Eigentlich will ich nicht mehr

„Hast du an deinem Antrag weiter gearbeitet?“ fragte mich heute Winfried nach unserem wöchentlichen Meeting. Gemeint war mein DFG-Antrag, den wir seit einem Jahr ständig umschreiben und der mir eine weitere Finanzierung ermöglichen soll, nachdem mein Vertrag am Ende des Jahres ausläuft. Vorausgesetzt, der Antrag wird nicht abgelehnt.

Winfried ist gerade aus dem Urlaub zurück gekommen. Drei Wochen war er weg. Drei Wochen, in denen ich nach Lust und Laune an meinen Programmen frei arbeiten konnte. Programm#1 hatte ich in einem schlechtem Zustand bekommen, als ich seine Entwicklung vor vier Jahren übernommen hatte. Damals kannte ich mich noch nicht mit Python aus. Ich habe schlechte Programmiergewohnheiten aus dem Code meines Vorgängers gelernt. Heute weiß ich besser Bescheid. Programm#1 funktionierte ja, aber ich habe im Laufe der Zeit erkannt, dass er von jemandem geschrieben wurde, der Python mit Fortran-Denkmustern missbraucht hat. Grauenhaft. Da ich drei Wochen Ruhe hatte, habe ich den Code grundsätzlich gereinigt. Das wird mir oder meinen Nachfolgern in Zukunft viel Zeit sparen, um weitere Funktionalitäten einzubauen.

Was ich in den drei Wochen nicht gemacht habe, ist, an dem DFG-Antrag zu arbeiten. Bis heute Morgen, als ich ahnte, dass die Frage kommen würde. Also habe ich ganz schnell einen neuen Absatz mit Abbildung geschrieben. „Ja, habe ich,“ konnte ich Winfried ehrlich antworten. „Aber eigentlich habe ich keinen Bock,“ habe ich unerwähnt gelassen.

Fakt ist, ich habe keinen Bock mehr. Die Arbeit an meinen Projekten macht mir weiterhin Spaß, aber wenn ich sehe, wie sich unsere Gruppe entwickelt, würde ich lieber meinen Vertrag auslaufen lassen und die Arbeitslosigkeit mit offenen Armen empfangen.

  • Mr Keen hat jetzt einen permanenten Vertrag, und der blosse Gedanke, ihm langfristig täglich begegnen zu müssen, gibt mir Magenschmerze. Ich könnte kotzen, und es ist nicht übertrieben. Ich kriege wirklich einen schweren Klumpen im Magen, wenn ich zu sehr darüber nachdenke. Aber ich habe genug über ihn geschrieben.
  • Es gibt meinen zum Glück nicht mehr Zimmergenosse, dem ich hier immer noch keinen Namen gegeben habe und der jetzt mit meinem armen IT-Kollegen sitzt. Soll er Moritz heißen. Moritz hat auch eine unbefristete Stelle und ist zu unserer Gruppe infolge einer Umstrukturierung gekommen. Ich kann ihn mittlerweile nur noch schwer ertragen, wenn er mit uns Mittagspause macht (auch einer, der meint, mit vollem Mund reden zu müssen) oder im Meeting sitzt (und immer ganz laut blöde Kommentare abliefert, die nur er lustig findet). Nervig finde ich, wie er seit einem halben Jahr über seine Fußschmerze jammert, ohne die logische Konsequenz daraus zu ziehen: Abzunehmen. Das würde ihm und seinem schwer belasteten Fuß viel besser tun, als die ganzen Maßnahmen, die er bis jetzt verordnet bekommen hat. Nee, zu anstrengend für ihn. Wie die Arbeit, wirklich. Wie stolz erzählt er, dass er morgens und abends an dem Zeiterfassungsgerät, das am weitesten liegt, sich abstempelt, um gut fünf Minuten gratis am Tag auf seinem Überstundenkonto zu bekommen! Er beschwert sich immer, dass die Arbeitsbedingungen und das Geld besser sein könnten, ist aber selber ein echt fauler Sack. Ganz die Vorurteile, die man über Betriebsradmitgliedern hört. Das ist er nämlich. Was er in seiner Anwesenheitszeit im Büro wirklich treibt, außer ganz laut zu telefonieren, weiß keiner. Nicht mal Winfried, würde ich behaupten.
  • Über Nina, die Nachfolgerin von Mieke, habe ich noch nichts erzählt, aber sie geht mir gewaltig auf dem Keks. Egal, was man sagt, muss sie immer grundsätzlich widersprechen. Sie ist auch die Erste, die über Anderen lacht, selbst wenn sie nicht wirklich versteht, worum es geht. Verstehen tut sie eigentlich selten. Sie ist zu uns vor einem Dreivierteljahr gekommen, um das Chemielabor zu leiten. Das macht sie gut. Nehme ich an. Ich bin ja so gut wie nie im Labor. Was sie gar nicht kann, und auch nicht muss, ist, Messungen an unseren Geräten durchzuführen. Sie hatte mir mal am Anfang aus Neugier Fragen gestellt, und es ist klar, dass sie von der Messmethode und der ganzen physikalischen Theorie dahinter noch nie etwas gehört hatte. Das ist in sich nicht schlimm. Was ich aber nicht ertragen kann, ist, wie sie sofort am Anfang in den Meetings laut über unsere Nutzer gelacht hat, oder „Tss tss tss“ und „wie kann man nur“ von sich gegeben hat, wenn wir erzählten, dass sie Probleme an den Geräten verursacht hatten. Die Details waren dabei so technisch, dass sie als Neulinge und Laie sie kaum verstehen konnte. Nein, sie reagiert nur auf den Tonfall der Stimme des Erzählers. Eine ziemlich blöde Zicke.

Man könnte meinen, dass ich mit allen meinen Kollegen nicht klar komme. Das stimmt nicht. Meine IT-Kollegen sind ganz in Ordnung. Mit Kate unternehmen wir sogar ab und zu etwas außerhalb der Arbeit. Seitdem ich aus dem gemeinsamen Zimmer ausgezogen bin, geht es besser. Vielleicht hat sie jetzt gelernt, selbstständig mit ihrem Rechner umzugehen, da ich nicht mehr da bin, um alle ihre spontanen Fragen zu beantworten. Oder sie fragt jetzt die anderen Zimmergenossen. Florian, unser letzter zugekommener Wissenschaftler, ist auch ganz lieb. Vielleicht zu lieb. Er bemüht sich immer, sich mit allen, aber auch wirklich allen, gut zu verstehen. Selbst wenn Leute ihn nerven. Über Nina hat er sich schon bei mir beschwert, wenn sie sich besonders blöd angestellt hat, aber er verhält sich selbst mit ihr äußerst freundlich. Das könnte ich nicht. Moritz hat er sogar mit einem Spitznamen versehen, und er kennt alle Pförtner am Empfang mit Vornamen. Unheimlich. Vielleicht nerve ich ihn, kriege es aber nicht mit, weil er sich immer so freundlich verhält. Über zu viel Freundlichkeit will ich mich auch nicht beschweren, das ist so untypisch.

Also, obwohl ich mich mit vielen in der Gruppe halbwegs gut verstehen kann, braucht es nur einige wirklich nicht auszuhaltenden Persönlichkeiten, um mir die Stimmung komplett zu verderben. Schlimm, wenn diese Personen noch bis zu ihrer Rente in der Gruppe bleiben werden. Da denke ich, lieber arbeitslos werden, als länger dort zu arbeiten. Ich hatte ja vor sechs Wochen ein Vorstellungsgespräch, aber ein anderer Kandidat wurde gewählt, der besser zur Stellenbeschreibung passt. Zur Stellenbeschreibung, die auf der Webseite der Firma veröffentlicht wurde. Die, auf die ich mich beworben hatte, hatten sie in einer Fach-Mailinglist gepostet, und sie passte wunderbar zu meinem Profil… weil ich vermute, dass das Copy-Paste nicht richtig funktioniert hatte, da es nur einen Teil der Beschreibung auf der Webseite war. Der fehlender Teil war wohl wichtiger. Immerhin haben sie mir geschrieben, dass ich einen großen Mehrwert ins Team bringen würde, und sie melden sich im Herbst, um mir eine Stelle ab dem nächsten Jahr anzubieten. Falls sie nicht zwischendurch ihre Meinung geändert haben.

Morgen habe ich frei

Aber stressig wird es definitiv, obwohl ich mein Bestes tue, um mir keinen Kopf zu machen. Ich werde morgen nämlich nach München reisen. Denn: Ich bin zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen worden! Und das, nachdem ich schon vor drei Wochen ein Telefongespräch hatte!

Die Stellenanzeige hatte ich vor anderthalb Monat in einer abonnierten Fach-Mailing-Liste entdeckt und ich war begeistert, weil sie ziemlich genau meinem Profil entsprach. Im Gegenteil zu meinen bisherigen Bewerbungen seit dem Anfang des Jahres. Ich habe mich sofort beworben, und dabei die Webseite des Unternehmens besucht. Die Stelle war dort auch zu finden, allerdings war die Liste der Anforderungen viel länger als die Version der Mailing-Liste, auf der ich mich beworben hatte. Es klang mehr wie die Suche nach der eierliegenden Wollmilchsau. Bei den zusätzlichen Kompetenzen, die der Kandidat haben sollte, habe ich nicht so viel Erfahrung. Laborarbeit, chemische Syntheseverfahren, habe ich in meiner aktuellen Arbeit auch an einfachen Systemen gemacht, aber meistens bin ich nur am Programmieren und Daten auswerten. Im Laufe des telefonischen Vorstellungsgesprächs wurden diese Punkte erwähnt, wobei mein eventuell zukünftiger direkter Chef meinte, es wäre kein Beinbruch, sich das zusätzliche Wissen anzueignen. Stimmt auch.

In dem Gespräch wurde erwähnt, dass nur vier Kandidaten telefonisch kontaktiert werden. Schon mal nicht schlecht. Der Chef der Firma wollte sich persönlich bei mir melden, um mich zu informieren, ob ich vor Ort bestellt werde, also werden von den vier Kandidaten nicht alle eingeladen. Das ist für mich schon eine tolle Leistung, wenn ich so durch das zweite Filter weiter komme. Außerdem soll die Stelle von vorne rein unbefristet sein, und der Firma soll es wirtschaftlich sehr gut gehen. Mal schauen, wie sie auf meine Gehaltsvorstellung reagieren.

Sollte es wirklich klappen, würden wir nach München umziehen. Bei den Immobilienpreisen, eher in der Umgebung von München. Ich wäre echt traurig, unsere jetztige Wohnung verlassen zu müssen. Mit unserer schön eingerichteten Terrasse, all die Pflanzen, und wir haben für den Sommer neue, teure Renovierungsarbeiten im großen Badezimmer bestellt… Ob wir die Wohnung dann vermieten oder verkaufen würden, bleibt zu sehen. Der Ehemann hat gerade eine neue Stelle angefangen, es wäre vielleicht besser, wenn er zuerst ein paar Monate hier bleibt und Erfahrungen sammelt, bevor er sich anderweitig bewirbt. Obwohl er meint, dort grundsätzlich mehr Chancen als in Berlin zu haben. Eine Fernbeziehung will er aber nicht.

Ich sollte jetzt ins Bett gehen und aufhören zu grübeln. Ich muss ja morgen früh zum Flughafen. Und zuerst muss das Gespräch gut laufen, bevor wir weitere Pläne machen.

Ein Anruf der Arbeitsagentur

Ich bin letzte Woche im Urlaub angerufen worden. Die Nummer war versteckt, auf dem Display stand nur „Privat“. Normalerweise Grund genug für mich, um nicht ran zu gehen. Vor allem, da ich mich im Ausland befand und mit meinem O2 Vertrag für jeden eingehenden Anruf 0,75€ zahlen muss. Aber vielleicht war es doch etwas Wichtiges. Ich bin also vorsichtig mit meinem in solchen Fällen üblichen, nichts verratenden französischen „Allo?“ ran gegangen. Nach einer kurzen Verzögerung: „Guten Tag, ich bin Frau Dingsbums von der Arbeitsagentur, mit wem rede ich?“ Da sie angegeben hatte, von der Arbeitsagentur zu sein, habe ich nach einer ebenfalls kurzen Verzögerung meinen Nachnamen verraten. „Gut, das ist die Person, mit der ich reden wollte.“ Eine gute Dosis typisches deutsches Misstrauens, gleich am Anfang vom Gespräch.

Ab dem Zeitpunkt habe ich mich schon gefragt, warum sie mich anruft. Hätte ich meinen Arbeitsvertrag nicht verlängert bekommen, wäre ich ab dem 1. März arbeitslos geworden. Mein Vertrag wurde aber verlängert. Ich hatte natürlich schon im Februar meine Daten auf der Jobbörse der Arbeitsagentur aktualisiert, sobald ich den Vertrag unterschrieben hatte. Also hatte ich es sofort versucht. Das hatte sich als doch nicht so einfach erwiesen. Dazu eine etwas längere Erläuterung.

Ich habe mich schon mehrmals als Arbeitssuchende eintragen müssen. Beim ersten Mal, nach meiner Doktorarbeit, als eine Internet-Verbindung zu Hause für mich noch nicht in Frage kam, hatte ich zusammen mit einer Bearbeiterin des noch Arbeitsamtes ein Profil samt Lebenslauf erstellt. Ich habe erzählt und sie hat eingetragen. Ich habe mich danach für die kurze Dauer der Arbeitslosigkeit nicht mehr darum gekümmert, da ich keinen Zugang zu meinen Daten hatte. Ich hatte sowieso keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld und musste daher keine Bewerbungsversuche vorweisen, da ich, zu meiner großen Überraschung, in den dreieinhalb Jahren meiner Beschäftigung an der Uni keinen Beitrag zur Arbeitslosenversicherung bezahlt hatte. Ich konnte damals beim Unterschreiben vom Arbeitsvertrag kein Deutsch, aber es wurde drin auch nicht erwähnt… Oder lag es daran, dass ich gleichzeitig als Doktorandin an der Uni angemeldet war und somit einen Studentenstatus hatte? Wie auch immer.

Viele Jahre später, als ich wegen des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes und trotz vieler Bewerbungen wieder arbeitslos wurde, habe ich mit neuen Zugangsdaten von zu Hause aus mein Lebenslauf aktualisieren wollen. Dabei ist mir aufgefallen, dass die Bearbeiterin Jahre zuvor ziemlich viel Müll reingeschrieben hatte. Bestimmte Stichwörter passten nur ungenau, einige Fähigkeiten stimmten einfach nicht. Die Beschreibung von Tätigkeiten lag total daneben. Blöderweise konnte ich nichts editieren, weil ich keine Rechte dazu hatte. Für meinen eigenen Lebenslauf in meinem eigenen Profil! Ich habe die Jobbörse deswegen nicht mehr benutzt und mir die Mühe auch nicht gegeben, die neuen Arbeitserfahrungen zu erfassen. Es war auch nicht so, als ob ich jemals von einem Arbeitgeber über diese Plattform kontaktiert worden wäre…

Ich habe mich zuletzt im Dezember als Arbeitssuchende gemeldet. Mit Verspätung, da ich auf Arbeit ziemlich viel zu tun hatte, und erst nachdem mir bewusst wurde, dass es ganz bequem online geht. Wenn man Zugangsdaten hat. Meine alten Daten habe ich nicht mehr gefunden. Außerdem war ich umgezogen, hatte inzwischen geheiratet und einen neuen Namen… Viel einfacher, sich ein neues Profil anzulegen. So konnte ich sauber mein Lebenslauf von vorne richtig angeben, damit die Jobbörse doch nützlich wird. Einige Zeit später bin ich von einer freundlich klingenden Frau der Arbeitsagentur angerufen worden, um Details über meine Anmeldung zu besprechen. Ich habe erwähnt, dass ich früher schon als Arbeitssuchende angemeldet war, und sie meinte, sie würde beide Konten zusammenfügen. Ich habe darauf bestanden, das alte Lebenslauf zu vergessen und nur das neue zu behalten. Kurz danach kamen Briefe mit neuen Zugangsdaten. Meine gespeicherten Nutzernamen und Passwort, die ich mir mühsam ausgesucht hatte, konnte ich vergessen.

Als ich im Februar die Verlängerung von meinem Arbeitsvertrag in der Jobbörse angeben wollte, habe ich die neuen Zugangsdaten benutzt. Es ging nicht. Eine Nachricht ist erschienen, in der stand, dass mein Konto stillgelegt wurde und ich mich an eine Hotline wenden musste. Am Telefon habe ich dann erfahren, dass die Stilllegung aufgrund der Zusammenfügung meiner alten und neuen Konten statt gefunden hatte. Die Frau hat mir neue Zugangsdaten am Telefon diktiert und das Konto entsperrt. Warum hatte ich dann im Dezember nach dem ersten Telefonat neue Zugangsdaten bekommen? Und warum bin ich nicht schriftlich über die Sperrung von meinem Konto in Kenntnis gesetzt worden? Das weiß nur die Arbeitsagentur, falls es wirklich eine Begründung dafür gibt. Und beim Bearbeiten von meinem Lebenslauf habe ich festgestellt, dass es neue Einträge gab… Alle meine bisherige Einträge wurden dupliziert, aber die Kopien darf ich nicht editieren. Die Kontenverwaltung bei der Jobbörse ergibt für mich keinen Sinn.

Ich habe also im Februar die Verlängerung meines Arbeitsvertrages angegeben, und war deswegen nicht wenig überrascht, letzte Woche von der Arbeitsagentur angerufen zu werden. Das oben angefangene Gespräch lief in etwa weiter so: „Sie haben angegeben, bis zum 28. Februar beschäftigt zu sein.“ „Äh, nein, mein Arbeitsvertrag ist verlängert worden, wie ich in meinem Lebenslauf in der Jobbörse eingetragen habe.“ „Sie hätten sich am 1. März als arbeitslos in der Arbeitsagentur persönlich anmelden sollen.“ „Wie gesagt, mein Arbeitsvertrag wurde verlängert, ich bin nicht arbeitslos. Das habe ich in meinem Lebenslauf bereits angegeben.“ Kurze Pause. „Ah ja, sehe ich…“ „Habe ich etwas vergessen zu tun, um Sie darüber in Kenntnis zu setzen?“ „Hmm, dann sollten Sie aber am ersten Tag der Arbeitslosigkeit zur Arbeitsagentur kommen, um sich als arbeitslos anzumelden. Sie können es aber auch früher machen, Sie müssen nicht bis Ende Dezember warten.“ Erstaunen meinerseits, das wusste ich nicht und es trifft sich gut, da ich sonst am 2. Januar dort erscheinen soll, was den üblichen längeren Besuch bei den Eltern ausschließt. Meine Frage hatte sie aber nicht geantwortet. „Was hätte ich zusätzlich machen sollen, damit Sie wissen, dass ich doch nicht ab dem 1. März arbeitslos bin?“ Keine Antwort, sondern gleich die Ankündigung: „Dann werde ich Sie wohl als Arbeitssuchende abmelden.“ „Nein, bitte nicht! Bis Dezember ist es nicht lang, ich will weiter als Arbeitssuchende bleiben!“ „Na gut, ich melde Sie nicht ab. Auf Wiederhören!“

Ich muss prüfen, dass ich immer noch als Arbeitssuchende gemeldet bin. Wenn ich weiß, wo ich danach suchen muss. Sonst verpenne ich bestimmt wieder die nächste Anmeldefrist.

Dienstreise abgesagt

Ich hätte heute zu einer Tagung fahren sollen. Aber. Mir geht es immer noch nicht so gut, wie ich es erwartet hatte. Ich habe schon im Urlaub gemerkt, dass ich noch psychologisch ziemlich instabil bin. Ich kriege häufig einen Kloß im Hals und muss mich dann zusammen reißen, um nicht auf der Stelle in Tränen auszubrechen. Auch wenn ich abgelenkt bin. Wie soll ich da für ein paar Tage weit weg verreisen und einen Vortrag halten?

Zum Glück habe ich den besten Chef überhaupt, den man sich wünschen kann. Nicht nur, dass er mich während der Schwangerschaft so viel unterstützt hat, jetzt zeigt er nach der Fehlgeburt so viel Verständnis! Wenn ich nicht in der Lage bin, zur Tagung zu fahren, soll ich aus gesundheitlichen Gründen absagen. Punkt. Gemacht. Ein Nachgeschmack von Versagen ist trotzdem da. Die kleine Stimme flüstert mir ins Ohr, „Stell dich nicht so an, du Jammerlappen!“. Körperlich geht es mir ja gut. Die Stimme weiß nicht, wovon sie redet.

Ich brauche noch Zeit für mich, um mich besser zu fühlen. Ich habe mich heute um mich gekümmert. Statt zur Arbeit zu fahren, bin ich zuerst zum Fitnessstudio gegangen. Anderthalb Stunde Wassergymnastik, obwohl die Frauenärztin mich davon abgeraten hatte. Ich habe zwei Kurse hintereinander mitgemacht. In der Sauna war ich auch[1]. Danach habe ich zu Hause gearbeitet. Mein Hausarzt hatte mir angeboten, mir nach Bedarf nach dem Urlaub eine neue Krankschreibung zu geben. Das will ich zur Zeit nicht, weil ich zu Hause arbeiten kann.

Der Arzt hatte mir auch Antidepressiva verschrieben, weil ich Schlafprobleme hatte. Ich habe die Tabletten gekauft, aber noch nicht benutzt. Depressiv bin ich nicht. Ich will die ganze Zeit heulen, das ist doch das Gegenteil von einer Depression, wo man sich nur noch leer und antriebslos fühlt. Was sollen die Tabletten? Womöglich ändern sie mein Verhalten, und dann bin ich nicht mehr ich. Das fand ich schon furchtbar, als ich die Pille ausgesetzt hatte. Da ich keine Gefahr für mich selbst darstelle, sehe ich nicht ein, dass ich Antidepressiva schlucken sollte. Außerdem schlafe ich wieder gut, seit letzter Woche.

Ich bleibe also zu Hause, statt nach Skandinavien zu fliegen. Mit den Streiks an den Flughäfen hätte ich sowieso nicht fliegen können. Wie gut, dass ich mich immer noch nicht darum gekümmert hatte, Flug und Hotel zu buchen. Die Folien zu meinem Vortrag habe ich den Veranstaltern geschickt. Ein der Veranstalter ist eigentlich Uschi, unser ehemaliger Chef. Er kennt mein Thema und hat sich angeboten, um den Vortrag für mich zu halten. Ich habe dadurch weniger schlechtes Gewissen, nicht zur Tagung zu fahren. Theoretisch hätte ich auch von zu Hause aus mit Skype oder ähnliches den Vortrag halten können. Mir fehlt dafür die Ausstattung. Weder Mikrofon noch Kamera habe ich am Rechner angeschlossen. Ich habe sowas nie gebraucht.

[1] In der Dusche bin ich einem gut gebauten jungen schwarzen Mann begegnet, und ich war schockiert darüber, wie sehr ich mich plötzlich zu ihm angezogen gefühlt habe. Wilde Fantasien sind mir durch den Kopf gegangen. Das nach einer frischen Fehlgeburt, und obwohl ich doch so glücklich verheiratet bin! Ein Eisprung ist auch nicht so schnell zu erwarten, der solche Hormonschübe erklären würde. Ich habe schließlich immer noch Schmierblutungen. Ich habe mir die Haare schnell gewaschen und bin aus dem Wellnessbereich auch schnell weg gegangen.

Unwohl

Heute habe ich keine Lust, irgendwas zu essen. Ich spüre kaum Hunger, eher eine ganz leichte Übelkeit, die zum Glück verschwindet, wenn ich eine Kleinigkeit esse. Krackers sind da gut. Schokolade ist keine gute Idee, habe ich festgestellt. Danach fühle ich mich zu voll, und mein Puls fühlt sich unangenehm an. Wieder bin ich müde. Nein, nicht wirklich. Ich fühle mich erschöpft, aber es ist kein Verlangen nach Schlaf. Ich spüre einen Druck auf dem Gesicht. Auf beiden Schläfen, auf den Augen, auf der Stirn, oben auf der Nase. Leichter Kopfschmerz. Kenne ich. Ich weiß, womit es zu tun hat, und die Schwangerschaft ist es nicht. Die Erkältung auch nicht, die immer noch ein bisschen rum hängt. Ich bin sauer. Stinksauer. Ich habe auf Arbeit eine Nachricht gehört, die ich nicht verdauen kann.

Und zwar haben wir gerade die Gelegenheit, in der Arbeitsgruppe mehr permanenten Stellen zu fordern. Wir haben nach einer internen Evaluierung gute Aussichten für eine zusätzliche Dauerstelle. Und wen hat Winfried so nebenbei vor der Gruppe vorgeschlagen? Mr Keen! Ich habe zuerst gedacht, ich höre nicht richtig. Von allen, die in Frage kämen, fällt Winfried nichts besseres ein?

Ich weiß, ich kann ihn seit seinem Vorstellungsgespräch nicht leiden. Es ist schon mal physisch. Er schwitzt ständig in den Händen, es ekelt mich, wenn er meint, mich zum Geburtstag mit einem Handschlag gratulieren zu müssen. Igitt. Vom Anfang an ist es klar, dass ihn nur eines interessiert: Eine Dauerstelle zu bekommen. Noch besser: Als Chef. Die Art, wie er gleichzeitig versucht, das Gegenteil zu zeigen, ohne zu merken, wie durchschaubar er ist, finde ich lächerlich. Zum Beispiel, als wir über einen Nachfolger für Uschi diskutiert hatten. Dabei ist er jemand, der sich vor dem Chef immer begeistert zeigt, aber vor uns nur stöhnt und sich beschwert, wenn er Aufgaben bekommt. Und der gerne prahlt, auch wenn Sachen gut laufen, ohne dass er dafür etwas gemacht hat. Obendrauf verliert er keine Gelegenheit, über Kollegen hinter ihren Rücken schlecht zu reden. Über mich, aber auch über anderen. Und die Art wie er sich mit Kate verhalten hat… Das stimmt, vieles davon erfährt Winfried natürlich nicht. Weil Mr Keen sich anders vor ihm als vor uns verhält. Das alleine zeigt schon, was für ein Heuchler er ist. Aber wenn ich Winfried jetzt aufkläre, bin ich vermutlich die, die lästert und „einfach nur neidisch ist“. Besser nichts sagen.

Natürlich bin ich von Winfried enttäuscht. Immerhin hatte er mir vor zwei Jahren gesagt, er würde mich entfristen wollen. Davon ist seitdem nie wieder was zu hören gewesen, und ich vermute, die Bauchhöhlenschwangerschaft muss damit zu tun haben. Aber es ist nicht das, was mich vor allem sauer macht. Ich kann verstehen, dass er eher jemanden braucht, der an die Weiterentwicklung unserer Geräte arbeitet. Das ist für unseren Betrieb wichtiger als irgendwelche Software zu entwickeln. Mr Keen arbeitet hauptsächlich an den Geräten. Das tut auch Florian, der seit dem Sommer bei uns arbeitet. Und ich muss sagen, seitdem er da ist, läuft die Arbeit an den Geräten viel besser. Florian ist wirklich das Gegenteil von Mr Keen. Er arbeitet mit Begeisterung und engagiert sich total in seinen Aufgaben. Er hat sich unglaublich schnell eingearbeitet, hat gute Ideen und zeigt Initiative, statt wie Mr Keen alles nach Anweisung vom Chef zu machen. Wenn, dann wäre die Wahl für eine Dauerstelle bei ihm viel sinnvoller gewesen. Ich weiß noch, wie sich Mr Keen bei den Vorstellungsgesprächen gegen Florian geäußert hatte. Jetzt spielt er mit ihm den besten Kumpel. Und die Kollegen fallen rein, obwohl sie mitbekommen haben, wie sehr er gegen ihn war. Ich verstehe nicht, wie alle so blind bei Mr Keen sein können. Wirkt sein pummeliges Kleinkind-Gesicht wirklich so unschuldig? Selbst Kate scheint wieder mit ihm gut befreundet zu sein.

Ein bisschen klingt die Situation wie in meinem Traum vor einem halben Jahr. Schwanger bin ich auch noch. In dem Traum war etwas definitiv wahr: Ich kann die Idee nicht aushalten, langfristig mit Mr Keen in Kontakt zu bleiben. Ich habe mir heute die Zeit genommen, um mehr Bewerbungen zu schreiben. Lieber flüchten. Aber gibt es nicht überall andere Mr Keen? Eine ähnliche Situation hatte ich in meinem früheren Institut ja erlebt. Es ist deprimierend zu sehen, wie große Klappen vor Kompetenzen bevorzugt werden. Ich glaube leider nicht, dass meine Chancen auf dem Arbeitsmarkt besser als vor dieser Stelle stehen, obwohl ich meine Erfahrungen deutlich erweitert habe. Jetzt bin ich vierzig, und ich habe das Gefühl, beruflich in einer Sackgasse zu stecken. Firmen interessieren sich nicht für alte Akademiker. Wenigstens hat mich das Wegbewerben vom Ärger abgelenkt.

Immer noch krank

Ich dachte, mir ginge es besser. Ich schlafe wieder besser, seit dem Wochenende. Ich war heute Morgen trotzdem müde beim Aufwachen. Und nach der Mittagspause habe ich mich plötzlich schlecht gefühlt. Zu warm, schwindelig, unfähig, zu lange an etwas zu arbeiten… Ich habe meine Sachen gepackt und bin um zwei nach Hause gefahren.

Kurz vorher noch Winfried angerufen, um Bescheid zu sagen: „Alles klar, riskiere nichts und erhole dich“, war seine Antwort. Ich habe noch nicht erzählt, wie großartig Winfried als Chef ist.

Ich habe ihm schon letzte Woche mitteilen müssen, dass ich schwanger bin. Ich darf ja nicht mehr im Labor arbeiten, oder unsere Messgäste für Experimente einweisen, oder sogar Rufbereitschaft machen. Es musste für meine kommenden Tätigkeiten dringend für Ersatz gesorgt werden. Ich war ganz nervös, als ich ihn angerufen hatte. Uschi, unser ehemaliger Chef, hatte schon mal einer Bewerberin, an die er interessiert war, doch nicht die Stelle angeboten, weil sie ihm im Nachhinein zugegeben hatte, schwanger zu sein.

Winfried hat auf die Nachricht ganz toll reagiert und mir gratuliert. Mein nächster Arbeitsvertrag ist unterwegs und daran ändert sich nach der Ankündigung nichts. Er hat nochmal bei der Personalabteilung angerufen und mir erklärt, dass ich gerne die benötigte Monate um die Geburt aussetzen und am Ende vom Vertrag anhängen kann. Und als ich gestern wieder auf Arbeit war und in seinem Büro stand, meinte er, ich sollte mich zu Hause einrichten, um vor dort aus zu arbeiten. Es wäre kein Problem, ich müsste nur mit der Personalabteilung darüber reden. Und Austattung wie neuen Rechner, Bildschirm usw. würde er mir für zu Hause besorgen. Was will man mehr?

Beleidigt

Ich habe es geschafft, Mr Keen zu beleidigen.

Am Samstag war ich bei der Arbeit. Ich hatte endlich Zeit, um selber Experimente zu machen. An anderen Geräten waren Gäste beschäftigt. Eine Gruppe von Wissenschaftlern habe ich noch eingewiesen. Der andere Gast, nennen wir ihn Herr Smirnow, ist so häufig bei uns, dass er selbstständig arbeiten kann. Herr Smirnow war schon am Vortag bei seinem Lieblingsgerät beschäftigt gewesen, und machte nun weiter.

Ich mag es ehrlich gesagt nicht, an Tagen, wo ich selber Experimente mache, mich um Gäste kümmern zu müssen. Messzeit ist bei uns knapp, und ich kann sie nicht effektiv nutzen, weil die Gäste sich ständig an mich wenden, wenn etwas nicht stimmt. Aber wenn ich schon am Samstag da bin, brauchen die anderen Kollegen nicht zu kommen, und so wurde es von Winfried entschieden. Selbst an Tagen, wo Kollegen sich um Gäste kümmern, wenden sich diese an mich, wenn ich im Raum bin. Die meisten kennen mich schon. In Ruhe an meinen Projekten arbeiten? Vergiss es. Vielleicht sollte ich mir für solche Tage eine blonde Perücke besorgen. Einweisung fertig, hier ist die Nummer der Rufbereitschaft, Tschüß, kurz mal raus, umziehen, zurück kommen, mich als Gast vorstellen und verkleidet weiter arbeiten? Ob die mich dann nicht wieder erkennen würden?

So ging es mir am Samstag also. Ich fing endlich mit meinem Kram an, da kam plötzlich sehr aufdringlich Herr Smirnow zu mir und meinte, irgendwas würde mit dem Gerät nicht stimmen. „Och nee,“ habe ich mir nur gedacht. Aber ich fragte ihn, was los war. Die Probenumgebung stimmte nicht. Es wäre gar nicht kalt. Er war am Vortag schon irritiert, weil er am Anfang zwei Proben gemessen hätte, bevor ihm aufgefallen wäre, dass das Kühlsystem ja gar nicht eingeschaltet wurde. Mr Keen, der an dem Tag gemeinsam mit Florian für Gäste zuständig war, hätte ihm ganz schnell die Kühlung angeschaltet, und er hätte seine zwei Proben nochmal messen müssen. Nun jetzt, ginge es wieder nicht.

Ich ging zum Gerät und prüfte die Lage. Das Kontrollkasten für das Kühlsystem war an. Leider war das Kühlsystem nicht zum Ort der Probe montiert worden. Es lag in seiner Parkposition, die benutzt wird, wenn die andere Probenumgebung installiert ist. Mr Keen hatte ihm die Kühlung angeschaltet und gar nicht geprüft, ob sie drauf war. Das heißt, dass Herr Smirnow am ganzen Vortag seine Proben gar nicht gekühlt gemessen hatte, und alles von vorne wieder anfangen durfte. Bei ihm nicht tragisch, weil seine Proben bei Raumtemperatur ohne Problem überleben. Die Mehrheit unserer Gäste hantiert aber mit Proben, die sie sehr mühsam erstellen und nur eingefroren messen können, weil sie bei Raumtemperatur zu empfindlich sind, so ein Fehler hätte ihnen Monate Arbeit vernichten können. So nebenbei.

Ich habe die Probenumgebung gewechselt, einen Vermerk im experimentellen Buch geschrieben und an meinem Projekt weiter gearbeitet. Ich hatte schon vor, das Problem im wöchentlichen Meeting am Montag zu erwähnen, aber falls ich aus welchem Grund auch immer nicht zur Arbeit erschienen wäre, sollten es die Kollegen durch das Buch erfahren können. Dabei ging es mir nicht darum, Mr Keen schlecht darzustellen, sondern darauf hinzuweisen, dass ein ernsthafter Fehler statt gefunden hatte, den man mit besserer Planung in Zukunft vermeiden könnte. Früher hatten wir im Meeting das Wechseln von Probenumgebungen für Gäste immer im Voraus diskutiert. Das ist in letzter Zeit vergessen worden. Winfried geht vielleicht davon aus, dass wir automatisch daran denken. Wenn es aber ein bisschen Stress bei der Einweisung der Gäste gibt, kann man schnell etwas vergessen. So lief es am Freitag wohl. Früher, als Uschi noch bei uns war, war ein anderer Kollege dafür zuständig, solche Änderungen an Geräten vorzunehmen, weil man mit Einweisung schon die Hände voll hat. Besagter Kollege neigt aber gerne dazu, nichts zu machen, wenn der Chef nichts explizit von ihm verlangt, und so ist es in letzter Zeit üblich geworden, dass wir das selber machen. Das muss sich offensichtlich ändern.

Wir haben am Montag darüber diskutiert. Wir besprechen immer die Probleme, die wir in der letzten Woche hatten. Mr Keen hat von Herrn Smirnow gar nichts gesagt. Ich kam als letzte dran, da ich am Samstag Einweisungen gemacht hatte, und habe den Vorfall erklärt. Mr Keen hatte wohl das experimentelle Buch schon gelesen, und in einem theatralischen Ton gesagt, es wäre eine Katastrophe. Tja, Herrn Smirnow war alles anderes als belustigt, einen kompletten Tag verloren zu haben. Winfried war ebenfalls nicht erfreut und hat gesagt, er würde ihm gleich einen Brief zur Entschuldigung schicken.

Was ist bei Mr Keen angekommen? Ich habe ihn vor der ganzen Gruppe als unfähig dargestellt. Er, der sich gerne als Mr Wichtig angibt und immer wieder betont, was er alles gemacht hat, hat dadurch einen Kratzer am Ego bekommen. Dabei war er nicht mal alleine für die Gäste am Freitag zuständig, also müsste er es auch nicht so persönlich nehmen. Mit Kritik kann er offensichtlich nicht umgehen. Seitdem verhält er sich mit mir, wie er sich am Anfang vom Sommer mit Kate verhalten hatte, als sie den fatalen Fehler gemacht hatte, bei seinem Vortrag nicht anwesend zu sein. Antwortet knapp, wenn es Sachen zu besprechen gibt, wobei er selbst nicht das Gespräch sucht, schaut einem nicht mehr ins Gesicht und dreht demonstrativ den Rücken zu. Kate hatte es damals verletzt, weil sie ihn mochte. Mir ist es egal. Diese Art von Reaktion finde ich ziemlich lächerlich. Irgendwann wird er sich schon davon erholen.

Ich bin völlig erschöpft

Ich weiß nicht warum. Ich meine, ich weiß, letzte Woche in England war anstrengend, aber diese Art von Dienstreisen mache ich nicht zum ersten Mal. Am Wochenende konnte ich richtig gut ausschalten.

Es hat sicherlich mit der Arbeit zu tun. Gestern hatte ich beim Aufstehen schon deutliche Anzeichen einer Erschöpfung. Auf dem Weg zur Arbeit habe ich einen starken Druck um die Augen und in der Stirn gespürt, bis zur Nase, begleitet von einem Schwindelgefühl. So habe ich mich schon früher gefühlt, wenn ich extrem unter Druck stand oder etwas mich sehr geärgert hat. Wenn ich lange über etwas grüble oder wütend bin. Das passiert recht selten. Und momentan? So überlastet bin ich doch nicht. Ich treibe Sport, und es sollte doch Stress abbauen. Bis auf heute Nacht habe ich auch gut geschlafen, obwohl ich zur Zeit alleine bin. Der Ehemann ist seit Montag auf Dienstreise.

Geärgert hat mich in letzter Zeit die Geschichte mit meinem neuen Rechner sehr. Ich habe ihn am Anfang des Sommers bestellt, als ich zum neuen Büro umgezogen bin. Mein Testrechner war zu alt geworden und hatte zu viele Probleme verursacht. Der neue Rechner kam ziemlich schnell an, ist aber bei der IT-Abteilung in Empfang genommen worden. Zahlreiche Emails, um zu diskutieren, was genau drauf installiert werden soll. Kein Windows, Programm#1 ist nicht dafür vorgesehen. Dafür zwei verschiedene Linux-Distributionen, mit denen ich Programm#1 testen und weiterentwickeln soll. Ich habe gleich angeboten, mich um die Installationen zu kümmern, aber das wollten die Leute bei der IT-Abteilung ausdrücklich selber machen. „Weil interne Spähsoftware installiert werden,“ meinte ein Kollege. Keine Ahnung, ob es stimmt.

Danach habe ich gewartet und nichts mehr gehört. Eine höfliche aber deutlich ungeduldige Email habe ich noch geschickt, um mich zu erkundigen, ob jemand wüsste, was inzwischen aus dem Rechner geworden war. Keine Antwort. Letzte Woche bin ich dann informiert worden, dass er zur Abholung bereit stünde. Yeah! Keine Entschuldigung für die lange Wartezeit. Sofort den Rechner abgeholt, zu meinem Zimmer getragen, hochgefahren: Windows. Ich konnte es nicht fassen. Die Leute bei der IT-Abteilung haben in den vier Monaten, in denen der Rechner bei ihnen lag, gar nichts gemacht. Ich habe nachgefragt, da ich zuerst gutmütig dachte, den falschen Rechner bekommen zu haben: Nein, es war wirklich mein Rechner, der war halt schon mit Windows standardmäßig geliefert worden. „Warum die ganzen Emails, um die Installation der Betriebssysteme zu diskutieren?“ wollte ich wissen. Keine Antwort. Faule Säcke.

Mit der Installation der Betriebssysteme bin ich noch nicht fertig. Bei openSUSE ging es gut, für Ubuntu war es die Hölle. Das größte Problem lag in der Erstellung eines funktionierendes bootfähiges USB-Sticks unter Linux. Ich weiß nicht, wie vielen Anleitungen ich gefolgt bin, ohne Erfolg. Entweder wurde der Stick nicht erkannt, oder die Maschine meinte, es gäbe kein Betriebssystem auf dem Stick. Bei anderen Programmen zur Erstellung von bootfähigen Sticks gab es schon Fehlermeldungen beim Formattieren vom Stick. Am Ende hat nur Rufus unter Windows geholfen. Ich habe die Sticks zu Hause gemacht, weil ich Windows auf dem neuen Rechner schon mit openSUSE platt gemacht hatte. Ich hatte zwischendurch auch versucht, die CD von zu Hause zu benutzen, um Ubuntu zu installieren, und musste nach der erfolgreichen Installation feststellen, dass es jetzt zu spät war, um ein Update von 15.04 auf 16.04 zu machen. Pfff. Jetzt läuft Ubuntu 16.04 endlich, dank Rufus, openSUSE habe ich „verloren“. Ich muss schauen, wie ich sein GRUB wieder erstellen kann, weil der von Ubuntu die andere Partition mit openSUSE anscheinend nicht sieht, und ich nur noch Ubuntu starten kann.

Das Ganze hat mich jedenfalls sehr genervt. Vor allem, weil Kollegen aus der Arbeitsgruppe, die solche Sachen besser als ich wissen müssten, jegliche Hilfe verweigert haben, nach dem Motto „nicht mein Problem, ich habe anderes zu tun“ (so ausgedruckt war es nicht, aber so kam es deutlich rüber), und ich blöde Kuh bin immer für Anderen da, wenn sie Probleme haben. Mich nervt es, dass ich die Arbeit der IT-Abteilung erledige, und es dabei nicht schaffe, mich um viel wichtigere Angelegenheiten zu kümmern, wie zum Beispiel meinen DFG-Antrag fertig zu schreiben. Vielleicht ist das der Grund, warum ich in letzter Zeit kein Bock mehr auf Arbeit habe. Und das macht mich krank.

Gestern auf dem Weg zur Arbeit fühlte ich mich jedenfalls richtig mies. Dazu kam, dass eine Frau mit einer Katze in einem Transportkäfig unweit von mir saß, und sich ihre Katze lauthals darüber beklagte, transportiert zu werden. Ich musste an Chipie denken, und habe für den Rest der Fahrt nur noch gegen Tränen gekämpft. Die Arbeit ging, ohne große Begeisterung. Wenigstens läuft jetzt Ubuntu.

Am Abend bin ich mit Kate von der Arbeit aus shoppen gegangen, und ich habe gemerkt, wie die ganze Müdigkeit bei jeder Haltestelle in der S-Bahn geringer wurde. Beim Glühwein war der Druck völlig weg. Das Schwindelgefühl war noch da. Ich habe mir ein toll duftendes Schaumbad gekauft und gleich zu Hause ausprobiert. Es war schön, aber nicht entspannend genug. Ich habe mich danach hellwach bis mindestens halb fünf im Bett gewälzt. Trotz Erschöpfung.

So kann es nicht weiter gehen. Morgen muss ich früh zur Arbeit, ausnahmsweise an einem Samstag, und nächste Woche bin ich für Rufbereitschaft mal wieder dran. Da werde ich noch mehr unter Druck sein.

Und zurück

Bin ich müde. Gestern bin ich erst um elf Uhr abends vom Flughafen aus zu Hause angekommen. Heute Morgen konnte ich nach dem Wecker nicht aufstehen. Ich mache es mir gemütlich und werde erst nachmittags bei der Arbeit sein. Wie gut, dass ich keine feste Arbeitszeiten habe. Ich werde um eins los gehen, aber eigentlich… Ich will nicht. Den Gedanke habe ich immer häufiger, und das ist schade, weil meine Arbeit mich doch begeistert. Ich will nicht mehr. Nicht auf Dauer. Von der Frau bei der Verwaltung habe ich nach einem netten Telefongespräch nichts mehr gehört. Auf Nachfrage meinte sie, auf einen Termin von jemandem aus der Personalabteilung zu warten. Jetzt ist Funkstille. Wahrscheinlich wird nichts daraus.

Der Workshop selbst ist gut gelaufen. Die Teilnehmer waren zufrieden und haben vieles gelernt. Ziel erreicht. Der Veranstalter hat sich bei uns sehr bedankt und war froh, dass es so gut ging.

Gut, bei dem praktischen Teil lief es nicht ganz glatt, weil viele doch nicht dazu gekommen waren, die Programme zu installieren, die sie dafür benötigten. Bei den Download-Statistiken von Programm#1 konnte ich sehen, dass die meisten es erst im letzten Moment versucht haben, obwohl sie so lange im Voraus darum gebeten wurden. Nur wenige haben mich doch noch am Wochenende wegen Probleme kontaktiert. Teilweise für Programme der anderen Dozenten, die ich nicht entwickelt habe und bei denen ich keine Ahnung habe, was man machen sollte, wenn es bei der Installation nicht klappt. Dafür sind die anderen Dozenten doch da. Aber nein, die Email gründlich zu lesen, um heraus zu finden, an wen man sich wofür wenden soll, ist schon eine Herausforderung.

Die Installationsanweisungen für Programm#1 wurden häufig ignoriert. Ich weiß echt nicht weiter. Man entpackt das Programm in einem Verzeichnis, und merkt dabei nicht, dass eine der sehr wenigen Dateien README heißt? Die Webseite zum Herunterladen enthält auch Links zu den Installationsanweisungen, mit dem selben Inhalt wie README. Eigentlich nicht zu übersehen. Einige Teilnehmer hatten auch keinen blassen Schimmer, wie sie mit ihrem Laptop umgehen sollten, oder es war vom Chef geliehen, und/oder sie kannten das Admin-Passwort nicht, um Programme zu installieren. Und ich rede von Leuten, die ein wissenschaftliches Studium schon hinter sich haben! Die sich schon in der Promotion befinden, oder noch weiter! Wie gut, dass wir von Geert ein paar bootfähige Sticks mit Linux und allen Programmen parat hatten. Das sollte eigentlich bei solchen Veranstaltungen immer von vorne rein gemacht werden, wenn schon keine Rechner zur Verfügung gestellt werden, damit spart man sich eine Menge Zeit und Ärger.

Am Ende vom ersten Tag bin ich von einer Migräne erschlagen worden. Sie hatte sich eigentlich schon vor meiner Präsentation eingeschlichen. Die starke Klima-Anlage in dem Raum war schuld, denke ich. Es war kalt und hat ständig gezogen, außer an einer Stelle neben dem Pult, wo es sehr warm war. Vermutlich hat sich dort die Luft vom Beamer angestaut. Wenn genau dort die Temperatur zur Regulierung gemessen worden ist… Ich wollte am Ende vom Tag nur noch zum Hotel gehen und mich hinlegen, wenn es nicht den einen Teilnehmer gegeben hätte, der ein bisschen einsam war und mir ständig auf die Pelle gerückt ist, mich mit Fragen gebohrt hat und trotz deutliche Hinweise nicht los lassen wollte. Zum Glück hat sich heraus gestellt, dass Geert immer mit seinem Vorrat an Tabletten reist, was ich auch hätte machen sollen, und nach einer Stunde war ich wieder munter.

Gestern ging es mit dem Kurs weiter. Die Migräne ist nicht zurück gekommen. Ich habe danach noch ein bisschen Zeit für Sehenswürdigkeit gefunden, und bin mit wiedergekehrten Ischias-Schmerzen zum Flughafen gefahren. Und wer hat dann bei der Gepäckkontrolle ihr Laptop im Rucksack vergessen? Die ganzen Aufladekabeln samt Kopfhörer hatte ich raus geholt, das höchst verdächtige Necessaire für die Hygiene, die Mini-Zahnpastatube und vor allem die Pinzette, die bei dem Hinflug der Sicherheitsangestellte schon große Sorgen bereitet hatte, separat im Kasten gelegt, hinter mir drängelte es, die Sicherheitsangestellte hinter dem Rollteppich auch, und der Laptop ist im Rucksack geblieben. Auf der anderen Seite vom Ganzkörperscan habe ich den Rucksack vermisst, und mich plötzlich an das Laptop erinnert. Au Mist. Das war mir noch nie passiert. Eine andere Sicherheitsangestellte hat meinen Rucksack gründlich kontrolliert, und sich in so einer autoritären Weise verhalten, dass ich sie glatt fragen wollte, ob sie Deutsch wäre. Und habe noch rechtzeitig die Klappe zugehalten, weil ich dann eventuell nicht mehr zum Flugzeug zugelassen worden wäre.

Der Flug selbst war gut. Neben mir saß eine ältere Dame aus Niedersachsen, die sich ganz lieb mit mir unterhalten hat, jetzt weiß ich alles über ihre Familie. Es passiert recht selten, dass ich so freundlich mit Fremden auf Reisen diskutiere (aber dann, ist es immer mit älteren Damen). Der Ehemann hat mich am Flughafen abgeholt, wir haben unterwegs was zum Essen geholt und waren um elf zu Hause. Wie es so ist, kommt die ganze Müdigkeit auf einmal, wenn der Stress weg ist, daher würde ich heute am liebsten zu Hause bleiben. Aber der Nebel ist jetzt weg, ich gehe los.

Automatische Abwesenheitsemail

Ich dachte, es wäre eine gute Idee, eine automatische Abwesenheitsnachricht für dieses Wochenende einzurichten. Ich hatte recht. Und wie.

Morgen muss ich nach England, um als eingeladene Dozentin an einem Workshop für fortgeschrittene Studenten teilzunehmen. Bei der dort gestiegenen Ausländerfeindlichkeit bin ich schon nicht so scharf drauf, hin zu fliegen. Ursprünglich hieß es, der Workshop würde in Irland statt finden, aber dann wurde der Ort verlegt. Schade. In Irland war ich nur einmal, vor langer langer Zeit, am Ende der Mittelstufe, ich wäre gerne wieder dort gewesen.

Der Workshop ist schon seit über einem Jahr geplant. „Geplant“ ist dabei übertrieben. Ich glaube, der Hauptveranstalter hat selber keine Ahnung gehabt, was er genau machen wollte, und sich Leute ausgesucht, die ihm das Programm zusammen basteln würden. Sein erster Entwurf war zeitlich völlig unrealistisch. Die Thematik war vom Anfang an klar, aber nicht, was die einzelnen Dozenten machen sollten. Am Ende hieß es, wir sollten in einem Tag Stoff vermitteln, das wir bei unserem Kurs hier innerhalb einer Woche verarbeiten. Einiges kann gekürzt werden, aber der wesentliche Inhalt kann nicht auf nur einen Tag reduziert werden. Vor allem, weil die Studenten am Ende vom Kurs selber kurze Präsentationen mit eigenen Beispielen liefern sollen. Wir haben einen zweiten Tag bekommen.

Ich sollte über Datenauswertung etwas erzählen, aber das mache ich natürlich nur, weil ich dabei Programm#1 vorstellen kann. Sonst würde mich Winfried nicht hinfahren lassen, ich könnte meine Zeit hier viel sinnvoller verbringen. Ich bin dem Hauptveranstalter von einem dortigen Konkurrenten, Colin, vorgeschlagen worden. Colin kenne ich aus anderen Konferenzen. Er hat einen anderen Programm zum selben Zweck wie Programm#1 geschrieben, mit jedoch anderen Ansätzen. Er wird auch am Workshop teilnehmen und sein Programm vorstellen. Das ist sinnvoll, weil die Studenten damit verschiedene Werkzeuge kennen lernen, die sie einsetzen können. Bei dem ursprünglich limitierten Zeitrahmen hatte ich mich damals allerdings gefragt, ob es so notwendig wäre, dass ich dort etwas beitrage.

In Programm#1 benutze ich intensiv ein anderes Programm#0, das man nur auf Kommandozeile bedienen kann. Mit riesigen Eingabe- und Ausgabedateien. Das ist für Anfänger und für die heutigen Studenten, die nur in der Lage sind, die Maus zum Klicken einzusetzen, nicht einfach. Programm#1 bietet eine graphische Oberfläche zu Programm#0 an, automatisiert bestimmte Entscheidungen und macht darüber hinaus zusätzliche Analysen zur Datenqualität. Ein Entwickler von Programm#0, Geert, wird auch nächste Woche anwesend sein. Wir haben schon gemeinsam an anderen Workshops dieser Art teilgenommen. Ursprünglich hatte aber der Hauptveranstalter geplant, Geert zusammen mit Colin über das andere Programm reden zu lassen, und ich sollte alleine Programm#0 und Programm#1 vorstellen. Das machte überhaupt keinen Sinn, und zeigt, wie wenig er über die Thematik Bescheid weiß.

Als zusätzliche Schwierigkeit kommt jetzt der Clou: Den Teilnehmern werden keine Rechner zur Verfügung gestellt. Sie sollten ihre eigene Laptops mitbringen und alle notwendige Programme selber installieren. Vor zwei Monaten ging eine Email raus, um sie darüber zu informieren. Ich hatte mich angeboten, um bei Installationsproblemen für Programm#1 zu helfen. Bis gestern habe ich genau eine Anfrage bekommen, und es ging darum, wie man das Programm von Colin installiert. Ich habe natürlich geantwortet, aber hingewiesen, dass Colin bestimmt besser helfen könnte, und seine Email-Adresse mitgeteilt.

Seit gestern kriege ich plötzlich Anfragen von den Kursteilnehmern. Gestern tagsüber nur zwei, aber da wir mit Studenten zu tun haben, die bekanntlich alles auf dem letzten Drücker machen, hatte ich schon Böses geahnt und die automatische Abwesenheitsemail ab gestern Abend eingerichtet. Zeit gab es seit zwei Monaten genug, um Programm#1 zu installieren. Ich opfere jetzt nicht mein Wochenende, um bei allen nach der Ursache für Installationsprobleme zu suchen. Selber Schuld. Ich werde jetzt die Wohnung putzen, zum Sport gehen, mich frisch machen, meine Präsentation für Montag fertig kürzen und zum Restaurant mit dem Ehemann gehen, wie wir schon länger geplant haben. Morgen früh muss ich zum Flughafen. Für alle Fälle hat Geert sowieso einige bootfähige USB-Sticks mit allen Programmen vorbereitet.