Der verpasste Betriebsausflug

Ich war mit meinen Kollegen für einen Betriebsausflug verabredet. Wir sollten uns um viertel vor zehn an einem Badestrand am See treffen, um von dort aus eine Wanderung auf dem Berg zu machen.

Der Badestrand lag dreiviertel Stunde Fußmarsch von meiner aktuellen Position entfernt. Ich stand an einer belebten Kreuzung mitten in der Stadt. Neben mir mein Fahrrad und mein dunkelblauer Samsonite Koffer[1]. Ich wollte zu unserem Treffpunkt weiter fahren, konnte es aber unmöglich schaffen, da der Koffer in dem Korb hinter dem Sattel nicht passte. Ich probierte es sogar verzweifelt, und nein, ich bekam den Koffer nicht in den Korb rein.

Mir fiel ein, dass meine Freundin Sabrina direkt an der Kreuzung wohnte, auf der anderen Straßenseite. Ich ging zu ihr mit dem Koffer, der Flasche Wasser und einer Banane, die im Korb waren, und erklärte ihr mein Problem. Ob ich vielleicht den Koffer bei ihr lassen könnte, um ihn am Abend wieder abzuholen? Sie wäre am Abend nicht da, sagte sie, aber ich könnte den Koffer bei ihrem Mitbewohner Michael lassen, er wäre heute Abend wieder da. Jetzt aber nicht, und ich konnte ihn nicht fragen, ob es ihm passte. Michael war ein gemeinsamer Bekannte von uns[2], der gerade in einem großen Forschungsinstitut seine Doktorarbeit zum Thema Batterien schrieb. Sabrina meinte, es wäre faszinierend, ihn darüber reden zu hören. Ich dachte in mir, er wäre schon so lange dran, dass er nie seine Arbeit zu Ende bringen würde, und dachte eher, er sei nur so ein Schwindler.

Ich wollte mich für die Weiterfahrt umziehen und holte zwei Hosen aus meinem Koffer. Die erste, eine blaue Jeans von Levis[3], hielt ich vor meiner Hüfte, um festzustellen, dass ich niemals rein passen würde. Sie war viel zu eng, oder, wie ich Sabrina erklärte, ich hatte zu viel zugenommen. Ich entschied mich für die zweite Hose, die ich häufiger trage.

Danach gingen wir raus, weil ich noch was zum Essen für die Wanderung einkaufen musste. Dafür stiegen wir in eine Straßenbahn ein. Ich kannte die Gegend nicht und wir fuhren eine Haltestelle zu weit. Es war doof, wir mussten dann in die andere Richtung eine Station zurück fahren, die nächste Straßenbahn käme in zwanzig Minuten und ich würde jetzt verspätet ankommen.

Wir gingen in ein Supermarkt und ich suchte nach etwas Geeignetes zum Mitnehmen für die Wanderung. Ein Sandwich oder so. Das gab es nicht. „Du hast doch die Banane und die Flasche Wasser“, sagte Sabrina. Es würde aber nicht reichen. Mir fiel ein, ich bräuchte sonst noch was vom Supermarkt. Als wir an der Kasse standen und ich am Zahlen mit der EC-Karte war, fragte Sabrina die Kassiererin, ob sie auf dem Zettel schreiben könnte, dass sie auch anwesend war. Warum auch immer.

Ich guckte auf meine Armbanduhr. 09:55. Mit der dreiviertel Stunde Fußmarsch würde ich jetzt so spät ankommen, dass die Kollegen bestimmt nicht mehr auf mich warten würden. Ich könnte mit dem Fahrrad versuchen, sie auf dem Berg einzuholen, aber bergauf radeln, das ist nichts für mich. Ob ich einfach den Betriebsausflug aufgeben sollte? Wir gingen vom Supermarkt raus. Es gab kleine Holzhütten, wo ich vielleicht was zum Essen finden könnte. Sabrina kaufte sich eine Packung Zigaretten.

Zurück in Sabrinas Wohnung. Michael war immer noch nicht da. Ich guckte aus dem Fenster herunter zur inzwischen menschenleeren Kreuzung. Mein Fahrrad und der blaue Koffer standen immer noch brav auf dem Bürgersteig. Niemand hatte sie geklaut, obwohl sie nicht angeschlossen waren.

[1] Den Koffer habe ich vor zwanzig Jahren in Aachen gekauft, und er begleitet mich immer noch auf Reisen.

[2] Keine reale Person.

[3] Blaue Jeans trage ich seit Jahren nicht mehr, schon bevor ich nach Berlin umgezogen bin.

Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

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