Immer noch keinen Vertrag

Letzte Woche hatte ich mein zweites Vorstellungsgespräch in München. Ich fürchte, so einen guten Eindruck habe ich nicht hinterlassen.

Als erstes habe ich es geschafft, trotz sorgfältiger Planung zu spät anzukommen. Den Ort kannte ich schon ungefähr, da ich mehrmals am Forschungszentrum war, aber das Institut selbst lag an einer noch unbekannten Stelle. Ich war eigentlich sehr früh angekommen. Der Pförtner am Eingang vom Gelände hatte mir erklärt, wo das Gebäude zu finden war, aber ich habe mich trotzdem verlaufen. Links, über die Brücke, dann dem Weg entlang durch die Wiese… Keine Wegbeschilderung und unauffällige Gebäudenummerierung, es musste schief gehen. Als mir klar wurde, dass ich nicht pünktlich ankommen konnte, habe ich den Gruppenleiter angerufen. Der ist dann mit dem Fahrrad durchs Gelände gefahren, bis er mich gefunden hat. Ich war zu weit weg gelaufen, der „Weg durch die Wiese“ war nicht mal zwei Meter lang und direkt vor dem Gebäude. Die Bezeichnung „Wiese“ war recht übertrieben. Ich hatte mir eine viel größere Fläche vorgestellt.

Der Vortrag lief gut, aber mich hat es irritiert, dass ich mehrmals wegen Fragen unterbrochen wurde. Gut, warum nicht. Es wurde mir nur vorher in der Einladung mitgeteilt, dass ich zwanzig Minuten Zeit hätte, und so konnte ich gar nicht mehr wissen, wie lange ich noch reden sollte. Eigentlich hat keiner auf die Uhr geschaut. Danach sind alle weg gegangen, außer der Gruppenleiter, der alleine mit mir reden wollte. Ich war gar nicht darauf gefasst, was danach geschah. Ich dachte, wir unterhalten uns. Nicht wirklich. Er hatte sich Übungen ausgedacht, die ich dann ohne Vorbereitung lösen musste. Über Datendarstellung, Zahlenpräzision… Viele theoretische Fragen, die ich nie gelernt habe. Damit musste ich mich bis jetzt nicht auseinander setzen. Ich bin halt von der Ausbildung her Physikerin, Programmierung habe ich durch Praxis gelernt. Ich dachte, es wäre von vorne rein klar, durch meine Bewerbungsunterlagen und spätestens im Laufe des Vortrages, dass ich eher mit Frontend-Entwicklung zu tun habe und keine wissenschaftlichen Algorithmen selbst entwickle. Das war dem Gruppenleiter anscheinend nicht offensichtlich, und er sah definitiv nicht zufrieden aus. Inzwischen habe ich mich über die gefragten Themen informiert, aber es zählt nicht mehr.

Was soll’s, nach einem ausführlichen und interessanten Gespräch mit einem Mitarbeiter der Gruppe, der sich mit einer ähnlichen Aufgabe wie ich beschäftigt, bin ich zur Firma gefahren. Der Arbeitsvertrag lag bereit vor. Ich habe ihn in zweifachen Ausführung unterschrieben, sowie der Vertreter vom CEO. Der CEO selbst war abwesend, seine Unterschrift fehlte noch. Mit wurde versichert, dass er, sobald er am Montag zurück kommt, den Vertrag unterschreiben würde. Ich würde eine PDF Datei davon bekommen, und meine Kopie vom Vertrag würde mir per Post zugeschickt. Ob ich nun meinen Arbeitgeber informieren könnte? Klar, meinte der Vertreter. Mein zukünftiger Chef, den ich schon bei der Tagung letzte Woche getroffen hatte, hat mich dann mit breitem Grinsen empfangen und einem Teil des Teams vorgestellt. Er hat mir mit Begeisterung erzählt, was ich alles zu tun hätte, wenn ich in Januar anfange.

Nun, heute ist Mittwoch. Und bis jetzt habe ich immer noch keinen Vertrag bekommen, weder per Post noch elektronisch. Nicht mal eine Email, um mich über die Verspätung zu informieren. Ich mache mir Sorgen. Natürlich habe ich letzte Woche meinen Chef sofort informiert, da der Vertreter vom CEO so zuversichtlich war. Da ich doch nicht die Verlängerung von meinem Vertrag unterschreibe, wird sich einiges in dem Betriebsablauf ab Januar ändern. Je früher mein Chef Bescheid weiß, desto besser. Mein Chef hat wiederum die Personalabteilung darüber informiert, dass der neue Arbeitsvertrag nicht mehr benötigt wird. Ich habe also meinen aktuellen Job hingeschmissen, und habe immer noch nichts in der Händen, um meine neue Anstellung ab Januar zu beweisen. Scheiße.

Gestern kam ein neuer Vermittlungsvorschlag der Arbeitsagentur. Wenigstens nicht so absurd wie beim letzten Mal, auch wenn meine Chancen als wissenschaftliche Referentin sehr gering sind. Meine bisherige Bewerbungen auf solchen Stellen sind immer ohne angegebenen Grund abgelehnt worden.

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Es wird spannend

Ich habe am letzten Donnerstag eine Email von der Firma in München bekommen. Ob ich ab Januar bei ihnen anfangen könnte? Na klar! Was gibt es zu zögern? Wir haben schon gleich am Abend mit dem Ehemann in unserer Stammkneipe gefeiert.

Die Gehaltsfrage muss noch geklärt werden. Ich hatte beim Vorstellungsgespräch mein aktuelles Gehalt erwähnt und mir wurde gesagt, dass ich definitiv mehr erwarten könnte. Ich hätte auch nicht weniger gefragt, da ein Umzug von Berlin nach München höhere Kosten mit sich bringt. Ein Arbeitgeberwechsel muss sich lohnen. Dass wir schon darüber diskutiert hatten, schien mein Interviewer aber inzwischen vergessen zu haben, weil er mich nochmal am Freitag danach gefragt hat. Wenn wir uns einigen können, könnte ich diese Woche noch direkt nach meinem Vorstellungsgespräch in München vorbei kommen, um den neuen Arbeitsvertrag zu unterschreiben! Nun, seitdem ich meine Gehaltsvorstellung angegeben habe, habe ich keine Rückmeldung bekommen. Ich denke, wenn es zu viel verlangt wäre, würden sie schon versuchen, runter zu handeln, statt nichts mehr von sich hören zu lassen. Vermutlich werde ich noch heute informiert. Ich habe gestern Abend bei der Tagung mit meinem hoffentlich zukünftigen direkten Chef gesprochen, der nicht die Person ist, mit der ich meinen Vertrag verhandle, und er schien zuversichtlich zu sein.

Inzwischen liegt auch die Verlängerung meines aktuellen Arbeitsvertrags für ein weiteres Jahr bei der Personalabteilung zum Unterschreiben bereit. Da ich diese Woche nicht auf Arbeit bin, kann ich es erst ab nächster Woche unterschreiben. Ich hoffe, es kommt nicht dazu, und ich kriege vorher den Arbeitsvertrag in München. Sonst muss ich die Verlängerung unterschreiben, und ich kann danach nicht mehr so schnell kündigen.

Für Winfried wird es hart, wenn es klappt. Kate ist schon weg. Tomasz verlässt uns Ende Dezember, da sein Vertrag nicht verlängert wird. Die Stelle gibt es noch und wurde ausgeschrieben, aber er selbst kann nicht mehr beschäftigt werden. Sinnlos, diese „du darfst nicht länger als X Jahre bei uns arbeiten“ Regelungen in der Wissenschaft. Egal für ihn, er hat schon eine neue Stelle in seiner Heimat gefunden. Das macht aber jetzt zwei Wissenschaftler, die auf einmal die Gruppe verlassen und nicht so schnell ersetzt werden können. Selbst wenn neue Postdocs kommen, werden sie eine Weile brauchen, bis sie den guten Betrieb der Geräte für unsere Nutzer gewährleisten können. Und nun soll ich auch meine Verlängerung nicht unterschreiben? Ich, die zusätzlich eine der Wenige bin, die Rufbereitschaft macht? Und die noch Software entwickelt, die von Nutzern aus aller Welt benutzt wird und die gewachtet werden muss? Da wird Winfried durch drehen. Wenn ich die Verlängerung unterschreibe, wird er bestimmt nicht mit einem Auflösungsvertrag einverstanden sein.

Aber ehrlich gesagt, es ist mir langsam egal. So sehr es mir für ihn Leid tut, er wird schon eine Lösung finden. Diesen ewigen leeren Versprechen auf eine langfristige Einstellung glaube ich nicht mehr, und ich bin auch nicht mehr daran interessiert, seitdem Mr Keen bei uns eine Dauerstelle hat. Rufbereitschaft will ich nicht mehr und ich sehne mich nach einem Job, wo ich meine Wochenende nicht mehr opfern muss. Und wir haben gerade erfahren, dass die Betriebsplanung sich ab dem nächsten Jahr ändern wird und jetzt sogar am Sonntag gearbeitet werden soll! Ohne mich. Es muss in München klappen!

Das neue Vorstellungsgespräch kommt wie gerufen

Ich bin erschöpft und habe die Schnauze voll. Schuld ist mal wieder die Rufbereitschaft. Der Chef hatte letzte Woche angekündigt, dass er am jetzigen Wochenende eine private Angelegenheit wahrnehmen wollte und hatte nach Freiwilligen gefragt, um seine Pflichten zu übernehmen. Ich bin erstmals still geblieben. Florian hat sich bereit erklärt, die Messgäste von heute einzuweisen. Alle anderen Kollegen hatten eine Ausrede, warum sie die Rufbereitschaft nicht machen konnten. Wem ist es hängen geblieben? Richtig.

Dass wir heute Nacht ohne Unterbrechung schlafen konnten, hatte ich beim Aufstehen leichtsinnig als gutes Zeichen gesehen. Das war nur die Ruhe vor dem Sturm. Denn ab halb eins hat das Handy angefangen zu klingen, und danach war es einfach die Hölle. Beim ersten Anruf waren wir mit dem Ehemann gerade auf dem Weg vom Markt nach Hause unterwegs. Irgendwas hinderte die Fortsetzung einer Messung. Angekommen, Rechner hochgefahren, auf Arbeit eingeloggt, scheinbare Ursache des Problems gefunden und behoben, Nutzer zufrieden. Bis zum nächsten Anruf eine Stunde später. Genau dasselbe Fehlerbild, aber diesmal gab es gleich zwei unabhängige Probleme, die ich auch lösen konnte. Beim dritten Anruf eine halbe Stunde später war ich schon recht genervt. Immer wieder das Problem, eine andere Ursache, die behoben wurde, und danach ging nichts mehr. Ich hatte schon aufgegeben, aber Florian, der sich bestens mit der Maschine auskennt und den ich versucht hatte anzurufen, hat sich zurück gemeldet und konnte anscheinend das Problem vorübergehend endgültig beheben. Von seinem Auto aus, mit seinem Laptop. Der war mit seiner Freundin unterwegs, der Arme, es hat mir echt Leid getan, ihn nach Hilfe fragen zu müssen. Inzwischen war es schon halb sieben, und ich hatte den ganzen Nachmittag nichts anderes machen können. Doch, kochen konnte ich, und zwar nur, weil Florian mit den Nutzern ausgemacht hatte, dass sie eine halbe Stunde Pause machen. Und es war nicht alles, weil andere Nutzer auf einem anderen Gerät auch zweimal anrufen mussten, weil die Robotik zickte. Jetzt, kurz vor zehn Uhr abends, bin ich noch voll gestresst und ich frage mich, ob ich in der Lage sein werde, einschlafen zu können, und wenn ja, wie lange ich wohl schlafen werde, bevor der nächste Anruf kommt. Gestern gab es doch kein Problem! Gestern war auch Mr Keen den ganzen Tag selber an dem Gerät am Messen. Ich frage mich, ob er irgendwas angestellt haben kann, um mir das Wochenende zu verderben. Das würde ich ihm zutrauen.

Mir reicht’s. Die dreihundert Euro, die man dafür zusätzlich zum Gehalt bekommt, sind es einfach nicht wert, so viel Stress in der freien Zeit zu bekommen. Der Ehemann leidet auch darunter, wenn das Handy nachtsüber klingelt, oder wenn wir am Wochenende bei schönem Wetter zu Hause bleiben müssen, weil irgendwas an den Geräten nicht stimmt. Und das mit dem zusätzlichen Geld stimmt nicht mal, wie ich gerade gemerkt habe. In den letzten zwei Monaten habe ich genau so viel überwiesen bekommen als während meiner Schwangerschaft, als ich von Rufbereitschaft befreit wurde! Ich muss mich am Montag beschweren. Den ganzen Scheiß will ich nicht auch noch kostenlos machen. Schlimm genug, dass unsere Verwaltung immer neue Gründe erfindet, warum meine Reisekosten nicht vollständig erstattet werden.

Ich habe gestern eine neue Einladung zu einem Vorstellungsgespräch bekommen. Wieder in München. Diesmal geht es rein um Software-Entwicklung. Hoffentlich klappt es endlich. Nichts wie weg von hier!

VERDAMMT, SCHON WIEDER EIN ANRUF!

Die Zukunft sieht düster aus

Die liebe Kate hat sich von uns verabschiedet. Ganz unerwartet war es nicht, sie hatte mir schon erzählt, dass sie sich beworben hatte und für Vorstellungsgespräche eingeladen wurde. Für die meisten Kollegen kam es abrupt vor, da sie sie eine Woche vor ihrem letzten Arbeitstag  informiert hat. Es ging alles so schnell, selbst für sie. Ich wünsche, es könnte bei mir auch so schnell gehen.

Tomasz verlässt uns bald, da sein Vertrag abläuft. Mir sind auf einmal zu viele Leute weg, die ich schätze, und was übrig bleibt motiviert mich nicht genug, weiter in der Gruppe zu arbeiten. Mein DFG-Antrag liegt mir nicht mehr in den Händen und ist immer noch nicht von unseren Uni-Partnern eingereicht worden (ich selber darf das nicht alleine). Es ist zu spät, um ab Januar weiter beschäftigt zu werden. Winfried droht jedoch damit, mir trotz Wissenschaftszeitvertragsgesetzes einen neuen Vertrag für ein Jahr zaubern zu können. Durch Gespräche mit der Geschäftsleitung hätte er eine mündliche Zusage bekommen und ich sollte mir keine Sorgen machen. Ich mache mir Sorgen, dass er mir tatsächlich einen neuen Vertrag anbieten könnte. Er will mich nicht los lassen. Ich habe die Schnauze voll und nutze meine knappe Freizeit, um Bewerbungen zu schreiben. Die Firma aus München hat sich nicht mehr gemeldet, obwohl meine Kontaktperson mir nochmal vor zwei Monaten geschrieben hatte, dass ich Ende September einen Vorschlag bekommen würde. Ich muss nachhaken. Ich will weg von hier.

Da Kate geht, wird die Mittagspause blöd. Wir hatten uns häufig vom Rest der Gruppe getrennt und waren woanders essen gegangen, manchmal mit anderen Kollegen, aber in letzter Zeit nie mit Mr Keen. Ich müsste ab jetzt mit den Anderen gehen, was ihn einschließt. Ich glaube, ich fange lieber an, mir Brot zu schmieren.

Eigentlich trägt Mr Keen eine gewisse Verantwortung dafür, dass Kate geht. Das hat sie mir erzählt, und obwohl ich schon nicht viel von ihm hielt, hätte ich nicht gedacht, dass er tiefer sinken könnte. „Weißt du, Mr Keen ist nicht so nett, wie er aussieht“, meinte sie mich plötzlich warnen zu müssen, als wir vor einem Monat unseren Betriebsausflug hatten. Ach was! Kate hatte schon eine Vorwarnung bekommen, aber die Beiden hatten sich danach versöhnt. Nicht, dass sie eine Affäre hatten, aber sie haben sich häufig außerhalb der Arbeit getroffen. Sie fand ihn interessant, weil er viel gereist ist und einiges über viele Länder zu erzählen hat, und er hat viele Bücher über Psychologie gelesen, worüber sie gerne diskutiert hatte. Alles sehr freundlich, wobei es ihr manchmal unheimlich vor kam, wie er sich mit ihr verhielt. Mir kam es schon lange komisch vor, wie häufig er mit den anderen Postdocs etwas abends oder an Wochenenden unternommen hat, und seine Frau alleine gelassen hatte. Aber Mr Keen ist jemand, der versucht, sich bei allen gut darzustellen. Sich einzuschleichen. Daher hat er immer mit gespielter Begeisterung gemeinsamen Ausflüge vorgeschlagen. Mir kam seine Weise nicht natürlich vor, und ich habe kaum an Aktivitäten außerhalb der Arbeit teil genommen. Mir meine Freizeit verderben, indem ich Mr Keen ertragen muss? Kommt nicht in Frage. Die Anderen sind so geblendet und kaufen ihm seine Freundlichkeit ab, und Kate ist keine Ausnahme. Dass die Beiden sich so häufig privat getroffen hatten, wusste ich aber nicht.

Ohne in Details gehen zu wollen, hat er mit ihr richtig Psychoterror betrieben, so dass sie am Ende nur noch von sich selbst gezweifelt hat. Anscheinend ist er jemand, der nicht genug Aufmerksamkeit bekommen kann, und extrem eifersüchtig auf die Anderen ist. Es war mir aufgefallen, wie er am Anfang reagiert hatte, dass ich ständig dienstlich unterwegs bin. „Ich will auch endlich mal auf Tagungen fahren und Vorträge vor Publikum halten,“ hatte er mal Winfried neidisch gesagt. Er sehnt sich nach Ruhm und Anerkennung. Dafür hat er nicht genug geleistet. Florian ist halb so lange wie er in der Gruppe und hat viel mehr erreicht. Aber es ging noch viel krasser, wie Kate mir erzählte. Er hat mitbekommen, dass sie häufig mit Pawel Kaffeepause macht. Ich habe auch die Beiden mehrmals mit der Tasse in der Hand außerhalb vom Büro gesehen. Schön, wenn sie sich gut verstehen, schließlich sitzen sie im gleichen Zimmer. Er hat sich bei ihr beschwert, sie würde dadurch Pawel absichtlich von ihm fernhalten. Paranoid ist er also auch. Und um ihrem ihm gegenüber unverschämten Treiben ein Ende zu setzen, hat er sich etwas echt Geisteskrankes ausgedacht. Seine Frau sollte Pawels Frau anrufen und ihr sagen, dass ihr Mann viel zu häufig seine Zeit mit Kate verbringt. Mir sind die Kinnladen herunter gefallen, als sie mir das erzählte. Es hat aber nicht geklappt, sie macht immer noch Pausen mit Pawel. Vielleicht, weil Mr Keen gerade vier Wochen Urlaub hatte.

Mr Keen hat Kate ständig Vorwürfe an den Kopf geschmießen, über Sachen, die er eigentlich selber macht. Er hat sich bei ihr als Opfer dargestellt, obwohl er derjenige ist, der Kate psychologisch immer wieder angegriffen hat. Er sagt immer vor den Anderen über dreiste Verhaltensweisen, „aber so was würde ich nie machen“, um es doch genau zu tun. Wenn ihm etwas Böses ausrutscht, sagt er dann, dass war nur Spaß, er würde es nicht so meinen. Und ob er es doch so meint! Aber weil er sich davon distanziert, glauben es ihm die Leute auch! Ich verstehe es nicht.

Irgendwann wurde es Kate bei ihrem letzten Streit zu viel und ihr sind die Schuppen von den Augen gefallen. Er ist ihr böse geworden, dass sie nicht mehr nach seiner Pfeife tanzt. Sie hat jetzt Angst, alleine mit ihm zu sein und nennt ihn einen Psychopath. Wie gut, dass sie nicht im gleichen Zimmer arbeiten. Er hat ihr viele Hass-SMS geschickt, die sie gleich gelöscht hat, weil es sie so stresst. Was für ein Fehler! Das wäre doch die Lösung, um ihn los zu werden! Wenn Winfried endlich mit Beweisen mitbekommen würde, wie Mr Keen sich wirklich mit seinen Kollegen verhält! Aber Kate will ihm nichts sagen, und so kann ich das, was ich nur vom Erzählen erfahren habe, ihm nicht mitteilen. Jetzt, wo sie uns verlässt, frage ich mich, wen er sich demnächst als Opfer aussucht.

Ein Vermittlungsvorschlag der Arbeitsagentur

Vorgestern habe ich eine Email der Arbeitsagentur bekommen. Ich habe zuerst an eine Art Spam oder Phishing gedacht, weil die Email so aussah:

Völlig anonymisiert und mit einer mehr als bedürftige Formatierung, das wirkt sehr unseriös. Aber es gab weder dubiosen Link zum Anklicken noch verdächtigen Anhang, und die ursprüngliche IP-Adresse des Absenders gehört tatsächlich der Arbeitsagentur. Es könnte echt sein.

Ich müsste mich also in meinem Konto bei der Arbeitsagentur einloggen, um den Ermittlungsvorschlag zu lesen. Das ist immer so eine Sache, bei der Arbeitsagentur. Ich habe schon so viele verschiedene Nutzernamen und Passwörter bekommen, dass ich nicht mehr weiß, mit welchen ich mich nun einloggen soll. Mit den letzten, die geklappt haben, das müsste schon gut ein halbes Jahr her sein. Ich habe meine Login-Daten mit Sicherheit in meinem Firefox-Profil gespeichert. Der Hacken: Es war unter Windows, nicht unter Ubuntu. Windows habe ich immer noch nicht auf meinem Rechner reinstalliert. Und ich täte gut, daran zu denken, vorher eine Sicherheitskopie von meinem Windows-Firefox-Profil zu machen.

Seit Mittwoch habe ich mich gar nicht darum gekümmert. Mit dem Stress auf Arbeit hatte ich die Email schon total vergessen. Es war also gut, dass die Arbeitsagentur mir den Ermittlungsvorschlag zusätzlich per Post zugeschickt hat. Der Allererste, den ich seit meiner Anmeldung im Dezember letzten Jahres bekomme! Dadurch weiß ich allerdings, dass ich dort immer noch als Arbeitssuchende gelte. Ich brauche mich also nicht nochmal darum zu kümmern. Die Arbeitslosigkeit kann kommen.

Leider, aber auch nicht unerwarteterweise, hat sich der Ermittlungsvorschlag als nutzlos entpuppt. Und das ist etwas, das ich immer wieder feststellen muss: Die Leute bei der Arbeitsagentur haben keine Ahnung, was sie Wissenschaftlern anbieten sollen, selbst wenn es ein spezielles Team für Akademiker gibt. Worum es in der Ausschreibung geht: Eine Universität für Verwaltungswissenschaften sucht nach Forschungsreferenten. Die zwei ersten Punkte des Anforderungsprofils:

  • überdurchschnittlicher Universitätsabschluss (Master oder gleichwertig) in Politikwissenschaft oder einer anderen Sozialwissenschaft oder Wirtschaftswissenschaft mit volkswirtschaftlicher Ausrichtung,
  • gute Kenntnisse der Methoden der empirischen Sozialforschung.

Als promovierte Physikerin meint die Arbeitsagentur, ich würde wie Faust auf Auge auf die Stelle passen? Physik und Politik fangen beide mit „P“ an und enden beide mit „ik“, das ist ungefähr alles, was beide Fächer verbindet (Frau Merkel ausgenommen). Überqualifiziert wäre ich mit meiner Promotion sowieso, da sie nach Leuten mit Master suchen. Das wissen sie, bei der Arbeitsagentur, immerhin fängt der Brief mit „Sehr geehrte Frau Dr.“ an. Und vom Wissenschaftszeitvertragsgesetz scheint die Arbeitsagentur auch nie was gehört zu haben, denn die Stelle ist befristet, und somit komme ich auch nicht in Frage.

Was ist das für eine schlampige Arbeitsvermittlung? Würden sie auch einem ausgebildeten Frisör vorschlagen, sich als Maurer zu bewerben? Oder haben sie meine Unterlagen mit denen von einem arbeitssuchenden Politikwissenschaftler verwechselt?

Hallo Du, der diese Zeilen liest. Du bist Politikwissenschaftler, Sozialwissenschaftler oder Wirtschaftswissenschaftler (m/w) und hast aus unbegreiflichen Gründen von der Arbeitsagentur ein unpassendes Stellenangebot für einen Physiker (m/w) mit Programmierkenntnissen bekommen? Melde Dich, ich tausche gerne!

Eigentlich will ich nicht mehr

„Hast du an deinem Antrag weiter gearbeitet?“ fragte mich heute Winfried nach unserem wöchentlichen Meeting. Gemeint war mein DFG-Antrag, den wir seit einem Jahr ständig umschreiben und der mir eine weitere Finanzierung ermöglichen soll, nachdem mein Vertrag am Ende des Jahres ausläuft. Vorausgesetzt, der Antrag wird nicht abgelehnt.

Winfried ist gerade aus dem Urlaub zurück gekommen. Drei Wochen war er weg. Drei Wochen, in denen ich nach Lust und Laune an meinen Programmen frei arbeiten konnte. Programm#1 hatte ich in einem schlechtem Zustand bekommen, als ich seine Entwicklung vor vier Jahren übernommen hatte. Damals kannte ich mich noch nicht mit Python aus. Ich habe schlechte Programmiergewohnheiten aus dem Code meines Vorgängers gelernt. Heute weiß ich besser Bescheid. Programm#1 funktionierte ja, aber ich habe im Laufe der Zeit erkannt, dass er von jemandem geschrieben wurde, der Python mit Fortran-Denkmustern missbraucht hat. Grauenhaft. Da ich drei Wochen Ruhe hatte, habe ich den Code grundsätzlich gereinigt. Das wird mir oder meinen Nachfolgern in Zukunft viel Zeit sparen, um weitere Funktionalitäten einzubauen.

Was ich in den drei Wochen nicht gemacht habe, ist, an dem DFG-Antrag zu arbeiten. Bis heute Morgen, als ich ahnte, dass die Frage kommen würde. Also habe ich ganz schnell einen neuen Absatz mit Abbildung geschrieben. „Ja, habe ich,“ konnte ich Winfried ehrlich antworten. „Aber eigentlich habe ich keinen Bock,“ habe ich unerwähnt gelassen.

Fakt ist, ich habe keinen Bock mehr. Die Arbeit an meinen Projekten macht mir weiterhin Spaß, aber wenn ich sehe, wie sich unsere Gruppe entwickelt, würde ich lieber meinen Vertrag auslaufen lassen und die Arbeitslosigkeit mit offenen Armen empfangen.

  • Mr Keen hat jetzt einen permanenten Vertrag, und der blosse Gedanke, ihm langfristig täglich begegnen zu müssen, gibt mir Magenschmerze. Ich könnte kotzen, und es ist nicht übertrieben. Ich kriege wirklich einen schweren Klumpen im Magen, wenn ich zu sehr darüber nachdenke. Aber ich habe genug über ihn geschrieben.
  • Es gibt meinen zum Glück nicht mehr Zimmergenosse, dem ich hier immer noch keinen Namen gegeben habe und der jetzt mit meinem armen IT-Kollegen sitzt. Soll er Moritz heißen. Moritz hat auch eine unbefristete Stelle und ist zu unserer Gruppe infolge einer Umstrukturierung gekommen. Ich kann ihn mittlerweile nur noch schwer ertragen, wenn er mit uns Mittagspause macht (auch einer, der meint, mit vollem Mund reden zu müssen) oder im Meeting sitzt (und immer ganz laut blöde Kommentare abliefert, die nur er lustig findet). Nervig finde ich, wie er seit einem halben Jahr über seine Fußschmerze jammert, ohne die logische Konsequenz daraus zu ziehen: Abzunehmen. Das würde ihm und seinem schwer belasteten Fuß viel besser tun, als die ganzen Maßnahmen, die er bis jetzt verordnet bekommen hat. Nee, zu anstrengend für ihn. Wie die Arbeit, wirklich. Wie stolz erzählt er, dass er morgens und abends an dem Zeiterfassungsgerät, das am weitesten liegt, sich abstempelt, um gut fünf Minuten gratis am Tag auf seinem Überstundenkonto zu bekommen! Er beschwert sich immer, dass die Arbeitsbedingungen und das Geld besser sein könnten, ist aber selber ein echt fauler Sack. Ganz die Vorurteile, die man über Betriebsradmitgliedern hört. Das ist er nämlich. Was er in seiner Anwesenheitszeit im Büro wirklich treibt, außer ganz laut zu telefonieren, weiß keiner. Nicht mal Winfried, würde ich behaupten.
  • Über Nina, die Nachfolgerin von Mieke, habe ich noch nichts erzählt, aber sie geht mir gewaltig auf dem Keks. Egal, was man sagt, muss sie immer grundsätzlich widersprechen. Sie ist auch die Erste, die über Anderen lacht, selbst wenn sie nicht wirklich versteht, worum es geht. Verstehen tut sie eigentlich selten. Sie ist zu uns vor einem Dreivierteljahr gekommen, um das Chemielabor zu leiten. Das macht sie gut. Nehme ich an. Ich bin ja so gut wie nie im Labor. Was sie gar nicht kann, und auch nicht muss, ist, Messungen an unseren Geräten durchzuführen. Sie hatte mir mal am Anfang aus Neugier Fragen gestellt, und es ist klar, dass sie von der Messmethode und der ganzen physikalischen Theorie dahinter noch nie etwas gehört hatte. Das ist in sich nicht schlimm. Was ich aber nicht ertragen kann, ist, wie sie sofort am Anfang in den Meetings laut über unsere Nutzer gelacht hat, oder „Tss tss tss“ und „wie kann man nur“ von sich gegeben hat, wenn wir erzählten, dass sie Probleme an den Geräten verursacht hatten. Die Details waren dabei so technisch, dass sie als Neulinge und Laie sie kaum verstehen konnte. Nein, sie reagiert nur auf den Tonfall der Stimme des Erzählers. Eine ziemlich blöde Zicke.

Man könnte meinen, dass ich mit allen meinen Kollegen nicht klar komme. Das stimmt nicht. Meine IT-Kollegen sind ganz in Ordnung. Mit Kate unternehmen wir sogar ab und zu etwas außerhalb der Arbeit. Seitdem ich aus dem gemeinsamen Zimmer ausgezogen bin, geht es besser. Vielleicht hat sie jetzt gelernt, selbstständig mit ihrem Rechner umzugehen, da ich nicht mehr da bin, um alle ihre spontanen Fragen zu beantworten. Oder sie fragt jetzt die anderen Zimmergenossen. Florian, unser letzter zugekommener Wissenschaftler, ist auch ganz lieb. Vielleicht zu lieb. Er bemüht sich immer, sich mit allen, aber auch wirklich allen, gut zu verstehen. Selbst wenn Leute ihn nerven. Über Nina hat er sich schon bei mir beschwert, wenn sie sich besonders blöd angestellt hat, aber er verhält sich selbst mit ihr äußerst freundlich. Das könnte ich nicht. Moritz hat er sogar mit einem Spitznamen versehen, und er kennt alle Pförtner am Empfang mit Vornamen. Unheimlich. Vielleicht nerve ich ihn, kriege es aber nicht mit, weil er sich immer so freundlich verhält. Über zu viel Freundlichkeit will ich mich auch nicht beschweren, das ist so untypisch.

Also, obwohl ich mich mit vielen in der Gruppe halbwegs gut verstehen kann, braucht es nur einige wirklich nicht auszuhaltenden Persönlichkeiten, um mir die Stimmung komplett zu verderben. Schlimm, wenn diese Personen noch bis zu ihrer Rente in der Gruppe bleiben werden. Da denke ich, lieber arbeitslos werden, als länger dort zu arbeiten. Ich hatte ja vor sechs Wochen ein Vorstellungsgespräch, aber ein anderer Kandidat wurde gewählt, der besser zur Stellenbeschreibung passt. Zur Stellenbeschreibung, die auf der Webseite der Firma veröffentlicht wurde. Die, auf die ich mich beworben hatte, hatten sie in einer Fach-Mailinglist gepostet, und sie passte wunderbar zu meinem Profil… weil ich vermute, dass das Copy-Paste nicht richtig funktioniert hatte, da es nur einen Teil der Beschreibung auf der Webseite war. Der fehlender Teil war wohl wichtiger. Immerhin haben sie mir geschrieben, dass ich einen großen Mehrwert ins Team bringen würde, und sie melden sich im Herbst, um mir eine Stelle ab dem nächsten Jahr anzubieten. Falls sie nicht zwischendurch ihre Meinung geändert haben.

Morgen habe ich frei

Aber stressig wird es definitiv, obwohl ich mein Bestes tue, um mir keinen Kopf zu machen. Ich werde morgen nämlich nach München reisen. Denn: Ich bin zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen worden! Und das, nachdem ich schon vor drei Wochen ein Telefongespräch hatte!

Die Stellenanzeige hatte ich vor anderthalb Monat in einer abonnierten Fach-Mailing-Liste entdeckt und ich war begeistert, weil sie ziemlich genau meinem Profil entsprach. Im Gegenteil zu meinen bisherigen Bewerbungen seit dem Anfang des Jahres. Ich habe mich sofort beworben, und dabei die Webseite des Unternehmens besucht. Die Stelle war dort auch zu finden, allerdings war die Liste der Anforderungen viel länger als die Version der Mailing-Liste, auf der ich mich beworben hatte. Es klang mehr wie die Suche nach der eierliegenden Wollmilchsau. Bei den zusätzlichen Kompetenzen, die der Kandidat haben sollte, habe ich nicht so viel Erfahrung. Laborarbeit, chemische Syntheseverfahren, habe ich in meiner aktuellen Arbeit auch an einfachen Systemen gemacht, aber meistens bin ich nur am Programmieren und Daten auswerten. Im Laufe des telefonischen Vorstellungsgesprächs wurden diese Punkte erwähnt, wobei mein eventuell zukünftiger direkter Chef meinte, es wäre kein Beinbruch, sich das zusätzliche Wissen anzueignen. Stimmt auch.

In dem Gespräch wurde erwähnt, dass nur vier Kandidaten telefonisch kontaktiert werden. Schon mal nicht schlecht. Der Chef der Firma wollte sich persönlich bei mir melden, um mich zu informieren, ob ich vor Ort bestellt werde, also werden von den vier Kandidaten nicht alle eingeladen. Das ist für mich schon eine tolle Leistung, wenn ich so durch das zweite Filter weiter komme. Außerdem soll die Stelle von vorne rein unbefristet sein, und der Firma soll es wirtschaftlich sehr gut gehen. Mal schauen, wie sie auf meine Gehaltsvorstellung reagieren.

Sollte es wirklich klappen, würden wir nach München umziehen. Bei den Immobilienpreisen, eher in der Umgebung von München. Ich wäre echt traurig, unsere jetztige Wohnung verlassen zu müssen. Mit unserer schön eingerichteten Terrasse, all die Pflanzen, und wir haben für den Sommer neue, teure Renovierungsarbeiten im großen Badezimmer bestellt… Ob wir die Wohnung dann vermieten oder verkaufen würden, bleibt zu sehen. Der Ehemann hat gerade eine neue Stelle angefangen, es wäre vielleicht besser, wenn er zuerst ein paar Monate hier bleibt und Erfahrungen sammelt, bevor er sich anderweitig bewirbt. Obwohl er meint, dort grundsätzlich mehr Chancen als in Berlin zu haben. Eine Fernbeziehung will er aber nicht.

Ich sollte jetzt ins Bett gehen und aufhören zu grübeln. Ich muss ja morgen früh zum Flughafen. Und zuerst muss das Gespräch gut laufen, bevor wir weitere Pläne machen.

Ein Anruf der Arbeitsagentur

Ich bin letzte Woche im Urlaub angerufen worden. Die Nummer war versteckt, auf dem Display stand nur „Privat“. Normalerweise Grund genug für mich, um nicht ran zu gehen. Vor allem, da ich mich im Ausland befand und mit meinem O2 Vertrag für jeden eingehenden Anruf 0,75€ zahlen muss. Aber vielleicht war es doch etwas Wichtiges. Ich bin also vorsichtig mit meinem in solchen Fällen üblichen, nichts verratenden französischen „Allo?“ ran gegangen. Nach einer kurzen Verzögerung: „Guten Tag, ich bin Frau Dingsbums von der Arbeitsagentur, mit wem rede ich?“ Da sie angegeben hatte, von der Arbeitsagentur zu sein, habe ich nach einer ebenfalls kurzen Verzögerung meinen Nachnamen verraten. „Gut, das ist die Person, mit der ich reden wollte.“ Eine gute Dosis typisches deutsches Misstrauens, gleich am Anfang vom Gespräch.

Ab dem Zeitpunkt habe ich mich schon gefragt, warum sie mich anruft. Hätte ich meinen Arbeitsvertrag nicht verlängert bekommen, wäre ich ab dem 1. März arbeitslos geworden. Mein Vertrag wurde aber verlängert. Ich hatte natürlich schon im Februar meine Daten auf der Jobbörse der Arbeitsagentur aktualisiert, sobald ich den Vertrag unterschrieben hatte. Also hatte ich es sofort versucht. Das hatte sich als doch nicht so einfach erwiesen. Dazu eine etwas längere Erläuterung.

Ich habe mich schon mehrmals als Arbeitssuchende eintragen müssen. Beim ersten Mal, nach meiner Doktorarbeit, als eine Internet-Verbindung zu Hause für mich noch nicht in Frage kam, hatte ich zusammen mit einer Bearbeiterin des noch Arbeitsamtes ein Profil samt Lebenslauf erstellt. Ich habe erzählt und sie hat eingetragen. Ich habe mich danach für die kurze Dauer der Arbeitslosigkeit nicht mehr darum gekümmert, da ich keinen Zugang zu meinen Daten hatte. Ich hatte sowieso keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld und musste daher keine Bewerbungsversuche vorweisen, da ich, zu meiner großen Überraschung, in den dreieinhalb Jahren meiner Beschäftigung an der Uni keinen Beitrag zur Arbeitslosenversicherung bezahlt hatte. Ich konnte damals beim Unterschreiben vom Arbeitsvertrag kein Deutsch, aber es wurde drin auch nicht erwähnt… Oder lag es daran, dass ich gleichzeitig als Doktorandin an der Uni angemeldet war und somit einen Studentenstatus hatte? Wie auch immer.

Viele Jahre später, als ich wegen des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes und trotz vieler Bewerbungen wieder arbeitslos wurde, habe ich mit neuen Zugangsdaten von zu Hause aus mein Lebenslauf aktualisieren wollen. Dabei ist mir aufgefallen, dass die Bearbeiterin Jahre zuvor ziemlich viel Müll reingeschrieben hatte. Bestimmte Stichwörter passten nur ungenau, einige Fähigkeiten stimmten einfach nicht. Die Beschreibung von Tätigkeiten lag total daneben. Blöderweise konnte ich nichts editieren, weil ich keine Rechte dazu hatte. Für meinen eigenen Lebenslauf in meinem eigenen Profil! Ich habe die Jobbörse deswegen nicht mehr benutzt und mir die Mühe auch nicht gegeben, die neuen Arbeitserfahrungen zu erfassen. Es war auch nicht so, als ob ich jemals von einem Arbeitgeber über diese Plattform kontaktiert worden wäre…

Ich habe mich zuletzt im Dezember als Arbeitssuchende gemeldet. Mit Verspätung, da ich auf Arbeit ziemlich viel zu tun hatte, und erst nachdem mir bewusst wurde, dass es ganz bequem online geht. Wenn man Zugangsdaten hat. Meine alten Daten habe ich nicht mehr gefunden. Außerdem war ich umgezogen, hatte inzwischen geheiratet und einen neuen Namen… Viel einfacher, sich ein neues Profil anzulegen. So konnte ich sauber mein Lebenslauf von vorne richtig angeben, damit die Jobbörse doch nützlich wird. Einige Zeit später bin ich von einer freundlich klingenden Frau der Arbeitsagentur angerufen worden, um Details über meine Anmeldung zu besprechen. Ich habe erwähnt, dass ich früher schon als Arbeitssuchende angemeldet war, und sie meinte, sie würde beide Konten zusammenfügen. Ich habe darauf bestanden, das alte Lebenslauf zu vergessen und nur das neue zu behalten. Kurz danach kamen Briefe mit neuen Zugangsdaten. Meine gespeicherten Nutzernamen und Passwort, die ich mir mühsam ausgesucht hatte, konnte ich vergessen.

Als ich im Februar die Verlängerung von meinem Arbeitsvertrag in der Jobbörse angeben wollte, habe ich die neuen Zugangsdaten benutzt. Es ging nicht. Eine Nachricht ist erschienen, in der stand, dass mein Konto stillgelegt wurde und ich mich an eine Hotline wenden musste. Am Telefon habe ich dann erfahren, dass die Stilllegung aufgrund der Zusammenfügung meiner alten und neuen Konten statt gefunden hatte. Die Frau hat mir neue Zugangsdaten am Telefon diktiert und das Konto entsperrt. Warum hatte ich dann im Dezember nach dem ersten Telefonat neue Zugangsdaten bekommen? Und warum bin ich nicht schriftlich über die Sperrung von meinem Konto in Kenntnis gesetzt worden? Das weiß nur die Arbeitsagentur, falls es wirklich eine Begründung dafür gibt. Und beim Bearbeiten von meinem Lebenslauf habe ich festgestellt, dass es neue Einträge gab… Alle meine bisherige Einträge wurden dupliziert, aber die Kopien darf ich nicht editieren. Die Kontenverwaltung bei der Jobbörse ergibt für mich keinen Sinn.

Ich habe also im Februar die Verlängerung meines Arbeitsvertrages angegeben, und war deswegen nicht wenig überrascht, letzte Woche von der Arbeitsagentur angerufen zu werden. Das oben angefangene Gespräch lief in etwa weiter so: „Sie haben angegeben, bis zum 28. Februar beschäftigt zu sein.“ „Äh, nein, mein Arbeitsvertrag ist verlängert worden, wie ich in meinem Lebenslauf in der Jobbörse eingetragen habe.“ „Sie hätten sich am 1. März als arbeitslos in der Arbeitsagentur persönlich anmelden sollen.“ „Wie gesagt, mein Arbeitsvertrag wurde verlängert, ich bin nicht arbeitslos. Das habe ich in meinem Lebenslauf bereits angegeben.“ Kurze Pause. „Ah ja, sehe ich…“ „Habe ich etwas vergessen zu tun, um Sie darüber in Kenntnis zu setzen?“ „Hmm, dann sollten Sie aber am ersten Tag der Arbeitslosigkeit zur Arbeitsagentur kommen, um sich als arbeitslos anzumelden. Sie können es aber auch früher machen, Sie müssen nicht bis Ende Dezember warten.“ Erstaunen meinerseits, das wusste ich nicht und es trifft sich gut, da ich sonst am 2. Januar dort erscheinen soll, was den üblichen längeren Besuch bei den Eltern ausschließt. Meine Frage hatte sie aber nicht geantwortet. „Was hätte ich zusätzlich machen sollen, damit Sie wissen, dass ich doch nicht ab dem 1. März arbeitslos bin?“ Keine Antwort, sondern gleich die Ankündigung: „Dann werde ich Sie wohl als Arbeitssuchende abmelden.“ „Nein, bitte nicht! Bis Dezember ist es nicht lang, ich will weiter als Arbeitssuchende bleiben!“ „Na gut, ich melde Sie nicht ab. Auf Wiederhören!“

Ich muss prüfen, dass ich immer noch als Arbeitssuchende gemeldet bin. Wenn ich weiß, wo ich danach suchen muss. Sonst verpenne ich bestimmt wieder die nächste Anmeldefrist.

Dienstreise abgesagt

Ich hätte heute zu einer Tagung fahren sollen. Aber. Mir geht es immer noch nicht so gut, wie ich es erwartet hatte. Ich habe schon im Urlaub gemerkt, dass ich noch psychologisch ziemlich instabil bin. Ich kriege häufig einen Kloß im Hals und muss mich dann zusammen reißen, um nicht auf der Stelle in Tränen auszubrechen. Auch wenn ich abgelenkt bin. Wie soll ich da für ein paar Tage weit weg verreisen und einen Vortrag halten?

Zum Glück habe ich den besten Chef überhaupt, den man sich wünschen kann. Nicht nur, dass er mich während der Schwangerschaft so viel unterstützt hat, jetzt zeigt er nach der Fehlgeburt so viel Verständnis! Wenn ich nicht in der Lage bin, zur Tagung zu fahren, soll ich aus gesundheitlichen Gründen absagen. Punkt. Gemacht. Ein Nachgeschmack von Versagen ist trotzdem da. Die kleine Stimme flüstert mir ins Ohr, „Stell dich nicht so an, du Jammerlappen!“. Körperlich geht es mir ja gut. Die Stimme weiß nicht, wovon sie redet.

Ich brauche noch Zeit für mich, um mich besser zu fühlen. Ich habe mich heute um mich gekümmert. Statt zur Arbeit zu fahren, bin ich zuerst zum Fitnessstudio gegangen. Anderthalb Stunde Wassergymnastik, obwohl die Frauenärztin mich davon abgeraten hatte. Ich habe zwei Kurse hintereinander mitgemacht. In der Sauna war ich auch[1]. Danach habe ich zu Hause gearbeitet. Mein Hausarzt hatte mir angeboten, mir nach Bedarf nach dem Urlaub eine neue Krankschreibung zu geben. Das will ich zur Zeit nicht, weil ich zu Hause arbeiten kann.

Der Arzt hatte mir auch Antidepressiva verschrieben, weil ich Schlafprobleme hatte. Ich habe die Tabletten gekauft, aber noch nicht benutzt. Depressiv bin ich nicht. Ich will die ganze Zeit heulen, das ist doch das Gegenteil von einer Depression, wo man sich nur noch leer und antriebslos fühlt. Was sollen die Tabletten? Womöglich ändern sie mein Verhalten, und dann bin ich nicht mehr ich. Das fand ich schon furchtbar, als ich die Pille ausgesetzt hatte. Da ich keine Gefahr für mich selbst darstelle, sehe ich nicht ein, dass ich Antidepressiva schlucken sollte. Außerdem schlafe ich wieder gut, seit letzter Woche.

Ich bleibe also zu Hause, statt nach Skandinavien zu fliegen. Mit den Streiks an den Flughäfen hätte ich sowieso nicht fliegen können. Wie gut, dass ich mich immer noch nicht darum gekümmert hatte, Flug und Hotel zu buchen. Die Folien zu meinem Vortrag habe ich den Veranstaltern geschickt. Ein der Veranstalter ist eigentlich Uschi, unser ehemaliger Chef. Er kennt mein Thema und hat sich angeboten, um den Vortrag für mich zu halten. Ich habe dadurch weniger schlechtes Gewissen, nicht zur Tagung zu fahren. Theoretisch hätte ich auch von zu Hause aus mit Skype oder ähnliches den Vortrag halten können. Mir fehlt dafür die Ausstattung. Weder Mikrofon noch Kamera habe ich am Rechner angeschlossen. Ich habe sowas nie gebraucht.

[1] In der Dusche bin ich einem gut gebauten jungen schwarzen Mann begegnet, und ich war schockiert darüber, wie sehr ich mich plötzlich zu ihm angezogen gefühlt habe. Wilde Fantasien sind mir durch den Kopf gegangen. Das nach einer frischen Fehlgeburt, und obwohl ich doch so glücklich verheiratet bin! Ein Eisprung ist auch nicht so schnell zu erwarten, der solche Hormonschübe erklären würde. Ich habe schließlich immer noch Schmierblutungen. Ich habe mir die Haare schnell gewaschen und bin aus dem Wellnessbereich auch schnell weg gegangen.

Unwohl

Heute habe ich keine Lust, irgendwas zu essen. Ich spüre kaum Hunger, eher eine ganz leichte Übelkeit, die zum Glück verschwindet, wenn ich eine Kleinigkeit esse. Krackers sind da gut. Schokolade ist keine gute Idee, habe ich festgestellt. Danach fühle ich mich zu voll, und mein Puls fühlt sich unangenehm an. Wieder bin ich müde. Nein, nicht wirklich. Ich fühle mich erschöpft, aber es ist kein Verlangen nach Schlaf. Ich spüre einen Druck auf dem Gesicht. Auf beiden Schläfen, auf den Augen, auf der Stirn, oben auf der Nase. Leichter Kopfschmerz. Kenne ich. Ich weiß, womit es zu tun hat, und die Schwangerschaft ist es nicht. Die Erkältung auch nicht, die immer noch ein bisschen rum hängt. Ich bin sauer. Stinksauer. Ich habe auf Arbeit eine Nachricht gehört, die ich nicht verdauen kann.

Und zwar haben wir gerade die Gelegenheit, in der Arbeitsgruppe mehr permanenten Stellen zu fordern. Wir haben nach einer internen Evaluierung gute Aussichten für eine zusätzliche Dauerstelle. Und wen hat Winfried so nebenbei vor der Gruppe vorgeschlagen? Mr Keen! Ich habe zuerst gedacht, ich höre nicht richtig. Von allen, die in Frage kämen, fällt Winfried nichts besseres ein?

Ich weiß, ich kann ihn seit seinem Vorstellungsgespräch nicht leiden. Es ist schon mal physisch. Er schwitzt ständig in den Händen, es ekelt mich, wenn er meint, mich zum Geburtstag mit einem Handschlag gratulieren zu müssen. Igitt. Vom Anfang an ist es klar, dass ihn nur eines interessiert: Eine Dauerstelle zu bekommen. Noch besser: Als Chef. Die Art, wie er gleichzeitig versucht, das Gegenteil zu zeigen, ohne zu merken, wie durchschaubar er ist, finde ich lächerlich. Zum Beispiel, als wir über einen Nachfolger für Uschi diskutiert hatten. Dabei ist er jemand, der sich vor dem Chef immer begeistert zeigt, aber vor uns nur stöhnt und sich beschwert, wenn er Aufgaben bekommt. Und der gerne prahlt, auch wenn Sachen gut laufen, ohne dass er dafür etwas gemacht hat. Obendrauf verliert er keine Gelegenheit, über Kollegen hinter ihren Rücken schlecht zu reden. Über mich, aber auch über anderen. Und die Art wie er sich mit Kate verhalten hat… Das stimmt, vieles davon erfährt Winfried natürlich nicht. Weil Mr Keen sich anders vor ihm als vor uns verhält. Das alleine zeigt schon, was für ein Heuchler er ist. Aber wenn ich Winfried jetzt aufkläre, bin ich vermutlich die, die lästert und „einfach nur neidisch ist“. Besser nichts sagen.

Natürlich bin ich von Winfried enttäuscht. Immerhin hatte er mir vor zwei Jahren gesagt, er würde mich entfristen wollen. Davon ist seitdem nie wieder was zu hören gewesen, und ich vermute, die Bauchhöhlenschwangerschaft muss damit zu tun haben. Aber es ist nicht das, was mich vor allem sauer macht. Ich kann verstehen, dass er eher jemanden braucht, der an die Weiterentwicklung unserer Geräte arbeitet. Das ist für unseren Betrieb wichtiger als irgendwelche Software zu entwickeln. Mr Keen arbeitet hauptsächlich an den Geräten. Das tut auch Florian, der seit dem Sommer bei uns arbeitet. Und ich muss sagen, seitdem er da ist, läuft die Arbeit an den Geräten viel besser. Florian ist wirklich das Gegenteil von Mr Keen. Er arbeitet mit Begeisterung und engagiert sich total in seinen Aufgaben. Er hat sich unglaublich schnell eingearbeitet, hat gute Ideen und zeigt Initiative, statt wie Mr Keen alles nach Anweisung vom Chef zu machen. Wenn, dann wäre die Wahl für eine Dauerstelle bei ihm viel sinnvoller gewesen. Ich weiß noch, wie sich Mr Keen bei den Vorstellungsgesprächen gegen Florian geäußert hatte. Jetzt spielt er mit ihm den besten Kumpel. Und die Kollegen fallen rein, obwohl sie mitbekommen haben, wie sehr er gegen ihn war. Ich verstehe nicht, wie alle so blind bei Mr Keen sein können. Wirkt sein pummeliges Kleinkind-Gesicht wirklich so unschuldig? Selbst Kate scheint wieder mit ihm gut befreundet zu sein.

Ein bisschen klingt die Situation wie in meinem Traum vor einem halben Jahr. Schwanger bin ich auch noch. In dem Traum war etwas definitiv wahr: Ich kann die Idee nicht aushalten, langfristig mit Mr Keen in Kontakt zu bleiben. Ich habe mir heute die Zeit genommen, um mehr Bewerbungen zu schreiben. Lieber flüchten. Aber gibt es nicht überall andere Mr Keen? Eine ähnliche Situation hatte ich in meinem früheren Institut ja erlebt. Es ist deprimierend zu sehen, wie große Klappen vor Kompetenzen bevorzugt werden. Ich glaube leider nicht, dass meine Chancen auf dem Arbeitsmarkt besser als vor dieser Stelle stehen, obwohl ich meine Erfahrungen deutlich erweitert habe. Jetzt bin ich vierzig, und ich habe das Gefühl, beruflich in einer Sackgasse zu stecken. Firmen interessieren sich nicht für alte Akademiker. Wenigstens hat mich das Wegbewerben vom Ärger abgelenkt.