Die zickige Nichte

Wir haben einen großen Teil vom Osterwochenende mit der Schwiegerfamilie verbracht. Alle waren da, wenigstens alle aus der näheren Verwandtschaft vom Ehemann. Sein Vater, den wir gestern Morgen mit dem Auto abgeholt haben, um zu einer Cousine zu fahren. Deren Eltern, Schwester und Schwager, die samt Kindern aus Frankfurt hierher gekommen sind. Ihre eigene Kinder und Ehemann. Ich denke immer an sie als „die Familie vom Ehemann“, aber jetzt sind sie auch meine Familie. Ich habe mich noch nicht ganz an den Gedanken gewöhnt.

Mit seinen Cousinen ist der Ehemann eng gebunden, vor allem mit der aus Frankfurt, mit der wir den letzten Urlaub verbracht haben. Nach dem Tod seiner Mutter, als sein Vater mit der neuen Situation nicht klar kam, hat er viel Zeit mit ihnen verbracht. Sie sind ein bisschen wie Schwestern für ihn. Ihre Kinder, alle Mädchen, nennt er seine „Nichten“. Ein besseres Wort gibt es wohl nicht, sonst würde er es benutzen. Er kann sehr penibel sein, wenn es darum geht, die richtigen Begriffe zu benutzen. „Kinder“ trifft bei den Nichten eigentlich nicht mehr zu. Die Jüngste, Ella, ist elf Jahre alt. Die Älteste, Charlotte, ist mit ihrem Bachelor schon fast fertig. Jedenfalls sind sie jetzt auch meine Nichten. Das ist mir erst bewusst geworden, als wir einmal zufällig Charlotte in der Nähe der Uni getroffen haben, und sie uns dann ihrem anwesenden Kommilitonen als „mein Onkel und meine Tante“ vorgestellt hatte. Krass.

Wir haben uns am Wochenende zuerst am Samstagabend zum Essen in einem Restaurant verabredet. Das hat Tradition, wenn die Großeltern zu Besuch kommen. Wir waren alle an einem langen Tisch. Es hat sich natürlich ergeben, dass die vier jüngeren Cousinen an einem Ende des Tisches gesessen haben, während die ältere Familienmitglieder am anderen Ende saßen. Wir waren mit dem Essen noch nicht fertig, als die ältere Schwester von Ella, Mila, uns verlassen hat, weil sie mit einer Freundin in der Nähe verabredet war, um bei ihr zu übernachten. Ich fand es recht rücksichtslos von ihr, da ihre Großeltern nicht häufig da sind und von weitem angereist waren, um ihre Enkelinnen zu besuchen, und sie es offensichtlich nicht zu schätzen weiß. Nun, wenn die Eltern nichts dagegen einzuwenden haben, habe ich auch nichts zu sagen. Ich fand es noch merkwürdig, dass sie sie mit knapp dreizehn Jahren alleine zu Fuß bei Anbruch der Dunkelheit gehen lassen, da man nie weiß, wen man treffen kann. Vielleicht wollen ihr die Eltern dadurch einen Eindruck von Vertrauen vermitteln. Mir kommt es ziemlich unverantwortlich vor.

Zickig finde ich die Kleine, vor allem seit dem letzten Weihnachten. Die vier Mädels sind reichlich mit Geschenken verwöhnt gewesen, und die Anderen haben sich wenigstens dankbar gezeigt. Nicht so bei Mila. Sie hat ihre Mutter richtig angefaucht, weil sie es gewagt hatte, ihr zusätzlich Sachen zu schenken, die sie sich nicht ausdrücklich gewünscht hatte. Sie hat es geschafft, mit ihrem Verhalten sowohl ihre Mutter als auch ihre Oma derart zu verletzen, dass die Oma Tränen bekommen hat. Sie hat sich danach nicht mal entschuldigt. Angeblich war die Mutter in dem Alter genau so. Es scheint erblich zu sein, obwohl die zwei anderen Nichten eine viel bessere Erziehung zeigen. Mit deren Mutter ist auch nicht zu spaßen.

Jedenfalls waren wir gestern Morgen wieder alle zum Essen verabredet. Mir ist dabei ganz schnell ein bestimmter Geruch in die Nase gekrochen, den ich bei mir sehr gut kenne, seitdem wir mit dem Ehemann keine Kondome mehr benutzen. An solchen Tagen wechsle ich ganz häufig meine Slipeinlagen, um keine olfaktive Belästigung für meine Mitmenschen zu werden, weil die morgendliche Dusche nicht reicht. Der Geruch stammte eindeutig aus Mila, aber den schien außer mir keiner wahrgenommen zu haben. Ich wäre fast drauf und dran gewesen, ihr zu sagen, sie sollte duschen gehen, so sehr sie nach Sperma stank. Von wegen „ich übernachte bei einer Freundin“. Ich habe sie doch nicht darauf angesprochen, weil ich nicht die Gelegenheit hatte, kurz alleine mit ihr zu reden, und ich sie nicht vor den Anderen bloß stellen wollte. Im Nachhinein frage ich mich, warum eigentlich nicht? Sie schert sich nicht um die Gefühle Anderer, wie ich über Weihnachten erfahren durfte.

Ich hoffe wenigstens, dass sie die Pille nimmt, wenn sie offensichtlich schon mal keine Kondome benutzt. Mit dreizehn schwanger zu werden wäre echt blöd. Sie muss aber auch wissen, dass Kondome nicht nur von Schwangerschaft sondern auch von schweren Krankheiten schützen und nicht weg zu denken sein sollten. Das sollte doch in der Schule Thema sein. Ich weiß nicht, ob ich irgendwas unternehmen soll, oder einfach nur die Klappe halten soll. Schließlich muss sie wissen, was sie tut, und wenn sie so zickig ist, wird sie sowieso nicht gut auf ein solches Gespräch reagieren.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

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2 Gedanken zu “Die zickige Nichte

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