Die Isar-Wanderung – Tag 1

Auf die Idee, eine mehrtägige Wanderung mit Rucksack entlang der Isar zu machen, sind wir im Herbst gekommen. Auf Arte lief eine Dokumentation über diesen Fluss, die uns völlig begeistert hat. Wir haben beschlossen, irgendwann im Frühling eine Woche Urlaub zu nehmen, und dort zu wandern. Damals wussten wir noch nicht, dass ich die Stelle bei München antreten würde. Um so besser.

Wir haben das lange Wochenende vom 1. Mai angepeilt. Den Brückentag durfte ich trotz Probephase frei nehmen. Der Ehemann hat die Tour organisiert und ich habe mich überraschen lassen. Wir hatten Glück, mit dem Wetter. Ich hatte mir schon vorgestellt, wie wir unter Regen auf schlammigen Wegen gehen würden. Regenjacke und Wanderstöcke habe ich eingepackt. Das Wetter war doch fantastisch sonnig und schon fast zu warm für eine Wanderung mit Rucksack.

Wir sind mit der Bahn bis Scharnitz gefahren, im Karwendel, direkt hinter der Grenze mit Österreich. Von dort aus wollten wir die Isar ein Stückchen auf ihrem Weg nach München begleiten. Natürlich nach einem Kaffee, dachten wir. Nein. Scharnitz wirkt wie ein Geisterdorf. Am Bahnhof gibt es kein Café. Das Restaurant sieht von weitem ungepflegt aus, und der Eindruck verbessert sich nicht, wenn man näher kommt. Die Fensterscheiben sind mit Staub und Spinnennetzen bedeckt. An der Tür hängt ein Schild: „Wegen Krankheit vorübergehend geschlossen“. Tja. Es wird wohl nichts mehr mit dem Restaurant. Dem Imbiss zwei Häuser weiter geht’s nicht besser. „Haus zum verkaufen“, kann man an der Tür lesen. Wir fangen die Wanderung ohne Kaffee an.

Nach der Kreuzung, an der die Straße gerade renoviert wird, und über die Brücke: Da sieht man schon die Isar! Ganz wild und schnell fließt sie weg. Wir schauen mutige Kayakfahrer zu und folgen dem kleinen Weg entlang der Isar. Einige Leute sind unten auf den Kiesbänken beim Sonnen oder machen Feuer. Sie haben scheinbar die Schilder nicht gelesen, mit der Botschaft „Der Riedboden ist eigentlich ein „Kulturschutzgebiet“.“ Eigentlich. Von April bis August brüten genau dort Flussuferläufer und Flussregenpfeifer. Wir bleiben oben auf dem Weg, wobei wir versuchen, ein bisschen abseits näher am Fluß zu gehen. Es sind viele Fahrräder unterwegs. Einen Wanderweg gibt es an der Isar nicht, man benutzt den Isar-Radweg.

Als wir also abseits vom Weg laufen, kommen wir an einen Mann im Adamkostüm vorbei, der sich gut versteckt in der Sonne bräunen lässt. Da wir nicht besonders leise waren, denke ich, er hat uns längst gehört, und ich rufe „Servus!“, wie alle Leute uns bis jetzt begrüßt haben, um nicht unhöflich zu sein. Der Mann reagiert panisch, er war scheinbar doch am Schlafen gewesen. Das tut mir Leid, ihn in seiner Ruhe so erschreckt zu haben. Und unser Weg hat sich als Sackgasse erwiesen, wir mussten nochmal an ihm vorbei, zurück zum Radweg.

Kurz vor Mittenwald sehen wir einen hübschen kleinen Weg hoch gehen. Der Ehemann schaut auf seinem Handy und meint, wir wären gut in der Zeit, wir könnten einen Abstecher zur Geisterklamm machen. Warum nicht, denke ich naiv. Es ist aber eine Sache, mit Rucksack auf flachem Weg zu gehen, und eine ganz andere, damit einen langen, steilen Weg hoch zu gehen. War das hart! Zwischendurch kommen wir an eine Gaststätte vorbei, um enttäuscht festzustellen, dass diese erst ab dem 1. Mai öffnet. Bei dem tollen Wetter und den vielen Leuten, die unterwegs sind, eindeutig ein Fehler.

Wir gehen weiter hoch bis zur Bayern-Österreich-Grenze und sind ein zweites Mal enttäuscht: Der Weg zur Geisterklamm ist gesperrt! Die Information hätten wir gerne unten gesehen, wo die erste Hinweisschilder zur Klamm standen, bevor wir mühsam hoch gegangen sind. Wir gehen den Weg zurück nach unten und kommen endlich an einem kleinen Biergarten vorbei, der geöffnet hat. Die Pause tut gut. Und weiter geht’s Richtung Mittenwald, wobei der Ehemann merkt, dass er sich verschätzt hat und wir noch nicht die Hälfte der Strecke bis zu unserer ersten Übernachtung bei Krün geschafft haben. Die Meldung schafft mich. Der Rucksack ist schwer.

In Mittenwald angekommen, muss ich feststellen, dass die Häuser genau so kitschig wir in Garmisch-Patenkirchen sind. Wir gehen den Weg mit den Treppen hoch in Richtung Krün. Ich denke schon nur noch daran, endlich im Hotel zu sein und meine Wanderschuhe auszuziehen. Wie frustrierend, die ganze Zeit an der Isar zu laufen, und seine Füße nicht im Wasser abzukühlen! Ich dachte, wenn ich es tue, kriege ich die Füße danach nicht mehr in die Schuhe rein. An einer Stelle wasche ich mir doch kurz die Hände und das völlig versalzene Gesicht.

Nahe am Kraftwerkgelände bei Krün sind wir Zeuge einer Eskapade von Ziegen aus ihrer Wiese. Die eine bannt sich einen Weg unter dem Stacheldraht, die Anderen folgen ihr, bis sie alle vor dem geschlossenen Tor vom Gelände stehen bleiben und warten. Die Ziegen sind alleine. Kein Mensch, kein Hund. Ob sie das häufiger so machen?

Mittlerweile ist mein Rucksack wirklich schwer geworden. Meine Schulter schmerzen, obwohl sein Gewicht um die Hüfte fest sitzt. Ich spüre seitlich von den Oberschenkeln eine sehr angestrengte Muskulatur, deren Existenz mir bis jetzt im Verborgen geblieben war. Die Abduktoren sind es nicht, ich trainiere sie häufig im Fitnessstudio. Nee, diese neuen Muskeln sitzen tiefer. Ich wage es, dem Ehemann meine Beschwerde anzuvertrauen, und er gibt zu, dass er auch diese Muskeln spürt. Er meint, er hat die Strecke vielleicht unterschätzt. Es beruhigt mich. Ich bin doch nicht so ein Sensibelchen, und es liegt nicht an meiner Periode, die ausgerechnet jetzt extrem stark ist. Schwanger bin ich definitiv nicht mehr. Unser Trinkwasser geht auch noch aus.

An Krün vorbei, müssen wir weiter bis Wallgau laufen. Der Weg scheint mir elend lang zu sein. Als wir endlich am Hotel ankommen, stürze ich mich als Erste unter die Dusche. Wir essen im Restaurant, alles schmeckt wunderbar. Wildgeschnetzeltes mit Spätzle und Rosenkohl. Schokoladensoufflé. Enziangeist. Der Geschmack erinnert mich ein bisschen an Radieschen. Um nicht mal zehn fallen wir ins Bett. Erschöpft. Der Ehemann massiert mir noch den Raum zwischen den Schulterblättern, es ist dringend notwendig. Ich revanchiere mich bei seinen Waden. Und dann fallen wir um.

Wir sind an diesem ersten Tag mit dem Abstecher fast 21 Kilometer in sechs Stunden gelaufen – Pausen nicht aus der Zeit abgezogen. Es klingt nicht viel, jedoch war es mit dem Rucksack sehr hart. Ich überlege, was ich zu Hause hätte lassen können, aber alles drin brauche ich. Leichte Sportkleider, Unterwäsche, eine Hose, ein Sweatshirt und leichte Schuhe für den Abend, Latschen, Duschzeug, Sonnencreme, Wasserflasche, Regenjacke, Wanderstöcke. Ich glaube, der Rucksack selbst ist zu schwer.

Unterwegs war ich jedenfalls begeistert von den vielen Blumen. Erika, Silberwurz, Enzian… Dafür sind wir kaum Insekten begegnet. Die wenigen Bienen, die wir gesehen haben, sind ganz klein.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

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7 Gedanken zu “Die Isar-Wanderung – Tag 1

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