Als die Mauer fiel

Als die Mauer fiel war ich zwölf Jahre alt. Noch. Ich bin ein Novemberkind. Ich besuchte die dritte Klasse der Mittelstufe, in meinem kleinen Dorf in der Provence. So weit weg von Deutschland, nebenbei erwähnt, dass Deutsch nicht mal zur Auswahl als Fremdsprache angeboten wurde. Neben dem obligatorischen Englisch konnten wir nur Spanisch oder Italienisch lernen. Wer Deutsch lernen wollte, hätte die Schule wechseln müssen, zur nächsten Stadt dreißig Kilometer weg. In einer Gegend, wo ÖPNV quasi inexistent war.

Als die Medien vom Mauerfall berichteten, saßen wir mit meinen Eltern und meinen Geschwistern beim Abendessen im Wohn- und Esszimmer. Das Zimmer war in zwei gleich großen Teilen durch die Couch getrennt. Auf einer Seite Esstisch und Kommoden, auf der anderen Seite Couch, Sesseln, Kamin und Fernseher. Mein Vater saß immer am Esstisch zum Fernseher gewandt. Meine Mutter saß immer seitlich zum Fernseher, mit dem Rücken zum Flur. Weil auf der anderen Seite vom Flur die Küche lag, und sie so am einfachsten hin und her laufen konnte. Wir Kinder mussten mit dem Rücken zum Fernseher sitzen, weil wir beim Essen nicht zu fernsehen hatten.

Als die Medien vom Mauerfall berichteten, war mein Vater total verblüfft. Er konnte nicht glauben, was in der Tagesschau gezeigt wurde. Meine Mutter auch. Meine Geschwister waren zu jung, um die Ereignisse wahr zu nehmen. Ich nicht mehr, aber ich hatte keine Ahnung, worum es ging.

Ich wusste schon, dass es zwei Deutschland gab. Dass die Teilung Deutschlands so krass war, dass man eine Mauer mitten in einer Stadt heimlich baute und die Bevölkerung spaltete, das wusste ich nicht. Das Thema war noch nicht in der Schule behandelt worden. Bis zu dem Zeitpunkt hatten wir die Vorgeschichte, die Römer, die Griechen, die Ägypter, die Geschichte des Königreichs Frankreichs, die Revolution und die Napoléons gelernt, so weit ich mich erinnern kann. Es war mein Geschichtslehrer, in den ich heimlich verliebt war, der uns am nächsten Tag erklärte, was im Nachbarland passiert war.

Als die Mauer fiel, reiste gerade der Ehemann, ein gebürtiger Westberliner, mit einem Kumpel durch die Welt. Die Beiden hatten gerade die Abitur geschafft und wollten es sich vor dem Studium gut gehen lassen. Die Ereignisse haben sie auf Tahiti erfahren, und sie haben beschlossen, ihre Reise abzubrechen. Da es damals nur einen Flieger nach Deutschland pro Woche gab, konnten sie nicht so schnell zurück. Den Mauerfall haben sie nicht live erlebt.

Wenigstens sind wir heute für die Feierlichkeiten in Berlin.

Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.