Wahlunterlagen bekommen

Ich habe sie heute im Briefkasten gefunden. Inklusiv Wahlzettel und Werbematerial aller Kandidaten. Es sind ja noch vier Tage bis zur Wahl… Immerhin habe ich letzte Woche die Information zum Wahlort per Email erhalten. Wie zu erwarten war, muss ich zur Botschaft. Ich hatte mir nur Sorgen gemacht, weil ich bisher gar nichts über die Wahl bekommen hatte, und mich fragte, ob ich irgendwie vergessen wurde und doch nicht wählen gehen könnte.

Ich hatte mich bis jetzt noch nicht entschieden, für wen ich wählen würde. Gegen wen ist ja klar, obwohl sie in der zweiten Runde sowieso keine Chance hat. Als ihr Vater es vor fünfzehn Jahren durch die erste Runde geschafft hatte, und alle Franzosen plötzlich blöd geguckt hatten, wurde Chirac in der zweiten Runde mit über 80% der Stimmen neu gewählt. Zähneknirschend, aber immer noch besser als die Alternative. Nun, wenn man den Umfragen glaubt, hätte sie selbst bei der zweiten Runde viel mehr Stimmen als ihr Vater, aber nicht genug, um durch zu kommen.

Das Aussortieren der Kandidaten ging relativ schnell. Als Expat in der EU sind schon mal alle, die sich für ein Frexit ausgesprochen haben, in den Mülleimer gelandet. Ihnen sind die gefolgt, deren Namen ich noch nicht mal kannte. Ich gebe zu, ich lese kaum französische Nachrichten. Alles, was ich über den Wahlkampf mitbekommen habe, stammt aus der deutschen Presse. Wichtig ist mir aber, dass die Le Pen nicht durch kommt. Meine Stimme einer kleinen Partei zu schenken, die von vornherein keine Erfolgschance hat, hätte den selben Effekt, wie in eine Geige zu pinkeln — was jetzt direkt eins zu eins vom Französischen übersetzt wurde, der deutsche Äquivalent wäre eher, „es wäre völlig für die Katz“. Genau das ist 2002 passiert, als alle dachten, Jospin würde mit links durch kommen, und deswegen kleine Parteien als Ausdruck der allgemeinen Unzufriedenheit gewählt haben.

Nun habe ich jetzt mit diesen Kriterien meine Auswahl auf zwei Kandidaten reduzieren können. Ich habe dann nach Umfragen gegoogelt, und beide stehen in der Viererliste vorne. Mélanchon hat schon vorher wegen seiner EU-feindlichen Haltung den Weg zum Papierkorb gefunden. Die Frage ist nun, Fillon oder Macron? Macron hat laut Umfragen knapp mehr Wahlabsichten als Le Pen, Fillon liegt deutlich drunter. Ich könnte Fillon wählen, um Le Pen nicht so einen großen Vorsprung zu gönnen. Der Ehemann ist Fillon skeptisch gegenüber, weil er sich als überzeugter Katholiker angibt. Er fürchtet, dass er die Laizität, die ich in Frankreich so schätze, gefährden könnte. In seinem Wahlkampfblatt steht aber, dass er sie weiterhin schützen würde. Und ich hatte vor vielen Jahren im Fernseher eine Debatte zwischen ihm und Jospin gehört, in der er viele interessante Ideen gebracht hatte. Andererseits kenne ich Macron nur seit dem aktuellen Wahlkampf, aber er bringt bessere Vorschläge im Bereich Soziales. Na ja, wie gesagt, meine Stimme für Fillon in der ersten Runde wäre erstmal nur eine rein taktische Wahl, um ihn näher an Le Pen zu bringen. Ich wage es kaum zu glauben, dass er sie sogar überholen könnte. Träumen kann man.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

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