Familienstress

Eigentlich wollte ich über das Wochenende schreiben. Wir haben eine sehr schöne Wanderung gemacht, das Wetter war toll, wir haben richtig vom Alltag abschalten können. Leider überschatten Ereignisse von gestern nachmittags alles, und die Erholung ist schon futsch.

Das S-Bahn-Chaos vom Wochenende war gestern das geringste Übel. Wie gefühlt jedes Wochenende fuhr so gut wie gar nichts durch die Stammstrecke. Wir sind von unserem Endpunkt der Wanderung mit der S7 zum Hauptbahnhof gefahren. Der Ehemann meinte, es gäbe Schienenersatzverkehr zwischen Donnersbergerbrücke und Pasing, aber ich habe damit sehr schlechte Erfahrung in München gemacht. Besser zum Hauptbahnhof fahren, und von dort die Regionalbahn nach Pasing zu nehmen. Die Regionalbahn war aber aufgrund des Ausfalls der S-Bahn überfüllt und ist so spät abgefahren, dass wir die S8 nach Herrsching verpasst haben. Die nächste S8 hatte natürlich Verspätung. Mit müden Beinen, schweren Rucksäcken und nach Schweiß stinkend war es kein Vergnügen, auf dem überfüllten Bahnsteig in der Hitze stehend zu warten. Vor allem, da in Pasing gerne in allerletzter Minute der Bahnsteig geändert wird, an dem die Bahn ankommt. Das ist uns gestern wenigstens erspart geblieben. Ich meinte von vorne rein, wir hätten die S7 in Harras schon verlassen sollen, mit der U-Bahn bis Martinsried fahren, und von dort mit dem Bus nach Hause. Es hätte länger gedauert, wäre aber wesentlich entspannter gewesen. Der Bus ist immer leer, und am Wochenende dürfte in Martinsried nichts los sein, da es an der Uni keine Vorlesung gibt. Der Ehemann wollte nicht Bus fahren. Beim nächsten Mal übernehme ich die Fahrtplanung.

Dadurch, dass wir so lange in Pasing auf die S8 warten mussten, habe ich meine Emails auf dem Handy gelesen. Dabei war eine Email von Bianca, die mir, meiner Mutter und meiner Schwester eine Email von meinem Vater weitergeleitet hatte. Der Inhalt seiner Email war eine bodenlose Frechheit. Wir hatten uns letztes Jahr geeinigt, dass Bianca weiterhin in dem Haus meines Bruders wohnen darf, das er gekauft hatte, um mit ihr zu leben. Ich höre es noch in meinem Kopf, wie mein Vater es für selbstverständlich erklärte. Wie er Bianca umarmt hatte und ihr gesagt hatte, sie wäre wie eine Tochter für ihn. Wir hatten Details mit Bianca beredet, und sie war einverstanden, die Laufkosten vom Haus zu übernehmen, und dafür ohne Miete im Haus zu wohnen. Es ist über ein Jahr her. Einen offiziellen Vertrag habe ich nie gesehen. Die Notarin hatte uns auch die endgültige Erbpapiere ziemlich verspätet geschickt und ich dachte, erst danach könnten wir einen solchen Vertrag machen. In seiner Email an Bianca, wo er sie nicht mehr duzt sondern siezt, schreibt mein Vater jetzt, er würde am nächsten Wochenende zu ihr kommen und sie soll ihm bitte schön die Schlüssel vom Haus händigen, sollte sie nicht bereit sein, das Haus von ihm abzukaufen. Eine solche Entscheidung hat er nicht alleine zu treffen! Das Haus gehört ihm nur zu einem Viertel, und wir sind drei weitere Mitbesitzerinnen dabei, die mit diesem Vorgehen nicht einverstanden sind! Und überhaupt, einen alleinigen Anspruch auf das Haus hat mein Vater nicht! Nach Beratung mit meiner Mutter hat Bianca also meinem Vater geantwortet und gefragt, ob wir von seiner Anforderung informiert wurden, und uns so offiziell ins CC gesetzt. Nein, mit uns hat er natürlich nicht darüber geredet. Jetzt muss ich also antworten und widersprechen. Ich frage mich, ob es angebracht wäre, rechtliche Hilfe in Anspruch zu nehmen. Wenn mein Vater seinen Anteil am Haus an Bianca verkaufen will, gerne. Er hat uns allen aber nicht dazu zu zwingen, vor allem so hinterhältig ohne uns in Kenntnis zu setzen.

Ich war schon recht aufgewühlt, als ich meine Schwester anrief, um sie zu fragen, was sie nach der Email dachte zu tun. Die Email hatte sie noch nicht gesehen. Sie erzählte, sie wäre natürlich nicht einverstanden, Bianca aus dem Haus rauszuschmeißen. Andererseits steckt sie in finanziellen Schwierigkeiten, da sie nur Arbeitsverträge für wenige Monate kriegt, und auf Dauer wäre es für sie gut, wenn sie ihren Anteil vom Haus verkaufen könnte. Und überhaupt, an den Sommerferien habe sie vor, zu meiner Mami mit dem Neffen umzuziehen, um von Bertrand, dem Vater vom Neffen, zu fliehen. Weil sie ohne Festanstellung keine Wohnung kriegen würde. Verdammt. Dass es so schlecht zwischen ihnen ging, hatte ich keine Ahnung. Woher auch, wenn sie sonst nie was erzählt? Jetzt verstehe ich wenigstens, warum wir Bertrand bei unseren letzten Besuchen seit zwei Jahren nicht mehr gesehen haben. Von wegen, er ist auf Arbeit. Bertrand ist eigentlich ein Freund von unserem Bruder gewesen. Er hatte uns häufig erzählt, er wäre von seinem Vater als Kind regelmäßig geprügelt worden und würde deswegen niemals seinem Kind irgendwas antun. Dass er seiner Freundin, der Schwester von seinem Kumpel, Gewalt antun würde, hätte ich deswegen nicht gedacht. Vermutlich ist er wie mein Vater. Vor den Anderen macht er ein gutes Gesicht, heimlich ist er ein Tyrann. Ich mache mir jetzt Sorgen, ob meine Schwester rechtzeitig ihren Umzugsplan umsetzen kann. Und wenn sie es schafft, ob Bertrand sie bei meiner Mami abholen zu versuchen wird, und ob er dann allen Gewalt antun wird. Er wird schon wissen, wo sie ist, seine Schwester lebt im Dorf meiner Mami. Meiner Meinung nach ist kein von den drei mehr sicher. Ich habe meiner Schwester angeboten, erstmal zu uns zu kommen. Er kennt unsere Adresse nicht. Es ist ihr zu viel, mit Kind zu einem anderen Land umzuziehen. Obwohl sie gut Deutsch spricht und es in München eine französische Schule gibt. Sie möchte dem Neffen nicht zu viele Änderungen auf einmal zumuten.

Schlafen konnte ich trotz langer Wanderung heute Nacht kaum.

Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Ohrwurm: Raison d’être – Rie Tanaka

Zwei Ohrwürmer in der gleichen Woche, das hatte es hier noch nicht gegeben. Dieser hat seit gestern Nana Mouskouri aus meinem Kopf vertrieben. Nichts gegen sie, aber die Abwechslung tut gut.

Woher kommt dieser neue Ohrwurm? Das kann ich mir jetzt nicht erklären. Das Lied ist ein Abspann von der Anime-Serie Chobits, das aus dem gleichnamigen Manga entstanden ist. Ich hatte sie bei meiner Freundin Daya aus der Volkshochschule geschaut[1], als sie nach Belgien umgezogen war, das liegt über fünfzehn Jahre her.

Hängt an der Tür vom Badezimmer.

Dann habe ich sie viele Jahre später nochmal mit dem Ehemann geschaut. Anlass war die Ausstellung über Alphons Mucha und seinen Einfluss auf den Jugendstil, bis hin zur Manga-Zeichnung. Während meiner Diplomzeit in Lothringen konnte ich nicht anders als in Jugendstil zu schwimmen, in dem Jahr wurde sein hundertjährige Jubiläum in Nancy gefeiert und ich hatte ziemlich alle Museen und Ausstellungen darüber besucht. Als sich also die Gelegenheit ergab, hatte ich mit dem damals frisch verliebten noch nicht Ehemann die Ausstellung gegenüber vom Schloss Charlottenburg besucht. Das Bröhan-Museum lag quasi bei ihm um die Ecke. Drin wurden auch Werke von CLAMP vorgestellt.

CLAMP ist (oder war?) ein Kollektiv von japanischen Zeichnerinnen, die nicht sehr viele aber sehr schöne Mangas kreiert haben. Unter anderen Chobits. Kurz erzählt, es ist die Geschichte von einem armen Studenten, der einen entsorgten weiblichen Android findet und nach Hause nimmt – und sich am Ende in ihn verliebt. Was für mich damals das Anime so besonders faszinierend machte, als ich es zum ersten Mal sah, ist, dass in der Geschichte der Android am Anfang nicht reden kann, weil ihm eine Software fehlt, und nach und nach zu sprechen lernt. Ich hatte dadurch selber ganz viel Japanisch gelernt. Phonetisch.

Vor einiger Zeit habe ich Klara and the Sun fertig gelesen, in dem es auch um Beziehungen zwischen Menschen und Androiden geht. Ob mein Gehirn jetzt deswegen das Lied in Dauerschleife spielt?

[1] In Originalfassung mit Untertiteln.

Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Sommer

Dass wir noch ein paar Wochen bis zum offiziellen Beginn vom Sommer haben, ist mir jetzt egal. Die Mauersegler sind wieder da. Mauersegler-Schreie im blauen Himmel sind für mich gleich Sommer. Ich habe sie ein halbes Leben lang an heißen Tagen von Frühmorgen an gehört, in Südfrankreich. Ein herrliches Gefühl.

Gestern am Viktualienmarkt. Mal was Deftiges zur Abwechslung. Gegenüber: Der Ehemann.

Wahrgenommen habe ich sie dieses Jahr erst seit gestern, als ich nachmittags kurz zum Balkon ging.

Später haben wir uns nach Feierabend mit dem Ehemann in der Stadt getroffen. Es war warm, sehr warm, als ich am Gleis auf die S-Bahn wartete. Zu warm für einen Mai, meine ich. Dabei hatte mich schon mein Nachbar gewarnt, als ich die Wohnung verlassen wollte, und ich hatte die Jacke hinter der Tür hängen lassen. In Heimarbeit friere ich noch gelegentlich, vor dem Rechner, die Jahreszeiten kriege ich nicht mehr richtig mit. Gestern liefen alle mit leichten sommerlichen Klamotten rum, außer eine Frau, die auf einem Bahnsteig auf der Strecke in dicker Winterjacke stand.

Beim Essen auf dem Viktualienmarkt konnten wir sehen, wie die Mauersegler hoch über uns geflogen sind.

Auf dem Rückweg sind wir auf meine Bitte eine Station früher ausgestiegen und haben das letzte Stück zu Fuß gemacht. Ich bin an deftige Kost nicht mehr gewöhnt. Trotz der späten Stunde war es von der Temperatur her sehr angenehm.

Heute spüre ich ein leichtes Muskelkater in den Beinen. Mein Fitness-Zustand ist desolat.

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Ohrwurm: Quand tu chantes – Nana Mouskouri

Dieses Lied lässt mich nicht mehr los, seitdem ich es bei Roland Royusch gehört habe. Die Version in meinem Kopf ist aber nicht auf Deutsch sondern auf Französisch.

Nana Mouskouri ist echt ein Sprachtalent, was mir früher nicht bewusst war. In meiner Kindheit war dieses Lied häufig im Fernseher zu hören und ich hatte lange in meiner kleinen Welt angenommen, sie wäre eine Französin. Dass es nicht stimmt, habe ich erst in Deutschland gelernt, als ich durch Kollegen erfuhr, wie berühmt sie außerhalb Frankreichs ist.

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Matjes-Salat mit Kartoffeln und grünen Bohnen

Ich habe momentan ganz wenig Zeit, da ich neben Vollzeitjob intensiv mit einem Kurs über maschinelles Lernen mit scikit-learn beschäftigt bin. Dieser Salat, der gestern Abend in der Küche entstanden ist, musste aber unbedingt auf meine Rezept-Liste kommen. Ein Foto gibt es nicht. Schade, er sah sehr lecker aus.

Der Ehemann hatte am Freitagabend auf dem Weg nach Hause am Viktualienmarkt in Pasing gehalten und spontan Matjes mitgebracht. Daraus hatte er uns schon einen Salat seiner Kreation an dem Abend gemacht, der mir ein bisschen zu sehr nach dem Fisch geschmeckt hatte. Aus den letzten Filets habe ich meine eigene Idee von einem Matjes-Salat entworfen.

Matjes sind für mich etwas Exotisches, das ich sonst eher mit einer Mischung aus Skepsis und Ekel betrachte. Das ist doch roher Fisch, das für ein paar Tage vor sich hin verwest. Muss ich wirklich das essen? In meiner früheren Postdoc-Zeit waren wir ein paar Male mit Kollegen in der Mittagspause über die Grenze nach Vaals gefahren, und einmal hatte ich Matjes-Brötchen probiert. Das war’s.

Überhaupt, mit Fisch habe ich eine komplizierte Geschichte. Als Kind wollte ich gar keinen Fisch essen. Nicht mal Fischstäbchen. Die hatte ich meiner jüngeren Schwester gerne von meinem Teller zu Ihrem gegen ihr Gemüse geschmuggelt, wenn gerade keiner der Eltern aufpasste. In der Kantine der Grundschule war es immer ein Riesendrama, wenn es Fisch auf dem Speiseplan gab[1]. Den Grund für meine Abneigung hatte mir meine Mutter erzählt, als ich schon nicht mehr im Familienhaus wohnte. Ich selbst kann mich nicht daran erinnern, ich war zu klein. Damals liebte ich Fisch, sagte meine Mami. Mein Vater war damals häufig mit einem meiner Onkeln nachtsüber im Mittelmeer fischen gegangen. Mit heutiger Sicht frage ich mich, wie legal das Ganze war, aber das bringt jetzt nichts zur Geschichte. Fische, die er nach Hause gebracht hatte, hielten wir einige Tage am Leben, bevor sie meine Mutter zubereiten konnte. Ich hatte mich scheinbar mit den Fischen angefreundet und sie nicht mit dem Fisch auf dem Teller in Verbindung gebracht, bis mir mein Vater einmal beim Essen strahlend erzählte, es wäre mein Freund, der da vor mir auf dem Tisch zerlegt war. Meine Mami sagte, ich hätte fürchterlich geweint und seit dem Tag nie wieder Fisch essen wollen. Mein Vater ist wirklich immer ein Trottel gewesen. Erst in der Uni habe ich wieder angefangen, Fisch zu essen. Gut, dass ich jetzt mein Kindheitstrauma überwunden habe. Ich liebe wieder Fisch. Und na ja, mit Matjes könnte es vielleicht was werden.

Jetzt zum Rezept.

Die Zutaten

Zu zweit war es eine gute Hauptmahlzeit. Wir haben dazu nur eine Scheibe Brot gegessen. Als Vorspeise könnte man sicherlich sechs Portionen daraus machen.

  • 2 Matjesfilets[2]
  • 2 gekochte Eier
  • 6 kleine Kartoffeln (400 g)
  • 150 g grüne Bohnen
  • 8 längliche Radieschen
  • 1 kleine Zwiebel
  • Glatte Petersilie, 6 Stangen
  • Saft einer halben Zitrone
  • 2 Esslöffel weißes Balsamico
  • 2 Esslöffel Traubenkernöl
  • Salz
  • Pfeffer

Die Zubereitung

  • Die Kartoffeln ungeschält etwa zwanzig Minuten in kochendem Wasser kochen. In kaltem Wasser abkühlen lassen, schälen und in mundgerechte Halbscheiben schneiden.
  • Die grünen Bohnen waschen, die Enden abschneiden, die Bohnen halbieren und zehn Minuten in einem Topf mit einem Esslöffel Traubenkernöl anbraten. Abkühlen lassen.
  • In der Koch- und Abkühlzeit:
    • Die Matjesfilets in kleine Würfel schneiden.
    • Die Radieschen waschen und in sehr dünne Scheiben schneiden.
    • Die Zwiebel schälen und klein schneiden.
    • Fisch, Radieschen und Zwiebel in eine große Salatschüssel, mit dem Zitronensaft, dem Essig, ein bisschen Salz, Pfeffer und dem Öl marinieren lassen, bis die Kartoffeln und Bohnen abgekühlt und geschnitten sind.
    • Die Petersilienblätter abwaschen und grob abscheiden, dann in die Salatschüssel geben. Umrühren.
    • Die gekochte Eier schälen, vierteln und zum Salat geben.
  • Die Kartoffelstücke und grüne Bohnen zum Salat geben und eine Stunde unter einem sauberen, trockenen Tuch bei Raumtemperatur ziehen lassen. In der Zeit, dreimal gut umrühren.

Nährwertangaben

pro Portion fürs Rezept
Energie (kcal) 474,5 949
Eiweiß (g) 20 40
Kohlenhydrate (g) 38,9 77,8
davon Zucker (g) 8,1 16,2
Fett (g) 24,1 48,2
Ballaststoffe (g) 9 18

[1] Ich rede von Anfang Achtzigern, wo Kinder theoretisch eigentlich besser behandelt wurden, könnte man meinen, aber wir mittags gezwungen wurden, den Inhalt unserer Teller aufzuessen und die Schuldirektorin gerne Schüler am Ohr gepackt hatte und sie so am Ohr ziehend durch den ganzen Schulhof zur ersten Klasse gebracht hatte, um allen zu zeigen, dass sie sie für zu blöd hielt, wenn sie ihre Ansprüche nicht erfüllten. Dass man Kinder nicht mit Gewalt erziehen sollte, war damals in Frankreich schon bekannt aber in der Praxis nicht umgesetzt. Nicht in meinem Dorf.

[2] So umgeht man die Frage, „was ist die Singularform von Matjes“?

Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Die erste Wahlrunde in Graphiken

Morgen gehen wir für die zweite Runde zur Urne.

Mit „wir“ möchte ich meine ganzen Mitbürger auf der Welt meinen, aber so einfach ist es nicht. Haben vor zwei Wochen fast 74% der Franzosen ihre Stimmen abgegeben, waren es gerade 35% bei denen, die im Ausland leben (1 435 746 registrierte Wahlberechtigte gibt es außerhalb Frankreichs). In Deutschland, wo wir den Luxus haben, sechs Konsulate zur Verfügung zu haben, konnten 42% der Wähler ihre Stimme abgeben. Wählen ist im Ausland nicht einfach, wenn man bedenkt, dass wir die Möglichkeit zur Briefwahl gar nicht angeboten bekommen. Für mich unverständlich, da die Möglichkeit für die Législatives besteht, für die man sogar online wählen kann. Das wird für die Présidentielles als nicht sicher genug gehalten. Franzosen im Ausland haben morgen, wie vor zwei Wochen, die Wahl zwischen selber zum Konsulat zu fahren, oder eine vertraute Person französischer Staatsbürgerschaft zu beauftragen, für sich wählen zu gehen. Wenn Corona nicht einen Strich durch die Rechnung macht. Oder man geht gar nicht wählen, wenn man niemanden kennt und kein Geld oder Zeit für eine Fahrt hat. Wer zum Beispiel in Erfurt lebt braucht schon zwei Stunden Zug zum nächstgelegenen Konsulat in Berlin. Hin.

In meinem letzten Beitrag zum Thema hatte ich Prognosen für die Wahl angegeben. Die Webseite, aus der ich die Daten hatte, zeigt jetzt ganz andere Sachen, unter anderen einen Zeitverlauf der täglichen Wahlprognose während des ganzen Wahlkampfes bis zur ersten Wahl. Es war ein Leichtes, an die Daten zu kommen und selber meine eigene Graphik mit R zu machen. Einfach so zum Spaß, weil ich in letzter Zeit bei (zu) vielen MOOCs mitmache und mich für Datenanalyse interessiere. Einen Kurs über R hatte ich schon vor einigen Jahren gemacht, ich habe meine Kenntnisse ausgegraben und die Entwicklung der Wahlprognose unten schön bunt dargestellt. Nicht für alle Kandidaten. Die, die dauerhaft unter 5% lagen, habe ich ausgelassen. Die letzten Punkte in der Graphik zeigen die Wahlergebnisse. Sie liegen meistens ganz nah an der Prognose.

Die Entwicklung finde ich interessant. Zum einem sieht man eine klare Verlaufsänderung seit dem Angriff von Russland auf die Ukraine. Die Prognose für Macron (gelb) war die ganze Zeit davor konstant bei 25% geblieben, ab dem 24.02., mit einer vertikalen schwarzen Linie dargestellt, sind seine Werte nach oben geschossen. Zum Höhepunkt der Entwicklung hatten sogar 31,5% der Befragten angegeben, für ihn wählen zu wollen. Und dann ist die Prognose stetig gefallen. Ich habe die Debatten in Frankreich nicht mitbekommen und weiß nicht, woran es liegen könnte. Auffällig ist auch, wie Zemmour (grau) sich bis zum Niveau von Le Pen (hellblau) hoch gearbeitet hatte, um dann nach dem Anfang des Krieges fast spiegelverkehrt zu Le Pen Stimmabsichten zu verlieren. Haben sie sich abgesprochen, um wenigstens eine der ausländerfeindlichen Parteien zur zweiten Runde kommen zu lassen? Wären sie mit gleicher Prognose so weiter gegangen, wären sie von Mélenchon (violett) überholt worden. Mélenchon, ein der vielen Politikern aus der zerrissenen Linke, der am Anfang der Kampagne nicht mal auf 10% kam, war für mich von vorne rein wegen seiner anti-europäischen Haltung ausgeschloßen. Seine Gegenkandidatin aus der Partei von Sarkozy, Pécresse (rot), hatte gleich stark wie Le Pen angefangen, um am Ende in den Keller der Wahlergebnissen zu sinken. Zwischen ihr und Mélenchon sieht man auch ein spiegelverkehrtes Verhalten seit dem Ausbruch vom Krieg. Kausalität oder blosse Korrelation? Der Knick von Mélenchon nach oben am Tag der Wahl entspricht ziemlich genau dem Knick nach unten von Pécresse. Le Pen und Mélenchon, beide Anti-Europäer, haben seit Ende Februar den gleichen Zuwachs bekommen. Können die Wähler nicht einsehen, dass man gemeinsam in der EU stark bleiben kann, aber jeder getrennt für sich allein leichte Beute ist?

Aus den Prognosenentwicklungen habe ich mir die Korrelationsmatrizen zwischen den Kandidaten rechnen lassen, unten links vor dem Krieg, in der Mitte seit dem Krieg, rechts während der gesamten Wahlkampagne. Die dicken blauen Punkte auf der Diagonale von oben links nach unten rechts zeigen die Eigenkorrelationen, die mathematisch nur 1 sein können. Korrelationen zeigen die lineare Abhängigkeit zwischen zwei Größen und können Werte zwischen -1 und 1 annehmen. Bei einer Korrelation von 0 gibt es keine lineare Abhängigkeit. Man denkt häufig, dass es bedeutet, dass die Größen dann unabhängig voneinander sind, aber das stimmt auch nicht immer. In den Graphiken unten sind positive Korrelationen in blau dargestellt, negative Korrelationen sind rot. Je dunkler die Farbe und je größer der Kreis, desto höher der absolute Betrag. Man erkennt ganz gut die Verhalten, die ich oben beschrieben habe. Zum Beispiel, die Tatsache, das Le Pen und Mélenchon seit dem Krieg einen ähnlichen Zuwachs bekommen haben, zeigt sich im dicken blauen Punkt. Gleichzeitig zeigt der dunkelrote Punkt zwichen Le Pen und Zemmour dass ihre Prognoseverläufe gegeneinander laufen: Während Le Pen an Stimmabsichten gewonnen hat, hat Zemmour quasi gleich viele Stimmabsichten verloren. Die Überraschung: Die mäßige positive Korrelation zwischen Macron und Jadot seit dem Krieg. Der grüne Kandidat war die ganze Zeit bei 5% geblieben, aus den Kurven erkennt man so keinen Zusammenhang.

Aktuell wird für Macron 55% der Stimmen vorausgesagt, gegen 45% für Le Pen. Es sieht wie ein bitterer Sieg aus. Natürlich werde ich für Macron stimmen, die Alternative will ich mir nicht vorstellen. Aber jetzt bekennen sich fast die Hälfte der Wähler unter meiner Landsleute offen für Ausländerfeindlichkeit. Das ist erschreckend. Warum soll ich mich mit diesem Land weiter identifizieren? Wir waren doch so knapp dabei, mit 1,2% Unterschied Le Pen aus der zweiten Runde raus zu schmeißen! Hätten mehr Franzosen aus dem Ausland gewählt, wäre es Realität geworden. Das Wahlverhalten der Franzosen außerhalb Frankreichs ist ein ganz Anderes.

Wahlergebnisse insgesamt[1] und für die Franzosen im Ausland[2]. Der schwarze Balken rechts zeigt jeweils den Anteil von Nichtwählern.

Ich bin überzeugt, Briefwahl hätte den Ausgang der ersten Runde anders aussehen lassen können. Mit der Gefahr für die EU, danach Mélenchon als Präsident zu bekommen.

[1] Daten aus https://fr.wikipedia.org/wiki/%C3%89lection_pr%C3%A9sidentielle_fran%C3%A7aise_de_2022 (am 23.04.2022).

[2] Daten aus https://www.resultats-elections.interieur.gouv.fr/presidentielle-2022/000/099/index.html (am 23.04.2022).

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Danke DHL. Nicht.

Ich habe mir etwas bestellt.

Das passiert selten, das letzte Mal war vor fast drei Monaten. Der Ehemann bestellt viel häufiger online, und die Nachbarn auf der Etage noch mehr. Es gab Zeiten wo ich mehrmals am Tag von verschiedenen Lieferdiensten aus tiefster Programmiertätigkeit gerissen wurde, um ein Paket zu empfangen, das gar nicht für mich war. Das hat sich in den letzten Wochen beruhigt.

In Heimarbeit bin ich immer noch, und es ärgert mich jetzt richtig, wenn ich ausnahmsweise mal etwas für mich bestelle, eine Email mich informiert, die Lieferung kommt heute an, und plötzlich heißt es, das Paket kann ich ab morgen in einer Supermarktfiliale abholen, obwohl den ganzen Tag bei mir niemand geklingelt hat.

Man könnte meinen, die Person, die das Paket liefern sollte, hat es zeitlich nicht mehr geschafft und sich gedacht, scheiß drauf, ich tue als ob. Aber was für einen Sinn macht es, den Zettel in den Briefkasten zu werfen und die Klingel drei Meter weiter weg nicht zu tätigen?

Die Klingel funktioniert einwandfrei. Der Ehemann hat sie auf dem Weg nach Hause gerade getestet. Nicht zu überhören.

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Die Tauben sind weg

Nach zwei Wochen ausgezogen.

Zwei Tage lang habe ich beobachtet, wie die Tauben ihren Nest oben im Baum gebaut haben, dann wurde es still.

Am Ende der Woche gab’s einen Sturm mit starkem Wind. Die Baumkrone hat sich in allen Richtungen gebeugt. Am nächsten Tag flog wieder eine Taube hin und her mit Ästen in dem Schnabel. Reparaturarbeiten.

Dann kam der Schnee und ich hatte mir Sorgen gemacht, ob die Eier, wenn es schon welche gibt, die Kälte überleben. Scheinbar schon. Als der Schnee geschmolzen war, ist wieder eine Taube hin und her geflogen, aber diesmal nicht mit Ästen sondern mit Insekten im Schnabel. Ich habe keine piepende Stimmen gehört. Vermutlich wurde die Mama auf den Eiern gefüttert.

Letzte Woche wurde es dann wieder heftig stürmisch. Und seit der Sturm vorbei ist, ist nichts mehr von den Tauben im Baum zu sehen. Morgens hörte man sie von dort rufen, jetzt hört man sie immer noch, aber weiter weg hinter dem Haus, wo man sie nicht mehr sieht. Scheinbar haben sie sich ein neues Nest gebaut. Hoffentlich nicht so empfindlich gegen den Wind. Schade, ich hätte gerne die Kleinen gesehen.

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Die Wahlunterlagen sind da

Gestern habe ich die Prospekte der Kandidaten mit der Einladung zur Wahl per Post bekommen. Es gibt Fortschritte. Beim letzten Mal hatte ich den Brief erst am Donnerstag vor der Wahl bekommen.

Ich schaue mir die Prospekte der Kandidaten an. Das geht heute nicht sehr konzentriert. Ich habe mich wegen Migräne krank melden müssen. Ein starker Wind weht seit gestern Abend und ich habe mich schon beim Aufwachen nicht gut gefühlt. Wie beim letzten Mal. Noch geht es, halbwegs, ich kann nur nicht lange am Stück den Bildschirm gucken und alles dauert länger. Für Programmierarbeit ist es aus meiner Erfahrung sinnlos, in dem Zustand zu arbeiten. Wenn ich versuche, mich zu überwinden, kommt nichts Produktives raus und es wird im Laufe des Tages nur schlimmer. Vielleicht kann ich durch eine frühe Krankmeldung Schlimmeres verhindern, anstatt zu verharren, bis ich wirklich nicht mehr kann. Es scheint zu klappen. Ich schreibe also. Langsam und peu à peu. Ob was Kohärentes dabei raus kommt?

Nicht vollständig, zwei Prospekte fehlen, die direkt in den Papiermüll gelandet sind.

Auffällig in den Prospekten ist, wie zersplittert die französische Linke ist. Mindestens vier Kandidaten haben Punkte in ihren Programmen, die sich entweder sehr ähnlich sind oder gut ergänzen würden, sie klauen sich gegenseitig Stichwörter, aber zusammen wollten sie nicht kandidieren. Das führt dazu, dass in den Umfragen kein der Kandidaten auf 4% der Stimmabsichten kommt, beginnend bei 0,5%[1]. Dass man mit so wenig Unterstützung zur Wahl zugelassen wird… Anstatt jeder für sich alleine in die Bedeutungslosigkeit zu versinken, könnten diese kleinen Kandidaten zusammen auf 6,5% kommen. Das bleibt sehr wenig, ist aber schon mehr als die ökologische Partei, für die aktuell gerade 4,5% der Wähler stimmen würden. Und eine zusammengeschweisste Linke könnte mehr Stimmen als 6,5% bekommen, weil Leute weniger denken würden, umsonst für sie zu wählen, als für die ganz kleinen Parteien. Die meisten Stimmabsichten sammeln, leider unüberraschenderweise, die Rechtsextreme, gefolgt vom aktuellen Präsident.

Ich betrachte mein Land aus der Ferne, da ich jetzt die zweite Hälfte meines Lebens in Deutschland gelebt habe. Ich frage mich, wie konnte es so weit kommen? Ich hatte gehofft, dass Zemmour genug Wähler von Le Pen klauen würde, so dass keiner der Beiden es in die zweite Runde schafft. Es sieht doch nicht so aus. In den hiesigen Nachrichten wird Zemmour als noch rechtsextremer als Le Pen dargestellt. Aus meiner Jugenderinnerung hätte ich nie gedacht, dass so was möglich ist. Ein damals beliebter „Witz“ war, in den Neunzigern: „Wusstest du, dass Le Pen[2] arabisches Blut hat[3]?“ „Ach nee, im Ernst?“ oder ähnliches war die typische Reaktion der Gefragten. „Ja, auf seiner Stoßstange“. Nicht gerade feinfühlig, aber es beschrieb gut den Typ und wie er in der Bevölkerung wahrgenommen wurde. Dass jetzt jemand als rechtsextremer gilt, geht doch, weil Le Pen[4] in den letzten Jahren den Ton gemäßigt hat und die Partei nach einem Namenswechsel mehr in Richtung traditioneller Rechte gerückt hat. Die ausländerfeindliche Lücke füllt jetzt Zemmour, mit 10% der Stimmabsichten. Und dass die Nachrichten vor einigen Jahren darüber berichtet hatten, wie Le Pen und andere europäische anti-europäische[5] rechtsextreme Parteiführer Geld vom Kreml angenommen hatten, juckt scheinbar niemanden unter den Wählern.

Wie meine Wahl ausfällt, bleibt noch zu sehen. Durch eine Doku auf Arte über das Prekariat in Frankreich, „Abschied von der Mittelschicht“[6], wurde mir bewusst, wie sehr sich die Bedingungen in den letzten Jahren für Arbeitnehmer verschlechtert haben. In der zweiten Wahlrunde wird es sowieso sicherlich nur eine Möglichkeit für mich geben, egal wie ich mich jetzt entscheide.

[1] Die Zahlen ändern sich ständig, weil die Umfragewerte sich ständig ändern.

[2] Der Vater der aktuellen Le Pen war gemeint.

[3] Das ist sicherlich schlecht ins Deutsche übersetzt, steht aber eins zu eins für die französische Version. Was man in Frankreich üblicherweise unter der Redewendung impliziert ist, dass „in seinen Adern arabisches Blut fließt“. Aber so ausgedrückt würde der übersetzte „Witz“ keinen Sinn mehr machen.

[4] Die Tochter.

[5] Nee, kein Typo.

[6] Ich verlinke schon lange keine Arte Doku mehr, weil sie ihre Videos ständig hochladen, löschen, neu hochladen und Links dadurch nicht dauerhaft gültig bleiben.

Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Schnee

Es schneit immer noch.

Der Bug von gestern ist behoben. Die Antworten von den WordPress-Mitarbeitern auf dem Forum-Thread lassen leider nichts Gutes ahnen. „This presently does not affect free sites prior to the new plan updates„. „At the moment, this only affects new free sites, not existing free sites„. Ich verstehe das als „momentan sind die älteren Blogs von der neuen Speicherplatzbegrenzung nicht betroffen, aber das kann sich ändern“. Ich schaue mich nach Alternativen um. Vielleicht mit einer eigenen Hosting-Lösung.

Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.