Blogparade – Meine Kindergartenzeit

Durch Sammy Bee bin ich auf die Blogparade von Andrea von Runzelfüßchen aufmerksam gemacht worden. Über die Kindergartenzeit erzählen? Warum nicht. Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr Erinnerungen kommen zurück.

Bei uns hieß es nicht Kindergarten, sondern École maternelle, oder kurz: Maternelle (wahrscheinlich heißt es so, weil man dort noch sehr bemuttert wird). Die Maternelle hatte Schulstatus. Wir sind den ganzen Tag dort geblieben, von halb neun bis halb fünf, wie in der Grundschule. Vermutlich hatten wir Mittwochs frei, aber so genau kann ich mich nicht erinnern.

Meine erste Maternelle war in Grasse. Ich bin dort kurz vor drei eingeschult worden. Als Novemberkind war ich jünger als die meisten Kinder, weil das Schuljahr in September anfängt, man aber im normalen Kalenderjahr, bis zum 31. Dezember, drei werden muss. Und das war völlig normal, hin zu gehen, fast alle Kinder haben die Maternelle besucht.

Meine Mami hatte mich jeden Tag mit dem Auto dahin gebracht. Die Außenwand zur Straße hatte Löcher für Rinnen drin, damit das Wasser bei Regen aus dem Pausenhof abfließen kann. Der Pausenhof lag höher als die Straße. Das Tor, ein verziertes, schwarz lackiertes Metallgitter, stand immer breit offen. Der Weg ging steil hoch bis zum Pausenhof und war mit feinem Kies bedeckt. Dieses Detail ist mir schmerzhaft in Erinnerung geblieben, da ich eines Abends den Weg runter zu meiner Mami rennen wollte und dabei ausrutschte. Ich landete völlig ungeschickt auf der Wange, die vom Kies unsanft geschleift wurde.

Jedesmal, wenn meine Mami mich von der Maternelle abholte, wollte sie wissen, ob ich mittags gut gegessen hatte. Am Anfang war ich ehrlich und, da ich meinen Hunger schlecht verheimlichen konnte, sagte ich, nein, ich mag das Essen nicht. Die Erzieher hatten uns zum Glück nicht dazu gezwungen, alles aufzuessen. Meine Mami fand das aber gar nicht so toll, weil sie dafür bezahlte und meinte, ich müsste mittags essen. Daher habe ich mir danach gemerkt, was es zu essen gab und habe es am Abend erzählt, ohne zu sagen, dass ich es nicht gegessen hatte, und habe mich beim Nutellabrot zurückgehalten, damit die Lüge nicht auffliegt. Ich war in Grasse als Kind ziemlich dünn, vermutlich deswegen. Das hat sich geändert, als wir fürs letzte Jahr Maternelle zum Dorf umgezogen sind.

In Grasse hatten wir eine Erzieherin (ok, ich weiß jetzt nicht, ob sie wirklich Erzieherin oder Lehrerin oder Kindergärtnerin oder sonst was war, und es ist im Grunde egal, sie war jedenfalls eine Erwachsene, die auf uns aufpasste und Autorität hatte). Wir hatten viele, aber diese hatte einen Namen, an den man sich noch nach fast vierzig Jahren erinnern kann. Madame Maillot hieß sie. Oder Mailleau, damals konnte ich noch nicht schreiben, aber sehr wohl mich mit den anderen Kindern kaputt lachen, als wir „Madame Maillot de bain“ sagten (was auf Deutsch etwas wie Frau Badehose hieße).

Madame Maillot war die, die uns bei der Mittagsschlafzwangspause beaufsichtigt hatte. Ich weiß nicht mehr, wie lange wir schlafen mussten. Langweilig war das. Einmal saß Madame Maillot an einem Tisch im verdunkelten Raum, als wir alle in den Einzelbetten mit Gittern lagen, und schnitt ganz dünne parallele Streifen Papier mit einer großen Schere. Das was faszinierend, und ich wollte ihr tausende Fragen stellen (warum schneidest du Papier, wie schaffst du das, so dünn zu schneiden, darf ich auch schneiden usw.), aber ich bekam nur als Antwort, sei leise und liege brav im Bett, sonst schlafen die Anderen auch nicht.

Einmal hatten wir mit Perlen gebastelt. Ich saß an einem hohen Tisch auf einem normalen Stuhl für Erwachsene und musste eine Kette machen. Weil der Tisch mir zu hoch war, saß ich auf meinen angewinkelten Beinen auf dem Stuhl. Der Stuhl war zu weit vom Tisch und ich musste mich sehr weit nach vorne lehnen. Es wundert nicht, dass ich irgendwann aus dem Stuhl rutschte, mir den Kinn gegen den Tisch knallte, alle Perlen weg flogen und ich am Boden landete. Schmerzhaft war das. Glaubt ihr, die Madame Maillot hätte mich getröstet? Nee, ich habe einen auf den Deckel gekriegt, weil ich nicht normal am Tisch sitzen konnte, obwohl er für Kinder völlig ungeeignet war. Wahrscheinlich der Grund, warum ich viele Jahre lang Perlen einfach blöd fand und nichts damit anfangen wollte. Bis Sabrina mich zu einem Schmuckbastelkurs vor zehn Jahren geschleppt hat.

In der Maternelle hatten wir häufig Geschichten und Märchen erzählt bekommen, über die wir diskutiert hatten, oder Lieder gesungen. Ich erinnere mich an ein Lied von Hugues Aufray über einen alten grauen Esel in der Provence, der sein ganzes Leben geschuftet hat und am Ende alleine stirbt. Komisch, dass ich die Einzige bin, die danach nur noch heulen konnte. Die Lehrerin war so besorgt, dass wir wegen mir aufhören mussten, das Lied zu lernen.

Ein anderes Mal sind unbekannte Erwachsene gekommen. Vielleicht waren sie Psychologen, oder Inspekteure, die die Erzieher kontrollierten. Sie wollten jedenfalls mit uns Kindern reden. Ich hatte schon mit Sorge beobachtet, wie sie mit meinem Schwarm Alexandre alleine in einer Ecke geredet und ihn befragt hatten. Ich wusste nicht worüber. Danach sind sie zu mir gekommen, weil ich alleine neben einer Säule stand. Warum ich da alleine wäre? Eine Antwort hatte ich dazu nicht, und ich fand es komisch, dass die unbekannte Frau unbedingt wissen wollte, warum ich mit den anderen Kindern nicht spielen wollte. Ich habe nicht geantwortet, bis zuerst ihr Begleiter woandershin gegangen ist, und sie nach weiterem Schweigen meinerseits meinte, ich wäre einfach nur böse, nicht mit ihr zu reden, wo sie doch so nett wäre. Nee, Psychologin kann sie nicht gewesen sein.

Eine Art Clique hatte ich eigentlich, in der Maternelle. Unser Lieblingsspiel war, im Nachhinein betrachtet, recht komisch. Wir sind am Anfang der Pause durch den Hof mit einander gelaufen und haben versucht, andere dafür zu begeistern, indem wir gesungen haben, „qui veut jouer à rien avec nous?„, oder: „wer will mit uns nichts spielen?“ Um dann meistens nur zu dritt unter einem Fenster stehen zu bleiben und nichts zu machen. Wenn andere Kinder gefragt haben, was wir da spielen, haben wir „on joue à rien“ geantwortet. Das haben wir bei fast jeder Pause gemacht.

Fürs letzte Jahr Maternelle sind wir zum Dorf umgezogen. Dort habe ich alle meine zukünftigen Kommilitonen während der Grundschule und Gymnasium kennen gelernt. Außer, dass ich große Angst vom Weihnachtsmann hatte, der uns einmal besucht hatte, und gelernt habe, meinen Namen zu schreiben, habe ich kaum Erinnerungen an diesem Jahr. Ich weiß nur, wie ich eines Tages im Hof mit Solange gespielt hatte, die ich noch nicht kannte, und sie mich plötzlich unerwartet voll die Wange mit ihren Nägeln gekratzt hatte. Die Lehrerin meinte danach vor Solange, ich sollte nicht mit ihr spielen, sie wäre nur bösartig. Was ich erst viele Jahre später erfahren habe: Solange war damals mit fünf schon derart traumatisiert, weil sie von ihrem Vater seit der frühesten Kindheit regelmäßig vergewaltigt wurde, dass ihre psychologische Entwicklung nachhaltig gestört wurde. Die Erzieherin war echt nicht die hellste, um sie weiter verbal zu demütigen, statt zu merken, dass sie ein ernsthaftes Problem hatte.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

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