Wohnungssuche in München

Darüber sollte ich ein Buch schreiben, meinte CEO#2 heute.

Am Anfang habe ich mich beschwert, dass ich keine Rückmeldung auf meine Anfragen auf Immobilienscout24 bekommen habe. Ich hatte mir eine Suche eingerichtet und alle Anbieter kontaktiert, die eine dazu passende Wohnung hatten. Mir ist inzwischen klar geworden, dass einige Makler es nicht ernst mit der angebotenen Wohnung meinen. Die Wohnungen dienen nur als Köder, um Leute dazu zu bringen, sich auf die Immobilienportale der Makler selbst anzumelden. Datenkraken.

Ich habe zwischen Weihnachten und Neujahr immerhin zwei Wohnungen besichtigt. Beide wurden nichts. Letzte Woche ging es dann aufwärts. Ich hätte mir denken können, dass man zwischen den Jahren nicht viel erwarten kann. Ein paar Absagen sind jetzt angekommen, alle für Wohnungen, die mich nicht mehr interessieren. Ich dachte zuerst, ich nehme eine kleine Wohnung bis der Ehemann kommt, und danach suchen wir eine Größere für uns beide. Jetzt suche ich von vorne rein eine größere Wohnung. Den Stress will ich mir nicht zweimal antun.

Für die Wohnung von Dienstag habe ich nichts gehört. Vermutlich denkt der Makler, wenn ich nicht nachfrage, bin ich nicht interessiert. Ich habe nicht abgesagt, weil ich dachte, besser die Wohnung nehmen als gar nichts haben, sollte sie doch länger verfügbar bleiben.

Am Donnerstag hatte ich einen vierten Termin. Eine Stunde Fahrt von der Arbeit. Die Wohnung hat mir sehr gut gefallen. Ich war aber nicht die einzige Interessentin. Ich habe ein bisschen mit einem Inder gequatscht, der von einer Hilfsperson begleitet war und der mir sympathisch vorkam. IT-Ingenieur, spricht noch kein Deutsch, seit drei Monaten in München. Immer noch keine Wohnung gefunden. Er wartet darauf, um endlich seine Familie bei sich zu haben. Autsch, wie lange werde ich noch warten müssen? Ich fange erst jetzt richtig an zu suchen.

Am Freitagnachmittag gab es zwei neue Termine. Die erste Wohnung liegt ebenfalls eine Stunde von der Arbeit entfernt. So westlich, dass es nicht mehr München ist. Es wäre nicht weit, bis zu den Seen und Bergen. Als ich die Wohnung betreten habe, hat sie mir den Atem beraubt. Wie schön! Auf zwei Etagen verteilt, unter dem Dach, mit Balkon vor der Küche. Die Eigentümer, die selber drin gewohnt haben, haben praktische Aufräummöglichkeiten unter den Dachschrägen gelassen. Ich habe mich auf der Stelle völlig verliebt. Dazu kommt, dass es keine Einbauküche gibt. Wir könnten unsere problemlos mitbringen. Der Preis ist höher, aber für so eine Wohnung lohnt es sich. Wir würden nicht so schnell ausziehen wollen, und der Ehemann kann bestimmt damit rechnen, in München besser als in Berlin zu verdienen. Es wird schon. Ob die Maklerin und die Eigentümer auch davon überzeugt sind? Immerhin beträgt die Miete die Hälfte meines Nettogehalts. Es heißt, über ein Drittel sollte es nicht werden. Aber ab einem bestimmten Gehalt bleibt trotzdem immer noch genug übrig, um gut leben zu können. Und das Gehalt vom Ehemann kommt dazu, und unsere Wohnung in Berlin werden wir vermieten können, da bin ich mir ganz sicher. Schön war auf jeden Fall, dass sich die Frau der Agentur so viel Zeit genommen hat, um Einzeltermine anzubieten. So konnte ich in Ruhe staunen.

Die zweite Wohnung am Freitag hat mir wiederum gar nicht gefallen. Mit der Raumteilung wirkte sie sehr unbequem. Direkt nach der Eingangstür kommt man ins riesige Wohnzimmer, das sich verwinkelt über die Breite der Wohnung erstreckt. Ich habe mich schon beim Eintreten unwohl gefühlt. Kein gemütlicher Eingangsbereich. Das Schlafzimmer ist riesig lang, und ich könnte mir nicht vorstellen, drin gut schlafen zu können. Viel zu groß. Dafür gibt es ein kleineres Kinder- oder Arbeitszimmer, das direkt am Treppenhaus liegt, also ungeeignet, um selber drin zu schlafen, und das man durch eine Wand in zwei teilen könnte, erzählte stolz der Makler. Die Fenster sind alle sehr breit aber nicht hoch. Und es gibt eine Einbauküche, die man nicht raus nehmen darf. Dafür, dass die Wohnung viel näher zur Arbeit liegt, bräuchte ich eine halbe Stunde ÖPNV, mit einem Bus pro Stunde. Nee, sie kann nicht ernsthaft in Frage kommen, obwohl sie günstiger ist. Aber doch besser als gar nichts. Ich habe meine Bewerbungsunterlagen hinterlassen.

Am Samstag konnte ich gemeinsam mit dem Ehemann zur siebten Wohnung fahren. Sie ist schön, wenn auch nichts Besonderes. Nach der ersten Wohnung am Freitag war es schwer, mich für normalere Wohnungen zu begeistern. Die Eigentümer sind sehr nett und haben sich die Mühe gemacht, einen Termin extra für uns anzubieten, weil ich am ursprünglich vorgesehenen Termin nicht anwesend sein konnte. Sie melden sich, sobald der geplante Termin statt gefunden hat.

Am frühen Sonntagnachmittag hätte es einen achten Termin geben sollen. Die Vermieter, ein Paar, hatten mich am Freitag angerufen, als ich unterwegs zur ersten Wohnung war. Ob ich reden könnte, wollte der Mann wissen. „Ja,“ habe ich gesagt. „Ich bin unterwegs“. Es wäre blöd, mit dem Handy. Gäbe es keine Festnetznummer, unter der ich angerufen werden könnte? „Ich bin unterwegs“, habe ich wiederholt. „Draußen.“ Der Mann sagte, ich könnte mir am Sonntag um zwei die Wohnung anschauen. „Geht nicht, ich habe schon am Sonntag um zwei einen Termin. Ginge es um zwölf?“ Nein, aber um eins könnten die Vermieter da sein. Sie kommen aus Regensburg, früher ginge es nicht. Um eins hätte ich aber unmöglich Zeit, die Wohnung ausführlich zu besichtigen und pünktlich zu meinem schon länger geplanten Termin mit ÖPNV zu fahren, habe ich erklärt. Wo müsste ich denn hin, wollte der Mann wissen. „Ach, bis dahin brauchen Sie nur eine Viertelstunde, Frau Doktor“, meinte er dann, als ich seine Neugier gestillt habe. Wie hat es mich genervt, dass er mich bei jedem Satz bei Namen mit Frau Doktor angesprochen hat! „Na gut, wenn es stimmt, nehme ich den Termin an.“ Unterwegs beim Telefonieren konnte ich es schlecht prüfen, ich hätte das Handy dafür nutzen müssen. Es gäbe aber einige Sachen, die in meiner schon geschickten Selbstauskunft korrigiert werden müssten, sagte der Mann. Da ich inzwischen zu meinem Termin angekommen war, habe ich ihn darum gebeten, mich eine halbe Stunde später zurück zu rufen.

In der Zwischenzeit hatte ich mich in die Traumwohnung verliebt… Der Rückruf kam. „Kann ich Sie auf eine Festnetznummer anrufen, Frau Doktor?“ „Ich bin immer noch unterwegs!“ Wie blöd kann man denn sein… Ob ich schreiben könnte? „Ich bin unterwegs!“ Unterwegs zu meinem zweiten Termin. „Wie unterwegs? Mit dem Auto?“ meinte er. Er klang dabei ein bisschen frech, als ob er sich noch über mich lustig machen wollte. „Nein, zu Fuß, auf dem Weg zur S-Bahn. Worum geht es denn?“ Also, ich hätte in der Selbstauskunft die Liste der Kinder leer gelassen. Hätte ich denn keine Kinder? „Nein.“ „Dann streichen Sie es bitte durch, damit ich es verstehe, Frau Doktor,“ verlangte er. Auch für die Frage über eventuelle andere Personen, die zum Haushalt gehören würden, und viele andere belanglosen Kleinigkeiten… Niemand hat sich je so penibel bei einer Selbstauskunft verhalten. Wenn ich das Kästchen „keine Kinder“ ankreuze, warum soll ich irgendwas in der Liste drunter schreiben? Ist doch klar… Als ich später feststellen konnte, dass ich mindestens fünfzig Minuten von einem Termin zum anderen brauchte, habe ich dem Paar abgesagt. Ohne Reue. Wenn sie sich schon so blöd anstellen, will ich nicht wissen, wie ein Mieter-Vermieter-Verhältnis aussehen würde.

Am Sonntagnachmittag kam deshalb erst der bisher achte Termin zustande. Sammeltermin. Wie am Tag davor, nette Leute, schöne Wohnung, nichts besonderes, groß genug, aber arg kleine Küche, unsere Küchenmöbel passen niemals rein. Unterlagen wurden trotzdem hinterlassen.

Ich habe am Abend weitere Kontaktanfragen über Immobilienscout24 geschickt. Prompt kam eine Antwort zurück, mit der Bitte, eine angehängte Excel-Tabelle auszufüllen:

Ich möchte Sie darum bitten, den angehängten Fragebogen auszufüllen und mir kurzfristig per E-Mail zurückzusenden. Entschuldigen Sie bitte, wenn Sie hier Informationen angeben sollen, die Sie mir ggf. bereits bei Ihrer Kontaktaufnahme genannt haben. Durch die Nutzung der Excel-Datei kann ich jedoch die Informationen der Interessenten besser konsolidieren.

Im nächsten Schritt könnte ich Ihnen einen Besichtigungstermin am Samstag (13.01.2018) in der Zeit von 10:00 bis 16:40 Uhr anbieten. Ich führe mit jedem Interessenten ein Einzelgespräch. Planen Sie hierfür ca. 20 Minuten ein. Hätten Sie Zeit? Ich würde Ihnen zeitnah einen Termin bestätigen.

Sie müssen im Vorfeld auf keinen Fall finanzielle und weitere persönliche Daten preisgeben. Dies erfolgt erst durch das Ausfüllen einer Mieterselbstauskunft nach der Wohnungsbesichtigung, wenn sich Ihr Interesse bestätigt.

Ist der Mann ernsthaft naiv, oder handelt es sich um einen Infizierungsversuch? Das kennt man schon lange von „Bewerbern“ auf Stellenangeboten, die Viren als Anhang in ihren Unterlagen verstecken. Und wie kann man davon ausgehen, dass Bewerber für eine Mietwohnung privat Microsoft Office installiert haben? Ich habe nicht geantwortet. Die Wohnung liegt eh eine Stunde von der Arbeit entfernt und sah von weitem nicht so schön wie die Traumwohnung von Freitag aus. Seufz…

Gestern kam ein Anruf von der Makleragentur für die zweite Wohnung am Freitag. Die merkwürdige, ungemütlich verteilte Wohnung, bei der mich der Eindruck nicht verlässt, dass sie ursprünglich für gewerbliche Zwecke gebaut wurde, und ohne Verstand als Wohnung versucht wurde umzubauen. Ich wäre die glückliche Auserwählte. Ob ich noch Interesse hätte? „Äh… Ich muss mit meinem Mann reden… Wie lange können wir es uns überlegen?“ wollte ich wissen, um Zeit zu gewinnen. „Morgen Mittag wollen wir den anderen Bewerbern eine Antwort geben.“ Ich habe sofort eine Email zur Agentur#1 für die Traumwohnung geschickt. Ich hatte schon in der Danke-Email betont, wie sehr ich die Wohnung mochte. Ob sie mir zeitnah sagen könnte, wie es mit der Entscheidung aussähe? Am Abend kam eine Email vom Leiter der Agentur#2 persönlich an.

Wie mein Kollege Ihnen bereits mitteilte würden wir uns freuen, wenn Sie sich für die Wohnung entscheiden würden.

Wir haben noch weitere Interessenten, welchen wir morgen Mittag gerne zu oder absagen würden.

Nachdem Sie allerdings unsere „Favoriten“ sind, würden wir uns über ein positives Feedback freuen.

Na ja, wenn ich mich an die Mitinteressenten erinnere, kann ich mir nicht vorstellen, dass sie hoch auf der Warteliste stehen. Als sie (verspätet) herein gekommen sind, war mein ersten Gedanke, „Ach du Scheiße!“ Der zweite: „Haben die sich verlaufen? Was haben die hier zu suchen?“ Der Mann, mitte fünfzig, hochnäsig, im dunklen Anzug, mit den halb-grauen Haaren voll mit Gel nach hinten gekämmt (Würg!), der mich zuerst für eine Mitarbeiterin der Makleragentur gehalten und mir die Hand gestreckt hat. Die Frau, wie man so viele im Fitness-Studio sieht, voll geschminkt, blond mit einem langen, strengen, hoch gezogenen Pferdeschwanz, um die Wangen noch dünner erscheinen zu lassen, als sie es schon sind, die mit ihren hohen Absätzen auf dem Parkettboden und dem Mini-Dackel an der Leine ging. Mein dritter Gedanke: „Da haben sich zwei super Narzissten gefunden.“ Dazu hatten sie ein frisches Säugling dabei, was in sich erstmal schön ist, aber die Art, wie die Frau es in seinem Babykorb mitten im Wohnzimmer gelassen und gar nicht mehr beachtet hat… Wie ein Objekt, das man zur Schau rum trägt. Mein vierter Gedanke: „Wo hat sie es denn gekauft? Hat sie es geliehen bekommen?“ Es kam mir völlig unnatürlich vor, wie wenig sie sich für das anscheinend gerade geborene Säugling interessiert hat. Als es irgendwann anfing zu weinen (ja, wirklich ganz frisch), hat der Mann den Babykorb auf den Arm genommen. Warum interessieren sie sich für die Wohnung? Sie wirkten total fehl am Platz. Ja, irgendwo müssen sie auch wohnen… Oder der Mann sucht eine Wohnung für seine Geliebte, um sie zu unterhalten… Als wir den Keller besichtigt haben, der genau so groß wie unser aktueller Wohnzimmer in Berlin ist, meinte der Mann, man könnte daraus ein Kinderzimmer machen. Lustig ist anders. Also, als Maklerin oder Eigentümerin würde ich denen keine Wohnung vermieten wollen.

Heute kurz vor der Mittagspause hatte ich noch nichts von Agentur#1 gehört. Schweres Herzens habe ich der blöden Wohnung von Agentur#2 zugesagt. Besser als nichts, und wir könnten ja immer noch umziehen. Nachmittags kam dann ein Anruf von Agentur#1. Wenn ich die Wohnung will, kann ich sie haben! Schnell Agentur#2 abgesagt. Wenn alles gut geht, unterschreibe ich am Freitag den Mietvertrag, und am Montag ziehe ich in die Traumwohnung ein. Und das nach nur zwei Wochen in München! Es ging doch viel einfacher als bei meiner Ankunft in Berlin! Ich werde zuerst ohne Möbel in der Wohnung stehen, aber egal. Ich nehme am Wochenende Schlafsäcke von zu Hause mit.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

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8 Gedanken zu “Wohnungssuche in München

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