So plötzlich kann die Welt kippen

Heute Morgen dachte ich, der Tag fängt schon scheiße an. Meine S-Bahn, die nur alle zwanzig Minuten kommt, ist heute zu früh abgefahren. Ganze zwei Minuten zu früh! Ich war um 07:59 noch nicht zum Treppenuntergang angekommen, und konnte meinen Ohren nicht glauben, als ich sie ankommen hörte. Ich war noch nicht die Treppe zum gegenüberliegenden Bahnsteig herunter gelaufen, schon fuhr sie wieder weg, obwohl sie laut Plan erst um 08:01 fahren soll. Angepisst war ich, und ich durfte zweiundzwanzig Minuten auf die nächste Bahn im Schatten warten. Die einzige Stelle in der Sonne hatte schon ein Typ mit seiner eklig stinkende Kippe für sich beansprucht.

Es kam unerwartet schlimmer, und auf einmal erscheinen Probleme mit dem ÖPNV völlig nebensächlich. Ich hätte früher Feierabend machen können, aber eine Schwierigkeit ließ mich länger am Rechner sitzen. Mit ihrer üblichen frechen Art hatte mich schon Ute gefragt, wie lange ich denn heute im Büro bleiben würde. „So lange, bis ich fertig bin“, war meine Antwort. Beim Programmieren kann man nicht einfach so bei einem ungelösten Problem fürs Wochenende aufbrechen.  Das Problem habe ich nicht vollständig gelöst, als ich doch gehen musste. Ich konnte mich nicht mehr konzentrieren.

Meine Freundin Mei aus Aachen hat mich angerufen. Ich hatte gerade das Zimmer verlassen, als sie sagte, „Karl ist tot“. Karl, ihr Mann. Das war wie ein Schlag. Karl, der nur ein paar Tage zuvor noch auf Facebook stolz seine neue „Frühjahr-Frisur“ zur Schau stellte. Karl, der immer so lustig drauf war. Man stirbt doch nicht einfach so! Woran er gestorben ist, was passiert ist, konnte mir Mei nicht mehr sagen. Dafür haben ihre Kräfte nicht gereicht. Er ist gestern in der Wohnung gefunden worden, sagte sie. Mit Mitte vierzig? Wie passiert denn sowas?

Mei arbeitet weit vom gemeinsamen Zuhause und hat ihre eigene Wohnung für die Woche. Jedes Wochenende ist sie nach Hause gependelt. Ich kann mir gut vorstellen, was in ihrem Kopf durch geht. Ob es hätte verhindert werden können, wenn sie eine Stelle näher von zu Hause gefunden hätte? Und welche Schuldgefühle muss sie haben, nachdem sie mir schon gesagt hatte, sie wünschte sich manchmal, sie würde sich von ihm trennen? Trotzdem sitzt der Schmerz tief, das war nicht zu überhören. Ich wünsche, ich könnte bei ihr sein. Urlaub darf ich erstmal nicht nehmen, aber vielleicht kann ich an einem Wochenende zu ihr fahren, statt nach Berlin. Wenigstens hat sie die Schwiegerfamilie, die sich um sie kümmert. Ich wünsche ihr ganz viel Kraft.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

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