Reizhusten

Corona habe ich offiziell nicht mehr, das Virus ist durch PCR nicht mehr nachweisbar. Ich habe trotzdem immer noch einen fiesen, hartnäckigen Husten.

Das ist lästig. Bei Videokonferenzen mit den Kollegen kann ich nicht lange reden, ohne husten zu müssen. Ich wache nachtsüber gegen fünf Uhr morgens auf und kriege so einen heftigen Hustenanfall, dass ich erstmal aufstehen und ein Glas Wasser zur Beruhigung trinken muss. Danach klappt es mit dem Weiterschlafen nicht mehr. Wenn ich zurück im Bett bin, bin ich schon wach. Wie gestern. Deswegen bin ich müde. Und deswegen schlafe ich momentan immer noch getrennt vom Ehemann, obwohl er keine Symptome mehr hat. Er soll wenigstens seinen Schlaf kriegen. Morgen ist sein letzter Tag Quarantäne.

Gegen Husten gewappnet[1].
Heute Nacht habe ich ausnahmsweise keinen Husten bekommen. Ich bin kurz nach vier aufgewacht, draußen war es laut, und ich konnte wieder einschlafen. Ich war gestern Abend bei der Apotheke und habe mir etwas gegen Husten empfehlen lassen. Hauptsache keine Homöopathie, habe ich der Frau hinter der Theke gesagt. Die Frage, wie mein Husten ist, war schwierig zu beantworten. Meistens ist er trocken, manchmal kommt Schleim mit, aber dann tagsüber. Ich habe erwähnt, dass ich gerade eine Corona-Erkrankung hinter mir habe. Ich habe zwei Medikamente bekommen, ein für die Nacht, ein für tagsüber. 22 €. Ich probier’s zwei, drei Tage aus und werde dann sehen, wie es am Wochenende aussieht. Wenn der Husten zurück kommt gehe ich zur Arztpraxis.

Direkt danach bin ich zu einem lang ersehnten Arzttermin gegangen. Ich hatte ja im Herbst Augenmigräne. Die Häufigkeit ist danach so hoch gestiegen, dass ich im November, eine Woche nach dem grippalen Infekt, vier Anfälle in einer Woche hatte. Die Hausärztin meinte, Augenmigräne sind in sich nichts Schlimmes, aber es wäre jetzt auffällig häufig und ich sollte mich neurologisch untersuchen lassen. Ich habe den Termin selbst geplant, anstatt dass meine Ärztin für mich anruft. Sie ist seit dem Anfang der Impfkampagne im Dauerstress. Die Folge war, dass ich einen Termin erst ab gestern bekommen konnte. Wenn meine Ärztin persönlich anruft, erfolgen Termine viel schneller. Blöderweise haben die Augenmigräne-Anfälle nach dieser Woche im November aufgehört. Ich vermute, weil ich in dem Moment meine Tätigkeit auf Arbeit geändert habe, von intensiver Modellierung, die auf Dauer auf dem Laptop für die Augen recht anstrengend ist, zur reinen Programmierung. Das geht wieder, seitdem wir einen neuen Kollegen bekommen haben. Ob es Sinn macht, nach der langen Zeit ohne Symptome den Termin wahrzunehmen? Ja, meinte der Ehemann.

Gestern Abend war ich also bei der Neurologie-Praxis. Zum ersten Mal. Es war dunkel. Ich war dabei, mich umzuschauen, wo sich der Türöffner bei den Briefkästen befindet, wie auf dem Zettel an der Tür beschrieben, aber ich kam nicht dazu, weil eine Frau, klein, geschätzt um die sechzig, die sich hinter der Tür aufhielt, mich gesehen und die Tür geöffnet hat. Nett, dachte ich zuerst, aber die Frau wurde mir schnell lästig, wie sie anfing, mit mir reden zu wollen, nur um zu erklären, dass sie hier auf eine Freundin wartete. Ein ununterbrochener Redefluss. Ohne Maske, übrigens. Mich interessierte ihre Geschichte nicht und ich war damit beschäftigt, herauszufinden, wo ich hin musste. Es gab keine Beschilderung, im Aufzug auch nicht. Ob ich im richtigen Haus war? Ich musste zurück an die Frau vorbei und war nach der kurzen Begegnung schon genervt von ihr. Als ich zurück in ihre Richtung kam, sagte ich, ich wüsste nicht, wo ich hin musste, ich wollte draußen auf den Briefkästen nochmal schauen. Sie meinte, hilfreich sein zu müssen, aber selber hatte sie auch keinen Schimmer, obwohl sie so selbstsicher tat. Sie ging sofort Richtung Aufzug mir entgegen und da der Flur so eng war, musste ich mit, um den direkten Körperkontakt mit ihr zu vermeiden. Zurück in den Aufzug gedrängt, kam sie mir unheimlich nah, um mir zu zeigen, wo ich drücken müsste, um dann festzustellen, es gab keine Beschilderung und sie könnte auch nicht helfen. Sehe ich so blöd aus, dass Leute denken, ich wäre selber nicht in der Lage, eine Beschilderung in einem Aufzug zu lesen? Selbst vor der Pandemie wäre mir ihr Drängeln viel zu viel Nähe von einer fremden Person gewesen. Ich habe tatsächlich gedacht, schade, dass ich Corona nicht mehr habe, bei ihrem Verhalten hätte sie es verdient, angesteckt zu werden. Verdammt. Ich gehe seit zwei Jahren kaum aus dem Haus, wenn ich nicht einkaufen muss, mache lieber Aktivitäten im Freien, Urlaub in Zeiten niedriger Inzidenz, treffe mich privat nur mit geimpften Personen, wie die Familie für Weihnachten, wasche mir die Hände andauernd und gehe nicht ohne Maske raus, um dann nach Booster-Impfung in einer Taxifahrt Omikron zu kriegen, und die Frau kuschelt quasi mit jeder fremden Person rum, die an ihr zufällig vorbei läuft? Wo ist die Gerechtigkeit[2]?

Ich bin auf gut Glück zur ersten Etage geflüchtet. Das Licht war aus und der Schalter nicht leicht zu finden. Als ich ihn fand war ich erleichtert, eine Tür mit den Namen von den Ärzten zu finden. Drin war der Empfang überfüllt. Ich konnte nicht mal die Tür öffnen, direkt dahinter stand ein Mann. Ich habe nur seine gelbe Jacke zu Gesicht bekommen, und ich habe gleich gehört wie eine weibliche Stimme sagte, „so geht es nicht, sie müssen draußen warten“. Der Mann mit der gelben Jacke kam raus, ich stellte mich hinter ihm an. Kurz danach kam eine Frau und stellte sich hinter mir an, dann noch eine, die es sich nach keinen zwei Minuten anders überlegte und weg ging, dann kam ein Mann. Der Flur vor der Praxis war genau so eng wie unten am Hauseingang. Ich war froh, dass der Mann in gelber Jacke rein konnte, bevor ein weiterer Patient kam. Kurz danach war ich dran, es war schon nach meinem Termin, obwohl ich eine Viertelstunde im Voraus gekommen war, aber es war klar, dass die Ärzte Verspätung hatten.

Ich habe mich nach der Anmeldung im halb vollen Warteraum hingesessen. Ich hatte ein Buch zur Überbrückung der Wartezeit mitgebracht, aber zum Lesen bin ich nicht gekommen. Reizhustenattacke. In der Maske ein Genuß. Nicht. Ich habe ein Glas Wasser getrunken und eine der gerade erworbenen Kapseln gegen Reizhusten geschluckt, keine Hilfe. Ich bin schließlich aus der Praxis raus gegangen und habe an der Rezeption gesagt, ich warte vor der Tür. Meinen Namen habe ich nochmal wiederholt. Zum Glück war das Treppenhaus zu dem Zeitpunkt leer, und kurz nachdem sich mein Hals beruhigt hatte, hörte ich, wie mein Name gerufen wurde. Die Rezeptionistin hatte den Namen schon nicht mehr erkannt.

Nach dem Termin bin ich zurück nach Hause gegangen. Seit dem Hustenanfall im Wartezimmer habe ich jetzt einen stechenden Schmerz oberhalb vom rechten Busen, wenn ich mich nach vorne bücke. Ob ich mir beim Husten einen Nerv in der Wirbelsäule eingeklemmt habe? Das ist mir schon mal vor vielen vielen Jahren passiert, als ich Doktorandin war. Ich hatte nach einer Bronchitis immer stärker werdende Schmerze unterhalb vom linken Busen und dachte, es wäre Muskelkater vom vielen Husten. Zum Schluß konnte ich nicht mal gerade stehen. Der Arzt meinte, ein Nerv wäre eingeklemmt, ich hatte mir eine Wirbel raus gehustet. Er hatte sie mir zurecht gedrückt, Knack, danach ging’s mir spürbar besser, der Schmerz hatte aber einen Monaten lang gebraucht, um komplett zu verschwinden.

Wenigstens hat die Kapsel gegen Reizhusten scheinbar heute Nacht geholfen.

[1] Unbezahlte Werbung.

[2] Gerechtigkeit ist nur eine menschliche Erfindung. Der Natur ist es Schnuppe. Sonst wären die Trumps und Bolsonaros dieser Welt schon durch Corona ins Jenseits befördert worden.

Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

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