Ute

Mit Ute teile ich mir ein Büro, seitdem ich in der Firma arbeite. Mein erster Eindruck von ihr hat sich mit der Zeit nur bestätigt. Ich bin froh, dass wir im Büro mit Tim zu dritt sitzen. Mit Ute alleine wäre es unerträglich.

Ute kommt aus Berlin. Das hat sie mir mehrmals stolz erzählt, in meiner Anfangszeit, als ich so häufig gependelt war. Dafür sind ihre Ortskenntnisse von Berlin beeindruckend gering. Von Tempelhof, Südkreuz, Schöneberg, Friedenau, Steglitz, Dahlem, Zehlendorf hat sie noch nie was gehört. Charlottenburg, wenigstens? Kennt sie auch nicht. Sie glaubt, ich würde Namen erfinden. Langsam kriege ich den Verdacht, sie kommt in Wirklichkeit aus diesem Berlin, und keiner in ihrer Familie hat’s übers Herz gebracht, sie aufzuklären.

Ute redet viel und laut. Dabei ist das, was sie erzählt, meistens belanglos. Nicht nur, dass sie uns ständig fragt, welchen Tag wir denn heute hätten, oder uns nach zwei Stunden des Zusammensitzens plötzlich fragt, ob X oder Y noch im Hause wäre (wir können weder durch Wände sehen, noch melden sich die Kollegen bei uns ab, wenn sie Feierabend machen). Sie wiederholt gerne immer wieder dasselbe, entweder bis alle ihr zustimmen oder, wie im Büro häufig der Fall ist, bis keiner widerspricht, was nicht lange dauert, weil Tim und ich vertieft in unserer Arbeit stecken und ihr nur mit einem halben Ohr zuhören. Wenn sie bei uns keine Zustimmung bekommt, geht sie von Büro zu Büro und man hört, wie sie mit den anderen Kollegen genau die gleiche Diskussion führt, oder eher das gleiche Monolog.

Ihr zustimmen kann man leider selten tun, denn, obwohl sie als Wissenschaftlerin ausgebildet wurde, verhält sie sich in ihrer Denkweise gar nicht so. Wissenschaft ist objektiv, sie kann nur subjektiv argumentieren. Anstatt eine Erklärung zu suchen, warum ein Experiment einmal ausnahmsweise nicht wie erwartet gelaufen ist, wirft sie lieber Fachwissen über Bord und baut sich esoterische Theorien. Man kann sich mit ihr schlecht als Wissenschaftler unterhalten. Ich habe mich häufig gefragt, warum sie überhaupt eingestellt wurde. Sie soll in einem Bereich sehr gute Kenntnisse haben. Ein Bereich, in dem man nach Schema F ohne viel Nachdenken arbeiten kann. Für den Rest ist sie eine Katastrophe. Einfache Entscheidungen kann sie nicht treffen, ohne vorher alle Kollegen nach ihrer Meinung gefragt zu haben. Sicherlich musste es damals bessere Kandidaten gegeben haben[1].

Ute versteht vieles nicht. Auch das ist etwas, was sie selber gerne von sich selbst sagte, am Anfang. Sie stellte mir viel zu viele private Fragen, und wenn die Antworten ihrer eigenen Vorstellungen nicht entsprachen, war ihre Lieblingsreaktion „Das verstehe ich nicht“, neben „das ist ja abartig“. Selbst für die banalsten und unwichtigsten Sachen. Es wirkte so übertrieben, dass ich mich gefragt habe, was bei ihr nicht stimmt. Ich glaube, sie hat versucht, mich in ihrer eigenen Vorstellung herunter zu spielen, weil sie mich als Bedrohung wahrgenommen hat. Ich habe ja in meinem früheren Job Programme geschrieben, die ihre Arbeit zum großen Teil automatisieren. Sie macht sich Sorgen, dass sie irgendwann als überflüssig in der Firma angesehen wird. Ihr muss bewusst sein, dass sie außerhalb ihres Faches nichts anbieten kann.

Tim und ich programmieren viel, neben unserer wissenschaftlichen Tätigkeit. Tim ist eher der Shellprogrammierer und hat als Netzwerkadministrator fungiert, was gar nicht seiner Fachrichtung entspricht, bis wir endlich vor vier Monaten einen dedizierten IT-Mitarbeiter bekommen haben. In den anderthalb Jahren, in denen er diese Tätigkeit ausgeübt hat, ist es an Ute scheinbar vorbei gegangen. Sie war vor kurzem ernsthaft überrascht zu hören, dass Tim überhaupt programmiert. Obwohl die Beiden ein halbes Jahr im gleichen Büro gesessen haben, bevor ich dazu gekommen bin, und er so viele Skripte für unsere tägliche Arbeit geschrieben hat. Für meinen Teil kümmere ich mich um die Instandhaltung und Weiterentwicklung der Firmendatenbank.

Dafür braucht man Ruhe. Tim und ich haben uns Kopfhörer zugelegt, um Ute heraus zu filtern. Meine Kopfhörer reduzieren Geräusche. In Wahrheit kann man Ute nicht komplett ausschalten, aber ich tue als ob, und hinter meinen vier Bildschirmen kann ich sie gut ignorieren. Es hat geholfen. Sie stört uns weniger für Lappalien, da sie zu häufig ins Leere geredet hat. Sie muss auffällig winken, wenn sie unsere Aufmerksamkeit auf sich lenken will, und das macht sie doch nur, wenn sie wirklich etwas braucht[2].

Auf Arbeit haben wir eine Kernarbeitszeit, obwohl wir kein Zeiterfassungssystem benutzen. Zwischen halb zehn und halb vier haben alle anwesend zu sein. Das gilt für alle, außer für Ute. Als ich in der Firma angefangen habe, kam sie morgens nie vor elf an. Aus elf wurden halb zwölf, dann zwölf, und schleichend hat sich der Beginn ihres Arbeitstages immer später verschoben. Am Anfang des Jahres wurde es mal gerne ein oder zwei Uhr nachmittags. Ich habe mich nicht darüber beschwert. Ich komme früh morgens an, gegen acht, und genieße die Ruhe vor dem Sturm. Genau wie Tim. Es ist viel besser, wenn wir sie nur einen halben Tag aushalten müssen. Sie muss doch von der Leitung eins auf den Deckel bekommen haben, weil sie seit letzter Woche plötzlich wieder früher kommt. Also, gegen zwölf.

Das Unverschämte an ihr ist dabei ihre Behauptung, sie würde so gerne spät kommen und spät bleiben, weil sie abends ihre Ruhe hätte und keiner sie stören würde. Ob ihr auch entkommen ist, dass Tim und ich wegen ihr ausschließlich mit Kopfhörern arbeiten, weil sie selber die Ursache für die Unruhe ist? Dabei hatte sie schon das Büro wechseln müssen, als Tim eingestellt wurde, weil sie sich wegen den Kollegen auf ihre Arbeit nicht konzentrieren konnte, sie hätten zu sehr geredet. Wenn ich jetzt ans Zimmer ihrer ehemaligen Bürokollegen vorbei laufe, beneide ich sie um ihre Ruhe, die drin herrscht. Ute beschwert sich ständig, wenn Leute sich im Flur oder in ihren Zimmern unterhalten, es würde sie zu sehr ablenken. Sie ist einfach nicht der Lage, ihre Umgebung auszuschalten und sich auf ihre Arbeit zu konzentrieren. Es klingt alles sehr wie ADHS, und ich versuche deswegen, mich mit ihr geduldig zu verhalten, auch wenn sie mir gewaltig auf den Keks geht.

Dadurch, dass Ute als Einzige so spät auf Arbeit kommt, erwartet sie, dass wir unmittelbar vor Feierabend Sachen für sie erledigen. Sie schafft es immer, kurz vor fünf einen „dringenden“ Bericht für einen Kunden fertig zu schreiben und fragt uns, ob wir ihn korrigieren können, damit sie ihn „heute noch“ schicken kann. Das machen wir nicht. Der Chef hat ihr mehrmals gesagt, sie kann von uns nicht erwarten, dass wir für sie Überstunden leisten, wenn sie selber so spät ankommt. Das hat ihr Tim wiederholt, der übrigens recht schnell Vertreter von unserem Teamleiter geworden ist und nun über sie entscheidet[3].

In letzter Zeit passiert es trotzdem häufiger, dass sie von uns abends etwas verlangt. Letzte Woche war Tim im Urlaub und ich war nicht erfreut, als ich abends auf der Couch neben dem Ehemann saß und auf dem Handy eine WhatsApp-Nachricht von ihr bekam[4], zwecks Bericht korrigieren. Es war 18:42 und ich habe beschlossen, diese Nachricht zu ignorieren. Am nächsten Tag fragte sie mich, ob ich den Bericht lesen könnte, ohne etwas von ihrer Nachricht zu erwähnen. Als ich gestern früh aufwachte und einen Blick auf Handy warf, wurde ich recht sauer, eine weitere Nachricht von ihr am Abend um 23:00 bekommen zu haben. Wofür hält sie sich, Arbeitskollegen an einem Feiertag so spät abends zu belästigen? Immerhin gut, das ich es erst am Morgen gesehen habe, sonst hätte ich vor lauter Empörung nicht schlafen können. Den Bericht hat Tim gestern selber korrigiert, nachdem ich ihm von dem Vorfall erzählt habe. Als ich Ute später bei ihrer Ankunft mitteilte, sie sollte bitte für die Arbeitsanfragen meine dienstliche Email-Adresse statt meine private Handynummer benutzen, hat sie noch die Frechheit besessen, darauf beleidigt zu reagieren. Hoffentlich stellt sie wenigstens ihr Verhalten ein. Ich kann für viele Sachen Verständnis aufbringen, aber bei Belästigungsversuchen hört’s auf.

[1] Sie war eigentlich Studentin bei Geert, vor zwanzig Jahren, das merkt man ihr gar nicht an. Ich glaube, ich habe selber mehr von Geert in unseren wenigen Treffen gelernt, als sie von ihm. Als ich ihn letzten Monat getroffen habe, habe ich erwähnt, dass sie bei uns im Büro sitzt. Er war überrascht und meinte nur, „Ach, da ist sie also gelandet.“ Es klang nicht, als ob er sie vermisst hätte. Das wundert mich nicht.

[2] Zum Beispiel wenn sie Schwierigkeiten mit unserer Projektmanagementsoftware hat. Sie kann sich nie merken, wie was zu tun ist. Es gibt Sachen, die wir ihr gefühlt tausend Male erklärt haben, er dringt einfach nicht in ihren Schädel rein. Der Hammer war in meiner ersten Arbeitswoche, als sie mich gefragt hatte, wie ein Programm, das mein Chef entwickelt hat, in einem bestimmten Fall zu bedienen wäre. Sie sollte doch die sein, die mich einarbeitet, schließlich ist sie seit zehn Jahren in dem Laden! Ohne Tim wäre mein Anfang sehr schwierig gewesen.

[3] Das hatte sie damals schwer verdaut und war stinksauer, dass ein Jüngling ihr vorgezogen wurde, aber sie wäre selber dafür nie in Frage gekommen.

[4] Ich hatte letztes Jahr die Ehre, unseren Betriebsausflug zu organisieren. Dadurch haben alle Kollegen im Team meine Handynummer bekommen.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

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2 Gedanken zu “Ute

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