Die Zeitumstellung geht mir nicht weit genug

Eine Stunde Unterschied ist für viele heftig. Klar, man kann sich daran gewöhnen. Ich habe nie sonderlich unter der Zeitumstellung gelitten, wenn ich vergleiche, mit dem man sonst auf Internet lesen kann. Den Bedarf darüber zu jammern hatte ich nie.

Was mich in dem Moment stört ist eher psychologisch. Gestern ging noch die Sonne um halb sieben runter, heute erst um halb acht. Es gibt aber nichts in der Rotation der Erde, was einen Übergang erster Ordnung in unseren Gewohnheiten rechtfertigen würde. Im Gegenteil, die Jahreszeiten fließen in einander, und die Tag- und Nachtlängen ändern sich kontinuierlich. Ein gradueller Unterschied in der Zeitumstellung wäre mir daher lieber.

Oben habe ich die Uhrzeiten von Sonnenaufgang (links) und Sonnenuntergang (rechts) für Berlin im Jahr 2021[1] mit gnuplot dargestellt. An den vertikalen Sprüngen erkennt man beide Zeitumstellungen, im Frühling und im Herbst. Ich habe mich gefragt, wie es stattdessen aussehen würde, wenn man jeweils über zwei Monate jeden Tag die Uhr um eine Minute verstellen würde. Körperlich dürften wir den Unterschied kaum merken. Unten sieht man die Auswirkung auf die Uhrzeiten für Sonnenaufgang (links) und Sonnenuntergang (rechts). Für die Frühlingsumstellung habe ich am 28. Januar angefangen, sechzig Tage vor heute, für die Herbstumstellung habe ich erst am 02. Oktober angefangen, dreißig Tage vor der geplanten Umstellung am 31. Oktober.

Die „korrigierte“ Kurve sieht für den Sonnenaufgang nicht so schön wie die Kurve für den Sonnenuntergang aus. Um schöne stetige Funktionen mit schönen stetigen Ableitungen zu bekommen, müsste man vermutlich die Sonnenaufgangsgleichung benutzen, um zu rechnen, um wie viel die Uhr täglich umgestellt werden müsste. Die Daten, die ich benutzt habe, sind nur auf die Minute genau. Das könnte man in Rechnern gut implementieren, aber ich möchte nicht die Wanduhr täglich auf die Sekunde genau umstellen müssen. Eine Minute jeden Tag vier Monate lang wäre schon nervig genug.

Ob man die Zeitumstellung wirklich braucht, ist eine andere Frage. Ich liebe die langen Abende im Sommer und möchte sie nicht vermissen. Andererseits möchte ich im Winter nicht um acht anfangen zu arbeiten, wenn die Sonne sich erst kurz nach neun zeigt.

Am Coolsten fände ich es, wenn die Uhrzeit nicht nur als Funktion der Jahreszeit angepasst wäre, sondern auch als Funktion der geographischen Länge. Die Zeitzonen sind teilweise recht willkürlich und ganz schön breit, es macht beim selben Breitengrad einen großen Unterschied, ob ich in Brest oder in Wien bin.

[1] Daten aus dieser Quelle.

Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Migränetag

Gestern Abend bin ich mit Migräne ins Bett gegangen. Das letzte Mal war lange her, zwei Monate, sagt mein Migränekalender[1]. Ich hatte mich schon gewundert, dass es mir den ganzen Monat bei meiner Mutter gut ging und dass ich die Hin- und Rückflüge problemlos überstanden hatte.

Vielleicht liegt es daran, dass wir gestern Abend einen Film geguckt haben. Der Ehemann bekommt langsam aber sicher Hörprobleme, neigt dazu, die Lautstärke höher zu drehen, und am Ende vom Film habe ich die Kopfschmerze. Das ist mir einige Male passiert, weil ich immer zu spät merke, dass der Fernseher zu laut ist, nämlich, wenn die Kopfschmerze schon da sind. Vielleicht hätte ich auch keinen Weißwein zum Skrei am Abendessen trinken sollen. Wobei der Effekt nach dem Film längst verschwunden sein sollte, und zwischendurch hatte ich Wasser und eine Tasse Kamillentee. Oder es liegt an meine Periode, die heute wieder heftig ist, und das, gerade zweieinhalb Wochen nach dem letzten Mal. Meine Periode ist alles andere als periodisch. Vermutlich ist es eine Kombination von allem.

Ich bin ins Bett ohne Tablette gegangen. Ich habe das Glück, dass Migränen meistens nach einer guten Nacht Schlaf verschwinden. Wir sind heute früh beide kurz nach sechs aufgewacht. Draußen tobte ein Gewitter. Windig. Regen prasselte gegen das Haus. Die Migräne war noch da. Geräusch- und Lichtempfindlichkeit. Nach einer Stunde habe ich mich mit Schwindel aus dem Bett gezwungen und eine Tablette Paracetamol mit einem Glas Wasser geschluckt. Weiter versucht zu schlafen. Um neun ist der Ehemann aufgestanden, und mir ging’s immer noch mies. Es regnete, als ich die zweite Tablette geschluckt habe. Ich habe mich zurück ins Bett gepackt und diesmal wirklich geschlafen. Als ich um elf aufgewacht bin, war die Migräne weg. Der Regen hatte aufgehört und durch die Jalousie konnte ich die Sonne erahnen.

Vermutlich war der Wetterumschwung für die Migräne verantwortlich. Das hatte ich in Aachen regelmäßig, weil es dort häufig Gewitter gab. Damals musste ich mich im Büro am Boden hinlegen, weil es mir so schlecht ging, und nach dem Gewitter fühlte ich mich schlagartig besser.

So super fit bin ich heute trotzdem nicht. Nach der Migräne kommt der Migränekater. Raus gehen wollte ich nicht riskieren, obwohl ich vor zwei Tagen einen Corona-Test gemacht habe und der Befund negativ war, ich dürfte die Quarantäne brechen. Nur nicht in diesem Zustand. Ich habe Gitarre gespielt und erneut gemerkt, dass es bei mir zu helfen scheint. Aber nur, wenn ich leichte Kopfschmerze oder Migränekater habe. Während einer Attacke kann ich nur noch liegen und abwarten.

[1] Ach so, doch nicht.

Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Quatre-quarts mit Zitronensaft und Mohn

Der Ehemann hat sich reichlich bedient.

Endlich habe ich meine Küche wieder gefunden. Und was macht man, wenn man in Quarantäne bleiben muss? Kuchen backen. Der Ehemann hatte in meiner Abwesenheit zu viele Zitronen gekauft. Also habe ich mich für ein Quatre-quarts mit Zitronensaft entschieden, und Mohn würde sicherlich gut drin passen, habe ich mir gedacht. Wie es sich für ein Quatre-quarts gehört, nimmt man genau so viel Mehl, Butter und Zucker wie die Eier wiegen. Ich habe diesmal die Zuckermenge nicht reduziert, da der Saft einer ganzen Zitrone dazu gekommen ist. Die Säure muss kompensiert werden.

Doch ein Tick zu lang gebacken?

Ähnliches Rezept: Quatre-quarts aux pommes. Hier auch gilt, Achtung, Kalorienbombe.

Die Zutaten (ergibt 16 Stücke von nicht ganz zwei Zentimeter Dicke)

  • 4 große Eier
  • 250 g Weizenmehl
  • 250 g Zucker
  • 250 g Butter
  • 1 Prise Salz
  • Saft einer Zitrone
  • 20 g Mohnkörner (mehr hatte ich nicht, aber die Menge war genau richtig)

Die Zubereitung

  • Den Backofen bei 180°C vorheizen.
  • Die Eier aus ihren Schalen in eine kleine Schüssel gleiten lassen und kurz rühren.
  • Die Butter in Stücke in eine andere Schüssel tun und so lange in der Mikrowelle bei kleinster Stufe erhitzen, bis sie flüssig wird.
  • Den Saft der Zitrone auspressen.
  • Alle Zutaten in einer Schale mit dem Schneebesen zu einem Teig zusammen rühren.
  • Eine rechteckige Brotform mit Backpapier auslegen und den Teig drin verteilen. Meine Form ist 27-28 Zentimeter lang.
  • Den Kuchen fünfzig Minuten bei 180°C Umluft backen lassen.
  • Vor dem Schneiden abkühlen lassen.

Ich habe auf die ganze Prozedur vom Quatre-quarts aux pommes, 10 Minuten bei 180° C, Strich mit Messer machen, weiter bei reduzierter Hitze backen verzichtet. Der Strich hat sich von alleine schön gebildet, und mit der Zitrone war der Teig flüssiger, die 180 °C während der ganzen fünfzig Minuten waren nötig. Das Ergebnis kommt mir geschmacklich nicht so fett wie beim Quatre-quarts aux pommes vor.

Nährwertangaben

pro Stück fürs Rezept
Energie (kcal) 263,6 4217
Eiweiß (g) 3,8 61,3
Kohlenhydrate (g) 27,4 439,1
davon Zucker (g) 16,1 258,2
Fett (g) 15,2 242,5
Ballaststoffe (g) 0,8 12


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Mit der Gitarre in der Schule

Meine Gitarre zu Hause. Ich muss langsam schauen, wie ich die Saiten wechsle.

Ich war mit meiner Gitarre zur Schule gegangen. Die billige Gitarre, die ich für die Zeit bei meiner Mami gekauft hatte. Der Laden war am Ende der Straße, wo mein Gymnasium lag[1].

Die Gitarre stand links von meinem Schreibtisch, hinten im Klassenzimmer, an die Heizung angelehnt, unter dem Fenster. Auf meinem Tisch standen viele Gläser Wasser, ich wusste nicht woher. Als das Ende der Stunde angekündigt wurde, bin ich nicht mit den Anderen aus dem Klassenzimmer gegangen. Ich wollte ein bisschen spielen und habe angefangen, an Nothing Else Matters[2] weiter zu üben.

Am Ende der Pause sind die Kommilitonen zurück gekommen. Ich habe die Gitarre wieder an die Heizung anlehnen, und dabei habe ich die Regelung berührt. Sofort ist der Gitarrenhals oben gebrochen. Die Saiten hingen völlig lose. Was tun? So konnte ich unmöglich spielen.

Ich hatte mich mit einem Kommilitonen aus dem Gymnasium raus geschlichen, um zum Musikladen zu gehen. Eigentlich durften wir nur Mittwochnachmittags raus[3], nicht während der Vorlesung. Den Eingang zum Laden konnten wir aber nicht finden. Wir sind einmal ums Gebäude gegangen. Wir konnten Leute beim Musizieren beobachten, aber wie sollte man rein?

Mein Kommilitone hat einen Weg gefunden, in den Laden einzubrechen. Dann klingelte aber das Ende der Stunde, unsere Abwesenheit würde sich bemerkbar machen. Mein Kommilitone fand ein Loch im Dachboden, aus dem wir springen konnten um durch ein anderes Loch im Klassenzimmer zurück zu kommen. Ich bin ihm gefolgt. Beim Landen merkte ich, wie er durchsichtig wurde.

Der Wecker hat mich aus diesem komischen Traum geholt.

[1] Das stimmt tatsächlich. Nachdem wir mit dem Ehemann aus dem Musikladen raus gekommen sind, auf dem Weg zur Trauerfeier für meinen Bruder, hat er mich vor meinem alten Gymnasium fotografiert. Den Musikladen gab’s damals noch nicht.

[2] Unbezahlte Werbung, da Verlinkung.

[3] Das stimmte damals auch, als ich im Internat im Gymnasium untergebracht war.

Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Heftig

Bunter Stromkasten, Bahnhof Berlin-Friedenau.

Heute hat meine Mami eine Nachricht von ihrem Stromversorger bekommen: Im Vergleich zum vorherigen Monat ist ihr Verbrauch um einen Drittel gestiegen.

Ich wohne seit einem Monat bei ihr und bin weiterhin im Mobile Office. Ein Dell[1] Laptop (Latitude E5500) und mein Handy müssen täglich aufgeladen werden.

Sie würde es nicht akzeptieren, wenn ich anbiete, die Differenz auszugleichen. Vielleicht kann ich ihr unauffällig im Portemonnaie etwas stecken.

[1] Unbezahlte Werbung, da Namensnennung.

Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Anstrengendes Wochenende

Am Sonntag war geplant, dass wir die Urne mit den Aschen von meinem Bruder zum Friedhof bringen. Sie war seit der Einäscherung in der Obhut meiner Mami geblieben.

Es wurde seit dem Anfang der Woche diskutiert, ob unser Département am Wochenende eine Ausgangssperre aufgehängt bekommen soll. Zum Glück ist dies nicht geschehen. Wir bleiben unter Beobachtung und müssen nur, wie auch überall in Frankreich, ab 18:00 zu Hause bleiben. Das ist hart. Ich arbeite den ganzen Tag bei meiner Mami und wenn ich Feierabend mache, ist es zu spät, um raus zu gehen. Es gibt viel zu tun. Mittags schaffe ich es nicht häufig, eine Pause einzulegen. Ich könnte um halb acht anfangen zu arbeiten, aber ich bin nicht sicher, ob ich dann tatsächlich früher Feierabend machen würde.

Bianca, die Freundin von meinem Bruder, ist am Freitag vor 18:00 zu uns gekommen. Sie wohnt in dem Haus, das mein Bruder gekauft hatte, in den benachbarten Alpes Maritimes, und dort herrscht Ausgangssperre am Wochenende. Meine Schwester konnte mit ihrem Sohn am Samstag kommen. Sie arbeitet nachtsüber für einen großen Versandkonzern (für den ich keine Werbung machen will), da ihr am Anfang der Pandemie gekündigt wurde. Das Umverpacken von Waren aus beschädigten Paketen vor dem Versand ist leider alles, was sie seitdem finden konnte. Das liegt deutlich unter ihrer Qualifikation, aber die Familie will ernährt werden und ihr Freund verdient nicht viel, seit der Pandemie.

Der Neffe wirkt wie ein kleiner Sturm. Keine Sekunde Ruhe. Mich hat er ewig nicht mehr gesehen, und ich wurde auserwählt, um mit ihm zu spielen. Er hat von seiner Tante Bianca einen aufblasbaren Schwert mit Schild bekommen und hat sich als Ritter erklärt. Ich war ein Tiger, musste auf allen vieren kriechen bis er mich mit dem Schwert getötet hat, um auf den Boden zu fallen und wieder erweckt zu werden, wodurch das Ganze wieder anfing. Über eine Stunde lang. Ich bin am Sonntag mit Muskelkater aufgewacht.

Am Sonntag, also gestern, ist der Neffe früh aufgewacht. Bianca hat ihn zur Toilette gebracht, als seine Mutter noch schlief. Meine Mami hat ihm Frühstück gemacht, und ich habe ihn zum Spielplatz gebracht, damit meine Schwester ihre Ruhe hat. Er wollte zum Spielplatz gehen, oder besser gesagt, rennen. Unterwegs hieß es dann, er wolle zur Buchhandlung, die aber geschlossen war. Er wusste nicht, dass es Sonntag war. Weiter auf dem Weg mussten wir im großen Brunnen vor der Kirche nach Fischen suchen. Es gab keine, dafür hatte jemand Steine bunt bemalt und trocken in der Mitte vom Brunnen platziert, ich musste den Neffen heben, damit er sie sehen konnte. Nach dem Brunnen kam der Platz, auf dem unter den Platanen Boules gespielt wird. Dort hat er angefangen, mit dem Sand zu spielen. Hinweise, dass der Spielplatz sich direkt neben dem Platz befindet, wurden ignoriert. Er wollte nicht mehr hin. Wir haben uns auf dem Platz gejagt. Irgendwann hatte ich ihn in die Nähe vom Spielplatz gebracht, wo er sehen konnte, dass ein Junge alleine spielte, während die Eltern mit dem jüngeren Geschwister auf einer Bank saßen. Er fragte mich, warum der Junge alleine spielen würde. „Weil du nicht dort bist“, habe ich ihm gesagt, und dann ist er doch die kleine Treppe zum Spielplatz herunter gelaufen. Endlich. Eine halbe Stunde nachdem wir das Haus verlassen hatten, wo man sonst keine fünf Minuten braucht. Es gab schöne Schaukeln und Rutschen, der Spielplatz wurde nicht lange her neu gemacht, aber die große Attraktion war ein kleiner Olivenbaum voll mit schwarzen Früchten. Der Junge kletterte gekonnt den Baum rauf und runter, dem Neffen musste geholfen werden und ich habe ihm erklärt, wo er greifen soll. Es klappte trotzdem nicht so gut und ich habe ihn hoch gehoben, damit er Oliven pflückt. Der Junge, den ich ein Jahr älter schätze, ist danach nochmal in den Baum geklettert und hat dem Neffen noch mehr Oliven gebracht. Das war richtig süß.

Der Rückweg nach Hause verlief so schwer wie der Weg zum Spielplatz. Er wollte nicht hin, und nur seine Durst hat geholfen, pünktlich zu sein, um wieder sauber zu werden und meine Schwester zu wecken, bevor wir zum Friedhof gegangen sind. Unterwegs hat er nach seinem Onkel gefragt und war verwirrt, als meine Schwester sagte, er wäre in der Box die Tante Bianca trug. Der Onkel wäre zu groß, ob er zusammen gerollt war? Er wusste schon, dass sein Onkel gestorben ist, aber wie erklärt man Einäscherung einem Vierjährigen? Ich habe meine Schwester antworten lassen, sie hat aber nichts darüber erzählt. Bestimmt später.

Am Friedhof haben wir meinen Vater und seine Freundin getroffen. Mein Vater hat seinen Enkel zum ersten Mal gesehen. Ich weiß, dass meine Schwester keinen Kontakt zu ihm haben will, aber sie hat nie erzählt warum. Das wundert mich, da er sie als Kind vergöttert hatte. Ich war die Enttäuschung, kein Junge zu sein, meine Schwester anfangs auch, aber ich alleine habe die Schläge und die Erniedrigungen bekommen, die Beiden haben vieles zusammen unternommen. Ich frage mich, was passiert ist, nachdem ich das Elternhaus verlassen habe. Ich bin früh gegangen, zuerst nur zeitweise, als ich mit vierzehn in die Oberstufe kam und unter der Woche im Internat bleiben durfte, dann, endgültig mit siebzehn, als ich mit dem ersten Freund umgezogen bin, weil ich es zu Hause nicht mehr ertrug. Hatte mein Vater in meiner jüngeren Schwester sein nächstes Opfer gefunden? Das Treffen mit ihm war kurzer Dauer. Nach dem Friedhofbesuch ist mein Vater mit seiner Freundin weg gefahren, wir sind zurück zu meiner Mami gelaufen.

Zu Hause wollte der Neffe wieder Ritter spielen. Ich war platt und habe ihm stattdessen meine billige Gitarre gezeigt, die ich hier gekauft habe, für die Zeit, die ich bei meiner Mami bleibe. Er war begeistert, hat alle seine Spielzeuge vergessen und neben mir auf meinem Bett nur noch Lieder gesungen und irgendwie an die Saiten gezupft.

Am frühen Nachmittag sind Bianca, meine Schwester und ihr Sohn weg gefahren, um vor 18:00 zu Hause zu sein. Ich war klebrig, meine Kleider dreckig, nachdem ich den Neffen nach Streitereien dazu gebracht hatte, sich die Zähne zu putzen. Geduscht, umgezogen, und auf der Couch bis sechs geschlafen. Bin ich doch froh, selber keine Kinder zu haben.

Nach dem Aufwachen habe ich dumpfe Kopfschmerze in der linken Schläfe gespürt. Um zehn war ich im Bett.

Um drei weckt mich ein lautes Miauen, und kurz danach höre ich den Gummiball vom Kater die Treppe zur Küche runter laufen. Stimmt, sein Lieblingsspiel. Das kann er richtig lange machen, Ball runter, in die Küche holen und wieder hoch tragen, und er miaut immer ganz laut, bevor er den Ball fallen lässt. Aber echt, muss es um drei Uhr morgens sein? Ich stehe auf, gehe zur Toilette, bringe die leere Klopapierrolle zum Papiermüll in die Küche, finde den Ball neben der Waschmaschine, hebe den und verstecke ihn unter meinem Kopfkissen im Bett. Nach einer kurzen Weile miaut der Kater wieder. Meine Mami wird wach und ruft ihn zu ihr. Ruhe kehrt wieder ein. Ich kann nicht mehr schlafen. Wenigstens ist die Migräne weg.

Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Der Tag, an dem mein Bruder gezeugt wurde

Es war ein Sonntag. Ich war früh aufgestanden, um mir ein Glas Wasser in der Küche zu holen.

Wir wohnten damals in einer alten Mietwohnung mitten im Dorf. Das größte Zimmer war das Wohnzimmer, das man betrat, sobald man die Wohnungstür öffnete. Rechts davon war das Kinderzimmer, das ich mit meiner jüngeren Schwester teilte und das zum Bad führte. Links vom Wohnzimmer war die Küche, ohne Tür, und das Schlafzimmer meiner Eltern, ebenfalls ohne Tür und nur mit einem Vorhang vom Wohnzimmer getrennt.

Ich muss leise gewesen sein, denn ich konnte meine Eltern gut hören, und sie hätten doch nicht so geredet, wenn sie mich in der Nähe vermutet hätten. Obwohl ich mich jetzt frage, warum sie nicht wenigstens den Wasserhahn in der Küche gehört haben, der an der Wand neben ihrem Schlafzimmer angebracht war.

Den Anfang der Diskussion habe ich nicht in Erinnerung. Vielleicht kam ich gerade aus der Küche raus. Meine Mutter, in einem müden Ton: „Ich will nicht mehr, zwei Kinder sind genug“. Mein Vater, anflehend: „Aber ich hätte so gerne endlich einen Jungen!“ Ich habe den Rest nicht weiter zugehört und bin zurück zu meinem Zimmer gegangen.

Ich muss noch sechs Jahren alt gewesen sein. Dass mein Vater unbedingt einen Jungen wollte und Mädchen als Schande empfand, wusste ich schon, hatte er doch nur mit den Worten „leider kein Junge“ mit seiner Familie und seinen Freunden über mich geredet, so weit ich mich erinnern kann. Als meine Mutter mit meiner Schwester schwanger wurde, hatte er mir ständig erzählt, ich würde ein Brüderchen bekommen. Er wurde nochmal enttäuscht.

Das ersehnte Brüderchen kam doch, fünf Monaten bevor ich acht wurde. Ich bin froh darüber. Im Dorf war eine andere Familie dafür bekannt, zwölf Kinder zu haben, davon elf Mädchen, weil der Mann unbedingt einen Jungen wollte. Ich hätte es meinem Vater zugetraut.

Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.