Wie konnte ich so blöd sein

Ich habe mich in letzter Zeit völlig überarbeitet. Das ist eigentlich ein Dauerzustand, seit Dezember. Ich bin dienstlich rumgereist wie noch nie, habe viel dafür gearbeitet, und musste nebenbei meinen üblichen Tätigkeiten nachgehen — Programmierung, Nutzerbetreuung, Rufbereitschaft, eigene wissenschaftliche Projekte voran treiben… Ich habe ab und zu vereinzelt Tage frei genommen, aber es war nicht so erholsam.

Zwischendurch gab es ein Marathon-Wochenende bei meiner Mami in Südfrankreich, da wir den ganzen Papierkramm für die Hochzeit persönlich abgeben mussten — die Hochzeit wird dort stattfinden. Freitagabend weg geflogen, Mietwagen in Nizza geholt (und dafür Dreiviertelstunde in einer super langen Schlange bei Hertz mit nur zwei Mitarbeitern gestanden), um zwei Uhr morgens bei meiner Mami angekommen. Am Samstagvormittag im Rathaus, Friseurin und Kosmetikerin besucht, Details für die Feier diskutiert. Mein Bruder und seine Freundin sind auch zu meiner Mami gekommen, um die Gelegenheit zu nutzen, uns wieder zu sehen. Am Sonntagabend waren wir wieder in Berlin.

Direkt danach hatte ich Rufbereitschaft. Letzte Woche. Ich bin fast jeden Abend angerufen worden. Einmal musste ich sogar von zu Hause aus zurück zur Arbeit fahren, weil es eine Hardware-Kollision gab. Ich konnte das Problem beheben. Als ich dann fast wieder zu Hause war und vor der Haustür stand, haben die Nutzer wieder angerufen. Es roch nach gebrannten Kabeln. Darum haben sich Techniker vor Ort gekümmert. Von der elektrischen Anlage habe ich zu wenig Ahnung, um selber etwas zu machen. Zum Glück konnte ich nachtsüber durchschlafen, die Probleme sind immer am Abend aufgetaucht. Ich habe aber lange Abende vor dem Rechner gesessen, um sie aus der Ferne zu lösen.

Am Samstag hatte ich Einsatz, und am Sonntag gab es unerwartete Messzeit, die ich nutzen konnte. Messzeit ist bei uns so knapp geworden. Ein von unseren Geräten ist seit mehreren Monaten in Wartung, und unsere Nutzer haben Vorrang. Ich habe am Sonntag die Gelegenheit genutzt und selber Experimente gemacht. Den ganzen Tag. Ich bin nicht fertig geworden, und für morgen war ein Gerät noch frei, also habe ich es gebucht.

Am Montag bin ich extrem früh aufgewacht, weil ich einen Zug um sieben Uhr morgens nehmen musste, um zu einer Tagung zu fahren. Da Pawel und Winfried mitgefahren sind, hatte ich letzte Woche angekündigt, morgen die Nutzerbetreuung zu übernehmen. Meine verbleibenden Kollegen sollten nicht unnötig überlastet werden. Vor allem Kate, die auch viel um die Ohren hat. Da ich morgen wieder Experimente mache, passte es wunderbar. Winfried hatte noch vorher kommentiert, dass Mr Keen halt zwei Mal diese Woche dran sein musste, weil er schon für Samstag geplant war. Ich habe mich also noch am Sonntagabend in der wöchentlichen Tabelle für morgen eingetragen. Dachte ich. Ich habe mich aber um eine Zeile vertan und für Samstag eingetragen. Das habe ich erst heute gemerkt.

Ich habe am Montagabend versucht, das Protokoll von unserem wöchentlichen Meeting zu lesen, um zu schauen, ob ich tatsächlich morgen Nutzerbetreuung mache. Es hätte sein können, dass die Kollegen es sich anders überlegt hätten. Obwohl ich normalerweise von überall aus darauf Zugriff habe, konnte ich am Montag das Protokoll nicht lesen. Die Seite konnte nicht geladen werden. Am Dienstag und gestern auch nicht. Als ich heute nachmittag im Zug saß, habe ich eine Email von unserer IT-Kollegin gelesen, die sagte, dass das Protokoll wieder zugänglich wäre. Ich habe also die Seite geladen und erst dann mein Fehler gemerkt.

Samstageinsätze werden eigentlich ganz klar Wochen im Vorraus verteilt, und Mr Keen war für übermorgen geplant. Und nicht in der wöchentlichen Tabelle, sondern in einem dafür vorgesehenen Kalender. In der wöchentlichen Tabelle steht jetzt Kate für morgen. Am Dienstag war sie schon dran. Im Kalender ist der Einsatz von Samstag schon auf meinem Namen geändert worden. Ich habe Winfried und Mr Keen eine Email geschrieben, um die Sache zu klären. Winfried hat gleich geantwortet, dass er es am Samstag nicht machen konnte, was ich auch nicht von ihm erwartet hatte, da Mr Keen eigentlich geplant war. Er hat explizit in seiner Antwort auf Mr Keen hingewiesen, der keine Antwort von sich gegeben hat.

Ich habe Mr Keen angerufen. Und die Art, wie er sich verweigert hat, am Samstag zu arbeiten, obwohl er schon lange dafür vorgesehen war, hat mich total sauer gemacht. Er war am Montag für das Meeting zuständig, weil Winfried und ich nicht anwesend waren. Der Arsch ist gerade von einem langen Urlauch zurück gekommen, und hat die schon überlastete Kate diese Woche zweimal bei der Nutzerbetreuung eingetragen, obwohl ich Kate über meine Absicht informiert hatte. Er war einfach zu froh darüber, so eine gute Ausrede zu haben, um sich vor seiner Arbeit zu drücken. Er hat jeden Argument vehement abgestritten, und meinte, er wäre überzeugt gewesen, dass ich wirklich zweimal hintereinander freiwillig meinen Samstag opfern wollte. Der „Arme“ ist diese Woche so häufig bei der Rufbereitschaft angerufen worden, dass er am Samstag nicht arbeiten will. Dabei sind wir alle in Rufbereitschaftswochen für Samstageinsätze geplant, genau wie ich letzte Woche. Habe ich mich deswegen geweigert, meine Arbeit wahrzunehmen? Außerdem müssen wir bei Rufbereitschaftseinsätzen elektronische Formulare ausfüllen, und es gibt diese Woche noch keine von ihm zu lesen.

Damit bin ich also am Samstag vierzehn Tage pausenlos am Arbeiten gewesen. Ich schöre, ich werde es ihm nie vergessen. Vor allem, weil er letzte Woche schon den ganzen Sonntag für Rufbereitschaft geplant war, und mich gefragt hatte, ob ich erst am Abend mit ihm wechseln könnte. Er wollte nicht seinen Sonntag versauen. Ich blöde Kuh hatte nichts dagegen, weil ich selber für meine Experimente vor Ort war. Beim nächsten Mal schicke ich ihn zur Hölle.

Ein bisschen Trost habe ich dadurch, dass sein Verhalten von Winfried jetzt wirklich nicht übersehen werden kann. Ich habe schon lange gemerkt, dass er sich gerne vor den Chefs als arbeitswillig ausgibt, aber jede Gelegenheit nutzt, um seine Arbeit bei anderen zu verlagern. Er hat sich auch nicht für die Nachfolge von Uschi beworben, und das sagt mir, dass Winfried ihm gesagt hat, dass er sehr schlechte Aussichten dafür haben würde. Da bin ich beruhigt. Dass ich aufgrund vom Wissenschaftszeitvertragsgesetzt nicht drauf eingestellt werden kann, ist inzwischen auch klar. Aber es ist jetzt nicht mehr so schlimm.

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