Es geht nicht weiter

Chipie

So schnell ging das. Ich habe heute ganz früh die Arbeit verlassen. Zu Hause angekommen, habe ich die Mieze in ihre Tasche gepackt. Sie war zu schwach und hat keinen Widerstand geleistet. Gegessen hatte sie gar nichts. Sie musste für die Untersuchung nüchtern sein, weil sie wieder eine Narkose bekommen musste. Ich dachte, wir würden länger brauchen, um fertig zu sein.

Da es zu früh war, sind wir zu Fuß zur nächsten Bushaltestelle gegangen. Also, ich bin gegangen und habe ihre Tasche getragen, sie hat durch die Löcher der Tasche um sich herum geschaut und die Luft geschuppert. So schön war es nicht, weil wir entlang einer viel befahrenen Straße gegangen sind. Die laute Autos haben sie erschreckt. Im Nachhinein denke ich, ich hätte besser den ruhigen Weg hinter dem Haus entlang gehen sollen, und mit der S-Bahn statt mit dem Bus fahren sollen. Wir sind wieder von einem älteren Paar an der Haltestelle angequatscht worden, und mir war es echt nicht danach, Small-Talk zu leisten. Die Ergebnisse von gestern waren nicht gut.

Wir waren noch zu früh bei der Praxis. Die Tierärztin, die die Ultraschall-Untersuchung machen musste, war verspätet. Die Mieze war genervt, wieder so lange in ihrer Tasche bleiben zu müssen. Wir sind eine Stunde im Warteraum geblieben. Sie hat ihre Narkose bekommen, und wir haben sie zu einem anderen Behandlungsraum gebracht. Wir haben nicht so lange gewartet wie gestern, und sie hat noch gefaucht und gegrollt, als sie aus ihrer Tasche geholt wurde. Aber sonst konnte sie sich nicht mehr wehren, die Assistentin hat ihre dicke Schutzhandschuhe doch nicht gebraucht.

Ihr Bauch ist rasiert worden. Ein beeindruckender Anblick, bei ihrer Haarlänge. Sie hat einen Gel auf der Haut bekommen, sich leicht darüber beschwert, und die Tierärztin hat die Untersuchung begonnen. Ich habe auf ihrem Bildschirm geschaut, aber ich konnte gar nichts davon verstehen. Am Ende hat sie mir gesagt, dass es sich um einen Tumor handelte. Ein enormer Tumor, knapp 5 mal 8 cm groß, am Anfang vom Darm, und in Kontakt mit anderen vitalen Organen. Operieren oder irgendwie sonst handeln konnte man den schon nicht mehr.

Ich hatte es geahnt, aber gehofft, dass es doch nicht so schlimm wäre. Die Masse auf dem Röntgenbild gestern war doch riesig, und die Ärztin hat nur bestätigt, was ich befürchtet hatte. Und so richtig gut vorbereitet war ich doch nicht, weil ich zusammengebrochen bin. Die Tierärztin und ihre Assistentin haben mich zum Warteraum mit meiner Mieze geschickt, bis der Tierarzt von gestern mit mir sprechen konnte. Der Tumor muss schon lange da gewesen sein. Sie hat sich nichts anmerken lassen, und als die Symptome erschienen sind, war es schon zu spät.

Es war klar, dass ihr Krebs so fortgeschritten war, dass nichts mehr zu machen ist. Es war klar, dass es ihr nur noch schlechter gehen könnte. Nur zuzuschauen, wie sie vor sich hin leidet, wäre einfach blöd gewesen. Als sie gestern Abend auf ihrem Lieblichsteppich ruhig lag, hat sie immer wieder kleine Miau von sich gegeben. Ich bin geblieben, als er ihr die letale Injektion verabreicht hat. Sie war noch unter Narkose und hat nichts mitbekommen, hoffe ich. Ich habe gesehen, wie ihr kleiner Kopf zwischen ihren Pfoten gesackt ist. Es ging so schnell.

Ihr Körper bleibt erstmal in der Praxis. Ich muss überlegen, was aus ihr wird. Gläubig bin ich nicht, dass ich viel Wert auf eine Beerdigung lege, aber die Vorstellung, sie einfach lieblos zu entsorgen, ist mir zu grausam. Ich bin zurück nach Hause mit ihrer leeren Tasche und ihrer Pflüschente gegangen. Sehr langsam. Die kleine Pflüschente hatte ihr meine Mami als Spielzeug geschenkt, als sie noch ein Kätzchen war, und sie hat sie immer noch so gerne überall mit sich herum geschleppt.

Als ich unten die Haustür geöffnet habe, habe ich mich dabei ertappt, wie ich gelauscht habe, ob sie dabei war, an die Wohnungstür ganz oben zu kratzen. Ich habe ihre Tasche im Flur gelassen. Ihre Ente ist noch drin. In der Küche ist ihr leerer Napf am Boden neben dem Kühlschrank. Ihr Lieblingsteppich ist noch voller Haare, aber ich habe ihn nicht staubsaugen wollen. In einer Ecke steht ihr neuer Transportkäfig, den wir am Samstagnachmittag besorgt haben, weil die Tierärztin meinte, es wäre viel besser als die Tasche, aus der sie entkommen könnte (was ich nicht für möglich gehalten habe). Ich habe die Tasche weiter benutzt, weil sie Zeit braucht, um sich an neue Gegenstände zu gewöhnen. Sie ist noch nicht mal drin gewesen.

Die Wohnung ist verdammt leer. Martin kommt erst morgen Abend zurück.

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6 Gedanken zu “Es geht nicht weiter

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