Radtour zum Weßlinger See

Der Ehemann musste ungewöhnlich früh zum Flughafen. Er war schon seit Donnerstag hier, weil er am Freitag ein Vorstellungsgespräch hatte. Das Gespräch ist zwar gut gelaufen, aber die Firma hat ihn nicht wirklich überzeugt.

Ich hatte den Wecker auf meinem Handy für sieben gestellt, was für einen Sonntag recht hart ist. Wir sind schon nicht früh eingeschlafen. Und wir haben völlig vergessen, dass die Sommerzeit am Wochenende anfängt. Dementsprechend noch weniger geschlafen, obwohl es mir beim Aufwachen nicht aufgefallen ist. Gut, dass mein Handy die Uhrzeit automatisch anpasst. Als der Ehemann auf Boarding wartete, schrieb er mir, „Kann es sein, dass wir heute Nacht zur Sommerzeit gewechselt sind?“ Ich: „Nee, ich hätte es schon vorher mitbekommen“. Tja.

Das Wetter sah morgens fantastisch aus. Endlich ist der Schnee übers Wochenende weg geschmolzen, oder fast. Auf dem Weg zum Bäcker war es mir doch kalt. Ich habe beschlossen, erst am Nachmittag Fahrrad zu fahren. Die erste Radtour des Jahres. Ich bin nicht weit gefahren, weil ich nicht sicher war, ob mit dem Fahrrad alles in Ordnung ist. Das vordere Rad wirkte beim Fahren ziemlich platt. Ich habe es nicht geschafft, die Kappen vom Ventil aufzumachen, um die Reifen aufzupumpen. Der Ehemann muss sich bei seinem nächsten Besuch darum kümmern. Vermutlich ist er es selber gewesen, der die Kappen so fest zu gedreht hat.

Nach einer halben Stunde bin ich am Weßlinger See angekommen. Es waren schon viele Leute unterwegs. Ich habe das Rad geschoben und bin zu Fuß um den See gelaufen. Der Weg war teilweise eng und matschig, aber es war schön. Ich bin meinem ersten Zitronenfalter des Jahres begegnet. Eine kleine Imbiss-Bude gibt es, direkt am Wasser. Es wäre übertrieben, von einem Biergarten zu sprechen. Das war der meist besuchte Ort am See. Alle Tische waren überfüllt. Sonst war der Spaziergang ruhig. Der Weßlinger See ist ganz klein und ökologisch bedroht. Viele Plakate hängen, um zu erklären, dass man zum Beispiel die Enten und Schwäne nicht füttern darf. Baden kann man nur an bestimmten Stellen. Es gibt in der Gegend sowieso größere Seen, den kleinen hier könnte man komplett in Ruhe lassen. Nach einer Stunde war ich zurück zu meinem Ausgangspunkt gekommen, und ich bin nach Hause geradelt.

 

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UFO-Bruchlandung

Ich war in London unterwegs. Zu Fuß. Das Wetter war toll: Sonne und blauer Himmel. Ich ging an einem großen Garten vorbei. Am Himmel war was zu sehen. Ich dachte zuerst, ein Flugzeug würde ungewöhnlich ganz nah über die Stadt fliegen. Kein Flugzeug war das, sondern ein Schiff. Ein Riesending. Es sah zuerst aus, als ob es ganz tief über den Garten und mich fliegen würde, aber plötzlich kippte es und fiel runter. Ich habe mich zum Boden geworfen, mit der kleiner Hecke vom Garten als einziger Schutz. Blöd. Ich hätte zurück laufen und mich hinter dem großen Gebäude stellen müssen, habe ich dann gedacht, als die riesige Staubwolken mit der Schockwelle zu mir kamen.

Nach der Bruchlandung bin ich ohne Kratzer aufgestanden und habe mich um mich geschaut. Totale Zerstörung. Viele Gebäude standen nicht mehr oder waren extrem beschädigt. Einige Wolkenkratzer standen doch, und das Schiff, das mit der Nase im Boden stecke, war fast genau so hoch wie sie. Ob jetzt Außerirdische heraus strömen würden? Nichts derart geschah. Es war einfach still. Ich bin weiter gegangen.

Wo war denn der Ehemann? Wir waren noch vor meinem Spaziergang zusammen, und ich hatte ihn gehetzt, damit er zum Flughafen geht, weil er sonst seinen Flug zurück nach Berlin verpassen würde. Seitdem hatte ich nichts von ihm gehört. Nachrichten geschickt, keine Antwort.

Wie auch immer, bin ich in die Wohnung von einem älteren Paar gekommen. Die Leute kannte ich nicht, aber ihr Haus stand noch. Sie wohnten ganz oben im vierten Stock. Was war los gewesen, fragte die Frau. Ein Erdbeben? Sie hätten sich gerade das Haus gekauft, ihr Pech, wenn es gleich zerstört wird. Nein, kein Erdbeben, ein UFO hatte einen Unfall, habe ich ihr erklärt. Sie glaubte es mir nicht. Ich sagte, wir könnten ihre Straße runter gehen, von dort würde man noch das Schiff sehen können. Während sie sich fertig machte, um raus zu gehen, kritzelte ich ins Telefonbuch. Als wir raus wollten, musste ich feststellen, dass ich doch nichts anzuziehen hatte. Wo war meine Sporttasche? Durch die Aufregung hatte ich sie verloren. Ich trug nur mein langes weißes T-Shirt zum schlafen, mehr nicht, und mein Po würde man sehen. Egal, es waren außergewöhnliche Umstände. Wir sind die Straße runter gegangen, aber vom Schiff war nur noch ein bisschen zu sehen.

So plötzlich kann die Welt kippen

Heute Morgen dachte ich, der Tag fängt schon scheiße an. Meine S-Bahn, die nur alle zwanzig Minuten kommt, ist heute zu früh abgefahren. Ganze zwei Minuten zu früh! Ich war um 07:59 noch nicht zum Treppenuntergang angekommen, und konnte meinen Ohren nicht glauben, als ich sie ankommen hörte. Ich war noch nicht die Treppe zum gegenüberliegenden Bahnsteig herunter gelaufen, schon fuhr sie wieder weg, obwohl sie laut Plan erst um 08:01 fahren soll. Angepisst war ich, und ich durfte zweiundzwanzig Minuten auf die nächte Bahn im Schatten warten. Die einzige Stelle in der Sonne hatte schon ein Typ mit seiner eklig stinkende Kippe für sich beansprucht.

Es kam unerwartet schlimmer, und auf einmal erscheinen Probleme mit dem ÖPNV völlig nebensächlich. Ich hätte früher Feierabend machen können, aber eine Schwierigkeit ließ mich länger am Rechner sitzen. Mit ihrer üblichen frechen Art hatte mich schon Ute gefragt, wie lange ich denn heute im Büro bleiben würde. „So lange, bis ich fertig bin“, war meine Antwort. Beim Programmieren kann man nicht einfach so bei einem ungelösten Problem fürs Wochenende aufbrechen.  Das Problem habe ich nicht vollständig gelöst, als ich doch gehen musste. Ich konnte mich nicht mehr konzentrieren.

Meine Freundin Mei aus Aachen hat mich angerufen. Ich hatte gerade das Zimmer verlassen, als sie sagte, „Karl ist tot“. Karl, ihr Mann. Das war wie ein Schlag. Karl, der nur ein paar Tage zuvor noch auf Facebook stolz seine neue „Frühjahr-Frisur“ zur Schau stellte. Karl, der immer so lustig drauf war. Man stirbt doch nicht einfach so! Woran er gestorben ist, was passiert ist, konnte mir Mei nicht mehr sagen. Dafür haben ihre Kräfte nicht gereicht. Er ist gestern in der Wohnung gefunden worden, sagte sie. Mit Mitte vierzig? Wie passiert denn sowas?

Mei arbeitet weit vom gemeinsamen Zuhause und hat ihre eigene Wohnung für die Woche. Jedes Wochenende ist sie nach Hause gependelt. Ich kann mir gut vorstellen, was in ihrem Kopf durch geht. Ob es hätte verhindert werden können, wenn sie eine Stelle näher von zu Hause gefunden hätte? Und welche Schuldgefühle muss sie haben, nachdem sie mir schon gesagt hatte, sie wünschte sich manchmal, sie würde sich von ihm trennen? Trotzdem sitzt der Schmerz tief, das war nicht zu überhören. Ich wünsche, ich könnte bei ihr sein. Urlaub darf ich erstmal nicht nehmen, aber vielleicht kann ich an einem Wochenende zu ihr fahren, statt nach Berlin. Wenigstens hat sie die Schwiegerfamilie, die sich um sie kümmert. Ich wünsche ihr ganz viel Kraft.

Im Zug nach München

Ich bin mal wieder unterwegs. Das Pendeln ist ätzend, aber so lange der Ehemann keine Stelle in oder um München findet, müssen wir durch. Dieses Wochenende war ich dran.

Ich wollte heute meine nächsten Wochenende planen, und musste dabei feststellen, dass die Deutsche Bahn auf einmal die Preise heftig nach oben geschraubt hat. Frühlingseffekt? Ich habe beschlossen, dass wir uns doch nicht jedes Wochenende sehen müssen, was der Ehemann akzeptiert hat. Mit der teuren Wohnung in München, die ich momentan ganz alleine bezahle, und der Eigentumswohnung in Berlin, die dem Ehemann zwar gehört, ich aber auch mitfinanziere, weil er weniger verdient, ist das wöchentliche Pendeln ein Luxus, das wir uns schlecht leisten können.

Wenigstens kann ich während der vierstündigen Fahrt WLAN im Zug benutzen, um zum Beispiel endlich alle interessante Videos von Mitbloggern zu laden, die ich sonst unter der Woche nicht gucken kann. Schuld ist, schon wieder, die doppelte Haushaltsführung. Den Vodafone-Vertrag nehmen wir erst nach München mit, wenn der Ehemann zu mir zuzieht. Bis dahin bin ich auf meinem Handy als Hotspot angewiesen, was mit dem schlechten Empfang in meinem Wohnort kein Spaß ist. Temporäre Lösungen wie Surfstick ohne Vertrag gibt es zwar, wenn man googelt, aber sobald man im Shop danach fragt, haben sie es doch nicht. Egal welcher Anbieter.

Das geht aber nur gut, mit dem WLAN im Zug, wenn es tatsächlich funktioniert. Am Freitag war es ganz schwer. Die erste Stunde konnte ich keine einzige Seite laden. Danach klappte es. Heute geht WLAN wunderbar. Dafür haben wir im ganzen Wagen keinen Strom aus den Steckdosen, und das, obwohl wir in erster Klasse sitzen! Ja, ich weiß, warum erste Klasse fahren, wenn das Geld schon knapp ist? Manchmal muss man Glück haben, es war echt ein Schnäppchen, als ich gebucht hatte. Jetzt fühle ich mich doch nicht so glücklich darüber. Nach einer Stunde Fahrt ist mein Akku zur Hälfte leer. Irgendwann werde ich mich zu einem anderen Wagen schleichen müssen, um den Laptop aufzuladen.

Ach, und zum Essen haben sie auch kaum was, heute, im Zug. Die junge asiatische Frau, die unsere heutige Bistrobedienung ist, fragt uns immer wieder, was wir bestellen wollen, muss aber gleich danach sagen, dass es keine warme Küche gibt. Wie gut, dass ich mich beim Familienbesuch vom Ehemann heute Nachmittag voll mit Kuchen gestopfft habe.

ÖPNV: München kann Berlin das Wasser reichen

Oder hat die MVG aus den Werbespots der BVG gelernt?

Heute morgen, Geisenbrunn. Ich sitze mittig im Wagen. Was ich damit sagen will: Hier steigt man nicht ein, wenn man in letzter Sekunde noch bis zum Zug gerannt ist. Wenn man hier einsteigt, dann, weil man schon in der Mitte vom Bahnsteig gewartet hat. Der Zug hält, eine junge Frau steigt ein. Kurz nach ihr sehe ich einen jungen Mann, der nur auf seinem Handy starrt, während er sich im Schneckentempo bewegt. Das Signal für die Türe ertönt, die Türe schließen. Zugegeben, sie waren nicht lange offen. Der junge Mann hebt endlich den Kopf und schaut sich erstaunt die geschlossene Tür direkt vor ihm an. Er drückt auf dem Knopf, aber die Tür bleibt zu. Sie ist schon verriegelt. Er geht zur nächsten Tür, die ebenfalls geschlossen bleibt. Nach einer gefüllt ewigen Pause, die der Fahrer bestimmt zur Betonung der Dramatik eingelegt hat, fährt der Zug ab.

Ich steige später in einen Bus ein. Irgendwo in Gräfelfing halten wir an eine Haltestelle, wo eine junge Frau offensichtlich auf den Bus gewartet hat. Die Tür geht auf. Gerade als die Frau einsteigen will, wird sie von einer älteren Frau angesprochen, die sie etwas fragen will. Die junge Frau antwortet freundlich, und will noch in den Bus einsteigen, als der Fahrer die Tür wieder zu macht. Es kann keine fünf Sekunden gedauert haben. Die Frau klopft an die Tür. Der Fahrer fährt los. Eine Mitreisende, die vorne sitzt, sagt dem Fahrer, dass die Frau noch einsteigen wollte. „Die Tür war auf, sie hätte längst einsteigen können,“ antwortet er sturr. Er fährt vielleicht zehn Meter, um vor einer roten Ampel stehen zu bleiben. Die junge Frau durfte auf den nächsten Bus warten.

Blogparade – Meine Kindergartenzeit

Durch Sammy Bee bin ich auf die Blogparade von Andrea von Runzelfüßchen aufmerksam gemacht worden. Über die Kindergartenzeit erzählen? Warum nicht. Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr Erinnerungen kommen zurück.

Bei uns hieß es nicht Kindergarten, sondern École maternelle, oder kurz: Maternelle (wahrscheinlich heißt es so, weil man dort noch sehr bemuttert wird). Die Maternelle hatte Schulstatus. Wir sind den ganzen Tag dort geblieben, von halb neun bis halb fünf, wie in der Grundschule. Vermutlich hatten wir Mittwochs frei, aber so genau kann ich mich nicht erinnern.

Meine erste Maternelle war in Grasse. Ich bin dort kurz vor drei eingeschult worden. Als Novemberkind war ich jünger als die meisten Kinder, weil das Schuljahr in September anfängt, man aber im normalen Kalenderjahr, bis zum 31. Dezember, drei werden muss. Und das war völlig normal, hin zu gehen, fast alle Kinder haben die Maternelle besucht.

Meine Mami hatte mich jeden Tag mit dem Auto dahin gebracht. Die Außenwand zur Straße hatte Löcher für Rinnen drin, damit das Wasser bei Regen aus dem Pausenhof abfließen kann. Der Pausenhof lag höher als die Straße. Das Tor, ein verziertes, schwarz lackiertes Metallgitter, stand immer breit offen. Der Weg ging steil hoch bis zum Pausenhof und war mit feinem Kies bedeckt. Dieses Detail ist mir schmerzhaft in Erinnerung geblieben, da ich eines Abendes den Weg runter zu meiner Mami rennen wollte und dabei ausrutschte. Ich landete völlig ungeschickt auf der Wange, die vom Kies unsanft geschleift wurde.

Jedesmal, wenn meine Mami mich von der Maternelle abholte, wollte sie wissen, ob ich mittags gut gegessen hatte. Am Anfang war ich ehrlich und, da ich meinen Hunger schlecht verheimlichen konnte, sagte ich, nein, ich mag das Essen nicht. Die Erzieher hatten uns zum Glück nicht dazu gezwungen, alles aufzuessen. Meine Mami fand das aber gar nicht so toll, weil sie dafür bezahlte und meinte, ich müsste mittags essen. Daher habe ich mir danach gemerkt, was es zu essen gab und habe es am Abend erzählt, ohne zu sagen, dass ich es nicht gegessen hatte, und habe mich beim Nutellabrot zurückgehalten, damit die Lüge nicht auffliegt. Ich war in Grasse als Kind ziemlich dünn, vermutlich deswegen. Das hat sich geändert, als wir fürs letzte Jahr Maternelle zum Dorf umgezogen sind.

In Grasse hatten wir eine Erzieherin (ok, ich weiß jetzt nicht, ob sie wirklich Erzieherin oder Lehrerin oder Kindergärtnerin oder sonst was war, und es ist im Grunde egal, sie war jedenfalls eine Erwachsene, die auf uns aufpasste und Autorität hatte). Wir hatten viele, aber diese hatte einen Namen, an den man sich noch nach fast vierzig Jahren erinnern kann. Madame Maillot hieß sie. Oder Mailleau, damals konnte ich noch nicht schreiben, aber sehr wohl mich mit den anderen Kindern kaputt lachen, als wir „Madame Maillot de bain“ sagten (was auf Deutsch etwas wie Frau Badehose hieße).

Madame Maillot war die, die uns bei der Mittagsschlafzwangspause beaufsichtigt hatte. Ich weiß nicht mehr, wie lange wir schlafen mussten. Langweilig war das. Einmal saß Madame Maillot an einem Tisch im verdunkelten Raum, als wir alle in den Einzelbetten mit Gittern lagen, und schnitt ganz dünne parallele Streifen Papier mit einer großen Scheere. Das was faszinierend, und ich wollte ihr tausende Fragen stellen (warum schneidest du Papier, wie schaffst du das, so dünn zu schneiden, darf ich auch schneiden usw.), aber ich bekam nur als Antwort, sei leise und liege brav im Bett, sonst schlafen die Anderen auch nicht.

Einmal hatten wir mit Perlen gebastelt. Ich saß an einem hohen Tisch auf einem normalen Stuhl für Erwachsene und musste eine Kette machen. Weil der Tisch mir zu hoch war, saß ich auf meinen angewinkelten Beinen auf dem Stuhl. Der Stuhl war zu weit vom Tisch und ich musste mich sehr weit nach vorne lehnen. Es wundert nicht, dass ich irgendwann aus dem Stuhl rutschte, mir den Kinn gegen den Tisch knallte, alle Perlen weg flogen und ich am Boden landete. Schmerhaft war das. Glaubt ihr, die Madame Maillot hätte mich getrostet? Nee, ich habe einen auf den Deckel gekriegt, weil ich nicht normal am Tisch sitzen konnte, obwohl er für Kinder völlig ungeeignet war. Wahrscheinlich der Grund, warum ich viele Jahre lang Perlen einfach blöd fand und nichts damit anfangen wollte. Bis Sabrina mich zu einem Schmuckbastelkurs vor zehn Jahren geschleppt hat.

In der Maternelle hatten wir häufig Geschichten und Märchen erzählt bekommen, über die wir diskutiert hatten, oder Lieder gesungen. Ich erinnere mich an ein Lied von Hugues Aufray über einen alten grauen Esel in der Provence, der sein ganzes Leben geschuftet hat und am Ende alleine stirbt. Komisch, dass ich die Einzige bin, die danach nur noch heulen konnte. Die Lehrerin war so besorgt, dass wir wegen mir aufhören mussten, das Lied zu lernen.

Ein anderes Mal sind unbekannte Erwachsene gekommen. Vielleicht waren sie Psychologen, oder Inspekteure, die die Erzieher kontrollierten. Sie wollten jedenfalls mit uns Kindern reden. Ich hatte schon mit Sorge beobachtet, wie sie mit meinem Schwarm Alexandre alleine in einer Ecke geredet und ihn befragt hatten. Ich wusste nicht worüber. Danach sind sie zu mir gekommen, weil ich alleine neben einer Säule stand. Warum ich da alleine wäre? Eine Antwort hatte ich dazu nicht, und ich fand es komisch, dass die unbekannte Frau unbedingt wissen wollte, warum ich mit den anderen Kindern nicht spielen wollte. Ich habe nicht geantwortet, bis zuerst ihr Begleiter woandershin gegangen ist, und sie nach weiterem Schweigen meinerseits meinte, ich wäre einfach nur böse, nicht mit ihr zu reden, wo sie doch so nett wäre. Nee, Psychologin kann sie nicht gewesen sein.

Eine Art Clique hatte ich eigentlich, in der Maternelle. Unser Lieblingsspiel war, im Nachhinein betrachtet, recht komisch. Wir sind am Anfang der Pause durch den Hof mit einander gelaufen und haben versucht, andere dafür zu begeistern, indem wir gesungen haben, „qui veut jouer à rien avec nous?„, oder: „wer will mit uns nichts spielen?“ Um dann meistens nur zu dritt unter einem Fenster stehen zu bleiben und nichts zu machen. Wenn andere Kinder gefragt haben, was wir da spielen, haben wir „on joue à rien“ geantwortet. Das haben wir bei fast jeder Pause gemacht.

Fürs letzte Jahr Maternelle sind wir zum Dorf umgezogen. Dort habe ich alle meine zukünftigen Kommilitonen während der Grundschule und Gymnasium kennen gelernt. Außer, dass ich große Angst vom Weihnachtsmann hatte, der uns einmal besucht hatte, und gelernt habe, meinen Namen zu schreiben, habe ich kaum Erinnerungen an diesem Jahr. Ich weiß nur, wie ich eines Tages im Hof mit Solange gespielt hatte, die ich noch nicht kannte, und sie mich plötzlich unerwartet voll die Wange mit ihren Nägeln gekratzt hatte. Die Lehrerin meinte danach vor Solange, ich sollte nicht mit ihr spielen, sie wäre nur bösartig. Was ich erst viele Jahre später erfahren habe: Solange war damals mit fünf schon derart traumatisiert, weil sie von ihrem Vater seit der frühesten Kindheit regelmäßig vergewaltigt wurde, dass ihre psychologische Entwicklung nachhaltig gestört wurde. Die Erzieherin war echt nicht die hellste, um sie weiter verbal zu demütigen, statt zu merken, dass sie ein ernsthaftes Problem hatte.

Das Wochenende in Bildern

Der Ehemann ist am Wochenende gekommen.

Ich hatte die Idee, am Samstag zum Ammersee zu fahren. Es war die ganze letzte Woche so kalt, die Temperaturen sind nie über null Grad gekommen. Es müsste doch toll sein, am gefrorenen See spazieren zu gehen. Ja, der Spaziergang war es.

Abgesehen davon, dass die S8 momentan wegen Bauarbeiten nur alle vierzig Minuten fährt, und man am Bahnhof nicht mal darüber informiert wird, dass der Zug nicht am richtigen Bahnsteig ankommt, sondern falsch rum fährt… Ich sage nur, gut, dass der Fahrer uns alle wegrennen gesehen und gewartet hat, bis wir die Treppen runter und hoch gerannt sind, um zum anderen Bahnsteig zu gelangen (und das auf dem neuen frischen Schnee, über dem alten gefrorenen Schnee, der natürlich wie immer gar nicht geräumt wurde). Sonst hätten wir weitere vierzig Minuten in der Kälte stehen müssen. An dieser Stelle vielen Dank an die Münchener, die sich vor den optischen Sensoren der Türe vom Zug stellen, wenn sie sehen, dass jemand noch einsteigen will. So ein hilfreiches Verhalten habe ich in Berlin nie erlebt. Die Leute dort bleiben nur direkt nach dem Einsteigen neben der Tür stehen, weil sie zu blöd sind, um zu denken, dass die Leute hinter ihnen vielleicht auch rein möchten. Sensoren gibt es an den Türen der Berliner S-Bahn nicht, oder nur, wenn die Tür nicht zu geht, weil jemand gerade eingequetscht wird.

Gefroren war der Ammersee am Samstag nicht, dafür ist er viel zu groß. Hätte ich mir denken können. Trotzdem war der Spaziergang sehr schön. Nach dem verschneiten Park kommt man zum Ufer, wo eine Seejungfrau auf einem Waller sitzt. Die Skulptur wurde von der Bildhauerin Hilde Grotewahl angefertig und der Gemeinde Herrsching geschenkt. Leider war von der Sonne, über die wir uns beim Verlassen von München gefreut hatten, nicht viel übrig. Mit dem Nebel aus dem See wirkt das Bild von den Enten und Blässhühnern mit dem Steg im Hintergrund fast surrealistisch.

Ich wäre gerne weiter nach Süden am See entlang gegangen. Einen Teil der Strecke mussten wir über die Straße gehen, und nach dem Schloss Milfelden haben wir den Weg zum Ufer gefunden. Leider war er unter dem frischen Schnee viel zu gefroren und glatt, um darauf laufen zu können. Wir sind umgekehrt, und haben dabei ganz viele süße Fußstapfen von Vöglein am Boden entdeckt.

Was soll’s, Andechs ist auch nicht weit, wir könnten dahin gehen. Das Kloster ist ja berühmt. Da der Fußweg aber genau so glatt wirkte, sind wir zurück zur Bushaltestelle gelaufen und von dort mit der 951 hin gefahren. Inzwischen war der Nebel verschwunden, und in Andechs haben wir sogar ein bisschen Sonne gesehen. Dass hier Bier gebraucht wird, sieht man fast an jeder Ecke. Wir sind um die Mittagszeit am Gasthof angekommen und obwohl der Empfang recht kühl war (unsere Begrüßung wurde beim Betreten des Raumes von den Mitarbeitern nicht mal erwidert, so dass wir uns erstmals fragten, ob es doch noch zu früh war), hat sich der Besuch gelohnt. Das Bergbier war hevorragend, und ich habe zum ersten Mal Obazda gegessen. Was soll ich sagen? Hmm, so lecker!

Nach einem kurzen Spaziergang sind wir weiter mit dem Bus nach Starnberg gefahren. Nachdem ich die Wohnung von Airbnb doch nicht bekommen habe, war ich auf den Starnberger See neugierig, der in der Nähe liegt. Die Idee war dabei auch, das Problem mit der schlecht fahrenden S8 zu vermeiden, und mit der S6 zurück über die Stadt zu kommen, wo wir noch einkaufen wollten. Die Kaffeepause am Ufer hinter dem Bahnhof war mit der wärmenden Sonne so gemütlich, dass wir fast auf der Stelle eingeschlafen wären. Nach einem letzten Spaziergang sind wir müde nach Hause gefahren. An dem Tag sind wir über zehn Kilometer zu Fuß gelaufen.

Heute Morgen habe ich beschlossen, einen faulen Tag einzulegen. Nachdem wir lange ausgeschlafen haben, sind wir zum Café Glockenspiel gefahren, um dort zu frühstücken.

Die Fahrt mit der S8 war ekelhaft. Man hatte echt den Eindruck, in einer Mülltonne zu fahren. Die Bahn war noch relativ leer, als wir angekommen sind, und wir konnten uns einen sauberen Sitzplatz aussuchen. Das Entsetzen der späteren Fahrgäste war nicht zu überhören. Der Müll, der da rum lag, konnte aber unmöglich erst am Sonntagvormittag entstanden sein. Ich vermute, dass es sich um Reste vom Samstagabend handelt, und dass die Bahn einfach nicht geputzt wurde. Es ist ja schwer, jetzt, wo die Bahn nur alle vierzig Minuten fährt, Zeit zu finden, um sie zu reinigen… 🙄

Wir sind eine halbe Stunde nach der Eröffnung vom Café angekommen, und nicht zu früh. Ich habe den letzten freien Tisch ergattern können, während der Ehemann hinten zwei Männern stecken geblieben war, die nach einem freien Tisch fragen wollten. Das habe ich erst nach dem Hinsetzen gemerkt, als die Männer enttäuscht reagiert haben, dass es plötzlich keinen Tisch mehr gab. Wie der Kellner ihnen sagte, sie hätten sich direkt selber einen Platz aussuchen sollen.

Nach dem leckeren Frühstück sind wir zum Englischen Garten gegangen. Zuerst zum südlichen Teil, wo wir in einem Fußgängertunnel am Friedensengel tolle Kunstwerke entdeckt haben.

Wir sind dann am Bayerisches Nationalmuseum vorbei gegangen, um weiter zum anderen Teil vom Garten zu kommen. Dort standen einige Schaulustige, um die Surfer zu betrachten, die trotz Verbotsschilder ihren Spaß hatten. Wir haben zum Schluß am Biergarten in der Sonne gesessen, während der schmelzende Schnee aus dem Turm auf dem anderen Ende von unserem Tisch herunter tropfte. Danach musste der Ehemann zurück zum Flughafen. Ich bin schwimmen gegangen.