AZD1222

Vom Anfang an hat dieser Impfstoff schlechte Presse bekommen.

Nicht so wirksam wie die mRNA-Impfstoffe von Biontech/Pfizer[1] und Moderna[1] soll er sein, nur 70% statt die bombastischen 94-95% der anderen Impfstoffe. Dabei hat man gerne vergessen zu erwähnen, dass andere Impfstoffe längst nicht so wirksam sind. Zum Beispiel ist die Grippeschutzimpfung[2] im Zeitraum 2008-2017 nur zu zwischen 30% und 60% wirksam gewesen. Die 70% von AstraZeneca[1] sind dagegen recht gut. Wenn 100% der Bevölkerung mit einem zu 70% wirksamen Impfstoff behandelt wird, haben wir quasi die Quote erreicht, die man braucht, um die Pandemie einzudämmen (ohne die fast drei Millionen genesenen Infizierten seit Beginn der Pandemie zu berücksichtigen, aber ein Immunschutz nach der Krankheit scheint nicht sicher zu sein). Na ja, das wäre vor dem Auftauchen der neuen Virus-Varianten, die eine höhere Reproduktionszahl haben, der Fall gewesen.

Foto: Whispyhistory, lizenziert unter CC BY-SA 4.0.

Die 70% Wirksamkeit vom AstraZeneca-Impstoff AZD1222 ist allerdings das Ergebnis einer schlampigen Studie. Probanden, die zweimal die vorgesehene volle Dosis vom Impfstoff bekommen haben, haben eine Wirksamkeit von nur 62% gezeigt. Irrtümlich wurde einigen der Probanden nur die Hälfte der Dosis bei der ersten Impfung verabreicht, und bei diesen Probanden wurde eine Wirksamkeit von 90% erreicht[3]. Ob bei den Impfkampagnen jetzt zweimal die volle Dosis oder zuerst die Hälfte und dann die volle Dosis gegeben wird, weiß ich nicht. Wenn ich das Bild sehe, wo 10 x 0.5 mL steht, gehe ich davon aus, dass alle Leute mit zweimal 0.5 mL geimpft werden. Was wegen der Knappheit vom Impfstoff zusätzlich suboptimal wäre.

Ein anderer Schwachpunkt der AstraZeneca-Studie ist die Probandenauswahl, insbesondere die Altersstruktur der Gruppe[4]. Zu wenige Menschen in hohem Alter. Kombiniert mit dem Dosierungsfehler, der auch noch nur bei Menschen unter 55 passiert ist[4], ist in den Medien der Eindruck schnell verbreitet worden, der Impfstoff sei bei älteren Menschen nicht so wirksam. Daher haben Länder wie Deutschland und Frankreich beschlossen, zuerst den AstraZeneca-Impfstoff nur an jüngeren Menschen zu geben.

Als ich in Frankreich bei meiner Mutter war, wurden dann neue Studien bekannt, die gezeigt haben, bei älteren Menschen ist die Wirksamkeit vom AstraZeneca-Impfstoff genau so gut wie bei jüngeren Menschen. Also hat man in Erwägung gezogen, AZD1222 auch zu dieser Altersgruppe zu geben.

Fast zeitnah wurden die ersten Fälle von Thrombosen nach Impfungen mit AZD1222 bekannt gegeben. Zuerst klang es harmlos, da die Häufigkeit von Thrombosenfälle in der geimpften Bevölkerung nicht über die bekannte Häufigkeit von Fällen bei nicht geimpften Menschen lag. Einige Länder haben trotzdem beschlossen, die Impfung mit AZD1222 vorerst zu stoppen, bis die EMA Stellung nimmt. Das war die Woche, als meine Mutter ihre erste Dosis vom Impfstoff bekommen hat.

Bei meiner Rückkehr in Deutschland wurde festgestellt, bei den Hirnvenenthrombosen gibt es eine anfällige Häufung der Fälle nach einer Impfung[5] mit AZD1222. Daher wurde in Deutschland[6] beschlossen, AZD1222 an jüngeren Menschen nicht mehr zu geben. Was machen Leute, die eine erste Dosis AZD1222 bekommen haben? Ich meine, wenn sie die erste Impfung gut vertragen haben, spricht nichts gegen eine zweite Dosis. Die Idee, als zweite Dosis einen anderen Impfstoff zu geben, sehe ich zuerst kritisch. Es gibt keine Studie, die belegt, dass eine solche Impfstrategie erfolgreich ist. Aber im Grunde unterscheidet sich AZD1222 doch nicht so sehr von den mRNA-Impfstoffen, wie man denken würde. AZD1222 ist ein Virus, der DNA zum Bau vom SARS-Cov-2 Spike-Protein enthält, die im Zellkern zu mRNA transponiert wird, die dann der Ribosom in das Spike-Protein übersetzt, gegen das das Immunsystem reagieren soll[2]. Die mRNA-Impfstoffe überspringen die Transkription. So sieht es mein Laienverstand. Aber warum sieht man dann nach mRNA-Impfungen keine vermehrte Thrombosenfälle[7]?

Letzte Woche wurde beschlossen, die Altersgruppe über 65, bei der hat man bisher keine vermehrte Hirnvenenthrombosen nach einer Impfung gesehen, sie sollten ruhig AZD1222 bekommen. Macht Sinn, oder? Hat man da vielleicht übersehen, dass diese Altersgruppe zuerst von der Impfung mit AZD1222 ausgeschlossen war, weil die Datenlage nicht hinreichend war? Ich gehe jede Wette ein, in einigen Wochen, wenn nicht Tagen, wird man überrascht feststellen, dass bei älteren Menschen doch Hirnvenenthrombosen nach der Impfung auftreten. Weil es sich um eine super seltene Nebenwirkung handelt, und es dauert, bis sich die ersten Fälle zeigen. Wenn ältere Menschen später als jüngere Menschen den Impfstoff verabreicht bekommen haben, werden sie auch später die Nebenwirkungen vom Impfstoff zeigen.

Trotz allem, ich bin da eher pragmatisch. Der Nutzen vom Impfstoff überwiegt von weitem die Risiken, die man ohne Impfung eingeht. Nehmen wir alles was wirkt[8].

[1] Unbezahlte Werbung, da Namensnennung und/oder Verlinkung.

[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Grippeimpfung

[3] https://www.tagesschau.de/ausland/europa/faq-astrazeneca-101.html, Version vom 29.01.2021 um 05:09 Uhr

[4] https://www.swr.de/wissen/corona-impfstoff-astrazeneca-102.html

[5] https://www.zdf.de/nachrichten/panorama/corona-impfstoff-astrazeneca-check-100.html

[6] Jetzt wo ich nicht mehr in Frankreich bin, weiß ich nicht, ob es dort genau so läuft.

[7] Erste Antwortenansätze hier zu finden.

[8] Eine ärztliche Beratung wäre bei Bedenken nicht verkehrt.

Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

4 Gedanken zu “AZD1222

  1. Heute in einem Artikel gelesen, dass Hirnblutungen die neuen Thrombosen sind. Diesmal aber durch alle Altersgruppen, aber immer noch weiblich.
    Falls ich die Wahl habe, werde ich wieder AstraZeneca für die zweite Impfung nehmen. Der Boost ist mir zu wichtig. Sonst befürchte ich, dass die Impfwirkung einfach nicht lange genug anhält.

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