Man redet nicht mit vollem Mund

Ein Satz, den ich am Tisch in meiner Kindheit immer wieder gehört habe. Meine Eltern, vor allem meine Mutter, haben es uns tausendmal gesagt. Man redet nicht mit vollem Mund. Es ist eklig. Das empfinde ich auch so.

Heute Mittag stand ich alleine an einem Tisch und aß meine Portion in Ruhe. Es gab eine Art Spätzle mit Fleischbällchen. Besser als gestern, da hatten die Redner in unserer Session ständig so lange überzogen, dass sich die Zeitplanung um einen ganzen Vortrag verschoben hatte, und wir beim verspäteten Rausgehen nur noch einen mickrigen Gemüsenspieß bekommen hatten.

Wenig später ist ein anderer Tagungsteilnehmer zu mir gekommen und fragte, ob er an meinem Tisch essen dürfte. Warum hätte ich ablehnen sollen? Seine Kollegin gesellte sich gleich danach ungefragt zu uns.

Der Mann hat sich eine voll geladene Gabel Nudel mit Parmesan im Mund gestopft, um sich dann sofort zu mir zu drehen und anzufangen, sich mit mir zu unterhalten. Ich habe es gerade noch rechzeitig geschafft, mit dem Arm und meinem breiten Ärmel den Inhalt von meinem Teller zu schützen. Eklig war es zu sehen, wie er beim reden den Inhalt aus seinem Mund rum gespuckt hat. Seine Kollegin, die deutlich bessere Tischmanieren beigebracht bekommen hatte, sah ein wenig angewidert aus. Ich glaube, sie war froh, dass er mal mit einer anderen Person geredet hatte. Ich habe knapp geantwortet und in keiner Weise angedeutet, dass ich an eine Fortsetzung der Diskussion interessiert war. Er hat dann gemerkt, dass er eine Serviette oder ähnliches vergessen hatte, und ich habe in seiner kurzen Abwesenheit möglichst schnell gegessen.

Bei seiner Rückkehr hat er wieder probiert, mit mir zu diskutieren, und als ich kaum geantwortet habe, hat er sich dann mit seiner Kollegin in einer anderen Sprache unterhalten. Sobald ich fertig war, bin ich zu meinem nächsten Termin weg gelaufen.

Der Tag, an dem ich fast ertrunken wäre

Ich kann mich selber kaum daran erinnern, habe früher die Geschichte aber mehrmals erzählt bekommen. Ohne diesen Beitrag hätte ich wahrscheinlich nicht mehr daran gedacht.

Es passierte, als ich noch ein Einzelkind war. Wir hatten mit meinen Eltern und dem Hund an einem See Urlaub gemacht und gezeltet. Ein Süßwassersee. Damals durfte man noch frei am See zelten. Meine Mami konnte unmöglich dabei von meiner Schwester schwanger gewesen sein, deshalb tippe ich, dass ich zwei Jahre alt war.

Alles, woran ich mich erinnere, ist, dass ich mit meinem blauen Eimer am Rand vom Wasser saß, während meine Eltern Kaffee am Zelt tranken. Auf dem Kies im Wasser habe ich einen Seestern gesehen (daran erinnere ich mich immer noch sehr gut). Ich liebte Seesterne. Ich habe ihn mir genauer anschauen wollen und habe mich mit ihm unterhalten. Kurz danach hat mich mein Vater völlig aufgeregt aus dem Wasser gezogen und angebrüllt, weil ich den Kopf unter Wasser gehalten hatte. Es wäre gefährlich, ich hätte sterben können (was ist sterben?). Meine Mami war ganz bleich.

Ich habe erklärt, dass es mir doch gut gegangen war und ich nur mit dem netten Seestern geredet hatte. Im See gibt es keine Seesterne, meinte meine Mami. Die gibt es nur am Meer. Doch, meinte ich, und wollte ihr den zeigen. Der war leider weg, und ich war sehr enttäuscht darüber. Meine Eltern wurden nur besorgter, weil ich offensichtlich Halluzinationen bekommen hatte. Ich durfte danach nie wieder alleine am Wasser sitzen.

Migräne, schon wieder

Heute Morgen ging es mir gut. Ich bin eine Stunde früher als geplant aufgewacht. „Eigentlich könntest du laufen gehen“, habe ich gedacht. Meine Sportsachen hatte ich eingepackt. „Och nee, keine Lust“, habe ich mir beim Aufstehen geantwortet. Um dann meine Sportklamotten anzuziehen. Der Anblick im Spiegel hat mich motiviert. Die Frau sah voll sportlich aus.

Eine schöne Strecke am Fluß entlang hatte ich mir vor der Abreise ausgesucht. Tagsüber und abends ist es schlecht, weil es voll mit Menschen ist, und viele auch im Fluß schwimmen (das muss ich definitiv machen, bevor ich zurück nach Berlin fahre). Morgens um sieben ist keiner da. Und es ist nicht so heiß. Perfekter konnte es nicht sein. Die unerwarteten grauen Wolken haben mir Sorgen vorbereitet, aber es ist trocken geblieben. Ich bin Dreiviertelstunde gelaufen. Länger nicht, weil ich den ersten Vortrag des Tages nicht verpassen wollte. Außerdem wurde die Strecke immer häßlicher, je weiter weg ich vom Zentrum gelaufen bin.

Ein großes Problem war, dass ich vom Anfang an einen viel höheren Puls als sonst hatte. Fünfzehn Schläge mehr pro Minute. Bin ich schneller gelaufen, oder lag es daran, dass es so ungewohnt früh morgens war? Vermutlich letzteres. Laut Google Maps habe ich in der Zeit nur 5,2 Kilometer geschafft. Nicht besser, als wenn ich sonntags mit dem Ehemann jogge. Ich bin so eine Schnecke.

Vielleicht habe ich in den letzten Tagen nicht genug getrunken. Es war sehr heiß. Die Getränke in der Minibar sind kostenlos, hatte mir die Dame am Empfang gesagt, also habe ich alle Wasserflaschen geleert. Trotzdem ist meine Basaltemperatur deutlich gestiegen, seitdem ich hier bin. Es könnte den höheren Puls von heute Morgen erklären.

Zurück im Hotel habe ich festgestellt, dass ich nicht mehr so viel Zeit hatte. Schnell geduscht und angezogen. Kein Frühstück. Ich habe vergessen zu trinken. Bei der Konferenz gab es noch keinen Kaffee. Der erste Vortrag war genau so toll, wie ich es mir von der Person erhofft hatte. Der Raum war leider überklimatisiert. Dreißig Grad draußen, und drin friert man. Obwohl das mit den dreißig Grad heute nicht stimmt. Es ist kühler geworden. Vor meiner Abreise hieß es, jeden Tag genau so heiß. Ich habe dementsprechend gepackt. Jetzt habe ich zu leichte Kleider für den Rest der Woche. Ich habe mich heute Abend gefreut, als ich zu meinem viel zu warmen Hotelzimmer zurück gekommen bin.

Im Laufe des Tages habe ich mich zunehmend schlecht gefühlt. Dass ich am frühen Nachmittag in einem überfüllten Raum eine Stunde lang hinten stehen musste, um Vorträge zu hören, hat nicht geholfen. Mein Ischias hat sehr geschmerzt. Ich habe es nach einer Stunde nicht mehr ausgehalten und bin auf einer Couch draußen im Expositionsraum kurz eingeschlafen, als meine Sitznachbarn sich über Qt und Windows unterhalten haben.

Das Essen hat mich enttäuscht. Gestern war es besser. Nur Croissants und Kaffee oder Tee zur Pause. Kein Obst, wie ich mich aus anderen Tagungen inzwischen gewöhnt habe. Mittags war das Essen nicht besser. Schupfnudel mit gegrilltem Gemüse und Salami. Alles in Öl badend. Würg. Nachmittags fetter Süßkram mit Kaffee. Keine Lust dazu. Ich habe gefragt, ob es Obst gäbe. Nein. Die Frau hat mich wie eine Außerirdische geguckt. Ich bin raus gegangen und habe mir Bananen aus dem Supermarkt geholt. Sonst kriege ich noch Krämpfe, nach dem morgendlichen Laufen. Als ich aus dem Konferenzgebäude raus gekommen bin, habe ich gehört, wie zwei Französinnen sich darüber beschwert haben, wie schlecht das Essen war. Ich war also kein Einzelfall.

Ich habe wegen beginnender Migräne einen Vortrag geschwänzt und mich kurz im Hotelzimmer erholt. Das Wetter war bedrückend. Dunkle Wolken. Kalt. Nur zweiundzwanzig Grad. Danach musste ich zurück zu meinem Poster. Die Migräne ist stärker geworden. Am Empfang hatten sie kein Aspirin. Ich habe mich geärgert, dass ich die Packungen zu Hause vergessen habe. Mein Poster wurde gut besucht. Leute sind gekommen, die sich es gezielt ausgesucht hatten. Keine Zufallsbesucher, wie ich es aus meiner Zeit in meinem früheren Institut kenne. Ich bin froh, die Forschungsrichtung gewechselt zu haben. Heute war es aber hart, und ich habe jedesmal gehofft, dass die Leute nicht zu viele Fragen stellen. Die Migräne wurde so stark, dass ich Übelkeit bekommen habe.

Um sieben war offizieller Schluß. Die waren alle noch am Quatschen. Ich habe mein Poster abgenommen und bin zum Hotel gegangen. Im Viertel habe ich keine Apotheke gesehen. Die Frau am Empfang meinte, am Bahnhof gäbe es eine. Viel zu weit weg, wenn man pochende Migräne hat. Ich bin zu einem Lokal in der Nähe essen gegangen. Flammkuchen mit crème fraîche, Speck, Zwiebel, Rucola, Parmaschinken und Parmesan. Eine Apfelschorle dazu. Ein bisschen viel, das stimmt. Aber hey, seitdem geht es mir viel besser. Die Migräne ist weg.

Die Wespe

Ich liege auf dem Bett in meinem viel zu warmen Hotelzimmer. Eine Klimaanlage gibt es nicht, die ich während meines abendlichen Spazienganges hätte anschalten können, und Fenster öffnen geht nicht, weil die Leute unten am Feiern sind. Morgen muss ich früh aufstehen, die Konferenz fängt schon an. Richtig gelesen, an einem Sonntag. Akademiker haben es schwer.

Bevor ich einschlafe, will ich noch kurz über ein Ereignis berichten, das auf dem Weg vom Bahnhof zum Hotel statt gefunden hat. Ich bin zu Fuß gegangen. Ich hätte die öffentlichen Verkehrsmittel benutzen können, aber zeitlich hätte ich nicht viel gewonnen, und die Bewegung tut doch gut.

Ich ging also auf dem Bürgerteig und schleppte Rollkoffer mit Laptop-Tasche oben drauf hinter mir. Bei der Hitze trug ich ein leichtes Kleid und bequeme offene Schuhe — die, die ich letztes Jahr wegen meiner Stauchung am Fuß gekauft hatte, um mit der Schiene gehen zu können. Plötzlich habe ich etwas Merkwürdiges bei der Innenseite meiner linken Ferse gespürt. Ich habe gehalten und geguckt: Am Rand meines Schuhes klammerte sich eine Wespe fest. Ich habe den Schuh sofort ausgezogen und die Wespe genauer geschaut. Ich weiß nicht, wie sie da gekommen war, aber sie hielt sich mit ihrer ganzen Kraft und stach mehrmals mit Wut die Innensohle vom Schuh. Das hatte sie anscheinend schon so lange gemacht, dass ein kleiner naßer Fleck von etwa drei Milimetern Durchmesser entstanden war. Ich habe die Wespe mit meinem Handy vom Schuh gelöst. Sie ist am Boden gelandet und konnte nur noch im Kreis am Boden kriechen. Vielleicht bin ich beim Gehen versehentlich auf sie getreten.

Einige Stunden später…

Ich sitze noch im Zug. Gestartet sind wir heute Morgen mit einer Viertelstunde Verspätung. Grund dafür war eine technische Störung am Zug, oder Ähnliches. Einige Bahnhöfe später wurde sie zu einer halben Stunde. Es gab einen Polizeieinsatz, weil ein Fahrgast andere Passagiere belästigt hatte. Dann hieß es plötzlich, wir wären eine andere Strecke als geplant gefahren und hätten die Verspätung einigermaßen aufgeholt. Nur noch zehn Minuten Verspätung! Ein Zugbegleiter erzählte uns in einer fröhlichen Durchsage, dass wir sogar einen anderen Zug überholt hatten, den die Fahrgäste sonst verpasst hätten. Um direkt danach zu sagen, „es macht keinen Sinn, der ist sowieso überfüllt, man kommt nicht mehr rein“. Es hat mich an meinen Rückflug aus Israel erinnert, als eine Stewardess eine lange Durchsage gehalten hatte, für die, die gerade noch Hunger hatten, und vielleicht ein Sandwich möchten, leider leider gäbe es nichts mehr, alles wäre schon aufgegessen worden. Ich habe lachen müssen. Eine Station später mussten wir aus irgendeinem Grund lange am Gleis bleiben. Ich habe es nicht ganz mitgekriegt, ich hatte meine Kopfhörer an. Jetzt beträgt die Verspätung siebenundfünfzig Minuten[1]. Nachdem wir nach einem ziemlich brutalen Bremsen mitten im Nichts stehen geblieben sind. Bin ich froh, mir wenigstens eine direkte Verbindung ohne Umsteigen ausgesucht zu haben.

Seit Berlin sitze ich an einem Tisch. Am Nachbartisch saß ein nicht mehr so junger Mann, der ebenfalls mit seinem Laptop beschäftigt war. Er sah gar nicht schlecht aus, wobei ich es mir nur am Rande notiert hatte. Wir haben einige Banalitäten getauscht, aus Höfflichkeit, das war’s. Ich hatte mich zwecks Privatsphäre am freien Sitzplatz am Fenster verschoben und schief dort gesessen, um den Bildschirm von neugierigen Blicken zu schützen. Ich mag es nicht, wenn Fremde zuschauen, was ich gerade am Rechner mache. Der Typ am Nachbartisch ist nach drei Stunden ausgestiegen, nachdem er sich verabschiedet hat. „Untypisch, diese Freundlichkeit“, habe ich noch gedacht. Und ihn aus meinen Gedanken gelöscht.

Ich habe mich kurz danach auf Facebook eingeloggt, um meine Mami zu informieren, dass ich unterwegs war. Groß war meine Überraschung, als ich dort eine Freundschaftseinladung gesehen habe. Facebook nutze ich erstmals sehr selten und zweitens nur für enge Freunde und die Familie, die weit weg von mir wohnt. Nicht mal meine Kollegen lasse ich ran, und mein Profil ist so eingeschränkt wie es geht. Nicht suchbar, außer von Freunden. Dem Profilfoto nach zu beurteilen, stammte die Freundschafteinladung vom Typ vorhin im Zug. Äußerst unangenehm. Namentlich vorgestellt hatte ich mich nicht, und ich hätte erwartet, dass man wenigstens um die Erlaubnis bittet, wenn man schon die ganze Zeit zusammen reist. Und überhaupt, wie war er an mein Profil gekommen? Ah ja… Meine Laptop-Tasche lag die ganze Zeit auf dem Sitzplatz neben mir, den ich am Gang reserviert hatte, weil der Zug angeblich voll war[2]. Ich habe schon so lange eine Visitenkarte in der dafür vorgesehenen Hülle der Tasche, dass ich gar nicht mehr daran denke. Die Tasche lag mit der Visitenkarte sichtbar. Und Facebook hat ja die Profiladresse so eingestellt, dass man mit vorname.nachname leicht zu finden ist. Daher hatte ich meine Adresse als vorname.nachname.nummer geändert. Echte Freunde sollten mich doch noch finden können. Tja. Hätte ich wenigstens meine Visitenkarten mit meinem Ehenamen aktualisieren lassen…

[1] Mehr als eine Stunde wird es nie. Sonst müssen sie deutlich mehr Geld zurück erstatten.

[2] Pustekuchen. So leer habe ich einen Zug selten erlebt. Schön. Es ist auch angenehm kühl hier drin. Die Internetverbindung vom HotSpot der Telekom ist leider nicht so stabil, wie man es sich für 5€ wünschen würde.

Unterwegs

Ich bin für eine Woche auf Dienstreise. Es war schon lange geplant, obwohl ich nicht besonders Lust darauf hatte. Es war mal im Gespräch, dass Pawel und ich an dieser Konferenz teilnehmen. Am Ende bin ich die Einzige in der Gruppe, die hinfährt. Und diesmal halte ich nicht mal einen Vortrag. Nur ein Poster wurde angenommen. Ich bin enttäuscht. Es ist weniger Arbeitsaufwand, aber man verbreitet seine Ergebnisse nicht so effektiv. Vorträge sehe ich auch als Werbung für mich, wenn ich mich wegbewerben will. Ich nehme an, ich habe schon zu häufig über meine Arbeit bei Konferenzen geredet. Jetzt sind andere dran. Bei tausend Teilnehmern ist es klar, dass nicht jeder einen Vortrag bekommt. Kate hätte sich gefreut. Sie hasst es, Vorträge halten zu müssen.

Mein Mangel an Begeisterung für diese Konferenz hat dazu geführt, dass ich mich ziemlich spät um die Organisation meiner Reise gekümmert habe. Zug und Hotel erst am Montag gebucht. Ich hatte Glück und konnte noch ein preiswertes Hotel finden. Na ja, ziemlich teuer eigentlich, aber für das Land ist es preiswert. Die Finanzabteilung hat es genehmigt. Mit den Bahnkarten war es nicht optimal. Vor einigen Monaten hätte ich Fahrkarten für 25€ bekommen können. Jetzt nicht mehr, es ist trotzdem immer noch billiger als fliegen, also habe ich gebucht. Es dauert länger, ist aber umweltfreundlicher. Das hört man mindestens immer wieder. Der Zug ist direkt und der Bahnhof nah am Hotel. Direkt ist gut. Ich habe schlechte Erfahrungen mit Verspätungen mit der Bahn gemacht. Ein oder zweimal im Jahr kann ich ja Bahn fahren. Die Sitzplatzreservierung habe ich nur gestern am sehr späten Abend gemacht. Fast hätte ich es vergessen. Sitzplätze am Tisch und am Fenster gab es nicht mehr. Ich habe einen am Tisch am Gang ergattert. Hauptsache am Tisch.

Heute Morgen hat mich der Ehemann zum Bahnhof begleitet. Ich musste nur zum Bahnhof Südkreuz, also nicht weit von zuhause. Wir sind trotzdem sehr früh angekommen. Ich will immer eine halbe Stunde vor Abreise am Bahnhof sein, wenn ich weit weg muss. Das war gut so. Als der Zug angekündigt wurde, hieß es, er wäre gestrichen. Das hat mich schon ganz schön genervt. Bei der Sitzplatzreservierung heute Nacht kurz vor eins war noch keine Rede davon. Wir sind zur Information der Bahn gegangen, und der Mann am Schalter sagte, wir sollten mit einem RE Zug, der zehn Minuten vor dem ursprünglich geplanten ICE fuhr, zum Hauptbahnhof und dort in den ICE einsteigen. Er würde auf den RE warten. Also los. Den Hauptbahnhof mag ich nicht. Er ist mir zu groß. Wir mussten heute von der tiefsten Ebene zu den Gleisen ganz nach oben gehen. Dort haben wir erfahren, dass der Zug eine Viertelstunde Verspätung hatte. So war es also. Der ICE hatte schon vor dem Start eine so lange Verspätung, dass der Halt in Südkreuz gestrichen wurde.

Als der Zug angezeigt wurde, war die erste Klasse bei den Abschnitten E-F angekündigt. Mein Wagen sollte im Abschnitt B sein. Wir haben dort gewartet. Es war angenehm, es waren nur sehr wenige Leute dort. Wahrscheinlich alle blauäugig wie ich, die den Durchsagen der Bahn blind vertrauen. Es kam genau andersrum. Die erste Klasse bei A-B, mein Wagen auf der ganz anderen Seite. Chaos auf dem Gleis, als die Reisenden quer durcheinander versuchten, zu ihren Wagen zu gelangen. Wir sind nur so lange gelaufen, bis die Menschendichte deutlich geringer wurde. Ich bin mitten im Zug eingestiegen. Sonst hätte es passieren können, dass ich bis zu meinem Wagen gegangen wäre, um den Zug ohne mich weg fahren zu sehen. Drin war es natürlich chaotisch. Stau in den engen Fluren. Ich habe den Ehemann noch neben dem Zug gesehen, als wir los gefahren sind. Ich hätte den Zug verpasst, wenn ich versucht hätte, am Gleis zu meinem Wagen zu kommen. Zehn Minuten nach Abfahrt bin ich zu meinem Sitzplatz angekommen. Der Wagen war fast leer. Alle Tische frei. Meine Reservierung war oberhalb von meinem Platz nicht vermerkt. Bei allen Sitzplätzen sind eigentlich bis kurz vom Ziel keine Reservierungen vermerkt. Vermutlich auch eine Panne.

Der beste Moment des Tages

Der Tag war zäh. Zu viel gleichzeitig zu tun, zu wenig geschafft. Ich musste ganz früh zur Arbeit, um Messgäste zu empfangen und in die Nutzung unserer Geräte einzuweisen. Danach musste ich wieder an unserer Webseite arbeiten. Mein DFG-Antrag muss umstrukturiert werden. Und mein Poster für eine Konferenz musste gedruckt werden.

Das Poster war schon gestern Abend fertig. Winfried hat seinen Segen gegeben. Ich wollte es heute Morgen auf Stick kopieren und nach der Mittagspause auf dem Rückweg in die Druckerei bringen. Ich bin nicht dazu gekommen. Also habe ich danach im Büro die Dateien auf dem Stick kopiert, nachdem ich mir den armen linken Arm halb verrenken musste, um den Stick hinter dem Bildschirm vom Mac zu stecken (in der rechten Hand halte ich dabei immer einen Spiegel, um sehen zu können, wo der USB-Anschluss steht).

Am frühen Nachmittag bin ich zur Druckerei gegangen. Sie steht nur im Gebäude auf der anderen Seite der Straße. Das Poster konnte nicht sofort gedruckt werden, was ich eh nicht erwartet hatte, aber in einer halben Stunde konnte ich es schon abholen. Nun, neben der Druckerei ist auch ein Café, in dem ich ab und zu gerne meine Mittagspause verbringe. Gegessen hatte ich schon, aber wie wär’s mit einem Eiskaffee? Es war so richtig schön warm geworden…

Das große Glas mit hübscher Schlagsahne-Haube habe ich mir ins Büro mitgenommen. Neidische Blicke von den rauchenden Kollegen vor der Tür des Gebäudes. Ich habe die halbe Stunde gearbeitet und dabei am Eiskaffee geschlürft. So lecker. Dafür hat sich der Tag gelohnt. Und das beste ist, es hat sehr gut in meinem Ernährungstagebuch gepasst. Ich habe heute wieder ein Kaloriendefizit geschafft.

Der zweite beste Moment des Tages war, als wir mit dem Ehemann nach der Arbeit zum Irish Pub gegangen sind. Ich hatte ein weißes enges Kleid an, das vor einigen Wochen noch ein bisschen spannte, und jetzt deutlich breiter geworden ist. Die zwei Frauen, die am Tisch neben uns saßen, haben aufgehört zu reden und mich nur noch bösartig geguckt, als wir uns hin gesessen haben. Das nehme ich als Kompliment an.

Salat mit Petersilie und Tomaten

Wenn nicht anders vermerkt, sind meine Salate als „Abendbrot“ gedacht. Wenn ich „für 2 Personen“ schreibe, dann ist man danach satt. Eventuell geht noch ein Stückchen Käse mit Brot. Dieser Salat ist als kleine Vorspeise gemacht worden.

Beim Betrachten des Ergebnisses habe ich gedacht, es wäre mit einer dünn geschnittenen roten Paprika anstatt Tomaten bestimmt sehr lecker. Das muss ich beim nächsten Mal probieren.

Die Zutaten (für 2 Personen)

  • 1 Esslöffel Olivenöl
  • Saft einer halben Zitrone
  • 2 Prisen Salz
  • Pfeffer
  • 1 Schalotte
  • 20 g Petersilie
  • 7 Cocktail-Tomaten (120 g)

Die Zubereitung

  • In einer Schüssel, Olivenöl, Zitronensaft, Salz und Pfeffer als Dressing zusammen rühren.
  • Die Schalotte ganz fein schneiden (in Brunoise) und zum Dressing hinzufügen. Zehn Minuten ziehen lassen.
  • In der Zeit, Petersilienblätter aus den Stielen zupfen.
  • Tomaten ganz klein schneiden und mit der Petersilie in die Schüssel rühren. Fertig.

Es war schon wieder so schnell gegessen, dass ich nicht daran gedacht habe, ein Foto zu machen. Ich hatte zu großen Hunger. Dazu haben wir uns eine Stulle geschmiert.

Nährwertangaben

pro 100 g pro Portion fürs Rezept
Energie (kcal) 90 85,5 171
Eiweiß (g) 1,3 1,3 2,5
Kohlenhydrate (g) 3,1 3 5,9
davon Zucker (g) 2,6 2,5 5
Fett (g) 7,5 7,1 14,2
Ballaststoffe (g) 1,5 1,4 2,8

Diät-Geschichten

Meine erste Diät habe ich mit neun Jahren gemacht. Meine Eltern fanden es damals niedlich, wenn Kinder pummelig sind, und hatten sich nie Sorgen darüber gemacht, dass es schädlich sein könnte. Jemand in der Grundschule hatte Alarm geschlagen und meiner Mutter gesagt, ich müsste abnehmen. Mir war es egal. Ich interessierte mich damals kaum für mein Aussehen, und ich hatte mich nie als dick identifiziert. Obwohl ich es war. Auf alten Fotos merkt man es nicht unbedingt, es hatte nichts mit der heute verbreiteten Adipositas zu tun. Ich bin einen ganzen Sommer auf Diät gehalten worden, was mich auch nicht sonderlich gestört hatte, und bin dünn geworden und erstmals so geblieben.

In der Oberstufe habe ich Bekanntschaft mit einer magersüchtigen jungen Frau gemacht. Wir hatten uns im Internat ein Zimmer geteilt. Sie wog damals 47 Kilogramme, war aber nicht viel kleiner als ich. Wenn sie nur 1,65 Meter groß war, was ich nicht glaube, dann entsprach das einem BMI-Wert von 16,9. Sie fand sich zu fett und hatte uns als Beweis immer ihre Oberschenkel gepresst, um ihre „Fettpolster“ zu zeigen. Die hatte man kaum gesehen. Egal, was wir ihr sagen konnten, sie glaubte es uns nicht und wollte weiter abnehmen. Sie hatte sich abends immer versteckt, statt mit uns in die Mensa essen zu gehen. Mittwochnachmittags[1] war der einzige Moment, an dem sie sich gehen ließ. Sie kaufte sich jede Woche eine Tafel weißer Schokolade mit Kokos von Milka, und aß sie genüsslich. Ich habe mitgemacht. Was soll’s, ich war ja dünn. Ich habe zugenommen.

Die weiße Schokolade mit Kokos fand ich so lecker, dass sie zu einer Sucht geworden ist. Zugegeben, die wöchentliche Schokoladentafel war nicht alleine schuld. Marc hatte mich am Wochenende immer wieder zur Pizzeria geschleppt, das hat auch nicht geholfen. Im ersten Studium-Jahr habe ich dann eine radikale Diät machen müssen. Ich hatte die 80 Kilogramme erreicht, was für mich eine enorme Zahl war. So wollte ich nicht bleiben. Ich habe also jeden Tag nur einen Apfel und ein Snickers gegessen. Das war nicht gerade gesund. Relativ viel Zucker. Mit dem öffentlich gegessenen Snickers wollte ich meiner Umgebung verheimlichen, dass ich auf Diät war. Am Wochenende bei meinen Eltern musste ich normal essen, um nicht aufzufallen. Ich habe innerhalb zweier Monate auf der Art über zehn Kilogramme abgenommen.

Ich habe danach mein Gewicht gut halten können, regelmäßig Sport getrieben, und wog am Ende der Diplomarbeit sogar nur noch 58 Kilogramme[2]. Dann bin ich für meine Doktorarbeit nach Deutschland gekommen. Ich bin mit den neuen Kollegen täglich mittags auswärts essen gegangen. Mit meinem halben BAT IIa Gehalt hatte ich so viel Geld wie noch nie verdient und konnte es mir gut leisten[3]. Im ersten Jahr ging ich noch abends zur Volkshochschule, um Deutsch zu lernen, und habe nach den Kursen mit den dort kennengelernten Italienern, die als Gruppe in einer Firma arbeiteten, viele Restaurants besucht. Ich bin dreimal die Woche schwimmen gegangen, trotzdem habe ich dauerhaft zugenommen. Kein Wunder. Es war aber nicht so viel, dass ich mir Sorgen gemacht hatte. Ich fand es nur schade, mein Gewicht von der Zeit vor Deutschland nicht mehr zu haben.

Vor etwa neun Jahren habe ich gemerkt, dass mein Gewicht wieder zu hoch war, und habe beschlossen, etwas dagegen zu unternehmen. Diesmal ohne Diät. Ich habe viel Sport gemacht. Zuerst Jogging mit einigen Arbeitskollegen. Danach Bauchtanzkurse und Fitness-Studio. Fast täglich habe ich Sport getrieben. Das hat geklappt, und hat viel Spaß gemacht. Bis ich Probleme mit dem Ischias bekommen habe und schlagartig mit Sport aufhören musste. Dann ging dank des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes mein Arbeitsvertrag zu Ende, und ich bin arbeitslos geworden. Ich habe viele Bewerbungen geschrieben. In der Zeit habe ich mit dem Bloggen angefangen, um den Frust los zu werden. Sport habe ich nicht getrieben, obwohl meine Rückenprobleme weniger geworden sind. Es wäre Zeit gewesen, die ich nicht in Arbeitssuche gesteckt hätte.

Als ich für meine neue Stelle nach Berlin umgezogen bin, sind die Kilogramme wie von alleine runter gepurzelt. Ich bin täglich mit dem Fahrrad zur Arbeit gefahren. Ich habe einen Vertrag in einem Fitness-Studio abgeschlossen, und bin bis dreimal pro Woche tatsächlich hin gegangen. Es lag bequem auf dem Weg nach Hause. Und ich war ganz stolz, ein halbes Jahr danach die 70er Grenze geknackt zu haben. Meine Mami, die nach Weihnachten zu Besuch gekommen war, meinte, ich würde toll aussehen.

Dann bin ich mit dem zukünftigen Ehemann zusammen gekommen. Ich bin nicht mehr so häufig ins Fitness-Studio gegangen. Dafür habe ich längere Strecken mit dem Fahrrad gemacht, um zu ihm zu fahren. Wir sind häufiger essen gegangen. Nach zehn Monaten sind wir zusammen gezogen, und wohnen jetzt so weit weg von meiner Arbeit, dass jeden Tag Fahrradfahren nicht mehr geht. Er hat auch noch die Angewohnheit, abends viel Süßkram zu essen. Ich kann nicht immer nein sagen. Schleichend sind die Kilogramme zurück gekommen.

Jetzt wird es sich aber ändern. Der Ehemann darf seine Süßigkeiten gerne weiter essen, aber nicht vor meiner Nase. Obwohl das noch ginge. Was er nicht darf ist, mich jedes Mal zu fragen, ob ich auch etwas will. Es dauert, aber er gewöhnt sich dran. Heute hat er mir sogar ganz lieb leckere Naturjoghurte aus dem Supermarkt mitgebracht. Andechser Natur, Bio-Joghurt griechischer Art. Mit 0,2 Gramm Fett pro 100 g, den 3,5 g Zucker, die natürlich aus der Milch kommen, und satte 10 g Eiweiß. Wahnsinn. Ich habe mein neues Lieblingsjoghurt gefunden. Und steuere langsam aber sicher zurück unterhalb der 70er Grenze.

[1] In Frankreich hatten wir Ganztagsschule. Von halb neun bis halb sechs, mit einer Stunde Mittagspause. Die ganze Woche, und Samstagvormittags dazu. Nur Mittwochnachmittags gab es keinen Unterricht. Da hatten wir unsere Hobbys getrieben, oder sind ins Kino gegangen. Nur die, die die Erlaubnis in Form eines unterschriebenen Briefes von den Eltern bekommen hatten, durften an dem Tag das Internat verlassen. Die Anderen sind im Gymnasium geblieben.

[2] Ich habe am Ende des Jahres zum ersten Mal Blut gespendet. Das rote Kreuz hatte eine Aktion an der Uni veranstaltet. Tage später erhielt ich die Nachricht, dass mein Blut nicht benutzt werden konnte, weil ich massiv unter Anämie litt. Das war mir nicht aufgefallen. Ich dachte, die Müdigkeit käme von der ganzen Paukerei.

[3] Die Einführung vom Euro hat einiges geändert. Plötzlich wurde essen gehen zu teuer. Wir haben uns am Institut Brötchen selbst geschmiert.