15.06.2019 — Mein MVV Tagebuch

Samstag. Ich schreibe so gut wie nie über ÖPNV-Fahrten am Wochenende. Heute muss ich. Wir sind mit dem Auto zum Pasinger Viktualienmarkt gefahren. Mit den Sporttaschen im Kofferraum, wie an jedem Samstag, wenn wir nicht verreist sind. Da es dem Ehemann heute doch nicht so gut ging, habe ich mich nach dem Einkauf alleine auf […]

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Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Mein MVV Tagebuch erschienen.

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Poulpine

Vor einem Monat habe ich meine erste Puppe-Schnuffeltuch fertig gehäkelt. Anlass war die Geburt der Tochter von Tim, meinem Zimmerkollegen.

Irgendwie eine Schnapsidee, da ich so wenig Erfahrung mit Häkeln habe, aber Schnapsideen sind eine meiner Stärken. Wer kommt sonst auf die Idee, ohne Erfahrung das eigene Hochzeitskleid selbst zu nähen? Ähm, ich, ja. Es war damals noch gerade rechtzeitig fertig geworden und stimmt, einen Beitrag über das Kleid wollte ich verfasst haben.

Die Anleitung für die Puppe habe ich von funnyhooksandhappycrochets. Als blutige Anfängerin waren mir aber viele Begriffe unbekannt. Zum Glück gibt’s YouTube, und ich habe durch dieses Video endlich verstanden, was es bedeutet, Stäbchen in ein Magic Ring zu arbeiten.

Zufrieden bin ich mit dem Ergebnis nicht richtig. Der Kopf ist zu groß, obwohl ich auf die genaue Anzahl von Maschen geachtet habe, das Gesicht ist nicht richtig gestickt, die Haare sind nicht lange genug und wirken oben zu platt gedrückt, weil ich sicher gehen wollte dass sie nicht heraus gezogen werden konnten und viele Knoten gemacht habe. Und weil die Haare so kurz sind, gibt es längere Stränge am Kleid zum dran ziehen. Irgendwie hat es für mich mehr wie eine Krake als eine Puppe gewirkt. Poulpe, auf Französisch. Daher der Name, Poulpine.

Trotz allem ist die Puppe gut angekommen, bei den Eltern.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Möglich aber verboten: Doppelwahl für Doppelstaatler

So betitelte BR24 diesen Artikel am Anfang des Monates. Gerne wird der Fall vom Zeit-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo zitiert, wenn es darum geht, über die Möglichkeit von EU-Bürgern mit doppelter Staatsangehörigkeit zu berichten, zweimal an der Europawahl teil zu nehmen.

Das ist aber nur die halbe Geschichte. Denn es reicht schon, als EU-Bürger mit einer einzigen Staatsangehörigkeit in einem anderen EU-Land zu leben, um die Möglichkeit zu bekommen, zweimal wählen zu gehen. Oder sind nur die Franzosen so verpeilt? Fakt ist, ich habe sowohl von der Gilchinger Gemeinde als auch vom Konsulat Frankreichs in München eine Wahlbenachrichtigung bekommen.

Ich erinnere mich dunkel, dass ich angeben musste, wo ich für die Europawahl wählen möchte. Entweder am Anwohnermeldeamt, nach meinem Umzug, oder bei meiner Anmeldung am Konsulat, ich weiß nicht mehr. Ich weiß auch nicht mehr, was ich damals geantwortet hatte. Das letzte Mal hatte ich in Köpenick gewählt. Ich habe gehofft, dass ich von der richtigen Stelle rechtzeitig informiert werde, wenn es dazu kommt. Kann man schon erwarten, oder? Nein. Angeblich tauschen EU-Staaten ihre Wählerverzeichnisse untereinander aus, behauptet BR24 im vorher verlinkten Artikel. Das stimmt schon mal zwischen den eng verbündeten Deutschland und Frankreich nicht, so viel kann ich sagen. Sonst kann ich nicht erklären, warum ich von beiden Seiten Wahlbenachrichtigungen bekommen habe.

Vor zwei Monaten habe ich eine Email vom Konsulat bekommen, um mich zu informieren, ich könne mich noch bis zum Ende des Monates entscheiden, wo ich wählen möchte: Entweder am Konsulat in München, oder, zu meinem Erstaunen, im Dorf meiner Mutter in der Provence, wo ich noch für lokale Wahlen registriert bin, obwohl ich seit zwanzig Jahren in Deutschland lebe. Ohne Aktion meinerseits würde ich in München eingetragen bleiben. Super, dachte ich, ich habe nichts zu tun. Aber: Der Ehemann hatte uns für eine Feier in Berlin (schon wieder!), ausgerechnet an diesem Wochenende, Bahnkarten besorgt, ohne zu merken, dass es das Wochenende von der Europawahl war. Rückfahrt Sonntagabend um 19:00. Zu spät. Was nun? Briefwahl wird in Frankreich nicht angeboten. Ich könnte eine Person meines Vertrauens, ebenfalls französischer Staatsangehörigkeit und im Konsulat in München wahlberechtigt, beauftragen, für mich wählen zu gehen. Der Hacken: Ich kenne hier nur zwei anderen Franzosen, mit denen ich gerade einmal auf dem Weihnachtsmarkt diskutiert habe. Ich kann sie unmöglich fragen.

Ich war schon am Überlegen, ob ich einen früheren Zug am Sonntag buchen sollte, als ich die Wahlbenachrichtung von Gilching im Briefkasten gefunden habe. Mit der Möglichkeit, per Briefwahl zu wählen. Problem gelöst. Vor drei Wochen habe ich meine Unterlagen am Einwohnermeldeamt geholt, ein paar Tage später habe ich meine Stimme zum Rathaus gebracht. Unkompliziert und bequem. Viele roten Briefumschläge lagen schon im Kasten.

Am 09. Mai habe ich dann eine Email vom französischen auswärtigen Amt bekommen. Eine persönliche Einladung, um für die Europawahl zum Konsulat zu kommen, mit Ort- und Zeitangabe. Häh? Seitdem sprudeln auch die Kampagne-Emails von allen französischen Kandidaten in meine Mailbox ein, selbst von Parteien, die nicht sich nicht zur Wahl stellen. Und diese Woche hat mich diese Wahlbenachrichtigung vom Konsulat erreicht. Obwohl ich offensichtlich in Gilching für die Wahl registriert bin, weil ich sonst definitiv keine Wahlbenachrichtigung bekommen hätte. Im Zweifelsfall traue ich eher dem deutschen Verwaltungsapparat, über die begrenzten Fähigkeiten der Franzosen habe ich hier schon mal gelästert.

Also, wer auch es immer ins Europäischen Parlament schafft: Es wäre schon super, wenn solche Umstände beim nächsten Mal vermieden werden könnten.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Kein Wochenplan, KW18

Seit halb elf sitze ich im Zug zurück nach München. Zeit, meinen nicht so wöchentlichen kulinarischen Rückblick zu verfassen.

Ich denke jetzt dran, weil ich gerade gegessen habe. Ein sehr mäßiges Hähnchen-Sweet-Chili Sandwich. Den habe ich mir selber geholt, weil, obwohl ich in 1. Klasse sitze, bisher niemand bei uns für Bestellungen erschienen war, und ich hatte einen riesigen Hunger. Warum habe ich mir eigentlich kein leckeres Sandwich an der S-Bahn-Station gekauft? Ich hatte Zeit, in Friedenau, und die Auswahl ist dort im Shop am Gleis doch viel ansprechender als im Zug. 12:10 trinke ich aus der ebenfalls im Bistrowagen erworbenen Apfelschorle-Flasche, als eine DB-Mitarbeiterin vom Bistro zu unserem Abteil kommt. Zu spät. Mein Nachbar bestellt sich ein Cappuccino. Um 12:45 hat er sich gerade zum schlafen bequem gemacht, als die Frau ihm sein Cappuccino bringt. Geduld muss man haben, heute. Scheinbar ist der Zug sehr ausgelastet. Und das, bei den horrenden Preisen. Ich meine, die Strecke ist noch teurer geworden, seitdem ich nicht mehr pendeln muss.

Der letzte Wochenplan war schon vor einem Monat. Klar, die Woche danach war ich drei Tage lang auf Dienstreise, ein Wochenplan hätte sich nicht gelohnt, dann war Ostern, Tim war eh aus Elternzeit zurück und ich wollte mittags mit ihm essen gehen, und da wir am Osterwochenende unterwegs waren, haben wir auf dem Markt nicht einkaufen können. Diese Woche hatte ich mir Montag und Dienstag frei genommen, und der Ehemann ist schon am Donnerstag nach Berlin gefahren, wo wir am Wochenende auf eine Feier eingeladen wurden. Also wieder kein Wochenplan. Immerhin haben wir gekocht. Ohne Plan, wir hatten nach Lust und Laune am Markt eingekauft.

Für Samstagabend habe ich uns Spargelrisotto mit grünem Spargel gemacht.

Unser Sonntagsmenü war großartig. Da ich einen großen Bund Radieschen zum Naschen gekauft hatte und die Blätter so toll aussahen, ist mir in den Kopf gekommen, eine Radieschenblättersuppe als Vorspeise zu machen. Der Ehemann ist unser Fleischexpert und hat eine Entenbrust zubereitet. Bei 300 Gramm reicht ein Stück für zwei Personen. Dazu gab’s grüne Bohnen. Und ein Stück Rhabarber-Blechkuchen als Nachtisch.

Am Dienstag habe ich mich erstmalig ans Rezept von Senfeiern mit Kartoffelpüree gewagt. Ein Stück Berlin auf dem Teller. Der Ehemann war begeistert, aber das Rezept war viel zu viel (ja, ich hatte für zwei Personen umgerechnet). Ich meine, die geben ein ganzes Kilogramm Kartoffeln für vier Personen an! 250 g pro Person! Ich hätte auch mein Gehirn einschalten können.

Für Mittwochabend gab es die zweite Entenbrust, asiatisch, spontan zusammen gereimt. Der Ehemann hat das Fleisch zubereitet, ich habe das Gemüse (rote Paprika, Möhren, Soja- und Bambussprossen) in der Pfanne angebraten. Mit Reis dazu. Eine Portion konnte ich mir für die Mittagspause am Donnerstag sichern, was schwer war, da es so gemundet hat. Ein Rezept muss noch her.

Am Donnerstagabend habe ich mir eine Omelette mit grünem Spargel und Tomaten zubereitet. Die Idee war natürlich, die Hälfte davon für die Mittagspause am Freitag mitzunehmen, aber dadurch, dass ich am Morgen schon an meine Wahlbenachrichtigung denken musste, um Briefwahlunterlagen am Rathaus abholen zu gehen, ist die Omelette im Kühlschrank vergessen worden. Am Freitagabend hat sie auch geschmeckt.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Der neue Wahl-O-Mat ist da

Am letzten Maiwochenende findet die Europawahl statt. Wir sind genau dann zu einer Feier in Berlin eingeladen, daher habe ich mir heute die Unterlagen für Briefwahl besorgt. Bin ich froh, in meiner Gemeinde und nicht am Konsulat für die Europawahl registriert zu sein! In Frankreich wird Briefwahl nicht angeboten.

Da es bis jetzt noch keine richtige Antwort zur Politik-Frage von der Liebster-Award-Nominierung gab, heute ein Bild, das bekanntlich mehr als tausend Wörter sagt: Mein Wahl-O-Mat-Ergebnis.

Das da unten, das sind 22,4% zu viel.


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Gähn

Wir mussten heute ganz früh aufstehen. So kurz vor fünf. Um elf waren wir schon im Bett, aber ich war nicht müde genug zum Einschlafen. So gegen zwölf muss es geklappt haben. Und danach bin ich sowieso jede Stunde aufgewacht. Das letzte Mal um viertel nach vier.

Ich habe darauf gewartet, dass der Radiowecker den Ehemann weckt, und bin sofort duschen gegangen. Kaffee und Banane geschluckt. Am Abend gepackte Taschen geholt. Und runter zur Tiefgarage.

Zum Glück hat mich der Ehemann zum Flughafen gebracht. Denn sonst hätte ich noch früher aufstehen müssen. Die S8 fährt zwar gleich um die Ecke, aber sie braucht über eine Stunde bis zum Flughafen. Mit dem Auto spare ich eine gute halbe Stunde, um die Uhrzeit. Gut, der Ehemann muss dann zurück nach Hause fahren, und mit dem Stau mit Blaulicht, den wir in die andere Richtung gesehen haben, wird es kein Spaß.


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Wochenendrückblick

Das Wochenende hat, wie jedes Wochenende, mit einem Besuch des Pasinger Viktualienmarkts begonnen. Frühstück bei Banandi’s Deli. Den ganzen Winter waren wir quasi die einzigen Gäste, die draußen gegessen haben, seit einigen Wochen ist auf einmal die Terrasse überfüllt. Gestern ging es wieder, dem schlechteren Wetter sei Dank. Wir sind diesmal mit der S-Bahn statt mit dem Auto gefahren, weil wir nicht vor hatten, wie sonst nach dem Einkaufen zum Sport zu fahren. Der Ehemann hat sich vor einer Woche beim Skifahren den Ellbogen gestaucht und wollte noch kein Sport machen, und da ich wegen Dienstreise die ganze kommende Woche nicht dazu kommen werde, haben wir das Training auf morgen verschoben. Auf dem Weg zurück zum Bahnhof ist mir dieser Baum mit den Blüten aufgefallen. Ich habe Lust auf Blumen bekommen, und zurück in unserem Kiez, habe ich bei der Blumenhändlerin dieses hübsche Arrangement mit der tollen Tulpe gekauft.

Die Tulpe ist nicht lange auf dem Couchtisch geblieben, denn wir haben gedacht, ihr geht’s doch bestimmt besser auf der Terrasse. Mit den anderen Blumen. Vielleicht zieht sie auch Bienen an. Als ich gestern auf dem Balkon stand, habe ich doch keine Insekte zur Tulpe fliegen gesehen. Sie sind alle mächtig von den Tannenbäumchen angezogen, die uns die Vermietern in den Blumenkasten gelassen haben. Das eine Bäumchen in der Mitte tropft total auf dem Schutzblech, und vor allem die Wespen haben ihr Spaß. Ich weniger, Wespen machen mich immer nervös, so gerne sie dicht an uns vorbei fliegen. Entspannte Nachmittage in der Sonne auf dem Balkon kann ich vergessen, vor allem, seitdem der Ehemann alle seine Pflanzen aus Berlin hierher gebracht hat. Und ich rede lieber gar nicht von gemütlichen Mahlzeiten in der frischen Luft. Wespen kommen sofort an, und ich gehe dann rein und vergesse lieber, dass wir einen Balkon haben.

Was am Nachmittag noch geschah, kann ich wegen Jugendschutz nicht erzählen. Für den Abendessen hat uns danach der Ehemann Spinat-Gnudi gekocht. Das war ein Rezept, das er auf Bayern2 gehört hatte, aber ich denke, es hat eigentlich nichts mit dem originalen Rezept zu tun. Das müssen wir jetzt nachholen.

Heute gibt es kein Foto. Wir sind am späten Vormittag zum Sport gefahren, und ich habe an Präsentationen gearbeitet, die ich bei meiner Dienstreise halten muss.


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Heute ist Weltfrauentag

In Berlin ist sogar erstmalig dafür Feiertag. Ich bin nicht sicher, dass ich das so gut finde. Am internationalen Frauentag können Frauen die Arbeit nieder legen. Sie streiken und treffen sich, um zu diskutieren oder demonstrieren. Aus dem Frauentag einen Feiertag zu machen, entkräftet die Aussage von einer Streitaktion massiv. Andererseits können dadurch mehr Leute an Demos teilnehmen.

Ich habe noch nie an irgendwelchen Aktionen zum Weltfrauentag teilgenommen. Wenn, dann würde ich solidarisch für andere Frauen hingehen, die nicht so viel Glück wie ich haben. Aber dieses Jahr habe ich es verpennt. In München ist kein Feiertag. Ab 16:00 war am Marienplatz etwas organisiert. Ich habe blöderweise einem Telefongespräch am späten Nachmittag mit meinem amerikanischen Kunden zugesagt, bevor ich geschnallt habe, dass heute Frauentag ist. Das Gespräch wurde doch nicht so lang, der Ehemann hat mich mit dem neuen Auto von der Arbeit abgeholt, und wir haben einen ausnahmsweise frühen Feierabend zu Hause genossen.

Ich selber kann nicht meckern, seitdem ich das Elternhaus hinter mir gelassen habe. Ich habe endlich einen guten Job. Keine Ahnung, wie gut ich im Vergleich mit den anderen Kollegen verdiene. Aber ich bin schon sehr zufrieden. Der Ehemann ist arbeitslos, und selbst wenn er gar keine Leistung mehr beziehen würde, könnte ich uns noch einen recht guten Lebensstandard leisten. Trotz freiwilliger Krankenversicherung und großer Wohnung im Münchner Raum. Der Ehemann ist ein Schatz und übernimmt quasi alle Hausarbeiten. Wäsche aufhängen, Spülmaschine ausräumen, Dusche trocken, Staubsaugen, Boden wischen… Ich koche jeden Tag, wahr, weil ich es einfach so gerne tue. Und ab und zu wische ich Staub aus den Regalen. Ich habe Glück, denn ich bin keine Hausfrau.

Andere nicht. Die Dokus auf Arte am Dienstag haben mich recht wütend gemacht. Es ist nichts Neues, man weiß es lange, aber es wirkt ganz anders, wenn man Aussagen von Frauen hört, die in der katholischen Kirche von ihren männlichen Vorgesetztern Jahre lang hirngewaschen vergewaltigt und zu Abtreibungen gezwungen werden. So läuft es seit Jahrhunderten, und danach sind es immer die Frauen, die als schuldig angesehen und rausgeworfen werden. Die zweite Doku über die Misshandlung von entführten Frauen durch Mitglieder des sogenannten IS war noch schlimmer. Es ist zum Kotzen.

Ich weiß nicht, ob so ein Tag wirklich eine Wirkung hat. Die Gewalt gegen Frauen hat schon viel zu lange gedauert. Wenn ich sehe, was heutzutage noch alles passiert, habe ich das Gefühl, dass die Menschheit sich seit Jahrtausenden nicht weiter entwickelt hat. Technisch, ja, aber ganz tief bleibt immer noch der Wurm drin.


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Verpeilt

Gestern bin ich in der S-Bahn kontrolliert worden. Kurz bevor ich aussteigen musste.

Mein Jahresabo liegt in meinem Portemonnaie. Seitdem ich es letztes Jahr gekauft habe. Ich musste es nur raus graben.

Das Portemonnaie liegt in meinem Rucksack. Ganz tief im mittleren Fach, wo man schlecht ran kommt. Ich will es Langfingern nicht leicht machen. Obendrauf lag gestern meine Tüte mit der leeren Mittagessensdose, und obendrauf noch meine neuen Kopfhörer, die mir der Ehemann zu Weihnachten geschenkt hatte. Sowie ein noch nicht geöffneter Briefumschlag mit meiner Gehaltsabrechnung von Januar, weil wir sie nicht per Post geschickt sondern im Büro ausgehändigt bekommen.

Ich greife also zum Portemonnaie. Dafür muss ich erstmal den Rest raus nehmen. Neben mir sitzt niemand mehr, ich habe Platz. Ich zeige dem jungen Mann mein Abo, nachdem ich es mühsam aus seinem Fach geholt habe. Der Mann nimmt sich Zeit, es sich genau anzuschauen, aber nach meinem Ausweis fragt er nicht, obwohl mein Abo persönlich ist und nicht geliehen werden darf. Ich packe dann das Abo zurück ins Portemonnaie, was nicht auf Anhieb klappen will. Ich hole es zu selten aus seinem Fach. In Berlin war es einfacher, man hatte eine Karte die elektronisch gelesen werden konnte, statt so ein kleines Pappstück wie hier, und man konnte es sogar auslesen lassen, ohne die Karte vom Portemonnaie raus zu nehmen.

Wir erreichen Argelsried. Ich packe noch die Tüte mit der Dose ein, und muss schon gleich aussteigen.

Heute Morgen komme ich zur Arbeit an. Ich will wie gewohnt die Kopfhörer benutzen und stelle fest, ich habe sie nicht dabei. Ich muss sie zu Hause liegen lassen haben, und teile dies dem Ehemann mit, der darauf nicht antwortet.

Ich arbeite munter vor mich hin, da die Kollegen nicht im Büro sind, bis das Telefon vom Büro mich aus meiner Programmiererei reißt. Es ist für mich, den Anrufer kenne ich nicht. Er fragt, ob ich seit gestern nichts vermissen würde. Mir fällt erstmal nichts ein, weil ich noch glaube, die Kopfhörer zu Hause vergessen zu haben. Er sagt, er hätte gestern Abend in der S-Bahn einen Briefumschlag mit meinem Namen auf einem blauen Beutel gefunden, der Kopfhörer enthält.

Ich fasse es nicht. Wie verpeilt muss ich sein, dass ich nach einer einfachen Fahrscheinkontrolle die Hälfte meiner Sachen auf dem Sitzplatz neben mir übersehe und liegen lasse? Es macht mich ganz schön fertig, weil die Kopfhörer ein Geschenk vom Ehemann sind, und ich schaffe es, sie nach einem Monat zu verlieren. Im Büro wollte ich sie nicht auf dem Schreibtisch lassen, weil wir keine verschließbare Möbeln haben, und ich nicht sicher bin, dass ich allen Kollegen vertrauen kann. Ich kenne noch nicht mal die Namen von der Hälfte. Also habe ich bis jetzt die Kopfhörer jeden Tag hin und her geschleppt.

Ein Glück, dass ich gestern meine Gehaltsabrechnung mitgepackt habe, sonst hätte der gute Mann am Telefon gar nicht gewusst, wem die Sachen gehören. Er hätte sie zum Fundbüro gebracht, sagte er, und ich hätte sicherlich nie daran gedacht, dort nachzufragen. Ein Glück auch, dass der Mann so nett ist und sich die Mühe gegeben hat, mich ausfindig zu machen.

Wir verabreden uns heute Abend nach der Arbeit bei ihm. Der Ehemann fährt mich mit dem Auto hin. Wir bringen als Dankeschön eine Flasche Wein aus unserem Lager mit.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.