Dilemma

Ich habe heute Winfried in seinem Büro besucht, als er gerade aus einem Meeting mit unserer Geschäftsführung zurück kam. Ich wollte ihn nur kurz was fragen, und wir hatten gleich danach einen anderen Termin. Als ich wieder raus wollte, meinte er, wir hätten noch ein bisschen Zeit, und er wollte mit mir reden. Ich sollte die Tür zu machen und mich hinsetzen. Ich habe sofort gedacht, es müsste etwas Ernstes geben, weil seine Tür sonst immer zum Flur offen bleibt.

Er liest gerade meinen DFG-Antrag, meinte er. Endlich, habe ich gedacht. Es müsste mir aber klar sein, dass es keine Garantie für einen Erfolg gibt, meinte er. Natürlich weiß ich das. Vor einigen Jahren lag die Ablehnungsquote bei DFG-Anträgen über 80%. Gerüchterweise soll es jetzt besser geworden sein, ich habe aber keine konkrete Information darüber gelesen. Der Unterschied zu seinen Ermutigungen und Optimismus am Anfang vom Sommer ist mir nicht entgangen. Damals meinte er, so ein Antrag hätte gute Chancen. Wir würden noch Unterstützungsbriefe von einigen prominenten Nutzern meines Programmes #1 bekommen, und es würde ihn wundern, wenn der Antrag nicht durch ginge.

Nun, meinte er, bei dem Meeting heute Morgen hatte er erfahren, dass eine Person zur Verstärkung in der Verwaltung intern dringend gesucht wird. Es ginge um Studentenkoordination, und die Stelle wäre unbefristet. Er hätte sofort an mich gedacht, weil ich gewisse wichtige Anforderungen besonders gut erfülle. Es würde mir endlich Sicherheit für meine Zukunft geben, dafür würde ich nicht mehr in der Gruppe arbeiten. Ich frage mich, ob er sich schon vielleicht eine andere Person ausgesucht hat, um die Weiterentwicklung von meinen Programmen zu übernehmen. Der Gedanke ist nicht schön.

Eigentlich war ich froh, aus der Uni weg zu sein. Mit Studenten zu arbeiten war nicht wirklich der tollste Aspekt meiner Tätigkeit. Ich meine, ich bin Wissenschaftlerin. Für Studentenkoordination braucht man sicherlich keinen Doktortitel. Oh. Die Frau, die sich momentan ganz alleine in der Verwaltung um diese Aufgabe kümmert, ist auch promoviert. Man muss ganz schön verzweifelt sein, um eine spannende Tätigkeit als Wissenschaftlerin zu verlassen, um dann so was zu machen. Das stelle ich mir höchst langweilig vor.

Meine Arbeit gefällt mir sehr (ich komme doch dazu, einige Fragen ausführlich zu antworten). Ich programmiere viel, was in sich schon Spaß macht. Ich freue mich riesig, wenn ich Zeilen Code schreibe, die danach genau das machen, was ich wollte, und dabei eine Menge Arbeit ersparen. In meinen Projekten geht es vor allem darum. Auswertungen automatisieren, um die experimentelle Produktivität zu erhöhen. Programm #1 wird mittlerweile weltweit benutzt, was mich sehr erfreut. Wir haben sogar industrielle Kunden. Ich genieße die Anerkennung, die damit verbunden ist. Ich werde auf Workshops eingeladen, um Vorlesungen zu halten und Programm #1 vorzustellen. Wenn ich mich bei wissenschaftlichen Veranstaltungen namentlich vorstelle, sagen manchmal Leute mit aufgeregten runden Augen, „Oh, du bist die Entwicklerin von Programm #1!“. Ein Mal hat sich ein Messgast sogar die Mühe gemacht, mein Büro ausfindig zu machen, um sich bei mir persönlich für Programm #1 zu bedanken. Das schmeichelt schon. Letzte Woche hat ein Gast Programm #2 für sein Experiment ausprobiert und musste mir unbedingt seine Begeisterung mitteilen. Ich hatte solche Reaktionen am Anfang meiner Tätigkeit in der Gruppe nicht erwartet.

Wissenschaftlich habe ich ein spannendes Thema. Ich bin nur frustriert, so wenig Zeit dafür investieren zu können. Nebenbei muss ich mich auch, wie alle anderen Wissenschaftler in der Gruppe, um Gäste kümmern, die unsere Geräte benutzen. Das ist interessant, weil ich dadurch viele Leute kennen lerne, die an verschiedenen Themen arbeiten. Das ist auch sehr anstrengend, weil ich zu den wenigen in der Gruppe gehöre, die Rufbereitschaft machen. Das heißt, Tag und Nacht telefonisch zur Verfügung zu stehen, falls irgendwas plötzlich nicht mehr funktioniert. Ich mache es gerne und versuche, immer freundlich zu klingen, auch wenn unsere Messgäste um zwei Uhr morgens anrufen. Sie können nichts dafür, wenn unsere Geräte versagen. Es raubt aber viel Energie. Meistens kann ich Probleme von zu Hause aus lösen. Manchmal muss ich hin fahren. Am letzten Wochenende war es extrem. Sonntag um zwei Uhr morgens, und noch abends um elf bin ich zur Arbeit gefahren. Zwischendurch hat das Handy den ganzen Tag geklingelt, weil immer etwas anderes nicht ging. Das haben wir gestern im Meeting ausführlich diskutiert, und meine Kollegen bemühen sich darum, dass es sich nicht wiederholt.

An solchen Tagen fange ich vermehrt an, mich nach anderen Stellen umzuschauen. Wie toll es doch wäre, eine stinklangweilige Arbeit zu haben, wo man seine Stunden absehen kann und am Wochenende einwandfrei weg fahren kann, nach Lust und Laune! Ich könnte mit der Frau bei der Studentenkoordination diskutieren. Ob ich dort meinen aktuellen Gehalt bekommen würde? Im öffentlichen Dienst darf man nicht unter seiner Qualifikation bezahlt werden.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

3 Gedanken zu “Dilemma

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