Ohrwurm: Ievan Polkka – Loituma

Das Lied habe ich im Frühling 2006 kennen gelernt. Damals hatte jemand in einem Diskussionsforum den Link zum „Lauchlied“ gepostet[1,2], das zur Zeit viral ging, und die wildesten Theorien wurden erfunden, was es denn für eine Sprache wäre. Ich hatte nach den Bestandteilen vom Dateinamen auf Internet gesucht, und die finnische Gruppe Loituma gefunden.

Hier das Lied[1]:

Im Zuge meiner Entdeckung hatte ich mir beide Alben der Gruppe bestellt, um beim Zuhören fiel mir auf, dass ich über Finnland gar nichts wusste[3]. Ein Jahr später hatte ich genug Geld gespart, mir mit Hilfe eines Sprachlehrbuchs mit CD einen Grundwortschatz auf Finnisch angeeignet, eine Katzensitterin gefunden, einen Wanderrucksack gekauft, und damit Anfang August zwei Wochen Urlaub alleine in Finnland verbracht. Dank dieses Liedes.

Mit dem Flieger direkt von Köln nach Helsinki, wo ich das Wochenende verbracht hatte, oder fast. Meine Unterkunft war auf der Insel Suomenlinna und ich hatte mir am ersten Abend beim Spazierengehen einen Sonnenbrand geholt. Von dort aus hatte ich eine elliptische Runde mit Bahn und Bus um die Seen gemacht, im Uhrzeigersinn: Turku, Tampere, Jyväskylä, Kuopio, Joensuu, Imatra, Lappeenranta, Helsinki. Schon mal vorweg: In den ganzen zwei Wochen hatte mich ziemlich genau eine einzige Mücke bei einer morgendlichen Joggingsrunde gestochen.

Wo war das bloss?

Das Doofe: Ich hatte mir vor der Reise meine allererste Digitalkamera gekauft, und wusste damals nicht, dass es Unterschiede in den AA Batterien gibt, und dass man spezielle AA Batterien für eine Kamera braucht. Nach einigen Tagen musste ich neue besorgen und war sehr verwundert, dass sie gerade ein oder zwei Bilder durchgehalten hatten, bevor sie leer wurden. Ich musste auf die Schnelle auf Wegwerfkameras mit Film umsteigen, nachdem mir ein Berater in einem großen Elektroladen nicht weiter helfen konnte. Die Bilder sind nach meiner Rückkehr entwickelt worden, es gibt zwar eine zeitliche Reihenfolge der Bilder auf dem Negativ, aber ich weiß heute nicht mehr, was ich wo alles fotografiert habe. Die Negativstreifen sind auch ein bisschen durcheinander gekommen, mit den Jahren.

In Turku erinnere ich mich, dass es sehr heiß war, als ich die Jugendherberge erreichte. Ich war zu früh da, mein Zimmer war noch nicht frei, also konnte ich nicht duschen. Ich hatte die junge Frau am Empfang auf Englisch gefragt, ob sie in der Nähe Strände empfehlen könnte. Keine Ahnung, was in ihr Gehirn angekommen war, sie hatte mich ganz schief angeschaut. Dachte sie, ich würde zum Puff gehen wollen? Beach, bitch, vielleicht war es mit meiner Aussprache nicht so perfekt, keine Ahnung. Andererseits muss sie auch ein bisschen doof gewesen sein, weil sie immer noch misstrauisch guckte, nachdem ich fragte, ob es wenigstens ein Schwimmbad gäbe. Ja, es gab eins, und ich hatte drin sogar meinen ersten Saunagang, dank einer netten älteren Dame, die mir alles erklärt hatte, was man über Saunas in Finnland wissen muss. Am nächsten Tag hatte ich Pause bei einer Kirche mit Park gemacht. Zwei Frauen saßen an der Terrasse vom Kirchenkaffee und ich hatte gesehen, wie ein Eichhörnchen ganz frech auf die Bank gesprungen war, wo die Frauen saßen, mit beiden Pfoten die Ränder einer geöffneten Handtasche gehalten hatte, um den Kopf drin zu stecken und sich den Inhalt anzuschauen, und ohne Beute wieder ganz schnell verschwunden war, ohne dass die Frauen es bemerkt hatten. Ich war total verblüfft.

In Tampere hatte mich ein älterer Mann angesprochen, als ich abends alleine meinen Fischteller in einem Restaurant aß, ob er sich zu mir hinsetzen durfte. Wir hatten viel geplaudert und uns am nächsten Morgen zum Kaffeetrinken auf dem Markt wieder getroffen.

In Kuopio wollte ich in die größte Rauchsauna der Welt. Ich war alleine hin gegangen und hatte dort meine Mitbewohnerin aus der Jugendherberge wieder getroffen, eine Engländerin. Wir hatten den Abend mit zwei Franzosen, auch aus der Herberge, im Lokal nebenan verbracht. Und was hatte die Musikgruppe drin gespielt? Genau, Ievan Polkka. Am nächsten Morgen hatte ich in der Küche von der Herberge ein finnisches Paar getroffen. Weil ich mich ein bisschen auf Finnisch unterhalten konnte, beschloßen sie mir auf der Stelle ein finnisches Märchenlied zu singen. Das war das Schönste, was ich je von Fremden bekommen habe.

In Joensuu hatte ich mir in den Kopf gesetzt, zum botanischen Garten mit dem Rucksack zu gehen. Auf dem Plan in meinem Reiseführer stand ein Pfeil an der linken Seite, mit der Notiz „To Botanical Gardens (500m)“. Hah, Pustekuchen. Ich weiß nicht wie viele Stunden ich unterwegs war, bis ich zum botanischen Garten angekommen bin. Ich habe mir in den Wanderschuhen Blasen gelaufen, vor allem an der Unterseite vom rechten kleinen Zeh. Zurück bin ich mit einem Bus gefahren. Der junge Mann an der Apotheke in der Stadt war sehr unfreundlich und wollte partout[4] nicht verstehen, dass ich Pflaster kaufen wollte, selbst als ich ihm mein Wörterbuch vor der Nase hielt.

In Imatra war die Jugendherberge ganz weit weg vom Bahnhof, zwischen Wald und See. Ich bin so viel gelaufen, dass mein T-Shirt durch mein BH nass wurde. Eine Herberge, wo alle Gäste gemeinsam in einem riesigen Saal geschlafen haben. Ich war die einzige Frau und froh, Ohropax[1] eingepackt zu haben. Ich hatte mir ein Fahrrad geliehen, um abends in die Stadt essen zu gehen. Ein altes Fahrrad ohne Gangschaltung und mit Rücktrittbremse. Das war auf der hügeligen Strasse kein Spaß. Am nächsten Tag war es regnerisch. An der Bushaltestelle war ich pünktlich, der Busfahrer ist trotz Winkens meinerseits an mir vorbei gerauscht. Gesehen hatte er mich. Als er mich über eine Stunde später auf dem Rückweg immer noch Richtung Bahnhof klatschnass mit Rucksack laufen gesehen hat, hat er eine übertriebene überraschte Reaktion gezeigt und mich mit offenem Mund angestarrt. Er hat meinen Mittelfinger zu sehen bekommen.

An Lappeenranta habe ich sehr wenige Erinnerungen, außer, dass ich in einem Museum für Geschichte und Vorgeschichte der Gegend war. Ich hatte in diesem Urlaub viele Museen besucht. Ach ja, Karjalanpiirakka hatte ich gegessen.

Fazit: Musik bewegt, auf jeden Fall.

[1] Unbezahlte Werbung, da Namensnennung und/oder Verlinkung.

[2] Das hier verlinkte Video ist nicht das Original.

[3] Das trifft auf viele Länder zu, muss ich zugeben. Gereist bin ich kaum, und wenn, meistens für Dienstreisen oder zwecks Familienbesuch, bevor ich den Ehemann kennen gelernt habe.

[4] Eine interessante Verwendung von dem Wort. Auf Französisch benutzen wir es definitiv nicht mit dieser Bedeutung. Er heißt doch „überall“.

Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

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5 Gedanken zu “Ohrwurm: Ievan Polkka – Loituma

  1. […] In Finnland war ich schon, vor zehn Jahren. Dort hatte ich im Sommer zwei Wochen alleine mit dem Rucksack verbracht und war von Jugendherberge zu Jugendherberge um die Seen gefahren. Ich hatte damals eine echt tolle Zeit hier verbracht. Dementsprechend groß war meine Freude, als die Einladung in meine Mailbox herein flatterte. […]

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