Diät-Geschichten

Meine erste Diät habe ich mit neun Jahren gemacht. Meine Eltern fanden es damals niedlich, wenn Kinder pummelig sind, und hatten sich nie Sorgen darüber gemacht, dass es schädlich sein könnte. Jemand in der Grundschule hatte Alarm geschlagen und meiner Mutter gesagt, ich müsste abnehmen. Mir war es egal. Ich interessierte mich damals kaum für mein Aussehen, und ich hatte mich nie als dick identifiziert. Obwohl ich es war. Auf alten Fotos merkt man es nicht unbedingt, es hatte nichts mit der heute verbreiteten Adipositas zu tun. Ich bin einen ganzen Sommer auf Diät gehalten worden, was mich auch nicht sonderlich gestört hatte, und bin dünn geworden und erstmals so geblieben.

In der Oberstufe habe ich Bekanntschaft mit einer magersüchtigen jungen Frau gemacht. Wir hatten uns im Internat ein Zimmer geteilt. Sie wog damals 47 Kilogramme, war aber nicht viel kleiner als ich. Wenn sie nur 1,65 Meter groß war, was ich nicht glaube, dann entsprach das einem BMI-Wert von 16,9. Sie fand sich zu fett und hatte uns als Beweis immer ihre Oberschenkel gepresst, um ihre „Fettpolster“ zu zeigen. Die hatte man kaum gesehen. Egal, was wir ihr sagen konnten, sie glaubte es uns nicht und wollte weiter abnehmen. Sie hatte sich abends immer versteckt, statt mit uns in die Mensa essen zu gehen. Mittwochnachmittags[1] war der einzige Moment, an dem sie sich gehen ließ. Sie kaufte sich jede Woche eine Tafel weißer Schokolade mit Kokos von Milka, und aß sie genüsslich. Ich habe mitgemacht. Was soll’s, ich war ja dünn. Ich habe zugenommen.

Die weiße Schokolade mit Kokos fand ich so lecker, dass sie zu einer Sucht geworden ist. Zugegeben, die wöchentliche Schokoladentafel war nicht alleine schuld. Marc hatte mich am Wochenende immer wieder zur Pizzeria geschleppt, das hat auch nicht geholfen. Im ersten Studium-Jahr habe ich dann eine radikale Diät machen müssen. Ich hatte die 80 Kilogramme erreicht, was für mich eine enorme Zahl war. So wollte ich nicht bleiben. Ich habe also jeden Tag nur einen Apfel und ein Snickers gegessen. Das war nicht gerade gesund. Relativ viel Zucker. Mit dem öffentlich gegessenen Snickers wollte ich meiner Umgebung verheimlichen, dass ich auf Diät war. Am Wochenende bei meinen Eltern musste ich normal essen, um nicht aufzufallen. Ich habe innerhalb zweier Monate auf der Art über zehn Kilogramme abgenommen.

Ich habe danach mein Gewicht gut halten können, regelmäßig Sport getrieben, und wog am Ende der Diplomarbeit sogar nur noch 58 Kilogramme[2]. Dann bin ich für meine Doktorarbeit nach Deutschland gekommen. Ich bin mit den neuen Kollegen täglich mittags auswärts essen gegangen. Mit meinem halben BAT IIa Gehalt hatte ich so viel Geld wie noch nie verdient und konnte es mir gut leisten[3]. Im ersten Jahr ging ich noch abends zur Volkshochschule, um Deutsch zu lernen, und habe nach den Kursen mit den dort kennengelernten Italienern, die als Gruppe in einer Firma arbeiteten, viele Restaurants besucht. Ich bin dreimal die Woche schwimmen gegangen, trotzdem habe ich dauerhaft zugenommen. Kein Wunder. Es war aber nicht so viel, dass ich mir Sorgen gemacht hatte. Ich fand es nur schade, mein Gewicht von der Zeit vor Deutschland nicht mehr zu haben.

Vor etwa neun Jahren habe ich gemerkt, dass mein Gewicht wieder zu hoch war, und habe beschlossen, etwas dagegen zu unternehmen. Diesmal ohne Diät. Ich habe viel Sport gemacht. Zuerst Jogging mit einigen Arbeitskollegen. Danach Bauchtanzkurse und Fitness-Studio. Fast täglich habe ich Sport getrieben. Das hat geklappt, und hat viel Spaß gemacht. Bis ich Probleme mit dem Ischias bekommen habe und schlagartig mit Sport aufhören musste. Dann ging dank des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes mein Arbeitsvertrag zu Ende, und ich bin arbeitslos geworden. Ich habe viele Bewerbungen geschrieben. In der Zeit habe ich mit dem Bloggen angefangen, um den Frust los zu werden. Sport habe ich nicht getrieben, obwohl meine Rückenprobleme weniger geworden sind. Es wäre Zeit gewesen, die ich nicht in Arbeitssuche gesteckt hätte.

Als ich für meine neue Stelle nach Berlin umgezogen bin, sind die Kilogramme wie von alleine runter gepurzelt. Ich bin täglich mit dem Fahrrad zur Arbeit gefahren. Ich habe einen Vertrag in einem Fitness-Studio abgeschlossen, und bin bis dreimal pro Woche tatsächlich hin gegangen. Es lag bequem auf dem Weg nach Hause. Und ich war ganz stolz, ein halbes Jahr danach die 70er Grenze geknackt zu haben. Meine Mami, die nach Weihnachten zu Besuch gekommen war, meinte, ich würde toll aussehen.

Dann bin ich mit dem zukünftigen Ehemann zusammen gekommen. Ich bin nicht mehr so häufig ins Fitness-Studio gegangen. Dafür habe ich längere Strecken mit dem Fahrrad gemacht, um zu ihm zu fahren. Wir sind häufiger essen gegangen. Nach zehn Monaten sind wir zusammen gezogen, und wohnen jetzt so weit weg von meiner Arbeit, dass jeden Tag Fahrradfahren nicht mehr geht. Er hat auch noch die Angewohnheit, abends viel Süßkram zu essen. Ich kann nicht immer nein sagen. Schleichend sind die Kilogramme zurück gekommen.

Jetzt wird es sich aber ändern. Der Ehemann darf seine Süßigkeiten gerne weiter essen, aber nicht vor meiner Nase. Obwohl das noch ginge. Was er nicht darf ist, mich jedes Mal zu fragen, ob ich auch etwas will. Es dauert, aber er gewöhnt sich dran. Heute hat er mir sogar ganz lieb leckere Naturjoghurte aus dem Supermarkt mitgebracht. Andechser Natur, Bio-Joghurt griechischer Art. Mit 0,2 Gramm Fett pro 100 g, den 3,5 g Zucker, die natürlich aus der Milch kommen, und satte 10 g Eiweiß. Wahnsinn. Ich habe mein neues Lieblingsjoghurt gefunden. Und steuere langsam aber sicher zurück unterhalb der 70er Grenze.

[1] In Frankreich hatten wir Ganztagsschule. Von halb neun bis halb sechs, mit einer Stunde Mittagspause. Die ganze Woche, und Samstagvormittags dazu. Nur Mittwochnachmittags gab es keinen Unterricht. Da hatten wir unsere Hobbys getrieben, oder sind ins Kino gegangen. Nur die, die die Erlaubnis in Form eines unterschriebenen Briefes von den Eltern bekommen hatten, durften an dem Tag das Internat verlassen. Die Anderen sind im Gymnasium geblieben.

[2] Ich habe am Ende des Jahres zum ersten Mal Blut gespendet. Das rote Kreuz hatte eine Aktion an der Uni veranstaltet. Tage später erhielt ich die Nachricht, dass mein Blut nicht benutzt werden konnte, weil ich massiv unter Anämie litt. Das war mir nicht aufgefallen. Ich dachte, die Müdigkeit käme von der ganzen Paukerei.

[3] Die Einführung vom Euro hat einiges geändert. Plötzlich wurde essen gehen zu teuer. Wir haben uns am Institut Brötchen selbst geschmiert.

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