäre eine Gehaltserhöhung möglich. Gleichzeitig wäre der Vertrag zuerst nur für ein Jahr, „um es sich leichter mit der Probezeit zu machen“.

Damit ist es mir klar, dass es unter Akademikern ein großes und allgemein verbreitetes Vorurteil gibt, das überhaupt nicht stimmt. Im öffentlichen Dienst verdient man nicht zwangsläufig weniger als in der Industrie. Und prekäre Arbeitsverhältnisse gibt es in der Industrie auch. Seine Beraterin bei der Arbeitsagentur hatte ihn schon gewarnt, dass in Berlin Gehälter niedriger als woanders in Deutschland wären, weil es hier zu viele Ingenieure gäbe. Martin meint, es würde sich nicht unbedingt lohnen, einen besseren Job woanders anzunehmen, da er dann eine Wohnung vor Ort brauchen würde und das Pendeln am Wochenende auch teuer wäre. Das Blöde ist, beim nächsten Jobwechsel wird das neue Gehalt als Basis für eine Verhandlung genommen. Einen Wechsel hat er jetzt, wo es noch keinen Vertrag gibt, ohnehin schon vor, weil das Gehalt so niedrig ist.

Familienplanung ist bei den Umständen nicht so attraktiv. Mit diesem Gehalt wird es nicht möglich sein, eine Familie zu unterhalten und gleichzeitig den Kredit für die Wohnung zurück zu bezahlen, wenn ich nicht mehr arbeiten kann. Andererseits hat er schon früher angekündigt, er hätte kein Problem damit, Erziehungsurlaub zu nehmen, damit ich weiter arbeiten kann. Das würde Sinn machen, solange ich einen Arbeitsvertrag habe, da ich aufgrund meiner höheren Qualifikation mehr verdiene.

Eine Absage nach der Anderen

Heute kam eine neue Absage. Auf die Stelle hatte er sich vor zwei Wochen beworben. Das Vorstellungsgespräch hatte schon letzte Woche statt gefunden. Dabei hatte er so ein gutes Gefühl gehabt. Deshalb wirkte er nicht so gesprächig, als er mich heute Abend von der Arbeit mit dem Auto abgeholt hat. Es hat ihn viel mehr enttäuscht als der geplatzte Termin vor drei Wochen.

Bei der anderen Firma hat er inzwischen auch eine Absage bekommen, nachdem ihm die Abteilungschefin wochenlang von einem Angebot erzählt hatte. Sie wollte ihn einstellen. Das Problem kam wohl von der Personalabteilung, die, ohne jemals mit ihm geredet zu haben, beschlossen hat, dass er durch seine langjährige Tätigkeit an Forschungszentren nicht genug Erfahrung in der Industrie gesammelt hat und ihn aus diesem Grund pauschal diskriminiert hat. Wieder diese widerliche Vorurteile. Als ob wir uns die ganze Zeit nur Däumchen drehen würden. Bei meinem Vorstellungsgespräch bei Uhde vor zweieinhalb Jahren hatte mich einer gefragt, warum ich nach der Promotion so lange meine Zeit an der Uni verschwendet hätte. Und Uni ist nicht gleich Forschungszentrum. Dass man das selbst einem Ingenieur vorwerfen kann… Soll mir keiner was von Fachkräftemangel erzählen.

Da ich es eigentlich nicht wusste, habe ich ihn gefragt, um die wievielte Bewerbung es sich handelte. Ich wollte einen Vergleich mit meiner letzten Bewerbungsstatistik haben. Als er sagte, es könnte die zwangzigste sein, habe ich geschluckt. Vor allem, da er mir vor zwei Wochen stolz angekündigt hatte, im Juli schon zehn neuen Bewerbungen geschickt zu haben. Es ist arg wenig. Das habe ich ihm so gesagt. Stimmt, meinte er, immerhin ein wenig geniert. Das hätte ihm seine Beraterin bei der Arbeitsagentur auch gesagt. Ich glaube, ich muss ihn in den Hinten treten. Was treibt er die ganze Zeit? Er ist schon seit fünf Monaten arbeitslos, ab dem nächsten Monat wird er sich zusätzlich außerhalb von Berlin bewerben müssen, meinte seine Beraterin. Als er sein letztes Job bekommen hatte, hatte er gerade drei Bewerbungen geschickt. Er hat wohl geglaubt, es wäre normal. Das war nur großes Glück.

Und er will mich schwängern, ohne zu wissen, wann er wieder arbeiten wird. Er könnte sich wirklich mehr Mühe mit der Arbeitsuche geben. Was ist, wenn er keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld mehr hat und ich wegen Schwangerschaft nicht mehr arbeiten kann? Der Kredit für die Wohnung will auch zurück bezahlt werden. Und ich bin nicht mal Deutsch… Stimmt, da war noch was. Mit Urlaub, Umzug und Arbeitgeberwechsel habe ich es völlig verdrängt, mich um die doppelte Bürgerschaft zu kümmern. Da ich jetzt in einem anderen Bezirk wohne, muss ich sowieso zuerst wieder zum Standesamt, um nach einem erneuten Gespräch einen Antrag zu holen.

Vorstellungsgespräch abgesagt

Das ist so blöd, was heute Nachmittag passiert ist. Wir waren im Schatten auf der Terrasse einer Kneipe mit Martin und seinem Vater und tranken Bier (ein „Gespritztes“ mit Fassbrause für mich – es geht mir schon viel besser). Martin hat einen Anruf bekommen. Er hatte sich letzte Woche bei einer Firma beworben und die Frau wollte ihn nächste Woche Dienstag zu einem Vorstellungsgespräch einladen. Wir haben uns gefreut. Als wir nach Hause angekommen sind, ist er wieder angerufen worden. Die gleiche Frau am Telefon hat sich entschuldigt und den Termin abgesagt. „Aus internen Gründen“, die nicht genauer erläutert wurden. Martin hat sich erkundigt, ob es einen neuen Termin geben würde, aber anscheinend nicht. Wie unseriös ist das denn?

Bei der anderen Firma wartet er immer noch. Er hatte inzwischen zwei weitere Vorstellungsgespräche in Berlin und ihm wurde ein Angebot versprochen. Mündlich. Seitdem ist mehr als ein Monat vergangen. Die Chefin hat sich letzte Woche per Email gemeldet, es scheint für sie nicht einfach zu sein, von ihrer Verwaltung einen Gehaltsvorschlag zu bekommen. Das macht auch einen miesen Eindruck. Gut, dass er sich weiter woanders bewirbt.

Wenigstens hat er das Glück, dass er jetzt nicht alleine ist. Ich unterstütze ihn. Diese ewige Warterei und Absagen ohne Ende hatten mich ziemlich belastet, als ich noch vor zwei Jahren arbeitslos war.

Wie man ein Vorstellungsgespräch zum Scheitern bringt

Es gibt bestimmt viele Möglichkeiten. Diese kannte ich noch nicht. Uschi hatte es uns erzählt, aber ich hatte noch nicht darüber geschrieben.

Wir hatten vor einiger Zeit für mehrere Stellen in der Arbeitsgruppe eine Reihe von Kandidaten zu Besuch. Dabei hatte mir eine Kandidatin für die zweite Stelle einen guten Eindruck gemacht. Sie wirkte kompetent, hatte einen verständlichen Vortrag geliefert, was bei mir als Laie immer gut ankommt, und die Fragen danach gut behandelt. Beim Gruppengespräch fand ich sie sympatisch. Am Ende des Tages hatten wir mit Uschi über alle Kandidaten diskutiert. Er konnte sich nicht richtig entscheiden, mit einer kleinen Präferenz für diese Kandidatin. Ich dachte, sie hätte es geschafft.

Einige Tage später kam Uschi zu uns und meinte, er hätte sich für eine andere Person entschieden. Der Grund gegen die Kandidatin lag in ihrer Reisenabrechnung. Sie kam aus einem deutschsprachigen Nachbarland und war schon ein paar Tage vorher hierher geflogen. Mit ihrem Freund. Sie wollte die Gelegenheit nutzen, um mit ihm die Stadt zu besuchen. Beim Gruppengespräch hatten wir unter anderem über Sehenswürdigkeiten diskutiert. Ihr Hotel lag nicht weit weg vom Institut. Am Tag des Vorstellungsgespräches war sie aber mit Taxi gekommen und weggefahren, und hatte uns die Abrechnung dafür geschickt. Obwohl sie sehr gut Deutsch kann und mit öffentlichen Verkehrsmitteln hätte fahren können. Obwohl die Vorträge vormittags um 10:00 angefangen hatten, und sie locker Zeit gehabt hätte, um mit Bus und Bahn zu kommen. Das hat Uschi gar nicht gefallen. Er fand es unverschämt. Wir sind im öffentlichen Dienst, wir schwimmen nicht im Geld. Er meinte, sie würde uns zu Narren halten, wenn wir sie einstellen. Die Reisekosten haben wir bezahlt, und sie hat eine Absage bekommen. So einfach kann es also gehen.

Vorstellungsgespräche

Mal aus der anderen Seite erlebt.

Ich hatte schon in meiner früheren Uni als Gleichstellungsbeauftragte an Berufungskommissionen teilgenommen. Ich hatte dabei nicht viel zu tun. Ich musste vor allem darauf achten, dass alle Kandidaten fair behandelt werden und keine Diskriminierung statt findet. In unserer Uni hieß „Gleichstellungsbeauftragte“ für viele noch „Frauenbeauftragte“, und ich hatte als Vorgabe, mich für Frauen zu engagieren. Bei meiner ersten Berufungskommission wurde keine Frau eingeladen. Es gab ziemlich genau einen Kandidat. Es handelte sich um eine „Leer-Professur“, die zusammen mit einem Forschungszentrum laufen sollte. Das Forschungszentrum stellte das Geld zur Verfügung, die Uni war nur involviert, um das mit dem „Professor“ zu begründen. Dem Forschungszentrum ging es darum, einen bestimmten Forscher zu behalten, der schon woanders eine neue Stelle gefunden hatte. Es war gar nicht vorgesehen, dass andere Kandidaten sich bewerben. Als Gleichstellungsbeauftragte begann mein Job erst bei den Vorstellungsgesprächen an, ich hatte also wirklich nichts zu tun in diesem Fall. Bei meiner zweiten Berufungskommission wurden eine Frau und vier Männer eingeladen. Ich muss sagen, dass ich die Frau nicht empfehlen konnte. Ich weiß nicht mehr genau, welche Argumente die Mitglieder der Kommission gegen sie gefunden hatten. Meine Bemerkung hat den Ausschlag gegeben: Die Frau hatte einfach kein Forschungsprogramm vorbereitet und hatte während der Diskussion ihren potentiellen Kollegen gefragt, ihr zu sagen, worüber sie denn forschen sollte. Schlecht, wenn man sich auf einer Professur bewirbt. Es wird doch erwartet, dass man selbst eine eigene Forschungsrichtung entwickelt.

Heute war ich nur als zukünftige Kollegin bei den Gesprächen. Wir haben gerade zwei neuen befristeten Postdoc-Stellen mit Kooperationspartnern, und die ausgewählten Kandidaten haben sich heute bei uns vorgestellt und Vorträge gehalten. Unser Chef hatte uns vor zwei Wochen das Programm geschickt; es war mir heute Morgen schon völlig aus dem Kopf gegangen. Gut, dass meine Kollegen darüber gesprochen haben. Die Vorträge selbst habe ich nicht verstanden. Es ist nicht meine Fachrichtung. Vier Kandidaten haben sich vorgestellt, aber ich habe nur drei gesehen, die vierte Person hat den Vortrag über Internet gehalten, ich war nicht dabei. Eine Kandidatin fand ich spontan sehr sympathisch. Ihr Vortrag hat mir gar nicht gefallen. Fachlich kann ich nicht beurteilen, aber sie hatte auf einmal eine sehr unangenehme Stimme, eine arrogante Körperhaltung, und es war sehr mühsam, ihr zu folgen. Als die Fragen kamen, wirkte sie plötzlich wieder ganz anders. Ich habe erst dann gemerkt, dass sie nur extrem nervös beim Vortrag war. Unser Chef meinte danach, er hätte selber nichts verstanden. Und es ist sein Fach. Über den zweiten Kandidaten habe ich gar keine Meinung entwickelt. Zu fade. Der dritte Kandidat hat von weitem den besten Vortrag geliefert. Er gab den Eindruck, fachlich sehr gut zu sein. Er hat auch mehr Erfahrung als die anderen, die gerade ihre Doktorarbeiten abgeschlossen haben. Beim persönlichen Gespräch war er sehr entspannt. Mit Mieke hatten wir auf ihn gesetzt. Martin meinte, dass er zu entspannt wirkte. Er scheint sehr gut über die Mitarbeiter recherchiert zu haben, da er wusste, dass ich erst seit Juli hier arbeite (jetzt weiß ich, wer sich vor kurzem meinen Profil auf LinkedIn angeschaut hat). Über das Projekt für die Stelle wirkte er aber nicht so gut informiert zu sein, oder nicht sehr interessiert. Wir haben Martin gefragt, für wenn er sich am Ende entscheiden würde, und er konnte keine Antwort geben. Ich war kurz darauf, zu sagen, dass es so typisch wäre, da Martin mir unfähig erscheint, irgendwelche Entscheidungen zu treffen (sein schwankendes Verhalten mit mir zeigt, dass er nicht weißt, was er will – er hat auch, seitdem ich ihn kenne, schon drei mal seine Meinung darüber geändert, ob er sich eine Wohnung kaufen will oder nicht). Ich habe meine Bemerkung mit Mühe unterdrückt. Am Ende ist es unser Chef, der die Entscheidung trifft. Seine Beurteilung über die Kandidaten fand ich interessant. Den dritten Kandidat will er nicht unbedingt haben. Er meint, mit seiner Erfahrung müsste er mehr drauf haben, sein Vortrag war zu oberflächlich. Außerdem wäre die Gefahr vorhanden, dass er aufgrund seiner Erfahrung nicht unbedingt alles umsetzen würde, was sich unser Chef wünscht. Genau das Problem hätte er mit meinem Vorgänger erlebt. Andererseits wünscht er sich Leute, die nicht mit der Hand geführt werden müssen, die selbstständig arbeiten und ihre eigene Ideen mitbringen, damit er mit ihnen diskutieren kann – wofür man Erfahrung braucht. Das typische „frisch-aus-der-Uni-mit-zehn-Jahren-Erfahrung“-Profil.

Ich habe heute so gut wie gar nicht arbeiten können. Und am Donnerstag machen wir das gleiche Spielchen wieder, für die zweite Stelle.

Bewerbungsstatistik

Jetzt, wo ich meinen neuen Arbeitsvertrag unterschrieben habe, wollte ich mir die Statistik meiner Bewerbungen seit meiner Anmeldung als Arbeitssuchende[1] genauer anschauen. Ich habe ja für die Arbeitsagentur immer meinen Stand der Bewerbungen mit Excel bearbeitet, es sollte schnell gehen.

Insgesamt habe ich 149 Bewerbungen geschrieben. Für einige mag es sich unglaublich hoch anhören, aber es ist in meiner Branche nicht unüblich. Bei promovierten Akademikern in der Chemie habe ich häufig von 200 oder sogar 300 Bewerbungen gehört. Ich liege damit eher im unteren Bereich, ich hätte mehr Bewerbungen schreiben können. Von diesen 149 Bewerbungen habe ich 77,2% Absagen bekommen und bei 3,4% habe ich nicht mal eine Empfangsbestätigung bekommen. Es hat sich also seit der Zeit meiner Promotion vor zehn Jahren stark verbessert, weil damals aus meiner Erfahrung eine Empfangsbestätigung oder überhaupt eine Antwort eher die Ausnahme war. Bei 10,7% meiner Bewerbungen bin ich zu einem Gespräch eingeladen geworden. Aus den 19,5% übrig gebliebenen Bewerbungen, bei denen ich seit der Empfangsbestätigung nichts mehr gehört habe, wären wahrscheinlich auch Absagen geworden, da diese noch offenen Bewerbungen schon zu lange liegen[2]. Falls ihr euch in diesen Zahlen grob erkennt: Nur nicht aufgeben! Ein Freund hat mir letzte Woche von einem seiner ehemaligen Arbeitskollegen erzählt[3], der gerade nach zwei Jahren Arbeitssuche endlich etwas gefunden hat. Es gibt aber auch Fälle, wo Leute nicht mal 20 Bewerbungen geschickt haben und sofort erfolgreich wurden, siehe meine Kollegin.

Ich muss sagen, ich habe großes Glück mit dieser Stelle gehabt. Hätte sie nicht geklappt, wäre ich immer noch arbeitslos, hätte am Montag eine dreimonatige Weiterbildung in Qualitätsmanagement angefangen[4] und müsste heute an einem Gruppentreffen bei der Arbeitsagentur teilnehmen, um über die Beantragung von Hartz IV informiert zu werden[5]. Ich bin froh, dass es mir erspart wurde. Ich muss mich unbedingt bei Theo, meinem früheren Kollegen, bedanken, der mich meinem neuen Chef bei der Fachtagung in März vorgestellt hat. Es ist die einzige Stelle, bei der ich den Ausschreibungstext nicht gesehen hatte, weil sie nicht in einer Jobbörse stand sondern nur in einer von mir unbekannten Mailing-Liste bekannt gegeben wurde. Ich hätte mir echt gewünscht, dass meine ehemaligen Institutsleiter oder Chef, mit denen ich über zehn Jahren im gleichen Gebäude gearbeitet habe, mich so aktiv unterstützt hätten, wie dieser Kollege, mit dem ich nur kurz während meiner Diplomarbeit vor vierzehn Jahren über Email Kontakt hatte und den ich sonst so selten getroffen habe.

Jetzt bleibt mir nur noch, die Personalbearbeiter bei den noch offenen Bewerbungen zu informieren, dass meine Bewerbungen nicht mehr aktuell sind. Ich habe heute Morgen angefangen, und brauche noch einige Zeit dafür.

[1] Schon ein Jahr! Wie die Zeit vergeht…
[2] Ich habe heute Nachmittag einen Anruf verpasst. In der Nachricht sagte der Mann, er möchte sich mit mir über meinen Lebenslauf unterhalten.
[3] Ja, das berühmte „ein Freund von einem Freund“…
[4] Ohne Erfolgsgarantie bei späteren Bewerbungen in diesem für mich neuen Bereich.
[5] Bei der Stelle in Holland haben sie mich zwar ganz kurz nach dem Gespräch angerufen, aber doch nur um mir auf diesem Wege eine persönlichere Absage zu erteilen.

Ein Tag in Karlsruhe

Gestern war schon hart. Ich bin um 05:00 aufgestanden, um mit einem Zug gegen 06:00 zu fahren. Die Idee war, um die 09:00 in Karlsruhe anzukommen, um eine Stunde Zeit zu haben, bis zum Ort des Vorstellungsgespräches zu fahren. Es war warm, der Zug wurde schnell voll, es war eine gute Idee, einen Sitzplatz reserviert zu haben. Ich saß an einem Tisch. Auf der anderen Seite des Ganges saß eine Frau in Begleitung von einem Arbeitskollegen. Sie fuhren zu einer Stadt, deren Namen ich schon vergessen habe, um bei einer Messe Ergebnisse vor verschiedenen Firmen vorzustellen – das habe ich erfahren, weil sie sich die ganze Zeit mit einer Freundin am Telefon unterhalten hat. Sie war dabei so laut, dass ich beschlossen habe, mir im Speisewagen in Ruhe ein Croissant mit Kaffee als Frühstück zu gönnen. Als ich zehn Minuten später zurück kam, war sie immer noch am quatschen. Zum Glück sind wir dann durch Tunnels gefahren, die Verbindung wurde mehrmals abgebrochen, und sie hat eingesehen, dass es keinen Sinn machte, weiter telefonieren zu wollen.

In Karlsruhe ist mir erst aufgefallen, dass es ein sehr warmer Tag werden würde. Ich hatte eins vor der Fahrt vernachlässigt: Mich über das Wetter zu informieren. Mit meinem Kostüm war ich schnell verschwitzt. Ich habe die Jacke ausgezogen und bin mit öffentlichen Verkehrsmitteln zum Forschungszentrum gefahren. An der Pforte waren andere Gäste vor mir, die ebenfalls einen Besucherausweis brauchten. Es hat so lange gedauert, dass ich trotz schnellen Laufens mit fünf Minuten Verspätung zum Termin angekommen bin. Das Institut liegt gut zehn Minuten zu Fuß von der Pforte entfernt. Die Sonne hat auf dem Weg voll geknallt. Auf den Wiesen habe ich die gleichen gelben Blumen wie in meiner Heimat gesehen. Ich habe gedacht, allein wegen des Wetters wäre es schon toll, dort zu arbeiten.

Ich habe im Gebäude die Jacke wieder angezogen und bin zur ersten Etage gegangen. Von meinem Empfang bin ich enttäuscht gewesen. Die Organisatoren haben es scheinbar für unnötig gehalten, irgendwelche Getränke anzubieten – dass habe ich noch nie erlebt, ich hatte bei allen anderen Gesprächen immer mindestens einen Kaffee oder Wasser angeboten bekommen. Vor allem bei der Hitze hätte ich es gestern nötig gehabt. Es sagt für mich schon einiges darüber aus, wie das Wohlbefinden der Mitarbeiter an diesem Institut geschätzt wird. Ich bin zu einem Raum gebeten worden, der trotz vielen Fenstern sehr dunkel wirkte. Zwei Personen waren da, der noch junge Institutsleiter und die Gleichstellungsbeauftragte[1]. Der Institutsleiter hat sich am Tisch gegenüber von mir mit dem Rücken zu den Fenstern so platziert, dass ich ihn kaum sehen konnte: Ich habe die ganze Zeit mit einer dunklen Gestalt gesprochen, deren Gesichtszügen ich nicht mal erkennen konnte. Von dem Gespräch bin ich auch nicht überzeugt gewesen. Es war interessant, aber obwohl ich die Anforderungen erfülle, denke ich nicht, dass ich für die Stelle geeignet bin[2]. Nach dem Gespräch habe ich mit der Leiterin der Personalabteilung kurz gesprochen und einige organisatorischen Fragen geklärt.

Kurz nach 11:00 war ich schon fertig. Ich habe Michael, einen ehemaligen Kollegen, angerufen, der fünf Jahren in meinem früheren Institut gearbeitet hat, bevor er zum Forschungszentrum gewechselt ist. Er hat mir die Maschine gezeigt, die er jetzt am Synchrotron betreut. Wir haben über die Nutzer gelästert, die manchmal mit Proben ankommen, aber gar nicht wissen, was sie damit anstellen wollen, wobei ich mich dann frage, wie sie einen erfolgreichen Antrag auf Messzeit schreiben konnten – ich werde in Berlin bestimmt den gleichen Ärger bekommen. Wir haben mittags in der Kantine zusammen gegessen. Es war so warm, bestimmt um die 35°C, dass ich die Jacke meines Kostüms nicht mehr angezogen habe. Nach dem Mittagessen hatten wir eine lange Kaffeepause, und ich konnte danach andere wissenschaftliche Geräte sehen. Ich hatte für einen Zug um 17:00 reserviert und Michael hat mich zum Bahnhof mit seinem Auto gefahren.

Bei der Rückfahrt hat sich mein Ischias plötzlich wieder heftig gemeldet. Ich habe zum ersten Mal seit langem gedacht, wie schön es wäre, eine Diclofenac-Tablett dabei zu haben. Zum Glück war es mir im ICE bequem genug, und der Schmerz hat nachgelassen. Ich habe die Nürnberger Würstchen mit Kartoffelsalat im Speisewagen gegessen, ich wollte sie schon lange mal probiert haben. Das kühle Weizenbier dazu war super – der Speisewagen war der einzige Wagen ohne Klimaanlage. Der Zug hatte Verspätung und ich musste mit einem späteren Anschlusszug weiter fahren. Meine Mami hat mich angerufen, um über den Verlauf des Gespräches informiert zu werden, aber ich saß noch im Zug und die Verbindung war schlechter Qualität. Im Zug war auch eine Truppe von Rentnern anwesend, die sich auf der Treppe zwischen beiden Etagen niedergelassen hatte. Dabei war eine Frau, die so laut ihre Meinung über alles Mögliche ununterbrochen sagen musste, dass die Frau vor mir ausgerastet ist und selber noch angefangen hat, sich laut über die Frau zu beschweren. Ich war froh, aus dem Zug auszusteigen.

[1] Gleichstellungsbeauftragten habe ich allerdings bei Gesprächen in der Industrie nie gesehen, nur an Unis oder Forschungszentren.
[2] Außerdem habe ich vorgestern per Email eine gescannte Kopie meines neuen Arbeitsvertrages in Berlin bekommen, den unterschreibe ich am Montag.

Ich glaube nicht daran

Ich sitze gerade im Zug aus Holland zurück und habe noch etwa zwei Stunden, bis ich kurz nach 00:00 wieder zu Hause bin (und diesen Eintrag veröffentliche). Wenigstens ist das ältere Paar, das vor mir saß, endlich weg. Sie haben die ganze Zeit, wie soll ich sagen, schlechte Geruche von sich raus gelassen. Es war immerhin gut überlegt, eine Zugverbindung mit möglichst langen Umsteigezeiten zu planen. Alle Züge hatten heute Morgen mindestens 5mn Verspätung.

Mit dem Gespräch von heute Nachmittag bin ich nicht zufrieden. Wir haben vieles diskutiert, auf Englisch, und ich habe gezeigt, dass ich fachlich sehr gut für die Stelle passe, trotzdem denke ich, es wird ein Flop. Ich glaube langsam, mir fehlt bei Vorstellungsgesprächen einfach an Arroganz, um in der freien Wirtschaft zu arbeiten. Es fällt mir schwer, zu behaupten, dass ich besser als andere Kandidaten bin, die ich nicht kenne, und das auch noch zu begründen, obwohl es offensichtlich von mir erwartet wird. Mann, wie ich diese blöden Fragen hasse, selbst wenn ich mir längst eine parate Antwort überlegt habe. Es ist für mich fast genauso schlimm wie die Frage, warum man sich bei einem bestimmten Unternehmen beworben hat. Dass man arbeitslos ist, nach Arbeit sucht und auf der Profilbeschreibung passt, darf man nicht sagen. Nein, man muss immer irgendwas erzählen, um glaubhaft zu machen, dass man in erster Linie eine große Vision hat und nicht daran interessiert ist, Geld zu verdienen. Hypokrisie pur. Ich habe etwas erzählt, das meiner Meinung nach für die Firma eine wichtige Entwicklung in der Software für Datenverarbeitung wäre (sie stellt analytische Instrumente in meiner Branche her). Es war ein kompliziertes Thema, aber der Gruppenleiter hat ja gesagt, dass er Physik studiert hat. Ich habe den Eindruck bekommen, er hat doch nicht verstanden, was ich ihm gesagt habe. Und hat deswegen eine Reaktion gehabt, die für mich blöde Situationen verspricht, falls ich dort arbeiten sollte: Er hat dann behauptet, es wäre wahrscheinlich gar nicht nötig, diesen Punkt zu verbessern. Obwohl er am Anfang noch gesagt hatte, ein Ziel wäre es, besser als eine andere bestimmte konkurrierende Firma zu sein, bei der ich weiß, dass genau dieser Punkt eine schwache Stelle ist. Eine Dank-Email muss nach einem Vorstellungsgespräch geschickt werden, ich glaube, ich hänge dran mein Poster der letzten Tagung als PDF, in dem ich das Problem genauer beschrieben habe. Tja, ich dürfte spätestens in zwei Wochen Bescheid wissen. Wenn ich nichts höre, brauche ich dann nicht länger zu warten.

Ich werde mich jetzt damit beschäftigen, den Flug zu meinen Eltern zu buchen. Ich muss noch morgen die ganzen Reisekosten dieser Woche beantragen, ein Blatt zur Arbeitsagentur für die Weiterbildung schicken, und eventuell mit Mei mittags essen gehen, falls sie das zwischendurch nicht vergessen hat und ich früh genug aufwachen kann. Ich bin jetzt wirklich müde. Gut, dass ich auf meinem Laptop einige meiner CDs kopiert habe. Eine gefällt mir sehr, die ich gerade höre: Flamenco arabe von Hossam Ramzy an der Tabla und Jose Luis Monton an der Gitarre. Einfach herrlich, diese beide Musiker zusammen. Gerne hätte ich eine Choreographie darüber gelernt, aber meine damalige Bauchtanzlehrerin wollte es nicht. Sie mag Hossam Ramzy nicht, sie findet seine Musik zu klassisch. Schade.