Vergesslich

„Wenn man keinen Kopf hat, hat man Beine“, ist ein beliebter Spruch meiner Mami (Quand on n’a pas de tête, on a des jambes). Ich habe ihn stets hören müssen. Meistens, weil ich als ältestes Kind häufig zum schnellen Einkaufen ins Dorf geschickt wurde (Baguette, Eier, Milch, Gitanes sans filtre für meinen Vater), und mehrmals raus musste, um vergessene Sachen zu holen. Ich durfte keine Liste mitnehmen, um mein Gedächtnis zu trainieren.

So ging es mir wieder viele Jahre später, als ich Doktorandin wurde. Wenn ich samstags einkaufen ging, nutzte ich die Gelegenheit gerne, um noch Shopping zu machen. Ich habe viele Tüten dabei geschleppt. Und mindestens eine davon habe ich regelmäßig in einem Laden liegen lassen, was mir wesentlich später einfiel. Zum Glück habe ich meine vergessene Sachen immer wieder gefunden. Selbst das Portemonnaie, das an einem Freitagabend beim Kaisers an der Kasse liegen geblieben war, und das mir erst am Samstag fehlte. Das ganze Geld war sogar noch drin.

Heute Morgen habe ich eine halbe Stunde gebraucht, um zu meiner Haltestelle zu kommen. Grund dafür war wieder mein Gedächtnis. Ich bin momentan überfordert, da der Ehemann die ganze Woche weg war. Jeden Morgen alle Pflanzen auf der Terrasse gießen, was er sonst selber macht. Bei der Hitze wäre es fatal, es zu vergessen. Waschmaschine und Spülmaschine gestartet. Bett zurecht gemacht. Trockene Kleider aufgeräumt. Zwischendurch Kaffee und Bananenshake gemacht und getrunken. Wir teilen uns sonst die Aufgaben so effizient, dass es morgens schnell geht, aber alleine dauert es sehr lange. Angezogen. Zähne geputzt. Portemonnaie aus der Sporttasche von gestern in die Handtasche von heute gesteckt. Samt BVG-Abo. Den hatte ich am Montag vergessen und hatte auf der ganzen Rückfahrt Angst, kontrolliert zu werden. Ist nicht passiert.

Ich war heute Morgen also auf dem Weg zur Haltestelle, wofür ich sonst gut zehn Minuten brauche, und habe kurz davor ein Handy klingen gehört. Es klang wie das Rufbereitschaftshandy. Und diese Woche (sowie die nächste) habe ich Rufbereitschaft. Yeah! Nicht. Schnell in die Tasche gegriffen. Das Handy fehlte. Sowie meins. Beide hatte ich auf einem Tisch zusammen gelassen, um sie nicht zu vergessen. Tja. Zurück nach Hause. Horrorszenarien laufen mir durch den Kopf. Stromausfall oder was weiß ich, das hatten wir schon. Tausende automatische Alarmmeldungen am Handy, die ich immer mit einem Code quittieren muss. Das Handy ist aber zu Hause, und nach einer Weile ohne Rückmeldung von mir gehen die Alarmmeldungen zu einer Liste von anderen Handynummern weiter – die von den lieben Kollegen. Die sind jetzt genervt, weil ich nicht ran gegangen bin.

Zu Hause angekommen. Handys gefunden, wo ich sie absichtlich zum Mitnehmen liegen lassen hatte. Kein verpasster Anruf, ich kann entspannen. Eine halbe Stunde später stehe ich an der Haltestelle. Neuer Eintrag in fddb: 30 Minuten Spaziergang. Immerhin.

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Ein Gedanke zu “Vergesslich

  1. Den Spruch kenne ich auch, allerdings ein bisschen abgewandelt: „Was man nicht im Kopf hat, muss man in den Beinen haben.“

    Ich vergesse auch immer alles, wenn ich mir keine Systeme mache (alles an die Tür legen) und/oder ich aus meinen Routinen geholt werde.

    Gefällt 1 Person

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