Die erste Wahlrunde in Graphiken

Morgen gehen wir für die zweite Runde zur Urne.

Mit „wir“ möchte ich meine ganzen Mitbürger auf der Welt meinen, aber so einfach ist es nicht. Haben vor zwei Wochen fast 74% der Franzosen ihre Stimmen abgegeben, waren es gerade 35% bei denen, die im Ausland leben (1 435 746 registrierte Wahlberechtigte gibt es außerhalb Frankreichs). In Deutschland, wo wir den Luxus haben, sechs Konsulate zur Verfügung zu haben, konnten 42% der Wähler ihre Stimme abgeben. Wählen ist im Ausland nicht einfach, wenn man bedenkt, dass wir die Möglichkeit zur Briefwahl gar nicht angeboten bekommen. Für mich unverständlich, da die Möglichkeit für die Législatives besteht, für die man sogar online wählen kann. Das wird für die Présidentielles als nicht sicher genug gehalten. Franzosen im Ausland haben morgen, wie vor zwei Wochen, die Wahl zwischen selber zum Konsulat zu fahren, oder eine vertraute Person französischer Staatsbürgerschaft zu beauftragen, für sich wählen zu gehen. Wenn Corona nicht einen Strich durch die Rechnung macht. Oder man geht gar nicht wählen, wenn man niemanden kennt und kein Geld oder Zeit für eine Fahrt hat. Wer zum Beispiel in Erfurt lebt braucht schon zwei Stunden Zug zum nächstgelegenen Konsulat in Berlin. Hin.

In meinem letzten Beitrag zum Thema hatte ich Prognosen für die Wahl angegeben. Die Webseite, aus der ich die Daten hatte, zeigt jetzt ganz andere Sachen, unter anderen einen Zeitverlauf der täglichen Wahlprognose während des ganzen Wahlkampfes bis zur ersten Wahl. Es war ein Leichtes, an die Daten zu kommen und selber meine eigene Graphik mit R zu machen. Einfach so zum Spaß, weil ich in letzter Zeit bei (zu) vielen MOOCs mitmache und mich für Datenanalyse interessiere. Einen Kurs über R hatte ich schon vor einigen Jahren gemacht, ich habe meine Kenntnisse ausgegraben und die Entwicklung der Wahlprognose unten schön bunt dargestellt. Nicht für alle Kandidaten. Die, die dauerhaft unter 5% lagen, habe ich ausgelassen. Die letzten Punkte in der Graphik zeigen die Wahlergebnisse. Sie liegen meistens ganz nah an der Prognose.

Die Entwicklung finde ich interessant. Zum einem sieht man eine klare Verlaufsänderung seit dem Angriff von Russland auf die Ukraine. Die Prognose für Macron (gelb) war die ganze Zeit davor konstant bei 25% geblieben, ab dem 24.02., mit einer vertikalen schwarzen Linie dargestellt, sind seine Werte nach oben geschossen. Zum Höhepunkt der Entwicklung hatten sogar 31,5% der Befragten angegeben, für ihn wählen zu wollen. Und dann ist die Prognose stetig gefallen. Ich habe die Debatten in Frankreich nicht mitbekommen und weiß nicht, woran es liegen könnte. Auffällig ist auch, wie Zemmour (grau) sich bis zum Niveau von Le Pen (hellblau) hoch gearbeitet hatte, um dann nach dem Anfang des Krieges fast spiegelverkehrt zu Le Pen Stimmabsichten zu verlieren. Haben sie sich abgesprochen, um wenigstens eine der ausländerfeindlichen Parteien zur zweiten Runde kommen zu lassen? Wären sie mit gleicher Prognose so weiter gegangen, wären sie von Mélenchon (violett) überholt worden. Mélenchon, ein der vielen Politikern aus der zerrissenen Linke, der am Anfang der Kampagne nicht mal auf 10% kam, war für mich von vorne rein wegen seiner anti-europäischen Haltung ausgeschloßen. Seine Gegenkandidatin aus der Partei von Sarkozy, Pécresse (rot), hatte gleich stark wie Le Pen angefangen, um am Ende in den Keller der Wahlergebnissen zu sinken. Zwischen ihr und Mélenchon sieht man auch ein spiegelverkehrtes Verhalten seit dem Ausbruch vom Krieg. Kausalität oder blosse Korrelation? Der Knick von Mélenchon nach oben am Tag der Wahl entspricht ziemlich genau dem Knick nach unten von Pécresse. Le Pen und Mélenchon, beide Anti-Europäer, haben seit Ende Februar den gleichen Zuwachs bekommen. Können die Wähler nicht einsehen, dass man gemeinsam in der EU stark bleiben kann, aber jeder getrennt für sich allein leichte Beute ist?

Aus den Prognosenentwicklungen habe ich mir die Korrelationsmatrizen zwischen den Kandidaten rechnen lassen, unten links vor dem Krieg, in der Mitte seit dem Krieg, rechts während der gesamten Wahlkampagne. Die dicken blauen Punkte auf der Diagonale von oben links nach unten rechts zeigen die Eigenkorrelationen, die mathematisch nur 1 sein können. Korrelationen zeigen die lineare Abhängigkeit zwischen zwei Größen und können Werte zwischen -1 und 1 annehmen. Bei einer Korrelation von 0 gibt es keine lineare Abhängigkeit. Man denkt häufig, dass es bedeutet, dass die Größen dann unabhängig voneinander sind, aber das stimmt auch nicht immer. In den Graphiken unten sind positive Korrelationen in blau dargestellt, negative Korrelationen sind rot. Je dunkler die Farbe und je größer der Kreis, desto höher der absolute Betrag. Man erkennt ganz gut die Verhalten, die ich oben beschrieben habe. Zum Beispiel, die Tatsache, das Le Pen und Mélenchon seit dem Krieg einen ähnlichen Zuwachs bekommen haben, zeigt sich im dicken blauen Punkt. Gleichzeitig zeigt der dunkelrote Punkt zwichen Le Pen und Zemmour dass ihre Prognoseverläufe gegeneinander laufen: Während Le Pen an Stimmabsichten gewonnen hat, hat Zemmour quasi gleich viele Stimmabsichten verloren. Die Überraschung: Die mäßige positive Korrelation zwischen Macron und Jadot seit dem Krieg. Der grüne Kandidat war die ganze Zeit bei 5% geblieben, aus den Kurven erkennt man so keinen Zusammenhang.

Aktuell wird für Macron 55% der Stimmen vorausgesagt, gegen 45% für Le Pen. Es sieht wie ein bitterer Sieg aus. Natürlich werde ich für Macron stimmen, die Alternative will ich mir nicht vorstellen. Aber jetzt bekennen sich fast die Hälfte der Wähler unter meiner Landsleute offen für Ausländerfeindlichkeit. Das ist erschreckend. Warum soll ich mich mit diesem Land weiter identifizieren? Wir waren doch so knapp dabei, mit 1,2% Unterschied Le Pen aus der zweiten Runde raus zu schmeißen! Hätten mehr Franzosen aus dem Ausland gewählt, wäre es Realität geworden. Das Wahlverhalten der Franzosen außerhalb Frankreichs ist ein ganz Anderes.

Wahlergebnisse insgesamt[1] und für die Franzosen im Ausland[2]. Der schwarze Balken rechts zeigt jeweils den Anteil von Nichtwählern.

Ich bin überzeugt, Briefwahl hätte den Ausgang der ersten Runde anders aussehen lassen können. Mit der Gefahr für die EU, danach Mélenchon als Präsident zu bekommen.

[1] Daten aus https://fr.wikipedia.org/wiki/%C3%89lection_pr%C3%A9sidentielle_fran%C3%A7aise_de_2022 (am 23.04.2022).

[2] Daten aus https://www.resultats-elections.interieur.gouv.fr/presidentielle-2022/000/099/index.html (am 23.04.2022).

Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Danke DHL. Nicht.

Ich habe mir etwas bestellt.

Das passiert selten, das letzte Mal war vor fast drei Monaten. Der Ehemann bestellt viel häufiger online, und die Nachbarn auf der Etage noch mehr. Es gab Zeiten wo ich mehrmals am Tag von verschiedenen Lieferdiensten aus tiefster Programmiertätigkeit gerissen wurde, um ein Paket zu empfangen, das gar nicht für mich war. Das hat sich in den letzten Wochen beruhigt.

In Heimarbeit bin ich immer noch, und es ärgert mich jetzt richtig, wenn ich ausnahmsweise mal etwas für mich bestelle, eine Email mich informiert, die Lieferung kommt heute an, und plötzlich heißt es, das Paket kann ich ab morgen in einer Supermarktfiliale abholen, obwohl den ganzen Tag bei mir niemand geklingelt hat.

Man könnte meinen, die Person, die das Paket liefern sollte, hat es zeitlich nicht mehr geschafft und sich gedacht, scheiß drauf, ich tue als ob. Aber was für einen Sinn macht es, den Zettel in den Briefkasten zu werfen und die Klingel drei Meter weiter weg nicht zu tätigen?

Die Klingel funktioniert einwandfrei. Der Ehemann hat sie auf dem Weg nach Hause gerade getestet. Nicht zu überhören.

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Die Tauben sind weg

Nach zwei Wochen ausgezogen.

Zwei Tage lang habe ich beobachtet, wie die Tauben ihren Nest oben im Baum gebaut haben, dann wurde es still.

Am Ende der Woche gab’s einen Sturm mit starkem Wind. Die Baumkrone hat sich in allen Richtungen gebeugt. Am nächsten Tag flog wieder eine Taube hin und her mit Ästen in dem Schnabel. Reparaturarbeiten.

Dann kam der Schnee und ich hatte mir Sorgen gemacht, ob die Eier, wenn es schon welche gibt, die Kälte überleben. Scheinbar schon. Als der Schnee geschmolzen war, ist wieder eine Taube hin und her geflogen, aber diesmal nicht mit Ästen sondern mit Insekten im Schnabel. Ich habe keine piepende Stimmen gehört. Vermutlich wurde die Mama auf den Eiern gefüttert.

Letzte Woche wurde es dann wieder heftig stürmisch. Und seit der Sturm vorbei ist, ist nichts mehr von den Tauben im Baum zu sehen. Morgens hörte man sie von dort rufen, jetzt hört man sie immer noch, aber weiter weg hinter dem Haus, wo man sie nicht mehr sieht. Scheinbar haben sie sich ein neues Nest gebaut. Hoffentlich nicht so empfindlich gegen den Wind. Schade, ich hätte gerne die Kleinen gesehen.

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Die Wahlunterlagen sind da

Gestern habe ich die Prospekte der Kandidaten mit der Einladung zur Wahl per Post bekommen. Es gibt Fortschritte. Beim letzten Mal hatte ich den Brief erst am Donnerstag vor der Wahl bekommen.

Ich schaue mir die Prospekte der Kandidaten an. Das geht heute nicht sehr konzentriert. Ich habe mich wegen Migräne krank melden müssen. Ein starker Wind weht seit gestern Abend und ich habe mich schon beim Aufwachen nicht gut gefühlt. Wie beim letzten Mal. Noch geht es, halbwegs, ich kann nur nicht lange am Stück den Bildschirm gucken und alles dauert länger. Für Programmierarbeit ist es aus meiner Erfahrung sinnlos, in dem Zustand zu arbeiten. Wenn ich versuche, mich zu überwinden, kommt nichts Produktives raus und es wird im Laufe des Tages nur schlimmer. Vielleicht kann ich durch eine frühe Krankmeldung Schlimmeres verhindern, anstatt zu verharren, bis ich wirklich nicht mehr kann. Es scheint zu klappen. Ich schreibe also. Langsam und peu à peu. Ob was Kohärentes dabei raus kommt?

Nicht vollständig, zwei Prospekte fehlen, die direkt in den Papiermüll gelandet sind.

Auffällig in den Prospekten ist, wie zersplittert die französische Linke ist. Mindestens vier Kandidaten haben Punkte in ihren Programmen, die sich entweder sehr ähnlich sind oder gut ergänzen würden, sie klauen sich gegenseitig Stichwörter, aber zusammen wollten sie nicht kandidieren. Das führt dazu, dass in den Umfragen kein der Kandidaten auf 4% der Stimmabsichten kommt, beginnend bei 0,5%[1]. Dass man mit so wenig Unterstützung zur Wahl zugelassen wird… Anstatt jeder für sich alleine in die Bedeutungslosigkeit zu versinken, könnten diese kleinen Kandidaten zusammen auf 6,5% kommen. Das bleibt sehr wenig, ist aber schon mehr als die ökologische Partei, für die aktuell gerade 4,5% der Wähler stimmen würden. Und eine zusammengeschweisste Linke könnte mehr Stimmen als 6,5% bekommen, weil Leute weniger denken würden, umsonst für sie zu wählen, als für die ganz kleinen Parteien. Die meisten Stimmabsichten sammeln, leider unüberraschenderweise, die Rechtsextreme, gefolgt vom aktuellen Präsident.

Ich betrachte mein Land aus der Ferne, da ich jetzt die zweite Hälfte meines Lebens in Deutschland gelebt habe. Ich frage mich, wie konnte es so weit kommen? Ich hatte gehofft, dass Zemmour genug Wähler von Le Pen klauen würde, so dass keiner der Beiden es in die zweite Runde schafft. Es sieht doch nicht so aus. In den hiesigen Nachrichten wird Zemmour als noch rechtsextremer als Le Pen dargestellt. Aus meiner Jugenderinnerung hätte ich nie gedacht, dass so was möglich ist. Ein damals beliebter „Witz“ war, in den Neunzigern: „Wusstest du, dass Le Pen[2] arabisches Blut hat[3]?“ „Ach nee, im Ernst?“ oder ähnliches war die typische Reaktion der Gefragten. „Ja, auf seiner Stoßstange“. Nicht gerade feinfühlig, aber es beschrieb gut den Typ und wie er in der Bevölkerung wahrgenommen wurde. Dass jetzt jemand als rechtsextremer gilt, geht doch, weil Le Pen[4] in den letzten Jahren den Ton gemäßigt hat und die Partei nach einem Namenswechsel mehr in Richtung traditioneller Rechte gerückt hat. Die ausländerfeindliche Lücke füllt jetzt Zemmour, mit 10% der Stimmabsichten. Und dass die Nachrichten vor einigen Jahren darüber berichtet hatten, wie Le Pen und andere europäische anti-europäische[5] rechtsextreme Parteiführer Geld vom Kreml angenommen hatten, juckt scheinbar niemanden unter den Wählern.

Wie meine Wahl ausfällt, bleibt noch zu sehen. Durch eine Doku auf Arte über das Prekariat in Frankreich, „Abschied von der Mittelschicht“[6], wurde mir bewusst, wie sehr sich die Bedingungen in den letzten Jahren für Arbeitnehmer verschlechtert haben. In der zweiten Wahlrunde wird es sowieso sicherlich nur eine Möglichkeit für mich geben, egal wie ich mich jetzt entscheide.

[1] Die Zahlen ändern sich ständig, weil die Umfragewerte sich ständig ändern.

[2] Der Vater der aktuellen Le Pen war gemeint.

[3] Das ist sicherlich schlecht ins Deutsche übersetzt, steht aber eins zu eins für die französische Version. Was man in Frankreich üblicherweise unter der Redewendung impliziert ist, dass „in seinen Adern arabisches Blut fließt“. Aber so ausgedrückt würde der übersetzte „Witz“ keinen Sinn mehr machen.

[4] Die Tochter.

[5] Nee, kein Typo.

[6] Ich verlinke schon lange keine Arte Doku mehr, weil sie ihre Videos ständig hochladen, löschen, neu hochladen und Links dadurch nicht dauerhaft gültig bleiben.

Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Kein guter Aprilscherz

Draußen schneit es ununterbrochen, seitdem ich aufgestanden bin. Ich schlürfe kurz vor acht am ersten Kaffee des Tages und öffne wie üblich meine Dashboard-Seite[1], da ich von dort aus zum Reader komme.

Nicht zu übersehen, sticht mich diese Meldung ins Auge:

Seit heute.

Häh? Neulich hatte ich doch gerade 16% von meinem Speicherplatz benutzt. Ich hatte mir ausgerechnet, dass ich für die nächsten zehn Jahre bestimmt noch Fotos hochladen könnte. Wie konnte ich auf einmal den Speicherplatz überschritten haben? Und warum belege ich mehr als erlaubt? Ich vermute, der Speicherplatz wurde massiv runter geschraubt und als es passierte, lag ich knapp über 500MB. Gestern war noch alles in Ordnung. Dass diese Änderung so stillschweigend ohne Vorwarnung statt findet, ist eine Frechheit. Und ich bereue jetzt, dass ich letztes Jahr meinte, den verfügbaren Speicherplatz im Screenshot ausgrauen zu müssen. Wie man aus der Länge vom ausgegrautem Bereich sieht, war der Speicherplatz vorher auf jeden Fall größer als 1000MB.

„Und wie hast du es geschafft, dieses Screenshot hoch zu laden?“ höre ich fragen[2]. Ganz einfach zu meinem still gelegtem zweiten Blog, in dem ich über meine Misere mit dem Münchner ÖPNV schrieb – das ist Geschichte, seitdem ich zu Hause arbeite[3]. Die drei Tage, die ich 2021 im Büro verbringen musste, hatte mich der Ehemann mit dem Auto hin gefahren[4]. Auf dem zweiten Blog benutze ich jetzt 10% des Speicherplatzes, dort ist jetzt ebenfalls eine Grenze von 500MB. Die 10% sind hauptsächlich Bilder, die ich direkt vom Handy aus hochgeladen hatte, trotz eingebautes Fotoeditors sind sie größer als die Bilder, die ich hier vom Rechner aus nach Bearbeitung und Verkleinerung hochlade. Eine gute Dauerlösung ist es trotzdem nicht.

Speicherplatz auf dem MVV-Blog.

Ich hoffe immer noch auf einen schlechten Scherz, aber so ganz glaube ich nicht dran. Ich bin überrascht, in keinem der „Foto-Blogs“, denen ich folge, über eine solche plötzliche Begrenzung gelesen zu haben.

Nachtrag von 12:23. Es ist scheinbar ein Anzeige-Bug, wie in diesem Forum-Beitrag zu lesen ist.

[1] Inzwischen ist die Dashboard-Seite leichter zugänglich geworden. Und ja, die Datumskoinzidenz zwischen dem Beitrag letztes Jahres und heute ist mir aufgefallen. Scheinbar gehöre ich zur Gruppe von Nutzern, die jedes Jahr am ersten April Feature-Änderungen bekommen, weil WordPress nicht bei allen Nutzern gleichzeitig Änderungen anwendet.

[2] Probiert hatte ich es nicht mal, bis kurz bevor ich den Beitrag hochladen wollte. Es geht. Doch ein Scherz?

[3] Leider nicht für den Ehemann. Fast täglich erlebt es massive Ausfälle. Seine einzige Motivation, momentan weiterhin mit ÖPNV zu fahren, ist dass die Spritkosten so in die Höhe gekommen sind, und wir sehen es nicht ein, den Profiteuren vom Krieg noch mehr Geld zu geben.

[4] Obwohl ich trotz zwei Jahren Home Office mein Abo immer noch nicht gekündigt habe. Zuerst weil nicht abzusehen war, wie lange ich zu Hause arbeiten würde, dann aus der Idee, dass ÖPNV nicht mehr Verlust braucht, wenn es aus Umweltschutz-Gründen als Alternative zum Auto bleiben soll – obwohl man im Münchner Raum echt Nerven braucht, um dem ÖPNV treu zu bleiben. An den letzten Wochenenden sind wir mit ÖPNV zu Demos gefahren. Ich bin froh, mich nicht jedesmal noch um ein Ticket kümmern zu müssen. Vor allem, da die DB-App neulich auf meinem Handy nicht mehr funktioniert – aber da wäre Stoff genug für einen anderen Beitrag.

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Freitag

Besonders einfallsreich bin ich heute nicht, mit dem Titel. Und ich weiß auch nicht so recht, wie ich die Gedanken, die in meinem Kopf kreisen, los werden kann.

Bearbeitetes Plakat. Nach zwei Wochen kommt mir jetzt die Botschaft unpassend / nicht mehr zeitgemäß vor.

Morgen ist wieder Demo in München angekündigt. Ich habe es erst heute erfahren. Gestern hieß es im Radio, Selenskyj hätte zu Demos für den Frieden aufgerufen. Ich hatte nach Ankündigungen auf Internet gesucht und nichts gefunden. Ich finde es allgemein extrem schwierig, mich über Demos zu informieren. Meistens erfahre ich zu spät im Fernseher, dass es eine Demo gab, zu der ich gerne gegangen wäre, hätte ich davon gewusst. Schon damals in Berlin. Als ich in Frankreich lebte, wusste ich Bescheid, weil engagierte Leute Flyer verteilt hatten, vor dem Arbeitsort oder in der Stadt, in Mensen hingen Aufdrücke, irgendwie wurde man immer informiert. Das ist im Home Office natürlich anders. Vermutlich stehen die Aufrufe zu Demos heutzutage in sozialen Medien, von denen ich mich fern halte. Aber dann wären sie doch durch eine gezielte Suche zu finden, oder nicht?

Heute gibt es doch neue Ankündigungen[1]. Auf die veröffentlichten Infos kann man sich leider nicht immer verlassen. Beim letzten Mal waren wir zum angekündigten[1,2] Ort gegangen, am Odeonsplatz, und dort hieß es, es wäre doch ganz woanders, am Königsplatz[1], wo wir vor drei Wochen waren. Es ist für mich auch unheimlich schwer, herauszufinden, von wem die Demos organisiert sind. Ich will nicht mit Rechtsextremisten mitlaufen. So weit ich mitgekriegt habe, besteht noch keine Gefahr. Aber die Töne, die ich bei den zwei letzten Demos gehört habe, fand ich grenzwertig. Wie von der Ukrainerin, die beide letzten Male bei den Zuhören versucht hat, Hass gegen alle Russen zu säen, indem sie sagte, die Russen hätten Putin zur Macht gebracht, sie wären jetzt alle Schuld an den Krieg. Solche Rhetorik kommt bei mir nicht gut an und ich bin seitdem nicht mehr auf die Straße gegangen. Wie schuldig können Leute sein, wenn sie nur Staatspropaganda durch die Medien zu hören bekommen? Wie kann man Leute vorwerfen, nicht auf die Straße zu gehen, wenn ihnen dadurch zwanzig Jahre Knast drohen, und vermutlich Rache an ihren Familien ausgeübt wird, wenn sie entkommen? Was die wenigen Demonstrierenden in Russland machen ist sehr mutig. Nicht jeder kann es sich leisten und wir sollten es wirklich schätzen, hier auf Demos gehen zu können, ohne gleich inhaftiert zu werden.

Von wegen Maulkorb.

Ob wir also morgen mitmachen? Manchmal frage ich mich, was für einen Sinn es hat. Macht es einen Unterschied, ob man zu einer Demo geht oder nicht? Putin ist es egal, den erreicht sowieso nichts, im Gegenteil, er steigert sich nur in seiner Grausamkeit. Der hatte schon keine Scheue, Gegner im Ausland zu beseitigen, oder zumindest es zu versuchen, jetzt geht er sogar soweit, dass bei ehrenamtlichen Helfern für Flüchtlinge eingebrochen wird, um sie einzuschüchtern, wie gestern im Tagesspiegel[1] auf der ersten Seite zu lesen war. Ob ich zu einer Demo gehe oder nicht, wird ihn nicht jucken. Darum geht es auch nicht, sondern um zu zeigen, dass man gegen das Geschehen ist und konkrete Handlungen von der Politik erwartet. Und meine Motivation steigt, wenn Putin glaubt, Leute hierzulande einschüchtern zu können. Dann will ich umso mehr an Demos teilnehmen. Genau wie ich am letzten Samstag meine Demo-Maske aus der Handtasche geholt und getragen habe, als wir vom Brandenburger Tor aus auf dem Weg zu den Galeries Lafayette[1,3] an die russische Botschaft vorbei gelaufen sind. Und mir die Nägel blau und gelb lackiere, wo ich vor einem Monat doch nicht mal wusste, wie die ukrainische Flagge aussieht.

Vor zwei Wochen habe ich mich mit Kolleginnen getroffen. Im echt. Wir sind zu einem Restaurant an der Isar gegangen. Ich habe gedacht, dreifach geimpft, von Omikron genesen, ich wage es. Das letzte Mal, dass ich mich einfach so mit Kollegen getroffen habe… Das war vor der Pandemie. Nein. Einmal haben wir uns im Team für einen Betriebsausflug im Freien getroffen, das liegt anderthalb Jahren her. Wir waren zum Englischen Garten gegangen. Ich vermisse schon die Mittagspausen mit den Kollegen. Selbst Tim, meinen Gruppenleiter, habe ich seit dem Betriebsausflug nicht mehr gesehen, außer in Telekonferenzen, obwohl er jetzt keine acht Kilometer entfernt wohnt. Nicht mal eine kurze gemeinsame Mittagspause haben wir geschafft. Wenn wir uns das nächste Mal in Person treffen, werden meine Haare so weiß geworden sein, dass er mich nicht mehr erkennen wird. Weil die jetzt wirklich anfangen, sichtbar weiß zu werden. Es wurde Zeit, mit fünfundvierzig.

Aber ich schweife ab. Eine junge Kollegin meinte bei dem Abendessen spöttisch, sie würde nicht verstehen, warum die Ukrainer sich über den Angriff aus Russland so aufregen würden, es wäre so blöd. Sie selber hätte kein Problem damit zu sagen, ok, ab jetzt spreche ich Französisch, wenn Frankreich morgen Deutschland überfallen würde, es wäre ihr egal. Abgesehen davon, dass das Szenario extrem unwahrscheinlich ist, zeugt ihre Aussage von unglaublicher Ignoranz. Sie hatte schon sehr gefühllos gewirkt, als sie vor drei Jahren angekündigt hatte, dass sie schwanger war, die hatte ich damals als suspekt empfunden. Wissenschaftlich mag sie vielleicht etwas taugen, aber menschlich ist sie für mich jetzt komplett durchgefallen. Kommt ihre Empathielosigkeit davon, dass sie in ihrem Leben noch nie etwas wie Gewalt und Unterdrückung erlebt hat und einfach nicht weiß, wovon sie redet? Das Gefühl habe ich bei Frauen, die sich gegen Feminismus bekennen, auch häufig. Zwei anderen Kolleginnen, auch jünger, haben sich das Echo von Fake News gegen die Ukraine gemacht. Das haben sie sich bestimmt auf sozialen Medien geschnappt, und ich hätte gedacht, spätestens seit Trump hätte man gelernt, dass soziale Medien keine seriöse Informationsquellen sind. Tja. Irgendwie ist diese Art, Opfer als Täter darzustellen, typisch narzisstisch. Aber bei Putin sehe ich keinen Narzissmus. Das ist alles bewusst entschieden aus kalter Arschlochigkeit.

Oh und ja, ich bin genauso genervt, dass überall so viele Hilfsbereitschaft für die Flüchtlinge aus der Ukraine gezeigt wird, auf einmal, wo nur wenige Monate zuvor in den Nachrichten gezeigt wurde, wie Flüchtlinge zwischen Belarus und Polen geprügelt wurden. Ich wünsche, diese Hilfsbereitschaft gäbe es unabhängig davon, wer gerade in Not ist. Ich wünsche, nicht nur die Ukrainer dürften sofort arbeiten, sondern alle, die hier Asyl gefunden haben. Meine Vermutung für den Sinneswandel in Polen ist, dass die Regierung dort Angst hat, selber angegriffen zu werden, so nah am Krieg. Deswegen die Geschichte mit den Kampfjets[1]. Aber klar, Rassismus dürfte auch eine Rolle spielen.

Tatenlos bleiben finde ich doof und Hilfe ist bitter nötig, unabhängig davon, wie unterschiedlich Flüchtlinge behandelt werden. Ich spende Geld. Jetzt gezielt für Geflüchtete aus der Ukraine, damit neue Unterkünfte geöffnet werden und die schon untergebrachten Menschen nicht zwangsumgesiedelt werden, wie ich in Nachrichten glaube gelesen zu haben. Wir spenden sonst länger regelmäßig für allgemeine Zwecke bei verschiedenen Organisationen, das kommt jetzt einfach dazu. Und ich rege mich auf, wenn ich nicht gerade wenig gespendet habe und kurze Zeit später einen Brief von der Dachorganisation bekomme um zu spenden, als ob ich nichts gegeben hätte. Das hatte mich schon nach der Hochwasser-Katastrophe vom Sommer sauer gemacht. Nichtsdestotrotz, spenden finde ich grundsätzlich wichtig. Ich zahle Steuer und ein Teil vom dem, was gespendet wird, wird aus den Steuern abgezogen – also je mehr ich für gute Zwecke spende, desto weniger Geld kommt zum Schluß an die AFD. Denkt mal dran.

[1] Unbezahlte Werbung, da Namensnennung und/oder Verlinkung.

[2] Wenigstens bis heute, 17:00 standen auf der verlinkten Webseite nur Demos, die vor zwei Wochen statt gefunden haben. Ich fand die Webseite am Anfang hilfreich, jetzt wird sie scheinbar nicht mehr gepflegt.

[3] Caramel au beurre salé war alle. Eigentlich könnte ich es selber machen…

Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Tolle Haare

Montagabend. Nach Feierabend bin ich zum Wollladen gegangen. Denn wir haben doch einen Wollladen hier im „Dorf“, habe ich kürzlich festgestellt, ich muss nicht jedes Mal nach Pasing fahren. Der Laden liegt eine halbe Stunde Fußmarsch von der Wohnung aus entfernt, mit ÖPNV wäre ich kaum schneller (und in der Zeit könnte ich genau so gut nach Pasing fahren). Eine gute Gelegenheit, mich zu bewegen. Ich habe dort die hellgelbe Farbe bestellt, die in Pasing nicht verfügbar war. Die Lieferzeiten sind nicht super, aber unter der Woche komme ich kaum zum Häkeln, wenn ich keine Meetings habe, bei denen ich passiv sein kann (ich kann sonst problemlos bei Meetings häkeln, die Kamera liegt genau richtig bis unterhalb meiner Schulter und man merkt gar nichts). Die Restknäuel werden bis dahin reichen.

Hauseingang: Skizze. Links: Zum Eingang. Rechts: Zur Tiefgarage. Vorne: Bürgersteig.

Auf dem Weg nach Hause hole ich uns leckere Falafel-Dürüms fürs Abendessen, da ich an die Imbiss-Bude gegenüber vom Kunstwarenladen vorbei laufe. Ihre Falafel sind so gut. Als ich zu Hause ankomme, sitzen zwei Mädels mit Getränken und Essbares auf unserer kleinen Mauer am Bürgersteig, zwischen Haus und Tiefgarage. Ich sehe die zwei genau da nicht zum ersten Mal und ich frage mich auch nicht zum ersten Mal, warum sie ausgerechnet hier so dicht an der Straße sitzen müssen. Direkt im Haus wohnen sie nicht und es ist nicht, als ob es keine schönere Plätze im Viertel gäbe.

Am Montagabend sitzen also die zwei Mädels da auf der kleinen Mauer und drehen mir den Rücken zu. Ich bin noch ein Stückchen entfernt. Mit den Falafel-Dürüms in der linken Hand suche ich mit der Rechten nach den Schlüsseln, in der Handtasche unter meinem linken Arm. Ich hole die Schlüssel raus, die leider zu viel Schwung bekommen, mir aus der Hand raus fliegen und kurz hinter den Mädels landen. Ich bücke mich schon, um sie aus dem Boden zu holen, da kreischen die Beiden auf einmal, als ob sie einen Geist oder eine dicke Spinne gesehen hätten, ich weiß nicht. Ich unterbreche meine Bück-Aktion und hebe den Kopf. Sie schauen mich an und schreien weiter. Ich sage irgendwas, sie hören mit dem Geschrei endlich auf und fangen an zu lachen. „Habe ich mich erschreckt“, sagt die eine. Was soll’s. Ich lache mit, hebe meine Schlüssel und gehe Richtung Hauseingang. „Sie haben tolle Haare!“ ruft sie mir hinterher. Ich bedanke mich noch fürs „Kompliment“.

„Was für ein Quatsch“, denke ich mir im Treppenhaus. Meine Haare sehen momentan blöd aus. Letzte Woche habe ich den Rappel gekriegt. Sie waren mir viel zu lang geworden. Ich stand nach der Dusche mit den gewaschenen Haaren vor dem Spiegel und habe beschlossen, die Haare vorne, die mir schon unter die Brust kamen, werden jetzt gekürzt, sofort, ich halte es nicht mehr aus. Ich habe die Schere geholt und ungefähr symmetrisch schräg geschnitten. Jetzt sind mir die Haare vorne bis zum Kinn lang und laufen schräg nach hinten zu den Schultern. Ganz hinten sind sie unangetastet geblieben, sie reichen mir bis zum Steißbein und sind sehr beschädigt.

C’est pourtant pas compliqué bordel de merde! Foto aus diesem Beitrag.

Ich muss mir wirklich einen guten Friseursalon finden, wo Leute mit meinen Haaren umgehen können. Meine bisherige Erfahrung in Deutschland ist nicht gut. Ich sage immer, ich will einen spitzen Haarschnitt hinten, die Friseure sagen immer „ja“, und im entscheidenden Moment „aber wenn ich schräg schneide bleiben nicht genug Haare in der Spitze“ und am Ende habe ich einen geraden, waagerechten Schnitt wie ein Besen. Die Einzige, die wirklich macht, was ich will, ist die Friseurin meiner Mutter in Südfrankreich. Ich kann aber nicht jedes Mal dahin fliegen.

Ich vermute, das „Kompliment“ war eher ein Versuch zu vertuschen, wie sehr die Kleine von mir Angst bekommen hat. Ich versuche, mich in sie hinein zu versetzen. Ich sitze neben meiner Freundin, wir quatschen über Jungs, auf einmal kommt ein Geräusch hinter mir und als ich mich umdrehe, sehe ich ganz nah etwas Großes und Schwarzes mit vielen Haaren. Was für ein Biest ist das denn? Ähm, ich, in meinem langen schwarzen Mantel gebückt, die nach gefallenen Schlüsseln greift.

Komischerweise ist sie nicht die Einzige, die mich für meine selbst-geschnittene Haare seit letzter Woche lobt. Das habe ich von mehreren Freunden am Wochenende gehört, als wir in Berlin waren. Die hatte ich alle seit dem letzten Sommer nicht mehr gesehen (der Aufenthalt hatte aber nichts mit meiner Bewerbung zu tun). Ich frage mich, ob ich den Rest vom Schnitt doch nicht selber wagen soll.

Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Gedanken einer Woche

Ich finde es diese Woche immer schwieriger, mich auf meine Arbeit zu konzentrieren. Mein Gehirn ist wie benommen. Meine Gedanken kreisen ständig um den Krieg in der Ukraine, obwohl ich versuche, mich tagsüber fern von Nachrichten zu halten. Erst gestern habe ich durch einen Link auf LinkedIn[2] gelesen, dass Arbeitnehmer ernste Angstzustände bekommen können, selbst wenn sie selber nicht von den Ereignissen betroffen sind. Obwohl im Artikel empfohlen wird, innerhalb der Firma darüber zu reden, werde ich jetzt nicht meine Kollegen über Skype[2] anrufen, um mir den Stress von der Seele weg zu diskutieren. Ich schreibe lieber meine Gedanken hier nieder.

Zuerst war ich von den Berichterstattung in den Nachrichten letzte Woche irritiert.

  • Überall war zu hören, dass Putin „die selbsternannten Volksrepubliken Donezk und Luhansk im Osten der Ukraine als unabhängige Staaten anerkannt“ hat. Ich hatte Schwierigkeiten mit dem wortwörtlichen Nachplappern solcher Behauptungen. Damit streut man die Propaganda nur weiter. „Anerkennen“ suggeriert, dass hinter dem, was anerkannt wird, Wahrheit steckt[3]. Das war bei den benannten Gebieten nicht der Fall. Behaupten kann man vieles, um sein eigenes Handeln zu begründen. Wie die Islamisten, die die Jesiden als Ungläubige abgestempelt haben, um ihre Gräueltaten gegen sie zu rechtfertigen. Das bleibt trotzdem ein Völkermord.
    Die Ankündigung letzte Woche hat für mich genau so absurd gewirkt, als ob jemand jetzt Katalonien für einen unabhängigen Staat erklären würde. Oder Korsika. Ich hätte es anders ausgedrückt. „Putin hat beschlossen, die selbsternannten Volksrepubliken Donezk und Luhansk im Osten der Ukraine als unabhängige Staaten anzusehen“, zum Beispiel.
  • Im Zusammenhang mit den sogenannten unabhängigen Staaten wurde häufig gesagt, Putin würde „Fakten schaffen“. Nein. Es ist immer noch kein Fakt, dass die Gebieten unabhängige Staaten sind, solange es keine einvernehmliche Erklärung in diese Richtung gibt. Der einzige Fakt, den ich sehe ist, dass in Ukraine ein Krieg herrscht, den alleine Putin angezettelt hat.
  • Und nicht zuletzt, es hieß, es wäre „der erste Krieg in Europa seit dem zweiten Weltkrieg“. Wie bitte? Was war während meiner Schulzeit mit dem Kroatienkrieg, dem Bosnienkrieg, und später mit dem Kosovokrieg? Ich erinnere mich übrigens an die Berichterstattung damals in Frankreich, als es hieß, gerade eine oder zwei Stunden Flug von Paris entfernt würde der Krieg toben, schlimm schlimm. Was für eine egozentrische Gesellschaft, die alles zu sich selbst bezieht, um über den Schwergrad eines Konfliktes zu beurteilen! Ach ja, Ähnliches habe ich diese Woche über München im Radio gehört.
    Was dieser Krieg natürlich anders als die anderen Kriege seit dem zweiten Weltkrieg macht ist, dass der Angreifer nicht direkt aus dem zerstrittenen Gebiet stammt, sondern vom alten Feind aus dem kalten Krieg in Form von Putin kommt. Ich frage mich nur, wo waren die empörten Stimmen und die überwältigenden Hilfsangebote, als Georgien dasselbe Schicksal vor zwölf Jahren erlebte, wie der Ukraine jetzt droht? Meine Stimme war nicht dabei, denn ich muss zugestehen, bis mir der Ehemann vorgestern davon erzählte, wusste ich nichts von einem Krieg durch Russland in Georgien 2008. Damals lebte ich alleine, zwischen Arbeit und zu Hause, ohne Fernseher und ohne Radio. Nicht mal Internet hatte ich zu Hause. Ich habe vieles nicht mitgekriegt. Wenigstens aber hätten die Kollegen davon erzählt, oder? Nicht unbedingt. Der Ehemann meinte gestern, bei ihm auf Arbeit käme er sich wie in einer Parallelwelt vor, weil niemand über die Ukraine reden würde. Nicht mal über das sonst übliche Thema Corona. Die Menschen flüchten in die Arbeit.

Eins fand ich längst überfällig: Nord Stream 2 wird gekappt. Das war schon umstritten, als Merkel sich für die Pipeline entschieden hatte, und ich befand mich nicht unter den Befürwortern[4]. Jetzt umso weniger.

Im letzten Winter gehäkelt.

Lieber frieren, als das Gas von Putin anzunehmen, habe ich gedacht. Ich weiß nicht, was frieren bedeutet. Ich habe vor dem Wochenende die Heizung um ein Grad weniger in der ganzen Wohnung umgestellt. Mir ist schon kalt. Den ganzen Tag am Schreibtisch kriege ich nun Schmerze in den Handgelenken. Gut, dass ich mir im letzten Winter Mitäne[5] gehäkelt hatte. Als wir jetzt mit dem Ehemann ins Bett gehen, dauert es recht lang, bis wir unter der Decke warm werden. Besser als auf Gas[6] verzichten: Mehr Windräder bauen. Dafür müsste sich Bayern ein bisschen anstrengen und aufhören, sich hinter Scheinvorwänden zu verstecken.

Für Samstag war eine Demo in München angekündigt, und ich hatte dem Ehemann gesagt, wir gehen hin. Der Ehemann hat sich dann am Samstagmorgen am Fuß verletzt, und wir sind zu Hause geblieben. Nichts Schlimmes, aber am Montag ist er deswegen im Home Office zu Hause geblieben. Schuhe konnte er noch nicht anziehen.

Demo-Plakat.

Für die Demo gestern habe ich mich vorbereitet. Am Dienstag war ich kurz vor der Mittagspause so unkonzentriert, dass ich beschlossen habe, zum Baumarkt zu gehen. Ich bin mit einem langen Holzstock, leichten Holzplatten und Acryl zurück gekommen, um ein Plakat zu basteln. Am Abend hatte ich schon Muskelkater vom Einkaufen am Po gespürt, als ich mich bei dreizehn Grad in der Sonne am Boden vom Balkon hingesessen habe, um die Holzteile zusammen zu hämmern. Gestern hatte ich vom Hämmern in den Armen und im oberen Rücken Muskelkater. Zwei Jahre Home Office mit kaum Bewegung lassen grüßen. Ich habe das Plakat bemalt. Die blaue Farbe ist zu hell. Das ist für eine Demo am Abend nicht so schlimm, das werde ich fürs nächste Mal nachbessern.

Die Demo gestern Abend war… eine interessante Erfahrung. Ich habe in Deutschland nicht viel an Demos teilgenommen. Bei einem March for Science hatte ich am Brandenburger Tor mitgemacht, das war 2017. Von einem March konnte nicht wirklich die Rede sein. Wir hatten uns an einem Ort gesammelt und Rednern zugehört. So gestern. Ganz anders meine Demo-Erfahrungen in Frankreich. Damals waren wir wirklich von einem Ort zum anderen gelaufen, hatten gesungen und geschrien, das Gefühl bekommen, gemeinsam für eine Sache zu kämpfen, und am Tag nach einer Demo hatte man keine Stimme mehr. Deutschland demonstriert anders. Wir haben gestern von sechs bis kurz nach halb acht am Königsplatz auf der Wiese gestanden und verschiedenen Politikern und Vertretern von religiösen Gemeinden auf der Bühne zugehört. Jedes Zuhörer-Grüppchen stand für sich alleine da und es gab kaum Austausch, außer, wenn jemand im Dunkel aufs Versehen auf dem liegenden großen schwarzen Hund ein paar Meter von uns entfernt gestolpert ist. Es war kalt. Ich wollte bis zum Schluss um acht bleiben und habe es nicht geschafft. Und mich innerlich geschämt, nicht mal zwei Stunden in der Kälte stehen zu können, während Menschen seit einer Woche aus ihren warmen Wohnungen vertrieben wurden. Es wurde aber auch zu kalt, weil die ersten Menschen in Gruppen gegangen sind, als die ersten kirchlichen Redner zum Pult kamen, und dadurch große Lücken in der Menschenmenge entstanden sind. Es war eine bedeutungsvolle Stille, als niemand sie mit Applaus vor der Rede begrüßt hatte, obwohl es für die anderen Redner gemacht wurde. Die Münchener mögen ihre Kirche nicht mehr.

Was mich bei einigen Reden gestört hat: Wieder unser Egoismus. Einerseits wird betont, dass die Ukrainer nicht nur für ihr Land kämpfen, sondern auch für unsere Werte, andererseits sollten wir ihnen auf keinen Fall militärisch helfen. Abgesehen von Waffenlieferung, die gerade statt findet. Ich würde mich eher als Pazifistin sehen, andererseits ist es absolut notwendig, wenn man angegriffen wird, angemessen zu reagieren und sich zu wehren. Das ist wie das Paradoxon der Toleranz: Toleranz kann nicht gegenüber Intoleranz tolerant bleiben, sonst verschwindet sie. Ebenso fühle ich mich jetzt. Gegen Gewalt hat man verloren, wenn man sich nicht wehrt. Reden macht mit Putin keinen Sinn.

Heute vor der Arbeit habe ich mich auf LinkedIn durchgescrollt. Auffällig war, wie viele Firmen in meiner Branche Solidarität mit der Ukraine dort bekunden. Meine Firma bleibt still. Intern werden wir dazu ermutigt, für die Flüchtlinge Kleider und Decken zum Spenden zusammen zu bringen, aber wir sollten uns nicht öffentlich äußern. Das Mutterkonzern sieht es nicht gerne. Noch ein weiterer Grund, diese eine Bewerbung fertig zu schreiben. Das Gute am öffentlichen Dienst ist, dass es offizielle Bewerbungsfristen gibt und man Zeit hat, den Brief gut zu schreiben. Ich bin nach über vier Jahren aus der Übung.

[2] Unbezahlte Werbung, da Namensnennung.

[3] Wenigstens nehme ich die Bedeutung dieses Verb so wahr. Dass Deutsch nicht meine Muttersprache ist, hat mich schon mal in die Irre geführt.

[4] Nicht, dass es ein Unterschied gemacht hätte, ich habe mich immer noch nicht weiter um eine Einbürgerung gekümmert und habe noch eingeschränktes Wahlrecht.

[5] Halbfingerhandschuhe. Auf Französisch mitaines, also sage ich dem Ehemann Mitäne. Er hat auch welche von mir bekommen und trägt sie gerne.

[6] Ich weiß nicht mal, wie wir uns hier in der Wohnung heizen. Es müsste in der Nebenkostenabrechnung stehen. In Berlin hatten wir Fernwärme. Ich war begeistert vom Konzept.

Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Matrix Resurrections

Hätte ich nicht geguckt, hätte der Ehemann nicht darum gebeten, nach der Quarantäne endlich wieder ins Kino zu gehen. Außer uns war nur eine weitere Person ganz hinten im Saal. Private Ausführung, quasi.

Der Film war doof. Könnt ihr euch sparen.

Es sei denn, ihr steht auf schwache Handlungen, lange sinnlose Bösewichtmonologen und langweilige, überflüssige Kampfszenen. Überflüssig, weil man erklärt bekommt, dass man kein Telefon mehr braucht, um zurück geholt zu werden, aber die Leute trotzdem in der Falle am Kämpfen bleiben müssen, anstatt dass die Freude den Stecker ziehen.

Der Film ist übersät mit Szenen aus den früheren Filmen. An The Walking Dead musste ich irgendwie auch viel denken, bei der Schwarmattacke.

Das Beste an dem Film war vielleicht die Musik beim Abspann.

Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

In der Mittagspause

Ein kleiner Spaziergang mit dem Ehemann.

Seit gestern ist er zu Hause. Krankgeschrieben, zum Glück ist es nur eine Erkältung. Er hat sich auf Arbeit von einem Kollegen anstecken lassen, der von einem anderen Kollegen angesteckt wurde, weil sein Chef so doof gewesen ist, alle Mitarbeiter aus dem Home Office zwangsweise zurück ins Büro zu holen, sobald die Pflicht zum Home Office nicht mehr bestand. Und die Kollegen sind genau so doof, denn sie meinen, ins Büro kommen zu müssen, wenn sie krank sind. Der Ehemann ist also wenigstens der dritte Mitarbeiter, der deswegen ein paar Tage ausfallen muss, und das wäre mit Home Office völlig vermeidbar gewesen. Ob ich demnächst dran bin?

Jedenfalls. Heute geht’s ihm schon besser, und ich habe die Gelegenheit ausgenutzt, um raus zu gehen. Sonst bin ich alleine von morgens bis abends am Schreibtisch. Es sind ein paar nette Bilder entstanden.

Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.