Mein Jahr 2017 in Büchern

Ein Jahr geht zu Ende, und ich stelle wieder fest, seitdem ich nicht mehr alleine als Single lebe, lese ich viel weniger. Da ich mal gefragt wurde, ob und was ich gerne lese, kommt jetzt eine Revue der Bücher, die mir 2017 in die Hände gefallen sind.

Bücher

  • Albert Camus, L’étranger. Wir hatten mit dem Ehemann mal über erste Sätze von Romanen diskutiert, und diese kannte er noch nicht. « Aujourd’hui, maman est morte. Ou peut-être hier, je ne sais pas. » Im Gymnasium hatte uns der Lehrer im Literaturunterricht gesagt, diese zwei Sätze wären die Berühmtesten überhaupt. Wenn alle Literaturlehrer in allen französischen Gymnasien das ihren Schülern erzählen, dann stimmt es auch irgendwann 😀 Quatsch, selbst Wikipedia erwähnt es. Weil ich aber nach über zwanzig Jahren nicht mehr wusste, worum es sonst in dem Buch ging, nachdem die Mutter gestorben ist, habe ich es mir gekauft. Das Buch wird als ein der Hauptwerke vom Existentialismus beschrieben. Wenn ich mich vage an La Nausée von Sartre erinnere, kommt es mir vor, als ob es hauptsächlich um gefühllose sexuelle Erfahrungen ginge, um den Sinn des Lebens wieder für sich zu entdecken. Aber Philosophie ist ja nicht meine Stärke, schließlich bin ich in dem Fach für die Abitur grandios durchgefallen. Das hat man davon, wenn man seine Mathe-Aufgaben im Philosophie-Unterricht schreibt.
  • George Cham & Daniel Whiteson, We have no idea. Ein lustig geschriebenes Buch über alles, was man in der Physik noch nicht weiß.
  • Neil Gaiman, Norse Mythology. Neil Gaiman ist einer meiner Lieblingsautoren. Ich konnte es mir nicht entgehen lassen, die nordische Mythologie auf seiner zauberhaften Schreibweise erzählt zu bekommen.
  • Günter Grass, Rede vom Verlust. Leider immer noch sehr aktuell.
  • Sybil Marshall, The Book of English Folk Tales. Das Buch hatte ich mir letztes Jahr für Weihnachten gewünscht. Ich habe ein Faible für Märchen aller Art. Diese Sammlung bietet viel mehr als Märchen, es geht auch um Legenden und Erzählungen von lokalen historischen Ereignissen in England. Die Autorin hat sich bemüht, sogar die einzelnen Dialekten in den Dialogen wiederzugeben. Besonders gut gefallen hat mir die Schmuggler-Geschichte Bury Me in England (und der französische Matrose! My sheep, she is La Belle Jeanne. We ’ave English m’sieur on board. Köstlich!). Die fast vierzigseitige Einleitung habe ich, weil sie am Anfang des Buches lag, ebenfalls gelesen, was nicht immer leicht war. Dadurch habe ich verstanden, was folklore wirklich bedeutet: folk lore, „Wissen des Volkes“. Gut, Wikipedia wusste es auch schon längst.
  • Terry Pratchett, The Shepherd’s Crown. Ich habe alle Discworld Bücher gelesen. Und sowieso alle Bücher von Terry Pratchett. Mehrmals. Einige Bücher sind nur noch mit großer Vorsicht zu behandeln, da einzelne Blätter nicht mehr fest sitzen. Nur dieses Buch, das posthum veröffentlicht wurde, noch nicht. Ich hatte es sofort gekauft, als es verfügbar wurde, aber die Tatsache, dass es danach kein neues Buch mehr von ihm geben würde… 😥 Ich habe es dieses Jahr endlich geschafft.
  • Hariett Beecher Stowe, Uncle Tom’s Cabin. Eine Bildungslücke geschlossen.

Comics

  • Pénélope Bagieu, Culottées, Tome 1 & Tome 2. Man fährt nicht an Angoulême vorbei, ohne ein paar Comics mitzunehmen. In zwei Bändern erzählt und zeichnet die Autorin das Leben von dreißig außergewöhnlichen Frauen, die den Zwängen ihrer Zeiten getrotzt und dadurch ihre Gesellschaften beeinflusst haben. Beinhaltet teilweise richtig harten Stoff.
  • Neil Gaiman, Coraline. Die von Philip Craig Russell illustrierte Version vom gleichnamigen Roman.
  • Marcel Gottlieb, dit Gotlib, Les dingodossiers. L’intégrale.
  • Ralf König, Pornstory. Schön älter, ich war nur noch nicht dazu gekommen, es zu lesen.
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Ich schreibe wie

Analysetool, entdeckt bei Carrie. Eine nette Beschäftigungsidee, während die ersten Böller schon auf der Straße und im Hinterhof knallen.

Die Hits aus den Einträgen vom letzten halben Jahr:

Vielleicht doch keine so gute Idee und ganz viele andere Texte:

Ich schreibe wie
Stieg Larsson

Das Forschungsprojekt von AnwaltMap – anwälte. Ich schreibe wie…

Offener Brief an Jasmina und nicht so viele andere Texte:

Ich schreibe wie
Joanne K. Rowling

Das Forschungsprojekt von AnwaltMap – anwälte. Ich schreibe wie…

Die Ausreißer:

Unwohl:

Ich schreibe wie
Sidney Sheldon

Das Forschungsprojekt von AnwaltMap – anwälte. Ich schreibe wie…

Eine Knirpssche Frechheit:

Ich schreibe wie
Erich Maria Remarque

Das Forschungsprojekt von AnwaltMap – anwälte. Ich schreibe wie…

Der verlorene Regenschirm:

Ich schreibe wie
Friedrich Glauser

Das Forschungsprojekt von AnwaltMap – anwälte. Ich schreibe wie…

Außer Joanne K. Rowling kenne ich keine der anderen Autoren, und selbst Rowling habe ich nicht auf Deutsch gelesen.

Von Wohnungssuche und Schuften

Nach einem einwöchigen Familienbesuch bei den Verwandten vom Ehemann in Hessen habe ich den heutigen Tag auf Wohnungsbesichtigungen in München verbracht. Aus allen meinen Anfragen bei Immobilienscout24 habe ich bis jetzt nur ganz wenige Antworten bekommen. Zwei davon waren Termine für Besichtigungen, die ich heute wahrnehmen konnte.

Die erste Wohnung ist in Ordnung. Der Schnitt der Zimmer ist nicht optimal, dafür liegt die Wohnung nicht weit von der Arbeit und hat einen Tiefgarageplatz, einen schönen großen Keller und einen gemütlichen, wenn auch vollen, abgeschlossenen Fahrradraum. Die zweite Wohnung sieht super aus, hat zwei Balkone, liegt leider so weit nach Osten, dass ich wieder mit einer Mindestfahrzeit von einer Stunde zur Arbeit rechnen müsste. Die Lage gefällt mir auch nicht, soweit ich es an einem dunklen kalten Abend mit ungefegtem glattem Schnee beurteilen kann: Nein, in Neuperlach möchte ich nicht leben. Parkplatz und Fahrradabstellraum gibt es sowieso nicht, und der Keller ist winzig.

Für die erste Wohnung wollte sich der Besitzer morgen melden, für die zweite weiß ich erst nächste Woche Bescheid. Wenn es nicht klappt, muss ich vermutlich den ersten Monat im Hotel wohnen, etwas anderes wird nicht mehr zustande kommen. Nicht mal Pensionen haben auf meine Anfragen reagiert!

Über eine andere Rückmeldung habe ich mich gar nicht gefreut. Vorgestern kam eine Email über eine Wohnung, die fast zu schön aussah, um wahr zu sein: Vier Zimmer, 84 Quadratmeter, 850€ Kaltmiete (das Angebot ist mittlerweile deaktiviert). Ein Schäppchen! Natürlich habe ich über Immobilienscout24 den Anbieter kontaktiert und nach einem Besichtigungstermin gefragt. Das war am 22 Dezember. Die Email vom Anbieter ging über meine private Adresse, statt über Immobilienscout. Es hätte eine Warnung sein sollen. „Oscar“, der vermutlich in Wirklichkeit anders heißt, schrieb:

Hallo ,

Ich bin sehr froh, dass Sie daran interessiert sind, meine Wohnung zu mieten. Es tut mir leid, aber ich spreche kein sehr gut deutsch, also wenn du wirklich interessiert bist, antworte mir bitte auf Englisch, wie ich ursprünglich aus Italien bin. Ich arbeite als ingenieur eine grüne Energieunternehmen. Ich habe keinen Grund, so bald nach Deutschland zurückzukehren, und aus diesem Grund habe ich beschlossen, meine Wohnung zu mieten, man kann die Wohnung ohne Limit mieten. Der Preis für die monatliche Miete beträgt 850 Eur Parkplatz, Wireless Internet, Kabel-TV). Die Wohnung befindet sich in der Brieger Strasse 21 , 80997 München ist in sehr gutem Zustand und benötigt keine zusätzlichen Reparaturarbeiten. Bitte beachten Sie, dass diese Wohnung in der Nähe unseres Herzens liegt, nicht nur, weil wir Geld investiert haben. Wir bitten Sie daher, die Wohnung komplett zu warten und zu behandeln. Bitte senden Sie uns eine kurze Selbstbeschreibung (ID Fotokopie oder SCHUFA), einschließlich der anderen Personen, die in der Wohnung wohnen würden. Wenn Sie interessiert sind, schreiben Sie mir bitte eine E-Mail für weitere Informationen.

P.S. Hier finden Sie weitere Fotos.

Grüße,

Oscar

Die Antwort auf die Frage nach weiteren Informationen sah dann so aus (die Verlinkungen habe ich gelöscht und ich rate stark davon ab, die Links zu kopieren und im Adressefeld vom Browser einzugeben, HomeAway kann man googeln und deren Adresse ist nicht die, die hier angegeben wird):

Thanks for your notice. After we reviewed your request me and my wife decided to rent the flat to you. You seem to be a nice person and I can assure you we will not have any kind of problems. Everything in the place is in good condition and renovated but just in case repairs are needed I will cover the costs no worries.Obviously you will have to see the apartment before discussing further details because you cannot rent an apartment that you haven’t seen. I am willing to send you the keys so you can visit it and see if it suits your needs.

The delivery for the keys and lease agreement, will be made through HomeAway real estate agency (https: // www . fewo-direkt . de) to make sure that we can trust each other. This is a international rentals company which offer safe rentals solutions in more than 190 countries. More information on this company can be found at (https: // www . fewo-direkt . de/)

You will have to deposit to HomeAway two months rent + one month damage deposit, a total of 2550 euro, all bills included. You don’t need to open an account with HomeAway because this transaction is a long term rental transaction and the Landlord must open the transaction but you need to have online banking option activated on your bank account.

Here is the procedure explained :

1 – To start the process all I need is your full info (full name, shipping address and a cell phone number where you can be reached)
2 – I will  deposit the keys and the contract on your name as the intended receiver.
3 – HomeAway will check the package to see if everything is in order and also the legal papers that will come along with the keys and proof of ownership with their Real Estate Professional Department. They will also confirm with the building management that I’m the legal owner of the apartment I’m renting to you.
4 – HoweAway will send you a delivery notification to let you know they have the keys and the papers in their custody. They will also send you all the payment instructions to complete the rental transaction.
5 – At this point you will have to make a money deposit on the HomeAway for the amount we agreed.
6 – After you make the deposit you will have to send payment details to HomeAway.
7 – HomeAway will verify the transfer and if everything is in order they will start the delivery through licensed shipping company such as DHL or UPS. The delivery will take 2-3 business days.
8 – After you receive the package, you will go and check the apartment and in 5 business days (inspection time) you must contact HomeAway to inform them if you keep the apt or not, if everything is in order you will inform HomeAway to forward the funds to my account. If you don`t like the apartment the payment will be full refunded to you. HomeAway can NOT release the funds without your approval. Also the inspection time of 5 days will start from the moment you will be at the building.

Using HomeAway Online Payments involves three parties: me as owner, you as a potential tenant and HomeAway as a responsible third party authorized to handle this transaction. HomeAway Online Payments works the same way as the escrow account on which you place the deposit when you rent an apartment. Of course, nobody can take that money until you will sign the lease agreement.

You need to know everything about the process before we get this started. I think is right for both of us.

Let me know if you have the funds available (2550 euro) so we can move forward and e-mail me your full information I requested.

Thanks

Wenn DAS kein Betrugsversuch ist! Obviously werde ich nicht darauf eingehen! Ich überlege, ob ich nicht stattdessen die Polizei einschalten sollte.

Eine andere böse Überraschung gab es auf Airbnb. Die Seite wurde mir von meinem zukünftigen Chef empfohlen, um Wohnungen auf Zeit zu finden und mehr Zeit zu haben, die richtige Wohnung vor Ort zu finden. Eine schöne Wohnung wurde schnell gefunden, und ich hatte mich super gefreut, gleich nachdem ich meinen Konto auf Airbnb eröffnet hatte, eine Buchungsbestätigung für den ganzen Januar bekommen zu haben. Kurz danach kam leider eine Email der Gastgeberin, die sich entschuldigte, weil die Wohnung schon für die erste Hälfte von Januar vergeben war, und sie es versäumt hätte, es auf Airbnb im Kalender anzugeben. Da ich dachte, sowieso nicht so schnell eine Wohnung finden zu können, habe ich gefragt, ob man die Buchung nicht einfach um zwei Wochen verschieben könnte. Geht nicht, kam die etwa späte Antwort, sie könnte mir die Wohnung nur vom 16.01. zum 09.02. anbieten, was nicht mal drei Wochen entsprach. Dadurch würde noch die Vergünstigung aufgrund des längeren Aufenthalts entfallen, was mir wiederum zu teuer wurde: 60€ pro Nacht, statt 810€ für den ganzen Monat! Ich habe die Gastgeberin darum gebeten, die Buchung zu stornieren. Schließlich war es ihr Fehler. Heute kam eine neue Email von ihr:

leider klappt das mit der Stornierung für mich als Gastgeber nur unter sehr ungünstigen Umständen. Wäre es für dich möglich zu stornieren? Das wäre nett! Danke 🙂
Herzliche Grüße, Eva

Geht’s noch? Dadurch würde ich auf die Wohnung verzichten und trotzdem die ganze Miete zahlen müssen, weil die Stornierungsbedingungen für Langzeitbuchungen gelten! Dabei ist es nicht mal mein Fehler, wenn die von mir gebuchte Reise nicht möglich ist! Mir ist echt übel von soviel Dreistigkeit. Bevor ich eine Antwort schicke, muss ich mit dem Ehemann in Ruhe diskutieren. Er hat einige Anwälte in seiner Verwandschaft, vielleicht können sie mich auch beraten.

Vielleicht doch keine so gute Idee

Ich habe noch nicht mit dem neuen Job angefangen, und schon bereue ich meine Entscheidung. Eine Wohnung in München zu finden scheint mir unmöglich zu sein. Vor allem, wenn man 600 Kilometer entfernt wohnt und noch berufstätig ist. Mein letzter Arbeitstag ist nächste Woche, und ich soll ab Januar in München arbeiten. Wie soll das gehen? Ich bin heute um drei aufgewacht, und der Stress, immer noch nicht zu wissen, wo ich in drei Wochen wohnen werde, hält mich vom Schlafen ab. Selbst mit der neuen schnellen Strecke zwischen Berlin und München kann ich nicht einfach so zu einem Besichtigungstermin fahren.

Nicht, dass ich einen Vorschlag für einen Termin bekommen hätte. Die Antworte auf meine bisherigen Kontaktanfragen auf Immobilienscout24: Keine. Ein Angebot wurde gelöscht, ohne dass ich informiert wurde. Nur beim Besuchen vom Link aus der Email, die ich bei der Kontaktanfrage automatisch bekommen habe, habe ich es erfahren. Vielleicht sollte ich mir doch ein Konto erstellen. Bei den anderen Anzeigen sind die Objekte noch vorhanden, aber keiner scheint es nötig zu haben, mir eine Antwort zu schicken. Dabei musste ich unheimlich viele persönliche Daten hinterlassen. Eine Maklerfirma habe ich sogar für eine Wohnung kontaktiert, die praktisch nahe an der Arbeit liegt. Sie haben mir mehr Informationen geschickt, aber seit meiner Frage nach einem Besichtigungstermin ist Funkstille. Vermutlich gab es schnellere Interessierte.

Natürlich kommt dazu der Schock von den Mietpreisen. Man weiß es ja, München ist extrem teuer. Bei vielen Portalen findet man keine Ergebnisse, wenn man mindestens 50 Quadratmeter unter 700 € Kaltmiete sucht. Ich habe schon Einzimmerwohnungen in Betracht gezogen, aber der Ehemann will es bequem haben, wenn er mich besucht. Ich frage mich, wo wohnen die normalen Menschen, die in München arbeiten? Und die Studenten? Die interessante Angebote, die ich vor einem halben Jahr gesehen hatte, in Fahrrad-Entfernung von der Arbeit, scheinen aus dem Markt verschwunden zu sein. Vielleicht liegt es an der Jahreszeit. Wenn ich die Preise für Wohnungen sehe, und ich suche im Radius außerhalb der U-Bahn Strecke, also gar nicht mal in der Innenstadt, dann merke ich, es wäre sogar günstiger, auf Dauer im Hotel zu wohnen. Dafür würde auch noch jemand für mich täglich putzen. Eine erste Anfrage bei einer Pension habe ich für Januar geschickt. Sie werben damit, dass sie Zimmer ab 600 € pro Monat anbieten können. WLAN und Nebenkosten inklusiv. Wohngemeinschaft? Vergiss es. Meine Privatsphäre ist mir zu wichtig. Und günstiger ist es eh nicht!

Die teure Miete in München ist nicht alles, was auf mich zu kommt. Es gibt die Pendlerei nach Berlin. Wenn wir uns mit dem Ehemann am Wochenende sehen wollen, macht das jedes Mal 120 € Fahrtkosten mit der Bahn. Es ist besser, ich fahre hin, als er kommt, wenn ich in Pension lebe, sonst macht es noch mehr Kosten. Alles in allem, wenn es mit der Pension auf 700 € hoch kommt, werde ich trotz üppiger Gehaltserhöhung monatlich netto 600 € weniger haben als mit meiner jetzigen Arbeit. Die Wohnung hier will noch finanziert werden. Ich hätte mehr Gehalt handeln sollen. Mit der Gefahr, zu viel zu verlangen und doch keinen Arbeitsvertrag zu bekommen…

Bis der Ehemann eine neue Stelle in München findet, könnte ich in Pension wohnen. Dann müssen wir uns eine gemeinsame Wohnung suchen, die kleiner als die Jetzige ist, den Umzug organisieren, und die Wohnung in Berlin mieten. Klar, vieles kann man bei der Steuererklärung absetzen. Bis wir was vom Geld wieder sehen, dauert es anderthalb Jahre. Vielleicht kommen wir sowieso nach zwei oder drei Jahren zurück nach Berlin. Mit meiner allerersten Erfahrung außerhalb der öffentlichen Forschung könnte ich sicherlich einfacher eine Arbeit finden.

Der Narzisst

Mr Keen ist ein Narzisst. Seitdem ich dieses Video entdeckt habe, dank Carrie, bin ich fest davon überzeugt. Und habe verstanden, was ein Narzisst ist. Hier folgen ein Paar Punkte, bei denen ich Mr Keen in unzähligen Situationen bildlich vor den Augen bekommen habe.

„Der Narzisst[1] befreit sich und sagt, ich gehe jetzt weg, ich ignoriere dich jetzt. […] Narzissten sind verletzte Kinder.“ Ja. Sein kindliches Verhalten beobachte ich immer wieder, wenn er sich als Opfer fühlt, weil er beleidigt wurde oder nicht genug Aufmerksamkeit bekommen hat oder was weiß ich. Er geht an einem vorbei, ist plötzlich an Leute sehr interessiert, mit denen er sich sonst kaum unterhält, dreht einem dabei demonstrativ den Rücken zu und tut, als ob man nicht existieren würde. Ich habe häufig gedacht, genau so hatte sich meine Katze verhalten, wenn ihr irgendwas nicht gepasst hatte[2]. Merkt er gar nicht, wie lächerlich seine Reaktion ankommt? Nein. Er wendet anscheinend ein Muster an, das er seit der Kindheit kennt, weil er vermutlich in einer dysfunktionalen Familie aufgewachsen ist.

„Der Narzisst manipuliert seinen Umfeld“. Dabei habe ich zum ersten Mal im Video den Begriff flying monkeys gehört, der offenbar nicht ins Deutsche übersetzt wurde. Ich musste an die Geschichte denken, als Mr Keen seine Frau[3] als flying monkey benutzt hat, damit sie die Frau von Pawel (zu Hause mit einem frischen Säugling) anruft, um ihr zu sagen, wie verdächtig häufig Pawel alleine mit Kate Kaffeepausen macht… Weil sich Mr Keen dadurch vernachlässigt fühlte. Krank ist das, echt.

„Der Narzisst lässt dich verrückt erscheinen“. Oder lässt dich schlecht aussehen. Zusammen mit dem letzten Punkt: Die Manipulation vom Umfeld, damit du Opfer als Täter erscheinst. Das hat er bei Kate versucht, nachdem sie unsere Gruppe verlassen hat. Vor einer Woche hat ein Kollege einen runden Geburtstag gefeiert und die ganze Gruppe eingeladen. Kate hatte zugestimmt, bevor sie von ihrem Glück mit dem neuen Job erfahren hatte. Mr Keen war, was mir nicht bewusst war, für die Organisation von einem Geschenk für den Kollegen zuständig. Ich hatte von meinem IT-Kollegen ganz kurzfristig vom Geschenk erfahren und dachte, er würde sich darum kümmern. Kate war jedenfalls nicht mehr da und wusste nichts davon. Nach der Feier ist Mr Keen durch die Büros gegangen, um Geld zu sammeln. In meinem Büro, wo auch unser HiWi sitzt, hat er gefragt, ob Kate denn beigetragen hätte. Sie hätte ja die Karte bei der Feier unterschrieben. Keine Ahnung, war meine Antwort. Ich organisiere das Geschenk nicht, er müsste es doch selber wissen. Na ja, nachdem Kate endlich sein wahres Ich erkannt hat, hat er sie völlig ignoriert. Mit ihr hat er nicht mehr geredet und nicht mal reagiert, wenn wir mit den anderen Kollegen in seinem Büro über ein Abschiedsgeschenk für sie diskutiert hatten. Also hat er sie gar nicht gefragt, hat aber angefangen ganz laut zu erzählen, dass sie so ein Miststück wäre, weil sie kein Geld für das Geschenk zahlen wollte (kurz zusammen gefasst). Das habe ich natürlich laut widersprochen, bis er aufgehört hat, über sie zu lästern, und habe dem Studenten erklärt, dass Mr Keen immer ganz schnell dabei ist, andere unberechtigterweise zu beschuldigen. Die Nachricht muss bei Mr Keen angekommen sein, er ignoriert mich seitdem.

Dass er immer wieder versucht, die Gruppe zu manipulieren, habe ich mehrmals beobachtet. Einmal, als Winfried unterwegs war und Mr Keen die Leitung vom Gruppenmeeting überlassen hatte… Ich hatte die Woche davor Rufbereitschaft. Normalerweise ist der Sonntag entspannt. Keine Nutzer an den Geräten[4], es kann nichts schief gehen. Denkste. Als ich am Samstag die Nutzer für den Tag eingewiesen hatte, habe ich erfahren, dass Winfried jemandem ausnahmsweise versprochen hatte, am Sonntag unsere Geräte benutzen zu dürfen. Ich habe an meinem Plan von einer Wanderung nichts geändert und dem Nutzer gesagt, da ich nicht informiert wurde, könnte ich bei Problemen nicht sofort helfen, da ich am Sonntag unterwegs war. Alles klar. Ich bin an dem Tag dreimal angerufen worden. Es waren sehr einfache Probleme, die kurz am Telefon zu lösen waren. Ich habe es am Montag im Meeting erwähnt, weil es technische Probleme waren, die sich meine Kollegen anschauen sollten. Die Reaktion von Mr Keen war äußerst merkwürdig. Wie konnte es Winfried wagen, mir den Sonntag zu verderben, indem er unerfahrene Nutzer arbeiten läßt? Man kann doch nicht erwarten, dass wir auch am Sonntag Rufbereitschaft leisten sollen! Was für ein Stress ich doch hatte! Huch, habe ich mir zuerst gedacht. Mr Keen sorgt sich plötzlich um mein Wohlbefinden? Natürlich nicht. Er hat sich nur vorgestellt, wie es ihm gegangen wäre, wäre er statt ich dran gewesen. Und er war schon dabei, die Gruppe zum Aufruhr anzustiften: Wir müssten Winfried sagen, so geht es nicht, und uns weigern, den Nutzern zu helfen, wenn wir schon so eine harte Woche hinter uns haben. Sein Plan ist nicht aufgegangen. Wir können den Nutzern, dank denen übrigens unsere Gruppe überhaupt noch existiert, nicht vorwerfen, dass wir Probleme hatten, bevor sie zu ihrer gebuchten Messzeit kommen. Information von Winfried hätte ich mir gewünscht, sonst nichts. Schließlich werden wir für Rufbereitschaft extra bezahlt, auch am Sonntag.

Das letzte Beispiel war, als der Nachfolger von Kate bekannt gegeben wurde: Walter, ein fast fertiger Doktorand aus einer Gruppe, mit der wir viel Kontakt haben. Der Vorteil: Er hat in seiner Arbeit die Methode von Kate angewendet, kann sie mit wenig Einarbeitung weiter entwickeln, und hat auch unsere Geräte schon benutzt. Mr Keen mag ihn aber nicht. Walter wäre nicht respektvoll. Obwohl er „nur“ Doktorand ist, würde er sich als Besserwisser verhalten und seinen Platz nicht kennen. Die Realität: Walter ist jemand, der genau wissen will, wie unsere Geräte funktionieren, und lieber tausendmal nachfragt, als Fehler zu machen, wenn er danach auf sich selbst gestellt ist. Dabei passiert es, dass er Fragen stellt, die auf Schwächen von unseren Geräten hinweisen. Sie sind ja nicht perfekt. Und das ist es, was Mr Keen stört, da er sich um die Entwicklung der Geräte kümmert. Scheinbare Kritik, auch wenn sie keine ist, kratzt an seinem Ego[5]. Also hat er versucht, als wir nur zu zweit zum Büro unterwegs waren, mir die übelsten Geschichten über Walter zu erzählen. Zum Beispiel, Walter wäre jemand, der ständig heimlich über Anderen schlecht reden würde. Ach ja? Das kann man wohl eher von Mr Keen sagen. Der Chef von Walter persönlich soll es noch Mr Keen und Winfried erzählt haben. Nee, so ein Verhalten können wir in der Gruppe echt nicht gebrauchen, habe ich Mr Keen gesagt. Ich meinte dabei Mr Keen. Das Lästern ist ein absolutes No-Go. Wenn er ein persönliches Problem mit Walter hat, soll er mit Winfried darüber reden, nicht mit mir. Wenig später habe ich erfahren, dass Tomasz sich dasselbe über Walter in einem „vertraulichen Gespräch“ mit Mr Keen anhören musste. Weil Tomasz durch das Gespräch verunsichert wurde und Kate gefragt hat, ob es stimmt. Nein, stimmt es nicht. Kate hat mich deswegen gefragt, ob Mr Keen auch bei mir über Walter gelästert hätte. Ja, hat er. Sein Versuch ist gescheitert. Walter kommt zur Gruppe.

Es gäbe noch viel zu erzählen. Vielleicht ein anderes Mal.

[1] Oder die Narzisstin.

[2] Scheiße. Jetzt wird es mir klar. Katzen sind alle Narzisstische Wesen. Wenn sie auf dem Boden den Bauch zeigen und mit ihren Pfoten in der Luft so süß aussehen und schnurren, dann, um uns vergessen zu lassen, dass sie längst die Welt erobert haben.

[3] Ich kann immer noch nicht glauben, dass er eine freiwillige Frau zum Heiraten finden konnte.

[4] Das kommt noch, aber jetzt bin ich raus.

[5] Und wir sollten die Logbüber unserer Geräte vertuschen, weil unsere Nutzer sie auch lesen und drin schreiben. Selbst wenn er es nicht so ausgedrückt hat, hat er es in einem Gruppenmeeting ernsthaft vorgeschlagen. „Was für einen schlechten Eindruck machen wir bei den Nutzern, wenn sie sehen, welche Probleme auftreten? Wir als Team sollten doch nichts schlechtes in den Logbüchern schreiben.“ Ich sehe es im Gegenteil als meine Pflicht, unsere Nutzer darauf aufmerksam zu machen, wenn irgendwas nicht richtig funktioniert. Logbücher vertuschen? Das grenzt für mich an wissenschaftlichem Fehlverhalten. Winfried saß an dem Meeting nebenan mit glasigem Gesichtsausdruck und merkwürdigem Lächeln auf den Lippen und sagte dazu: Nichts. Manchmal frage ich mich, ob Mr Keen ihn nicht hypnotisiert hat.

Die ekligsten Crêpes überhaupt

Die habe ich heute auf dem Weihnachtsmarkt in Zehlendorf gegessen. Bläh. Nie wieder. Das soll eine Warnung sein.

Wir hatten uns mit dem Ehemann dort zum Feierabend verabredet. Grund war, dass ich keine Lust hatte, einkaufen zu gehen und dachte, wir könnten dort eine Kleinigkeit essen. Lust auf Wurst oder Grünkohl oder Gulasch hatte der Ehemann nicht, aber es gab noch den Crêpes-Stand, bei dem wir noch nicht waren. Da standen schon einige Leute in der Schlange. Wir haben uns angeschlossen. Das war ein Fehler, den ich kein zweites Mal machen werde.

Nach süßen Crêpes war uns nicht. Wir haben uns für die herzhafte Variante entschieden, mit Schinken und Käse. Ich wurde schon skeptisch, weil sie nur eine Sorte Teig hatten, nämlich die mit weißem Mehl, die man doch nur für süße Crêpes verwendet. Eine potentielle Kundin hatte sogar gefragt, ob sie die dunkle Teigsorte für herzhafte Crêpes benutzen, was verneint wurde. Der junge Mann hinter der Theke hatte komisch geschaut, als ob er nicht verstehen konnte, wie man auf die Idee käme. Es hätte uns eine Warnung sein sollen. Die Frau ging weg, wir blieben in der Schlange.

Als wir dran kamen war eine andere junge Frau hinter der Theke, die den Teig auf die heiße Platte verteilt hat. Der junge Mann war für die Füllung zuständig. Mich hat es sehr genervt, dass die Frau die ganze Zeit nur dabei war, irgendwas auf ihrem Handy zu tippen.  Dass sie nicht mal in der Lage war, die Crêpe richtig zu heben, ohne große Löcher zu verursachen, weil sie einfach nicht aufgepasst hat, schien weder sie noch ihren Kollegen zu stören. Dabei war der Teig nicht mal richtig durch. Der Kollege, der das Backen später übernehmen musste, weil die Frau den anderen Kollegen weiter weg irgendwas auf ihrem Handy zeigen musste, war nicht besser. Wie er die Crêpes auf seine Platte geschmissen hat, ohne darauf zu achten, ob sie richtig flach liegen, war eine große Enttäuschung. Teig irgendwie gefaltet auf der Platte gefallen, Füllung drauf, Teig zugeklappt, Crêpe gleich zum Mitnehmen auf ein Pappteller geklatscht.

Es kam, wie es kommen musste. Der Teig, der noch teilweise roh war, hatte am Pappteller geklebt, die Crêpe schmeckte pappig und zu süß für den Inhalt. Mir blieb nur ein Gefühl der Unzufriedenheit und der Bedarf, irgendwas anderes zu essen, um bloß den noch verweilenden Geschmack im Mund zu vertreiben. Noch eine süße Crêpe wollte der Ehemann jedoch probieren. Mit Banane und Nutella, was kann man da falsch machen? Eine Menge. Dem expliziten Wunsch, den Teig doch länger backen zu lassen, hat der junge Mann bewusst ignoriert. Der Teig würde dann trocknen und hart werden, meinte er. Den hat er fast genau so wie bei der herzhaften Crêpe fast noch roh serviert. Das Ergebnis war trotz süßer Füllung widerlich.

Ich bin sauer, dass man auf einem Weihnachtsmarkt die Erlaubnis bekommt, sowas verkaufen zu dürfen. Ich dachte naiv, ein gewisses Maß an Qualität müsste man vorweisen. Dabei haben wir doch Leute im Viertel, die sich wirklich mit Crêpes auskennen. Man braucht nur am Samstag zum Wochenmarkt zu gehen. Ich kann den Betreibern vom Stand auf dem Weihnachtsmarkt nur empfehlen, sich dort zu informieren, wie man Crêpes macht.

Doch wieder die Pille


Ich dachte, ich würde nie wieder die Pille nehmen. Jetzt habe ich ein Rezept für vier Monate bekommen. Heute Morgen in Anwesenheit vom Ehemann die erste Pille geschluckt, direkt nachdem ich aus der Gynäkologie-Praxis raus kam.

Es war nicht leicht, aber die Entscheidung musste ich doch treffen. Erstmals aus gesundheitlichen Gründen. Ich bin es satt, dass meine Periode seit der Fehlgeburt so unregelmäßig geworden ist. In meinem Kalender habe ich Kreise an den Tagen mit extrem starken Blutungen gemacht. Der Höhepunkt der Periode, sozusagen. Gestern war so ein Tag. Davor war vor 23 Tagen. Und der vorherige Zyklus war 18 Tage lang. Der Zyklus noch davor 38 Tage. Ich dachte schon, ich wäre wieder schwanger, aber meine morgendliche Temperatur war die ganze Zeit genau zwischen „vor dem Eisprung“ und „nach dem Eisprung“, und die drei Tests, die ich gemacht habe, sind negativ ausgefallen. Wenn ich gucke, wie lange meine Zyklen seit der Fehlgeburt waren: 23, 18, 38, 24, 26, 25, 27, 41, 24, 33 Tage. Vor der Schwangerschaft war ich wie eine Uhr eingestellt, alle 28 Tage. Jetzt weiß ich gar nicht mehr, wann der Eisprung dran wäre, und die Temperatur hilft nicht, weil sie sich nicht mehr so binär wie vor der Schwangerschaft verhält. Vorher waren es etwa 36,0°C vor dem Eisprung, 36,5°C danach. Seit einiger Zeit bleibt es um die 36,2°C.

Vielleicht ist etwas dran, was die Gynäkologin heute Morgen sagte. Die Menopause fängt an. In meinem Alter kann es schon sein, auch wenn es bei meiner Mutter viel später passiert ist. Oder die Fehlgeburt hat mein Zyklus durcheinander gebracht, wie Kate meinte, oder vielmehr ihre Mutter, die Gynäkologin ist. Die Pille würde dann helfen, den Zyklus wieder in Ordnung zu bringen. Damit wäre es mit dem Kinderwunsch auch vorbei, sagte meine Gynäkologin heute Morgen. Nicht, weil die Pille nach dem Aussetzen Unfruchtbarkeit bringt, sondern weil ich danach einfach ein paar Monate älter bin, und nach vierzig kann man sich sehr glücklich schätzen, schwanger zu werden. Der Kinderwunsch kommt aber vor allem vom Ehemann, und ich denke, er kann auch damit leben, wenn wir keine Kinder bekommen.

Man könnte auch den Zyklus mit anderen Mitteln als mit der Pille korrigieren. Aber verhüten will ich jetzt auch, und der Ehemann hat keine Lust mehr, wieder Kondome zu benutzen. Denn ab Januar fange ich eine neue Arbeit an. Der Vertrag ist jetzt angekommen. Heißt, ich habe wieder eine sechsmonatige Probephase zu bestehen. Schwanger werden ist keine Option. Ich meine, in München? Mit der Pendlerei? Während der Ehemann noch in Berlin ist und nach einer neuen Arbeit zum Umziehen sucht? Wo ich das Doppelte von ihm verdiene? Wenn ich dann ausfalle, wird es kein Spaß, bei den Preisen für Wohnungen.

Und dann kommt der Schwindel dazu. Diese Woche recht heftig. Es hat am Montag angefangen, kurz vor Feierabend. War ich froh, dass der Ehemann mich von der Arbeit mit dem Auto abgeholt hatte! Beim Aufstehen musste ich mich plötzlich gegen die Wand im Büro fest halten, weil alles schwankte. Am Mittwochabend, an der Haltestelle, dachte ich plötzlich, dass die Bank, neben der ich stand, total am wackeln war. Ich habe sie angefasst und versucht zu bewegen, aber sie war fest verankert und bewegte sich nicht. Die Frau neben mir hat mich ganz schief geschaut. Die Gynäkologin meinte heute, es könnte eine Folge der Unregelmäßigkeit meiner Periode sein. Vielleicht habe ich Eisenmangel? Eine Blutprobe wurde genommen, aber eigentlich habe ich es schon vor einem Monat beim neuen Hausarzt gemacht, und er meinte, alles wäre in Ordnung. Vielleicht bin ich einfach erschöpft.

Zu Gast in der Radioeins Dachlounge

Wir hatten im Sommer schon davon gehört, da wir jeden Tag mit Radioeins aufwachen. Zum Jubiläum hat der Sender eine Dachlounge eröffnet, wie auch schon hier berichtet, wo man einfach so (nach einer Sicherheitskontrolle) ohne vorherige Anmeldung und kostenlos herein spazieren darf und bei den Sendungen live dabei sein kann.

Wir hatten es immer im Auge gehabt, aber erst heute sind wir dazu gekommen, dahin zu gehen. Es wurde langsam Zeit, ab Januar soll es schon vorbei sein. Schade. Dabei sitzt man nicht nur als Publikum da, nein, es gibt dort viele Tische und man kann von der Bar leckere Cocktails und Snacks bestellen. Zugegeben, die hohen Stühle fand ich nicht so bequem.

„Lass uns endlich irgendwann diese Woche zur Dachlounge gehen,“ hatte der Ehemann heute beim Frühstück vorgeschlagen. Programm geschaut: Ja, heute sah es recht interessant aus! Yasmine Hamdan kannte ich noch gar nicht[1], aber die Beschreibung hat mich ganz neugierig gemacht. Und es wurde noch besser als erwartet! Zwei Lieder wurden gesungen, wobei das zweite über Beyrouth (ach, Beirut schreibt man das wohl auf Deutsch), wo die Sängerin her kommt und den Bürgerkrieg erfahren hat, mich besonders berührt hat. Wie die Moderatorin Raffaela Jungbauer (links im Bild) danach sagte, man könnte gleich los heulen, selbst wenn man sonst kein Wort versteht.

Radioeins Dachlounge mit Yasmine Hamdan

Direkt nach dem zweiten Lied hat sich die Band (alle andere Musiker sind Franzosen) auf dem Weg zu ihrem nächsten Ziel gemacht: Berghain, wo sie heute Abend und morgen ein Konzert gibt. Schon ausverkauft. Wir sind auch kurz danach gegangen. Das nächste Programm mit den Zauberern war nicht so meins, und die Stühle, wie gesagt, nicht bequem genug, um dort länger zu verweilen. Außerdem war ich nach dem kleinen Caesar Salat immer noch hungrig.

[1] Oder ich hatte sie vergessen. Sie hat eigentlich in dem Film Only Lovers Left Alive von Jim Jarmusch eine Nebenrolle gespielt. Der Film, den wir mit dem Ehemann gesehen haben, an unserem „endlich wird es was“ Date.

Pastinaken-Möhren-Bällchen mit Mangold

Pastinake-Möhren-BällchenManchmal gibt es Tage, wo ich mir direkt nach dem Aufstehen Rezepte ausdenke, die ich unbedingt sofort ausprobieren will. Das passiert nicht häufig, aber das passiert. Wie gestern. Auslöser war eine Diskussion letzte Woche mit einer veganen Kollegin, bei der über Mangold geschwärmt wurde. Ich liebe Mangold. Komisch, dass es in meiner Rezeptsammlung noch nicht erwähnt wurde. Mangold habe ich auch schon statt Champignons in einer Variante dieser veganen Pfanne eingesetzt. Und Pastinake! Wie ich auf Pastinaken stehe! Allein der Geruch, der auf den Händen bleibt, wenn man schon längst mit dem Schnibbeln fertig ist… Ob man Pastinake und Mangold in einem Gericht kombinieren kann? Klar. Daher die frittierten Pastinaken-Möhren-Bällchen, mit Mangold als Beilage.

Der Ehemann schlief noch ganz fest, als ich mich kurz vor neun auf dem Weg zum Wochenmarkt in Zehlendorf gemacht habe. Der Markt öffnet erst ab 09:00. So spät! In meinem Heimatdorf sind die Stände schon um 07:00 aufgebaut. Ich musste mich also zu Hause in Geduld üben, bis ich raus gehen konnte. Es war auf dem Markt um die Uhrzeit angenehm, nicht so viele Leute waren unterwegs. Vielleicht lag es auch daran, dass es seit dem frühen Morgen ununterbrochen geregnet hat. Um die Mittagszeit ist es sonst auf dem Markt für mich die Hölle. Kann man verstehen. Dort gibt es viele leckere Stände, Crêpes von einer echten Französin, saussisson sec, auch von einem Franzosen (glaube ich, der spricht jedenfalls akzentfrei), der noch so herrlich mit seiner Gitarre Stimmung bringt und mit seinen Nachbarn lauthals singt, wenn gerade keine Kunden da sind. Und die zwei Mädels, die so viele leckere orientalische Köstlichkeiten anbieten… Aber was erzähle ich so lange, einfach ein Blick in die Webseite werfen!

Und jetzt, zu den Pastinake-Möhren-Bällchen mit Mangold. Ich bin es naiv angegangen und habe gar nicht überlegt, dass die Bällchen, die man gerade geformt hat und ins heiße Öl schmeißt, noch klebrig sind und am Boden vom Topf haften. Viel Spaß beim raus fischen, sag ich nur. Ich habe bei der nächsten Ladung die Bällchen kleiner gemacht und zuerst in einem Esslöffel im heißen Öl gehalten und kurz frittiert, bevor ich sie los gelassen habe. Im Nachhinein hätte ich natürlich die Bällchen in Paniermehl wälzen sollen, das hätte die Zubereitung viel einfacher gemacht.

Die Zutaten (für 4 Portionen)

  • 1 Mangold
  • Kokosfett (30 g)
  • 1 Esslöffel Sesamöl
  • 2 große Pastinaken
  • 2 mittelgroße Möhren
  • etwa 15 Blätter glatter Petersilie
  • 1/3 Müsli-Schale Hirse
  • 4 Esslöffel Mehl
  • Wasser
  • Salz
  • Etwa 1 Liter Sonnenblumenöl zum Frittieren oder weniger, je nachdem, wie breit der Topf zum Frittieren ist. Natürlich würde sich eine Fritteuse am besten eignen. Ich habe keine.

Die Zubereitung

  • Pastinaken und Möhren schälen und in Stücke schneiden.
  • In einem Topf, die Pastinaken und Möhren mit Wasser bedecken und so lange kochen, bis sie weich genug zum Stampfen sind.
  • In der Zwischenzeit, die Mangoldblätter waschen und in mundgerechte Stücke schneiden. Beiseite stellen.
  • Hirse in der Schale reichlich salzen und mit Wasser bedecken. Mit einem kleinen Teller als Deckel obendrauf drei Minuten bei maximaler Leitung in der Mikrowelle heizen, dann warten und nicht anfassen, es wird super heiß, und wenn es abgekühlt ist, nochmal eine Minute heizen. Stehen lassen, bis es eingesetzt wird.
  • Die Pastinaken und Möhren mit seinem Schaumlöffel aus dem Topf heraus holen, gut abtropfen und in eine große Schüssel zusammen stampfen. Ein bisschen Kochwasser beiseite stellen, den Rest weg kippen.
  • Die Petersilienblätter mit einem scharfen Messen fein schneiden und mit Salz mit dem Püree mischen.
  • Hirse hinzufügen und gut rühren. Ich habe das Mehl nach und nach noch dazu gegeben, weil mir die Masse noch zu feucht vorkam, um zusammen haltende Bällchen daraus zu machen.
  • Frittieröl in einem kleinen Topf erhitzen (bei mir: Stufe 8 von 12 auf der Kochplatte war gut).
  • Die Bällchen in der Hand formieren, eventuell in Paniermehl wälzen (wird aber nicht in den Nährwertangaben berücksichtigt, da ich kein Paniermehl verwendet habe) und nach und nach im heißen Öl frittieren. Ich habe Ladungen von sechs kleinen Bällchen auf einmal gemacht. Die fertig frittierte Bällchen mit dem Schaumlöffel heraus holen und in einer Schüssel mit Küchenpapier abtropfen lassen. Das dauert lange! Eine gute Stunde kann man alleine beim Frittieren vor dem Herd stehen.
  • Wenn die Hälfte der Masse für die Bällchen aufgebraucht ist, kann man parallel den Mangold kochen.
    • In einer großen, hohen Pfanne, Kokosfett und Sesamöl leicht erhitzen.
    • Die Mangoldstücke drin tun, mit ein bisschen Kochwasser vom Wurzelgemüse rühren, leicht salzen und bei schwacher Hitze bedeckt kochen lassen.
  • Die Bällchen mit dem Mangold als Beilage auf dem Teller servieren.

Nährwertangaben

pro Portion fürs Rezept
Energie (kcal) 366,5 1466
Eiweiß (g) 7,9 31,7
Kohlenhydrate (g) 35,9 143,6
davon Zucker (g) 4,2 16,9
Fett (g) 19 76,1
Ballaststoffe (g) 8,2 32,6

 

Offener Brief an Jasmina

Liebe Jasmina,

du kennst mich nicht, und ich dich auch nicht. Ich durfte heute Abend im Bus neben deinem Kumpel, dessen Namen ich nicht kenne, sitzen. Aus Bequemlichkeit für den Rest des Briefes soll er Rachid heißen. Als ich in Johannisthaler Chaussee eingestiegen bin, war er schon dabei, mit dir zu telefonieren. Als er in Lichterfelde West ausgestiegen ist, war euer Gespräch immer noch nicht zu Ende.

Ich saß unweit von Rachid ganz hinten im Bus und war dabei, einen Schal für meinen Mann zu häkeln. Ich sitze schon seit fast einem Jahr dran, wenn auch unterbrochenerweise, es wird Zeit, dass ich damit fertig werde. Die Handbewegungen laufen jetzt so automatisch, dass ich gar nicht mehr darüber nachdenken muss. Es war dabei schwer, der hiesigen Hälfte deines Gespräches mit Rachid nicht zu lauschen. Er kann ganz schön laut reden. Besonders, wenn er jemandem wie dir die Welt erklärt. Da müssen alle seine Mitreisende von seiner Weisheit erfahren.

Jasmina, du hast kürzlich einen neuen Freund gefunden. Rachid tut sich schwer, sich für dich zu freuen. Ja, er war dir gestern Abend auch richtig sauer gegenüber. Hoffentlich ist dieser neuer Freund nicht irgend so ein Arschloch, der dich ausnutzt und dich danach vernachlässigt. Das machen viele. Glaubst du ihm etwa nicht? Rachid weiß, wovon er spricht. Wie alt bist du denn? Und wie alt ist Rachid? Na also. Der Ältere hat doch immer Recht. Und dabei bist du so ein hübsches Mädchen. Wenn dieser Idiot sich so schlecht mit dir verhält, tritt er ihm in die Eier. Er würde ihn für dich richtig prügeln, dass er nach seiner Mutter schreit. Er sabbert ja fast bei dem Gedanke.

Rachid will dich. Das sagt er dir aber nicht. Stattdessen fragt er dich, ob du vielleicht am Samstagabend in die Schischa-Bar gehen willst? Er selber war noch nie dort. Wieviel kostet denn so was? Das weiß er nicht. Aber man wird es sich schon leisten können. Sicherlich kostet es nicht mehr als zehn Euros. Willst du mit ihm am Samstagabend hin? Ach ja, du wolltest ihm eine Freundin von dir vorstellen, vielleicht wäre sie etwas für ihn? Vielleicht würde Rachid dich endlich in Ruhe lassen, wenn du ihm eine Andere findest? Ach nee, woher kommt diese Freundin denn? Aus Niedersachsen? Die Mädchen dort können dir doch nicht das Wasser reichen. Du bist so ein hübsches Mädchen. Bestimmt ist diese Freundin so zickig wie seine letzte Freundin, darauf hat er kein Bock.

Wie, du willst mit deinem neuen Freund am Samstagabend die Zeit verbringen? Dein Freund kann doch gar nicht der Richtige für dich sein, wenn er dir nicht erlaubt, andere Freunde zu haben. Frag ihn mal, was er davon hält, wenn du andere Freunde hast. Und vielleicht ist es doch gar nicht so schlimm, wenn Rachid mit dir schläft? Aber das würde er dich nicht so direkt am Telefon fragen. Bestimmt würde dein neuer Freund dich von Rachid fernhalten wollen. Mit Recht. Also, wirklich, dein neuer Freund verdient dich nicht. Du solltest ihn verlassen.

Jasmina, mal im Ernst. Du hast schon in der Vergangenheit Rachid auf deinem Handy blockiert, das solltest du weiterhin machen, wenn dir noch ein bisschen Selbstliebe übrig bleibt. Rachid schert sich nicht darum, ob du glücklich bist. Alles, was ihn interessiert, ist, dich für ihn alleine zu haben. Willst du wirklich mit jemandem sein, der dir nie deine eigene Meinung gönnen wird, weil du als Jüngere ihm automatisch als Unterlegene erscheinst? Mit jemandem, der damit prahlt, deinen Liebsten gegenüber Gewalt anzuwenden, wenn sie sich ihm quer stellen? Dabei bist du so ein hübsches Mädchen, du könntest jeden kriegen, den du willst. Du findest bestimmt besser. Vertraue mir. Wie alt bist du nochmal? Sicherlich unter vierzig, weil du deine Zeit sonst nicht mit so einem affigen Jugendlichen verschwenden würdest. Du bist ja jünger als Rachid. Also bin ich älter, und damit habe ich Recht. Vergiss Rachid, du wirst auch noch weniger Kopfschmerze nach so langen sinnlosen Telefonaten bekommen.

Deine liebe Shaarazad