Risikoschwangerschaft

Ich verbringe den Abend vor dem Rechner und lese mir das ganze Internet zum Thema Schwangerschaft durch. Mich interessieren vor allem persönliche Geschichte von werdenden Müttern. Interessante Beiträge habe ich gefunden, wo über Entwicklungen vom Bauch und über Ängste berichtet wird.

Sorgen mache ich mir. Ich bin jetzt vierzig. Das Mindesthaltbarkeitsdatum meiner Eizellen ist längst überschritten. Meine erste Periode hatte ich mit elf, also liegen sie schon seit neunundzwanzig Jahren rum und werden mit der Zeit nicht besser. In meinem Alter liegt die Wahrscheinlichkeit, ein Kind mit genetischen Defekten zu bekommen, bei 1:68. Das ist enorm und sollte nicht unterschätzt werden.

Das ist auch was meine Gynäkologin mir bei der ersten Untersuchung gesagt hat. Das optimale Alter für eine Schwangerschaft ist bei mir schon vorbei. Das sehe ich völlig ein (und ich verstehe nicht, warum eine andere betroffene Bloggerin sich davon so stark beleidigt gefühlt hat, als ihr der Arzt dasselbe mitgeteilt hat, dass sie gleich einen ganzen Beitrag darüber schreiben musste). Vielleicht deshalb will ich warten, bis die Ergebnisse vom Erst-Trimester-Screening bekannt sind, bevor ich mich über die Schwangerschaft freue. Ich hoffe, ich muss nicht vor der Wahl gestellt werden, ob Abtreibung oder lebenslanger Pflegefall. Auch wenn ich weiß, wofür ich mich entscheiden würde.

Ich vermute, dass ich im letzten Jahr viel häufiger schwanger war als ich nachweisen konnte, da ich die charakteristische pinke Einnistungsblutung mehrmals beobachtet habe, aber dass Spontanaborte aufgrund von Defekten sehr schnell statt gefunden haben. Es ist gut, dass mein Körper aus natürlicher Weise nicht lebensfähige Embryos aussortieren kann. Leider ist es nicht 100% zuverlässlich, sonst gäbe es gar keine genetische Defekte.

Klar, ich hätte früher Kinder bekommen können. Früher kannte ich meinen Mann aber nicht, und mit keinem meiner Ex-Freunden hätte ich eine Familie gründen wollen. Ich hatte den Wunsch nach Kindern schon längst aufgegeben. Und dann kamen Jobwechsel, Umzug, Verliebtheit, Hochzeit, und jetzt bin ich schwanger. So überraschend kann das Leben laufen.

Beim heutigen Stöbern habe ich mit Entsetzen den Blogbeitrag einer werdenden Mutter entdeckt, der mir zu blöd vorkam, um ihn hier zu verlinken. Die Frau zählt noch nicht zu den Spätschwangeren, hat die Untersuchung trotzdem machen lassen. Mich hat es sehr gestört, wie sie die ganze Problematik einer Risikoschwangerschaft verharmlost:

Hier geht es ja „nur“ um Chromosenabweichungen und keine schwerwiegendere Behinderung.

Hat die Autorin noch nie vom Down-Syndrom gehört? Es ist die häufigste Chromosomenaberration, und ist alles anderes als unbedenklich. Chromosom-Defekten sind keine Schönheitsfehler, sondern bringen echte Behinderungen und/oder Fehlbildungen mit sich, und können sogar schnell tödlich verlaufen. Das als „Chromosenabweichungen“ verniedlichen zu wollen zeugt nur von Ignoranz.

Weiter im Text wird noch die Nützlichkeit der Nackentransparenzmessung in Frage gestellt, was in sich vertretbar ist, da die Ergebnisse nicht eindeutig sind. Die Kosten dieser Untersuchung werden auch nicht von Krankenkassen übernommen. Aber der Grund, warum sie davon abrät, sowie übrigens von der Blutuntersuchung, ist, dass „nur eine Wahrscheinlichkeit“ für ein genetisches Defekt angegeben wird. Ich würde behaupten, dass die Autorin keine Ahnung von Statistik hat, und deswegen Wahrscheinlichkeiten als Unfug sieht. Dass man „nur“ eine Wahrscheinlichkeit für ein Problem bekommt, bedeutet lange nicht, dass das Risiko nicht existiert. Die Wahrscheinlichkeit einer Bauchhöhlenschwangerschaft liegt zwischen 0,05% und 0,1%, und es kann trotzdem durchaus passieren.

Im Allgemeinen habe ich den Eindruck, dass die Meinung in der Bevölkerung sich verbreitet hat, dass die Fortschritte der Medizin die Obergrenze des optimalen Alters bei Frauen für eine Schwangerschaft in den letzten Jahren nach oben geschraubt haben. Das stimmt so ganz und gar nicht! Was sich verbessert hat, sind die Vorsorgeuntersuchungen, die Probleme früher erkennen lassen, und Frauen anhand der Ergebnisse handeln lassen können. Die Biologie ist immer noch die Gleiche geblieben. Die Untersuchungen werden erst an Frauen über 35 Jahren angeboten, und diese Grenze ist willkürlich. Die Tatsache, dass in Deutschland Kinder mit Down-Syndrom heutzutage vor allem von Frauen unter 35 geboren werden, liegt daran, dass diese Frauen noch keine Untersuchung angeboten bekommen.

Advertisements

2 Gedanken zu “Risikoschwangerschaft

  1. Ist es wirklich das wünschenswerte Ziel, dass keine Kinder mit Down-Syndrom geboren werden? Ich kenne Familien die ihre Down-Kinder als große Bereicherung empfinden und sehr froh sind sie zu haben.
    Ich habe schon häufiger Menschen mit dieser genetischen Abweichung kennengelern und möchte diese Begegnungen nicht missen. Außerdem ist heute durch gezielte Förderung ein ziemlich normales Leben möglich.

    ,,, also ich fänds schade …

    Liebste Grüße
    Ela

    Gefällt mir

Teile deine Meinung mit!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s