Geht’s noch dreister?

Ich bin mal wieder richtig sauer auf Mr Keen.

Er hat viele Charakterzüge, die mich nerven. Irgendwie scheinen meine Kollegen das alles nicht zu sehen.

  • Er ist ein Heuchler. Nicht nur, dass er bei seinem Vorstellungsgespräch so lächerlich betont hatte, wie toll es wäre, befristet zu arbeiten. In seinem Alter ist es nicht mehr glaubwürdig. Auch nicht, weil er so offensichtlich von einer Dauerstelle in der Gruppe schwärmt.
  • Er überschätzt seine Leistung und redet die seiner Kollegen klein. Er muss sich ja zur Verwirklichung seiner Fantasie als Gruppenleiter selber helfen. Das ist keine Unterstellung, er hatte ein paar Ausrutscher während Gespräche über die Nachfolge von Uschi.
  • Seine von ihm gerne proklamierte Hilfsbereitschaft, hinter der nichts steckt, wenn es mit Aufwand verbunden ist, habe ich schon erwähnt. Wenn er etwas für jemanden macht, dann mit Kalkül. So kommt es mir vor.
  • Er ist geizig. Zum Beispiel im ÖPNV. Ist es nicht schon spät genug, um mit einem von uns Abo-Besitzer umsonst fahren zu können? Nein? Seufzer, dann muss er eine seiner Einzelfahrkarten benutzen… Noch mal Seufzer… Über jeden Cent muss er diskutieren. Bei E13.
  • Beschwerlich seufzen kann er gut. Und jammern. Wie wenn es darum geht, Samstags arbeiten zu müssen. Stimmt, die Geschichte gab’s. Wenigstens sagt er jetzt Winfried gegenüber ganz offen, dass er kein Bock dazu hat. In einem sehr affirmativen Ton. Er will Stärke zeigen. Ja, aber… Motivation und Arbeitsbegeisterung sehen anders aus. Ich glaube, was ihn am Chef-werden so reizt, ist die Vorstellung, andere an blöden Zeiten arbeiten zu lassen, während man Däumchen dreht und wichtig tut.
  • Über Kollegen lästern ist auch eine seiner Stärke. Irgendwo muss es ihm bewusst sein, dass er der Loser-Typ ist, und er will es sich nicht anmerken lassen, indem er versucht, andere lächerlich zu machen. So ein Verhalten schießt aber meistens nach hinten.

Ähm. So einen Roman wollte ich eigentlich nicht anfangen. Ich habe mich wohl gehen lassen. Dabei kann er noch schlimmer, wie ich vor Kurzem erfahren habe, und das wollte ich jetzt erzählen.

Wir haben letzte Woche einen Kurs organisiert. Drei Tage lange ging es. Ich habe mich während der Vorträge um die Lichttechnik im Hörsaal gekümmert. Ich habe auch zwei praktische Teile betreut, jeweils fünf Stunden am Stück. Mr Keen hatte am Anfang eine halbstündige Vorlesung gehalten. Eine abgespeckte Version seiner Vorlesung von vor zwei Wochen. Bei den Vorträgen haben wir alle im Hörsaal gesessen, weil wir auf die Vorlesungen der eingeladenen Dozenten gespannt waren. Bei Mr Keen nicht so, es ist uns allen vertraut. Trotzdem sind wir geblieben. Kate hatte zwischendurch einen wichtigen Telefon-Termin und ist nur am Ende von seinem Vortrag zur Hörsaal zurück gekommen. Ich hätte es schon vergessen, wenn sie es mir nicht gesagt hätte.

Als ich am letzten Tag fertig war, habe ich sie alleine in ihrem Büro getroffen. Sie meinte, sie hätte etwas ganz schlimmes gemacht. Ich war verblüfft, und dann meinte sie, sie hätte den Vortrag von Mr Keen verpasst, weil sie diesen Termin mit ihrem Arbeitgeber hatte. Ich habe ihr gesagt, so schlimm war es nicht, der Vortrag war für die Teilnehmer bestimmt, nicht für uns. Nein, meinte sie, Mr Keen hätte es ihr voll übel genommen und hätte sie seitdem ignoriert. Sie hätte ihn nach dem Grund für sein Verhalten gefragt, und er hätte sie fertig gemacht.

Dazu muss ich erklären, dass Kate in einer Tanztruppe hobbymäßig involviert ist. Mr Keen hatte uns mal vorgeschlagen, sie bei Auftritten im Publikum zu überraschen. Ich habe es gerne mitgemacht und Mr Keen außerhalb der Arbeit ausgehalten, um ihr eine Freude zu machen. Ich hätte nie geträumt, dass Mr Keen dafür von ihr eine Gegenleistung erwarten würde, aber genau das hat er ihr ins Gesicht geworfen. Wir wären zu ihren Auftritten gewesen und hätten sogar gutmütig schwein viel Geld (13€) dafür bezahlt, wie konnte sie es wagen, an seinem super wichtigen Vortrag abwesend zu sein? Mir ist der Kiefer runter gegangen, als sie das erzählte und anfing zu schluchzen. Der Typ hat echt einen Knall. Er scheint sich wohl für ihren Chef zu halten, obwohl sie eigentlich von einer anderen Gruppe für ihre Arbeit bei uns eingestellt ist. Und überhaupt, er ist erst ein Jahr nach ihr zu unserer Gruppe gekommen, wie kommt er drauf, sie als Unterstellte zu behandeln? Dabei hatte sie ihn noch gerne, aus einem mir schleierhaften Grund. Ich hoffe, dass es ihr die Augen über seinen Charakter geöffnet hat.

Dass er so krass sein könnte, hätte ich nicht für möglich gehalten. Ich habe ihn wohl noch überschätzt.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Werbeanzeigen

Schlaflose Nacht

Das letzte Mal war drei Wochen her. Nach dem Laufen gestern hätte ich es nicht erwartet.

Wir sind früh ins Bett gegangen. Zu früh für mich, aber Martin ist die ganze Woche dienstlich unterwegs und musste um vier aufstehen, um zum Flughafen zu fahren. Ab zehn Uhr abends habe ich Druck gemacht, damit er ins Bett kommt. Das Spiel war eh vor der ersten Halbzeit entschieden, und hat meinen Traum nach einem Sieg für Island vernichtet. Kurz nach elf war er im Bett. Ich lag schon seit zehn und habe gelesen.

Der Schlaf ist nicht gekommen. Stressgedanke hatte ich eigentlich nicht, aber ich habe doch gemerkt, dass ich im Kieferbereich ziemlich angespannt war. Unbequem war es mir im Bett nicht, zu kalt oder zu warm auch nicht. Ich hatte am Abend nicht zu viel gegessen und gar nichts Süßes gehabt. Ein kleines Glas Rotwein hatte ich mir gegönnt. Kein Kaffee, den Fehler macht ich schon lange nicht mehr. Zumindest wissentlich. Es kann ein Mangel an Magnesium gewesen sein.

So komisch wie es nach dem langen Laufen klingt, ich war einfach nicht müde genug. Ich habe versucht, mich die ganze Nacht nicht zu häufig und zu heftig zu wälzen, weil Martin so früh aufstehen musste. Er hat auch nicht gut geschlafen. Ich habe mehrmals mitbekommen, wie er kurz aufgewacht ist. Geschnarcht hat er nicht mal. Hätten wir doch Sex gehabt… Ich weiß, dass er gut zwei Stunden Schlaf pro Nacht mehr als ich benötigt und wollte ihm die Nacht nicht kürzer als nötig machen.

Er war noch vor dem Wecker wach und ist aufgestanden. Jetzt ist es hell, selbst im Schlafzimmer, wo wir dunkle Jalousien haben. Die Vögel singen lauthals. Und ich bin immer noch nicht müde genug, um zu schlafen. Für heute heißt es also: Keine morgendliche Temperatur messen, der Wert wird nicht zuverlässig sein. Ich habe sowieso schon den Eisprung gesehen. Und kein Fahrrad fahren. Es ist mir zu gefährlich, wenn mir eine ganze Nacht Schlaf fehlt. Ich weiß auch, dass es mich im Laufe des Tages einholen wird. Die Arbeit wird hart.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.