Blödes Missverständnis

Fast genau ein Jahr nach unserem gemeinsamen Umzug in die Eigentumswohnung haben wir eines Abends einen Brief von der Kripo im Briefkasten gefunden. Und von dem, was der Ehemann mir nach seinem Telefonat mit der Polizei am darauf folgenden Tag erzählt hatte, war ich die ganze Zeit fest davon überzeugt, es ginge um die Nachbarn direkt unter uns. Ein verheiratetes Paar. Der Ehemann hatte mir erzählt, dass der Mann irgendeine Versorgungspflicht nicht eingehalten hatte. Daher die Ermittlungen.

Hätte ich damals den Begriff gegoogelt, hätte ich gemerkt, dass es nicht sein konnte. Versorgungspflichten haben Anbieter von Diensten, wie Strom oder Telefon zum Beispiel. Es ging eigentlich um Fürsorgepflicht. Klingt ähnlich. Verstanden hatte ich dabei, dass der Mann vermutlich einer ehemaligen Ehefrau oder einem leiblichen Kind kein Geld zahlen wollte, obwohl er es müsste. Ich glaube, ich hatte sogar den Ehemann gefragt, was das Wort bedeutet, und er hatte es mir erklärt.

P1110819Er hatte zeitgleich aus einem anderen Grund bei der Hausverwaltung angerufen, und dabei die Auskunft bekommen, dass unsere Nachbarn schon mal Probleme hatten, weil sie sich sehr unordentlich verhalten. Das vor sich hin verderbende Auto auf dem Parkplatz vor dem Haus sollte ihnen gehören.

Erste Zweifel an der Geschichte hatte ich vor zwei Wochen, als die Frau vom gesagten Ehepaar uns darum gebeten hatte, ihre Pflanzen zu gießen, wenn die Beiden im Urlaub sind. Ich hatte gestaunt, wie ordentlich ihre Wohnung aussieht. Dort können unmöglich Messies leben. Ich habe dem Ehemann meine Bewunderung mitgeteilt, und er hat nichts Besonderes dazu gesagt.

Heute bin ich von der Arbeit direkt nach Hause gefahren. Es war schon kurz nach sieben, als ich am Bahnhof ausgestiegen bin. Ich habe Mei angerufen. Es hat anderthalb Stunden gedauert. In der Zeit bin ich vom Bahnhof nach Hause gegangen. Vor der Haustür stand ein Mann vom Ordnungsamt. Ich habe mein Telefonat kurz unterbrochen und den Mann gefragt, ob er Hilfe braucht. Er meinte, die Leute, mit denen er reden wollte, wären offensichtlich nicht da, also würde es ihm nichts nutzen, ins Haus zu kommen. Dann hat er mich gefragt, ob ich wüsste, wem das rote Auto auf dem Parkplatz gehören würde. „Ja, es gehört unseren Nachbarn“, habe ich gesagt (ohne Namen zu nennen). „Die sind aber momentan im Urlaub“, habe ich hinzugefügt. Der Mann hat sich bedankt und ist gegangen. Der Parkplatz ist nicht privat, daher kann es passieren, dass das Ordnungsamt sich für Autos drauf interessiert. Privat haben wir alle Tiefgaragen unter dem Haus. Warum das Auto von unseren Nachbarn nicht drin ist, weiß ich nicht. Sein Parkplatz in der Garage steht leer. Vermutlich fährt das Auto längst nicht mehr.

Ich habe, immer noch am Telefon mit Mei, die Pflanzen der Nachbarin versorgt. Danach bin ich zu unserer Wohnung gegangen und habe unsere Pflanzen versorgt. Kurz vor neun haben wir uns ausgeplaudert und aufgelegt. Ich habe mein Handy wieder aufladen müssen.

Der Ehemann hat mich kurze Zeit später aus Norwegen angerufen. Ich habe ihm das heutige Ereignis vor der Haustür erzählt. Und da meinte er, nicht die Nachbarn direkt unter uns waren damals gemeint, sondern die gaaaanz unter uns. Im Erdgeschoss. Er hatte es damals falsch verstanden, und später seinen Fehler erkannt. Mich hatte er aber die ganze Zeit im falschen Glauben gelassen, das Auto würde dem Paar unter uns gehören. Es hat mich geärgert, weil ich dadurch dem netten Mann vom Ordnungsamt eine falsche Information gegeben habe. „Aber ich hatte dir doch Bescheid gesagt“, hat er versucht, mir zu erzählen. Dann hätte ich es noch gewusst. Schließlich schreibe ich nicht umsonst Tagebuch. Gut, das weiß er nicht. Genervt bin ich immer noch.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

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